Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 21

Ginundzwanzigstes Gapiies.
Das Theater war an jedem Abende trotz der er-
höhten Preise bis in die letzten Pläze voll von Z-
schauern; die Vorstellungen gelangen über alles Er-
warten. Michael's außerordentliches Talent, der Scharf-
finn, mit welchem er in den Charakter der Rollen
einzudringen, der Schwmung mnd die Klarheit, mit wel-
chen er sie zu verdeutlichen wußte, wirkten nicht mur
auf daas Publikum, sondern zunächst auf die Mitspio-
lenden zurück, so daß Jeder sich selbst gehoben und
fortgerissen fühlte, Jeder sich selbst und darum auch
den Anderen wieder in vollem Maaß Genüge that.
Der Direktor hatte solche Einnahmen seit Feo-
dorens Gaftvorstellungen nicht wieder erzielt. Er war
stoh, der Leiter einer so befähigten Gesellschaft zu sein;
man war allseitig in der besten Stimmung, und wennn
Hulda sich auch in ihrem Innern nicht von dem
Drucke frei zu machen im Stande war, welchen ihr
- der Verkehr mit Michael und seine zudringliche Ver-
traulichkeit in dem Zusammnenspiel mit ihm auferlegten

-- daß er ein großer Küustler gewworden sei, das
konnnte sie sich nicht verbergen.
Der Direktor, der Regisseur, Lelio, die Theater-
frennde, Philibert an ihrer Spize, waren auf das
Höchste von ihm eingenommen. Er besaß gute Sprach-
Lenntnisse, die er auf seinen früheren Reisen mit dem
Fürsten fleißig ausgebildet hatte; bei seinem Talente
zur Rachahmnng waren ihm die Manieren und die
Ausdrucksweise der gwten Gesellschaft ganz geläufig,
geworden, er hatte viel gesehen, mehr noch gehört,
wßße gut zu erzählen und geschiät errathen zu lassen,
was er zu verschweigen, für angemessen fand, wenn
er in erregtem Mänmerkreise bis nahe an die Grnze
des Erzählbaren gegangen war. Und wie er die
Mämner für sich zu gewwinnen wußte, so hatte e bald
auch diejenigen Framuen für sich eingenommnen, deren
Zartgefühl nicht eben fein, deren Hauuuptverlaugen es
war, fich gnt unterhalten und über die Stunden,
gleichviel wodurch mnud wie, fröhlich fortgetragen g
finden.
Bald nach sainem ersten Besuche hatte sich Michael
abermals bei Hulda melden lassen, war abgewwiesen
worden, hatte fich noch einmal eingestellt und war
wieaer aeicht angenommmen worden. Derbei war er
nicht gewohnt mnd, besonders in diesem Falle, zu er-
tagen keineswegs gewwillt. Die Fraen, nmit welchen
er es im Allgemeinen bei der Bühue g thun ge-
habt, hatten ihm manche Freiheit zgeftanden, mnd
die ZnrüEkweifung, die er von Hulda zu erfahren hatte,

-,
We
beleidigte deshalb seine Eitelkeit in demselben Grade,
in welchem ihre Schönheit sie ihm reizend machte.
Er versuchte es jedoch, die Sache scherzhaft zu
behandeln, sie durch den Schein argloser Zutraulichkeit
in Sicherheit zu wiegen, durch Gewöhnung ihren
Stohz und ihre Kälte zu besiegen. Als er sie am
Abende auf der Bühne traf, machte er ihr im Beisein
der Delmar, mit der er schnell vertraut geworden
war, Vowwürfe darüber, daß fie gegen einen so alten
Bekannuten, gegen einen Kollegen die Unnahbare spiele.
Hulda schüzte Nebermüdung vor und sprach von
der Rothwendigkeit, die wenigen Stunden, welche der
anstrengende Dienst ihr jetzt noch freiließ, zu dem
Studium der neuen Rolle zu verwwenden.
Die Delmar meinte, Hnlda habe sich doch bisher
eines vortefflichen Gedächtnisses gerühmt.
,Und kann doch ihre Freunde so vergefsen!? fiel
Michael rasch ein; ,hat doch die schönen Korridore
und die Seitentreppen des alten Schlosses offenbar
vergessen, auf denen wir junges Volk durch die Etagen
eilten, auf denen man sich mnangemeldet und ohne zu
antichambriren lssts' st josnu zusammmnenfand, und in
denen Lachen und Geplauder wie Sonnenstrahlen durch
die alten Mauern glitzerten. Aber Temapi gassnti!
Pfarrers schöne Hulda ist eine große Künftlerinn ge-
worden, und mann hat nicht mehr das unschätzbare
Gllck, ihr Lebens- mnd Hausgenosse in einem Grafen
schlosse z sein.?
Der leichtfertige Ton, mit welchem Michael die
Worte sprach, beleidigte Hulda noch mehr als die n

W
wahrheit der Aussage, und daß dies Alles in dem
Beisein der Delmar ausgesprochen wurde, nahm ihr
die Besomnenheit.
,Ich habe Richts vergessen,! sagte fie, ,Richts!
Ich erinnere mich sehr deutlich der Verhältnisse im
Schlosse. Sie wecken aber keine angenehme Erinne-
rung in mir auf, und ich weiß nicht, wie eben Sie
mich an dieselben mahnen mögen.
Das Stichwort rief sie in die Seene. Lippow
schttelte den Kopf und lächelte. ,Immer derselbe
entzückende Eigenfinn und Troz,! sagte er, ,immmer
das reizende Kammerkäzchen, reizend im eigentlichen
Sinnne des Wortes; und mit Bewußtsein reizend mnd
herausfordernd wie dazumal.?
Die Delmar machte große Augen. ,Eammer-
käzchen?! wiederholte sie.
,Kammmerkäzchen oder - Gesellschafterin bei einer
ausgedienten Gesellschafterin!k warf er leichtwweg hinn.
,Rennen Sie es, wie Sie's wollen. Die Mutter
hatte im Schlosse gedient, war eine Hörige gewesen
auuf den Gütern der Gräfin, war schön gewwesen wie
die Tochter und hatte Wohlgefallen vor der Herrschaft
Augen gefmnden. Man hatte sie schließlich dem Pastor
nach Landesbrauch zur Frau gegeben, und die Tochter
war im Schlosse dann ihrerseits bei Alt und Junng
auch sehr wohl gelitten.!
,Aber wie ist es dennn mit Gabrielen? Wie
hängt sie demn mit der zusamumnnen? Wie kamu fie
dennn zu Gabrielen?! fragte die Delmar, voll. Er-
ftamnen aufhorchend.

Ws
,Zu Gabrielen? Sie hat vielleicht bei ihr ge-
dient.?
,Gedient? Sie soll ja Gabrielens Tochter sein!?
sagte die Delmar, mehr mnd mehr von dem Gespräche
angezogen.
,Welch' ein Einfall! Wer hat das erfunden?
rief der Arglistige mit erheuchelter Entrüstunng. ,Wie
darf man Gabrielen derlei nachsagen ohne allen Gruud!
Und obenein einer Frau in' ihrer jegigen Stellung!k
Die Delmar versicherte, das Gerücht sei gang,
unnd gäbe, sei geglaubt und angenommen seit Hulda's
Ankunft bei der Bühne. HHulda habe es auch nie ge-
leugnet, wennn man darauf hingedeutet; sie habe sich
des Schuzes von Gabrielen vielmehr stets gerühmnt.
, Und eine Kamumerjungfer ift fie gewesen?! rief
die Delmar triumphirend. ,SSie haben sie gekannt als
eine solche?! sezte sie voll Entrüstung noch hinz.
,Kine Kammerjungfer und sich solche Airs zu gebent
Das ist beispiellos!?
Michael legte beruhigend seine feine Hannd auf
ihren entblößten Arm. ,Rduhig, mueine Beste, und nicht
zn mnngerocht. Ein schönes Kammerzöfchen gehört in
die Weltordnung und in einen vornehmen Haushalt,
so gut wie andere nüzliche Geschöpfe, und ist durchans
nicht zu verachten, am wenigften, wenn es eine Künst-
lerin wird, die sich, wie unsere schöne Hulda, vor
Meister und Gesellen sehen lasfen kann. Beklage ich
sekber mich doch nicht über sie. Nnd weiß der Himmmuel,
ich hätte Grund dazu, denn ich hatte ihr mnud ihr
allein, ein recht peinliches Zusammentreßßßen mit dem

Fürten Severin und dem Baron Emanuel zu dannlen,
dem Scwiegersohne mnd dem Brnder der Gräfin.
Sie hatte übrigens ihre Karten für eine Anfängerin
geßchickt gewg gemifcht, mnr meine Hitze und Leiden-
schaft verdarb ihr die Partie. Die AfFaire brachte
mich aus meinen eigemtlichen Bahn, aus meiner Ge
sellschaft schließlich aauuf die Bühne, mnd Mademoiselle
Hnlda in ihr Vaterhaus zurlück. Nun, ich habe mich
darüber nicht eben zu bellagen, wie mich dünkt, mnnd
der schönen Hulda hat vermuuthlich die Protektion der
,beiden Kavaliere den Weg eröffnet, auf dem ich sie
hier zu meiner großen Neberraschung wiedergefunden
habe.!
Der zwweite Akt des Stückes war in demu Augen-
blicke zu Ede, Hulda und Lelio, welche die lezte
Scene gehabt hatten, wurden gerufen, traten, wähvennd
man die Coulissen bereits wechselte, in das Proscenium,
gingen in ihre Garderoben und trafen erst wieder amn
Beginn des neuen Aktes zufammen. Die ganze Tor-
stellung rolte, wie Perlen auf einemu Schnürchen,
glatt und schnell. dahin. Das Publikamu war von den
Künftlern sehr befriedigt, die Schauuspieler lobten die
Einsicht der Zuschauer, manu hatte einen neuem Erfolg
gehabt und ging mit fröhlichem Bewwußtsein aus dem
Theater fort.
Auch Hulda hatte sich während des Spöeles bs-
ruhigt und zurecht gefunden, aber sie hätte viel darum
gegeben, das herausfordernde Wort nicht ausgesprochemu
zu haben, denn sie kannte Michael unud hatte sein.
Lächeln fürchten, vor seinem Scherze schaudern lernen.

Ws
Der Gedanke an ihn und seinen bösen Willen lag
wie eine schwere Laft auf ihr und machte sie beklommnen;
das Mleinsein fiel ihr schwer.
Sie hätte Jemanuden haben mögen, den sie fragen
konnte: ,Gas meinst Du, das er thun wird? was
ich von ihm besorgen mwuuHß? Es wäre ihr schon eine
Erleichterung gewesen, sich schreibend das Herz ewt-
laften zu können. En wen aber sollte sie sich wenden?
Gabriele war ihr ganz entrückt, fie hatte ihr ja auch
vorhergesagt, daß die Künstlerlaufbahn ihre Dornen
und ihre schweren Stunden habe, fie durfte sich also
nicht gegen sie beklagen, wennn eine dieser Stunden
jetzt an sie herantrat. Feodore war mit ihrem reiso-
lustigen Gemahl beständig unterwwegs mnud hatte Ales
imwmuer leicht genommen - und sonst hatte fie ja
Niemauud.
Niemamnd! - dennn von den altenn treuenn Freum-
den in der Heimat hatte sie sich losgelöst. Der Amwt-
mamn schrieb ihr nicht, unud der Pfarrer, der es gut
mit ihr gemeint, der sie wohl auch nicht vergefsen
hatte, was komnnte der ihr helfen oder rathen in der
Welt, in der sie sich bewegte unnd vor der er sie ge-
warnt, aus der er sie zurüczuführen getrachtet hatte,
in sein kleines Hauus. Sie dachte mit tiefer Rührunng
an das alte enge Haus. Mam lebte still in solchem
Hause: ungekannnt, unangefochten, in bescheidenem frie-
densvollem Thmnu und Schaffen. Es war auch ihr
einmal ein solches sanftes Loos gefallen. Es hatte
mr an ihr gelegen, ihr Leben sorglos zu geftalten
mnter eines wackern Maannes Schutz, in seiner Liebe

W
ficherer Hut, und sie hatte ihn verschmäht. - Aber
konnte sie dafür, daß die Liebe für Emanuel in ihr
aufgegangen war, fast mit ihrem ersten selbftbe-
wußten Denken und Empfinden?
Michael's Anwesenheit rief ihr die Vergangenheit
beständig wieder wach. Sie war sich ihrer Liebe,
ihrer unglücklichen, verschmähten Liebe wieder einmal
mit tiefem Schmerz bewußt. - Was war das Bei-
fallsklatschen fremder Menschen gegen den freundlich
dankbaren Blick, mit welchem Emannel einst ihrem
Lied gelauscht hatte? Wie glücklich war fie gewwesen -
neben ihm. Welch selige Hoffnungen hatten sie um
schwebt auf ihrem Krankenlager, als er den goldenen ,
Reif an ihre Hand gesteckt hatte. Und jetzt? Wo war
das Glück hin, das seine Liebe ihr verheißen hatte?
Wo war das Alles hin? = Was hoffte sie denn
noch? Was konnte ihr denn blühen, als der Er-
folg, an dem ihr Ehrgei, ihr Künstlerbewußtsein
sich berauschten, und der das Herz nicht füllte, nicht
erguictte? War das denn Glück? En Glückh wie sie
es sich ersehnt, erhoffte
Sie durfte sich den Gedanken nicht überlassen.
Sie fruchteten ihr nicht, fie brachen ihre Spannkraft!
KgaSie muußßte vor sich selber fliehen, und Frieden suchend
in den Tönen, die ihr von der Heimat sprachen und
von ihm, dem sie sie oft gesungen hatte, spielte sie
die alten Weisen, die sie als Kind von ihrer Mutter
Mdund gelernt, bis die Nacht herankam.
aaoaeaooaa