Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 19

eunzehntes Gapites
Die Gräfin hatte schon lange bei ihrer Tochter
geweilt, Frau von Wildenau und Konradine hatten
sich für den Sommner absichtlich in einem der besuch-
testen Badeorte niedergelafsen, in welchem sie vielen
Bekannten zu begegnen hoffen durften, um auf die
Weise den etwa in Umlauf gesetzten Gerüchten per-
sönlich entgegentreten zu können, und des Prinzen
Kopfwunde war lange schon geheilt, als man sich in
der Provinz, in welcher die gräfliche und die Familie
der Freiherren von Falkenhorst zu Hause waren, noch
immner mit dem plözlichen Bruch von Baron Ema-
muels Heirath beschäftigte, über dessen Anlaß mamn all-
mälig das Richtige zu vermuthen und zu erfahren
angefangen hatte.
Aber was die Gesellschaft der ProvinzialHaupt-
stadt und die mit Emanuel oder mit Konradinen ver-
wandten und bekannuten Adelsfamilien in Erstaunen
gesezt, was für einige Zeit ihre Reugier erregt, ihr
Urtheil herausgefordert, davon hatte man in der
Welt, in welcher Hulda lebte, Nichts erfahren. Nur

B
von dem Unglücksfalle, welcher den ßrinzen betroffen,
hatten die Zeitungen ausführlich berichtet.
Hulda hatte das gelesen, wie man derlei zu lesen
gewohnt ist. Sie wußte von dem Prinzen Nichts als
seinen Namen und daß er mit einer Nichte des Herr-
scherhauses vermählt gewwesen war, die ein früher Tod
hinwweggerafft hatte. Von seinem Zusammenhang mit
Konradinen hatte sie nie etwwas gehört; und da bald
nach der Stelle, in welcher sie jene Nachricht in der
Zeitung gesehen, eine Theaterkritik begonnen hatte, die
zum Theil auch ihr und ihrem ersten Auftreten in
einer neuen Rolle gegolten, war der Unglücksfall des
Prinzen um so unbeachteter von ihr geblieben.
Jahr und Tag waren danach vergangen, ohne
daß irgend eine auf Emanuel bezügliche Kunde zu ihr
gedrungen wäre. Da erwähnte der Doktor, während
er der Ordensverleihungen gedachte, mit welchen bei
Anlaß eines glücklichen Ereignisses in der königlichen
Famnilie ein paar geachtete Beamte der Provinz aus-
gezeichnet worden waren, ganz beiläufig, der König
habe an dem nämlichen Tage auch eine ehemalige
Stiftsdame, ein Fräulein Konradine von Wildenau,
in den Grafenstand erhoben, um ihrer Vermählung
mit dem verwwittweten Gatten seiner Nichte, mit dem
Prinzen Friedrich, eine shicklichere Form zu geben.
,Wen,? rief Hulda, ihrem Ohr nicht trauend,
,wen hat der König in den Grafenstand erhoben?
,Eine Stiftsdame Konradine von Wildenau!r
wiederholte der Doktor gleichmnüthig.

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,Unmöglich! rief Hulda, ,Kontadine von Wil-
denau ist ja die Gattin des Freiherrn von Falken-
horst.
Der Doktor besann sich einen Augenblick. ,Wie
ist mir denn? sagte er, ,mich dünkt, ich habe von
dem Abenteuer einmal reden hören. Es handelte sich
um eine rückgängig gewordene Verlobung, um eine
Untreue oder so Etwas. So viel jedoch weiß ich ganz
bestimmt, der Besizer der Falkenhorst'schen Güter,
Emanuel Falkenhorst, der Majoratsherr, ist nicht ver- .
heirathet. Jemand, der in jenen Gegenden zu Hause
ist, sprach erst neulich bei einem Mittagbrod davon,
daß das Geschlecht mit Baron Emanuel zu Ende
gehen und die Güter an die weiblichen Erben fallen
würden, falls Jener, der ein Mann von etwa vierzig
Jahren sein mmuuß, sich nicht verheirathen sollte. Woher
aber kemnen Sie und was wissen Sie von der künf-
tigen Prinzessin Friedrich? setzte er hinzu.
Hulda gab eine flüchtige Antwort, mit welcher
der Doktor leicht befriedigt war, aber die Nachricht
kam ihr lange nicht aus dem Sinne, und sie wußte
nicht, ob sie sie schmerze, ob sie ihr willkommen sei.
Stand doch das Eine fest, Emanuel hatte auch nach
der Löfung seiner Verlobung ihrer weiter nicht gedacht,
er hatte sie aufgegeben, fie vergessen; mnd was sie bei
diesem Gedanken in sich auch durchzukämpfen hatte,
in ihren äußeren Lebensverhältnissen brachte es keine
Aenderung hervor.
Sie hatte sich mit den Jahren in ihre neue
Stellung eingewöhnt. Ihre Aufgabe war ihr deutlich

A5s
gewworden, ibr wachsender Erfolg hatte ihr Selbft-
gefühl gehoben. Das Publikum, vor dem sie spielte,
wendete ihr seine volle Gunst zu, der Direktor und
der Regisseur wußten, was sie einer Bühne werth
war, und daß man auf ihr Fortschreiten mit Sicher-
heit zu rechnen habe, weil eine nicht gewwöhnliche Bil-
dmnng und edle Gesittung allen ihren Leistunugen eine
höhere Bedeutunng, einen eigenthümlichen Adel verlieh.
Sie kamen ihr also Beide mit großer Geflissenheit
entgegen. Es lag ihnen daran, das schöne, begabte
Mädchen, auf welches man in Folge der ihm günstigen
Kritiken bereits an anderen Orten aufmerkHam gewwor-
den war, der Holm'schen Gesellshaft zu erhalten, mnnd
es waren Hulda schon von verschiedenen Seiten Ap
träge zu Gastvorstellungen zugegangen. Selbst ein
Auftreten auf dem Hoftheater der Residenz stand ihr
in Ausficht, seit ein älterer Charakterspieler der könig-
lichen Bühne sie bei seinem Gastspiele in der Holn'-
schen Gesellschaft hatte kennen lernen.
Ihre Einsicht hatte sich erweitert, ihr Verstaaud
entwickelte sich selbstständiger, ihr Verlangen, sich zu
bilden, wuchs mit dem Bestreben, sich und Anderen in
der jedesmaligen Aufgabe genng zu thun, die vor ihr
lag. Die redliche Pflichterfüllung, zu welcher fie in
ihrem Vaterhause erzogen worden war, kam ihr als
Künstlerin in hohem Grade zu statten, dennn keine
Kunst kann des stillen, geduldigen Fleißes entbehren,
der sich von ketnem Erfolge verblenden und in der
beharrlichen Arbeit nicht irre machen läßt. Der un
bestimmte Idealidmuus, an welchem sich in dem welt-

B
abgeschiedenen engen Pfarrhause Hulda's Sinn er-
hoben hatte, war zu einer bewußten Begeisterung für
ihre Kunst geworden.
Sie empfand es als ein Glück, wenn es ihr ge-
gönnt war, die schönen Gestalten zu beleben, welche
die großen Dichter, der Menschheit als ihr Erbe hin-
terlassen haben. Sie hatte ihre Freude daran, wenn
sie im Cowversationsstücke die anmmuthige Sicherheit
ihrer Haltung geltend machen konnte, wenn sie es
darzuthun vermochte, wie fein und scharfsichtig sie in
die Seelenzustände der Personen einzudringen wußte,
die sie vorzustellen hatte; und sich in gewählter Klei-
dung vor dem Publikum sehen zu lassen, zu wissen,
daß ihre Schönheit sich in vortheilhaftestem Lichte
zeige, daß sie bewundert werde um dieser ihrer Schön-
heit willen, das war ihr allmälig auch zu einem un-
entbehrlichen Genuß, der Beifall des Publikums zu
einem Bedürfnisse geworden. Ihr Ehrgeiz, ihre Eitel-
keit waren groß und rege. Das verhältnißmäßige
Wohlleben, dessen sie genoß, selbst die Art von Frei-
heit, welche ihre Stellung ihr geftattete, hatten Reiz
für fie gewomnen, und weil ihr Sinn rein und allem
Niederen abgewendet war, hatte sie es gelernt, die
Theilnahme der Männer, mit denen sie verkehrte, an
sich zu fesseln, ohne ihnen mehr zuzugestehen, als
Frauen der gesitteten Stände, unter dem Schutze
ihrer Väter unnd Gatten den Männern einzuräumen
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Ihre Freunde ließen sie demn auch als eine be-
Fanny Lewwalp, Die Erlöserin. I.

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begehrliche Leidenschaft sich nur schwer in ihren
Schranken - hielt, hatte sich allmälig darein gefunden,
von ihr nicht mehr Begünstigung als Andere zu
erfahren; und Hulda hätte in den gegebenen Ver-
hältnissen es besser nicht verlangen können, hätte sie
es mur mit sich, mit der Kunst und mit ihrem
Publikum zu thun gehabt. Aber der Gunst, welche
sie auf der Bühne shön und warm begrüßte, stand
die Mißgunst schroff entgegen, mit welcher man sie
hinter den Coulissen ansah.
Ihr rasches Emporkomnmnen, ihr ungewöhnlicher
Erfolg hatten alle jene Mittelmäßigen uner ihren
Kollegen gegen sie eingenommen, welche jedes sieg-
reiche Aufsteigen eines Lebensschicksales als eine ihnen
zugefügte Beleidigung empfinden, alle diejenigen, denen
es eine Genugthuung gewährt, an dem Emporkom-
mendeu zu zerren, um ihn dadurch womöglich zurück-
zuhalten, und die eine Befriedigung genießen, die sich
gehoben fühlen, wenn es ihnen möglich wird, das
Gute und das Bedeutende hinabzuziehen in den
Staub, aus dem sie selber sich emporzuschwingen nie
vermögen.
Die jugendlichen Liebhaberinnen zweiten und
dritten Ranges, die es erwartet haben mochten, die
Erbschaft Feodorens sowohl in ihrem Rollenfache als
in der Gunst der Zuschauer wie der Kritik wenigstens
theilweise und allmälig anzutreten, waren durch Hulda
um ihre Hoffnungen betrogen worden. Sie hatten
sich also mit einer Art von Raturnothwendigkeit der
Delmar zugesellt und mit ihr Partei ergrißfen gegen

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Feodorens Schüzling, gegen Hulda. Denn die Delmar
hatte es Hulda nicht vergessen, daß sie um ihretwillen
bei Anlaß ihres ersten Auftretens, durch Feodore eine
Kränkung in ihrer Künstlerehre hatte erleiden müssen.
Sie komnte es nicht verschmerzen, daß man sich, wenn
immer sie die Gräfin Terzky, die Orfina, die Lady Mil-
fort spielte, der verhaßten Nebenbuhlerin mit Bewun-
derung ertmnerte, noch weniger verzieh sie's Hulda,
daß Lelio ihr ein Freund geworden war. Wo man
aber auf der Anderen guten Willen so unabweislich
angewiesen ist, wie bei dem Zusammenwirken auf der
Bühne, fällt es der Mißgunst leich, emppfindlich z
behindern und zu kränken.
Heute war es eine anscheinende Achtlosigkeit, mit
welcher man Hulda geflissentlich die Wirkung einer
Scene, eines Abganges störte, und morgen machte die
Delmar, mit welcher sie das Garderobezimmer theilte,
es ihr durch irgend eine kleine Tücke fast unmöglich,
im rechten Augenblicke auf der Scene zu erscheinen.
Bald ließ man es sie fühlen, wie man sie immer mur
als eine Amfängerin geringschätze, bald wieder behaw
delte mann sie mit einer so spöttischen Verehreng, daß
Hulda sich es nicht verbergen konnte, wie man ihr
damit Andeutungen mache, die sie nicht beachten durfte,
wenn sie sich selber nicht zu nahe treten wolle.
Alles, was ihr redlicher Fleiß, was ihr braves,
sittliches Verhalten ihr eingetragen hatte, des Direktor
Zufriedenheit, die Rücksicht, welche der Regifeur auf
sie nahm, die Gunst, welche das: Publikumn ihr ge-

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währte, das Zutrauen, welches ihre Freunde ihr be-
wiesen, die keinen und großen Aufmerkankeiten, die
Geschenke, welche die Galanterie ihr je bisweilen dar-
zubringen liebte und die zurückzuweisen nicht in ihrer
Macht stand, selbst die günstigen Beurtheilungen, mit
denen die Kritik ihrem Vorwärtskommen folgte, das
Ales sollte nach den Andeutungen ihrer Gegnerinnen
von ihr in einer Weise herausgefordert und belohnt
sein, an welche nur zu denken ihr das Herz empörte.
Mau blickte sich über die Schultern an, wenn
ihr für die historischen Stücke neue Costüme zugestan-
den wurden. Man lächelte über die plözliche Ver-
schwendungslust des Direktors, der sich daarin gefiel,
seine neue Berühmtheit herauszuputzen, demn man wollte
es nicht sehen, daß für Hulda's große mnnd üppige Ge-
stalt die Gostüme Feodoren's nicht wohl zu verwenden
waren. Man machte seine Bemerkungen darüber,
wennn Lelio besondere Leseproben mit Hulda hielt, um
sich zu versichern, daß sie in seine Absichten so sicher
als früher Feodore einzugehen wisse; und mancher
hämische Blick, manuch böses Wort, das zu hören sie
nicht vermeiden komnute, traf Hulda bis in das Herz,
wenn eben erst der Beifall es in freudiger Aufwallung
erschlossen hatte.
Ihre Versuche, sich mit ihren Gegnerinnnen zu
verständigen, zu versöhnen, waren nicht geglückt. Ihr
guter Wille, durch Rücksicht und Gefälligkeit sich Wohl-
wollen zu erwmerben, blieb unbeachtet, wenn man ihn
irgend unbeachtet lassen konnnte. Mau sah in ihrer
Zwworkommuenheit das Eingeständniß ihrer Verein


samung, welche fie recht empfinden zu lassen man sich
angelegen sein ließ. Und doch mußte jede ihrer Geg-
nerinnen es sich sagen, daß Hulda, als sie in die Ge-
sellschaft eingetreten war, im entferntesten nicht daran
gedacht hatte, die Stellung zu beanspruchen oder ein-
zunehmen, auf welche ein Zusammenwirken der Ver-
hältnisse sie sofort gehoben hatte.
So lange sie noch an eine Abhilfe dieser Miß-
stände geglaubt, hatte sich Hulda gegen ihre näch-
sten Bekamnten über dieselben wohl beklagt. Der
Doktor hatte sie dafür gescholten. ,Eine gütige Fee
hat Ihnen die Gabe siegreicher Schönheit und noch
dazu eine anerkennenswerthe künstlerische Begabung
als Pathengeschenk in die Wiege gelegt,! sagt er.
,Sie finden die Männer bereit, Ihnen zu huldigen,
wo immer Sie erscheinen, und Sie verlangen nach
der Freundschaft untergeordneter Frauenzimmmer. Das
ist ein krankhaft unmäßiges Gelüsten! Man muß
genügsam sein, mein Kind!?
Hochbrecht und Philibert nahmen die Sache aus
einem anderen Tone. ,Sie schildern die Liebe, die
Leidenschaft, daß Sie rühren und die Herzen über-
wältigen,! meinten fie, ,und Sie wollen, daß talent-
lose Frauenzimmer Ihnen glauben: all dies Kömnen
und Erkennen sei ein Werk der ßhantasie, sei nicht
Folge des Erlebens und des Wissens. Dazu müßten
die Anderen ja Ihre Phantasie besitzen. Sie haben
sich nicht zu beschweren. Wir allein sind dabei zu
beklagen, denn man hält uns für glücklicher, als wir
wirklich sind.

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Aber weder die Menschenkenntniß des Doktors,
noch die galanten Scherze ihrer anderen Freunde
konnten Hulda dahin bringen, sich mit dem eigewt-
lichen Theaterleben, mit dem heimlichen Getriebe der
gegenseitigen Ausforschung und überwachenden Reu-
gier, mit den vielfach sich verschlingenden Wegen aus-
zusöhnen, auf denen kleinliche Eitelkeit und beschränkte
Selbstsucht ihre wechselnden Absichten und Zwwecke zu
erreichen suchten.
Ess widerte sie an, sich Gesinnungen und Plane
angedichtet zu sehen, von denen keine Spur in ihrer
Seele war. Sie dachte nicht daran, sich nach Feo-
dorens Beispiel einem reichen Lebemamne wie Phili-
bert zn verbinden, noch hatte sie's im Sinne, die Er-
oberung von Lelio zu machen. Denn wie die immer
neuen Aufgaben ihres gegenwwärtigen Lebens ihre Zeit,
ihre Kraft und ihr geistiges Vermögen auch in An-
spruch nahmen, in dem Innersten ihres Herzens be-
wahrte sie Erinnerungen, die Nichts gemein hatten
mit ihrer Gegenwart, und in die sie sich, ohne es zu
wollen, flüchtete, wemnn Tag und Stunde sie hart be-
rührten und ihr zu tragen schmerzlich wurden.
Oftmals, wenn sie Somntags in der Frühe die
Fenster ihres Zimmers öffnete, und die Gipfel der
Bäume von der Promenade sich im Winde wiegend
hoben und senkten, wenn der Vogelsang durch die
Stille zu ihr hinüberönte und das Geläute der Glocken
die Gemeinde in die Kirche rief, kam eine Sehnsucht
über sie, die ihr zugleich wohl und wehe that.

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Weitweg von der Rolle, welche sie durchging, um
ihrer in der Probe sicher zu sein, wanderten dann
ihre Gedanken in die Heimat und in ihre erste Igend
zurück. Sie sah sich in dem engen Vaterhause, sie
hörte den Sand im Flure knistern unter ihrem Fuß-
tritte, wenn sie hinabkam aus ihrer kleinen Kammer,
die Flechten ihres Haares schlicht um das Haupt ge-
legt, in dem knappen, jedes Schmuckes baren An-
zuge, die Mutter zu erwarten und mit ihr dem Vater
in die Kirche zu folgen, in der er in seines Herzens
erhabener Einfalt das Wort Gottes an der Stelle ver-
kündigen sollte, an welcher seine Väter es vor ihm
verkündigt hatten. Sie saß wieder in der Kirche, wie
in jenen Tagen, an der Mutter Seite, sie fühlte wie-
der den frischen Hauch des Meeres hineinziehen durch
den niedergelassenen Vorhang an der Eingangsthür.
Sie sah sie wieder um sich, die harten, von der Arbeit
gefurchten, von der scharfen Luft verwitterten Gesichter
der Männer und der Frauen, die rothbackigen, weiß-
blonden Knaben und Mädchen, und das junge Volk
und die Gutsbesizer aus der Rachbarschaft, die Alle
von ihr wußten, die Alle sie kannten und Gutes von
ihr hielten, weil sie des Pastors Hulda war. Wie
ihre Brust nach frischer Luft in Gottes freier Natur,
wie nach dem Hauche des Meeres, an dem sie auf-
gewwachsen war, so sehnte sie sich dann zurück in jene
Tage, und immer klangen ihr dann die Worte Goethe's,
sie bis zu Thränen rührend, in dem Herzen wider'
,In diesor Armmuth welche Fülle!?


Anfangs hatte fie, wenn der Dienst sie frei ließ,
wohl in die Kirche zu gehen versucht. Aber in dem
großen, weiten Raume, in welchem Alles ihr fremd
war -und Niemaud sie kamnte, hatte ihr Sinn sich
nicht zu sammmneln vermocht. Ihr war bange zu Muthe
geworden, dennn gerade in der Gemeinde, in welcher
die Anderen ihre Verbindung hatten, war ihr Allein-
sein, ihr Verlassensein, ihr mehr als in ihrer Häus-
lichkeit fühlbar und traurig bis zur Angst gewworden.
Später, als man fie auf der Bühne kennen gelernt,
hatten die neugierigen Blicke, welche sich auch in der
Kirche auf sie richteten, sie unruhig gemacht und sie
zerstreut. Es war ihr unmöglich gewesen, der Predigt
zu folgen, wie fie ihres Vaters Rede gefolgt war;
nicht einmal stille zu beten war sie im Stande ge-
wesen. So war fie endlich - selbst wenn sich die
Zeit zum Kirchenbesuche einmal gefunden hatte -=-
von der Kirche fortgeblieben, und Niemandem war
das aufgefallen, denn ihre Wirthin und Beate hielten
auch vom Kirchengehen nichts, und die Personen, mit
denen fie verkehrte, waren alles andere, nur nicht
kirchlich. Sie vermißte auch nach Monaten die sonn-
tägliche Andacht nicht mehr. Hatte sie die Kirche doch
auch manchmal versäumen müssen, während sie im
Schlosse gewesen war, und der Vater selber hatte sie
dann auf ihr Gebet im stillen Kämwmuerlein verwwiesen.
Aber auch das Gebet versagte sich ihr mur zu oft,
wenn sie Abends mit aufgeregten Sinnen, vom Er-
folge berauscht, oder über irgend eine Störung zornig
und erbittert, mit den Einzelheiten der Vorstellung,

Ass
mit persönlichen Ereignissen und Begegnungen noch in
der Erinnerung beschäftigt, von dem Gedanken an die
nächste Vorstellung hingenommen, endlich mit bebenden
Rerven, aufgeregt und müde ihr Lager suchte. -
Sie faltete die Hände und - die Schleppe fiel
ihr ein, welche der Theaterschneider ihr anzuprobiren
hatte. Sie wollte sich und die Gedanken prüfen, die
am Tage durch ihren Geist gegangen waren, aber sie
mochte nicht zurückkommen auf das Unangenehme, das
so mancher Tag ihr brachte, und wenn die Worte des'
Gebetes mechanisch über ihre Lippen glitten, ohne daß
ihre Seele daran Antheil hatte, graute ihr vor diesem
hohlen Gottesdienst. Es war ihr, als kniete sie wie
das arme Gretchen einsam an dem einsamen Altar,
als hörte sie ihres Dgmons Stimme die Worte rufen:
,Wie anders, Gretchen, war dir's,
Als du noch voll Unschuld
ßier zum Altar tat's,
Aus dem vergrifffnen Büchelchen
Gebete lalltest,
Halb Kinderspiele,
Palb Gott im Perzen!k
Danmnn schlang sie ihre Hände fest, ganz fest zu-
sammen, damn dankte sie Gott, daß ihr Herz noch
rein, ihre Seele noch schuldlos war, damn dachte sie
mit tiefer Liebe des todten Vaters, der auf dem klei-
nen Kirchhof ihrer Heimat ruhte, und der treuen
Mutter, die der Meeresgrund verschlungen hatte, und
ihr ganzes Gebet drängte sich in das Flehen zusam-
o

L6s
men: ,Führe mich nicht in Versuchung und bewwahre
mich vor dem Nebel!?
Sie hatte außer diesem heiligen Verlangen sonft
nicht viel zu wünschen. Ihr ehrgeiziges Vorwärts-
streben - und darin war neben der Liehe für die
Kunst auch viel Eitelkeit verborgen -- gehörte nicht
vor das Ohr des Herren. Für wen aber hatte sie
sonst zu wünschen und zu hoffen und zu beten, als
für sich allein?
Ihre Eltern hatte fie verloren, ihr Vormnund
hatte sich von ihr abgewendet. Er schicte ihr halb-
jährig, ohne ihr ein Wort dabei zu schreiben, die
wenigen Thaler, die sie von dem kleinen Kapital,
welches Miß Kenney ihr vererbt, als Zins bezog, mnd
ließ ihre Dankesbriefe völlig unbeachtet. Von dem
Pfarrer, von der gräflichen Familie hörte und erfuhr
sie Nichts. Der Einzige, an den sie dachte bei
allem ihrem Thun, der Mann, auf den sie des Him
mels ganzen Segen herabzubeschwören wünschte, wie
weh er ihr auch gethan und wie hart er in ihr Schicksal
eingegriffen hatte, Emanuel bedurfte ja ihrer Segens-
wünsche nicht und nicht ihres Gebetes, demnn er muußte
ja wohl glücklich sein! glücklich ohne sie und fern
von ihr. - Und doch war er bei ihr, doch lebte ste
im sein Gedenken.
Alle die Töne der beseligten Liebe, alle die Töne
der Trauer, mit denen sie die Herzen ihrer Hörer er-
schütterte, ihm verdankte sie sie, er hatte sie in ihr
erweckt.

ww -
Ra
An ihn dachte sie, wenn das Unedle an sie heran-
trat, sein sanfter Ernst, seines Wesens edle Gefittung,
sein Glaube an ihrer Seele Reinheit, standen als
Hüter an ihrer Seite und wachten über sie in jedem
Augenblick. Ob sie ihn wiedersehen würde, wer konnte
ihr das sagen? Aber das Eine hatte sie sich gelobt:
wo immer und wie immer er vor fie hintreten würde,
er sollte sehen und erkennen lernen, was sie werth
gewesen war. Er sollte die Künstlerin in ihr zu achten
haben und eingestehen müssen, daß sie der Liebe wür-
dig gewesen wäre, die er ihr entgegengebracht, die er
ihr entzogen hatte.
Wie an den treuen Sternbildern, zu denen sie ihr
Auge erhoben von früher Kindheit an, wie an diesen
unseren stillen Begleitern und Gefährten, so hing fie
auch an ihm, als an ihrem Sterne. Sein Bild folgte
ihr überall: ernst wie die Stimme in ihrer Brnft
und mahnend und unbestechlich, wie ihr anderes
Gewissen.