Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 23

Ireiundzwanzigstes Gapitel.
Wäre es nach dem Sinne der Fürstin gegangenn,
so hätte sie Hulda noch an demfelben Abende wieder-
gesehen. Sie war von Hulda's Schönheit, von ihrem
Spiele, völlig hingenommen. Sie erinnerte den Für-
sten mit Stolz daran, wie fie imwmner behauptet habe,
daß Hulda ein ganz besonderes Wesen sei.
,Wäre der mir so widerwäärtige Michael nicht
neben Hulda gewwesen,! sagte die Fürstin, ,ich würde
diesen Abend und diese Vorstellung z dem Erfreu-
lichften rechnen, das erlebt zu haben ich mich entfinne.
Ich bin selten so viele Stunden hinter einander in
einer angenehmeren Stimmung gewesen als heute in
dem Theawter, mnnd habe es recht empfunden, wie werth
mir Hnlda doch gewwesen ist.
Auch der Fürst sprach mit Antheil und Ver-
gnügen von der schönen Entwicklung des jungen Mäd-
chens, während er, gerechter als Glarisse, auch die
großartige und viel bedeutendere Leistnng Michael's
hervorhob. ,Es liegt aber,k bemerkte er, ,in mnserer
Natur, daß die schöne, leidende Unschuld, selbst in der

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Dichtung und in deren Darstellung, unser Urtheil
leichter für sich gewinnt, als die größte Meisterschaft
in Schilderung des Bösen; und nach der Art, in
welcher ich Michael seinerzeit entlassen- habe und ewt-
lafsen muuußte, meinte ich sein Selbstgefühl zu schonen,
wenn ich mich, so weit es ihn betraf, von jeder Kund-
gebung zurückhielt.?
Glarisse äußerte, es werde Hulda auch nicht leicht
sein, wieder mit Michael zu verkehren und mit ihm
zu spielen.
Der Fürst zuckte leicht mit den Schultern. ,Du
siehst in Hulda immer noch das junge Mächen, das
Dir im Hause Deiner Mutter eine Peile diente, die
kindliche Pfarrerstochter,! sagte er. ,Indeß, sie ift in-
zwischen eine Künstlerin und damit auch wohl eine
Andere geworden. Wer will von der Loge aus ent-
scheiden, ob die unschuldsvolle Miene, die Dich er-
freute, nur noch ein Bewoeis von Kunstbegabung, oder
ob sie noch Deines Schüglings wahres Antnliz ist?.
Sie ist zwei Jahre auf der Bühne, und das Podiumu
eines Theaters ist ein glatter Boden für den Fuß der
Juugend und der Schönheit. Dazu verkehren Frauen
in keinem Falle zu ihrem Vortheil mit Männern von
Eippow's Art, und deren giebt es auf den Brettern
und in den Vorzimmern der Theater nur zu Viele,?
Glarisse hörte die Bedenken ihres Gatten an,
meinte aber trozdem Hulda's sicher sein zu dürfen.
Der Fürst wollte das nicht unbedenklich gelten laffen.
,Es ist möglich,r versezte er, ,daß Dich Deine
Zwwersicht nicht trügt, aber Deine schöne Pfarrers-

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tochter war von der Neberspanntheit solcher Bürger-
mädchen keineswegs frei, und Neberspamntheit ist ein
Verführer schon an sich. Das mnuß uns Hulda gegen-
über zu großer Vorsicht mahnen, denn es wäre für
beide Theile gleich peinlich und verletzend, Schritte zu
thun, die man später nicht gethan zu haben wünschen
müßte, und Erwwartungen zu erregen, die man nicht
befriedigen könnte.?
Glarisse zog ihn mit scherzendem Schmollen wegen
seiner Vorsicht auf. - Sie nannte dieselbe die Folge
von Erfahrungen, auf welche sie eigentlich eifersüchtig
fein müßte. Er gab ihr das mit der Bemerkung zu,
daß man sie sich trozdem mutzbar zu machen hgbe,
vor allen Dingen diesem Mädchen. gegenüber; aber die
junnge Fürstin wollte das nicht gelten lassen. Sie be-
stand auf ihrem Wunsche, Hulda zu sich zu entbieten.
Daneben beschäftigte sie die Frage, ob Baron Emanuel
Hulda auf der Bühne gesehen, was er dabei empfun-
den haben möge, und ob sie selber in ihrer Kunst
Ersaz gefunden habe für die Liebe. ,Denn,! sagte
fie, ,Hulda's Leidenschaft für unsern Oheim war doch
rein und schön.?
,Emanel hat sie auch geliebt und sehr geliebt;
er hatte das nicht Hehl!? warf der Fürst mit jenem
Gleichmuthe hin, mit welchem man eines lange ab-
gethanen Ereignisses gedenkt.
,lm so uwverantwortlicher, daß er sie aufgab!?
rief Glarisse.
,Wie ihr mur gleich als uwverantwortlich bezeich-
net, was in die Schablone euerer Romandichter nicht

B1s
einzufügen ist. Du verdienteft in Wahrheit eine
Pfarrerstochter aus der Provinz zu sein,? scherzte der
Fürst, als eben der Kamwmnerdiener die Meldung machte,
daß das Rachtessen bereit sei
Inn dem Saale, in welchem man die Mahheit
aufgetragen hatte, erwartete der Befizer de Gasthofes
die Herrschaften. Er wollte sich's nicht nehmen lassen,
ihre Bedienung persönlich zu überwwachen, mnd es kam
dem Fürsten recht gelegen, daß der Wirth, während
fie sich niederließen, sich die Frage erlaubte, ob die
Herrschaften mit der Vorstellung im Theater zufrieden
gewesen wären.
Der Fürst sprach sich über Hulda, Lelio und
Lippow günstig aus; der Wirth erwähnte, daß Herr
Lippow auch in seinem Hause wohne. Geftern bei
Sr. Durchlaucht Ankunft habe er sich des Vorzuges
gerühmt, Durchlaucht früher schon gesehen und gekamnt
zu haben.
Der Fürst sagte darauf Nichts, sondern sah nur
mrit feinem Lächeln nach seiner Frau hinüber, aber
dem Wirthe, der, wie fast alle seinesgleichen, sich Etwas
damrit wuußte ein guter Beobachter zu sein, entging das
nicht, obschon die Färstin sich in dem Augenblicke mit
der Frage an ihn wendete, ob er vielleicht auch Hulda
kenne und Näheres von ihr wisse.
,Richt mehr, Eer Durchlgucht,! entgegnete der
Wirth, ,als was am Ende ein Jeder von den
Damen vom Theater weiß und hört Sie lebt sozu-
sagen sehr für fich, und wird gewiß ihr Gläck hier
machen. Sie ist schön und klug, fie hält, so viel

L
man hört, auf Anstand, und damit wird sie bei einem
unserer großen Kaufleute ihren Zweck wohl durchsezen,
so gut wie ihre Vorgängerin, die der reichste Mann
in der Prooinz zur Frau genommen hatr?
Der Fürst bemerkte, daß diese rühmende Aussage
nicht nach dem Geschmacke der Fürstin war, und wie
immnuer bemüht, ihr unangenehme Eindrücke fern zu
halten, fiel er dem Gesprächigen mit der Frage in das
Wort: ,Manu sagt ihr also doch nichts Nebles nach?
Sie ist achtbar und unangefochten?-
,Richt das geringste Neble, seit sie hier istr?
entgegnete der Wirth, die lezten Worte absichtlich be-
Lonend.
Der Fürst wurde achtsam. ,Was wollen Sie
damit sagen?! erkundigte er sich.
Der Wirth sah den Fürsten, dannn die Fürstin
an. ,dan weiß nicht recht,! erwiderte er, zwie die
junge Dame auf die Bühne kam unud wo sie her-
ftammut. Es gehen allerlei Gerüchte über die Ver-
gangenheit -- Herr Lippow scheint sie auch genau ge-
kannut zu haben.?
Das war dem Fürsten unud seinem edeln Sinne
doch zu viel. ,Herr Lippow,' sprach er sehr bestimmnt,
,hat Mademoiselle gewiß nicht mehr gekannt, und
besser nicht, als ich und die Frau Fürstin. Wir neh-
men mehr als gewwöhnlichen Antheil a der junngen
Künftlerin, weil fie die Tochter eines Geistlichen von
den Kamiliengütern der Frau Fürstin, mnd eine zeit-
lang in deren mtterlichem Haushalte gewesen ift.
Erinnern Sie Herrn Lippow doch daran, wennu er es

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vergessen haben sollte, und sagen Sie ihm unum-
wunden, Sie hätten das aus meinem Munde ver-
nommen. Richten Sie das aus, ich bittel
Er brach damit die Unterhaltung ab. Glarisse
war verlegen und zeigte sich verstimmut. Der Fürst,
jedoch hatte die Genugthunng, es ihr durch eigenne
Erfahrung dargethan zu wissen, welchen Angriffen
und Verdächtigungen Bühnenkünstlerinnen ausgesezt
zu sein pflegen. Das gerade machte ihn aber geneigter,
dem Wunsche der Fürstin in Bezug auf Hulda zu
willfahren, und ohne seine Gattin von seinem Vor-
haben zu benachrichtigen, verließ er am Morgen zeitig
den Gasthof, weit vor der Stunde, in welcher man
den Frauen sonst aufzuwarten pflegte.
Unten in dem Vorsaale trat der Wirth beflissen
aus seiner Schreibestube. Er fragte nach den Befehlen
Seiner Durchlaucht.
Der Fürst verlangte die Angabe von Hulda's
Wohnung. Der Wirth rief einen Diener herbei, ihn
zu geleiten, aber der Fürst lehnte die Begleitunng ab;
und Lelio, der ebenfalls früher als gewöhnlich aus-
gegangen war, um Michael zu einer Geschäftsbespre-
chung in seinem Gasthof aufzusuchen, sah es, wie
der Fürst den Beg nach Hulda's Wohnunng einschlug.
Michael hatte nämlich, gleich nach den ersten Vor-
ftellungen, in welchen er mit Lelio und Hulda ge-
spielt, den Plan zu einem Gastspiele entworfen, in
dem er mit den Beiden gemeinsam zu wirken dachte,
und er hatte Lelio aufgefordert, seine Freundin diesem
Unternehmen geneigt zu machen.

H19
Noch am Morgen des verwichenen Tages hatte
er Lelio weitläufig die großen Vortheile auseinander-
gesetzt, welche man sich von diesem Zusamwmmuenspiel in
der nordischen Kaiserstadt versprechen dürfe, und wie
damit der sicherste Weg gebahnt werden könnte, Lelio
und Hulda von dem ProvinzialTheater an eine der'
großen Bühnen zu versetzen. Heute jedoch schien er
völlig anderen Sinnes geworden zu sein. Er gab
vor, bei der Heimkehr aus der Faust-Darstellung,
einen Brief vorgefunden zu haben, in welchem der Jn-
tendant jenes Hoftheater die Mitwirkung von Hulda
zurückwweise, da er sie auf einer Durchreise spieken
sehen, und ihre sentimentale Ziererei geschmacklos ge-
funden habe. ,Dazu,! sagte Michael, ,ist sie für ein
wirkkames und eigentliches Zusammenspiel mit Anderen,
auch viel zu eitel, und viel zu ausschließlich allein auf
sich bedach.
Lelio, der doch seit Jahren mit ihr zusammmnen-
gespielt und sich nicht über sie zu beklagen gehabt
hatte, machte seine eigene Erfahrung zu ihren Gunsten
geltend. Michael hingegen behauptete, sie spiele mit
dem Publikum und nicht mit ihrem Partner; fie agire
solo auf augenblickliche Erfolge, stelle sich beständig
in den ersten Plan, und koqnettire mit den Mänmnern
in der ProsceniumsEoge.
,Sahen Sie denn nicht,! sagte er, ,gestern, wo
einer ihrer ersten Freunde und Gönner in derselben
saß, waren ihre Manoeuver völlig unerträglich. Ihre
Augen gingen und hingen so uwverwandt an dem
Opernglase des Fürsten Severin, daß Sie in den

H0
Liebesscenen mit ihr geradezu lächerlich erschienen, demn
Sie deklamirten gegen Hulda's Kinn und Hals, wäh-
rend die Blicke der Holdseligen den Fürsten be-
gnadigten. Dafür standen Sie und ich dennn gestern
auch wie die schildhaltenden Statisten neben der Un-
vergleichlichen, als der Fürst es angemessen fand, ihr
seine Bewunderung einmal vor aller Leute Augen
kundzuthun, selbst vor denen der schönen jungen Fürftin,
die es längft gelernt hat, zum bösen Spiele eine gute
Miene zu machen.!
Lelio war eine redliche Natur und nicht geneigt,
leicht Nebles zu glauben; aber er war Schauspieler
mit Leib und Seele, der tägliche Erfolg sein höchstes
Ziel; er hatte die Logik seiner Standesgenossen wie
ihren leicht zu bestimmenden Glauben und Sinn.
Wer ihm zu einem Erfolge verhalf, auf den vertraute
er; wer ihm einen solchen schmälerte, dem meinte er
mißtrauen zu müssen; und Jeder der ihn überstrahlte,
war sein Feind.
Er sagte sich nicht, wie er von dem Nebeln allen,
das Michael ihm vorhielt, gestern während seines
Spielens Nichts wahrgenommen habe, wie er sich des,
reichen und warmen Beifalls gefreut, den man auch
ihm gespendet hatte, und wie herzlich Hulda ihm in
ihrer eigenen Ergriffenheit die Hand gedrück, als sie
noch einmal vorgerufen worden waren. Er hörte nur-
die Worte Michael's, und jedes derselben bohrte ihp
TASerae

HAu
zu haben, dessen erste Anfänge er gutmüthig und ge-
fällig unterstützt, mit dem er eigens und gemeinsam
sich für diese Aufführung des ,Fauftr vorbereitet hatte.
Er begriff nicht, wie er es nicht gestern gleich em-
pfunden hatte, daß Hulda die Aufmerksamkeit ganz
ungebührlich auf sich zu lenken getrachtet, wie aus-
schließlich der Fürst ihr seinen Beifall gespendet hatte;
und unfähig, in diesem Augenblicke seiner Kränkung
Worte zu geben, sagte er wie zu sich selber: ,Eben
jetzt ist er auch wieder zu ihr gegangen.?
,Wer? fragte Michael.
,Der Fürst zu Huldalr erklärte Lelio. ,Er
fragte den Wirth um ihre Wohnung, als ich an dem
Bureau vorüberging.?
, Um sich den Anschein zu geben, als ob er sie
nicht wisse!? fiel Michael schnell ein. ,Oder halten
Sie es für zufällig, daß der Fürst eben an dem
Morgen des Tages, an welchem die Schöne zum
erstenmale das Gretchen zu spielen hatte, hierorts an-
kam, ihr den nöthigen Sukkurs zu leisten? Die holde
Unschuld war immer klüger, als man dachte, und
wußte den schönen Nacken immmuer so geschickt aus der
Schlinge zu ziehen, daß die Schlinge Anderen um
den Hals fiel, die sich nicht vorgeßehen hatten. Dawor
wollen wir uns demn doch bewwahren.?
Er sprach davon nicht mehr, Lelio ließ es eben-
falls auf sich beruhen. Man verhandelte die An-
gelegenheit des Gastspieles. Aber in Lelio brannte
ein Gefühl von Kränkung und von bitterer Scham.
HannyLewalb, Die Erlöserin. l.

Le
Er hatte von Hulda viel gehalten, gut von ihr
gedacht, fie gefördert, wie er konnte; und sie war des
Einen wie des Anderen nicht werth gewesen - sie
hatte ihn getäuscht in jeglichem Betracht. Er war
ein Werkzeug gewesen in ihrer Hand, zu ihren Zwwecken
von ihr angewendet. Das war weit mehr, als eines
Mannes und vollends eines Bühnenkünstlers Eitelkeit
zu verzeihen vermochte. -- Er war mit Hulda fertig;
ja, er verachtete sie jetzt.
Während defsen war der Fürst in Hulda's Woh-
nung angelangt, ohne sie zu Hause anzutreffen. Frau
Rosen sagte, fie sei eben ausgegangen. Er erklärte,
ein paar Worte- für sie hinterlassen zu wollen, die
Wirthin öfftete ihm Hulda's Zimmer, er schrieb einige
Zeilen, siegelte sie und ließ sie auf ihrem Schreibtische
zurück.
Els er in den Gasthof kam, erwartete ihn bereits
die Fürstin. Das Frühstück ward hereingetragen, und
wie das junge Paar dann allein in seinem Zimmer
war, gab der Fürst Glarissen es zu rathen auf, wes-
halb und wohin er so früh ausgegangen sei. Sie
hatte keine Mühe, es zu finden und wußte es ihm
Dank, als er ihr sagte, daß er Hulda aufgefordert
habe, sich bei ihr einzustellen.
,Und wie sah es in ihrer Wohnung aus?! er-
kundigte sich die Fürstin.
,So zierlich und so ängstlich sauber, daß ich mich
immner nach Miß Kenney umsah!' entgegnete der Fürst.
Glarisse nannnte das ein gutes Zeichen, er wider-
sprach dem nicht. ,Indeß,? sagte er, ,iel ein ge-

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wisser bedenklicher Luxus mir doch auf. Der Schreib-
tisch war sehr gut ausgestattet; in dem Rebenzimmer,
dessen Thüre offen war, stand im Fenster ein An
kleidetisch, wie man ihn auch mit der größten Gage
eines ProvinzialTheaters nicht bezahlt, und daß der
obligate Papagei nicht fehlte, versteht sich ganz von
selbst. Der ebenso unerläßliche Bologneser wird wohl
auf der Promenade mitgenommen worden sein.?
Glarisse schalt ihn wegen seines Mißtrauens und
seines Spottes, er rühmte sich im Gegentheil der vor-
urtheilslosen Gefäälligkeit und Nachsicht, mit welcher er
ihr zu ihren ethischen Erfahrungen die Hand dar-
biete. Sie waren wie immer mit einander sehr zu-
frieden, und da man die Abreise für den Rachmittag,
festgesetzt hatte, um die kühleren Stunden des Abends
und der Racht für die Reise zu benuten, entfernte ,
sich der Fürst, dem ein paar Regiments»Bekannt-
schaften in dem Orte lebten, welche er bei der Gelegen-
heit flüchtig zu begrüßen hoffte.
Er hatte Glarisse noch nicht lang verlassen, als
ihr Diener ihr einen Kranz von Kornblumen mit dem
Bemerken in das Zimmer brachte, daß die Dame,
welche ihm denselben übergeben habe, um die Gunst
ansuche, die Frau Fürstin sehen zu dürfen.
,Das ist Hulda!? rief die Fürstin, denn solche
Kränze hatte diese ihr oft genug gewunden. Sie
hieß dem Diener, die Dame einzuladen, und bei ihrem
Anblicke von freundlichen Rückerinnerungen bewegt,
reichte sie Hulda, sich rasch erhebend, ihre Hände dar.
M-

8s
Hulda neigte sich, ihr in zärtlicher Neberraschtheit die
Hanud zu küsfen, aber fie wehrte es ihr und berührte
mit ihren Lippen Hulda's Stirne.-
Die Fürstin hatte dabei dem Zuge ihrer Em
pfindung ohne weiteres Neberlegen nachgegeben, aber
der nächste Blick auf die vornehme, statliche Erschei-
nung machte fie betroffen. Sie war es nicht gewohnt,
Hulda in solcher Art gekleidet zu sehen? Der werth-
volle Shawl, den sie am Arme trug, der kostbare
italienische Strohhut fielen ihr auf. Des Fürsten Be-
denken gegen die Eleganz in Hulda's Wohnung kamen
ihr wieder in den Sinn, und machten sie mit einem-
male verlegen und zurückhaltend, so daß es Hulda
nicht entgehen konnte.
,Ich habe von Durchlaucht wegen meiner Zu-
dringlichkeit Verzeihung zu erbitten,? sagte sie. ,Aber
als ich Sie geftern so unerwartet in der Loge sah,
kam ein Heimwweh über mich, das mir nicht. Ruhe
ließ. So ging ich früh am Morgen aus, und dachte,
die Kornblumen sollten für mich sprechen.!
,Als ob es dessen bedurfte! rief die Fürstin;
Iglauben Sie mir, ich hatte Sie nicht vergefsenc Wir
freuten uns gestern, Sie zu einer solchen Künstlerin
herangereift zu sehen. Der Fürst selber ist sogar hente s
in Ihrem Hause gewesen, sich nach Ihnen zu erkun-
digen und Ihnen zu sagen, daß ich mich freuen würde,
Sie einmal zu sehen.!
Hulda wußte das noch nicht. Sie war aus
freiem Antriebe gekommen, und nun sie da war, nunn -
sie die sonderbare Unficherheit der Fürstin fühlte,

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däuchte es ihr ungehörig, unbegreiflich, daß sie über-
haupt gekommen war. Denn hier in Glarissen's
Nähe drückte die Treue, mit welcher sie fast wider
ihren Willen noch immer an dem Manne hing, der
dieser Treue und ihrer Liebe lange nicht mehr be-
gehrte, fie wie eine schwere Last und wie ein Unrecht,
dessen sie sich schämnte.
Sie konnnte sich es nicht verhehlen, sie war nich
um Glarissen's willen hier. Die Hoffnung, von Ema-
muel zu hören, hatte sie hiehergeführt, und diese Ein-
sicht nahm ihr mit der inneren Freiheit auch die
äußere sichere Haltung, die ihr allmälig zur Natur
gewworden war. Sie wünschte, sie wäre lieber nicht
gekommen.
Ihre Befangenheit, ihre Gedrücktheit wirkten auf
Glarisse zurück. Beide saßen nach der ersten Be-
grüßung verlegen einander gegenüber. Die Fürstin be-
trachtete Hulda mit prüfender Verwwunderung.
,Wie die Bühne und die Kunst uns Andere doch
täuschen!? hub sie endlich an. ,Gestern sahen Sie
mir völlig wie an dem Tage aus, an welchem
der Fürst und ich Sie zu dem Erschrecken unserer
guten Kenney in deren Wohnung einguartierten, und
heute . ..
,Damals nannwten Sie mich Du!r fiel Hulda
ein, in deren Herzen mit der Erinnerung an jenen
Morgen, ihr ganzer unschuldsvoller Liebestraum aus
R:---
,Damals waren Sie fast noch ein Kind und

L2s
so wie sie es ausgesprochen hatte, besorgte sie, ihre
Worte möchten Hulda nicht angenehm gewesen sein,
oder sie kömne darin eine Zurückweisung erblicken.
Das machte sie ungeduldig und mnzufrieden mit sich
selöst. Sie konnte nur leider den rechten Ton, das
rechte Wort hente nicht wie sie wollte, finden. Sie
war es nicht gewohnt, ihre Worte erst besonders suchen
zu müssen; und mit der Schauspielerin, mit der
Pfarrerstochter, die ihre Untergebene gewesen war, frei
wie mit Ihresgleichen zu verkehren, das wollte ihr
nicht gelingen, obschon sie gestern erst in ihr die
Künstlerin bewundert hatte.
,Sie haben uns am vewwichenen Abende in der
That entzückt,? hob sie noch einmal an, ,Sie haben
gewiß eine bedeutende Zukunft vor sich, und ich hoffe,
Sie fühlen sich glücklich in dem Berufe, den Sie er-
wählten.
Hulda las deutlich in der Seele der fürstlichen
Frau, deutlicher als diese selber. ,Ja!r sagte fie, ,ich
denke groß von meinem Berufe, und der Beifall, den
Sie, gnädigste Frau und Ihr Durchlauchtiger Ge-
mahl mir gespendet haben, machte gestern mich sehr
glücklich!?
,,Gestern? mur gestern? Sie sind es also doch
nicht immer?! wendete die Fürstin ein.
,Wer könnte das wohl von sich rühmen?! ent-
gegnete ihr Hulda, mit gebotener Zurückhaltung.
,Freilich! Frellich! seufzte herkömmlich die Für-
stin. ,Aber =- fügte sie hinzu, von jener fast kind-
lichen Reugier verleitet, welche die wohlversorgten und

ze?
wohlbeschützten Frauen der Reichen und der Vorneh-
men gegenüber jenen Anderen zu empfinden pflegen,
die für sich selber einzustehen haben - ,aber wie
kamen Sie eigentlich nur darauf, Ihre Heimat zu
verlassen? Ihre Verlobung mit dem Pfarrer aufzu-
lösen, und sich dem Theater zuzuwenden?
Hulda überlief es wie ein kalter Sirom. Sie
hatte in der jungen Fürstin Theilnahme für sich vor-
ausgesetzt, und nicht einmal von ihrem äußeren Schick-
fale war dieselbe unterrichtet. Indeß sie hatte von
ihr ja Nichts zu fordern, und sich bescheidend, sagte
sie: ,Durchlaucht befinden sich insofern in einem Irr-
thum, als ich dem Pfarrer nicht verlobt war.!
,Nicht? Mich dünkt, man hatte mir geschrieben,
er habe Sie zu heirathen gewünscht, Sie hätten sich
mit ihm verlobt,?
,Er hatte allerdings um mich gewworben!r
,Und Sie haben ihn zurückgewiesen? fiel die
Fürstin ein. ,Weshalb das? Meine Mutter hält ihn
sehr in Ehren, rühmt ihn sehrr
,,Er verdient das auch in jedem Sinne, und ich
selber schäze ihn sehr hoch -- indeß -?
,Indeß? wiederholte die Fürstin.
,Ich hatte ihm kein Herz zu bieten!! sagte Hulda
fest und ernst.
Der Ton, mit dem sie diese Worte sprach. die,
Röthe, die ihre Wangen überflog, brachten die Fürstin
zur Erkenntniß ihrer Uwworsichtigkeit, und ihres Un-
rechts gegen Hulda. Es entstand ein kleines Schwei-
gen. Hulda machte Miene sich zu verabschieden, die
oF
F u
e =-
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82s
Erwartung, welche sie von diesem Wiedersehen gehegt
hatte, schien sich nicht erfüllen zu sollen. Glarissen
mochte wohl ein ähnlicher Gedanke kommen.
,Sie wollen gehen? rlef sie, ,schon wieder
gehen?! =- Nnd die Zneigung, welche sie für Hulda
wirklich fühlte, ward mächtig über alle ihre Vorur-
theile und Bedenken. ,Haben Sie denn nicht muehr
Zeit für mich? Ich hatte mich darauf gefreut, Sie
wiederzusehen, Ihnen auszusprechen, wie sehr ich Ihnen
den großen Eindruck danke, den ich gestern durch Sie
empfangen habe,! sagte sie. ,nd vor Alem hatte
ich darauf gehofft, von Ihnen zu vernehmen, daß Sie
glücklich wären und frohen Muthes in Ihre Zukunft
blickten! Indeß mir scheint, Sie sind nicht so zufrie-
den, als meine Theilnahme es für Sie wünscht. Ihre
Miene ist nicht heiter. Haben Sie Etwas, das Sie
drückt? Sprechen Sie's doch aus! Sie sagen es einer
Freundin, liebe Hulda!?
Sie hatte dabei ihre Hannd ergriffen und sie
neben sich auf dem Sopha noch einmal niedersitzen lassen.
Huldg komnte sich nicht gleich in der Fürstin Wand-
lung finden; aber der plözlich weich und frei gewor-
dene Ton von Glarissens Stimme drang ihr rührend
und vertraut in das Herz und riß sie hin. Sie wollte
ihr nicht undankbar erscheinen, nicht von ihr verkannt
werden, und sich zusammemnehmend, sprach sie: ,Ich
darf mir nicht vergönnen, es Durchlaucht zu erklären,
wie ich auf die Bühne kam, es würde mehr Zeit er-
heischen, als Sie mir zuzuwenden haben, und ich
wiederhole es, ich übe meine Kunst mit Freuden aus.

8W
Indeß die Welt, in der ich leben muß, ist sehr ver-
schieden von jener anderen, in welcher ich erwachsen
bin. Sie ist mrir fremd, und ich muß wünschen, immer
in ihr fremd zu bleiben.rr
Die junge Fürstin war ernst und nachdenklich ge-
worden, wie Hulda selbst. ,Das thut mir leid, zu
hören,! sprach sie, ,recht sehr leid. Ich hatte gedacht,
mit einem Talente wie das Ihre, mrüsse man glück-
lich sein, wenn so viel Jgend und Anmuth sich mit
ihm vereinen. Man täuscht unns also, wenn mann von
der Befriedigung spricht, die in jedem wahren Können
und Vermögen liegen soll.?
,Das Schaffen ist freilich ein Genuß, eine gei-
stige Befriedigung, aber glücklich macht es nicht. Das
Kömnen hat mit unserem Herzen Nichts zu schafen.
Mamr kamnn gewwiß ein großer Künstler sein, ein größe-
rer, als ich je zu werden hoffen darf, und doch sich
einsam fühlen, einsamn inmitten vieler Menschen -
und dadurch erst recht einsam, recht alleiul?
Sie brach ab, fie wußte kaum, wie sie dazu ge-
kommen war, so viel von sich und eben das zu sagen.
Aher sie konnte es nicht bereuen, denn es erleichterte
ihr das Herz.
Glarisseschütelte sichtlich betrübt das schöne Haupt.
,Der Fürst hat also Recht,' sagte fie, ,als er gegenn
mich behauptete, die Lauufbahn einer Bühnenkünstlerin
fei nicht so herrlich, gls ich sie mir stets dachte, sei
vielmehr hart, sei rauh und von Gefahr mmringt. Sie
haben das empfunden, leiden vielleicht noch darunnter
- undr = Sie vollendete nicht, was sie hatte sagen

88
wollen, sondern setzte rasch hinzu: ,Run ist mir es
doppelt lieb, daß ich Sie sehe!r =-
Dann hielt sie wieder imnne, und Hulda's Hand
ergreifend, sprach sie: ,Mdamn hat Ihnen mur in das
Auge zu blicken, um sich zu überzengen, daß Sie Ihr
Auge vor Niemandem niederzuschlagen brauchen, daß
Sie sich selber treu geblieben sind. Aber werden Sie
das immer könnnen? Es würde mir ein Schmerz
sein, Hulda, wenn ich Sie wiedersähe und Sie hätten
den glänzenden Versuchungen nicht widerstanden, welche
Sie verlockend wohl nmringen mögen! - Ich habe
von Ihnen immer gut gedacht, habe Sie lieb gehabt
und sehr gewünscht, Ihnen in unserem Hause eine
Heimat, in der Erziehung unserer Kinder einen sanften,
friedlichen Beruf zu schaffen.? -
Sie machte wieder eine kleine Pause, denn sie
war klug genug, sich zu erimnern, wodurch diese ihre
wohlgemeinten Absichten nicht hatten zur Ausführunng
gelangen können; und der Abstand zwischen Hulda's
gegenwwärtiger Lage und dem Lose, welches sie ihr einst
zu bereiten gedacht hatte, entging ihr ebensowenig.
Indeß die Vorstellung, Hulda könne, wie die Fürstin
es in ihrem Herzen nannte, verloren gehen, überwand
jede andere Erwägung, und mit der ganzen Dring-
lichkeit ihrer reinen Seele sagte sie: ,Glauben Sie
nicht, daß ich mich an dem Schönen, wie Sie es uns
gestern dargeboten haben, nicht erfreute; daß ich Sie
nicht ganz so warm bewundert habe, als wir es Ihnen
ausdrückten. Halten Sie mich auch nicht für eine
Frömmlerin, die unbefugt sich Ihnen aufdringt -

Ls1
aber - hat man es Ihnen denn nicht widerrathen,
Sie nicht zurüchuhalten versucht, als Sie zur Bühne
gehen wollten?
,Was hätte mir das helfen können ?! entgegnete
die Künstlerin. ,Ich fühlte das Bedürfniß, mich aus
drückenden Verhältnissen zu befreien, in weiterem
Kreise mich zu verfuchen. Ich handelte deshalb nach
eigenem Ermessen, und mich dünkt, das muß ein Jeder,
wo ss sich um eine für sein Leben bestimmmende Enwt-
scheidung handelt!?
,Und haben Sie es nie bereut, daß Sie die
Schranken Ihrer angeborenen Verhältnisse überschrttten
haben? fuhr Glarisse fort.
Hulda antwortete nicht gleich; dann sagte sie:
,Mdein Beruf hat mich genöthigt, mich in mannnig-
fache fremde Seelenzustände zu versezen, mnd da ich
viel allein gewesen bin. habe ich zum Nachdenken viel
Zeit gehabt. Ich glaube, mit einem freigewählten
Berufe ist es wie mit einer Ehe.!
,Ich verstehe Sie nicht, erklären Sie mir Ihre
Meinung!s sagte Glarisse, die zu abnen begann, daß
Hulda's Entwicklung selbstständiger als die ihre ge-
worden war, und daß sie nicht im Stande sei, ihr
Rath zu geben oder sie zu stüten.
Hulda sah vor sich hin und sagte: ,Mdan mnuuß
in seinem Berufe nicht auf eine unbedingte Zufrieden-
heit mit demselben rechnen, man muß das Gute ge-
nießen, das Schwere ertragen, das er uns bringt.
Ich mache mir es bisweilen auch wohl selbst zum Vor-
wurfe, daß ich das Erstere nicht genugsam anerkennne,

a
und das Andere zu genau zergliedere. Man muß
eben Nachsicht haben mit seinem Berufe, denn man
hat ihn ja gewwählt, weil man ihn liebte. Das ist
nicht immer leicht -- doch geht es mit gutem Willen
wohl. Ich hoffe das zum wenigsten.?
Glarisse überraschte der Vergleich, sie verstand ihn
aber völlig, mnd sann darüber nach. Mit einemmmale
,sagte sie: ,Wie aber, wennn man sich getäuscht hat?
Und das kann doch bei der Wahl eines Berufes ebenso
wie bei der Wahl eines Gatten, der Fall sein. Wenn
Sie es einmal erkennen würden, daß Sie nicht das
Richtige für sich getroffen haben? Wenn Sie das
Ihrige gethan hätten und es fruchtete Ihnen nicht
und Sie fühlten sich unglücklich in der Ehe mit Ihrem
freigewählten Gatten, oder mit dem ebenso frei ge-
wählten Berufe? Was aber dann?
,Dann,! versetzte Hulda, und ihr mächtiges Auge
sah fest und klar in das Antliz der Fürstin, ,damn
würde kein Vortheil der Welt mich dazu bringen, in
dem Beruf zu bleiben, denn im Zwiespalt mit mir
selbst, ginge ich zu Grunde. Und wie ich einst über
mich entschieden habe, in kindischem Selbstvertrauen
auf eine Kraft, die noch unerprobt war, so würde ich
handeln und entscheiden nach eigenstem Bedürfen, mnd
mich verlassen auf die Kraft, die mir Gott zu meinem
Glücke gegeben, und in welcher meiner theuren Eltern
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,Sch werde Emanuel's nie uwwwerth werden!? und sie
erhob sich, um sicher vor sich selbst zu sein.
Glarisse war ebenfalls aufgestanden. Sie em-
pfand die Neberlegenheit der jungen Schauspielerin;
das demüthigte sie, und sich gedemüthigt zu fühlen,
war sie nicht gewohnt. Aber auch jetzt wieder siegten
ihr gutes Herz und ihre Zuneigung für Hulda über
ihre kleine Schwäche. Sie bedauerte nur, daß nicht auch
der Fürst sich überzeugen kömne, zu wieviel Kraft und
Bildung ihr früherer Schüzling sich emporgeschwungen
habe. Sie fragte, öb Hulda nicht bis zu des Fürsten
Rückkehr bei ihr bleiben wolle?
Hulda zog die Uhr aus ihrem Gürtel und ent-
gegnete, sie müsse eilen, denn sie habe in der Probe
eines Lustspiels mitzuwirken.
,Sezt, nach mnserer Unterhaltung eine Lustspiel-
probe? Das ist - das muß recht schwer sein,? rief
die Fürstin.
,Man wird es gewohnt, sich zu beherrschen und
in der Arbeit von sich abzusehen!k antwortete Hulda,
und sie sah dabei so sanft und so geduldig aus, daß
fie Glarissen unwwiderstehlich dünkte.
Sie war nach dem kleinen Sopha hingegangen,
auf welcher Hulda's Shawl lag und trug ihn ihr
selber zu; denn sie hatte das Bedürfniß, ihr irgend
Etwas zu leisten, und während sie ihr die Mousselin-
Gamail umhing, die Jene im Laufe der Unterhaltung
abgeworfen hatte, sagte sie: ,Meine Mutter wird recht
erfreut sein, Rachricht von Ihnen zu erhalten; sie hatte

ssu
wie wir Alle, für Ihre Familie so viel Theilnahme
und Freundschaft.?
Huldafragte nach dem Befinden der Frau Gräfin.
Glarisse entgegnete, es gehe ihrer Mutter wohl, sie
sei bei dem jungen Grafen, dem der erste Sohn ge-
boren worden, und sie hoffe, sie im Herbfte wiederzu-
sehen, wenn fie von dem Befuche, den sie jezt mit
dem Fürsten zu machen denke, heimgekehrt sein würde.
Sie sagte aber nicht, wohin sie gehe, mnnd gerade des-
halb meinte Hulda, es errathen zu können.
Sie empfahl sich der Fürstin, Glarifse gab ihr
noch einmal die Hand, aber als Hulda schon in der
Thüre war, stieg muit einemmale ein großes Mitleid
mrit ihr in der jungen Fürstin auf. Es war, als
werde ihr plözlich wie durch eine Offenbarung Alles
deutlich, was Hulda erlebt, erlitten, was sie in dieser
Stunde neben ihr empfunden hatte, unnd ihr nach-
eilend, schloß sie dieselbe in ihre Arme und drückte sie
,fest an das Herz.
- ,Sebe wohl,? rief sie, von ihrem Gefühle über-
wältigt, ,und was Dir auch begegnenn mnöge, denke,
daß ich Dich heute recht von Herzen habe schäzen und
lieben lernen, und daß Du eine trene Freundin an
mir hast. Lebe wohl und denke meiner!?
Sie waren Beide sehr gerührt, fie umarmwten
und küßten einander, damnn ging Hulda in die Probe,
an die Arbeit. Die Fürstin stand am Fenfter und
bliche ihr nach, soweit ihr Auge fie erreichen konnte.
,Das wäre die Frau gewwesen für Emanuel!r


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dachte sie, und der Fürst, als er nach Hause kam,
fand sie noch ganz hingenommen von der Begegnung
mit der jungen Künstlerin, von der Unterredung, wie
sie eine ähnliche noch nie zuvor mit einer Frau ge-
habt hatte.