Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 18

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lichen Familie, deren Gemahl das KürasfierRegiment
komwmnaaudirte, in sichtlicher Aufregung in das Zim-
mer trat.
Sie zeigte sich betroffen darüber, daß die anderen
Freundinnen die Braut bereits verlassen hätten, sagte,
sie hätte gefürchtet, zu spät zu kommen, aber sie habe
einen furchtbaren Schreck gehabt. Ihr Marnn hätte,
gerade als sie in den. Wagen steigen wollte, eine Nach-
richt bekommwon, die ihn genöthigt habe, augenblicklich
fortzufahren. Sie habe also warten muüssen, bis er
zurückgekommnen sei, und damit möge man es ewt-
schuldigen, daß sie die verabredete Stunde nicht ein-
gehalten habe.
Man beachtete dies Letztere kaum vor der n
ruhe, von welcher die junnge Frau sich ergriffen zeigte,
und es war Fran von Wildenauu, welche die Frage
that, ob mamu wissen dürfe, was geschehen sei.
- ,ch!k entgegnete die junge Generalsfran, ,man
sollte so ewwwas an einem solchen Tage gar nicht mit-
theilen, und ich hatte mir eigentlich auch vorgenom-
men, es nicht zu thun, obschon wir ja Alle keinen
Aberglauben haben und nicht an böse Vorzeichen
glauben. Aber erfahren würden Sie es ja doch in
jedem Falle noch heute - und besser heute als mor-
gen durch die Zeitung. Stellen Sie sich vor, bei der
Rdevne, die geftern in? =- fie namnnte den Ort =
,abgehalten worden, hat das Pferd des Prinzen Fried-
rich, man weiß nicht wovor, plötzlich gescheut. Er
hat es mit Gewalt pariren lassen wollen, es hat sich
gebäumnt, sich überschlagen, der Prinz ist geftürzt mnnd,

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wie mamu meldet, am Kopfe lebensgefährlich beschädigt
worden!?
Aber noch ehe sie das leze Worr gesprochen
hatte, rang sich ein furchtbarer Schrei aus Kon-
radinens Bruft hervor, und die Hände über dem
Haupte zusammmengeschlagen, sank sie ohnmächtig zu
Boden, bevor mann ihr zu Hilfe eilen konnte.
Der Schrecken, die Bestürzung waren allgemein.
Die Mutter und Emamuel hoben fie auf, um fie auf
eines der Kanuapees zu legen, die Dienerschaft ward
herbeigernfen, die Gräfin entfernte die Gäste aus dem
Saale und versuchte, den mnnangenehmen Vorfall
mit der Nervenüberreizunng zu erklären, welche die
zahlreichen Besuche und der ftarke Blumenduft
ihrer Schwägerin verursacht hätten, wonach dann der
Schrecken eine so ungemeine Wirkung habe auf sie
üben kömnnen. Man sprach von dem Prinzen, von
Konradinen, wünschte für Beide das Beste, hoffte,
daß es für Keines von ihnen nachhaltige Folgen haben
werde, daß die Hochzeit durch das Nebelbefinden der
Braut nicht Aufschub erleiden müsse. Die Grfin
zeigte sich sehr ruhig mnd sehr zuversichtlich. Sie war
jedoch wie erlöst, als die lezten Personen fie verlassen
hatten, als sie gehen konnwte, sich selber von Konra-
dinen's Zuftand, von ihres Bruders Verfassung z
überzeugen.
Oben in dem Wohnzimmer ihrer Gäste fand sie
Fran von Wildenau. Sie sagte, ihre Tochter habe
sich augenblicklich wieder erholt, sie habe sich nicht einn-

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mal entkleiden lassen. Emnanuel sei bei ihr, sie hätten
gefordert, allein zu bleiben.
Die Gräfin meinte, das sei auch das Beste. Frau
von Wildenau sprach sich gar nicht aus. Die Gräfin
bat, man möge ihr melden, wemm Konradine wieder
sichtbar sei, sie wolle inzwwischen in der Kommandantur
sich um genaue Rachrichten erkundigen lassen. Damit
zog sie sich zurück. Es war beiden Frauen daran ge-
legen, sich nicht äußern zu dürfen, dennu die Eutschei-
dung lag nicht in ihrer Hand, hing nicht von ihrem
Wollen oder Wünschen ab.

Achtzehntes Gapites
Koradine lehnte matt in ihrem Sessel. Emanuel
saß schweigend vor ihr. Sie hatte ihm die Hand ge-
reicht, auf seiner edlen Stirne lagerte ein tiefer Ernst,
die Stunde lastete schwer auf allen Beiden.
,ßergieb mir, Emanuel!? hub sie endlich an,
denn sie konnnte diese Stille länger nicht ertragen.
,ßergieb mir! Wende Dein Auge nicht so von mir!
Ich war meiner nicht Herr, es war stärker als ich!?
,Ich weiß es!k entgegnete er. ,Ich sah es. Was
ist da zu entschuldigen oder zu vergeben? Laß es
ruhen. Es ist vorbei!? Er that sich Gewalt an,
seine Stimummne, seinen Ausdruck zu beherrschen, der
Schmerz versteinerte seine Züge, aber der ganze ur-
sprüngliche Adel seines Kopfes trat um so klarer da-
durch hervor.
,Ich kann Dich so nicht sehen!! nahm sie wiedex
das Wort. ,Verdamme mich nicht, ehe Du mich ge-
hört hast. Ich war Dein, und dachte es zu bleiben.
Ich hatte abgeschlossen mit mir selbst. Erst an dem
Tage vor Deiner Ankunft trat der Prinz mit be-

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stimmnter Werbung an mich heran. Ich habe sie eben
so entschieden abgelehnt. Kein Wort von ihm hatte
mich bis dahin begehrend an die Vergangenheit ge-
mahnt, mnd ich war entschlofsen, Dir feft und treu
mein Wort zu halten =e
,Wohl Dir und mir, daß es Dir mnmöglich
ward,! fiel ihr Emanuel in die Rede, ,daß das
Schicksal Dich davor bewahrte, Dich zu erniedrigen
und mich,!
Und wieder trat das schwere, finstere Schweigen
zwwischen sie, bis Konradine, die es nicht übewwwinden
konnte, sein Leid mit anzusehen, ihre Hand auf die
seine legte mnd mit Thränen im Auge sagte: ,Ich
war Dir so von Herzen eigen, ich war gewwiß, ein
schönes, friedliches Leben an Deiner Seite zu führen;
mein Glaube an Dich, mein Vertrauen zu Dir sind
mnnbegrenzt-
,Und Du sollst Dich nicht in ihnen täuschen!r
warf er ein. ,Ich klage Dich nicht an. Ich, ich
allein bin anzuklagen für den Verstandesfehler, den
mein Herz mich hat begehen lassen. Man kann keine
Ehe aus Freundschaft schließen, wemnn man, wie Dn,
berechtigt ist, Liebe zu erwecken und zu empfangen. -
Ich hätte mich nicht verblenden dürfen über mich,
nicht glauben dürfen, daß ich dazu gemacht sei, Juugend
und Schönheit in Liebe an mich zu fesseln. Ich hätte
mir genügen lassen sollen an der Freundschaft, die Du
mwir zu bieten hattest - hätte einsam bleiben, mein
Haus und mein Geschlecht mit mir zu Grabe tragen

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sollen, wie der Fluch es prophezeit hat, der auf uns
ruht seit alter Zeit.?
,Emanuel,! rief sie, ,wprich nicht so! Wohin
verirrt sich Dein so klarer Sinnu?-
,Zu Träumen!! entgegnete er. ,Aber was ist
Traum mnnd was ist Wirklichkeit? Eine Einbildung,
ein Traum haben mich glücklich gemacht durch diese
ganze Zeit. Er fällt in Nichts zusammen vor einem
traurigen Erwachen. Dos ist nicht zu ändern. Oder
kannst Du es, kann ich es ungeschehen machen? Und
wenn wir e vermöchten, dürften wir es wünschen,
daß wir uns verbunden hätten zu der engften, imnig-
sten Vereinigung - ich in einem falschen Glauben
==- Du mit einer Liebe in der Brust, gegen welche die
mitleidsvolle Neigung-!
,Emanuel!? rief Konradine mit bittender Ah-
wehr -=
Aber er wiederholte das Wort: ,die mitleidsvolle
Neigung und die freundschaftliche Achtung, die Du
für mich hegtest, kalt' und ungenügend scheinen muß-
ten. Das Schicksal hat es wohl mit mns gemeint.
Laß uns danach trachten, seinem Fingerzeig zu folgen.!
Er erhob sich und trat an das Fenster heran.
Er wünschte, Konradinen die Thränen nicht sehen zu
lassen, die ihm in das Auge traten. Während dessen
klopfte es an die Thüre. Er rief, man solle ein-
treten. Der Gräfin Kamumerfrau fragte an, ob die
Gräfin das Fräulein sehen könne. Emanuel, ohne
Konradinen's Entscheidung abzuwarten, sagte, die
Schwester werde willkommnnen sein.

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Die Gräfin folgte der Botin auf dem Fuße.
Sie zeigte sich ruhig theilnehmend, als wäre zwwischen
den Verlobten nichts Besonderes geschehen, als handle
es sich einfach um ein flüchtiges Nebelbefinden der
Braut. Und als könne mur von einer Besorgniß für
den ßrinzen die Rede sein, sagte fie: es freue sie, -
bessere Nachrichten bringen zu können, als die hastige
Lebhaftigkeit der Generalin zu hegen erlaubt habe.
Des Prinzen Verwundung sei nicht unbedeutend, von
einer Lebensgefahr jedoch bei seiner gesunden Ratur
nicht die Rede. Man hoffe, ihn in wenig Tagen in
sein Palais bringen zu könnnen, mnd ihn in nicht zu --
ferner Zeit ganz und völlig herzustellen.
Emanuel hörte dem Berichte ruhig zu. Als die
Gräfin ihn geendet hatte, wendete er sich gegen Kon-
radine: ,Sie sehen,? sagte er, ,der erste Schrecken
hat, wie immer, übertrieben. Sie dürfen also ohne
Sorgen sein, und ich kann reisen.?
,Rdeisen? riefen die Frauen wie aus Einem
Munde. ,Dn willst fort? sezte die Gräfin hinzu.
,Konradine hat Ruhe nöthig und sie wird auch
mir gut thun!r entgegnete Emanuel.
Die Gräfin stand noch in des Zimmers Mitte.
Sie sah Konradine, sah den Bruder an; sie war sehr
erschrocken. Da sie nicht wußte, was an jenem Tage
im Garten zwwischen Konradinen und dem Prinzen
vorgefallen war, hatte sie das Zusammmnenbrechen der
Ersteren zwwar ald einen unangenehmen Vorfall, aber,
da man doch einmal vor dem Hochzeitstage stand,

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nicht als den Grund zu einer völligen Trennung an-
gesehen, auf welche Emanuel's und Konradinen's Hal-
tung doch hinzudeuten schien.
Sie war zum erstenmale fassungslos. Der Zorn -
gegen Konradine, des Bruders Schmerz, ihr verletztes
Familiengefühl und der Widerwille gegen das Auf-
sehen, welches der in der lezten Stunde erfolgte Bruch
dieser vielversprochenen Verbindung zu erregen nicht
verfehlen konnte, beftürmten sie mit einemmale. ,Ent-
scheide nicht in dieser Stunde!r bat sie den Bruder.
,Sie dürfen ihn nicht gehen lassen! mahnte sie die
in sich versunkene Konradine. Aber Emanuel beachtete
es nicht, und als wolle er einen Zeugen seines Schei-
dens von der ihm Verlobten haben, trat er rasch an
sie heran, reichte ihr die Hand und sagte: ,ieben Sie
wohllr
Da raffte Konradine sich empor, warf sich ihm
zu Füßen und seine Knie umklammernd, rief siet
,Geh' nicht so von mir, Emanuel! Du weißt es,
wie theuer Du mir bist! wie mir es das Herz zer
-reißt, Dir Schmerz zu machen; sage mir . - -
Er hob sie sanft empor, und ihr die Hand
gebend, sprach er: ,Was soll das, Konradine? Ihr
Herz wird heilen in Ihrem Liebesglückl?
,Und Du, und Du? rief Konradine.
,Ich werde mein Schicksal tragen, wie ich kannn
und muß. Leben Sie wohl!r
Sie hing sich weinend an ihn; er machte sich
sanft von ihr los, führte sie nach ihrem Sessel, und
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ihr noch einmal die Hannd drückend, sprach er mit
gepreßter Stimnmne: ,Werden Sie glücklichl?
Dannn verließ er das Gemach.
Der Nachmittag fand ihn schon auf dem Wege.
Im Hause der Gräfin ging die Dienerschaft flüsternd
und verlegen umnher.
Die Gräfin hatte den vertrauten Hausarzt kom
men lassen und lange mit ihm berathen. Vor ihm
sich weinend das Herz zu erleichtern, hatte die stohze
Frau sich nicht gescheut. Er hatte auch Frau von
Wildenau besucht und Konradinen gesprochen, die sich
auf sein Zureden entschlossen hatte, sich niederzulegen.
Ihr Zustand machte Ruhe nöthig, und sie ersehnte
die Einsamkeit des Krankenzimmners. Die Gräfin
schrieb die Liste der Personen auf, denen zu melden
war, daß ein Erkranken der Braut es nöthig mache,
die Hochzeit hinauszuschieben. Frau von Wildenau
verließ ihr Zimmer nicht, die Gräfin schrieb Briefe
bis in die späte Nacht.
Am anderen Morgen ward ihr Zimmer nicht von
Besuchen leer. Sie hielt ihnen mit großer Selbft-
beherrschung Stand, indeß in den Garderobezimmernn
der Damen fing man bereits zu packen an, und drei
Tage später brach die Gräfin auf, um ihrer Tochter
den lang versprochenen Besuch zu machen. Die Ba-
ronin und Konradine folgten ihr, noch ehe die Woche
zu Ennde war. Der Prinz war noch nicht in die
Stadt gebracht worden, aber die Nachrichten, die man
erhielt, waren günstig, seine Herstellung unzwweifelhaft.