Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 16

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Hechszeßntes Eapites
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Der soeben erzählte flüchtige Vorgang hatte so-
wohl den Prinzen als Konradine achtsam gemacht und
damit zur Vorsicht gemahnt. Der Prinz mußte sich
sagen, daß er in diesen ersten Wochen öfter als nöthig
in dem Hause der Gräfin erschienen sei, daß er seinem
Verlangen nach einem Verkehr mit den ihm bekannten
und zusagenden Frauen, zu viel nachgegeben habe. Aber
seine Dienstverhältnisse, die ihm namentlich zum An-
fang mannigfache Rücksicht und Arbeit auferlegten, und
sein persönliches Geschick boten ihm den besten Vor-
wand, sich, sobald ihm dieses nöthig dünkte, mehr als
bisher von der Gesellschaft zurückzuhalten, und es da-
durch unauffällig zu machen, wenn er sich auch bei
der Gräfin seltener zeigte.
Konradine wußte ihm für diese Rücksicht Dank.
Seinem und ihrem Gewissen, ihrem beiderseitigen
Schlcklichkeitsgefühle geschah damit Genüge. Die Gräfin
machte nicht die kleinste Bemerkung über das Fort-
bleiben des Prinzen, sie empfand es jedoch wieder
einmal, welch ein Glück es sei, wenn man es in schwie-
Fanny Lewald, Die Erlöserin. Ük.
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rigen Lebenslagen mit Personen von Erziehung zu thun
habe, die sich und die Verhältnisse zu achten wüßten.
Es war nach Außen Alles so ruhig und so glatt, als
man es nur wünschen konnte; im Innern aber glimmte
das Feuer still und heimlich fort.- Das Vermeiden
machte die Entbehrung deutlich, die Entbehrung fachte
die Sehnsucht an.
Der Prinz hatte sich in den Tagen seiner Ehe
daran gewöhnt, einen Theil seiner Abendstunden in
den Gemächern seiner kränkelnden Gattin zuzubringen.
Jezt, wo eine größere Arbeitslast und größere Ver-
antwortlichkeit auf ihn gelegt woygen waren, fehlte
ihm die Möglichkeit jenes Ausruhens in traulich ver-
ständnißvoller Unterhaltung, und die einsamen Abend-
stunden kamen ihm lang und traurig vor. An dem
Theetische der Gräfin, in Konradinens Gesellschaft,
hatte er die Lücke nicht empfunden, die Zeit war ihm
leicht und schnell genug vergangen. Die leeren Säle,
das neue Arbeitszimmer des weiten Palastes, den er
imne hatte, sprachen noch nicht zu ihm, sagten, bedeu-
teten ihm Nichts; und Zerstreuung in Gesellschaft
fremder Menschen aufzusuchen, fühlte er sich oftmals
nicht geneigt. Das Theater bot ihm also noch am
leichtesten, was er nöthig hatte. Er war dort nicht
allein, die Vorstellung zeg ihn von sich selber ab,
Niemand hatte Ansprüche an ihn zu machen, und in
eine Loge zu Personen seiner Bekanntschaft einzutreten,
war ihm unbenommen, wenn ihm die Laune kam, in
den Zwischenakten einige Minuten zu verplaudern.
Kaum Einen Abend ließ er vorübergehen, ohne das

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Theater für kürzere oder längere Jeit zu besuchen, denn
der Direktor, der vom Hofe unterstützt ward, hatte eine
Gesellschaft zusammengebracht, die sich für eine Pro-
vinzial-Hauptstadt wohl sehen lassen konnte. Der Land-
Adel hatte für den Winter einen Theil der Logen
inne, und auch die der Gräfin war selten unbesetzt.
Die Zeit der Gesellschaften neigte sich gegen das
Frühjahr ihuem Ende zu, die Tage wurden schon be-
trächtlich länger, den Abend allein zuzubringen war
nicht nach dem Sinne der Baronin. Es mußte immer
Etwas vorgenommen werden, wenn sie sich zufrieden
fühlen sollte, und da die Gräfin eine Freundin der
dramatischen Kunst war, zeigte das Theater sich den
beiden Frauen als das bequemste Auskunftsmittel.
Auch Konradine benuuzte die Loge jetzt öfter als in
des Winters Anfang. Sie sagte sich mit Recht, daß
ihr in Zukunft derartige Genüsse weniger erreichbar
sein würden, und wenn sie sich es ehrlich eingestand,
war es auch ihr jetzt lieb, über ein paar Stunden
ohne Selbstthätigkeit hinwegzukommen.
,Die Tage, die mich noch von Dir und unserer
Vereinigung trennen,' schrieb sie Emanuel, , kangen
an, mir lang zu werden. Was ich noch vorzubereiten,
abzuthun dachte, ehe ich die Stadt verlasse, das ist
besorgt und fertig. Neues zu unternehmen, hält eine
geheime Ungeduld mich ab. Es ist mir zu Muthe,
wie dem Reisenden am Ende seines Wanderns, wenn
die Thürme der Heimat ihm zu winken beginnen. Ich
möchte den Schritt, die Zeit beflügeln können, um an
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dem ersehnten Ziele zu rasten; und wie des Reisenden
in solchem Falle, bemächtigt sich meiner eine zwei-
felnde Ungewißheit, die ich eine abergläubische Furcht
benennen würde, wenn ich mich nicht schämte, mir
selbst und Dir eine solche Schwäche einzugestehen.
Meine Phantasie ist unruhig, meine Träume sind
lebhafter als je, und ängstigen mich oft mit bösen
Schreckensbildern. Die schlechten Wege in der Pro-
vinz und die wilden Pferde, welche Du reitest und
mit denen Du zu fahren liebst, spielen auch eine Rolle
in meinen Besorgnissen, und mein Wunsch, Dich
wiederzusehen, bei Dir zu sein, ist so lebhaft, daß ich
es Dir danken würde, wenn Du bald von Hause
aufbrechen und zu uns kommen könntest. Einer be-
stimmten Sorge würde ich stehen und die Stirne
bieten kömnen. Aber gegen die unbestimmte Unruhe
weiß ich mir keinen Rath. Da ich sie mit der Ver-
nunft nicht erklären kann, kann ich sie auch nicht fassen
und sie mit der Vernunft nicht niederkämpfen. Ich
zähle die Tage und zähle des Tages Stunden. Ich
frage mich bisweilen, worauf ich denn gerade an diesem
Tage warte, und finde, daß ich nach der Ühr gesehen
habe, um mich zu überzeugen, daß die Theaterstunde
noch nicht da ist. Und wenn wir Abends aus dem
Theater nach Hause kommen, ist meine Unruhe keines-
wegs verschwunden, und die Erinnerung an eine flüch-
tige Unterhaltung mit dem Prinzen, der gelegentlich
in unsere Loge eintritt, ist oft das Beste, was ich in
dem Theater für mich gewonnen habe. Ich glaube
in der That, des Prinzen neuliche Behauptung war

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sehr richtig. Man sollte
ersparen, man sollte sich
besonnenen Sinnes den
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sich
die Zeit des Brautstandes
sofort verbinden, wenn man
Entschluß gefaßt hat, es zu
thun. Mir wenigstens nimmt dies Warten und dies
Sehnen alle rechte Ruhe,
ob wir nicht mehr im
Bruders gehandelt haben
damals in der Schweiz
und ich frage mich oftmals:
Sinne Deines verstorbenen
würden, hätte ich Dir gleich
die Hand gereicht, mit Dir
gemeinsam Schloß Falkenhorst nach unserem Gefallen
eingerichtet und uns so die Trennung erspart, die ja
uch Dir schon allzu lange gewährt hat.
Sie war immer ruhig und in sich befriedigt, so
nnge sie an Emanuel schrieb. Sie sprach genau, wie
sie es fühlte, sie sagte ihm, was sie sich selber sagte,
Alles, womit sie sich selbst beruhigte, wenn die Angst
zu mächtig in ihr wurde, wenn sie ihre Unruhe nicht
bezähmen, die Stunde nicht erwarten konnte, in welcher
der Wagen sie nach dem Theater bringen, in dem sie
ihn sehen, den Prinzen sehen würde, wie er ihr gegen-
über in der Seitenloge saß, hinfräumend, in seine Ge-
danken versunken, bis ihre Blicke sich rasch begegneten,
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sich noch rascher zu meiden, und bis er, getrieben
feinem Wunsche sie zu sprechen, wenn auch nur
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aesen kurzen Unterredungen gepflogen wurde. Sie
galt nicht einmal Konradinen im Besonderen, sie war
zumeist an die Gräfin gerichtet, wenn der Prinz nicht,
was er nie vergaß, sich ausdrücklich bei Konradinen
ach Baron Emanuel erkundigte, oder sie scherzend

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fragte, wie lange der Baron ihm noch die Freude
gönnen werde, sie hier zu trefen und ihr seine Hul-
digung darzubringen.
Wie lange noch?- Das fragte sich auch Kon-
radine, wenn sie Abends die Tage zählte, welche bis
zur Ankunft ihres Bräutigams, bis zu ihrem Hoch-
zeitsmorgen, bis zu der Stunde noch zu verstreichen
hatten, in welcher sie Emanuel nach Schloß Falken-
horst zu folgen hatte. Ihr Verlangen, dort zu sein,
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dessen sanfter Ernst sich immer gleich blieb, dessen
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sichtig, wie kaum ein Anderer, wuchs immer mehr
und mehr. Sie konnte es sich nicht versagen, ihm
das täglich auszusprechen. Der Ton ihrer Briefe
wurde immer wärmer, die Ausdrücke, mit denen sie
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Güte so verständnißvoll war, der mild war und nach-
ihn ihren einzigen Freund, ihre Stütze, ihre Zuver-
sicht nannte, hatten etwas Leidenschaftliches, das sie
früher nicht gehabt hatten. Emanuel's Freude darüber
erhöhte auch die Wärme seiner Worte.
Er pries es als ein Glück, daß sie sich gefunden
hatten, er erging sich frohen Herzens in den Gedanken,
wie zwischen ihnen die Liebe eine Frucht der Achtung
und der Freundschaft sei, wie sie also mehr als An-
dere, ihrer Zukunft voll fester Glücksgewißheit ent-
gegengehen dürften; und er hatte es ihr auch nicht
Hehl, daß er unentweihten Herzens leidenschaftlich da-
nach verlange, sie nun bald völlig zu besizen und sich
in ihren Armen des Glückes der Liebe zu erfreuen.
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Sonst hatten Emanuel's Briefe immer erquickend
auf Konradinen eingewirkt. Sie war heiter und ruhig
gewesen, ihr innerer Friede hatte ihr an den Tagen
immer besonders wohl gethan, und sie hatte von Ena-
nuel und von dem Inhalt seiner Briefe gern ge-
sprochen, den beiden Frauen viel erzählt. Jetzt war
das anders. Die Unruhe, welche sie peinigte, war nie
schlimmer, als wenn ein neuer Brief ihres Verlobten
in ihre Hände gelangte. Sie schrieb und schrieb die
ganzen Tage, man sah ihr die Aufregung an, in der
sie sich befand. Sie klagte, daß sie nicht schlafen könne,
ihre blühende Farbe fing an sich zu verlieren, sie
schreckte bei dem geringsten Geräusche, das sich hören
ließ, empor, und als man sie, wie man es gewöhnt
war, zum Musikmachen veranlassen wollte, erklärte sie,
daß ihr dies unmöglich sei, daß fie nicht singen, nicht
einmal spielen könne, und daß ihr selbst Musik zu
hören nicht wohlthue, so daß sie auch das Theater
deshalb meide.
Es war unverkennbar, daß ihre Nerven ange-
griffen waren, und weil sie sich immer einer vorzüg-
lichen Gesundheit zu erfreuen gehabt hatte, machte ihr
übles Befinden die Gräfin ängstlich. Die Baronin
aber nahm es leicht.
, Um munter und fröhlich wie in einen Frühlings-
morgen in die Ehe hineinzugehen, muß man unter
zwanzig Jahre sein,! meinte fie, , und womöglich direkt
aus seiner Pension herkommen. Konradine ist ein
altes Mädchen, denn sie lebt seit fünfzehn Jahren in
der Welt. Sie hat ihr dreißigstes Jahr vassirt, hat im

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Stifte die Selbstständigkeit einer Frau unter den gün-
stigsten Bedingungen kennen gelernt; wie wollen Sie, -
daß ihr in dem entscheidenden Momente nicht An-
wandlungen von Bedenken kommen? Sie hat es an
sich erfahren, daß eine Leidenschaft erkalten und über-
wunden werden kann, und sie sollte sich nicht bisweilen
fragen: Wird die Freundschaft dauernder sein als die
Liebe? Wird eine Ehe, die aus Freundschaft, aus
Achtung, aus den verständigsten Rücksichten geschlossen
wird, mich schadlos halten für die Träume meiner
Jugend, mich bewahren können vor allem neuen An-
reiz, den mir das Leben in Zukunft noch entgegen-
führen dürfte? Vor dem Eintritte in die Ehe noch
einmal stille zu stehen in ernstem Sinnen, scheint mir
nur natürlich.!
Die Baronin hatte das mit der Leichtigkeit hin-
geworfen, mit welcher sie Alles abzuthun liebte, indeß
die Grääfin war sehr ernst geworden. , Es wäre ein
Unglück, sagte sie, , wenn solche Bedenken Konradinen
noch in diesen Stunden kommen könnten.!
,Sie müßte nicht dreißig Jahre und nicht meine
Tochter sein,! meinte die Baronin, ,wenn es anders
sein sollte, dessen bin ich gewiß. Und, sezte sie hinzu,
, darin stimmen Sie mit mir gewiß zusammen, das
Glück der Ehe ist nie wahrscheinlicher als in den Fällen,
in welchen man in ihr nicht die Verwirklichung seiner
Ideale zu finden erwartet. Für Konradine bin ich
unbesorgt; für Emanuel kann man fürchten, da er ein
Idealist ist und in Konradinen gegenwärtig das Ur-
bild aller weiblichen Vollkommenheiten erblickt,

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,Aber sie ist krank, wendete die Gräfin ein.
, Um so besser für den Baron! lachte die Mutter.
,Er hat sich in früheren Zeiten zu sehr nachgegeben
und sich damit geschadet. Eine nervenschwache Frau,
die er zu pflegen hat, läßt ihm nicht Zeit, an sich zu
denken. Sorgen Sie sich nicht, Beste, es ist eine vor-
trefflich assortirte Ehe. Lassen Sie sie gewähren. Ich
war keine ängstliche Mutter, Konradine ist daher ge-
wöhnt, sich selbst zu beachten, und wenn sie keine
Hilfe fordert, bedarf sie auch einer solchen nicht.
Die Gräfin ließ es dabei bewenden. Hinter dem
Leichtsinne der Baronin verbargen sich jedoch in der
Regel eine scharfe Beobachtung, eine nicht geringe
Lebensklugheit, und wenn wirklich, wie die Gräfin es
befürchtet hatte, die Begegnung mit dem Prinzen beun-
ruhigend auf Konradine
nöthig und gerathen, sie
nicht mit unvorsichtigem
Pfade abzubringen, auf
diger Entschlossenheit zu
wirkte, so war es doppelt
sich selber zu überlassen, sie
Anruf oder Rath von dem
dem sie mit fester und wür-
gehen schien.
Da das Trauerjahr um den verstorbenen Bruder
noch lange nicht verflossen war, hatte man es vom
Anfange an nur auf eine Trauung im Beisein weniger
Personen abgesehen, und seit des Prinzen Ankunft den
Kreis derselben, ohne besondere Erörterungen allmälig
noch enger gezegen, um seine Anwesenheit bei der-
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kroffen. Emanuel hatte versprochen, mehrere Tage vor

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derselben einzutrefffen, man erwartete seine Ankunft an
dem nächsten Abende.
Der Tag war schön, die Gräfin war ausgefahren,
die Baronin machte Abschiedsbesuche, denn wie die
jungen Eheleute, wollte auch sie gleich nach der Hoch-
zeit sich auf die Reise machen, und, wenn Emanuel
mit seiner Frau nach Osten gezogen sein würde, sich
gen Westen wenden.
Konradine hatte sich den Morgen über in ihren
Zimmern aufgehalten, die Nacht war ihr wieder schlaf-
los vergangen, sie hatte den Muth verloxen, ehrlich
mit sich selber zu verkehren, ihr Zutrauen zu sich selbst
verließ sie, und die Scham über ihre Schwäche besserte
ihren Zustand nicht. Manchmal brannte ein Zorn
gegen den Prinzen in ihr auf.
,War es nicht genug, meine erste Liebe eigen-
süchtig zu zertreten? Muß er, der Glück gefunden ohne
mich, das meine stören kommen, da ich es sanft und
friedensvoll zu finden sicher war? klagte sie in ihrem
Herzen.
Indeß der Zorn hielt niemalö lange an, ihre
Vernunft wies ihn zurück; und ohnmächtig, sich frei-
zumachen, klagte sie den Zufall an, der Herr ist über
Alle, weil ihr dies ein Recht gab, sich so unglücklich
zu nennen, als sie sich fühlte. Aber auch unglücklich
zu sein, war ihr nicht mehr vergönnt, denn sie gehörte
sich selbst nur noch für wenige Tage an. Emanuel
hatte das Recht, eine Gattin zu verlangen, welche zu
schäzen wußte, was er ihr bot. Er hoffte, mit der
Gattin die Freude einziehen zu sehen in die Burg

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seiner Väter, sie durfte nicht als Trauernde, ohne
Selbstachtung, ohne Lebensmuth und ohne rechten
Glauben an sich selbst, seines Hauses Schwelle über-
schreiten. Er mußte zu Ende gekämpft sein der Kampf,
unter welchem ihre Seele litt. Sie mußte wieder
Herr geworden sein über sich, ihr Haupt frei erheben
können vor dem Prinzen und vor Emanuel. Es mußte
aus sein mit der Schwäche ihres Herzens, deren sie
nicht gedenken
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sein klares
konnte, ohne an sich selber irre zu
Ende sein, ehe Emanuel vor ihr stand,
Auge in ihrer Seele las, ehe sie ihm
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trennten sie von der entscheidenden Stunde, wenige
Stunden von der Ankunft ihres künftigen Gatten;
und wie sie sich es auch vorhalten mochte, ihr Herz
lechzte nach der Liebe des Prinzen, der sie vergessen
hatte um einer Hingegangenen willen, dessen Gedanken
einer Todten angehörten, während sie, die lebensvolle
und noch immer schöne Konradine, sich in der alten
Leidenschaft für ihn verzehrte.
Wie sie es auch anfing, ihre Gedanken kamen
immer wieder auf dafselbe Ziel zurück-- und Ema-
nuel sollte morgen kommen.
Ihre Unruhe zu dämpfen, ihrer Rastlosigkeit
durch Bewegung ein Gegengewicht zu bieten, verließ
sie das Haus. In der kurzen esthnischen Jacke, deren
Pelzverbrämung den Hals einschloß, das violette, sei-
dene Tuch, nach des Landvolkes Sitte, wie sie es immer
zern gethan, um den Kopf geknüpft, ging sie in den

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Garten hinunter, und die breiten, in einander greifen-
den Alleen mit raschem Schritte hin und wider.

- Es war die Mittagsstunde, die Leute, welche be-
reits bei der Gartenarbeit beschäftigt waren, hatten sich
entfernt, die Thüre des Treibhauses stand offen. Kon-
radine war schon zu verschiedenenmalen an demselben
vorbeigekommen und hatte mit zerstreutem Sinne auf
die Blumen hingeblickt, die des Gärtners vorsichtige
Hand, um ihnen Luft zu geben, an die geöffneten
Fenster gestellt und vor die Thüren hinausgetragen
hatte. Wie sie noch einmal an die gleiche Stelle kam,
fiel es ihr ein, nach dem Myrthenstocke zu sehen, von
welchem ihr der Brautkranz geschnitten werden sollte.
Die kleinen, festgeschlossenen Knospen hatten sich schon
in den verwichenen Tagen an ihren Deckblättern
dunkelroth zu färben begonnen, die Sonne der letzten
Mittage war ihnen dienlich gewesen, sie plazten eben
auf. Sie betrachtete sie mit einer Rührung, die ihr
im Herzen wehe that. ,Es ist Zeit, daß er kommt!'
sagte sie. ,Ich wollte, er wäre da!' sezte sie hinzu,
als fie das Rollen eines Wagens hörte; nnd von jenem
Glauben an die Macht des Wünschens erfaßt, den in
aufgeregten Seelenzuständen Jeder einmal an sich zu
beobachten gehabt hat, eilte sie, ohne sich Rechenschaft
über ihr Thun zu geben, raschen Schrittes durch die
Haupt-Allee des Gartens dem Hofe zu, gewiß, es müsse
Emanuel's Wagen sein, der in das Thor hinein ge-
fahren kam.
Indeß sie hatte noch nicht die Hälfte des Weges
zurückgelegt, als sie ihres Irrthums inne wurde. Es
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war nicht der Baron, es war des Prinzen Wagen.
Der Diener war in das Haus gegangen, die Meldung
zu machen, der Prinz blickte zum Wagenfenster hinaus,
ersah Konradine, und ohne die Rückkehr des Dieners
ahzuwarten, stieg er aus, sie zu begrüßen.
Am Eingange des Gartens, wo eine Reihe von
alten Sandstein-Figuren einen weiten Rasenplatz um-
gab, trafen sie auf einander. Der Prinz war rasch
gegangen, und wie er an sie herantrat, reichte er ihr
beide Hände entgegen.
,Wie lange habe ich Sie nicht gesehen,' rief er,
, und wie freue ich mich, Sie hier zu treffen! Ich
fürchtete, Sie wären krank, weil ich Sie nirgends,
auch im Theater nicht mehr traf. Und in der That,
Sie sehen nicht so wohl aus, als sie pflegen! Er
ließ dabei mit einem prüfenden Blicke sein Auge auf
ihr ruhen, und sein Ausdruck war so freundlich und
so heiter, wie sie ihn noch nicht gesehen hatte.
Sie sprach ihm ihren Dank für seine Theilnahme
aus, und wollte ihn nach dem Hause geleiten. Er
fragte, ob es ihr zu kühl sei, und als sie das ver-
neinte, sagte er: , So lassen Sie uns draußen bleiben.
Der schönen Stunden sind noch immer wenige, die
Luft
dem
mir:
ist so belebend und es plaudert sich im Gehen gut. !
,Wie Hoheit wünschen!' entgegnete sie ihm, in-
sie sich verneigte.
,as Wort ist freundlich, aber Ihre Miene sagt
im Grunde würde es mir willkommener sein,
wenn Sie mich verließen!'' rief der Prinz. -- , Indeß
das Glück, Sie einmal allein zu trefen, wird mir so

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überaus selten zu Theil, daß ich mich nicht zurück-
schrecken lasse, und Sie mir nicht zürnen dürfen, wenn
ich es benutze, da es sich mir heute bietet. Sie ver-
lassen uns ja ohnehin in wenig Tagen.?
Sie sagte, daß sie ihren Brääutigam am nächsten
Abende erwarte.
,Ich hörte das von der Gräfin, als ich sie vor
wenig Tagen sah!r versezte der Fürst, und sie gingen
schweigend einige Schritte neben einander her. -- ,Im
Grunde,! hub er dann mit einemmale an, als ob er
nur den Schluß einer längeren Gedankenreihe aus-
spräche -- , im Grunde leben wir Alle doch unter dem
Einfluß von Vorstellungen, die unser Wunsch und
unsere Phantasie erzeugen, und wir bereiten uns immer
schmerzliche Enttäuscungen, weil wir vergessen, daß
der Andere, auf dessen Mitwirkung wir zur Erfüllung
unserer Wünsche umwillkürlich gerechnet hatten, diesel-
ben
um
und
mit uns nicht getheilt hat. Wir sind und bleiben,
es mit des Dichters Wort zu nennen: , Kinder
hoffnuungsvolle Thoren.
Konradine wollte wissen, was er damit meine.
Er zögerte einen Augenblick es zu erklären, dann
sagte er, und die stolze Offenheit, welche sie dereinst
bezaubert hatte, leuchtete wieder einmal auf seiner
schönen Stirn: ,Ich bekenne Ihnen, ich hatte mir
unser Wiederfinden anders vorgestellt. Die Zeit, in
welcher ich mich davor scheute, Ihrer zu gedenken oder
gar Ihnen zu begegnen, ist lange vorüber. Sind wir
doch, wenn auch noch wir selbst, doch nicht mehr die-
selben, die wir gewesen sind; und mich dünkt, geringer,

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weniger geeignet als vordem, einander zu verstehen
und zu schäzen sind wir nicht geworden. Sie sind
sehr oft der Gegenstand unserer Unterhaltungen ge-
wesen, meine Freundin!?
,Ich? fiel ihm Konradine ein, indem sie ihm
mit Erstaunen in das Auge blickte.
, Sweifeln Sie daran? fragte er, , ia freilich,
dann haben wir uns früher noch weniger verstanden,
als in diesem Augenblicke, dann bleibt mir Nichts hin-
zuzufügen, und ich bin eben ein Phantast gewesen,
wie ich's vorhin sagte.
Sie waren inzwischen an das Ende der Allee ge-
kommen, nnd statt zur Rechten abzubiegen, wo die
Seiten-Allee sich aufthat, wendete Konradine um, und
lenkte den Schritt dem Hause zu. Der Prinz folgte
dieser Weisung. Als sie aber ein Stück gegangen
waren, blieb er stehen. Er war nachdenklich geworden,
und mit einem Ernste, der gegen seine bisherige Heiter-
keit sehr abstach, sprach er: , In wenig Minuten werden
wir uns trennen, wer weiß, ob nicht für immer! E
könnte also vielleicht gerathen sein, zu verschweigen,
was Sie nicht hören zu wollen scheinen, Ihnen nicht
die Hand zu bieten, deren versöhnenden Druck zu er-
widern Sie nicht geneigt sind. Aber auch das Herz
hat sein Ehrgefühl, und ich möchte mich vor Ihnen
rechtfertigen, ehe ich Sie heute verlasse. Wollen Sie
mir das zugestehen, Konradine?
Sie erklärte sich dazu bereit.
, So lassen Sie uns noch einmal durch den

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Garten gehen,! bat er, und führte sie wieder in den-
selben zurück.
,Sie haben daran gezweifelt, daß Sie oftmals
der Gegenstand unserer Unterhaltung gewesen sind,'?
begann er auf das Neue, , und doch beruhte das tiefe
Zutrauen, das mich und die Prinzessin nach den ersten
melancholischen Monaten unserer Ehe verbunden hat,
auf ihrer Kenntniß der Leidenschaft, die ich für Sie,
Konrgdine, empfunden hatte, auf der Kenntniß des
lange nachhaltenden Schmerzes, den Ihr Verlust mir
erzeugte, Sie haben mir Kälte und Eigennuz vor-
geworfen, ich bin Ihnen hart und roh erschienen -
Sie wollte ihn unterbrechen, aber er litt es nicht.
,Nein!'- sagte er, ,mildern Sie Nichts an meinen
Worten. Ich habe jener Tage, jener Stunden nicht
vergessen, wie ich Ihrer nicht vergessen habe. So nahe
Sie aber den Verhältnissen auch gestanden haben, die
mich damals zwangen, Ihnen mein Wort zu brechen,
Ihnen zu entsagen, so haben Sie sie doch nicht geng
in ihrer für mich völlig unabweislichen Verpflichtung
zu würdigen vermocht. Wir waren ja Beide keines
gerechten Urtheils fähig unter der Wucht des Leidens,
das uns auferlegt ward. Sie konnten es nicht nach-
fühlen, wie alle Gründe der Vernunft mir nicht dazu
verhalfen, mich zu dem Opfer willig zu machen, das
ich bringen mußte. Sie erkannten es nicht, wie mir
Nichts übrig blieb, als mich gegen mich selber mit
einer Härte und Grausamkeit zu bewaffnen, mit denen
ich mich ertödten wollte, und mit denen ich doch Nichts
erreichte, als Sie zu verwunden. Glauben Sie mir

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NB
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wen nicht unglücklicher als ich, und--
,Nicht weiter! nicht weiter! ich ertrag es nicht!'
stießß Konradine jäh hervor, und sich an eines der
steinernen Poftamente lehnend, schlug sie beide Hände
vor das Gesicht, dem Prinzen den Anblick der leiden-
schaftlichen Bewegung zu entziehen, die in ihr kämpfte
sich in ihrem schmerzdurchbebten Antliz aussprach.
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nommen, seit er sie wiedergesehen hatte, der Klang
eckte das Echo auf in seiner Brust.
rief
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Er legte feine Hände auf ihre Schultern. , Sprich!?
er, , sprich ein Wort, Konradine! Ich bin frei -
hist es
Geschiedene
als sie die
auch.-- Noch ist es Zeit! und die holde
selber hatte an diese Lösung oft gedacht,
Hoffnung zu leben nicht mehr hegte. Ich
Konradine! und Du hast vergessen und
liebe Dich,
Sprich es aus, das Wort! ich beschwöre
vergeben.
ich! Sprich es aus, daß Du die Meine werden willst!'
, Nein!' sagte sie bestimmt und fest, indem sie
h von ihm entfernte, ,nein !?
Er sah sie an, die Gewalt,
achte ihre Züge starr und kalt.
eine
Wou
die
Sie
sich anthat,
schritt langsam
Hause zu, er ging schweigend
= - ===- ===»P.!.
Pause, , sind Dein und mein!'-
, Nein!'' wiederholte sie, als könne sie kein anderes
mehr sprechen.
Fanny Lewald, Die Erlöserin. 1l.

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Sie waren, so neben einander hergehend, bis
gegen den Ausgang des Gartens gekommen. Keiner
von ihnen sah den Andern an. Sie blickten stumm
und schweigend vor sich nieder. Endlich richtete der
Prinz das Haupt empor: ,ch hatte, als ich Dich
wiedersah, nicht die Absicht,? sagte er, , von Dir zu
fordern, was ich jetzt von Dir erflehe. Du warst ver-
lobt, Du priesest mir Deinen Frieden und Dein Glück.
=-- Du täuschtest mich - Du täuschtest auch Dich
selbft. Willst Du, darfst Du dabei beharren, Dich zu
hintergehen und auch den Baron? Darfst Du ihm
Freundschaft bieten; wo er die Liebe eines Ehewweibes
fordert? Neberlege, Konradine! Was denkst Du zu
thun?
,Mdein Wort zu halten, das ich einem edlen
Manne frei verpfändet!! entgegnete sie bestimmt.
,Und einen Eid zu schwören, von dem Dein Herz
Nichts weiß!r
,Einen Eid zu schwören,? fiel sie ihm in die
Rede, ,wwie Sie ihn blutenden Herzens der Prinzessin
geschworen haben, ihn zu halten, mich zu überwinden,
wie Sie es gethan haben; und zu beglücken -- mit
völligem Vergessen meiner selbst. - Leben Siewohl!?
,Leb' wohllr wiederholte er tonlos. Sie drückten
einander die Hand. An des Hauses Thüre schieden
sie von einander stumm und thränenslos.