Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 24

Bierundzwanzigstes Gapitel
Der Fürst und Glarisse waren niemals in Schloß
Falkenhorst gewesen und hatten Baron Emauel nicht
wiedergesehen seit dem Abende, an welchem die Nach-
richt von des verstorbenen Fürsten schwerer Erkrankung
in dem gräflichen Schlosse eingetroffen war. Damals
waren sie in möglichster Eile aufgebrochen und, von
der Gräfin begleitet, an des Fürsten Sterbebett geeilt,
während Emanuel um Hulda's willen zurückgeblieben
war, deren Mutter eben in jener Nacht ihr unheim-
liches Ende gefunden hatte.
Darüber waren nun die Jahre hingegangen.
Emanuel hatte sich in dem Schlosse seiner Väter
völlig festgesetzt, und es nach seiner Trennnung von
Konradinen nur verlassen, wenn Geschäfte ihn für
kurze Zeit in die Staadt zu gehen genöthigt hatten.
Weder die Bitten der Gräfin, noch die Aufforde-
rungen ihres Sohnes und des Fürsten, hatten ihn
hinausgelockt; und während die Seinen sich immer
noch der Sorge nicht entschlugen, daß die rauhere
Natur des Nordens auf die Länge seiner Gesundheit

La
nachtheilig werden, oder die Zurückgezogenheit, in wel-
cher er lebte, ihm das Gemüth verdüstern könne, sprach
sich in allen seinen Briefen eine ernste, ruhige Zu-
friedenheit mit seiner Lage aus, so daß man fich end-
lich zu der seltenen Einsicht bequemte, er werde besser
wissen als die Anderen, was ihm frommnue unnd ge-
nehm sei, und sich dennn auch alles weiteren Drin-
gens enthielt; ihn gewähren lassend, wie er es für
gut fand.
Damit aber war für ihn sehr viel gewwomnnen.
Denn da man aufhörte, sich unberufen um ihn mnd
seine Angelegenheiten zu bekümmern, da er nicht immer
auf das Reue genöthigt wurde, mit unfruchtbaren Er-
örterungen dessen zu gedenken, wovon er seine Seele
zu befreien wünschte, und sich in beständiger Abwehr
gegen unnöthige Besorgnisse und Rathschläge zu er-
müden, so komnten die Tage ihr heilendes Werk an
ihm vollziehen, zwweckmäßige und erfolgreiche Arbeit
sich zwwischen die Gegenwwart und die Vergangenheit
stellen, und, während sie ihn in die Zukunft hinein-
wies, ihn vor vergeblichen Rückblicken bewahren.
Niemand hatte ein Wort von seinen Lippen ber
den Schmerz und die Kränkung vernommen, welche
ihm durch Konradine zugefügt worden waren. Nur
seinem Freunde und Rachbarn, dem alten Herrn von
Barnefeld, hatte er es mitgetheilt, daß und auf welche
Weise seine Heirath rückgängig gewworden sei Der
H?re=

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daß dergleichen ja im Leben nichts Unerhörtes sei, und
es war dann von der Thatsache weiter keine Rede
mehr gewefen. Man hatte es weder darauf angelegt,
Emanuel durch wärmere Freundschaftsbewweise einen
heimlichen Trost zu bereiten, den er nicht gefordert,
noch hatte man ihn geflissentlich gemieden, als ob er
einer besonderen Schonung nöthig hätte. Man war
mit ihm auf dem alten freundnachbarlichem Wege
ruhig weiter fortgegangen, und hatte es seiner freien
Selöftbestimwmnunng überlassen, ob und wann er kom-
men, ob und wann er seine Freunde bei sich sehen
wolle. Dadurch war er äußerlich in dem gewohnten
Lebensgeleise geblieben, hatte Ruhe zum Neberdenken
feines Zuftandes gehabt, und das fortschreitende Früh-
jahr, das die Thätigkeit und Achtsamkeit des Land-
beizers sehr in Anspruch nimmt, wenn er seine Güter
felbst verwalten, seine Ländereien selber bewirhschaften
will, hatte Emanuel zwweckmäßig von einem Nach-
denken und Brüten abgezogen, die nuzlos waren und
Geschehenes nicht ungeschehen machen konnten.
Es waren der erste Frühling und der erste Som
mer, die er als Landwirth auf seinen Gütern zu-
brachte, und er bemerkte e selber kaum, wie er im
Laufe de Winterä in ein neues und viel ernsteres
Verhältniß zu der Natur und zu dem Boden getreten
war, auf dem er lebte. Früher hatte er die Ratur
nuur als Liebhaber betrachtet, von ihr nur angenehme
Stimmungen, Freude und Genuß begehrt. Zetzt war
er eine Ehe mit ihr eingegangen, und sie erschien ihm

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dadurch in einem neuen Lichte, wenn auch nicht we-
niger schön.
Er konnte nicht mehr, wenn er durch Wald und
Flur und Feld ritt, sich wie früher seinen Träumen
überlassen, er hatte für den Boden zu sorgen, von
dem er Leistungen erwartete; er hatte ihm neue Kräfte
zugeführt, ihn pflegen und schonen lassen, um von
ihm zu erlangen und zu ernten, was herzugeben seine
Eigenart vermochte. Es lag ihm am Herzen, zu
sehen, wie die gestreute Saat emporkam, wie die
Halme wuchsen, die Aehren sich füllten und reiften,
und da die Frucht eines solchen weitlandigen Besiz-
thumes, weit über das Bedürfniß des Einzelnen und
der zu ihm Gohörenden hinausging, hatte er es im
Auge zu halten, wo der Ertrag seiner Felder, Wiesen
und Wälder am einträglichsten verwerthbar sei - -
Inn den engumgrenzten ausschließlichen Kreisen, die
man sehr unrichtig als die große Welt bezeichnet, wie bei
seinem im Grunde planlosen Wandern durch die
Welt, hatte er wenig Theilnahme gehabt für jenen
großen Zusammenhang, den das Bedürfniß zwwischen
den verschiedenen Ländern und ihren Bewohnern er-
zeugt. Iezt, da er in der entlegenen Grenzprovinz
bei bestimmter Arbeit auf seiner Scholle lebte, weitete
sein Blick sich auch in dieser Richtung aus; und wie
er die Natur in neuem Sinne hatte lieben lernen, so
erwuchs ihm neue Freude auch in dem Antheile,. den
er an den Verzweigungen des Handels, und dem durch
die Wissenschaft geförderten Aufkommen des Land-
baues und der Industrie zu nehmen anfing.

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Er war immer gern im Freien, immer gern zu
Pferde gewesen; das kam ihm jetzt bei seiner neuen
Thätigkeit zu statten, unud seinem eigenen körperlichen
Wohlbefinden noch weit mehr. Seine Rachbarn hatten
ihre Frende daran, was für ein kräftiger, gesunder
Mannn er wurde, wie auf den Gütern Alles in den
chreent Zug kam, und wie er sich, nach des alten
Barnefeld Bezeichnung, nach Jahresfrist aus einem
Kawalier allmälig in einen rechtschafenen Landjunker
z verwwandeln anfinng.
Emamwuel hatte es bald nach seiner- Ankunft auf
den Gütern, in einem seiner Briefe gegen Konradine
ausgesprochen, daß er es nöthig habe, sich völlig neu
aufzuerbauen, seit er mit eigenen Augen auf eigenem
Grund und Boden um sich schaue. Er hatte aber
damals selber es noch nicht ermessen könnnen, wie tief-
gehend diese Umgeftaltung sein werde, und in welcher
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Weise die nicht vorherzusehende Tremnnung von seiner
Verlobten, und die Erfahrungen dabei mitwirken wür-
zu machen haben sollte.
Mamu war nämlich eben um jene Zeit in den Oft-
provinzen mnnseres Vaterlandes darauf gekommen, Acker-
bauer aus dem nördlichen England und Schottland
auf den großen Gütern anzufiedeln, um die englische
Bodenkultur auf unsere Heimat zu übertragen, unnd
die Landleute so allmälig an den Gebrauch der eng-
lischen, vielfach verbesserten Ackergeräthschaften zu ge
wöhnen, und sie in demselben unterwweisen zu lassen.

B41
Da die Anlage der sogenannten Holländereien sich
fünfzig Jahre früher heilsam gezeigt, mnd vortheilhaft
bewährt hatte, hoffte man von den englischen Kolonien
jetzt das Gleiche; und wo, wie auf den Gütern der
Barnefeld und auf den Falkenhorst'schen Befitzungen,
der Boden dem englischen und schottischen nicht alhzu
ungleich war, ttrog auch diesmal die Erwartung nicht.
Aber nicht allein die englischen und schottischen Kolo-
nisten forderten andere, bessere Lebensbedingungen als
der heimische, nicht lange erst von der Hörigkeit be-
freite ländliche Arbeiter; selbst die besser kultivirten
Thiere, die man zur Veredlung der alten Landeszucht
einführen ließ, verlangten eine weit größere Vorsorge,
und man komnte mit den fremden Kolonisten nicht
vowwärts gehen, man durfte ihnen nicht das ihnen
Zukommende und Zugesagte gewähren, ohne zugleich
den eigenen Leuten gerecht zu werden, indem muan
ihnen ein menschenwwürdigeres Dasein bereitete, als sie
es bisher geführt.
Der Arbeit aller Art gab es also in den nächsten
Jahren so viel, daß man fie kaum zu bewältigen ver-
mochte. Dabei aber stellte sich der Nachtheil der alhe
großen Güter im Vergleiche zu den mäßig großen, mn-
abweislich klar heraus; denn abgesehen davon, daß der
Kulturstand der Güter, welche Herr von Banefeld
besaß, und jener Andern, welche seine Söhne erworben
hatten, schon seit Jahren ein höherer als jener der
Falkenhorst'schen Güter gewesen war, erzielte man auf
den Ersteren mit verhältnißmäßig geringerem Kapital-
aufwande bei gleicher Arbeit größere und schnellere

BuL
Erfolge, als Emanuel mit dem Aufgebote aller seiner
Kraft und Mittel sie aufzuweisen hatte. Das stachelte
seinen wirthschaftlichen Ehrgeiz auf, und aus seiner
betrachtenden unfruchtbaren Muße lang schon auf-
geschrect, lernte er nun auch den gesunden, auf das
Richtige gestellten Ehrgeiz, als ein Glück und als eine
Quelle immer neuer Kraft und immer neuer Genug-
thuungen empfinden.
Bis er zu dem Majorat gekommmuen war, hatte er
den Besiz im Grunde doch mur als ein Mittel für
die Befriedigung seiner persönlichen Bedürfnisse be-
trachtet, in welche allerdings eine shöne Freigebigkeit
mit eingeschlossen war. Iezt ward ihm die Wechsel-
wirkung einsichtig, in welcher der Besiz und die Arbeit
des Einzelnen zu dem Bedürfnisse der Gesammuutheit
stehen. Er begann das Erschaffen dessen, was Allen
zugute kommnt, als eine sittliche Pflicht zu erkemnen.
Mit dieser Erkenntniß entwickelte sich gleichzeitig seine
Freude an dem eigentlichen Erwerben; und er war
gebildet und gut gennng, es sich zu sagen, wie großer
ererbter Besiz, Demjenigen, welchem er, ohne eigenes
Zuthun ein bedeutendes Leistenkönnen möglich macht,
, auch die Verpflichtung auferlegt, Gemeinnüzliches und -
der Gesammtheit Fördersames in das Werk zu setzen.
Die Gräfin komnte sich Anfangs in des Bruders
jetzige Lebensrichtung gar nicht finden; denn die Arbeit,
welche er sich auferlegte, und die Ziele, welche er sich
stellte, hatten nach ihrer Anficht keinen direkten Zweck
für ihn, wenn er nicht an seine anderwweitige Ver-
mählung dachte. Davon war aber im Entferntesten

L
nicht die Rede, und die Gräfin hatte auch aufgehör,
deshalb in ihn zu dringen.
Seit ihrem Sohne der erste Knabe geboren wor-
den war, hatte Emanuel einen Theil seiner Bedeutung
für sie verloren. Ihre ganze Liebe hatte sich dem
Enkel zugewendet, und die Vorstellung, die Namen
und die Majorate der beiden Geschlechter vereint, und
als einen höchst bedeutenden Besiz, auf diesen Knaben
vererben zu sehen, war ihr allmälig geläufig und
wünschenswerth geworden. Sie lebte meist in der
Familie ihres Sohnes, ihr Briefwechsel mit Emanuel
und mit ihrer Tochter litt Abbruch durch die Aus-
schließlichkeit, mit welcher sie sich der Pflege und Be-
achtung jenes Knaben zuwendete; und da Emanuel
sein Lebenlang sich gegen die Herrschsucht der Schwester
zu wehren gehabt hatte, vermißte er den Zusammen-
hang mit ihr jetzt, da er nach allen Seiten auf seine
freie Selbstbestimmung halten muußte, auch nicht eben
schwer.
Aehnlich wie Emanuel war es aber auch dem
Fürsten Severin und seiner jungen Gattin mit der
Gräfin ergangen, seit der Fürst im Hinblicke auf seine
, Kinder angefangen hatte, ebenso wie der Baron, die
Bewirthschaftung seiner großen Befizungen selber in
die Hand zu nehmen.
Er sowohl als Emaauel waren klug genug, eß zu
erkennen, daß die Tage vorüber wären, in welchen es
dem reichen Geundbesitzer vergönnt war, Andere mit
dem Grund und Boden nach Belieben schalten und ,
walten zu lassen, und selber als große Herren an den

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Hofhaltungen der Fürsten sorglos genießend dasjenige
zu verbrauchen, was der Boden bis dahin der fremden
Arbeit mehr oder weniger reichlich und bereitwillig ge-
liefert hatte. Der Fürst war das einzige Kind seines
Vaters, und obschon derselbe das Vermögen des Hauses
stark benutzt hatte, war Fürst Sewerin immer noch
reich genng geblieben, als sein Vater verschieden war.
Er selber war ebenso unbekümmert gewesen, so lange
der Vater ihm freigebig hatte zukomnmnen lassen, was
er irgend als wünschenswerth bezeichnet hatte. Aber
seines Vater Tod, seine Verheirathung, und die rasch
aufeinander folgende Geburt seiner Kinder, hatten ihn
zum Rachdenken, zum Neberlegen, und endlich zu einer
Umgestaltung seiner bisherigen Lebensweise veranlaßt.
Er hattte noch zur rechten Zeit den kostspieligen Auf- -
enthalt in der Hauptstadt und am Hofe aufgegeben,
dem rastlosen Umherreisen gunächst entsagt, hatte wie
Emnamuuel, und faft zu gleicher Zeit mit diesem, sich
zum Landwirthe heranzubilden unternommnen, und Gla-
risse, der ihr Haus, ihr Gatte und ihre Kinder die
Welt waren, in der sie ihre reinsten und höchsten Be-
friedigungen fand, hatte diese Eutschlüsse des Fürsten
aus voller Seele als ein Glück für fich begrüßt.
Auch waren es die landwirthschaftlichen Unter-
nehmunngen des Fürsten, welche ihn zunächst zu dem
Besuche bei dem Oheim seiner Frau veranlaßt hatten.
Er wünschte sich persönlich davon zu überzengen, wie
die Nebertragung englischer Saaten, englischer Zucht-
thiere, auf den heimischen Boden und die heimischen
Thierracen wirkten, wie der englische Pflug fich auf

, sus
dem leichten und auf dem schweren Boden bewwähre;
ob die großen zweiräderigen Arbeitswagen mit den
masfigen ßferden, welche die englischen Kolonisten aus
ihrem Vaterlande mitgebracht hatten, auf den zum
großen Theile unchaussirten Lehmwegen des Landes
zwweckmäßig zu benützen seien, und was dergleichen
Dinge mehr noch waren. Da - aber sowohl der Fürst
als Glarisse ebensoviel Freundschaft für den Oheim
als historischen Familienfinn besaßen, wurde die Reise
ihnen durch die Aussicht, Emanuel wiederzusehen und
den alten Stammsiz des Hauses, den alten Falken-
horst, für ein paar Wochen zu bewohnen, zu einer
wirklichen Freude.
Emanuel war ihnen mit seinen Pferden bis an
den Fluß, der seine Grenze bildete, rntgegengefahren.
Er machte sich ein Fest daraus, den Fürsten auf die
mannnigfachen Veränderungen und Verbesserungen hin-
zuwweisen, welche er zur Ausführung hatte bringen
lassen, seit er Herr der Güter geworden war.
Die Wege, die Brücken, die Zäune, die Häuser
der Arbeiter, wie diese selber, hatten einen anderen
Charakter gewomnen. Liebevolle Beachtung hatte be-
gomnen überall ein liebevolles Gedeihen zu erschaffen;
und während dem Fürsten, dessen Auge sich zu solchen
Beobachtungen geübt hatte, dieser erfreuliche Zustand
nirgends entging, machte Glarisse, als man sich dem
Schlosse näherte, die Bemerkung, daß auch dieses ein
viel freundlicheres Ansehen angenommen habe, als sie
es nach den alten Bildern erwartet habe.

es
,Bei aller Liebe für den alten Siz,! sagte sie,
,ist er mir mit seinen nach Außen abgeschlossenen fen-
sterlosen Mauern, in der Vorstellung immmer unheimlich
wie ein alter Donjon vorgekommen; und wie junge
Menschen fröhlich in solcher Zwwingburg leben komnten,
das habe ich zu der Mutter großer Unzufriedenheit
mir nie denken kömnnen. Ich habe es ihr nie geglaubt,
daß man im Falkenhorst getanzt und muusicirt hat.
Selist die Strenge meiner Mutter habe ich unwwill-
kärlich immer mit den finsteren Mauern dieses Schlosses
in Verbindung gebracht. Ea ist also wirklich ein
Segen, daß Du, lieber Onkel, Licht und Luft auch von
Außen in das alte Haus hineingebracht hast.?
Emanuel freute sich des wohlverdienten Lobes,
denn das Schloß sah in der That mit den schönen
Bogenfenstern, welche er in die nach Osten gelegene
Hauptwänd hatte einbrechen lassen, viel freundlicher
und viel wohnlicher aus. Der alte, weit vorspringende
Thurm war ebenfalls mit Fenstern versehen worden,
um neben dem Hauptsaal eine Art Erkerzimmerchen
zu erlangen, das für Konradine bestimmt gewesen, und
nun schon mit den unten gepflanzten Schlinggewächsen
freundlich und dicht umrankt war. Englische Ein-
richtungen hatten dem vielgereisten Besiger dabei als
Vorbilder gedient, und selbst die Flagge auf des Thur-
mes Zinne war bereit gewesen, die junge Schloßherrin
bei ihrer Ankunft zu begrüßen. Diesem Swwecke hatte
sie mun freilich nicht gedient, aber heute, da das junnge,
schöne Paar das Schloß betrat, flatterte sie lustig in
der hellen Abendluft, den werthen Gäästen mit den be-

su?
kannten Farben der Familie den fröhlichen Willkomm
zuzuwwinken.
Emanuel war in heiterster Stimncuung. Der
Fürst,sowohl als Glarisse versicherten, während sie sich
seiner frischen Rüstigkeit erfreuten, ihn nie zuwor so
munter gesehen zu haben; und er selber ward sich der
Vorzüge mnd der Schönheit seines Besizes mit beson-
derem Vergnügen bewußt, da er den Angehörigen dar-
thun konnte, wie derselbe sich unter seiner sorgsamen
Hand verwandelt hatte.
Unter gegenseitigem Behagen stellte sich zwwischen
Glarisse und dem Onkel das alte trauliche Verhältniß
schon nach wenig Stunden wieder her. Er hatte
immer eine besondere Vorliebe für sie gehabt, und das
Glück, dessen sie sich in ihrer Ehe zu rühmen hatte,
wie die ruhige Sicherheit des Benehmens, die ihr das
Bewußtsein verlieh, jetzt schon Mutter von zwwei Kin -
dern zu sein, gaben ihr in Emanuel's Augen einen
neuen und höheren Reiz. Es freute ihn, als sie am
nächsten Morgen ihn und den Fürsten auf flüchtigem
Rosse durch die weite Gemarkung begleitete, und es
freute ihn, wie sie dannn später mit dem Behagen der
an reichen Besiz gewöhnten Hausfran, durch die Zim
mer und die Räume des mit allem Wünschenswerthen
wohl versehenen Hauses ging: muusternd, lobend, hie
und da eine Aenderung vorschlagend, aber immer ge-
fällig und immer belebend durch die Theilnahme, die
T-=
Der erste Morgen und der Mittag waren auf


den. Am Nachmittage, als Glarisse sich zurückgezogen
hatte, um von dem starken Ritte auszuruhen, gingen
die Mänmuer plaudernd in dem kühlen Laubgange hin
und wieder.
Es war während der Mahhheit von den mancherlei
Enutbehrungen' gesprochen worden, welche das Leben
auf dem Lande auch unter den günstigsten Bedingungen
mit sich bringe. Diese Unterhaltung war zwwischen den
beiden Männnern während ihres Luftwandelns noch
weiter ausgesponnen worden, und hactte sich dann auf
den kurzen Aufenthalt gerichtet, den der Fürst mit
Glarissen, während ihrer Reise, eben jetzt in jener
Haudelsstadt genommmen hatte, in welcher Hulda en-
gagirt war.
Der Fürst fragte dabei, ob seine Frau dem Oheim
vielleicht schon von ihrer neuerlichen theatralischen Be-
gegnung gesprochen habe.
Emanuel, der es wußte, daß Hulda auf dem dor-
tigen Theater spiele, verneinte es, und der Fürst ver-
setzte darauf: ,Erinnern Sie sich meines Kammer-
dieners, des Menschen, dem ich aus dem Schlosse
meiner Schwiegermutter seinen Laufpaß geben mußte,
welchen er, beiläufig gesagt, schon längft vorher ver-
dient hatte? Der Mensch ist Schauspieler geworden,
und hat seit ein paar Jahren von sich reden gemacht.
Das Zeug dazu hatte er, dennn er war ein geborner
Komödiant, den seine nichtsnutzigen Streiche in be-
ständiger Nebung seiner Kunst erhielten. Sie sind
dem Namuen Lippow wohl in den Zeitungen begegnet.
Ich hatte ihn aber nie auf der Bühne gesehen, und

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komnnte mich des Lachens kaum erwwehren, ald mir, so-
bald wir in unsere Zimmer gekommen waren, der
Wirth die wichtige Mittheilung machte, daß der be-
rühmte Michael Lippow in seinem Hause wohne, mnd
an diesem Abende als Mephisto auftrete. Wir wollten
uns natürlich den Spaß nicht versagen, den guten
Freund agiren zu sehen, und fuhren hin.! -
, Und wie haben Sie ihn gefunden? erkundigte
sich Emanuel.
,Vortrefflich! geradezuvortrefflich! entgegnete der
Fürst, ,so daß ich mich fortdauernd auf der Frage
wiederfand, wie ein so charakterloses Subject zugleich -
ein wirklich bedeutender Künstler sein könne. Meine
Achtung vor dem künstlerischen Können ist, wie Sie
denken mögen, dadurch nicht eben gesteigert worden.
Im Nebrigen aber war es eine sehr gelungene Dar-
stellung.!
Er brach damit ab. Emanuel ließ unentschlossen
eine kleine Weile hingehen. Danun plözlich sein inneres
Widerstreben überwindend, sagte er: ,ch vermuthe,
daß Sie auf diese Weise auch Hulda gesehen haben
werden. Man lobt sie vielfach. It sie eine gute
Schauspielerin geworden?
,Mehr als das!k entgegnete der Fürst. ,Sie hat
Töne, Mienen, Geberden, die unwwiderstehlich zu nennen
find, und sie ist fast schöner noch als früher. Glarisse
war so sehr von ihrem Spiel gerührt, daß fie darauf
bestand, sie bei sich zu sehen und zu sprechen. Ich
wundere mich, daß sie Ihnen davon noch Nichts gesagt
hat. Sie hatte ja immer eine durchaus berechtigte

H5
Vorliebe für Hnlda - wie wir Alle. Sie ließ es sich
also auch nicht nehmen, ihr noch ein Andenken zu
schicken, als wir abreisten. Sie mrüssen sich das von
ihr selbst erählen lassen.!
Ein Diener, der die Meldung brachte, daß einer
der jungen Herren von Barnefeld gekommuen sei, machte
dem Gespräch ein Ennde, und befreite Emanuel. Er
war es wieder einmal innne geworden, wie mnnmöglich
es ihm fiel, voi Hulda in gleichgiltigem Tone zu
sprechen, oder sprechen zu hören, und wie werth, er
hätte sagen mögen, wie heilig ihm ihr Angedenken sei.