Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 20

Bwanzigstes Gapites
Hulda war schon über drei Jahre bei der Bühne,
als die Zeitungen eine Nachricht verkündeten, welche
nicht nur die eigentlichen Theaterfreunde, sondern die
sämmutlichen gebildeten Einwwoher der Stadt lebhaft
erfreute. Es war dem Direktor Holm gelungen, den
schnell berühmut gewwordenen Charakterspieler Lippow für
sechs Gastvorstellungen zu gewinnnen, und gleich an dem
Tage, an welchem der Theaterzettel den Rollen-Gyklus
angegeben hatte, in welchem Lippow auftreten würde,.
waren alle Logen- und Estraden-Plätze und die ersten
Plätze des Parterre für sämmutliche Vorstellungen mwit
Beschlag belegt worden, so daß man es als eine
Gunst betrachtete, noch eine Zusage für diese oder jene
Aufführung g erlangen.
Man wußte von Lippow's Vergangenheit nichts
Bestimmtes, desto mehr fabelte man davon. Nur so
viel stand, wie man behauptete, entschieden fest, daß
er von guter Familie sei, früher eine andere Stellung
und einen anderen Lebensberuf gehabt, und daß kein
Geringerer. als der unwergleichliche Ludwig Devrient

LO
ihn in die Schule genommen habe und sein Vorbild
gewesen sei Er war wenig über dreißig Jahre alt.
Man rühmte seine Sprachkenntnisse, seine ausgezeich-
nete Haltung, seine vornehmen Manieren unnd sein
außerordentliches Talent, sein Aeußeres für jede Rolle
förmlich zu verwwandeln. Ihn als Mephisto wieder-
zuerkennen, wemn man ihn als Garlos im ,Glavigo!,
gesehen hatte; in seinem Nathan den Marinelli heraus-
zufinden, sollte für den Richtgeübten fast unmöglich
sein; und es sahen eben deshalb auch die Mitglieder
des Theaters selber, vornehmlich diejenigen, welche mit
ihm zu spielen hatten, seiner Ankunft mit großen Er-
wartungen entgegen.
Nach dem ausgegebenen Programme sollte er zu-
erst als Marinelli auftreten. Glavigo und Nathan
sollten folgen, ein paar Lustspiele und ein Schauspiel
dazwischen fallen, und für den Schluß war die Auf-
führung des Goehe'schen Faust angesezt, in welchem
zngleich Lelio zum erstenmale den Faust, Hulda zumn
erstenmale das Gretchen übernehmen sollten.
Für den Ehrgeiz der beiden schönen und begab-
ten jungen Künstler war das ein ersehntes und außer-
ordentliches Ereigniß. Schon seit Monaten hatte das
Einftudiren der neuen Rollen sie beschäftigt, und seit
es nun festgesetzt worden war, daß ihr erstes Auftreten
im ,Fauft! mit Lippow's Gaftspiel zusammenfallen
würde, hatten ihr Eifer und ihr Fleiß sich verdoppelt.
Lippow war nach Ablauf seines gegenwärtigen Kon-
traktes für das Wiener Burgtheater engagirt. Lelio's
Kontrakt bei der Holm'schen Bühne lief im Spät-

We
herbst ab, das Engagement von Hulda ging mit dem
Jahre zu Ennde. Wenn das Zusammmnenspiel mit Lippow
leistete, was man davon zu hoffen berechtigt par --
wer wollte voraussagen, welche günstigen Folgen sich
für Lelio und Hulda daran knüpfen konnten? A
dem Wiener Theater bedurfte man neuer Kräfte, und
dorthin, wenn auch nur zu Gastspielen, berufen zu
werden, war eine höchlich verlockende Aussicht.
Es war in der heißeften Zeit dss Jahres. Lippow,
der in Allem den großen Herrn zu spielen liebte,
hatte dem Direktor gemeldet, daß er, da er mit eige-
nem Wagen und ExtrapostPferden zu reisen gewwohnt
fei, die Nächte zu Hilfe nehmen mnd also mit Tages-
anbruch in dem Gafthofe eintreffen werde, in welchem
er eine Wohnung für sich bestellt hatte. Es bleibe
ihm dann immer noch die Zeit, einige Stunden der
Ruhe zu pflegen, er erwarte danach den Direktor,
um mit ihm das Frühftück einzunehmen, und um die
festgesezte Stunde werde er zu der Probe auf der
Bühne an seinem Platze sein.
Auch die Schauspieler hatten sich pünktlicher noch,
als das Theatergesetz es forderte, auf der Bhno ein-
gefunden, und keines der Franenzimmer hatte es ver-
schmäht, heute auf die Kleidung mehr als gewöhn-
liche Sorgfalt zu verwwenden. Sie waren Alle schon
beisammen, nur Hulda, die bsi all ihrer natürlichen
Bescheidenheit doch auch allmälig die Arten und Un
arten bevorzugter BühnenKünstlerinnnen- angenommen
hatte, ließ sich, wie Lippow, noch erwarten.

e
Die Delmar, welche troz der Morgenstunde sich
schon in meergrüne Seide gekleidet, den Florentiner
Strohhut mit dem Paradiesvogel aufgesetzt und es an
reichem Goldschnmuck nicht hatte fehlen lassen, hatte
sich in einen Stuhl geworfen, und putzte mit dem
spizenbesetzten Taschentuche sorgfältig die Gläser ihres
goldenen Lorgnons.
Der Regisseur neckte sie damit, daß sie ihr
Augenmerk gleich so energisch auf den Erwartetsn zu
richten vorhabe.
,Auf Lippow?r rief sie, ,glauben Sie, daß ich
mir für diesen mein Glas zurechtmache? Durchaus nicht.
Er ist ein geschulter Künstler, an einem solchen kann
nie ewwas Auffälliges zu sehen sein. Ich warte mur
auf unsere göttliche Erscheinung, auf unsere Venus
Anadyomene, als welche Hochbrecht sie in seinen ge-
druckten und ungedruckten Sonetten mit wohlgezählten
Versen ansingt. Mich soll es wundern, was fie heute
vor Lippow darzuftellen und als was sie vor ihm zu
erscheinen denkt. Etwas ganz Besonderes wird es in
jedem Falle sein.
Sie hatte aber die Worte eben erst vollendet, als
der Direktor mit Lippow in die Scene trat und fasst
in demselben Augenblicke auch Hulda aus der Coulisse
henauskam. Sie sah wie der Sommer selber aus, in
dem leichten weißen Kleide mit dem runden Stroh-
hute, den ein Kranz von Kornblumen und Aehren
schlicht mnd anmuthig ummgab, während sie einen pracht-
vollen Strauß von Moosrosen in der Hand hielt, den

- E
ihr Philibert beim Eingange in das Theater noch in
Eile überreicht hatte.
Uwwillkürlich wendeten die Augen der Männer
sich mit erheitertem Ausdrucke ihrer Schönheit zu, der
Direktor deutete mit der Hand nach ihr hin. Er
wollte sie nöthigen, heranzutreten, um so die Vorstel-
lung des Gastes mit einemmale für das ganze Per-
sonal abgemacht zu haben; indeß, kaum hatten Lippow
und Hulda einander wahrgenommen, als Beide mit
uwverkennbarer Neberraschung wie im plözlichen Er-
schrecken stehen blieben. Ein Name, ein Anruf dräng-
ten sich auf Hulda's Lippen, ein Blick, etn warnender
Blick von Lippow machte sie verstummen.
Die Delmar, der Direktor, der Regisseur und
Lelio, sie Alle hatten das sonderbare Spiel bemerkt.
Man sah einander an, man wnßte nicht, was es be-
deuten sollte.
Lippow faßte sich jedoch schon in dem nächsten
Augenblicke- wieder. Er trat mit der vornehmen Ge-
wandtheit, zu welcher er jede Bewegung seiner an sich
edeln Gestalt herausgebildet hatte, rasch auf Hulda zu,
und ihr beide Hände entgegen reichend, rief er: ,It
es demnn möglich, sehe ich recht? Sie sind es, Fräu-
lein Hulda?
Er hatte mit den Manieren der großen Gesell-
schaft auch die eben zur Sitte werdende Gewohnheit
angenommmen, alle jungen Mädchen, auch die nicht dem
Adel angehörenden, mit dem Worte Fräulein anz-
reden, mnd die bis dahin für die Büürgerlichen übliche

LK
franzöfische Ansprache, das Mademoiselle zu meiden.
,It es möglich, Fräulein Hulda? Sind Sie es
wirklich? Wer hätte denken sollen, daß wir uns hier
zusammenfinden würden, als wir uns auf dem Schlosse
der Gräfin so plözlich und so unerwartet trennten?
In der That, ich würde Sie fragen, welch ein guter
Stern führt Sie hierher? hätten Sie mir die gleiche
Frage nicht auch vorzulegen, und hätten wir Beide
nicht allen Grnd, dieses holden Sternes Gunst zu
segnen!?
Er hatte seine Anrede geflissentlich verlängert, um
Hulda Zeit zu geben, und sie nahm sich auch zusam-
men, wie sie es vermochte. Aber im Vergleich zu der
Zufriedenheit, die er so wortreich an den Tag gelegt
hatte, klangen ihre Worte sehr gezwungen. Ihr Blick
war kalt, sie suchte dem seinen auszuweichen. Ihr war
zu Muthe, als thue sich ein Abgrund vor ihr auf,
als tauchte die Gestalt dieses Mamnes wie ein dämo-
nischer Versucher vor ihr empor; und der Gedanke,
mit diesem Manne, gerade mit ihm, mit Michael all-
täglich zusammmnnen zu sein, mit ihm an jedem Abende
spielen zu mwüssen, seine Nähe, seine Berührung zu
ertragen, neben und mit ihm das Gretchen spielen zu
müssen, das waren Aussichten, vor denen ihr ein
Grauen ankam.
Daß zwischen diesen beiden Menschen bereits
etwas geschehen sein müsse, daß sie ein Geheimniß
mit einander theilten, defsen hielten Alle, die dem Vor-
gange beigewohnt hatten, eder nach seiner Ratur und
kamy Lewalb, Die Eröserbn. Ml.

s
Sinnesart, sich durchaus versichert. Das aber genügte,
um Alle, selbst Lelio nicht ausgenommmen, zu achtsamen
Beobachtern jedes Wortes und jeder Miene zu machen,
welche zwischen Lippow und Hulda gewechselt wurden.
Die Probe der ,Emilia! hatte lang begonnnen,
Hulda hatte ihre erste Scene gespielt, Marinellis erste
Scene mit dem Prinzen war auch bereits vorüber,
und noch immmuer war fie unter der Einwwirkung des
Schreckens, welchen das Zusammnentreffen mit Michael.
in ihr hervorgerufen hatte. Wie war es dennn mög-
lich, daß sie nie daran gedacht hatte, Michael Lippow,
von dem sie oft genug hatte sprechen hören, könne des
Fürsten Kammnnerdiener, könne jener Mann sein, der
auf die Wendung ihres Schickfals seinerzeit einen so
entscheidenden Einfluß ausgeübt hatte? Sie erinnerte
sich jetzt sogar, daß der Amtmamnn in ihrem Beisein
einmal erzählt hatte, Michael sei zum Theater ge-
gangen, und für einen Menschen, wie dieser, sei das
auch eben recht; aber sie hatte Michael's Familien-
namen, als er im Dienste des Fürsten auf dem Schlosfe
gewesen war, niemals nennnen hören, und weil sie ihm
nichts Gutes, nichts Schönes oder irgendwie Bedeu-
tendes zugetraut, hatte sie, wenn sie von den theatra-
lischen Leistungen und Erfolgen Michael Lippows ge- -
hört, an Riemauden weniger gedacht, als an jenen
- Gänstling von Mamnsell Alrlke, durch dessen Zudring-
lichkeit und böswillige Rachrede Hulda die ersten bitte-
WTe

z
s
hatte. Er trug sein schlichtes Haar auf der linken
Seite des Kopfes in einem dicken Lockenbusch ge-
kräänselt, das Schnurrbärtchen, welches er früher mit,
lächerlicher Liererei beftändig in die Höhe gedreht,
war dem Scheermesser zum Opfer gefallen. Sein un-
ruhiger Blick war durchdringend und fest geworden,
die Rothwendigkeit, starke Leidenschaften und wechselnde
Gemnüthszustände auszudrücken, hatte seinem sonst noch
jugendlichen Antliz tiefe, mächtige Süge eingeprägt,
und weil er seine Physiognomie mit Meisterschaft be-
herrschte, weil er seineLüge fast umzugeftalten vermochte,
hatte Hulda in dem Bilde, das sie von ihm einmal
gesehen, mnd in welchem er sich in heldenhafter, stolzer
Haltung darstellen lassen, den Kammmerdiener des Für-
sten, den geschmeidigen, ewig lächelnden sogenannten
Herrn Sekretär nicht wiedergefunden, wemn schon eine
Lehnlichkeit mit demselben ihr aufgefallen war. Numu
ftand er vor ihr, und aller Widerwille, den sie gegen
ihn fühlte, komnte sie nicht abhalten, ihn als Künstler
z bewunndern.
Seine Auffassung der Rolle war tief und eigen-
artig, aber Hulda wrde den Gedanken nicht los, er
habe in diesem Falle nur nöthig, sich und seine Er-
imnerunngen abzuschreiben; und obschon er sich mit ab-
. geschliffenster Höflichkeit in laut auusgesprochener Be-
wunderung ihrer raschen Fortschritte und ihres treff-
lichen Spieles erging, war sie von Herzen froh, als
die Probe endlich ihr Ende erreicht hatte und fie das
Theater verlaffen konnte. Sie hatte Ruhe nöthig

s
sich zu sammeln, und die Vergangenheit, die durch
Michaels Erscheinen wie in einem Zauberspiegel vor
ihr aufgestanden war, wieder in den stillen Grund
ihrer Seele zurüchudrängen. -
Michael' erstes Auftreten war, um ihm nach der
anstrengenden Reise einen Rasttag zu vergönnen, erst
für den nächsten Abend festgesezt. Die Theaterfreunde
hatten das benutzt, dem Gaste gleich am ersten Tage
eine freundliche Begrüßung zu bereiten. Im Vereine
mit dem Direktor und den ersten männlichen Schau-
spielern hatten sie ein Frühstück herrichten lassen, zu
welchem man sich in seinem Gasthofe versammmelte.
Es dehnte sich bis zum späten Nachmittage aus.
Die Mahlzeit war vortrefflich, die beften Weine waren
im Neberflusse vorhanden, und wie ihr flüssiges Feuer
die Geister zu erregen und die Lippen zu lösen bs-
gamnn, war Michael nicht nur der Held, sondern die
eigentliche Seele des Festes.
Er war in der Welt herumgekommen, wie es in
jenen Tagen nur selten einmal einem Anderen zu
Theil wurde. Er kannte die großen Hauuptstädte von
Europa, hatte in London und in Parid Kemble und
Talma ftudirt. Er wußte von ihnen zu erzählen,
war offenbar auch in der guten Gesellschaft nicht uw
bekannt, und sprach von denu Personen, mit denen er
in Berührung gekommuen war, von den Erlebnissen,
welche er mwit ihnen gehabt haben wollte, mit einer so
sorglosen Leichtigkeit, daß es seiner eigenen persön-
lichen Bedeutung zu einer Folie wurde. Je mehr
man ihn bewunderte, um so anspruchsloser zeigte er

en
sich, um so offener und unbefangener sprach er von
sich. Aber während die Anderen warm und wärmer,
und in ihren Berichten und in ihren Fragen freier
und dreister wurden, blieb seine Stirne ruhig, sein
Blick fest und sein Kopf klar und kalt wie das Herz
in seiner Bruft. Er beherrschte die Gesellschaft buch-
stäblich mit seinem Willen, er erfuhr von Allen, was
er von ihnen wissen wollte.- Er erhielt genaue Aus-
kunft über Hulda, hörte mit Erstaunen, was man
über ihre Herkunft fabelte, und Lelio hatte ihm von
seiner uneigennützigen Freundschaft für die Schöne,
Philibert von seinen Hofnungen gesprochen, sie früher
oder später doch noch zu besitzen, ohne daß es Einem
von allen Denen, welche sich es herausgenommen
hatten, ihn darum zu fragen, gelungen wäre, auch nur
das Geringste über seine frühere Bekanntschaft mit
Hulda von ihm zu erfahren.
Man gab, weil man den Mitgliedern des Theaters
nach diesem Frühstück keine besonderen Anstrengungen
zuzumuthen wagte, an dem Abende eine oft gegebene
Posse, und Hulda, die ohnehin das Theater nur be-
suchte, wenn an den Aufführungemn Etwas ihre Theil-
nahme in Anspruch nahm, hatte beschlossen, zu Hause
zu bleiben.
Es war sechs Ahr, die beschäftigten Schauspieler
mwußten nun auf ihrem Posten sein. Diejenigen unter
ihnen, welche nicht zu spielen hatten, schliefen das
Frähstück aus; das Theater blieb an dem Abende, wie
man es vorausgesehen hatte, ziemlich leer. Man
machte gewohnheitsmäßig die oft gethane Arbeit ab.

Az
Lauudleute, welche der Markttag in die Stadt geführt
hatte, bildeten das leicht zufriedenzustellende Publikum
und halfen die Tageskosten decken.
Draußen fing der Abend sich zu kühlen an. Ein-
zeln und in Gruppen zogen die Menschen in der
Feierstunde vor die Thore, in die Gärten, in die be-
nachbarten Ortschaften, in das Freie hinaus. Böh-
mische Musikanten spielten auf dem Plaze die Melodie
des Liedes: ,Von der Alpe tönt das Horn!! Der
junge Mann, der die Oberstimme blies, hatte einen
seelewvollen Vortrag.
Hulda's Fenster standen offen, sie war allein.
Der leise Windhauch bewegte die Blätter des Myrthen-
stockes, der vor ihr auf ihrem Tische stand, die Rosen,
welche ihr am Morgen Philibert gegeben, hatten sich
entfaltet, ihr Geruch füllte das ganze Gemach, und
von den Kängen der Muusik wie von ihren eigenen
Gedanken fortgezogen, sah sie sinnenden Auges dem
Spiel des glänzenden Gewölkes zu, das, von Osten
herüberkomwmnnend, ihr mit dem erfrischten Luftzug Grßße
von der Heimat, Grüße von dem fernen Strande zu
bringen schien.
Wie eine Gefangene schmachtete sie nach frischer
Luft, nach freier Bewegung in der freien Natur. Ea
zog sie förmlich hinaus zu den langen Reihen der
Felder, auf denen jetzt unter der Last der reifenden
Frucht die kräftigen Aehren sich beugten; hinaus in den
Schatten des Parkes, an dessen Rande sie mit Miß
Kenney einst gewohnt. Ihr Verlangen wieder einmal
am Meeresftrand zu sien, zu sehen, wie die-Wellen

e9
kommnnen und gleitend wieder gehen, auf dem schim
mernden Sande die langen Streifen des braunglän-
zenden Seegrases hinter sich zurücklassend, war leb-
haft bis zum Wehethun.
Vater und Mutter hatte sie gehabt im Pfarr-
hause am fernen Meeresufer und der treuesten Liebe ,
die Fülle; und sie batte sich trozdem fortgesehnt in
kudisch ungeduldiger Reugier. Hingesehnt hatte sie
, sich nach den Mauern der Städte; nach wechselndem
Erleben, nach dem Verkehr mit Menschen, nach der
Bewunderung der Leute. Nach Schmuck, nach Ge-
nüssen und nach Interessen, wie sie ihr jetzt gewworden
waren, hatte ihr Sinn gestanden. Nun hatte sie das
Alles, undAussicht, davon noch immer mehr zu erwerben,
zn gewwinnen. Und sehnte sich ihr Herz jetzt nicht ebenfo
lebhaft in die altvertraute Vergangenheit zurück, als
früher nach einer unbeftimmten, unbekannten Zukunft?
War sie glücklicher in ihrer jezigen glänzenden Ver-
lassenheit?
Sie wagte es nicht, sich darauf die Antwort zu
geben. Was sie besessen und verloren hatte, das
ermaß sie deutlich, was fie zu gewwinnen hoffen durfte
= wer wollte ihr das sagen?
Sie war in ihr träumendes Sinnnen tief ver-
sunken, als es an ihre Thüre klopfte und Frau Rofen
mit hastiger Geflissenheit, als ob sie ein Gläck und
eine Ehre zu verkünden habe, die Meldung brachte,
der Held des Tages, Herr kippow, wünsche seine Auf-
wartung zu machen.

W80
Hulda's erster Gedanke war, ihn nicht zu em-
pfangen. Aber die flüchtigste Neberlegung fagte ihr,
daß fie damit Nichts erreiche, daß sie ihn sehen, bei
sich sehen müsse, früher oder später, wäre es auch nur,
um die Schranken zwwischen ihnen feftzustellen, die sie
nicht überschritten zu haben wünschte. Sie ließ ihn des-
halb bitten einzutreten, und befahl die Lichter anzuzünden.
Beate, die sich es nicht entgehen laffen wollte,
den fremden Künstler in der Nähe zu sehen mnd ihn
außerhalb der Bühne sprechen z hören, nahm der
Mutter in der Treppenflur die Kerzen ab, und von
dem bleichen, unscheinbaren Mädchen gefolgt, trat
Michael bei Hulda ein.
Beate sah es, wie er sich Hulda mit heiterer Ge-
wandtheit nahte, ihr die Hand küßte und sie ver-
sicherte, daß er niemals eine angenehmere Neber-
raschung erfahren habe als in dem Augenblic, in
welchem er sie nach so langer Trennung unerwwartet,
und obendrein als eine Kollegin, als eine so vortreff-
liche Künstlerin wiedergefunden habe. Sie hörte auch
noch die zurückhaltende Antwort, welche er von Hulda
darauf erhielt, und sie dachte in ihrem Herzen, daß
Hulda recht vornehm thue, recht hochmüthig geworden
sei, und wohl anders geantwortet haben würde, hätte
ein solcher Mann sie vor zwwei Jahren also angespro-
chen, als sie in dem engen Oberrock mit dem kleinen
Koffer bei ihnen in dem Erkerstübchen angekommen
war. Sie hatte, ihren Aerger über dies Gebahren,
denn sie wußte, was sich in diesem Falle shickte, und
so ging sie still hinaus.

ger
A
Kaum aber hatte sie die Thüre hinter sich zu-
gezegen, so warf sich Michael an Hulda's Seite auf
das Sopha, ergriff noch einmal, aber mit zwwang-
losefter Pertraulichkeit, ihre Hand, und sie zwwischen -
den seinen festhaltend, während er sich zu ihr hin-
.neigte, rief er: ,Wahrhaftig, schöne Freundin! Ihre
meisterhafte Haltung hat mich heut' entzückt. Wissen
Sie Hulda, daß Sie eine excellente Künstlerin ge-
worden sind?
Hulda hatte sich, obschon er ihre Hand noch in
der seinen hielt, von ihm zurückgezogen, und ernst
und gemessen, wie sie ihn empfangen hatte, entgegnete
sie, es freue sie, wenn er ihr Talent zuspreche und sich
mit ihrer Auffassung der Emilia einverstanden finde.
Michael lachte hell auf. , Eassen wir es gennng
sein des grausamen Spieles!r rief er. ,Wer denkt
denn an Emilia? Was schiert uns das Komödien-
spiel, mit welchem wir, wie's eben glückt, den süßen
Pöbel unterhalten, dessen Beifall wir haben mwüssen,
weil wir sein Geld gebrauchen. Nein, was mich ent-
zückt hat, das war Ihre Haltung heute in der Probe,
Ihre Haltung in diesem Augenblicke. Durchlaucht
Glarisse könnte sich nicht fürstlicher betragen. Ganz
vollendet, ganz vollendet! Aber basta Signora, busta
sdssso!?
,Ich hatte nicht gewußt,! sagte Hulda, der seine
Vertraulichkeit sehr guälend war, ,daß ich in Ihnen-
,Ich weiß, oh, ich merkte es,! fiel er ihr in das
Wort, ,und Sie werden sich überzeugt haben, Gnä-
o?

W8
digste, daß ich zu verstehen, zu gehorchen und zu
schweigen weiß.?
Er verneigte sich mit komischer Ehrerbietung, da
aber Hulda's Gesicht sich nicht erheitern wollte, änderte
auch er die Miene und den Ton. Er gab ihre Hand
frei, lehnte sich mit gekreuzten Armen in die Ece-
zurück und sagte: ,SSie wollen die Sache ernsthaft
nehmen? Gut denn, ich habe Nichts dagegen. Ea ist
ohnehin mit wenig Worten abzumachen, denn wir
haben von beiden Seiten einige Rücksichten zu neh-
men. Sie, Verehrteste, werden die Gnade haben, es
zu vergessen und zu verschweigen, daß Sie mich im
Schlosse der Gräfin, in der Gesellschaft des Fürsten
Severin, nicht als freien Herrn meiner selbst und
meines freien Beliebens angetroffen haben; ich ver-
gesse und verschweige dafür die kleinen Freiheiten und
Zerstreuungen, die Sie sich damals im Hause der
Gräfin, unter der Aufsicht der gar tugendsamen Kenney,
mit dem schwärmerischen Freiherrn und dem leicht-
beweglichen Fürsten zu gewähren für gut befunden
haben. Unser Leben fängt von gestern an. Ich bin
von vornehmer Familie, bin gegen den Willen der-
felben Schauspieler geworden aus Leidenschaft für das
Theater. Sie? =- Sie werden mir befehlen, als was
ich Sie vor den Anderen zu verehren habe. Nur mit
mir, Theuerste, spielen Sie nicht Komödie im tdts-
d»tsts. Denn kurz und gut, ich finde Sie noch viel
schöner als zu jener Zeit - zum Rasendwerden schön!?
Er hatte versucht, sich ihr abermals zu nähern,
sie war aufgestanden, in Schreck, in Scham, in Zorn

7
erglühend, angstvoll nach dem Worte suchend, das ihm
ausdrücte, was sie empfand.
,Ich dachte nicht mehr an Sie!? stieß sie endlich
hervor. ,Sie haben Nichts von mir zu fürchten.
Ihr Name kam nie über meine Lippen und soll nicht
über meine Lippen kommen, wemn ich es vermeiden
kannn. Thun, sagen Sie, was Sie vertreten können!
Ich habe Nichts zu scheuen, Nichts zu verbergen -
,Nichts? fragte Michael höhnisch, ,aber Sie
haben es in aller Ihrer Unschuld doch für gut be-
funden, Ihres Vaters Namen abzulegen und sich eine
illustre Mutter anzudichten.!
,Ich?- rief Hulda, die nicht verstand, was seine
letzten Worte meinten.
,Oh,? fiel er rasch in ihre Rede, ,ich tadle Sie
dafür nicht. Im Gegentheile, ich bewunderte Sie um
Ihrer Klugheit willen. Es hat ja Jeder, der gesehen
werden soll, es nöthig, sich auf ein gutes Piedestal zu
stellen, und da Gabriele jetzt in fürstlicher Zurück-
gezogenheit an ihres Gatten Seite all unserer holden
Thorheit längft entrückt ist, so gönnwt sie Ihnen wohl
den Abglanz ihres einstigen Ruhmes - besonders da
Sie ihrem Namen Ehre machen. Nur vor mir,
schöne Freundin, der ich Sie bewunderte, während Sie
an Ihrer Mutter Seite die Wäsche von den Leinen
nahmen, und an Mamsell Ulrikens Seite - verlieb-
ten Angedenkens - das Glück Ihrer Gesellschaft ge-
nossen habe, vor mir und für mich, Theuerste, steigen
Sie von Ihrem fürstlichen Piedeftal herab; und ich
hoffe, auf gleichem Boden verständigen wir uns dann.!

Ls
,Das ist unerhört!? rief Hulda, der jetzt plö-
lich die mannigfachen Andeutungen verständlich wur-
den, in denen man sich die Jahre hindurch über
Gabriele geäußert hatte, wemn man mit ihr von der-
selben einmal gesprochen hatte. ,Das ist unerhört!
Wer hat das behauptet? Wer hat das erfunden?-
,Weiß ich es, Beste? Redenfalls nicht ich!?
entgegnete Michael mit kühlem Gleichmuuthe. ,Aber
darum lassen Sie Ihr goldenes Haar nicht grau wer-
den. Denn wie mitunter bei gerichtlichen Entschei-
dungen, kommt es hier auf die Frage an, ob man sich
zu der Person der That versehen könne? Und die
Wege, welche von der Bühne in die Fürstenschlösser
führen, sind nicht klösterliche Bußstationen. Es sind
Wege, die sich zwwischen Rosen- und Myrthenhecken
freundlich ladend hinziehen. Eine Tochter wie Sie?
=- Welche Mutter würde sich ihrer nicht erfreuen?
welcher Mann nicht stolz sein, sich Ihren Erzeuger zu
nennnen F?
Hulda hatte fich auf einen Stuhl am anderen
Ende des Zimmers finken lassen; und die Arme auf
den Tisch gestüzt, weinte sie uwverholen. Das Andenken
ihres frommen Vaters, ihrer sanften Mutter, den
Namen Gabrielens beleidigt zu sehen, es erleben zu
müssen, daß man sie selber der Verbreitung eines -
Gerüchtes anschuldigte, das diesen ihr so theuren Men-
schen zu nahe trat, und das ihr eigenes Dasein mit dem
Stempel der Schande brandmarkte, das war mehr als
sie ertragen zu können für möglich gehalten hatte.
Und doch - sie konnte es sich nicht verbergen -=-

28ä
das Gerücht war verbreitet. Michael hatte es nicht
erfunden, es war im Umlauf gewesen, seit sie bei der
Bühne war. Sie allein hatte es in der Sicherheit
ihres guten Glaubens nicht beachtet, sie hatte sich durch
ihre Arglosigkeit sogar zur Mitschuldigen an dem Auf-
kommen desselben gemacht. Aber woher stammte e6?
Wer hatte es ersomnen? Zu welchem Zwece und zu
wefsen Schaden hatte man es erdacht und verbreitet?
Ihre Gedanken wendeten sich von dem Einen zu
dem Anderen, und ein Grauen kam sie an vor Allem,
vor der GeseEschaft und der Welt, in der sie lebte.
Michael saß noch immer auf dem Sopha und
sah ihr ruhig zu. Mit einemmale kam ihr der Ge-
danke, daß er ihre Thränen sähe und sie dünkten ihr
dadurch entweiht. Sie richtete sich rasch empor und
trocknete die Augen.
,Vortrefflich!r ref Michael. ,In jeder Bewegung
bewundernswerth. Gerade so müssen Sie die Arme
vor sich hinftrecken, wenn Sie als Gretchen in der
Kirche vor dem Altar liegen, die Hände gerade so ver-
schlingen und das Haupt auf dieselben legen. Das
ist schöner nicht zu machen; und Ihre Kopfform ist
ja wundervoll.?
,Abscheulich!? rief Hulda und wendete sich von
ihm ab. Er ließ sich dadurch aber in seiner betrach-
tenden Gelassenheit nicht stören, er schien vielmehr ein
Wohlgefallen an dem Widerwillen zu finden, den sie
Teaere=e=

W8s
Tage sind Sie mir ja ohnehin verfallen; und da Sie
offenbar zu jenen naturalistischen Künstlern gehören,
die sich selber und ihr eigenes Empfinden darstellen
müssen, um ihr Höchstes zu leisten, so bestärken Sie
sich die nächsten vierzehn Tage hindurch mur noch voll-
auf in Ihrem Hasse gegen mich, und -= wir werden
Furore machen mit dem ,Fauustk.
Er hatte sich inzwwischen erhoben; Hulda lagen
die Worte: ,Für die nächsten vierzehn Tage sind Sie
mir ja ohnehin verfallen!k wie ein Fluch auf dem
Herzen.
,Ja,! rief sie, ohne recht zu bedenken, was sie
that, , vierzehn Tage! aber damn nie piederl
Michael lächelte. ,Holde Unschuld!r sprach er,
,,denken Sie denn nicht mehr daran, wie hoch und
heilig Sie es an jenem Regenabende im Walde ver-
schwworen haben, mich nie mehr zu sehen? Nnd heute
stehen wir hier beisammen, auf einander mnabweislich
angewiesen, zwwei Bühnenkünstler, das Entzücken einer
Wel! Sie sind sehr jung geblieben, wie es scheint.
Haben Sie sich wirklich noch nicht gefragt: wie wer-
den wir Beide zu einander stehen heut' in vierzehn
Tagen, wenn wir es erfahren haben werden -=- und
die Ecfahrunng machen wir gewiß =- was wir für
einander werth sind, und wie wir die Theater kom
mandiren kömnen, die Theater und die Direktoren und
das Publikum, wenn wir uns verständigen?!
,Ich verlange nicht danach!k sagte Hulda kalt,
,Alles was ich fordere -

L
,Endlich!r rief Michael, ,also scheint es, ich
kann zu meiner Freude doch Etwas für Sie thun!?
,Ja!! versetzte Hulda, ,und ich fordere es als
mein Recht.? =- Sie hielt imne, denn ihre Lippen
bebten, und sich zusammennehmend, daß ihre Stimme .
dumpf und klanglos tönte, sprach sie: ,Sagen Sie
es Allen, Allen, die von mir wissen, daß Sie mich
gesehen haben in meiner guten Eltern unbescholtenem
Hause, daß Sie mich kannten, als ich in Mamusell
Ulrikens Diensten war! - sie hatte das Wort ab-
sichtlich gewwählt, ihrem Verlangen den stärksten Aus-
druck zu geben - ,lagen Sie, daß ich ehrbarer,
guter Leute Kind bit, und daß zwischen Gabrielen
und mir kein anderes Baand vorhanden ist, als das-
jenige meiner Dankbarkeit für ihre Großmnuth gegen
mich.!
Sie meinte, ihn damit entlassen zu haben, und,
hoffte, er werde sich entfernen. Er blieb aber stehen,
die Augen fest auf sie gerichtet, denn sie dünkte ihm
immmner schöner, je länger er sie betrachtete. Sein
Bllck that ihr förmlich wehe. Das entging ihm nicht,
er genoß ihre Verwirrung wie den Anfang seines
Triumphes. Er verneigte sich zustimmend. Freund-
lich, als stände zwwischen ihnen Alles auf das Beste, -
sagte er: ,Ihnen soll gehorsamt werden, schöne Freun-
din! verlassen Sie sich daraufr - und ein Eitat aus
seiner Rolle nüzend und parodirend, fügte er scher-
zend hinzu:
,Sch will michh hier zu Deinem Diest verbinden,
Auf Deinen Wink nicht raften und nicht ruh'n -

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wenn wir uns aber wieder hier zusammen finden,
so hoffe ich, meine schöne reizende Freundin, Sie nicht
wieder so unnahbar, und so gar untraitable für mich
armen Sterblichen zu treßen, den zu verachten Sie
sich den Anschein geben, weil er es keinen Hehl hat,
daß er ein Erdensohn und nicht ein Seraph ist.?
Er ergrißf und küßte mit Leidenschaft ihre Hand,
noch ehe fie es hindern konnte. Dann ging er mit
- einem ,s. rirsäsre!t rasch davon.
Hulda hörte, wie er die Treppe hinabstieg, wie
die Hauusthüre in das Schloß fiel. Sie athmete auf,
sie häte schreien mögen, ihrem gepreßten Herzen Luft
zu machen. Sie zog heftig die Klingel, als drohe ihr
noch immer die Gefahr. Beate kam herbei, die Mutter
folgte ihr auf dem Fuße. Sie fragten Beide, was sie
wünsche, was geschehen sei.
,Wenn Herr Lippow wieder kommnt, sagte Hulda,
,so bin ich nicht für ihn zu Hauser
Die beiden Frauenzimmer trauten ihren Ohren
nicht. Sie meinten es gut mit Hulda. Frau Rosen
versuchte ihr eingänglich zu machen, was sie damit
thue und auf das Spiel setze. Hulda war nicht in
der Verfafsung, auf solche Einwände zu achten. Sie
wiederholte ihre Weisung während sie sich an ihrem
Arbeitstische zu thun machte.
Mutter und Tochter gingen unzufrieden von ihr.
,Genn man mur wüßte,! meinte Beate, zwwas oder
wen sie eigentlich im Sinne hat? Denn ein Spiel
spielt sie doch am Ende auch! Nnd sie ließ fich

W0
Anfangs wie ein Kind an; daß mamu sie liebe,
mwusßte.?
,Freilich spielt sie ein Spiel!? bedeutete die
Mutter, ,und sie wird's gewinnen und ihr Glack
machen mit dem reichen Philibert; dennn sie ist ebenso
wie Feodore kalt und klug und vorsichtig.!
rr-
- Fauy wwaE, Die Enösen. a. I