Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 25

Fünfundzwanzigstes Gapites
Die Anwesenheit der Gäste im Falkenhorst war
von jenem herrlichen Wetter begünstigt worden, das
unter dem Wehen eines warmen, frischen Ostwindes
in jenen Landstrichen am Ennde des August - Monates
und im September, in denen das letzte Kernobst reif
wird, zu herrschen, und von dem Landvolke deshalb
als die Zeit des AepfelOstes bezeichnet zu werden pflegt.
Die ersten achtTage waren so schnell entschwunden,
daß man darauf denken mußte, jene anderen, welche
ihnen folgen sollten, so geschickh als möglich zu ver-
wenden, da man doch auch der lebensfrohen, offenen
Gastfreiheit der Gutsnachbarn mannigfach gerecht zu
werden hatte. Denn den Fuß auf Barnefeld'schen
Grund zu setzen, ohne auch in dem Hause eines Jeden
von ihnen eine Bewirthung angenommen zu haben,
das würden die Eltern und die Kinder gemeinsam,
wie jede der einzelnen Haushaltungen für sich im Be-
sonderen, als eine Ehrenkränkung angesehen haben;
und die Herzlichkeit des Tones und Behabens, denen
das junge fürstliche Paar bei ihnen überall begegnete,

85e
machte den Verkehr mit diesen wackeren Renschen an-
genehm und leicht, obschon Glarisse sich zum erstenmal
in ihrem Leben außerhalb des Bereiches der hohen
Aristokratie bewegte.
Die Barnefelds gehörten nicht dem alten hohen
Adel an. Sie hatten, seit der Erste von ihnen geadelt
worden war, sich auch mehrfach mit Frauen aus reichen
Kaufmannshäusern, und mit Töchtern von Gelehrten
verheirathet. Ihre Güter waren zusammengekauft, mnnd
nach Ermessen von denselben auch einzelne Theile und
ganze Güter wieder verkauft worden, um Zweckmäßi-
geres zu erwerben, oder den Besiz besser abrunden zu
können. Barnefeld'she Töchter hatten sich mit ge-
bildeten bürgerlichen Beamten und Gutsbesizern ver-
bunden; es waren Barnefelds in hohen Givil- und
Militär»Aemtern angestellt, und wenn auch manchem
der hier im Lande angesessenen -Glieder der Familie,
jener lezte Schliff abging, der den Hofmann auszeich-
net, mnnd wenn vielleicht keine von allen diesen Frauen
die richtige bei der Gour gebotene Verbeugung zu
machen fähig war, so hatte man doch bei ihnen in
jedem Augenblicke die wohltbuende Empfindung, mit
Menschen zu verkehren, denen im Leben Nichts ab-
ging, die an allem Bedeutenden aus der Enge ihres
Kreises heraus, lebhaften und klugen Antheil zu nehmen
vermochten, die innerhalb dieses Kreises Meister in
Allem waren, was in demselben erheischt werden konnnte,
und die, weil es ihnen wohl war, eine Genugthuung
darin fanden, daß auch den Anderen, so weit als
immer möglich, Wohlsein bereitet werden möchte.

85s
Dazu waren es stattliche, frische Männer und Frauen,
freimüthig bereit, sich an der schönen Vornehmheit der
fürstlichen Gäfte unbefangen zu erfreuen, mnnd nebenher
Emamwuel so herzlich zugethan, daß sowohl Clarisse als
der Fürst schon deshalb Zuneigung zu ihnen faßten.
An dem letzten Rachmittage, welcher der festge-
setzten Abreise des Fürsten vorherging, war er noch
einmnal hinübergerttten, dem alten Herrn von Barne-
feld ein Lebewohl zu sagen. Glarisse war, weil ein
schweres Gewölk am Himmel stand, zurückgeblieben,
und Emanuel hatte sich selbstverständlich erboten, ihr
Gesellschaft zu leisten. Wie es mun draußen heftiger
zu wehen mnd auch bereits zu regnen anfing, so daß,
man selbst in dem Pavillon nicht mehr verwweilen
mochte und sich in das Zimmer zurüczog, saßen Gla-
risse und Emaruel schon eine geraume Zeit einander
gegenüber, ohne daß sie mit einander gesprochen hätten.
Die rasch über die weite Ebene hinfliehenden Wolken
zogen ihre Gedanken an sich und mit sich, und ver-
lockten sie weit hinaus in die Ferne und in die Zu-
kunft, um fie dann wieder auf Einkehr in sich selbst
zurüchuweisen.
Mit einemmnale legte Glarisse ihre Hand auf die
des Onkels und sagte: ,Wenn ich hier so hinaussehe
in die Weite, und zurück in das große, schöne Schloß,
und denke, daß Du hier allein bist, allein in Deinen
Wäldern und auf Deinen Feldern, allein in diesem
W?ae

Hds
schwere Last, denn als ein Glück vor. Du hast her-
zustellen, was die Geschlechter vor Dir verabsäumwt
haben, mnd wennn Du hier allein bleibst, so arbeitest
Du fär die Familie, ohne selber die rechte Freude an
der Vermehrung des Besizes haben zu können. Man
will doch wissen, wofür und für wen man arbeitet
und sich bemrüht?
Emamuel sah sie freundlich an. ,Du bist die
Erste,! sprach er, ,die sich die' Frage vorlegt, ob ein
so großer Besiz eben mir ein erwünschter sein konnte,
und ich stehe deshalb nicht an, Dir zu bekennen, daß
ich ihn in den Zeiten, in denen des Bruder Krank-
heit ihn mir in Aussicht stellte, keineswwegs als einen
solchen angesehen habe. Als dann in dem Augen-
blicke, da der Bruder starb, sich mrir die Hoffnung er-
öffnet hatte, für Konradinen und für eine mir ge-
hörende Familie, hier eine schöne gesicherte Heimat be-
reiten zu können, faßte ich Liebe zu dem Besiz; und,!
setzte er nach kurzer Pause ruhigen Sinnes hinzu, ,als
jene Erwartunng sich dann nicht erfüllte, war die Arbeit
mir schon ein Bedürfniß und die Stütze geworden,
mit der ich meinen Weg weiter vorwärtsgehen konnte.
Ich hatte sehen gelernt was fehlte, ich wünschte das
Manngelnde zu schaffen, ich hatte den Trieb, das Be-
gomnene zu vollenden. An die Stelle der mrir Ange-
hörigen, für die ich hier zu sorgen gehofft hatte, traten
allmälig jene Anderen ein, die hier geboren und durch
ihre unbehilfliche Beschränktheit hier eingewnnrzelt und
auf uns angewiesen waren--

H55
,Und Du bist also zufrieden?! fragte die junge
Fürstin; ,das Bewußtsein, die Güter in die Höhe zu
bringen, macht Dir an sich Freude?!
,s ist die Landwirthschaft an sich, die mir
Freude macht,k berichtigte Emanuel, ,nicht, wenn ich's
offen gegen Dich bekennen soll, die Gewißheit, Deinem
Bruder, für den ich, wie Du weißt, nicht eben eine
lebhafte Sympathie besize, ein reicheres Erbe in dem
Majorate zu hinterlassen; und dies umsoweniger als
mir die Nüzlichkeit der Majorate für das zweckmnäßige
Fortbestehen und die zweckmäßige Fortbildung der Ge-
schlechter, hier in dem Hinblicke auf die Barnefeld's
und ihresgleichen, mehr als früher zwweifelhaft geworden
ist. Soviel steht bei mir fest,? setzte er hinzu, ,ich
würde, hätte ich mich verheirathet und Söhne gehabt,
Alles dazu gethan haben, neben dem Majorate für
meine Kinder AllodialGüter zu erwerben, über die sie
nach freiem Belieben hätten schalten und walten mögen,
ohne daß mit deren Vererbung, ihrer Reigung und -
ihrer freien Entschließung von den Altvordern Ketten
angelegt werden, die man zu Zeiten als sehr drückend
empfinden kann, und von denen man, eben aus ein-
gesogenen Vorurtheilen, sich doch mehr als billig und
verantwortlich binden und bestimmen läßt.
Glarisse schwieg eine Weile, nachdem er geendet
hatte. Sie blickte nachdenklich und liebevoll in sein
edles, ernstes Antliz, als wolle sie darin lesen, ob sie
es wagen solle, ihm eine Frage vorzulegen. Ihre
Freundschaft und ihre Liebe für den Oheim hatten sich
o

H5
in diesem engen, vertraulichen Beisammmnensein nur noch
gesteigert, ihr eigenes Glück ihr die Vereinsamung des
Oheims noch trauriger erscheinen machen; und wie ihr
Auge also freundlich auf ihm weilte, bemerkte fie, daß
in der Fülle des dunklen Haares, welches seine Stirne
umwwallte, einzelne weiße Fäden sichtbar wurden. Das
rührte ie, und von dieser Rührunng fortgerissen, sagte
fie: ,Du bist ja noch jung, Emanuel, wenig älter als
Severin; indessen wir bleiben doch nicht immner jung,
unnd allein zu sein im Alter muß sehr schwer sein.
Denkst Du dennn gar nicht mehr an eine Frauk
,Die Erfahrungen, die ich gemacht,! versetzte er,
,sind niäst ermuuuthigend gewesen.!
,D,! rief Glarisse, ,ich will nicht in Dich dringen,
wie es die Mutter wohl bisweilen that - gewiß nicht,
Lieber! - Aber Du und Konradine, ihr gehörtet ja
auch nicht zu einander, Du hast sie nie geliebtrr!
,Und als ich liebte,? fiel er ihr in die Rede, ,als
ch einmal liebte, mit großer Wärme liebte, und mich
geliebt wußte mit einer Liebe ohnegleichen, da - leß
ich mich gefangen nehmen von den Ketten dieses Ma
jorates; da gab ich um seinetwillen ein Glück auf, das
ich nicht wieder finden werde, und beschwor in thö-
richter Verblendunng gleichsam den alten Fluch herauf,
von dem die Liebe mich erlösen wollte.!
Er stand auf, Glarisse war erschrocken. Diese Er-
imnerung in ihm zu erwwecen, dem Oheim einen
Schmerz zu bereiten, hatte sie nicht erwartet. Er ging
mehrmals in dem Zimmner auf und ab. Sie erhob
sich unnd hing sich an seinen Arm.

a
,Vergib mir!r bat sie freundlich.
,Was hast Du denn verschuldet? entgegnete er,
und ihr die Hand drückend, sprach er: ,Eaß das ruhen!
Aber ich höre von dem Fürsten, Du hast Hulda auf
der Bühne gesehen, und bei Dir gesehen. Erzähle mir
davon Alles, so wie es war. Von Deinem Munde
werd' ich's gerne hören, denn Dir war sie werth. Er-
zähle, Beste! Wie hast Du sie gefunden, wie geht es
ihr? und ist sie glücklichr ist sie noch so schön, so
sanft, so in sich Eines wie in jenen guten Tagen?
Er hatte sich auf das Sopha niedergesezt, Gla-
risse war ihm dahin gefolgt und hatte ihren Arm
wieder in den seinen gelegt. So nahe an ihn ge-
rückt, während der Tag sich senkte, sprach sie ihm von
der Geliebten, wie er es begehrte, wie sie es in ihrer
Seele trug.
Sie enthielt ihm Nichts vor: nicht die Neber-
raschunng, mit welcher sie Hulda auf der Bühne ge-
sehen, nicht das Entzücken, welches sie ihr als Künst-
lerin verdankt, nicht den Beifall, mit welchem man fie
überschüttet hatte. Sie erzählte ihm, wie der Fürst
sie vor der Begegnung mit Hulda vorsichtig gewarnt,
wie er leichtfertig über ihre häusliche Einrichtung ge
scherzt, wie er sie selber damit unwwillkürlich mißtrauisch
gegen die Schauspielerin gemacht habe; was danach
zwischen ihr und Hulda vorgegangen war, bis sie mit
Verehrung und Liebe, und mit einem wirklichen Tren-
nungsschmerze, in ihren Armen gelegen habe, und von
ihr geschieden sei.

858
Sie hatte sich, enthufiastisch wie fie war, in dieser
Erzählunng mehr und mehr erwwärmt. Emanuel hatte
fie nicht ein einzigesmal unterbrochen. Bisweilen kam
es ihr vor, als zucke seine feine nerwige Hannd, die sie
Nn der ihren hielt; aber die Dunkelheit war herein-
gebrochen und sie komnnte seine Züge nicht genau mehr
sehen. Als sie geendet hatte, stand er auf.
,Und ich wähnte sie ganz hingenommnnen von dem
Berufe, der ihr als halbes Kind immuer schon verlockend
gedünkt; ich stellte sie mir imwmner mur umringt von
Bewunderung vor, berauscht von ihren Erfolgen, wennn
ich das Lob las, das die Krltlk ihr spendet. Ich dachte
sie mir gernn zufrieden, dachte sie mnir glücklich!k sagte er.
Glarisse meinte, in ihrem Berufe fühle Hulda sich
auch durchaus gllcklich.
,Mit einem innneren Zwwiespalt ist das Niemand,?
wendete Emanuel ihr ein, zund Hulda noch weit we-
niger als jeder Andere.!
Glarisse kam damn noch einmal darauf zu sprechen,
wie der Abschied von Hulda sie bewwegt habe. ,Als
sie mich verlassen hatte,' sagte sie, ,kam es mir vor,
als hätte ich ihr nicht gemg gezeigt, wwie hoch ich sie
halte; und weil ich man doch Nichts mehr für sie thun
konnte, und eben Nichts zur Hand hatte, womit ich
ihr ein Zeichen der Zuneigung geben komnwte, schrieb
ich ihr ein paar Zeilen für ein Stammubuchblatt, und
schickte ihr ein kleines Kreuzchen, das ich von Kindheit
an getragen, mnd das sie, als sie bei uns im Schlosse
war, immmuer sehr bewwundert hatte.!

859
,Das kleine Goldkreuz mit dem Seraphköpfchen?
fragte Emnanuel.
,Ja!r entgegnete Glarisse mit wirklicher Ver-
legenheit, ,das Kreuzchen von der Baronin Erdmuthe.
=- Ich hätte es vielleicht nicht geben dürfen, und ich
möchte nicht einmal, daß die Mutter es erführe. Aber
ich haatte in dem Augenblicke wirklich gar nichts An
deres zur Hand; und da es nach der Familiensage vor
Gefahr beschüzen soll, so dachte ich, Hulda könne
es mehr als ich gebrauchen, - und gefreut hat e sie
ganz gewiß. Sprich nicht davon. Es war ein rascher
Immpuls - und verarge mir es nicht.?
,Ich? rlef Emanuel. ,Glaube mir, das ver-
gesse ich Dir nier! Er küßte ihr die Hand, sagte aber
weiter Nichts.
Der Diener brachte gleich danach die Lampen in
das Zimmer. Wie man dann bei ihrem milden
Scheine bereits eine Weile beisammen gewesen und die
Erinnerung an das eben geführte Gespräch im Aus-
klingen begriffen war, sagte die Fürstin: ,Als wir
vorhin von dem kleinen Erucifir gesprochen haben,
fiel mir ein, daß hier im Schlosse noch die alten
Silbergeräthe und mancherlei Erinnnerungen an unnsere
Vorfahren vorhanden sind, deren die Mutter oft er-
wghnt hat. Möchtest Du mich dieselben sehen lassen,
ehe ich den Falkenhorst und Dich verlasse?
Emammuel erklärte sich sofort dazu bereit. Er ließ
den alten Kastellan benachrichtigen, der schon seit zwei
Generationen diese Gegenstände in seinem besonderen
Gewahrsam hatte, unnd es währte nicht lange, bid der

6d
Greis feierlich, als trage er die Reichskrone oder das
heilige Sakrament, der Reihe nach die schweren, alten
Humpen, den großen, kunstvoll gearbeiteten Suppen-
napf, den Tafelaufsaz, die wuchtigen Leuchter und end-
lich auch die alten, mit vielen silbernen Rägeln be-
schlagenen Schmuuckkästchen herbeibrachte, und sie Stäck
für Stück in schöner Ordnunng vor der jungen Fürstin
niedersetzte.
Der Silberbesiz war von beträchtlichem Werthe,
aber dasjenige, was man in den kleinen Schreinen
aufbewahrte, das waren keine eigentlichen Kostbarkeiten;
sondern Schmucsachen und Zierrathen, an die sich
irgend eine besondere Erinnerung knüpfte; und Ema-
muel, der sich von jeher mit den Sagen der Familie
gern beschäftigt hatte, wußte zu Glarissen's Freude fast
von jedem Stücke eine Auskunft gu ertheilen. Ihre
Rnuugier mnd ihr Famrilienfinn fanden eine gleiche
Unterhaltung darin, jede dieser einzelnen Keinigkeiten
eigens herauszunehmen, zu betrachten, fie anzulegen,
. sofern es thunlich war, mnnd sie hatte das letzte der
Kästchen schon in der Hannd, als der Alte aus dem
Nebenraume noch eine Art von Tasche aus verblichenem
rothem Sammnnet, mit goldener Schnur umwmunden,
z Vorscheine brachte.
,Eaß das mur liegen!r sagte Emanuel, als er egß
bemerkte; doch gerade diese Weisung machte Glarisse
aufmerksam darauf. Sie fragte, was das Säckchen in
sich schließe. Emannuel entgegnete, es enthalte das alte
handschriftliche Dokument, in welchem die Geschichte
von dem König der kleinen Leute und von dem Fluche
s

88
berichtet werde, den jener märchenhafte kleine König
gegen das Geschlecht der Freiherren von Falkenhorst
ausgeftoßen haben solle.
Die Fürstin wollte das Dokument sehen. Ema-
muuel wehrte es ihr nicht. Er löste die goldene Schnur,
öffnete vorsichtig die Hafteln, welche die alte Tasche
zusammenhielten, nahm gus derselben einen Umschlag
von dickem Leder, und aus diesem einige Blätter ver-
gilbten ßergamentes heraus, auf welchen jene Sage
von dem Freiherrn von Falkenhorst selber, in breitester
Ausführlichkeit niedergeschrieben war.
Obschon der Fürstin diese Erzählung aus muüünd-
licher Wiederholung von früher Kindheit auf bekannt
war, wünschte sie doch dieselbe zu lesen; aber die
krausen, wunderlichen Schriftzeichen upnd die ganz ver-
, altete Sprache und Rechtschreibnng machten ihr das
unmöglich. Emanuel mnterzog sich also der Mühe,
es ihr vorzulesen, und wie er dannn am Schlusse der
Erzählung langsam mnd gewichtig, Wort für Wort den
schweren Fluch des kleinen Königs wiederholte, jenen
Fluch, der sich in fast mnbegreiflicher Weise durch die
Jahrhunderte fortgesetzt, und das Geschlecht der Falken-
horst seinem Erlöschen in der Person Emanuel's nahe
gebracht zu haben schien, komnwte Glarisse sich eines
Schauers nicht erwehren.
Das alte Schloß, der alte Kastellan, die alten
Geräthschaften, ja selbst der Oheim und ihre eigene
Anwwesenheit in diesem Schlosse kamen ihr mit einem-
male unheimlich und spukhaft vor; mnd die Hand ab-
wehrend gegen die alten Pergamente ausgeftrect, rief

L8e
sie, absehend von aller ihr anerzogenen Verehrung des
Althergebrachten: ,Aber das ist ja entsezlich! Wie hat
man das mur aufbewahren, solch böse Vorstellung
durch die Jahrhunderte an dem Geschlechte haften
lassen mögen? Und an ihre beiden schönen Knaben
denkend, setzte sie, von ihrer warmen Mutterliebe fort-
gerissen, rasch hinzu: ,Wenn solche Sage sich an das
Schicksal unseres Hauses, an das Geschlecht des Fürsten
knüpfte, ich würde sie vernichten, damit ihr trüber
Schatten nicht auf die Seele meiner Kinder fiele.!
Emanues lächelte. ,Gernichten? fragte er. ,Dmuu
wolltest vernichten, was im Märchen zierlich ausge-
stattet in den Besiz des ganzen Volkes übergegangen
ist, dessen Kinder sich harmlos daran ergötzen?
Nimmermehr! und wenn es möglich wäre, möchte
ich's nicht wollei. It denn die Aussicht, durch Jue-,
gend und durch Liebe von cinem Bannne erlöst und
neu belebt, und durch sie auferbaut zu werden, nicht
beseligend und schönR-
Er hatte die Blätter in die Hand genommnen und
legte sie sorgfältig zusammen, um sie wieder in ihre
alte Umhüllung zu legen. Glarisse sah ihm schweigend
znu, wie er die Hafteln schloß, die goldene Schnur
verknüpfte.
,Oheim,' versetzte fie plöglich, ,kamnte Hulda
diese alte Sage? -
,Ja,! versezte er, ,lie kannte sie.! Er legte
mit diesen Worten die rothe Tasche in den Schrein,
Glarisse war ihm dabei behilflich. nten in der Ecke
desselben stand ein kleines Kästchen von neuer Form.

8s
Ohne Emanuel's Erlaubniß zu fordern, nahm fie es
heraus. Es lag ein Goldreif darin mit hellem,
blauem Steine; mnd wie sie ihn betrachtete, las fie
in seinem Imnern die Worte: ,Dich mnd mich trennwt
Ndiemand!r
Sie sah Emnannel an, sie wagte nicht zu fragen,
wem der Ring bestimmt gewesen sei, wer ihn ge-
tragen hatte. Sie sezte das Kästchen schweigend auf
den ßlaz, an dem sie es gefunden hatte. Darüber
kam der Fürst von seinem Ritte heim.
Er besah die Gefäße, die Geräthe, lobte ihre
schönen Formen, und da er eben mit Emanuuels
Nachbarn mannigfache Gespräche über den Werth des
baaren Geldes in der Landwirthschaft gepflogen hatte,
verfiel er bald darauf, auch den mnngefähren Werth
dieses Silberbefizes abzuschäzen, der, wie Emanuel es
ihm angeben komnte, sehr beträchtlich war.
,Was würden die Baarnefelds mit solcher Sumwmne
Elles unternehmenl, sagte er, indem er noch einmal
einen der riesigen Humpen in der Hand wog.
,Daran habe ich besonders oft gedacht, als ich
vor Jahren hieher kam, und um verfügbare Kappitale
bisweilen verlegen war!s gab Emamuel ihm zu. ,Es
ist mit dem Aufstapeln solcher alten Besizstücke in der
That eine ebenso bedenkliche Sache, wie unter Ver-
hältnissen mit der Anantastbarkeit der Majorate. Hat
man Freude daran, ich der massiven, wenig hand-
lichen Geräthe täglich mit dem Bewußtsein zu bedienen,
daß schon seit Jahrhunderten Menschen, die zu uns
gehörten, in Glüc nnd Leid von diesen Gefäßen Ge-

6-
brauch gemacht haben, so lasse ich das gelten. It man
reich und freigebig gemng, fie einem Kunftkabinete ein-
zuverleiben, und dort meinetwegen als Falkenhorst'sches
Legat aufbewahren zu lassen, so hat das einen ge-
meinnnüzigen und zugleich einen die FamilienEitelkeit
entschädigenden Sinn. Aber sie hier in einem ent-
legenen einsamen Schlosse, mur mm des Herkommmuens
willen, in verborgener Kammner durch die Jahrhun-
derte als todtes Kapital unter Schloß und Riegel zu
halten, während mit denTausenden, welche sie werth sind,
für den Familienbesiz und das FamilienVermögen weit
Vortheilhafteres geschaßfen werden könnte, darin liegt
eine Pietät, welche aufrecht zu erhalten mir mit meiner
jezigen Einficht oftmals schwer gefallen ist.? -
Der Fürst stimmute dieser Ansicht bei. Barne-
felds Einfluß und seine Lehren hatten die beiden
jüngeren Landwirthe ganz für sich gewomnen. Man
sprach eine geraume Weile von den Verbesserungen,
die auf den Gütern des Einen und des Anderen im
Werke waren, die Nothwendigkeit freier Verfügung
über die Güter wie über das Kapital, stand dabei
überall in erster Reihe. Der Fürst ging endlich so
weit, in der Majoratebegründung einen Verstaides-
fehler, einen Mangel an Voraussicht und eine un-
zwweckmäßige Tyramnei zu finden.
Glarisse lachte dag. ,Eaßt daas die Muutter nicht
hören!r rlef sie. ,Ran ist jezt zwwischen Euch Bei-
den wie unter Revolutionären, denen Nichts mehr
heilig istrr

6s
,Wir verbrennen aber doch noch keine Familien-
Chroniken und keine Dokumente !? scherzte Emamuel.
fie an ihren früheren Gedanken mahnend. ,ebrigens
kann die Muutter unbesorgt sein. Dein Bruder soll,
wennn er nach mrir im Falkenhorste Herr sein wird,
die alten Famrklienstücke mit all ihrem Zubehör, und
wird hoffentlich auch noch den Alten, hier an seinem
Plaze finden.
N
Glaisse und der Fürst wehrten Beide den Ge-
danken ab. Emarmuel entgegnete darauf Nichts.
Der Kastellan hatte inzwischen angefangen, die
silbernen Gefäße und die sonstigen Herrlichkeiten wie-
der zu entfernen. Als er endlich auch den kleinen
Schrein verschließen wollte, in welchem der Ring mit
dem blauen Steine und der Jnschrift lag, bemerkte
Glarisse, wie Emanuel den Ring aus seinem Käft-
chen nahm, mnd ihn an seinen Finger steckte.
A
A
-A
I