Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 26

Hechsundzwanzigstes Gapitel.
A
Die Freunde des Theaters hatten sich während
Lippow's Gastspiel vollauf Genüge gethan. Man war
alltäglich im Theater gewesen, die Künftler, welche mit
Lippow zusammengespielt hatten, waren sehr in An
spruch genommen worden und hatten eine verhältniß-
mäßige Ruhe nöthig. Das Publikum war ebenfalls
müde.
Die Hitze war, wie in jenen Gegenden immer,
gegen das Ende des Augustmonates sehr drückend ge-
worden, und die heißen Somnenstrahlen, welche in die
langen Korridore des Schauspielhauses drangen und
sich mit ihrem gelben Lichte durch die geöffneten Logen-
raaarkrBnr
Man spielte vor ziemlich leeren Bänken oft gesehene
Schauspiele, kleine Lustspiele, alte Possen, an denen --
die Gutsbesizer, die zum Markte kamen, nichtsdesto-
weniger ihr Vergnügen fanden, und bei welchen Nio-
mand wesentliche Mühe hatte; nicht einmal der
Souffleur, denn diese Stücke hatte man aus langer
Nebunng wie am Schnürchen.

- 8a?
Auch Hulda hatte nicht eben viel zu thun, und
nach der angestrengten Arbeit, der sie sich bingegeben,
feit sie Schauspielerin geworden war, umfing die Art
von Ruhe und von Muße, deren sie jezt zum ersten-
male genoß, fie wie eine ihr fremd gewordene Er-
auickung. Sie komnte wieder bi zu einem bestimmten
Grade, über ihre Zeit verfügen, sie konnte sich auf sich
selbst besimnen, sich es hinträumend wiederholen, was
zwwischen ihr und der jungen Fürstin sich begeben, und
mit welcher Zärtlichkeit und Wärme Glarisse sie am
Ende ihrer Unterredung dann entlassen hatte.
Jede Miene der ihr so theuren Frau war ihr
noch gegenwwärtig, jedes Wort klang in ihrem Herzen
nach. War es doch seit Jahren das erstemal gewesen,
daß ein reines, edles Frauenherz sich ihr gütig zu-
gewendet hatte, daß sich Jemand um ihr inneres
Leben, um den Frieden ihrer Zukunft besorgt gezeigt
hatte, daß ihr eine Theilnahme erwiesen worden war,
die ihr selber, ihrem Glück und Heil, und nicht allein
der Künstlerin und ihren Erfolgen gegolten hatte.
Der ganze Kag, an welchem sie Glarisse gesehen,
war ihr wie verklärt davon gewesen. Abends, als sie
nach dem Theater in ihre Wohnung gekommen war,
hatte ein Brief auf ihrem Tische gelegen. Fran Rosen
sagte, der Diener des Fürsten Severin habe ihn ge-
bracht, und gefordert, ihn nebst dem Kästchen, das da-
bei stand, selber in ihre Stube zu tragen; weiter habe
ITeerrr
s ,

L8s
standen auch mur vier Zeilen, mur die wenigen Worte
darauf:
,Bleibe Dir selber getreu!
Laff' ott fär das Nebrige walten.
Glckic, wem man, wie Dir -
Besseres wünschen nicht kam.!
Die Schreiberin hatte ihren Taufnamen darunter-
gesezt, und Hulda las mit überströmenden Augen den
kurzen herzlichen Zuruf, drückte mit heißem Kusse das
kleine Kreuz a ihre Lippen. Roch an dem verwwichenen
Morgen hatte dasselbe fie wieder, wie ein Wahrzeichen
aus alter ferner Zeit, vertraulich angemuthet, als ie
es an dem Halse der Fürstin hängen gesehen. Glarisfe
hatte es stets getragen, nicht Tags, nicht Nachts hatte
sie es von sich gethan, weil es für eine Art von
Amwulet gegolten hatte; und Hulda verstand deshalb
den Sinnn, verstand die treue Meinung, welche allein
die Fürstin dazu bewogen haben konnten, sich des
kleinen in der Famrilie werth gehaltenen Erucifites zu
entäußern, um eine Fremde, nicht dem Hause An-
gehörige, gleichsam mnter die Obhut seiner guten Genien
zu stellen.
In den streng protestantischen Anschauungen ihres
Vaterhauses auferzogen, hatte Hulda sich es früher
nicht vorzustellen vermocht, was dem Herzen des Gläu-
bigen der Schuzheilige mnd die von ihm stamumnuende
Reliquie bedeuten; als sie aber an jenem Abende das
Kreuzchen um ihren Halk hing, wurde es ihr wie
durch eine poetische, das Gemüth erwärmende, den

869
Sinn beruhigende Offenbarung plöslich klar und
deutlich.
Sie war nicht mehr allein, nicht mehr verlassen
auf sich selbst gestellt. Ihre Gedanken hatten jezt
wieder ein festes Ziel, zu dem sie sich wendeten, wemnn
sie sich selber nicht genügen konnte. Sie hatte einen
Namen, den sie in ihrem Herzen anrief, wenn es sie
nach Theilnahme verlangte; und das Wesen, welches
diesen Namen trug, war rein und schuldlos, war eine
Frau, an welche nie ein Zweifel sich herangewagt, an
welcher kein Makel haftete, wie an Feodoren und wie
selbst an Gabrielen.
Was waren denn alle Triumphe, welche jene
Frauen gefeiert hatten, jene Bewunderung, nach wel-
cher Hulda diese Jahre hindurch so heiß gestrebt, und
die zu erringen sie manchmal-ihr besseres Empfinden
hatte zum Opfer bringen müssen, was war alle Ehre
und Anerkennung der Welt gegen den Frieden, der
aus Glarissens Augen und von ihrer reinen Stirne
leuchtete? Oder was war in diesen Jahren ihres
Bühnenlebens Hulda zu Theil geworden, das sie so
erfreut, so in sich selbst erhoben und gekräftigt hätte,
als das Anerkemntniß, das die Fürstin ihr mit diesen
wenigen Woren gegeben hatte? als Glarissens Zuver-
sicht, daß Hulda sich und ihre sittliche Würde zu
wahren wissen werde in den Versuchungen, die sie
umringten, auf dem Pfade, den sie sich erkoren hatte
erkoren freilich, ehe sie seine Dornen kannte.
Und an Dornen sollte es -Hulda auch zunächst
nicht fehlen. Schon während Michael's Gastspiel hatte
Fauny Lewalb, Die Erlöserbn. Ü.

ze
Hochbrecht, als er sie einmal besuchte, ganz beilänfig
die Frage aufgeworfen, wie sie eigentlich mit Gabrielen
zählt, in welcher Weise die berähmnte Künftlerin auf s
zusammmenhänge? und sie hatte der Wahrheit nach er-
sie achtsam gewworden sei. Hochbrecht hatte gemeint,
das klinge freilich anders als die bisherige Angabe.
Hulda hatte natürlich sofort gewwußt, wohin die Frage
ziele, und eben deshalb ihn veranlaffen wollen, sich
deutlich auszuusprechen. Er war aber darüber mit der
Bemerkung hinweggegangen, am Ende sei jeder be-
deutende Mensch das, was er sei, und was er aus
sich mache; mnd eine junge Künstlerin wie sie, habe
es amm wenigsten vomnöthen, sich an Traditionen an-
zulehnen, da sie auf eigenen Füßen stehe und sich
durch eigene Kraft behaupten kömnne.
Damit aber war ihr jezt nicht mehr gedient. Sie
verlangte, daß Hochbrecht sich bestimmwt erklären solle,
unnd er sprach dann unnumwwunden die Frage aus, wie
sie darauf gekommen sei und was fie dazu bewogen
habe, sich für Gabrielens Tochter auszugeben, für die
mann fie hier auch allgemein gehalten habe, bis Lippow
es verrathen, daß er sie in dem Schlosse der gräf-
lichen Famnilie habe kennen lernen, und daß sie. nicht
die Tochtek eines Herzogs und Gabrielens, sondern
eines Pfarrers Tochter sei.
,Ja, Gottlob!r rief Hulda. ,Ja, gottlob!r =-
Nnd mit schamrother Stirne fügte sie hinzu: ,Aber
noch heute kann ich es nicht begreifen, wer diese Lüge
erfunden haat! Wer Gabrielen das angethan, mnd mrir
und meiner guten Eltern Angedenken! -= Tnd daß

a1
Niemand, kein Einziger von allen Denen, die fich
meine Freunde nannten, es auch nur einer Erwwähnunng,
werth gefunden hat! Daß man mich hier hat leben
lafsen unter der Schmach eines solchen Makels =-
ohne mir ein Wort davon zu sagen! =-
Ihre Mißemwpfindung, ihre Kränkung schnürten
ihr den Hals zu und nahmen ihr das Wort.
Hochbrecht zeigte sich darüber ganz verwwundert,
ja er schien, ihrer Entrüstung mißtrauend, anzuneh-
men, es sei die Aufdeckung der Täuschung, die sie ver--
drieße und sie in zornige Verlegenheit verseze. Er
lächelte zu allen ihren Betheuerungen. Er namnte es
am Ende eine sehr zu verzeihende Kriegslist, daß sie,
ihre auffallende Rehnlichkeit mit Gabrielen benuzend,
fich deren mütterlichen Familiennamen angeeignet habe,
um sich auf solche Weise einer größeren Theilnahme
im Voraus zu versichern; und es half ihr nicht, daß
sie betheuerte, wie der Direktor ihr diesen Ramen
ausgewählt, und wie sie nicht einmal gewußt habe,
daß Gabrielen's Mutter ihn getragen habe. Er glaubte
ihr es nicht, glaubte es noch weniger, daß sie es bis-
her nicht innegeworden war, wie man über ihre Ab-
kunft von Anfang an gesprochen hatte, sondern rühmte
ihre Klugheit und ihre richtig berechnende Menschen-
kenntniß.
Sie nahm ihm das übel, verbarg ihm das nicht,
und erklärte in ihrer Gereiztheit, ihn nicht mehr sehen
zu wollen. Er war es nicht gewöhnt, daß eine der
Künstlerinnen, die auf seinen kritischen guten Willen

aA
vielfach angewiesen waren, und namentlich eine Schauu-
spielerin, der er sich unausgesetzt ergeben bezeigt hatte,
wie ihr, mit ihm rechtete und seine Besuche abwies.
Er scherzte gegen Philibert über die Ungnade, in
welche er bei Hulda gefallen sei, weil er sich es habe
beikommen lassen, ihr den Verstand und die Berech-
nung zuzutrauen, die zu verbergen sie für angemessen
halte, und er fand bei diesem ein geneigtes Ohr.
,Man hat sie um ihrer Schönheit woillen sehr
verwöhnt,! sagte Philibert. ,Sie hat mit ihren un-
schuldsvollen Mienen gar zu leichtes Spiel bei uns
gehabt. Das hat sie sicher werden lafsen. Aber
Mittel giebt es ja wohl, die spröde Göttln etwwas huld-
reicher zu machen. Stellen wir die Opfer ein, unnd
sie wird den Weihrauch bald vermissen, den wir ihr
so freigebig gestreut haben. Wenn wir ihr im Theater
fehlen, wird sie schnell genug danach verlangen, uns
in ihrem Zimmer zu begrüßen. Denn ohne den fort-
reißenden Beistand ihres fürstlichen Gönners hätte sie
schon bei der Faust-Aufführung - obschon sie ganz
vortrefflich spielte - den Unterschied zwischen zurüc-
haltenden und beflissenen Freunden bemerken sollen.r
Hochbrecht war ganz seiner Meinung. ,Ein paar
Seenen aus der ,Bezähmten Widerspenstigen! können
diesem Käthchen gar nicht schaden! scherzte er; mnnd
sie hatten, der Eine wie der Andere, ihre Befriedigung
in der Vorstellung, der spröden Hulda gegenüber den
männlichen Benedikt zu spielen. Es war mur schade,
daß sie es nicht gleich bemerkte, weil eine andere


B
Sorge sie bekümmerte: Lelio war wie verwandelt gegen
sie und hielt sich von ihr ferne.
Er hatte schon während der Tage, welche der
Aufführung des ,Faust vorangegangen waren, weni-
ger zutraulich mit ihr verkehrt; nach derselben wurde
ihr das noch fühlbarer. Freilich that er ihr gegen-
über in den Proben und im Zusammenspiel mit ge-
wohnter Gewissenhaftigkeit, was seine Pflicht war; in-
deß es schien ihn nicht wie sonst zu freuen, wenn er
mrit ihr gemeinsam beschäftigt war, und als sie ihn
endlich mit der Frage anging, was ihn drücke? was
ihn verstimme? behauptete er, in der besten Laune
und nur durch den Gedanken an das in Rußland ihm
bevorstehende Gastspiel mit Michael, ein wenig hin-
genommen zu sein.
Hulda kanne ihn genau und hatte ihn lieb; fie !
war älso nicht leicht zu täuschen, und er schien es auch
kaum darauf abgesehen zu haben. Das wurde ihr
mit jedem Tage schmerzlicher. Sie sagte ihm, sie
habe ihm viel zu erzählen, habe viel erlebt, habe ihre
alten Gönner wiedergesehen; der Fürst sei bei ihr ge-
wesen, sie habe auch die Kürstin aufgesucht und sei
sehr gütig von ihr aufgenommen worden.
Er entgegnete darauf mit einer Verneigung, die
ihr auffallen mmuußte: davon habe er gehört. Wie sie
sich dann bei ihm erkundigte, ob und wamn er zu ihr
kommnen werde, beklagte er es, so beschäftigt zu sein,
daß er dies für die nächsten Tage nicht bestimmen könnne;
und sie wußte doch, daß er nach denselben seinen
Urlaub anzutreten denke.

K
Dies ablehnende Verhalten hatte sie auf der Probe
sehr gekränkt. Als sie es zu Hause überdachte, fiel es
ihr schwerer noch auf das Herz. Das Bewußtsein,
den treuen Freund, den einzigen Mann, zu welchem
in den zwei Jahren ihr Verhältniß gleich frei und
zutraulich und fördersam gewesen war, ihr abgeneigt
zu wissen, war ihr unertragbar.
,Was habe ich Ihnen gethan, mein Freund,?
schrieb sie ihm, ,daß Sie sich von mir wenden? Wo-
mit habe ich es verdient, daß Sie - und Sie thun
das offenbar - mngünstig von mir denken, ohne mir
auch nur die Möglichkeit einer Rechtfertigung gegenn
das Mißtrauen zu vergönnen, das man Ihnen gegenn
mich eingeflößt zu haben scheint? Zu wissen, wefsen
man ihn anklagt, hat am Ende Jeder das Recht;
der Freund dem Freunde gegenüber hat es doppelt.
Ich erwarte Sie noch heute. Ich will nicht noch ein-
mal die Nacht mit dem guälenden Gedanken hinbrin
gen, daß der Freund, den ich mir so sicher verbunden
glaubte, mir verloren gehen könnte. Kommen Sie zu
mir, ich rechne fest darauf.?
Hulda hatte erwartet, daß es mur der Aufforde-
runng bedürfen, und daß Lelio sogleich bei ihr erschei-
nen würde. Indeß er ließ den Morgen, ließ den
Mittag auch vergehen, als wolle er sie es ganz ewd-
schieden fühlen machen, daß ihr Verhältniß zu ein-
ander nicht mehr das bidherige sei; und es war schon
spät am Rachmittage, als er sich endlich bei ihr mel-
den ließ.

as
,Ich habe angestanden, zu Ihnen zu kommen,!
sagte er, ,um mir und Ihnen eine Unterredung zu
ersparen, die für Ieden von uns sein Trauriges hat.
Sie wissen, Hulda, wie wertb Sie mir gewesen sind;
wie es mich gefreut hat, zu Ihnen ein Verhältniß zu
haben, daß ohne den Schatten einer begehrlichen Her-
zensneigung doch so herzlich gewesen ist; und wie ich
Ihnen und Ihrer Wahrhaftigkeit in der That mehr
als mir selbst vertraut habe.
,Aber was ist denn geschehen? fiel ihm Hulda
ein. ,Was ist denn anders gewworden? Glauben
Sie mir denn jetzt nicht mehr? Und was habe ich
denn begangen, daß Sie mir nicht mehr glauben
dürften?
Er gab ihr darauf keine beftimmrte Antwort. Er
hatte sich zu ihr auf bas Sopha gesezt und das
Haupt nachdenklich auf den Arm gestüzt. ,Ich mache
Ihnen keinen Vorwurf aus Ihrem Thun!? hub er
nach wenig Augenblicken an. ,Ich bin kein Moralist,
habe selbst im Leben viel gefehlt, geirrt, die Leiden-
schaft in allen ihren Gestalten kennnen gelernnt und
weiß genau, wie wenig es die Reichen, die Vorneh-
men, die Mächtigen und Welterfahrenen kostet, die
Uperfahrenheit nach ihrem Belieben zu umstricken.?
,Aber wie kommnuen Sie darauf? rief Hulda
noch einmal, ,oder weshalb sagen Sie mir das
Alez? Was soll die Vorrede, die mir doch Gutes
nicht verkündet?-
Sie hielt inne Er bliche ihr finster in das
Gesicht. ,Sehen Sie, rief er, ,as ist es, was ich

s
Ihnen nicht verzeihen, nicht vergeben kamn, wodurch
Sie mir geradezu mnheimlich gewworden sind: diese
dreiste Unwahrheit mit dem Anscheine der reinsten
Unschuld. Das hat etwas so Dämonisches, etwwas
so ==
,Selio ,? rief Hulda, ,was soll das heißen?
Wann habe ich Sie getäuscht? Wer wagt es, mich
einer Lüge anzuklagen? Hat Lippow das gethann, so
ist er es, der Sie getäuscht, der Sie betrogen mnd
sich an mir versündigt hat; und Sie haben ein schweres
Unrecht an mir begangen, wenn Sie dieses Mannues
Worten glaubten.!
,Ich spreche nicht davon,! sagte er, ,daß Sie auch
mich in dem Glauben gelassen haben, daß Gabriele
Ihre Mutter sei --
,Habe ich Ihnen, gerade Ihnen nicht oft, nicht
immer von meinen Eltern gesprochen? Habe ich
Ihnen nicht erzählt, wie entsezlich meine arme Mutter
umgekommuen ist?-
,Das haben Sie; -- aber Sie haben jenem
Gerüchte, das Sie in Umlauf setzten, seit Sie zu
uns kmen, niemals, auch gegen mich nicht wider-
sprochen--?
,Weil ich es nicht kannte, weil ich noch heute
nicht verstehe, woher es seinen Ursprung nehmen
konnnte -
,Und doch kannn es Gabrielen eben in ihren
jezigen Verhältnissen ein schweres Unrecht thun! gab
Lelio zu bedenken. ,Aber das ist es nicht aGein. -
Was zwang Sie, mir von Ihrem Leben in dem gräf-

K
lichen Schlosse, von Ihrer Verbindung mit Baron
Emanuel, mit dem Fürsten Severin zu sprechen?
Was zwwang Sie, Verhältnisse zu berühren, die Sie
in Ihrer Wahrheit nicht enhüllen konnten? Diese
Freude an der Täuschung, diese Lust, sich auf so ge-
fährlichem Pfade aus reinem Wohlgefallen an der
Unwwahrheit, und in der blinden Zuversicht zu bewegen,
daß Riemand kommen werde, Ihnen das ,Halt!s zu-
zurufen und Sie aus Ihres Gleichgewichtes Sicher-
heit emporzuschrecen; dieses Spielen mit der Wahr-
heit, mit der Gefahr, mit uns! dies kecke, leicht-
finnige Selbstvertrauen -= das ist es, was mich von
Ihnen so entfernt hat, das mich Ihnen nicht mehr
tauen läßt; nicht etwa, daß sich jene Männer Ihre
Jgend und Abhängigkeit zu mutze machen konnten. Wir
sind Alle keine Heiligen, keine Engel! Gabriele war
es nicht, Feodore noch weit weniger; aber sie spielten
nicht die Umnahbaren, sie waren frank und ehrlich.?
Hulda war aufgestanden, ihre innere Aufregung
hatte einer festen Ruhe ßlas gemacht. ,Sie gehen
zu weit, Lelio!r sagte sie bestimmt. ,Es giebt An-
klagen, die ein Freund nicht über seine Lippen bringen
darf, ohne die Freundschaft zur Unmöglichkeit zu
machen; unnd gegen welche sich zu verrheidigen, sich
selber schänden hieße. Sie haben Michael Lippow an-
gehört - Sie glauben seinen Worten und nicht mir.
Ich kann also Nichts thun, als eben schweigen; und
RA?Re

a
wenig andere Menschen lieb gehabt, besser von ihr
gedacht, sie höher gehalten als irgend eine der Franen,
mit welchen er in seinem Bühnenleben bekannt ge-
worden war; und ihre sittliche Entrüstung, ihre maß-
volle Fassung, sowie der reine weibliche Ausdruck ihres
ganzen Wesens, weckten sein Gewissen auf, Er fing zu
fürchten an, daß er zu weit gegangen sei, daß er ihr
Mnrecht gethan, falscher Verdächtigung leichtsinnig
nachgegeben haben kömne. Das beschämte ihn, und
feine Seele war nicht freimüthig gennng, sich eines
Irrthumes offen anzuklagen, nicht groß genng, das
Mißempfinden, welches ihn überkam, Derjenigen nicht
zur Last zu legen, die es ihm, freilich ohne ihr Ver-
schulden, hervorgerufen hatte. Trozdem wünschte er
einzulenken, den Weg einer Versöhnung zu versuchen.
Indeß statt ihn entschlossen gradeaus zu gehen, ver-
suchte er es mit einem Seitenpfade, und meinte
schmollend: ,Hätten Sie mir je auch mur mit Einem
Worte davon gesprochen, daß Sie Lippow kannten!?
,Wußte ich denn, daß dieser Lippow des Fürsten
früherer Kammerdiener sei? Und wie sollte ich es
wissen, da er selber lauter Märchen über seine Kind-
heit und Jugend in Umlauf sezt, da die Zeitungen,
wenn sie von ihm sprachen, sich jenen Märchen an-
beguemtten? Oder was hätte mich bewegen sollen,
Ihnen von einem Menschen noch besonderd zu er-
zählen, an den mich nicht mehr zu erinnern, mir ein
Bedürfniß war?
Lelio hatte ihr dagegen Richts zu sagen, sie
schwwiegen Beide; er hätte sie eigentlich verlassen müssen, -

a7o
und komnte sich nicht dazu entschließen. Er sah die
müde Gleichgiltigkeit in Ihren Mienen, in ihrer Hal-
tunng, mnd sie rührte ihn mehr als alle ihre Worte.
,So kamnn ich Sie doch nicht verlassen? rief er
endlich aus. Sie antwwortete ihm nicht. Er fing an,
sich zu erklären, das Gewebe der Verleumdungen auf-
zudecken, welche Michael gegen Hulda in Umlauf ge-
setzt hatte; und so widtig es ihr war, sie vertheidigte
sich dagegen mnwillkärlich.
Sie kamen auf diese Weise einander wieder näher,
sie meinten endlich, sich verständigt, sich mit einander
ausgesöhnt zu haben. Lelio schlug ihr vor, sie auf
einen Spaziergang zu begleiten, und sie nahm e ann,
denn das war oft geschehen. Sie sehnte sich, die heiße
Stirne in der Abendkühle zu erfrischen. Sie gingen
neben einander wie sonst auch; und Hulda fühlte sich
doch wer weiß wie fern von ihm. Sie sprachen mit
einander und hatten sich nichts Rechtes mehr zu
ar.arrEdd
war vorbeil
Als sie heimkehrend, vor Hulda's Thüre stan-
den, gab ihr Lelio die Hand. ,Söschen Sie die letzten
Tage und die lezten Stunden aus Ihrem Gedächt-
nisse aus,? bat er, ,und denken Sie nicht schlecht von
mir. Wir Männner taugen Alle nicht viel; aber die
Frauen tragen die Schuld daran, wenn wir nicht gut
genug von ihnen denken.?
,Beim Theater mag das wohl sein!! gab Hulda

80
zu. Er meinte, die Welt sei ziemlich äberall dieselbe;
fie sei nirgendwo ein Paradies.
,Es gieht doch Sphären, in denen man leichter
lebt und in reinerer Luft athmetlk wendete fie ein.
,Sie denken an die schöne Fürstin und an das
Ernelfix,! entgegnete er, denn sie hatte ihm zu ihrer
Rechtfertigung davon erzählt; ,aber kennen Sie die
Erfahrungen, welche in jenen höchsten Regionen Män
ner und Frauen an einander machen? Man hat auch
fie nicht zu beneiden.r
Sie schieden einfilbig und gedrückten Sinnes, mit
Verabredungen für die nächfte Probe. Sie hatten
nur noch ein paarmal mit einander zu spielen, dann
ginng Lelio auf seine Reise mnnd zu seinem Gastspiele
mit Michael. Es war allen beiden lieb, daß die
Reise mnd die Trennung nahe waren.