Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 27

Hielenundzwanzgstes Gapitel
Lelio's Urlaub war ihm für sechs Wochen zuge-
sichert. Das Repertoire wuurde dadurch beschränkt, und
der Direktor hatte beizeiten Sorge dafür getragen,
seinem Publikum während dessen einen nenen Anreiz
zum Besuch des Theaterd zu bieten.
Die Vaauudevilles waren durch die, an verschiedenen
Orten entstandenen Sommmuertheater in Aufnahme ge-
kommnenn, unnd auf einem dieser Sommertheater hatte
ein junnges Franenzimmer, das die Soubretten spielte,
durch ihren kecen, bis an die äußerste Grenze des,Er-
laubten gehenden Nebermruth, durch ihre gewagten Im-
promptus, besonders aber durch ihre Reize viel von
sich sprechen machen; mnd nicht eben wählerisch, wenn
es den Geldewerb betraf, hatte Direktor Holm die
kleine schwarzköpfige Toska zum Gastspiel bei seiner
Bühne eingeladen.
Man konnte sie nicht sehen, ohne zu lachen, dennu
sie sah wie das Mensch gewwordene Lachen aus, und
wenn sie selber lachte, war ihr nicht zu widerstehen.
Die Einen hielten sie für eine Jüdin, die Anderen

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behauupteten, sie sei die Tochter einer Zigemnuerin mnd
eines Franzosen. Sie war sehr brünett, Richts an ihr
war eigentlich schön, nicht einmal ihr Ganug; selbst in
diesen wnßte ßie jedoch eine Originalität z legen, mnd
Alles an ihr war verlockend. Ebenso verhielt es sich
mit ihrem Talente. Mamu hätte sagen mögen, es sei
keine Spur von Kunft in ihr, hätte sie nicht die Kunft
besefsen, fich mnd ihre natürlichen Rege beständig in
das beste Licht z setzen, jede Rolle diesem Zwwecke
dienstbar zu machen, mnd sozusagen jedem einzelnen
Mamnne, der im Theater war, den Glauben einzuflößen,
ihre Angen fuchten ihn und fie spiele für ihn allein.
Sie war Komödiantin in jedem Angenblick, im
Verkehr mit Anderen wie auf der Bühne, und eben
dadurch immer mur sie selbst, imwmuer nur bemüht die
Mdännner zu gewwimnen und Aufsehen zu erregen, gleich-
viel nm welchen Prei. Sie war noch keine drei bis
viee Tage in der Stadt, als schon .Anekdoten über
Enekdoten von ihr im Umlauuf waren. Da fie nie
anders als an der allgemeinen Tafel des Gafthofes
speiste, hatte der Gaftwirth großen Zspruch; mnd lachend
mnd Champagner trinkend, und mit Jedem, der e
wünschte, frei verkehrend, hatte fie nach wenig Tagen
aAraR err rraa
sonders umu ihre Gunst bemühten, und sich, wenmn
immer möglich, auch den Anfchein gaben, nicht ver-
geben um dieselbe z werben.
Der Gastwirch mnd die Kellner, die Schauspieler
selber, der Direktor nicht zm mindesten, waren von -

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ihrer rücksichtslosen und lebendigen Keckheit einge-
nommen und bezaubert. Alles ging nach ihrem Willen,
kanzte nach dem Takte, den sie anschlug. Weil sie
selber rastlos und im Vergnügen unermüdlich war,
gerieth die Männerwelt, so weit sie irgendwie mit dem
Theater zusammmenhing, durch sie in einen Taumel
von Belustigungen. Ohne ein lautes, lärmendes Racht-
essen durfte fast kein Abend ihr vergehen, und wie sie
nur erst einen festen Fuß in dem neuen Bereiche ge-
faßt, und die Verhältnisse des Ortes und der Men-
schen halbwegs hatte kennen lernen, war auch auf der
Bühne der tollen Einfälle, in denen sie sich erging,
kein Ende mehr, und das Lachen und der Beifall der
Hörer immer neu.
Freilich wehrten sich die Besonneneren und die
wirklichen Freunde derdramatischen Kunst, gegen Toska's
ungewohnte mnd zügellose Willkür, mnnd die Frauen
tadelten die Dreistigkeit des jungen Zrauenzimmers,
dem der Ruf der Sittenlosigkeit vorangegangen war;
aber hinter welchen Verwahrungen sie sich auch ver-
schanzten, sie fehlten trotzdem im Theater nicht, und
selbst die ernstere Kritik fand Mittel und Wege, sich
vor sich selber zu rechtfertigen, wo es ihr darauf an-.
kam, sich wie die Anderen zu erlustigen.
Hulda's sittlicher und känstlerischer Idealismmus
fanden sich von diesem Treiben schwer beleidigt. Sie
hatte dessen gegen ihre alten Bekannten und Freunde
keinen Hehl. Sie verbarg es auch weder ihren Kol-
legen noch dem Direktor, daß ihr die Bühne wie ent-
weiht erscheine, wenn dieselbe, wäre es auch in der

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Posse, sich den niedrigsten Reigungen des Publikums
in solcher Weise diensthar mache.
Der Doktor, der in seinen Jahren und bei seiner h
wirklichen Bildung an den Lazzi und an den Extem- -
pores, in denen Toska sich überbot, auch kein Wohl-
gefallen fand, stimmte ihr bei; aber Hochbrecht gab ihr
in einem der nächsten Artikel, die er schrieb, sehr un-
zweideutig zu verstehen, daß er ihre Ansicht keineswegs
theile. Er sagte, die Schauspieler hätten durch die
Pedanterie der Hoftheater und durch die lebensläng-
lichen Anstellungen der Künstler, welche denselben die
träge Sicherheit der Beamten verliehen, die Frische
und das Leben eingebüßt. Es sei an der Zeit, daß
sie sich neu belebten, daß sie nicht zwwanzig, dreißig
Jahre lang immer nur die auswendig gelernten Phrasen
und Verse mit dem einmal festgestellten Tone und der
einftudirten Miene vor dem Publikum abhaspelten. Es
mrüsse Selbstständigkeit, es müsse Freiheit für den
Künstler neu geschaffen werden. Ja er verstieg sich
sogar zu der Behauptung, der Schauspieler müsse ge-
wissermaßen, wie auf dem altitalienischen Theater, mnnd
wie noch bis zu Lessing's Zeit in Deutschland, nach
einem festgestellten Entwurfe in freier Gemeinsamkeit
mit seinen Kollegen das Schauspiel jeden Abend neu
erschaffen. Wenn er dabei noch an jedem Abende das
- Ereigniß des Tages in seine Improvisation hineinzu-
ziehen wisse, so sei das die wahre und richtige Ver-
mittlung des Lebens mit der dramatischen Funst; und
die reizende, an jedem Abende neue Toska, sei der Ge-
nius, welcher dieser nothwendigen Erneuerung der

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Schauspielkunst, in ihren Leistungen zuerst den Weg
gewiesen mnd gebahnt habe.
Es half Nichts, daß Einzelne daran mahnten, in
welchem Zustande der Verwilderung Lessing und die
Neuberin das deutsche Theater angetroffen hätten, daß
der Doktor es mündlich und schriftlich in Erinnerung
brachte, welch großer Genüsse man eben erst durch die
wohldurchgebildete Aufführung der klassischen Meister-
werke theilhaftig geworden sei. Die Einwendung rief
den Widerspruch nur lebhafter hervor. Die Theorie,
welche zum Besten der einen Person gepredigt wurde,
fand Gläubige, wie jede solche Theorie. Sie wurde
von allen Denen schnell zur Doktrin erhoben, die unter
dem Zauber dieser Einen standen; denn Sinnlichkeit
und Halbbildung müssen ihrer Natur nach immer neue,
immner stärkere Reizmittel für ihre Unterhaltung haben,
und Toska bot sie ihnen bald auf Hulda's eigene
Kosten dar.
Sie fühlte sich in den ihr fremden Bühnewwer-
hältnissen, mit raschem Scharfblicke, schon wenige Tage
nach ihrem ersten Auftreten wie zu Hause. Sie kannte,
Dank den Männern, mit denen sie verkehrte, alle
Privatverhältnisse der Schauspieler; und die Delmar
und ihr Anhang hatten nicht angestanden, der viel-
gesprächigen Soubrette Antwort auf alle die zahlreichen
Kragen zu geben, die sie unter dem Anscheine kindi-
scher Neugier, in zudringlicher Weise sehr geschickt zu
stellen wußte. Eine Künstlerin wie Hulda muußte ihr
TLh? =- -

W8s
nicht des Neides' sein; denn eine reine Schönheit, wie
diese sie besaß, war für Toska geradezu vernichtend-
und es gefiel ihr in der reichen, lebenslustigen Stadt.
Das geschlossene Schauspielhaus behagte ihr doch besser
als das Spielen unter freiem Himmel, und die Ga
lanterien des in solchen Fällen nicht kleinlich kargenden
Direktors, die Freigebigkeiten der Männer von Hoch-
brecht's und von Philibert's Art, waren sehr nach ihrem
Sinne und Geschmacke.
Sie hatte sich Hulda, als sie Beide an einem -
Tage in der Probe, wenn auch in verschiedenen Stücken
zu thun hatten, mit anscheinender Unterordmung gee
nähert, mnd war kühl zurückgewiesen worden. Sie er-
fuhr bald nachher, wie Hulda sich über sie und über
das Genre geäußert hatte, das sie in gewissem Sinne
ganz allein vertrat; und sie nahm sich damn auch ihrer-
seits, wie sie sich scherzend ausdrückte, die demüthige
Freiheit, vor der Langweiligkeit der klassischen Dichtung,
und vor der lähmenden Erhabenheit ihrer Darsteller,
in schläfrige Bewunderung zu versinken.
Hulda trat eben in den Tagen wieder einmal in
den ,Geschwisternr von Goethe auf. Die Marianne
war eine ihrer ersten und eine ihrer Lieblingsrollen ge-
wesen. Der Regisseur spielte den Brnder, der Direk-
tor den Fabriee. Die Vorstellung war eine vollendete;
sie hatte jedesmal sich großen Beifalles erfrent, war
immer sehr besucht gewwesen. Man gab die Geschwister,
wie zumueist, nach einem anderen gerne gesehenen Luft-
spiele; aber das Haus war beiweitem nicht so gefüllt
als sonst, und wie liebevoll sich Hulda auch dieEmal

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wieder an die unschuldsvolle keine Rolle hingab, wollte
die sanfte Poesie nicht die gewohnte Wirkung auf die
Hörer machen. Man war an schärfere, an erregendere
Kost gewöhnt, man hörte ohne rechten Antheil, ohne
ein Zeichen der Theilnahme zu. Das machte den Di-
rektor verdrießlich, auch der Regisseur wünschte das
Ende herbei. Er hastete sich in den Scenen mit
Mariamne; die in sich versunkene, still begnügte Inig-
keit derselben, die Hulda mit Vorliebe auszudrücken
gewohnt war, bekam dieser Hast gegenüber etwas Lang-
sames und Schleppendes. Sie fühlte das, konnte aber
doch den Ton nicht plözlich ändern, und man war bis
zu der vorletzten Scene des kleinen Schauspieles ge-
angt, als plötzlich Toska in die TheaterEoge eintrat
und mit möglichstem Geräusche den vorderen Eckplatz
einnahm.
Aller Augen richteten sich auf sie, da fie sie förm-
lich dazu zwang. Hulda hatte das unbewwußte Geständ-
niß ihrer Liebe für Wilhelm unter lauter Störungen
zu machen, und wie sie voll tiefer Empfindung endlich
die Worte aussprach: ,Es hat dich Niemand so lieb
wie ich! Es kann dich Niemand so lieb haben!! gähnte
Toska so laut auf, daß man es in dem ganzen Hause
hörte.
Ein paar Stimmen zischten, die große Mehrzahl
lachte. Man blickte nach Toska hinauf, sie hielt sich
wie ein Kind, das Strafe fürchtet, die Hände vor das
Geficht, das machte auf's Neue lachen. Das Ende
der Vorstellung wurde kaum beachtet, bis, da der Vor-

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hang niederfiel, einige Hände sich in Bewegung sezten,
um aus Achtung vor der Künstlerin das Beifalls-
zeichen zu geben. Es fiel karg aus, denn die Männer
drängten sich schon nach dem Ausgange, um der Ruhe-
störerin noch zu begegnen.
Hulda wäre lieber gar nicht mehr hinausgetreten,
ihre Partner bestanden jedoch darauf, daß man sich
dies Almosen gefallen lassen müsse, und sie erschienen
noch einmal.
Kaum aber war der Vorhang niedergefallen, als
sie, noch zitternd vor Zorn über die ihr widerfahrene
Beleidigung, dem Direktor, der an ihrer Seite stand,
bestimmt erklärte: sie werde den Fuß nicht auf die
Bühne setzen, so lange Toska bei derselben thätig, unnd
so lange sie also vor den Ungezogenheiten derselben
nicht gesichert sei.
Der Direktor, der die Unschicklichkeit des Vor-
ganges natürlich nicht wegleugnen konnte, nahm ihn
dennoch leicht. Er versuchte, die Bedeutung desselben
abzuschwächen; er sagte, es sei eben die Toska, der
man viel nachzusehen gewohnt sei.
,Im Sommertheater!r fuhr Hulda gegen ihre
sonstige Weise heftig auf, ,und vor dem Publikum der
Schenke, das glücklicherweise nicht das meine ist.?
Der Direktor wollte ihre Heftigkeit nicht auf-
kommen lassen. Er hoffte, sie mit Einem Schlage
rasch zurückweisen zu können. ,Kann ich dafür,?
sagte er, ,daß Ihr Publikum in die Toska wie
vernarrt ist? Es kann ja auch nicht allen Bäumen

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eine Rinde wachsen, mnnd jedes Thierl hat sein
Mamnierll?
,Das ist aber nicht Manier,k rief Hulda, welche
dieser leichtfertige Ton des Direktors vollends kränkte,
,das ist Unmanier und eine beleidigende Frechheit,
gegenn die ich mich zu schüzen habe, und zu schützen
wissen werder!
Der Direktor zckte die Schultern. Er dachte
aber doch einzulenken. ,der alte Fehler der Helden-
spielerinnen,? scherzte er, ,das große Pathos bei ge-
ringem Anlasse! Welch eine Verschwendung IhrerMittel,
meine Beste! Die Toska ist ein toller, kleiner Narr,
den man ernsthaft gar nicht nehmen darf, Sie macht
uns volle Häuser - und es kommnut ja auch an Sie
die Reihe wieder.
Die Wangen glühten ihr noch vor Zorn, als sie
in ihre Wohnung kam. Sie warf den Hut und die
seidene Mantille achtlos auf den ersten besten Stuhl,
die langen Handschuhe und die Mousseline-Pellerine,
die sie bei dem kurzärmligen und ausgeschnittenen
Kleide getragen hatte, auf einen der Tische. Sie muußte
Luft schöpfen, sich abkühlen; sie war aufgeregt bis zur
Haltlosigkeit.
Beate brachte ihr den Thee und das Rachtessen,
sje schob es gleichgültig zur Seite. Auf die Frage
der Dienstbeflissenen, ob Hulda sich nicht wohl befinde,
erhielt sie eine kurze zurückwweisende Antwwwort.
,Sie werden doch Alle sammnut mnd sonders lau-
nenhaft, wenn sie emporgekommnen find!k dachte Beate
und ging ihres Weges.

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Hulda war froh, als sie sich entfernt hatte, aber
auch das Mlleinsein war isr unerträglich. Sie hätte
einen Menschen haben mögen, dem sie ihren Wider-
willen gegen die Toska, ihren Zorn über die erfahrene
Beleidigung, ihren Abscheu vor den niedrigen Possen
aussprechen konnte, an denen das Publikum mit einem-
male Gefallen fand; und wie sie in ihrer Aufregunng
unrhig bald an das Fenfter trat, die Luft der warmen
Herbftnacht einzathmen, bald durch das Zimmmuer ging;
fielen beim Vorüberkommen an dem Spiegel, ihre
Augen auf das Krenz, das sie an ihrem Halse trug.
,Wenn Glarisse es wüßte, daß ich mit solcher
Niedrigkeit zu kämpfen habe!? rlef sie aus, mnd es
war ihr, als dürfe sie das kleine Kreuz nicht tragen,
als werde es an ihrem Halse entweiht.
Ihre Gedanken wanderten hin und her. Sie
wollte den Augenblick überkommmuen, sich forthelfen über
den bitteren Mißmnuth, der sie plagte, und gerieth da-
durch in weit entfernte Zeiten zu der Erinnerunng an
Zftände zurüc, welche ihr die jezige kage noch wider-
wärtiger erscheinen machten.
Sie überlegte, was sie zu thun habe, wenn der-
Direktor in den nächsten Tagen ihr Auftreten verlange,
mnd sah voraus, daß es zu einem Zusammenstoße
führen würde, in welchem sie nicht nachzugeben dachte.
Aber es that ihr leid, daß Lelio nicht da war, daß
Niemand da war, der, erfahrener als sie selbst, ihr
mit seinem Rathe beistehen konnte; mnd sie seze sich
eben nieder, dem Doktor zu schreiben, daß sie ihn am
nächsten Morgen früh zu sprechen wünschte, als Fra

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Rosen ihr meldete. Philibert sei gekommuen und bitte
ihr noch aufwarden zu dürfen.
,Ich soll doch sagen, daß Sie nicht zu sprechen
sind? sezte sie aus freiem Antriebe hinzu, denn Hulda
hatte sonst nach dem Theater nie mehr den Besuch
eines Manmues angenommen.
,Rein! lassen Sie ihn eintreten. Sagen Sie, er
wäre mir willkommnen!k antwortete ihr Halda; denn
es war ihr eine Wohlthat, daß sie mit ihrem Zorne
und Widerwillen nicht mehr allein zu bleiben brauchte,
daß sie Jemanden fand, der mitangesehen hatte, was
ihr geboten worden war, daß sie sich beklagen, daß sie
zu Jemandem sprechen konnte. Alles Andere trat vor
dem Verlangen in den Hintergrund, konnte und mwußte
darüber vergessen werden.
Rasch, mit einer zuversichtlichen Lebhaftigkeit, die
sie ihm nie gezeigt hatte, trat fie ihrem Gaste ent-
gegen. Er war, seit sie ihn vor Wochen abgewiesen
hatte, nicht wieder bei ihr gewesen, und nie zuvor zu
solcher Stunde. Auch entschuldigte er sein Komummuen
mit der Sorge, die er um sie gefühlt habe. Er be-
trug sich überhaupt gemefsen und mit Zurückhaltung.
Er sei empört gewesen, sagte er, über die Un-
gezogenheit der Toska, empört gegen das Publikum,
das sie nicht energischer zurechtgewwiesen, Hnlda nicht
lebhafter dafür entschädigt habe. Jedes seiner Worte
war für Hulda ein Labsal. Er kam ihr wirklich wie
ein Befreier vor, wie eine Stüze in ihrer haltlosen
Empörung. Er hatte sie nie in solcher Erregnng gen

L
sehen; sie war wie mmgewandelt, er kannte sie, ja
selbst ihre Zimmer kamnte er heut kaum wieder.
Die Sachen lagen noch umher, wie sie dieselben
bei ihrem Eintritte von sich geworfen hatte. Das Thee-
geräth und ihr Abendbrod, von dem fie im Umher-,
gehen einige Bissen genossen hatte, standen mngeordnet
auf dem Tische; und während sie sonst in ihrer Klei-
dung äuserst streng und sorgsam war, schien fie es
vergessen zu haben, daß sie mit entblößten Armen, die
Schulterw mnd den Busen frei und offen, dem Gaste
gegenüber saß.
Er war froh, daß er gekommen war, und sehr
befriedigt von seiner richtigen Berechnung, die ihn an-
getrieben hatte, eben heute und eben jetzt sie wieder
einmal aufzusuchen.
Er ließ sie nicht nur sprechen, er forderte sie dazu
auf, ihm ihr Herz ganz auszuschütten, sich über das
Publikum, über den Direktor zu beklagen. Sie sah
sehr schön aus mit den heißen Wangen, die der Zorn
geröthet hatte, mit den flammenden Augen, in denen
die Thränen aufqnellen wollten. Er gab ihr Recht .
in Allem, auch in dem Vorhaben, dem Direktor Troz
zu bieten.
,Sie müsfen eben in diesem Falle auf sich halten!r
sagte er. ,Eine Künstlerin wie Sie, hat dem Di-
rektor ihre Bedingungen vorzuschreiben, denn sie darf
gewwiß sein, Alles- durchzusezen, was sie will.?
,Durchsezen!r rief Hulda, ,und Sie haben es
eben erst erfahren, wie mich das Publikum im Stich
gelaßen hat!?
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,Das Publikum! Ja! Theuerste, wenn Sie sich
auf das Publikum, auf das große Publikum verlassen
wollen, freilich, dann sind Sie verlassen. Aber man
muß wie Sie aus tiefer Einsamkeit zur Bühne kommnen,
um an das Publikum zu glauben; an diese stumpfe.
einsichtslose Masse, die müde von des Tages Arbeit
in das Theater kommt, um sich von ihrer Gedanken-
losigkeit erlösen, in den Verdauungsstunden vor dem
ungesunden Einschlafen bewahren zu lassen, und das
aus seiner Stumpfheit erst selbstzufrieden aufschreckt,
wenn ein paar wirkliche Kenner und Freunde der
Kunst ihm das Zeichen geben, daß es sich über etwwas
Wohlgelungenes, über eine außerordemliche Leistung
jetzt einmmal zu freuen, und sich für eine solche zu be-
danken habe.
,Das ist wahr und niederschlagend!! meinte Hulda,
die in ihrer augenblicklichen Verstimmung sehr geneigt
war, seinen Worten zu glauben und ihre eigenen befse-
ren Erfahrungen daranzugeben.
,Ndiederschlagend krineswegs!r entgegnete ihr Phi-
libert. ,Ist es Ihnen denn, wie dieser Toska, etwa
darumm zu thun, die Bewunderung der Rohheit und
der Unkultur, und diese sizt auch vielfach in den
höchstbezahlten ßlätzen, einstimmig zu gewinnen? =
Genügt es Ihnen nicht, wenn eine kleine ausgewählte
Freundesschaar Ihnen ihre höchsten künstlerischen Ein-
drücke verdankt? Wenn die bewundernden Augen eines
Freundes Ihnen in jeder Ihrer Bewwegungen folgen,
wenn jede Ihrer Mienen verstanden, wenn jeder leise

We
Ton in Ihter Stimmue im Herzen nachemupfunden
wirhF
,Oh!k rief Hulda mnd die Erinnerunng an manw-
chen schönen Abend erwwärmrte ihr das Herz, ,Sie
wissen es ja selber, mit welcer Liebe mnd Begeifternnng
ich zumn Theater kam; wie ftohh, wie gläcklich ich mwich
fühlte, wenn ich mir sagen durfte, daß die Auufgabe
sich mir fügte und mir wohl gelang; wenn ih es sah,
daß man mit mir zufrieden war.?
,Und hat unsere Theilnahme Ihnen dennn gefehlt,
solange Sie einen Werth darauf legten fiel Phili-
ber ein. ,Haben Ihre Freunde nicht immer das
Publikum, wie es sich gebührt, geleitet?
,Ich habe das auch stets mit Dank erkannt!
betheuerte ihm Hulda.
,Dank!r wiederholte er, ,Dauk! Wir danken
einem Vorübergehenden, der uns aufmerkHam macht,
daß wir unser Taschentuch verlieren; und danken dem
Menschen, der uns im Versinken hilfreich seine trene,
feste Hand reicht. Ihr Dank, schöne Freundink,
er hatte sich auf dem Sopha, auf dem er neben ihr
saß, zu ihr hinübergeneigt und ihren Arm ergriffen,
den er in seiner heißen Hand hielt, wie an dem Tage,
, da sie sich, beleidigt durch seine Dreistigkeit, von ihm
zurückgezogen hatte, ,Ihr Dank, theuerste Freundin, war
meist von erster Art und kalt gemug. Sie dürfen es
uns aber wahrlich nicht verargen, wennn uns Ihnen
gegenüber endlich auch nach wärmeren Ausdruck Ihres
Dankes gelüstet. Selbst die alten Ritter, die Jabr
um Jahr in verschwiegener Liebe ihrer Herzenskönigin

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dienten, und über Land und Meere zogen auf ihrer
Augen Wink, dienten doch auch nicht ohne Hoffnung
auf den Minnesold. Ohne Freunde, die zu ihr stehen,
auf die sie rechnen kann, setzt keine Künstlerin sich
bei der Bühne durch. Warum verschmähen Sie un-
seren Beistand? Haben Sie es doch schon lange er-
fahren, wie wenig es Sie kosten würde, mich durch
Feuer nnd Wasser für Sie gehen zu machen!
Er war so nahe an sie herangerückt, daß sie seinen
Athem auf ihren Schultern spürte; das Herz klopfte
ihr, daß sie es in den Schläfen fühlte, und sie bereute
es, ihn angenommen und zu solcher Stunde ange-
nommmen zu haben. Aber sie wagte es nicht, ihm ihre
Hand zu entziehen, denn er hatte Recht = sie brauchte
ihn. Sie brauchte Freunde, die zu ihr standen in der
Krisis, die ihr drohte; Freunde von seinem Einflusse
und von seinen Mitteln. Sie durfte ihn nicht zumm
zweitenmale von sich weisen wie an jenem Morgen.
Er errieth offenbar, was in ihrer Seele vorging,
und gab fie selber frei. Sie athmete wieder auf mnd
konnte mit ihm von ihrem Vorhaben sprechen, nicht
wieder aufzutreten, wenn die Toska im Theater sei.
Er bestärkte sie darin und erbot sich, gleich am näch-
sten Morgen es zu veranlassen, daß man in der Zei-
tung der Ruhestörerin die verdiente Zurechtwweisung
ertheile. Sie dankte ihm dafür im Voraus.
Als sie sich damn erhob und er ihr folgte, be-
merkte er, daß ihr Abendbrod noch auf dem Tische
stand, mnnd wunderte sich, daß sie so wenig davon ge-
nossen hatte. ,Alber,! scherzte er, ,mir kommt das zu

Hs
Gute, wenden Sie es mir zu; ich kam geraden Weges
vom Theater her, und daß ich es Ihnen gestehe, ich
bin wirklich hungrig.!
Sie machte ihm ein paar Butterschnitten zurecht,
er rückhe den Stuhl heran, und wie sie neben ihm
Plaz nahm und er sich im Zimmer umsah, als suche
er Etwas, bot sie ihm in natürlicher Gastfreiheit ein
Gluu Wein an, und holte es herbei
Inzwischen war auch ihre Eßlust rege geworden,
und da er sich fröhlich gab, wurde sie es allmälig
auch, denn ihre Jugend machte sie noch leicht im Augen-
blick den Augenblick vergessen. Sie brachte Früchte
und Backwperk aus dem Rebenzimmer, er trug ihr das
Licht dabei Sie fand ihn angenehmer als je zuvor, sie
war nahe daran, zu glauben, daß sie ihm damald
Unrecht gethan haben könne, als sie für Sinnlichkeit
genommen, was vielleicht nichts als spielende Galanterie
gewesen sei
Draußen schlug es Elf vom Thurme. Philiber
entschuldigte sich, daß er sie so lange belästigt habe.
Sie sagte, sie wisse ihm den heutigen Abend recht von
Herzen Dank, er habe ihr über ein paar schwere
Stunden leicht hinwweggeholfen.
,Sie wissen gar nicht,! entgegnete er, ,wwie
glücklich mich es macht, endlich einmal mit Ihnen im
tsts-4»tsts soupirt zu haben. Morgen sende ich Ihnen
eine keine Provision her, damit wir in einem ähn-
lichen gläcklichen Falle uns nicht so karg behelfen
müssen, denn Ihr Weiwworrath war sehr gering.!

zs
s schoß wie ein grelles Licht durch Hulda's
Augen. Sie fühlte die Uwvorsichtigkeit, die sie bo-
gangen hatte, und dankte ihm für sein Anerbieten,
das sie nicht benützen möge.
,Aber wozu denn Umstände mit mir?? rief er,
ajezt, da wir auf so gutem Wege sind?
Er nahm Hut und Handschuhe, sie wußte nicht,
was sie sagen solle; zum erstenmale verließ sie ihre
Geistesgegenwart. Er reichte ihr die Hand sie ver-
neigte sich wie gegen einen Fremden, und sich endlich
zusammennehmend, sagte sie: ,Ich bitte Sie, lieber
Freund! kommen Sie zu mir nicht wieder um diese
Stundel?
Er lachte hell und fröhlich auf.
,Ich bitte Sie wirklich darum!! wiederholte sie,
,und ich rechne darauf, daß Sie mir diese Bitte erfüllen.?
,Komödie und kein Ende!r rief er, ,aber ich bin
es auch so zufrieden. Ich nehme diesen reizenden
Abend als den ersten Minnesold, und spiele fortan
mit Ihnen, welche Rolle Sie mir immuer auferlegen
--= vorausgesetzt, daß es zu einem guten Schlusse
kommmut. Und damit gute Nacht, schöne Holde! gute
Nacht, lieber Engellr