Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 01

Erstes Gapites
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Der Brief Gabrielens, in welchem sie ihrem alten
Bekannten, dem TheaterDirektor Holm, die Anzeige
machte, daß das schöne junge Mädchen, welches er vor
einem Jahre an jenem Wintermgrgen hei ihr ange-
troffen habe, Schauspielerin'zu werdei' beäbsichttige, kam -
demselben recht gelegen. Er erinnerte sich des Vor-
ganges und des Mädchens sehr genau, und er lächelte
über die flüchtige Auskunft,' welche die gefeierte
Künstlerin neben den dringenden Empfehlungen,, ihm
über die Herkunft ihres Schüzlings zu geben für ge-
nügend gefunden hatte.
Er war erster Heldenspieler gewesen, beyor er die
Direktion des Theaters übernommen, ünd hatte auf
der Bühne und bei den Fraüen Erfolge gehabt, deren
er nicht vergessen hatte. Er kannte auf seine Weise,
wie die Welt und die Menschen, so die Frauen im
Besonderen; und er war der Ansicht, daß es unter
Verhältnissen gerathen und geboten sei, zwwischen den
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Fchriftlich auszusprechen man für nicht angemessen er-
achtet hatte. Er kannte daneben auch sein Publikum
und wußte, wie er dasselbe zu nehmen habe. Er zö-
gerte also nicht, Gabrielen der Bereitwilligkeit zu ver-
sichern, mit welcher er ihr zu dienen geneigt sei.
Die Theilnahme an dem Theater war in der alten
großen See- und Handelsstadt in jenH stillen Friedens-
zeiten eine ganz allgemeine. Die Holm'sche Direktion
stand in gutem Ansehen. Der Direktor galt dafür,
manchem Talent zu schöner Entfoltung verholfen zu
hahen, und die geselligen Verhältnisse der Stadt waren -
den Künstlern günstig. Der Adel der Provinz und des
angrenzenden Landes, welcher während des Winters
von seinen Gütern in die Stadt kam, hatte ebenso
wie die reichen Kaufherren und diplomatischen Konsuln
und Agenten seine festen Logen im Theater. DieOffi-
ziexe der Garnison, die jungen Beamten der ver-
schiedenen Kollegien und Behörden bildeten ein sehr
behbtes und dankbares Publikum. Es nahm schnell
und' lhhhaft Partei für den und jenen Küistler, aber.
es wai eben deshalb aüch nicht leicht zufriedenzustellen,
wenn es Jarauf ankam, für einen ihm werth gewor-
deten Schauspieler, den es entbehren sollte, den passen-
deh Ersatz, zu finden; und einen solchen schaffen zu.
müssen, war der Direktor gerade in dem Falle.
Die erste Liebhäberin für das ernste Fach wollte
in einigen Monaten für immer von der Bühne schei-
den. Sie war durch mehrere Jahre der unbedingte
Liehling des Publikums gewesen, hatte aber schon seit
längerer Zeit ein Liebesverhältniß mit einem reichen

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Kaufmannssohn gehabt, der sie jetzt, nach dem Tode
seiner Eltern, heimzuführen beabsichtigte. Ihr Kontrakt
ging bald nach dem neuen Jahr zu Ende, gerade in
dem Zeitpunkte,, in welchem die länger werdenden
Tage und das bessere Wetier die regelmäßigen Besucher
des Theaters von demselben, fortzulocken beginnen.
Der Direktor hatte deshalb schon seit Monaten dar-
auf gedacht, wie er durch. Gastspiele and neue Dar-
bietungen den eigentlichen Stamm der Theaterfreunde
auch über diesen Zeitpunkt, hinaus in dem Interesse
für das Theater' festhalten könnte. - Eine junge An-
fängerin vorzuführen, welche Gabriele ihm als sehr
talentvoll schilderte, die von ihr empfohlen, die neben-
her ihr ähnlich und sehr schön war - etwas Anziehen-
deres konnte er sich gar gicht wünschen. Er entschloß
sich also, gegen seine, sonstige,öeschäftspraxis, das An-
erbieten, -welches man ihm machte, ohne Vorbehaltung
anzunehmen.
Er schrieb noch in derselben Stunde, in welcher
er Gabrielens Brief empfangen hatte, um Hulda zu
benachrichtigen, daß sie sich auf die Reise machen möge,
da er in Folge derFFürsprache ihrer Beschüzerin, nicht
abgeneigt sei, sich ihrer Ausbildung zu unterziehen,
falls ihr Talent sich ausreichend erweisen und ihr Fleiß
seine Bemühungen zu lohnen versprechen sollte. Er
gab ihr dabei, an, wie sie ihre Reise einzurichten habe,
meldete, daß er zu jhrer Ankunft eine Wohnuung für
sie vorbereiten wolle und sagte ihr Alles, was sie sonst
noch wissen mußte. Wie er dann aber ihren Namen
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auf die- Adresse schreiben wollte, welche -- Gabriele
ihm -angegeben hatte, fiel ihm der prosäische Klang
desselben auf, und er hedeutete ihr noch sofort, daß sie
ihren bisherigen Namen auf der Bühne ahgulegen, und
einen wohllautenderen dafür zu- führen haben werde.
. - Bei der Probe am Vormittag zeigte er sich sehr
wohl aufgelegt. Er sprach mit dem Regisseur von dem
bevorstehenden Eintreffen einer sehr viel versprechenden -
Aspirantin, von, deren Erwerbung er bisher geflissent-
lch geschwiegen habe, obschon seit Jahr und Tag sein
Aügenmerk auf sie gerichtet gewesen sei. Er scherzte
Aiit der ersten Liebhaberin, in welcher er jetzt bereits
die Lünftige Frau des reichen Kaufherrn zu verehren
ainfing, darüber, daß jie nur noch die Zeit nützen solle,
sich in dem Gedächtnisse ihrer Bewunderer festzusetten,
denn er habe eine Nachfolgerin für sie in Aussicht, die
zunächst durch ihre jugendliche Schönheit dem Anden-
ken an sie gefährlich werden könne. Er ließ sich aber
itichtBewegen, weder dein Regisseur noch Feodoren den
Nameit' der' Erwarteten, oder'irgend etwas Näheres
Aber=ehre Verhältnisse mitzutheilen; und eben weil' er
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dienlngelegeiheik mit kuFer Berechnuung als ein Ge-
heimiitiß behandelte, sprach man davon am Abende
in,' den' Garderoben wie in den Koulissen, -und gleich
an dem- nächsten Tage war unter: den täglichen Be-
suchern des Theaters- schon davon die Rede, daß der
Direktor irgend etwas mit -der Einführung einer neuen
jungen Schauspielerin im Sinne häbe, das er sonder-
barerweise geheimnißvoll' behandle.

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Als der Direktor in das Kaffeehaus an der Pro-
menade kam, in welchem man die Zeitungen zu lesen
pflegte, fand er zwwei der eifrigsten Verehrer Feodoren's
an einem der Tische sitzend. : Der Eine war ein
reicher Land-Edelmann, der: den Winter immer in der
Stadt zubrachte, der Andere einer der beliebtesten
erzte der Stadt, der in seiner Jugend. Theater-Arzt
gewesen und aych später mit dem Theater, für, das er
eine große Vorliebe besaß, noch immer im Susammen-
hang- geblieben war.' Sie waren Beideunverheirathete
Lebemänner, Beide noch in dem -Alter, das sie bei den
Frauen wohlgelitten machte, und da sie neben ihren
Fachkenntnissen ästhetische Bildung -und künstlerischen
Geschmack besaßen, zählten sie in Allem, was sich auf
die Künste, besonders aber: in demjenigen, was sich
auf das Theaters bezog, zu den Autoritäten, auf die
man sich berief. Ihr Schweigen oder ihr Beifallspenden
war von Einfluß auf das Schicksal:eines Stückes, wie
auf den Erfolg eines neuen oder eines gastirenden
fremden Schauspielers.
Auch hatte man kaum -die ersten Grüße und
Worte mit einander gewechselt, als Herr von Hoch-
brecht die Frage aufwarf, was es denn -mit dem Ge-
rüchte auf sich habe, von den ihm Feodore heute ge-
sprochen, als er ihr nach der Probe aufgewartet habe.
,Wollen Sie damit den. Eifer ,er Eifrigen anspornen,
so haben Sie das nicht nöthig,! sagte er, ,denn Feo-
doren's Ehrgeiz war nie reger, als eben jetzt, weil es.
sie danach verlangt, als der fortdauernd gefeierte
Günstling des Publikums von der Bühne zu scheiden.?



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,Wäre es auch nur,! sezte der Doktor mit sei-
zem sarkastischen Lächeln hinzu, ,um ihren Gatten
lebenslang daran erinnern zu können, welchen Trium-
phen sie um seinetwillen entsagt, und nche Huldigun-
gen er ihr dafür als Ersaz zu gewähren habe.! -

Der Direktor aber versicherte, daß hier weder
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von einer Kriegslist noch sonstigem heimlichemAntreiben
die. Rede' sei. Er habe natürlich seit lange auf eine
künftige'Stellvertreterin für Feodore denken' müssen,
und da die unselige deklamatorische Schule, welche die
-Bühnen mehr und mehr zu beherrschen anfange, kaum
ein Subjekt finden lasse, das Feodoren in ihrer natür-
Lichen Grazie zu vergleichen sei, in welcher doch gerade
der Reiz: bestanden habe, den sie namentlich in ihrer
ersten Zeit für den gebildeten Theaterfreund gehabt,
so habe er sich unter der Hand fortdauernd nach einer
Fungen Perssn umgethan, die er sich heranbilden und
allmälig in die Rollen einführen könne, welche durch
Feodoren's Abgang neu zu besetzen sein würden. -
,Und dieses Mädchen glauben Sie nun auf-
gefunden zu haben? fragte Hochbrecht.
- ,Ich kann, kaum sagen, daß ich es gefunden habe,!
entgegnete' der Direktor. ,Es ist mir ohne alle mein
Bemühen zugekommen wie ein Vogel, der uns in' das
Renster fliegt.
. Als darauf die beiden Anderen wissen- wollten,
was damit gemeint sei, erzählte er ihnen, wie er die
junge. Person vor einem Jahre bei Gabrielen ange-
tröffen,,habe, und daß schon damals für sie die Rede
von einer theatralischen Laufbahn gewesen sei. Man

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fragte, wo sie her stamme. Der Direktor sagte, sie sei
in einem Pfarrhause auf dem Lande herangewachsen
und erzogen.
, Und ist es ein hübsches Mädchen?! erkundigte
fich Hochbrecht.
, Eine Schönheit!r versicherte der Direktor, wäh-
rend er, um seiner Versicherung Ausdruck zu geben,
seine Finger küßte und in die Luft warf. ,Eine Schön-
heit ersten Ranges, für die Bühne wie geschaffen.
Groß, stohzer Nacken, schöne Büste, hellblond, mäch-
tige Augen - die ganze Mutter.!
,Sie kannten die Eltern' also? fragte Hochbrecht.
, Nein! Das Mädchen ist verwaist.r?
,,Aber Sie erwähnten , doch eben erst der auf-
fallenden Alehnlichkeit zwischen der Tochter und der
Mutter!' erinnerte der Doktor.'
, Bewahre!! rief der Direktor. ,Ich habe die
Eltern nie gesehen!r Und da nun die Freunde, deren
Neugierde rege geworden war, in ihn zu dringen an-
fingen, versicherte er mit- dem Tone eines Mannes,
der sich über eine von ihm begangene Ungeschicklichkeit
ärgert, er begreife nicht, wie er zu dem Worte ge-
kommen sei, es müsse ihn'wwie eine landlääufige Redens-
art über die Lippen geschlüpft sein. Er habe gar keine
Kenntniß von des Mädchens Herkommen, als die-
jenige, welche er von Gabrielen erhalten habe, die
dessen Beschüzerin mache. -
,Wem aber sieht sie denn ähnlich? erkundigte
sich Hochbrecht,' der ßicht -leicht von-einer Sache ab-
zubringen war, die er sich in' den Sinn gesetzzt hatte.

, öahteleg!'' sagte der Direktor, als habe er das
porher, schon gesggt -

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Die Freunde lächelten verständnißvoll. Der Di-
,rehgx jndessen, meate, dabej sei wixklich Rgs zum
Lachen. Er könne auf seine Ehre betheuern, daß jene
Eegeweggg;ggrFchts habe sagen fgllen odgr-können.
Egzgissß;nicß, ißnal,. pie, Gghrjele selber mnt dem
Mädchen hekannt geworden se. Indeß die Aehnlich-
Fejt, desselbenn, mit seiner Beschüyexin sei, wirklich über-
-raschend.. , ßr verguthe alss, Ggbriele sei, ehen durch
,diese von ihr bemerkte, ehnlichkeit, auf Hulda auf-
merksgm,ggwenßen,- denn sie selber sei -es gewesen, die
ihn auf dieses eigenthümliche Spiel des Zufalles hin-
ggwiesen hahe. -
- ,Flug und voraussichtig pon beiden Seiten!?
scherzte der Doktor mit jener leichten Neberlegenheit,
wpelche, er gje Anderen inmex fühlen -zu lassen wußte,
ehge ßße,;soz stark zu, betonen, daß sie ihnen lästig
werden Jonnte. Und dem Direktot auf die Schulter
Aopfend, fügte ex, hjnzu; ,So schlingt ein Mann, der
n dex Schule; der, rauen dgs Schweigen lernte, wenn
es, sein,gnuß,. das eigene Woxt' hinuunter, um seine Jn-
iskxetign-zu;verhergen. ; Also seien Sie ganz unbe-
Forgt.. Sie; haben Nichts gesagt, wir hahen Nichts ge-
Ihört, und, Ihre;junge Schönheit debutirt für- uns wvie
Hür das Publikum als die schöne Unschuld aus dem
Pfarrhause.!
-- - ;Man gefiel, sich in, dem scherzenden Gespräche und
kam dghei guf die Art und Weise zu reden, in welcher
früher die Heränbildung für die Bühne erfolgt sei.



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Man wwerglich -Fie, mit den blichh ggewordenen Ein-
studiren einzelner -Pargdexollen; und erst als man sich
trennte, fragteHochbrechtgyn,den Namen, der Erwarteten.
Das; mahnte gen-äirektor,, an den? Ramens-
wechsel, zu dem er Huldaf ergnlassen lwollte, und
ohne sich, zu- fragen, oh sie mit dem -ßerfahren ein-
verstanden, ob ie. geneigtzseinzwerde, ihren ehrlichen
Vaternamen abzulegen, nannte; er- mit, der dreisten
Entschlossenheit, die ihn in seinem Leben schon äber
manche Bedenklichkeit mit Erfolg hinwweggehoben hatte,
den Namen einer glten;SSchauspielerFamilie, die,: weit
verzweigt, seit nahezuz einem Jahrhunderte ihre An-
gehörigen äuf vielen Thegtern hatte, und mit- der von
Seiten ihrer Mutter; auch. ahriele -zusammenhing.
Der Name hatte für diesen Fall-den-Vorzug, kein
ungewöhnlicher zu sein, so daß man auch zufällig
darauf verfallen konnte, ihn anzunehmen, wenn man
sich zu verbergen wünschte. Er klang in der Su-
sammensetzung mit , Hulda! dem Ohre angenehm, er-
weckte, wenn eine Schauspielerin ihn fährte, ein gün-
stiges Vorurtheil, und der Direktor meinte Hulda
leichtlich davon überzeugen zu können, daß sie ihrer
Beschützerin ein Zeichen ihrer Dankbarkeit gebe, wenn
sie sich unter die Aegide ihres mütterlichen Familien-
namens stelle. -
Welche Schlässe die Welt bei Hulda's Aehnlichkeit
mit Gabriele etwa dargus ziehen könne, daß das Mäd-
chen eben diesen Namen führte, das kam dabei für
den Direktor gar nicht in Betracht. Mochte man sich
die Sache zurechtlegen wie man eben wdllte. Der Reiz

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Ziße ermutheten Geheimnisses konnte der Debutantin
zFFch zes Direktors Menschenkenntniß nr zugute
-hmmmnen1 -Fr bemyfahl' natürlich den Theaterfreunden,
Abeifbie! Sache vorläufig noch zu schweigen. da gggn
exshZehen-müsse, was sich aus dem Mädchen maähen
llsß,;Setnännten das Belde selbstverständlich. Aber
ogsßFGeFtEr=ygr in jenen Tagen politischer Windstille
wcFgschländ»die große Angelegeiheit der gebildeten
eglschaftj'ügd -noch ehe zwwei Tage hingegangen
wgreßgnsprach- man in allen Eirkeln der Stadt von
eööPßkgnft eiter- schönen, jungen Debutantin, und
guuFfökanfsießundihre Hetkunft Vermuthungen, die
chiEg,Gerüchte umgewandelt, und bald als That-
emetzähltzznd angenommen wurden.
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