Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 22

Bweiundzwanzigstes Gapites
Am folgenden Abende sollte der ,Faustk in Seene
gehen. Lelio, dem das erste Auftreten in demfelben
fast eben so sehr wie seiner Freundin Hulda eine
Feierlichkeit war, hatte ihr zugesagt, fich am Vormit-
tage noch bei ihr einzufinden. Er blieb indessen aus.
Dagegen kam Philibert, sich, wie er, sagte, ein wenig
bei ihr auszuruhen.
Der vertrauliche Ausdruck fiel ihr auf. Philiber
war jedoch so voll von dem Vergnügen über das
wohlgelungene Fest, welches er am verwichenen Abende,
nach dem Theater in seiner am Strome gelegenenn
Villa für Michael veranftaltet hatte, er erzählte fo viel
von den ergözlichen Geschichten, mit denen Zener sie
unterhalten, daß Hulda darüber kaum zu Worte,
kanmmu zu rechtem Rachdenken über all das Gehörte ,
gelangen konnte.
Gä war aber heute etwas Besonderes an Phili-
bert. Sie konnte sich nicht erklären, was mit ihm
geschehen sei, was er im Sinne habe; demnn er und
sein Betragen gegen sie erschienen wie umgewwandelt. -

W0
Ess kam ihr vor, als ahme er geflissentlich die
Vertraulichkeit nach, in welcher Michael sich gegen
Frauen wohlgefiel, als gäbe er sich wie dieser, den
Anschein, an Hnlda eine Art von Anrecht zu haben.
Er nannte sie unablässig bei ihrem Taufnamen, er
ergriff ohne jeden Anlaß ihre Hand, und hatte sich zu
ihr in das Sopha geworfen, als stände es ihm in der
That frei, sich in ihrer Wohnung und neben ihr, nach
Belieben auszuruhen. Sie wochte ihn deshalb nicht
zur Rede stellen, weil dies sich selber schon zu nahe
treten hieß, und weil er ihr, seit sie sich einst an
ihrem Geburtstage mit ihm verständigt, nie einen An-
laß gegeben hatte, gegen ihn auf ihrer Hut zu sein.
Heute jedoch fand fie sich gezwungen, ihm durch ihre
Zurückhaltung anzudeuten, daß sein Betragen sie ver-
letze; indeß sie erreichte ihre Absicht damit nicht.
Philibert lachte über ihren Ernst. ,Um aller
Heiligen willen, beste Hulda,! rief er, ,können Sie
demn gar nicht mehr heraus aus Ihrer Rolle? Was
haben Sie nur davon, fich und uns die Juugend zu
verbittern? Muuß man denn durchaus ein Fürst oder
wenigstens ein Baron sein, um bei Ihnen Gnade und
Gehör zu finden?
Hmlda that einen Ausruf des Erschreckens, demnn
jetzt wußte sie, wie sie sich Philibert's Betragen as-
zulegen hatte, und wohsr die Veränderung in demselben
stamwte, aber er dentete den Ausruf sich auf seine
J. -= = -- -
,Sie können sich nicht über mich beklagen, Hulda!r

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trachtet, was zu verschweigen Ihnen angemesener
dünkte; und ich bin gewiß der Sezte, der Sie verkennt,
oder weniger zu Ihren Füßen liegt, weil Sie sich nnd
Ihr Herz vor jenen Tagen, in denen ich Sie kennen
lernte, vielleicht weniger streng als jetzt verwwahrten.
Das Einzige --
Hulda hielt sich nicht länger, mnd mit glühenden
Wangen rief sie, ihm in die Rede fallend, während
Thränen des Zornes sich in ihre Augen drängten:
,Das Einzige, was ich Ihnen noch zu sagen habe,
ist, daß ich es empörend finde, wie Sie dem Worte
eines fremden Mamnes, der von dem Fürsten Severin,
in dessen Dienst er stand, entlassen wmrde, weil er
sich ungebührlich gegen mich betragen hatte, mehr
Glauben schenken als mir; mir, die Sie kennen, unnd
die weder Ihnen noch sonst Jemandem Anlaß oder
gar ein Recht gegeben hat, ihr in irgend einem Zeit-
puntte ihres Lebens ewwas Unehrbares zuzutranen.?
Sie erhob sich und ging in ihr Nebenzimmer.
Er machte Miene, ihr zu folgen und blieb auf halbem
Wege stehen. Er hatte sich, wie er merkte, offenbar
verrechnet, sich auf fremde Aussage hin, die vielleicht
doch nicht ganz zuverlässig gewesen sein mochte, in
eine falsche Unternehmung eingelassen, und sie war
denn auch mißglückt. Statt des Gewinnes, den er
von ihr erwartet hatte, war fie zu seinem Rachtheil
ausgeschlagen. Das verdroß ihn. Er hielt sehr viel
von seiner Einficht, von seiner Renschenkenntniß mnd
von seiner umfichtigen Gewandtheit im Verkehre.
Eine Unüberlegtheit, eine Uwworsichtigkeit hatten ihn,

KU
wie er es sich sagte, um die treulich aufgewandte
Mühe und um die Vortheile gebracht, die er in Hulda's
Gunst allmälig doch errungen hatte. Er wuußte in
seinem Aerger sich nicht gleich zu rathen.
Es paßte ihm nicht, sich einzugestehen, daß er
Hulda beleidigt habe. Hatte er nach Art der Egoisten
in dem Verkehre mit ihr doch immnner mur an sich mnnd
nicht an sie gedacht! Es paßte ihm auch nicht, ihre
Vergebung zu erbitten, denn nach seiner Meinung
hatte seine fügsame Huldigung sie über die Gebühr
verwöhnt, und noch weniger lag es in seinem ßlane,
es mit ihr, von der bevorzugt zu werden er sich stets
gerühmt hatte, zu einem offenkundigen Bruch zu bringen.
Es mußte ein anderesMittel geben, es mmußte ein Ausweg
zu finden sein, auf welchem man mit ihr verhandeln, mit
ihr fertig werden, und auf welchem man ihr begreiflich
muachen konnte, was die Gunst und Huldigunng eines
Mauumues von seiner Stellung unnd von seinem Ein
flusse für eine Bühnenkänstlerin bedeuteten. Er glaubte
nach kurzem Neberlegen auch zu wissen, was er zu
thun und wie er sie zu zähmen habe, ohne daß man
deshalb zu erfahren brauchte, was hente zwischen ihr
und ihm geschehen war.
Er zog eine Karte aus seiner Brieftasche hervor,
schrieb darauf Fauft's Worte:
,Wie ste kurz angebunden war,
Das war nn zum Entzüeen gark
sezte noch ein ,unwwandelbar der Iheek über seinen
Namen hin, mnnd entfernte sich darauf, nachdem er die

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Karte so hingelegt hatte, daß Hnlda's erster Blick sie
Lreffen muußte.
Sie trat in das Zimmuuer, sowie er es verlassen
hatte. Die Karte sehen, sie lesen, zerreißen und im
Zorne von sich schleudern, das war Eins.
Denn das war es, was sie nicht verschmerzen
komnte, was ihr die Sonderstellung, in welche süe fich
freiwillig begeben hatte, oft so unerträglich machte.
Es gelüstete sie nicht nach der bedenklichen Freiheit,
welche die allgemeine Meinung den Bühnenkünst-
lerinnen zuerkamnte unnd von der eine große nzahl
der Schauspielerinnen einen noch bedenklicheren Ge-
brauch machten, eben weil das orurtheil der anderen
Frauen fie ganz ausschließlich auf den Verkehr mit
Männnern anwwies. Es half ihr nicht, daß sie ihre
Seele und ihr Leben rein bewahrte. Die Mänener
nahmen das als eine Grille auf, die sich wohl legen,
die Einer oder der Adere früher oder später zu be-
siegen im Stande sein werde. Man sah eine Schan-
fpielerin wie ein Wild an, das auf die Länge dem
geschickten Jäger sich nicht entziehen könne, mamn höelt
gegen sie erlaubt, was neben einer anderen Fran zu
denken, man als Beleidigung angesehen habe würde.
Und gelang, es endlich einer Schaufpielerin, ich empor-
zuschwingen, fich einen Ramen zu machen, luden die
Reichen und Vornehmen, die sich mächtig gemng fühl-
ten, sich über die gewwöhnlichen Vornrtheile hinweg-
sezen z dürfen, sie aus persönlicher Reugier oder um
das nengierige Interefse Anderer zu befriedigenn, in
ihre Häuser ein, so war mann deshalb doch weit davon

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entfernt, eine Gleichgestellte oder eine Gleichßerechtigte
in einer solchen Künstlerin zu erblicken. Man stellte
sie allenfalls über sich, um fie mr als Ausnahme,
gelten lasfen zu kömnen, und nicht zu dem Glauben
Anlaß z geben, daß eine Schauspielerin mit den
anderen Frauen auf demselben wohlumfriedeten und
wohlbeschüzten Boden stehe.
Hulda hatte das erfahren, als Miß Kenney
Gabrielen's Besuch in dem gräflichen Hause erwartet,
fie hatte es später zu beobachten Gelegenheit gehabt,
als Feodore die Gattin des Herrn van der Vließ ge- -
worden war. Man hatte beiden Frauen die Freiheit
nachgesehen, die sie sich genommmen, weil sie Schau-
spielerinnnen gewwesen waren, man hatte ihnen aber des-
halb die Auflehmung gegen die Sitte, die sie sich er-
laubt hatten, weder vergessen noch vergeben, und Nis-
mand hatte es ihnen angerechnet, wie mann fie im
voraus zurückgewiesen, ehe sie schuldig geworden waren,
wie manu sie sich selber und dem Begehren der Män-
ner überlassen, wie man fich an ihrer Kunst und
ihrer Leiftung erfreut, erhoben und entzückt hatte,
während mann sie doch als Ausgestoßene geringgeschäzt
und von sich ferngehalten hatte.
Was half ihr der Beifall der gesammmten Sn-
schaner, dessen lebhafter Ausdruck sie mit frendigem
Stohze erfüllte, wennn sie in der Surücgezogenheit
ihres Privatlebens vor Beleidigungen ihrer Würde und
ihres stttlichen Empfindens nicht gesichert war? Was
konnuten die Blumuen ihr bedeuten, mit welchen schöne
Hände ihr im Theater die künstlerishe Leistung lohn-

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er-
ten, wenn dieselben Frauen, die sie ihr gespendet, sich
vo ihr wie der Brahnine von dem Paria geschieden -
fählten? = Es war ein Widerspruch in diesen Ver-
hältnissen, in den sich Hulda zu finden, den zu löfen
sie nicht vermochte. Ihr gntes Bewußtsein, ihr reines
Gewoifsen waren ihr kein Troft dafür. Die Bewmnnde-
rung, welche man ihr als Kännstlerin zu zollen gerne
bereit war, hielt sie nicht schadlos dafür, daß man sie
als Weib nicht ehrte, wie es ihr gebührte. Sie fühlte
sich nicht dazu gemacht, sich immer wieder angezwweifelt,
angegrifen zu finden; es erniedrigte fie in ihren eige-
nen Augen, daß sie sich zu vertreten, zu vextheidigen
genöthigt war, unnd gerade heute, an dem Tage der
FauuftAufführung, der fie frohbewwegten Herzens ewt-
gegengesehen hatte, lag der Druck dieser Mißverhält-
nisse schwerer als je zwwor auf ihr.
Das Wetter war von einer herrlichen Klarheit,
als sie sich aam Abende nach dem Theater begab. Die
Somne brannte zwar noch, aber es zog ein frifcher
Ostwind durch die Pläze der Stadt, der die Bänder
von Hulda's großem runden Strohhut vor sie hinflattern
machte, wie sie oft im lustigen Seewind geflattert
hatten, wennn sie an solchen klaren Rachmittagen des
Augustmonats hinausgegangen war mit Vater und
Mutter, den Amutmannn zu befuchen, wennn die Ernte
ggogen hatte bis zm Pfarrdorf. Sie meinte den !
sich auf den wetten gräflichen Roggenfeldern hin
Duft des Meeres zu fühlen, den Kang des Sensen-
Erarr:ae

H0ö
niß, aber sie that ihr nicht wohl, dennu sie erhöhte das
Bewußtsein dss Abstandes, der sie von jener friedens-
vollen Ruhe trennute.
Die weite Vorhalle des Theaters war voll Men
schen. Man umdrängte die Kafse. Diejenigen, welche
sich schon im voraus Billets verschafft, eilten sich der
vorderen Plätze in den Logen zu versichern.
Jm Vorübergehen erkannte Dieser und Jener
Hulda, man zeigte fie einander: es waren gerade viele
Fremde des Wollmarktes wegen in der Stadt. Sie
hörte ihren Ramen nemnnen, man trat geflissentlich in
ihren Weg; sie war froh, als sie aus dem Gewühl in
den langen Korridor eintrat, der hinter die Goulissen
führte, aber die drückende Schwüle in demfelben be-
klemmnte ihr die Brust,. und unwwillkürlich kam ihr
Faust's klagender Ausruf:
,Geh! steck ich in dem Kerker nochk?
auuf die Lippen. Es drückte sie heute Alles, Alles; sie
konnte nicht Herr werden über die Schwermuth, die,
auf ihr lag.
Vor ihrer Garderobe traf sie Michael und Lelio,
Beide schon angekleidet. Sie hatte Lelio bisher nur
in Trachten gesehen, die seine jugendliche Mannes-
schönheit zur Geltung brachten, er war ihr also in
dem Faauust»Gostüme des ersten Aktes wie ein Fremder,
aber er betrug sich gegen, fie auch wie ein solcher. Er
bot ihr nicht die Hand wie sonst, er hatte nicht die
Sz=nen

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ausgeblieben war, fragte sie ihn: ,Ist Ihnen etwas
Unangenehmes begegnet? Fehlt Ihnen Etwas, Lelio?
Er bejahte das. Sie bat ihn, er möge ihr er-
klären, was ihm geschehen sei. Er wich ihr aus, mnd
sie meinte ein unheimliches Lächeln in Michael's Gs-
sicht zu lesen. Sie komnte aber sich nicht deutlich
machen, ob dieses Lächeln in der Maske lag, die er
fich selber meisterhaft gezeichnet hatte, oder ob es ihr
und ihren Fragen galt, und Michael ließ ihr auuch
nicht Zeit dazu.
,Sehen Sie nun wohl, Allerholdseligste!k sagte
er, da Lelio sich entfernte, ,daß nicht Jeder so gedul-
dig ist, wie Ihr allerunterthänigster Diener? Daßß nicht
Jeder Ihre Launnen so geduldig hinnnimmnt wie Ihr
alter Freund, der Alles vergessen hatte, so wie er Sie
mur wiedersah? = Alles, Hulda! Alles! = And heute
noch werden wir eine gemeinsame Genugthuung emb
pfinden, heute werden Sie noch mit mir ein ,lo
trioako! singen!k
,Ich verstehe Sie nicht!k sagte Hulda mit jener
Angst, von welcher sie in der Nähe dieses Mannes
sich niemals frei zu machen wußte, denn daß er nicht
nur von ihrem Erfolge als Künstler sprach, meinte sie
herauszufühlen.
,Haben Sie Geduld und Sie werden es erleben!k
sagte er, sich mit der gemachten Höflichkeit seiner Rolle
verbeugend und hinkte von dannen. Sie mußte gehen,
sich anzukleiden; die Dwverture hatte begomnen, sie
wurde vortrefflich ausgeführt, der erste Akt ging mit
glänzendem Erfolge vorüber.

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Mephisto's feines, nirgends zur Nebertreibunng hin-
neigendes Spiel überwwältigte nicht mur das Publikumn,
es ergriff die Mitspielenden, es übte auf Hulda's
Phantasie eine Ar von Bannn aus. Ihr kam es vor,
als sehe fie Michael erst heute in seiner wirklichen
Gestalt, als sei er ihr bis heute immer nur in belie-
biger Verkleidung erschienen, mnd es schauerte ihr vor
ihm in Wirklichkeit, wie sie es in der Darstellung des
Gedichtes auszudrücken hatte.
Endlich war die Musik des Zwwischenaktes vorüber,
der Vorhang flog empor, Gretchen trat von der rechten
Seite dex Seene aus der Kirche in den Mitelgrund,
das Haupt gesenkt, das Gebetbuch in den Händen.
LelioFaust nahte sich ihr mit raschem Schritte, sie
hob das Auge bei seiner Ansprache, mnd wie sie in
die Höhe sah, erblickte sie in der ßrosceniumGLoge
des ersten Ranges Glarisse und den Fürsten Severin.
Das also war es! Das hatte Michael gewnß,
gemeint! -
Es flog ein Erbeben durch ihre Glieder, eine
heiße Röthe übergoß ihre Wangen und färbte ihren
Nacken, sie komnte die Blicke nicht erheben, sie brachte
die zei Verse, die sie zu sprechen hatt, zaghaft und
schüchtern wie ein Kind heraus und kam erst wieder
zu sich selber, als fie sich hiner der Seene nicht mehr
von dem Fürsten beobachtet, nicht mehr Glaarissens
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funden, man war einftimmnig der Meinung, das mäd-
chenhafte Erschrecken nie mit solcher Naturwahrheit
ausgedrückt gesehen zu haben. Mamu versprach sich im
voraus das Beste von Hulda's neuer Rolle, und sie
war auch für dieselbe durch ihr Aeußeres wie ge-
schaffen.
Wie sie durch ihre Rolle kam? - Sie wußte es
selber nicht, dennn das Herz war ihr zum Zerspringen
voll und schwer. Die Erinnnerungen überflutheten sie,
daß sie sich dagegen kaum zu behaupten wußte. Ein
grenzenloses Verlangen, nur einmal noch von Emanuel
g hören, ihn nur einmmal noch wiederzusehen, kam
über sie, wie sie Glarisse erblickte und fie hatte
Glarisse selber so geliebt! Glarisse war zu ihr gütig
gewesen wie zu einer Schwester. - Was mochte sie,
denken, wenn sie sie jetzt vor sich sah, in Gemeinschaft
mit jenem Michael? Wie mochte sie es auffassen,
daß Hulda ihr Vaterhaus verlassen hatte, daß sie
Schauspielerin geworden war?
Sie brauchte sie nicht zu erkünsteln, die Sehn--
fucht und die Thränen, mit denen fie am Spinnrad
sang. Sie hatte nur Mühe, der Emwpfindung Jügel an-
zulegen, welche ihr die Thränen in die Augen lockte,
und nie hatte fie es so deutlich, so schmerzlich und so
übewwwältigend empfmnden, wie sehr sie Emanuel zu
eigen, wie er allein ihr die Welt gewesen war, unnd
wie leidenschaftlich sie ihn noch immnuer liebte - ihn
allein - als in dem Augenblicke, da sie mit dem auf-
zuckenden Wahnsinn der Verzweiflung, alle Scheu der
Zucht und Sittsamkeit von sich abthuend, die letzten

L
beiden Strophen des Liedes mit aller Macht der ver-
langenden Liebe aus ihrer Brust heraussang:
,Mein Busen drängt
Sich nach ihm hin.
Ac, dürft ic fafsen
Und halten ihn!
Und kfsen ihn,
o wie ich wollt,
An seinen Küßßen
Vergehen soEe f-
Der rauschendste Beifal lohnte die Scene. Der
Fürft bog fich weit aus der Loge heraus unnd applan
dirte lebhaft. Er wollte offenbar Hulda's Aufmerk-
samkeit auf sich ziehen. Glarisse trocknete sich die
Augen, mnd wie Hulda zu ihr emporsah, meinte sie
zu bemerken, daß fie ihr mit den schönen Augen --
sie hatte den seelewwollen Blick Emanuel' - einen
Gruß zuwwinkte.
Hulda faltete, sich vor dem Publikam verneigend,
ihre Hände vor der Brust =- ihre Gedanken waren
bei Clarisse, ihre demüthige Geberde galt mur ihr.
Sie hätte allen Ruhm der Welt darumm gegeben, sich
einmal, nur einmal in die Arme der Fürstin werfen,
unnd einmal wieder mnur des Pfarrer Tochter, nur sie
selber sein zu dürfen.
Die Gewohnheit des verständnißvollen Zusammen-
spieles mit Lelio half ihr äber die nächste Seene im
Garten fort, die gewwaltige Kraft des Gedichtes nahm
sie gefangen. Sie vergaß alles Persönliche, die Ed-
habenheit der Dichtung hob sie über sich selbft hinauus,

Ld
und nur als sie in der Kirche betend vor dem Altare
lag, als die Stimme des bösen Geistes ihr:
,Wie anders, Gretchen, war dirs,
Als du noch voll UnschuEd
sier zum Altar tat'st,
Aus dem vergrifffnen Büchelchen
Gebete lalltest,,
Palb Kinderspiele,
gl Got im deren!!
an ihr Ohr tönte, da wachte das eigene sehnsuchtsvoll.
wehmüthige Erinnern noch einmal in ihr auf, um
, dannwn zu verschwinden in dem großen Strome der
Poesie, der fie umfluthete, nnd sie auf seinen mäch-
tigen Wogen an das Ennde trug.
Els der Vorhang am Schlusse des Dramas ge-
fallen war, verlangte man mit begeistertem Zurufe die
Träger der Hauptrollen noch einmnal zu sehen, und als
damnn, von Michael und Lelio geleitet, Hulda in den
Vordergrund trat, rief der Fürst der Lezteren zu wie-
derholtenmalen sein ,Brava!? ,Graval mit solcher
Wärme zu, daß das Publikum, von seinem Beispiele
hingerissen, fie mit Beifall überschüttete und ihr damrit in
gewissem Sinne den Siegerkranz des Abends zuertheilte.
Neber Michaells Antliz flog ein Ausdruck wilden
Zornes, er kannte sich nicht in seinem Grimme. Jahre-
lanng hatte er den Tag herbeigewünscht, an welchem er
seine Prophezeiunng wahrzumachen dachte, daß sein ehe-
maliger Herr mnd Gebieter, der Mannn, der ihn un
geftraft mißhandeln durfte, mit Bewunderung und mit
Scham zu ihm emwporsehen sollte. Heute hatte er sich

; au
an dieser Genugthuung zu erlaben gehofft, die goldene
Frucht hatte vor seinen lechzenden Lippen geschwebt,
denn Mephistopheles war die Rolle, in welcher er,
wo immnner er sie gespielt, die glänzendsten Erfolge
errunngen hatte; und heute hatte er sich selber über-
troffen. Von Scene zu Seene war die wachsende und
zftimmnnende Bewunderung der Menge ihm gefolgt,
mr des Fürsten und Glarissens Mienen waren an-
theillos für ihn geblieben, und in dem lezten ewt-
scheidenden Augenblicke hatte des Fürsten Mißgunft,
ihm den Triumph entrissen, dessen er sich versichert
halten dürfen, um, wie Michael es in seinem Innnern
nannte, diesen Triumph einem hübschen Lärvchen zu-
zuwenden.
Er kannte sich nicht in seinem Grimmme. Er
haßte Hulda mit dem bittersten Hasse. Er hätte sie
unter die Füße treten und sie vernichten mögen in
dem Augenblicke, und, die schmalen Lippen kaum be--
wegend, flüsterte er laut genug, um von Hulda so-
wohl als von Lelio verstanden zu werden: ,Der treue
Seladon! Eine kleine Nachzahlung aus guter, alter
Zeit, eine Anzahlung für die nächste Zukunft!?
,Abscheulich!? stieß Hulda herwor, ihre Hand aus
der seinen befreiend, während sie sich gemeinsam mit
ihm und Lelio hinter den Vorhang zurüctzog; aber
ihre Freude an dem Erfolg de Abends war dahin.
Michael hatte sie in der widerwärtigsten Weise
herausgerissen aus der Erhebung, welche sie während
ihres Spieles emppfunden hatte. Traurig, beleidigt,
in sich selbst nicht einig, und an Leib und Seele

su ,
mwüde, kehrte sie von dem großen Trinmphe, den fie
errungen hatte, in ihre Einsamkeit zurüc, umu mit
Wehmrauth der Tage z gedenken, in denen sie neben
Gomuesse Glarisse gerst in lebenden Bildern figurirt,
mnd sich so mgeduldig hinamsgesehnt hatte in die Welt,
in welcher sie jezt lebte.
Sie sah anderd aus, diese Welt, als sie es er-
wartet hatte. Sie wae kein Paradies, und Ruh' nnd
Frieden wohnten nicht in ihr.