Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 17

Hiebenzeßntes Gapites.
Am näächsten Abende traf Emanuel ein, Konra-
dine eilte ihm entgegen, mnd wie er sie an seine Brust
schloß, warf sie ihm beide Arme mm den Hals und
drückte ihn mit einer Zärtlichkei an sich, die ihn bs-
glückte. Dann neigte sie sich, wie Hulda es einst ge-
than hatte, noch ehe er es hindern konnnte, auf seine
Hand hernieder und küßte sie.
,Theure Geliebte,! rief er, ,was thust Du?
Was soll das heißen? Aber fie gab ihm keine Ant-
wort darauf, und er war zu frohen Herzens, zu glück-
lich sie wieder zu sehen unnd wieder zu haben, um
eine Frage zu wiederholen, auf welche seine eigene
Zärtlichkeit, die sich nicht genng zu thun vermochte,
ihm die Anwort gab.
Das hellste Abendroth lagerte noch auf den Bän
men mnnd ftreute seine Rosen in den Saal. Konrädine
hatte sich weiß gekleidet, wie Emanuel es liebte. Sie
ließ es sich nicht nehmen, ihn, sobald die erste Be-
grüßunng mit den beiden Frauen vorüber war, selbft

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bis nach seinen Zimmmern zu begleiten. Er sollte sehen,
daß fie dieselben mit den Blumen hatte schmücken
laffen, die er vorzugsweise gerne hatte. Es sah Alles
froh und festlich aus, es lag ein Schimmuer feierlicher
Verklärung über der Natur, über dem Hause, vor
Allem über Koradinen selbst.
Sie kam ihm jünger vor, als er fie wußte. weit
jünger als in der Sylvesternacht, da er sie in dem
Schlosse seiner Schwester gaftlich aufgenommen hatte.
Damals hatte die schmerzliche Herbigkeit ihres Wesens
ihn zuerst abgestoßen, auch später noch war ihre stolze
Selbftgewißheit ihm bisweilen unweiblich erschienen
und hatte ihn irre an ihr gemacht. Jetzt war das
Ales bis auf die lezte Spur verschwunden. Ihre
weiche Hingebung hatte etwas Bezauberndes, ihre De-
muth war überwäältigender als ihr früherer Stoh.
Süie war wie verwandelt. Aher was war dennn ge-
schehen? Woher kam ihr der sanfte, ruhig auf ihm
verweilende Blick, der seine Seele in Glückeshoffnung
wiegte, woher der weiche schmelzende Ton der Stimrmne,
der ihm das Herz bewegte?
Der Abend entschwand ihm in reinem Glüc
gefühle. Tros ihres häufigen Briefwechsels hatte er
Konradinen viel zu melden. Die Einsamkeit in seinem
Schlosse hatte ihn zur Mittheilung geneigt gemacht,
aber obschon er sehr erfüllt war von Nnternehmungen
und Verbesserungen, welche auf den Gütern eingeleitet
unnd im Gange waren, und von denen er ihr sprach,
fiel es ihm auf, daß sie bisweilen gar nicht gehört zu
haben schien, was er ihr erzählt hatte, daß fie mit-

k
untsr in ihre Gedanken versank und aufschreckte, wennn
sie selbft dessen inne ward. Er fragte sie freundlich,
ob sie Etwas habe, das sie beschäftige. Sie verneinte
das, klagte aber, daß sie schon seit einiger Zeit eine
lästige Zerstreutheit an sich gewahr werde, gegen welche
sie oft vergebens anzukämpfen suche. Die Mutter und
die Gräfin schoben es auf die Abspamnunng, die sie an
ihr beobachtet hatten, und meinten, Ruhe und Behagen
in dem eigenen Hause würden das unter Emanuel
liebevoller Pflege bald in das Gleiche bringen.
Konradine nahm das scherzend auf. ,Das haft
Du mummu davon, mein Freund!r sprach sie, ,daß Dn
Dir statt eines mmunnteren jungen Mädchens die alte
Stiftsdame zur Frau erwähltest. Statt Lachen unnd
Frohfinn bringt sie Dir Nervenleiden in das Haus,
und als Liebesgabe fordert sie Geduld und Pflege.
Indeß sei unbesorgt, ich will. das Alles allein ab-
machen und werde schon mit mir selber fertig werden,
das verspreche ich Dir! Ganz allein! Du sollst durch
mich nicht leiden.?
Er sah fie betroffen an. Ihr Ton, ihre Miene
waren ernsthafter geworden, als der Anlaß es erfor-
derte, ihre Stimwmnne selbst klang ihm verändert. Be-
sorgt erkundigte er fich, was dennn geschehen, ob ste
etwa mnnpaß gewesen sei? ob man ihm irgend Etwwaas
verschwiegen habe? Aber der Schatten, der über Kon-
radinens Heiterkeit gefallen, war im nächsten Augen-
blick schon wieder verschwunden. Sie versicherte ihm,
daß sie sich ganz wohl befände, daß sie Scherz ge-
trieben habe, mnnd da auch die beiden Frauen seine

WO
esorgniß unbegründet nannten, war weiter die Rede
nicht davon.
Es war inzwischen spät geworden, und man hatte
sich bereits erhoben, umu sich zu trennen, als die Gräfin
die Frage that, wann ihr Bruder dem ßrinzen auf-
zuwwarten beabsichtige.
Emanuel sagte, er habe nicht im Sinnne gehabt,
fich demselben vorzustellen. Die Gräfin und Frau von
Wildenau hielten dies für unerläßlich, er aber wollte
das nicht einsehen. Er meinte, seine Begegnungen
mit dem Prinzen wären immer sehr vorübergehend ge-
wesen, eine wirklicheTheilnahme für sich bei demselben
vorauszusetzen, habe er keinen Grund, und da der Hoch-
zeitktag so nahe sei, nach welchem er mit seiner Frau
die Stadt verlassen werde, habe die Vorstellung keinen
rechten Zwweck.
,Ich würde es nicht vermeiden, mich nicht wei-
gern, den Prinzen zu sehen,! sagte er, ,ihn zu suchen
habe ich keinen Anlaß. Es sei denn, daß Konradine
es von mir verlangte, um das Maßihrer verzeihen
den Großmuth voll zu machen. Sie darf vergeben
-= was zu vergessen mir nicht ansteht.?
, Die Gräfin entgegnete, sie begreife sein Emwpfin-
den, indeß man müsse den Verhältnissen des Prinzen
auch gerecht sein. Mamu dürfe nicht außer Acht lassen,
daß die Prinzesfin des Laudesherrn Nichte gewesen sei,
daß der Prinz sich jetzt seit seiner Ankunft ebenso fein-
fählend als würdig betragen habe, daß er im Osten
der Monarchie gegenwwwärtig die höchfte militärische Ge-
walt repräsentire, daß Emnanuels Güter in diesen

Au
Provinzen gelegen und die Beziehungen nicht im vor-
aus zu berechnen seien, in denen man zu einander ge-
rathen könne. Auch Fran von Wildenau sprach sich
zu Gunsten des Besuches aus, wenn schon nicht mit
der Dringlichkeit der Gräfin. Sie gab mur zu be-
denken, daß mann dem Angehörigen des Herrscherhauses
Rückichten schulde, daß sie und ihre Tochter am Hofe
immer gütig aufgenommen worden wären, daß man
fich gegen Konradine besonders gnädig bewiesen habe,
als sie gr Stiftsdame ernannt worden und als sie
ans dem Stifte ausgetreten sei, ,undr, fägte sie hinzu,
,am Ende müssen doch wir Alle uns an das barm-
herzige Wort erinnern: Wer ohne Fehl ist, werfe
den erften Stein auf sie! an jenen Ausspruch un-
seres Herrn mnnd Heilands, den wir hier unter dem
herrlichen Kupferstich nach Tizian's schönem Bilde all-
täglich vor mnseren Augen haben.?
Diese Mahmung, mit welcher seine künftige
Schwiegermnutter ihn uwvorsichtig daran erinnern zu
wollen schien, daß er, sowie der Prinz, ein gegebenes
Wort nicht eingelöft habe, traf Emannel an der Stelle,
welche in seinem Gewissen wund war. Weil er sich
jedoch in diefem Augenblicke nicht nachgeben, sich nicht
getroffen zeigen durfte und wollte, ließ er die leztere
Bemerkung der Baronin fallen, und sich gegen den
Theil ihrer Rathschläge wendend, in welchem die
Gräfin mit ihr zusammentraf, sagte er: ,Ich fürchte
vor Ihren Angen wenig Gnade zu finden, wenn ich
geftehe, daß ich die Rücksichten für mich nicht zwwingend
erachte, welche Sie sowohl als meine Schwester, mm

Ae
mnseres Hofes und der Gunst des HHerrscherhauses
willen, von mir auf den Prinzen genommen zu sehen
wünschen. Sie wissen es, die Hofluft war nie die
Atmosphäre, die ich suchte. Sie paßte nicht für mih
und meine Reigungen, und seit ich mich nun ewt-
schlossen habe, das Erbe unseres Hauuses anzutreten,
in dem Hauuse unserer Väter, unnter den Menschen zu
leben, die zu uns gehören seit vielen Generationen, ist
der Sinn des Land»Edelmamn's der auf seiner Scholle
sitzt mnd, weil er Herr ist auuf derselben, nach Ris--
madem zu fragen hat, sehr lebhaft in mir gewworden.
Ich bin zufrieden mit meinem Falkenhorst, ich hoßfe,
Konradine, deren Reigungen auch nicht mehr auf die
große Welt gerichtet sind, wird dort zufrieden sein,
wie ich; unnd wenn sie ihrerseit nicht irgend ein Be-
dürfniß hat, den Prinzen noch zu sprechen, so wüßte
ich in der That nicht, was ich ihm darzubringen, oder
von ihm zu erwwarten hätte. Sie aber sagt mir, daß
sie ihn geftern erst gesehen mnd Abschied von ihm ge-
nommmen habe,?
,Abschied für imwmner!? fiel ihm Konradine in das
Worr und sprach sich danmmn entschieden für die Ayficht
ihres künftigen Gatten aus. Emammmel hatte e anders
nicht erwartet. Die Frauen jedoch zeigten sich verletzt.
Ihre Mißstimmmung fiel auf das Brautpaar mnnangenehmm
zurück, mnd Emanmel sehnte den Tag mnd die Stunde
herbei, in welcher er, von dem Wollen und der Meb
mung Anderer mnngestört, mit Konradinen sich selber
überlassen sein würde.

Ls
Als Fran von Wildenan mnd Konradine fich zu-
rückgezogen hatten mnd auuch Emannel sich entfernen
wollte, nöthigte die Schwester ihn, noch ein wenig bei
ihr zu verweilen. ,Bei Deinem Vorfaze, in Falken-
horst g leben, den ich in hohem Grade billige, wer-
den wir mns voraussichtlich nicht häufig sehen,! sagte
fie, ,und das Leben ist so kurz.!
Er entgegnete ihr, er hoffe, sie werde geneigt sein, in
der guen Jahresgeit sich häufig in ihrem Vaterhause
aufzuhalten; und wie er darauf mit Besizesfreude ihr,
die in dem alten Schlosse so von Herzen heimisch war,
die Aenderungen schilderte, welche er dgrt vorgenommen
hatte, erwähnte er der freundlichen Hilfe, welche die
Familie von Barenfeld ihm dabei geleistet habe.
Die Gräfin hörte das an, pries den Vorzug nach-
barlicher Geselligkeit und meinte, er habe- wohl ge-
than, den Zusammenhang mit diesen Rachbarn schon
im Vorans recht zu pflegen, denn an Einfamkeit sei
Konradine doch im Enutferntesten nicht gewöhnt, unnd
es stehe dahin, wie sie sich in dieselbe schicken werde.
Emanuel bemerkte, es habe ihr ja in dem Stifte wohl
behagt; die Schwester gab ihm jedoch zu bedenken, daß
dort die müßige Geselligkeit mehr als sonst irgendwo
zu Hanse sei, und daß schon mit dem bloßen Eintritt
in die Ehe ein großer Anreiz, eine bewegende Kraft,
aus dem Leben des Einzelnen hinwoeggenommnen werde.
So sehr man es ersehne. an ein festes Ziel zu ge-
langen, so höre, wennn man es erreicht habe, das Strs-
ben nach einem solchenn auf, und es trete damit eine
Lücke in das Leben ein, die selbst durch. die Befrio-

Ws
- digung, die man erfahre, nicht immer völlig aus-
gefüllt zu werden pflege. Eine gänzliche Lurück-
gezogenheit sei eben deshalb in den ersten Zeiten der
Ehe oft ein großer Prüfstein.
Emanmuel, welcher eine derartige Besorgniß amu
wenigsten vorausgesehen hatte, fragte, ob Konradine
dennn Aeußerungen gethan habe, welche dieselbe in der
Gräfin wachgerufen hätten. Sie verneinte ihm das,
mnd sie hatte auch wirklich nicht ausschließlich an Kon-
radine gedacht, als sie jene Behauptung ausgesprochen
hatte. E war ihr mur ein Bedürfniß unnd zu einer
Gewohnhett geworden, Rath zu geben, ihren Scharf-
blick, ihre Erfahrung geltend zu machen, mnd wo irgend
möglich, auf Jeden, der in ihre Rähe kam, einen mehr
oder weniger bestimmmnnenden Einflnß auszuüben. Daß
der Bruder ihr in dem Beisein der beiden anderen
Frauen mit solcher Enutschiedönheit entgegengetreten
war, das lag ihr noch im Sinnne und trieb sie mn-
willkürlich an, ihre einstige Neberlegenheit gegen ihn,
wenigftens noch auf dem Felde der allgemeinen Er-
fahrungen, versuchsweise aufrechtzuerhalten.
Indeß zu solchen allgemeinen Erörterungen war
ihr Brnder eben nicht aufgelegt. Er hatte e mit
einem beftimmten, seine ganze Seele erfüllendenu
Ereignisse z thun. Konradinens Zufriedenheit lag
ihm sehr am Herzen, mnd weil es ihm selbft in seinem
Schlosse so gar wohlgefiel, hatte er nie daran ge-
zweifelt, daß der Geliebten gefallen mwüsse, was für
sie mit so viel Sorgfalt vorbereitet worden war. Er
sprach das also auch vor seiner Schwwester aus.

s -
Sie lenkte augenblicklich ein: ,Mißverstehe mich
nicht,! sagte sie, ,denn es thäte mir leid, wenn ich
denken müßte, ich hätte Dir auch mur einen Augen-
blick Dein Glück getrübt. Halte mur den Zweifel an
allem mngetrübten Glück meinem Alter zugnte. Er
ist der traurige Gefährte desselben, mnd ohne Schaden
ist es immer, wenn man auch an dem sonnigften Tage
sich im voraus auf einen Wolkenschatten -- denn mehr
ist es ja nicht - gefaßt gemacht hat. Konradine hat
es heute, wie ich glaube, mit ihrem Scherze ernst-
hafter gemeint, als Du es aufgenommen hast. Sie
ist kein junges Mädchen mehr, fie hat geliebt, sie hat
gelitten, hat Eindrücke emwpfangen, Erfahrungen ge-
macht, die sich nicht verwischen lassen; und obschon sße
fich in edelster Haltung zu bewwähren verstanden hat,
ist das Beisammensein mwit dem Prinzen doch nicht
leicht für sie gewwesen. Der. Abschied, den sie, wie sie
sagte, gestern von ihm genommen hat, erklärt mir
ihre gestrige Erschöpfung, erklärt die Zerstreutheit,
deren sie sich vorhin angeklagt hat, und Du bist ihr
deshalb Nachsicht schuldig - Nachsicht mnd ein Ver-
tranen, wie sie es Dir gewährt.!
Emnanuel war aufgeftanden unnd ging in dem
Zimmnuer auf und nieder. Die Gräfin war am Ende
nicht gewwiß, ob er ihren Worten auch gefolgt sei.
Plözlich blieb er vor ihr stehen.
,Und mit dieser Ansicht von Konradinen, von mn-
seren Zuständen,! sagte er, indem er die dunkeln Augen
fest und ruhig auuf seine Schwester richtete, ,wolltest

s
Du mich überreden, den Prinzen noch besonders auf-
zusuchen! Zu welchem Zweck? was sollte daa?
,Es sollte dem Prinzen sowohl als Konradinen
darthun, daß Du Dich ihrer Liebe sicher fühlst. Es
sollte Denen, die: Kunde haben von jenen frühere
Verhältnissen, beweisen, daß fie ausgeglichen, vergessen,
daß sie nie dagewwesen find!? bedeutete die Gräfin
ernsthaft.
Emanuel zuckte verächtlich mit den Schultern.
,,Komödie zu spielen vor Gleichgiltigen, vor der
Menge, bin ich nicht gemacht,! sagte er, ,mir selber
eine Komödie vorzuspielen, bin ich nicht gewwohnt unnd
habe ich in diesem Falle auch nicht nöthig. Aber -
ich wollte, Du hättest vergangen sein lassen, was ver-
gangen ist. Du hast es wohl gemeint, des bin ich
sicher. Wohlgethan hast Du mir nicht.?
Er bot ihr gute Nacht und verließ sie, ohne ihr
wie sonst die Hand zu reichen. Die Gräfin blieb noch
lange in ihrem Wohngemache allein. Sie war feft
überzeugt, wie immner das Richtige gethan zu haben.
Trotzdem war sie in Sorgen umn den Bruder. Zur
rechten Stunde hatte er sie nicht hören, als der Prinz
gekommen war, sich nicht warnen lassen wollen. Ietzt
komnte sie Nichts mehr für ihn thun, als ihn vor Ent-
täuschungen' bewahren, die seinem weichen Herzen schwer
zu tragen sein mußten.
Konradine und Emnanuel schliefen Beide nicht in
dieser Nacht. Als sie am Morgen einander wieder-
fahen, war es ihnen, als bedürften sie einer Aus-
söhnung, unnd es hatte doch kein Streit, kein Zer-

A
würfniß am verwichenen Tage zwischen ihnen statt-
gefunden. Emannel war freundlich, aber weniger ge-
sprächig als am letzten Abende, Konradine sanft und
nachgiebig wie ein Kind, das Vorwürfen behutsam aus
dem Wege gehen will.
Während man noch im Frühstüchimmer war,
brachte man der Gräfin einen Brief. ,Von seiner
Hoheit dem Prinzen! meldete der Diener.
Die Gräfin eröfnete ihn, die Blicä der Anderen
waren unwwillkürlich auf sie gerichtet.
,Das enthebt uns aller Schwierigkeiten!k sprach
sie, nachdem fie die wenigen Zeilen durchflogen hatte.
Der Prinz schreibt mir: eine Rachricht, die er gestern
in der Frühe erhalten, nöthige ihn, seine beabsichtigte
Inspektionsreise schon heute anzutreten. Er empfiehlt
sich Ihnen und Ihrer Mutter, liebe Konradine, und
bittet mich, Ihnen seine Wünsche für das Glück Ihrer
Zukunft zu übermitteln!?
Konradine verneigte sich, die beiden anderen
Frauen äußerten sich wie immer zu des ßrinzen Gn-
sten, es kam aber zu keiner rechten Unterhaltung. Der
Theaterzettel und die Zeitung mußten aushelfen. Als
danach die Baronin mit der Tochter das Zimmmer ver-
lassen hatte, fragte Emanuel, ob die Gräfin ihm er-
lauben wolle, den Brief des Prinzen einzusehen. Sie
ftand an, es zu bewilligen.
,Ndicht etwa,! sagte sie, ,als ob Anderes darin
enthalten wäre, als ich Euch vorhin mitgetheilt habe.
Indeß bei der Voreingenommmuenheit, welche Du gegen
' den ßrinzen hegst, und bei der Art, wie Du jezt

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nachträglich die Verhältnisse zu nehmen scheinft, nach-
dem Dn meine frühere, Dir geänßerte Vorsicht zu-
rückgewiesen haft, fürchte ich, der Brief des Prinzen
werde Dir mißfallen. And doch versichere ich Dich
aus vollster Neberzeugung, daß Du keinen Grund, auch
nicht den geringsten hast, ihm oder Konradinen einen
Vorwnrf zu machen. Ihr Verhalten gegen einander
war ebenso tadellos als würdig; mnnd ich habe sie in
der That mit Achtsamkeit begleitet.!
,Du denkst mir also den Inhalt des Briefes
nicht mitzutheilen?! fragte der Brnder, dessen feinem
Ehrgefühle die Versicherungen der Gräfin weder be-
ruhigend noch angemessen- dünkten, und der es im
Hinblicke auf dieselben und auf die Gräfin nöthig
fand, sich durch ihre Warnung nicht beeinflussen zu
lassen.
Statt drr Antwort reichte die Gräfin ihm den
Brief hin. Er enthielt eben die Rachricht, welche sie
den Anderen vorhin gegeben hatte, und schloß mrit den
Worten: ,Ich bitte Sie, mich der Baronin und Frän-
lein von Wildenau angelegentlichßt zu empfehlen, mnnd
der Letzteren meine Wünsche für ihre Zukunft auszu-
sprechen. Möchte ihr ein Glück zu Theil werden,
das nicht wiederzufinden ich jezt gewwiß bin.?
Die Wore sagten Richts, was auszusprechen in
des Prinzen Lage nicht durchans natürlich war, und
doch fuhren sie Emuanuel wie ein Stich durch das
Herz. Er gab der Schwester, ohne eine besondere
Bemerkung daran zu knüpfen, das Blatt zurück. Der
Tag und die folgenden Tage vergingen in einem

As
euhigen Gleichmaß, aber auf Emanuel lag ein dum
pfer Druck, unud die heiter gehobene Zuversicht, welche
nach dem erneuten Wiedersehen seiner Braut sein.
Herz erfüllt hatte, war von ihm gewichen.
Konradine war nicht weniger rücksichtsvoll, nicht
weniger achtsam ald in jenen ersten Stunden, allein
ihre warme Erregtheit, ihre frohe Hingebnng waren
verschwunden. Sie zeigte sich herzlich, gntwwillig und
freundlich, mur die Braut, deren Umarmuung ihn an
jenem ersten Abende entzückt hatte, fand Emarmel
nicht mehr in ihr wieder. Der goldene Somnen
schein, in welchem seine Zukunft sich in jenen Stun-
den vor ihm ausgebreitet hatte, leuchtete nicht mehr
an seinem Horizonte; fie lag vor ihm wie eine schöne
weite Ebene an einem überwwölkten Tage - ohne
Licht, ohne Farbe und ohne frohen Klang.
Er war melancholisch und mochte sich nicht fra-
gen, weshalb er es sei, weil er sich die Antwort darauf
nicht geben wollte. Nnd die Geflissenheit, mit welcher
Konradine auf jeden seiner Wünsche lauschte, die
völlige Gleichgiltigkeit gegenn dasjenige, was sie selbft
betraf, weit entfernt, ihn zu erfreuen, trugen nur noch
dazu bei, seine Schwermuuth zu erhöhen und ihn mit
einer Unruhe zu erfüllen, die sich steigerte, je näher
sie dem Hochzeitdtage kamen.
Sie gingen endlich neben einander her, wie zwwei
Kranke, die sich mit liebender Schonung behandeln.
ll' ihr redlicher Wille, all' ihr Pflichtgefühl bs-
wahrten Konradine nicht davor, in Verzweiflunng zu.
sein. Al' sein Zutranen zu ihr, half Emuamwuel nicht

0
über seinen Schmerz hinaus, nicht über seine KrE
kung hinwweg. Unglücklich waren sie alle Beide. Ema
mel geftand sich's ein, daß ein solcher Zustand auf
die Länuge mnauushaltbar sei, und konnrte doch nicht zu
dem Entschlufse komumnuen, ob und wie er ihm ein Ende
machen solle.
Er sezte kein Mißtrauen in Konradine, sofern es
ihre sogenanmmnte Treue und seine Ehre anging, aber mit
jedem Tage befeftigte fich in ihm die Neberzengnng,
daß in dem Beisawmensein mit dem Prinzen ihre
Liebe für denselben neu erwacht sei, und des Prinzen
Brief an seine Schwester beftärkte ihn in dieser Neber-
zeugung. Ohne eine Andeutung von Konradinen's
Munnde, ahnte er was geschehen, errieth er, daß es zu
einer Erklärunng zwwischen ihr und ihrem früheren Ver-
lobten gekommen sein mußte, und daß fie ihn ab-
gewiesen hatte, um ihrem gegebenen Worte mit Selbst-
verleugnung treu zu bleiben. Der Aufregung des
Kampfes, der Freude über den Sieg, welchen sie über
sich selbst gewomnen, hatte er die lebhafte mnud demü-
thige Zärtlichkeit zu danken gehabt, mit der sie ihn
zuerst empfangen hatte. Nun kamen die Ermüdunng,
die Befinnmuunng nach. Nun folgte das Erwwägen, das
Vergleichen. Und wennn nach diesem vergleichenden
Erwwägen Konradine es bereuen sollte, Emaunuels
Braut geworden zu sein? = Was danuuu?
Das unbeftimumnte wilde Auflodern der Eiferfucht,
das ihn gemartert, als er die Nachricht von des
trmn rr arnK

B
dung mnnmöglich. Aber der alte Zweifel an sich selbft
war in Emanuel dafür um so lebendiger empor-
geftiegen. Konnte man ihn denn lieben, wenn man
des Prinzen herrliche Gestalt im Simne hatte? Konnte
er daran denken, sich ein Weib anzueignen, das viel-
leicht ein Opfer zu bringen glaubte, indem es sich ihm
verband? Durfte er Konradinen,' die er hoch hielt in
reiner, starker Liebe, dazu erniedrigen, sich einem
Mannne hinzugeben mit dem Bilde eines anderen mehr
geliebten Mamnes in ihrem Herzen? Und anderer-
seits =wennn er sich in seinen Voraussetzungen täuschte?
Wenn Konradine ihn wirklich freien Herzens liebte?
Wenn ihr einst gekränktes Ehrgefühl, ihr schwer ver-
wundetes Herz fie angetrieben hatten, den Prinzen -
von sich fern zu halten? Wenn es sie befriedigte,
denjenigen jetzt verschmähen zu können, der sie einst
verschmäht hatte? Wenn sie eine Genugthuung darin
empfand, mit sich selber und in sich selber entschieden
und abgeschlossen zu haben, was für sie zu Ende sein
sollte an dem Tage, an welchem sie mit dem Wechsel
ihres Namens sich von ihrer Vergangenheit lostrennte
- stand es ihm zu, ihm, der ihr vor allen Anderen
Achtung schuldete, ihr mit Zweifeln unud mit einem
Mißtrauen zu begegnen, die eine nicht zu vergessende
Beleidigung für sie enthielten? = Durfte Er, berufen,
der Schützer ihrer Ehre, wie der Wahrer seiner eige--
nen zu sein, sich es unterfangen, ihre beiderseitige
zn

R
knftigen Gattin zu erkennen gab, daß er sie unehren-
hafter Gesinnnung, mnnehrenhaften Handelns fähig halten
konnnte?
Er nannte das selber eine Unmöglichkeit, denn
Konradine war offen gegen ihn gewesen immerdar,
und fie war nicht geartet, einen Zweifel an . ihrer
Redlichkeit zu vergeben, zu verschmerzen. Sollte er
sie durch Mißtrauen von sich stoßen, wenn sie aus
freier Enntschließung die Seine werden wollte? =- And
was hatte sie denn verschuldet? =- Wie waren ihm
alle diese trüben, schmerzlichen Gedanken gekommen?
Wie hatten sie ihm kommen können? - Er nannte
seine Bedenken, seine Sorgen, ein Unrecht, das er sich
selber anthue, eine Sünde gegen Konradinen. Er
-bemühte sich seine Befürchtungen zu vergessen, und
gewamn es über sich, seine trübe Stimmung zu
verbergen; indeß seine heitere Zwversicht war einmal
dahin.
So war man bis zu dem Tage vor der Hochzeit
angelangt. Auf eine besondere Vorfeier derselben hatte
man es nicht abgesehen, doch stellten eben deshalb die
Frauen und Mädchen, mit welchen Konradine wäh-
rend ihres Aufenthaltes bei der Gräfin bekannt ge-
worden war, nach Landessitte sich am Vormrittage noch
einmal bei ihr ein, ihr Lebewohl zu sagen und ihr
diese und jene kleine Liebesgabe als ein Andenken in
den nenen Haushalt mittzugeben.
Das Zimmer war festlich geschmrückt, die An
gebinde zierlich aufgestellt, die Damen kamen und
gingen, man stand und saß plaudernd bei einander,

R1s
die Diener in großer Livree boten Erfrischungen um-
her. Die ganze Seene hatte den Beifall der Gräfin.
Sie sah mit immer neuem Wohlgefallen, wie vor-
trefflich Konradine zu repräsentiren vermochte, wie
schön sie ausfah, wie gut Emanuel sich darein fand,
sich bei diesem immerhin ermüdenden und einförmigen
Vorgange mit gefälliger Würde zu behaupten. Es
war der Gräfin in den letzten Wochen ernstlich bange
davor gewesen, daß des Prinzen Dazwischentreten oder
Emanuel's scheue Empfindlichkeit das Zustandekommen
der Heirath hindern könnten. Sie war dadurch end-
lich selber unsicher über die Haltung geworden, welche
fie unter diesen Verhältnissen den betheiligten Per-
sonen gegenüber anzunehmen habe. Nun hatten alle
drei sich so würdig, so edel und mit so vorsichtiger
Gemessenheit in dem Konflikte behauptet, daß man
Nichts mehr zu befürchten hatte, und die Gräfin
athmete in Frieden wieder auf. Denn daß ihr Bru-
der und Konradine sich in einander schicken und in
beglückendem Frieden mit einander leben würdet,
wenn sie mur erst einmal verbunden wären, dessen
hielt sie sich gewwiß.
Die Besucherinnen hatten sich zum großen Theile
schon entfernt, mur Konradinens Brautjungfrauen
waren noch bei ihr geblieben und ein paar ältere
Frauen, welche gekommen waren, Frau von Wildenau
für ihre Abreise Glück zu wänschen. Sie geleitete diese
eben nach der Thüre, als ein Wagen rasch in den
Hof hineinfuhr und eine junge Verwandte der gräf-