Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 28

chtundzwanzigsles Gapites
Hulda hatte an dem Abende gegen den Direktor
ihre Reußerungen über die Toska so laut ausgespro-
chen, daß auch Andere sie vernommen hatten. Sie
waren dem ungezogenen neuen Günftlinge des großen
Puhlikums noch an dem nämlichen Abende wiederholt
worden, und man hatte davon gesprochen, ob der
Direktor sich von Hnlda werde trozen lassen, oder ob
er sie zwingen werde, nach seiner Anordnung aufzw
treten, wie der Kontrakt es ihr zur Pflicht machte.
Die Delmar meinte, sie verlange es gar nicht
besser, als daß Hulda ihren Willen durchsetze. Denn
wenn es dieser Einen nachgesehen werde, daß sie nach
Gefallen spiele, so könne mann künftig den Nebrigen
das Gleiche nicht versagen. Sie freilich habe man
nicht gefragt, ob es ihr genehm gewesen sei, in ihren
Rollen gleich wieder aufzutreten, nachdem Feodore die-
selben eben erst gespielt hatte, und sie habe auch ohne-
weiteres ihre Schuldigkeit gethan. Sie habe sich nicht
dadurch anfechten lassen, daß die Anbeter von Feodore
unnd von Hulda, sie um der Beiden willen damals

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mit einer Kälte aufgenommen hätten, die von einem
altvertrauten Publikum erdulden zu müssen, viel be-
leidigender gewesen sei, als das Intermezze, welches
der kleine Affe, die Toska, neulich herbeigeführt, mnd
von dem Hulda gar keinen Rachtheil gehabt habe, da
sie gleich danach gerufen worden sei.
Das sprach sich Alles mit der Schnelligkeit herum,
mit welcher Klatschereien, wie Motten flüchtig und
Schaden anrichtend, durch die Gänge und Coulissen
der Theater streifen; und der Regisseur vor allen An
deren gab der Delmar Recht. Sie waren gute Freunde
geworden, seit fie angefangen hattte, fich allmälig auf
das Altentheil zu sezen, und seit die Bequemlichkeit
den alternden Junggesellen dahin gebracht hatte, an
jedem Rachmittage mit ihr den Kaffee zu trinken und
seinePartie Piguet mit ihr zu spielen, ehe man in
das Theater ging.
Die Männer stellten sich überhaupt auf Toska's
Seite, und der Direktor war nicht der Mann, eine
Auflehnung gegen die Theatergesetze und den Kontrakt
zu dulden. Er sezte in dem Repertoire der folgenden
Woche ein größeres Schauspiel und ein kleines Lust-
spiel an, in welchen Hulda mitzuwirken hatte, sezte
die Proben fest und schickte ihr die Rollen zu. Sie sen-
dete sie ihm mit der schriftlich wiederholten Erklärunng
zurück, daß fie nicht spielen werde, wenn die Toska
im Hauuse sei.
Der Direktor wollte und konnte ihr das nicht zu-
gestehen. Doch ließ er sich herbei, ihr in einem Briefe
aauuseinanderzusezen, daß sie Unmögliches verlange, da

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er einer bei dem Publiknm beliebten Gaftspielerin den
Eintritt in das Theater nicht versagen kömne. Ep
machte sich aber verbindlich dafür, daß Toska keine
Sötörung veranlassen und sich ruhig verhalten werde.
Der Doktor und Hochbrecht legten sich ebenfalls in
das Mittel, und Philibert versicherte, daß sie Nichts
zu besorgen habe, daß sie sich auf ihn verlassen dürfe.
Sie sah es denn auch bald selber ein, daß fie sich
fügen müsse; aber der Weg zur Probe wurde ihr sehr
schwer, und das Lächeln, mit welchem Der und Jener
fie dort begrüßte, machte es ihr nicht leichter.
Der Konflikt zwischen Hulda und der Direktion
war im Publikum bekannt geworden. Man kam an
dem Tage, an welchem Hulda in dem Schauspiele
anfzutreten hatte, in das Theater, sich zu überzeugen,
wie die Sache verlaufen, und was Toska thun werde.
Das Haus war gut besezt, alle Blicke waren auf
die Theaterloge gerichtet, Toska war nicht da. Phili-
bert und die Anhänger von Hulda hatten die ge-
wohnten Plätze eingenommen. Er hatte versprochen,
den Anfang zu machen, und da er klatschte, als sie
auftrat, machte man ihr einen ermuthigenden Em
pfang. Indeß derselbe erfreute sie nicht so wie sonst,
und sie war weniger als sonst an ihre Rolle hin-
gegeben, weil die Scheu vor Toska sie zerstreute.
Trozdem ging der erste Akt sehr gut von statten,
und beim Schlusse desselben thaten Philibert und seine
Freunde ihre Schuldigkeit. Kaum aber war der Vor-
hang wieder aufgezogen worden und Hulda abermals
in die Seene gekommen, als Toska in der Loge er-

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schien, und ein kaum zu unterdrückkndes Lachen durch
das ganze Haus ging. Denn sie hatte ihr Haar
kindlich schlicht und glatt geordnet und saß da, die
Hände über die Brust gefaltet, mit der Miene eines
Schulmädchens, das eine Strafe zu verbüßen hat.
Die Aufmerkhamkeit auf das Schauspiel war wie mit
einem Schlage zerstört. Es half nicht, daß der Di-
rektor selber in die Loge ging und Toska nöthigte,
die Loge zu verlassen. Das Publikum war und blieb
zerstreut, Hulda spielte ohne Fassung, und der rau-
schende Beifall, welchen Philibert am Schlusse für sie
zuwege brachte, war viel zu künstlich, um ihr eine
Genugthuung bereiten zu können.
Philibert war alle Tage bei ihr gewesen und sie
hatte sich es gefallen lassen, obschon seine dringliche
Bewerbung und der Anschein von Berechtigung, wel-
chen er jezt in dieselbe legte, ihr mehr als lästig
waren.
Er kam gegen die Abrede auch an diesem Abende
gleich nach dem Theater zu ihr, und der Doktor und
Hochbrecht, denen er es mit Geflissenheit erzählte, daß
er noch zu Hulda gehen wolle, meinten, ihm nach-
kommen zu dürfen, weil man sie zu beruhigen, zu er-
heiiern wünschte. Was konnte fie thun, als ihre Be-
suche annnehmen, da sie Philibert empfangen hatte.
Aber die Absicht, sie zu erheitern, schlug den Män-
nern fehl.
Der Doktor, der es redlich mit ihr meinte, sagte,
sie müsse sich ein Herz fassen, müsse das Leben leichter
kamny Lewal, Die Erlöserin. 1T.

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nehmen, mit solcher Schwerlebigkeit kommne man auf
der Bühne einmal nicht fort. Sie muässe sich zer-
streuen und aufheitern. Philibert sagte, damit mwüsse
man gleich den Anfang machen, sie solle erlauben,
daß man heute bei ihr zu Racht esse. Sie lehnte es
ab, die Männer redeten dringend zu und immnnner eif-
riger, je lebhafter sie sich dagegen sträubte. Endlich
gab sie nach, und Philibert. eilte hinaus, durch Frau
Rosen, der solche Aufträäge nichts Ungewohntes waren,
ein Abendessen und Champagner von dem nächsten
Speisewirthe herbeischaffen zu lassen.
Die Männer hatten ihre Freude daran, ihren
Willen durchgesezt zu haben, und Hulda überwand
ihr Mißemwpfinden, um ihnen und ihrem guten Willen
nicht undankbar zu scheinen. Sie gewann es über
sich, den wachsenden Frohfinn ihrer Gäste nicht zu
stören, und sie waren nur zu bereit, sich täuschen zu
lassen. Als sie sich spät genng entfernten, war der
Doktor selbft der Ansicht, daß man wohl gethan habe,
Hulda aus sich und ihrer pastorenhaften Sprödigkeit
ein wenig herauszureißen. Leben und leben lafsen,
ohne das gehe es doch einmal nicht.
FFreilich nicht!r rief Hochbrecht. ,Sie macht sich
Feinde und shafft sich keine Freunde. Sie gehört zu
Denen, die man zu ihrem Glücke zwingen muß. Heute
haben wir sie endlich auf den rechten Weg gebracht.
E ist ja immer mur der erste Schritt, vor dem man
T nena

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ein Liedchen vor sich hin pfeifend. Das that er immer
nur, wenn er recht guten Muthes war.
Hulda hingegen legte sich den Abend sorgewwollen
Herzens nieder. Ihre theatralische Laufbahn fing ihr
sehr schwer zu fallen an. Sie muußte es sich mit
jedem Tage mehr und mehr eingestehen, daß Phili-
bert's Behauptung, eine Bühnenkünstlerin könne sich
nicht allein auf sich verlassen, sie müsse sich eine
Partei und Freunde schaffen, die bereit wären, für sie
einzutreten, sie zu stützen und zu halten, mur allzu
richtig sei Und wen durfte sie für uneigennützig
halten von allen Denen, die sich geneig zeigten, ihr
diesen Dienst zu leisten? Nicht nuur auf der Bühne
sollte sie der Unterhaltung dienen! Jeder, der in ihre
, Nähe kam, wollte von ihr unterhalten sein, machte
Ansprüche an fie - und welche Ansprüche! Mit ihrer
Person, mit Aufopferung ihres Idealismus, ihrer
Sittlichkeit und ihrer Ehre, sollte sie es bezahlen, daß
man ihr den Beifall spendete, den redlich verdient zu
haben, sie sich mit Sebstbewußtsein rühmen durfte.
Ihr graute vor diesem sogenannten Beifall, und sie
mußte ihn doch haben, er war ihr unentbehrlich.
Vergangene Tage taachten, während sie das be-
dachte, vor ihr auf. Sie sah sich wieder an dem
Theetische der guten alten Kenney, sie hörte wieder
die Unterhaltung, die man dort vor der Ankunft von
Gabriele gepflogen hatte, und die sanften Worte der
Nachsicht, mit denen ihr Vater die Bühnenkünstle-
rinnen vertreten hatte. Wie weit entfernt war er
ee:

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davon gewesen, vorauszusehen, daß er in jener Stunde
das Wort für seiner Tochter Zukunft führte. Jezt
befand sie sich in jener Ausnahmestellung, die ihr da-
mals und aus der Ferne so verlockend erschienen war.
Jezt huldigten ihr die Männer mit der dreisten Zu-
versicht, früher oder später doch einmal erhört zu
werden, weil ihre Ausnahmestellung sie dieser Art von
Bewerbung preiszugeben schien; und weil man ihr
verziehen haben würde, was man den Frauen in der
wohlgeschüzten Häuslichkeit des Familienlebens nicht
nachzusehen gewohnt ist.
Alles, was damals halb errathen, halb verstanden,
an ihr vorübergegangeu war, das hatte sie jstzt er-
lebt, hatte sie an sich selbst erfahren. Sie kannte die
zitternde Erregung der Leidenschaft, welche das Nach-
fühlen und Durchleben einer großen Rolle in den
überreiten Nerven zurückläßt. Sie hatte erfahren,
was es heißt, sich dem sinnlichen Begehren eines nicht
geliebten Mannes gegenüber behaupten zu mwüssen;
und was war es, das ihr den Muth und die Kraft
gab, sich selbst getreu zu bleiben, wie Glarisse es ver-
tranensvoll erwartet? Ein Traum, ein Schatten, die
Erinnnerung an ein erhofftes und verlorenes Glück.
Sie mußte endlich den Gedanken an Glarisse zu
meiden trachten. Der Hinblick auf das ungetrübte
Dasein der Fürstin, machte sie traurig und verleidete
ihr das eigene Schicksal, das Loos, das sie sich frei,
und gegen den Rath Derjenigen erwählt hatte, die es
gut mit ihr gemeint, wie der Amtmannn und wie der
Pfarrer, dessen junge Gattin nun friedlich und un-

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angefochten unter dem trauten, alten Dache lebte,
unter dem wohnen zu dürfen, Hulda jetzt oftmals
als ein Segen bedünken wollte.
Es war gut für sie, daß sie nicht zuviel Muße
hatte, ihrem Sinnen nachzuhängen, daß der Tag den
Tag verschlang, und mit den neu einzustudirendenRollen
neue Arbeit an sie herantrat.
Lelio fant sie, als er gegen den Herbst hin von
seinem Gaftspiele wiederkehrte, sehr gedrückt, und selbst
ihre frische und kräftige Gesundheit war durch ihre
trübe Stimmung angegriffen worden.
Sein freundlicher Zuspruch that ihr gut. Die
nenen Stücke, in welchen sie mit ihm zusammen auf-
trat, sagten ihr zu; sie und er errangen in denselben
Beifall, und Philibert that das Seine, ihn mit seinen -
Freunden auf jener Höhe zu erhalten, wie die Schau-
spieler ihn lieben. Aber die Possen der Toska, ihre
Koquetterien und Impromptus, hatten wie eine über-
reizende Kost die Emwppfänglichkeit der Theaterbesucher
abgestumpft; und Hulda und Lelio, deren Bedeutung
in einem feinen Spiele bestand, hatten es zu ihrem
Nachtheile zu erfahren, mit welch ungeahnter Schnel-
ligkeit der mühfam herangebildee Geschmack eines
Publikums irre zu leiten, wie leicht er zu verwildern,
und dem Schönen um des Gemeinen willen, abwendig
zu machen ist.
Man lobte die neuen Stücke, man erkannte an,
daß Lelio und Hulda und alle Mitwirkenden in den-
selben vortrefflich spielten; aber man hatte es kein
Hehl, daß die Toska und die Possen, in denen ße
,es-
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aufgetreten war, nach des Tages ermüdender Arbeit
eine viel erheiterndere Unterhaltung geboten hätten.
Man wollte lachen wie über die Toska, wollte lachend
nach Hause gehen; man wollte wieder Couplets hören,
die man nachsingen konnte. Es fand sich, daß die
Soubrette des Theaters wohl im Stande war, die
kleinen Manöver der Toska nachzuahmen, und der
Direktor fing an, - auf Kosten des Dramas und des
feinen Lustspieles, der leichten Bühnenwwaare ein breites
Feld in seinem Repertoire einzuräumen.
Lelia sah das mit Gleichmuth an. Sein Kon-
trakt lief mit dem Jahre ab, und er hatte eine vor-
uheilhafte Anstellung bei einem der deutschen Hof-
theater gewonnen, welche ihm obenein die Verhei-
rathung mit dem von ihm geliebten Mädchen in nahe
Aussicht stellte. Hulda's Kontrakt hielt sie bis zum
Frühjahre fest, und auch sie hatte Schritte gethan,
an irgend ein Hoftheater zu kommen, weil sie sich
der Hoffnung hingab, dort von jenen Seiten des
Theaterlebens weniger unangenehm berührt zu wer-
den, die ihr die gegenwärtige Stellung so bitter ver-
leideten.
Lelio lachte über diese Zuversicht. ,Es ist überall
dasselbe! überall die gleichen Menschen und die gleiche
Welt! nur ein wenig anderd, mur ein wenig heller
oder dunkler gefärbt, sagte er. Wer sich nicht damit
abzufinden weiß, mnuß ferne davon bleiben. Ohne
Selbstgefühl und Menschewwerachtung kann man es
nicht ertragen; aber Beides lernt sich, und dann ist
man frei und määchtig, wie in keinem anderen Beruf,

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und glücklich, wie in keinem anderen, durch den täg-
lich sich erneuernden Triumwph.!
,lnd wemn man ihn einmal nicht mehr erringt?!
fragte Hulda.
,Man mmuß ihn erringen! gab er ihr zur Ant-
wort, ,und man erringt ihn auch. Nuur muß man
die Mittel wollen, wenn man den Zweck im Auge hat.?
Das klang wenig ermuthigend in Hulda's Ohr
und Sinn. Sie konnte sich nicht darüber täuschen,
daß sie augenblicklich nicht in dem Grade, wie noch
vor kurzer Zeit, der Günstling des Publikums sei.
Die Männer waren der Ansicht, daß sie aus eigen-
sinnniger Opposition gegen die leichtere Weise der
Toska und ihrer Nachfolgerin, auf der Bühne in
Geziertheit und Steifheit verfalle, während sie im
Leben doch ebensogut wie Andere, ihre Partie zu neh-
men wisse, wenn es ihr angemessen scheine. Dennn
Philiber sei nicht der Mann, sich jahrelang mit
bloßen Hofnungen an den Triumphwagen einer
Schauspielerin fesseln, und mit Versprechungen er-
nähren zu lassen. Die Frauen, welche immner viel
von ihr gehalten und ihr die Sittsamkeit und Wohl-
anständigkeit ihres Betragens hoch angerechnet hatten,
widersprachen anfangs den Gerüchten, daß Hulda die
erklärte Geliebte Philibert's geworden sei; aber abzu-
leugnen war es nicht, daß er sie viel besuchte, daß er
die Abende zum Defteren bei ihr allein, bisweilen in -
Gesellschaft Anderer speiste, und daß sie ihre zurück-
haltenden Gewohnheiten also geändert haben mußte.
Welche Neberwindung es sie kostete, den Schein

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leichterer Lebensweise auf sich zu nehmen, wie hart
ihrs ankam und wie unablässig sie sich es selber vor-
hielt, daß man fie falsch beurtheilen, daß fie ihre
guten Sitten, ihren Ruf anzweifeln lassen mnüsse,
daran dachte keine der Frauen, welche ihr die frühexe
Gunst entzogen. Niemand ermaß den Schmerz, mit
dem sie sich dazu zwang, einem Beifallssturme im
Theater mit freudigem Lächeln zu begegnen, den sie
nicht mehr allein sich selbst, den sie der Mtwoirkung
von Männern, von einer Partei zu danken hatte,
welche sie mit dem Opfer ihrer Selbstständigkeit und
ihres wahren Empfindens, mit der Verleugnnng ihres
besferen Wesens, ihres eigentlichen Ich, alltäglich neu
an sich zu fesseln hatte.
Darüber ging das Jahr zu Ende und Lelio ver-
ließ die Stadt. Hulda vermißte ihn in jeder Hin-
sicht, denn der junge Schauspieler, der an seine Stelle
trat, war noch in keiner Weise ein Ersaz für ihn.
Er besaß bei unleugbarem Talente, weder Lelio'g Bil-
dung noch seine Schönheit und herrliche Gestalt.
Neben Hulda erschien er vollends nicht zu seinem
Vortheil. Bei allem guten Willen hatten seine Be-
wegungen noch nicht, die freie Gemessenheit, auf wel-
cher die schöne Wirkung beruht. Der Anfänger war
überall zu spüren, es war nicht mehr das Zusammen-
spiel, das man gewohnt gewesen war.
Hulda that, in der Erinnerung an all die För-
derung, die ihr geworden war, was in ihren Kräften
stand, ihrem neuen Partner fortzuhelfen; er hatte aber
den thörichten Gedanken an eine naturwüchige, origi-

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nelle Entwicklung des Talentes. Er war daher nicht
sonderlich geneigt, sich irgendwie in die Lehre nehmen
zu lassen, und das Publikum entbehrte, wie gewöhn-
lich, das, was ihm lieb geworden war, nicht leicht
und nicht geduldig. Indeß Hulda's Anhänger, von
Philibert zusammengehalten, standen ihr zur Seite;
und die Aussicht, im Frühjahre aus ihren bisherigen
Verhältnissen ausscheiden zu kömnnen, und in eine ihr
mehr zusagende Atmosphäre versetzt zu werden, half
ihr über dasjenige fort, was ihr das Leben schwer
machte. Sie hatte hierhin und dorthin Verbindungen
wegen eines neuen Engagements angeknüpft, und
meinte die Tage zählen zu können, die sie noch an
der Holm'schen Bühne zu verweilen hatte.
Da, mit einemmale verbreitete sich unter den
Schauspielern und Theaterfreunden das Gerücht, Hulda
habe plözlich mit Philibert gebrochen. Philibert selber
sollte das, mnnd zwar mit dem Zusaze erklärt haben,
er sei es müde, fieh noch länger zum Spielball einer
berechnenden Heuchlerin, einer kalten Koquette brau-
chen zu lassen, es sei Alles zwischen ihnen aus.
Was geschehen war, was den Bruch herbeigeführt
hatte, das erfuhr man nicht, denn Hulda hatte keine
Vertraute mnter ihren weiblichen Kollegen; aber Jede
derselben deutete es auf ihre Weise. Es gab Ver-
mmnwthungen, Meinungen aller Art; und weil man im
Grunde sein Vergnügen daran hatte, daß man die
Unnahbare doch auf der Bahn der allgemeinen Män-
gelhaftigkeit getroffen, und daß diese Bahn ihr kein
Glück gebracht, wäre man gutherzig gennng gewesen,

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sie zu beklagen und zu trösten, hätte sie selber es mur
eingestehen wollen, daß sie sich hilfsbedürftig und der
Tröstungen benöthigt fühle.
Indeß sie zeigte sich selbstgewiß und zwversicht-
licher als man sie in der letzten Zeit gesehen hatte.
Sie erklärte dem Direktor aus freiem Antriebe, daß
sie sich wohler, zum Spiele aufgelegter fühle als seit
lange, unnd sie selbst veranlaßte es, daß man in rascher
Folge ein paar der Stücke ansetzte, in denen man sie
immer vorzugsweise gern gesehen hatte. Der ,Tasso,
der ,Wallensteinr sollten gegeben werden, ehe die fort-
reißende Geselligkeit der Karnevalszeit die Gesellschaft -
von dem Theater ferne hielt, und Hulda hatte, was
an ihr war, treu gethan, den neuen Partner in seinen
Rollen ihrem Spiele anzupassen.
Die Vorstellungen kamen heran und gelangen
über das Erwarten. Das Haus war gut besetzt,
Hulda durfte mit sich und ihrer Leistung wohl zufrie-
den sein. Man unterließ auch nicht, ihr Beifall zu
zollen, derselbe fiel jedoch nicht eben warm, nicht so
begeistert aus wie sonft; und wenn die ihr geneigte
Kritik ihr auch Gerechtigkeit widerfahren ließ, so fing
in dem Wochenblatte sich eine entschieden feindfelige
Stimmung gegen sie geltend zu machen an, und der
Tadel, den man gegen sie aussprach, war so vor-
sichtig, so berechnet, zeigte sich anscheinend so bemüht,
ihr nicht zu nahe zu treten, daß alle die kleinen un-
gerechten Ausstellungen, die man gegen sie erhob, nur
um so sicherer Eindruck machten.
Es währte nicht lange, bid man es vielfach hören

Il
konnte, daß Hulda eines der Talente sei, die; am An-
fang viel versprechend, keiner vollkommenen Entwwick-
lung fähig seien. Man bemerkte, daß auch ihre Schön-
heit nicht von langer Dauer sein werde; man glaubte
einzusehen, daß es Lelio's sie tragende Kraft gewesen
sei, der sie ihre frühzeitigen Erfolge zu verdanken
gehabt habe, und daß seit dessen Fortgehen ihre Wirk-
samkeit nicht mehr dieselbe sei Man gab zu be-
denken, daß der Direktor eines Provinz-heaters viel-
leicht nicht weise daran thue, das Drama und das
große Schauspiel mit unzureichenden Mitteln kultivi-
ren zu wollen. Man erimnerte an die heiteren Ge-
nüsse, welche man der reizenden Toska zu verdanken
gehabt hatte, an den Eindruck, den sie gemacht, und
der stark genug gewesen war, die sogenannten großen
Künstler in krankhaftem Neide entbrennen zu lassen.
Es war in jeder Woche ein neues, behutsames,
und darum nur um so mehr wirkendes Untergraben
von Hulda's künstlerischem Ruf. Sie empfand das
unwiderleglich. Sie legte das Blatt oftmals mit beben-
der Hand zur Seite, aber eines tröstete sie: sie war
jetzt doch wieder einsam in ihren vier Wänden, wenn
der Abend kam; sie erkaufte sich keinen Beifall mehr,
sie war wieder ihr eigener Herr, sie hatte das Wort
gehalten, das sie sich und der Fürstin gegeben hatte.
Sie durfte ihr Haupt noch frei erheben, wie sie
es gethan hatte in Clarissen's Zimmer, sie war sich
selbst getreu geblieben und hatte fich wiedergefunden
wenn schon sie darüber an äußerem Erfolg ver-
loren hatte.