Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 02

as , !
; Bweites Gapites
====-'
Hulda hatte bei der Ausführung ihres Planes
weniger Schwierigkeiten gefunden; äls sie exioärtet
hatte. Sie war in der Familie ies Kästellans' freund-
lich aufgenommen worden, hatte ihr bertraut, daß sie
genöthigt und gewillt sei; fortan selber für ihren
Lebensunterhalt zu sorgen; und wie man dabei die
Vorzüge und Nachtheile erwogen hatte, welche mit der
Stellung einer Erzieherin verbunden zu'sein pflegen,
hatte Hulda gestanden, daß ihr, seit sie Gabtiele spielen
gesehen habe, wohl' bisweilen der Gedänke gekommen
sei,' auf die Bühne zu gehen, indeß eine solche Absicht
vor ihrem Vormunde auszusprechen, habe sie nie ge-
wagt. Ihre Gaftfreunde fanden diesen Einfall aber
keineswegs ungehörig oder überraschend. Sie hatten
Verwandte, die Schauspieler waren, und eben erst unter
günstigen Bedingungen bei dem Theater in ihrer
Vaterstadt eine Anstellung gefunden hatten. Mit' diesen
war Hulda bald bekannt geworden, ihiten hatte sie sich

-? ?
W

p
K
-
En
- , --'--
1
anvertraut, und der Rath und Beistand dieser Beiden
hatte ihr dazu geholfen, ihrem Vormunde und der Fa-
milie des Kastellans den Glauben beizubringen, daß
sie an dem Orte, nach welchem sie sich begeben wollte,
eine Stelle als Erzieherin gefunden habe.
Es war ein Spätabend, als sie l F alten
Handelsstadt, die für das Erste ihre Heimat werden
sollte, auf der Post von der Matrone in Empfang ge-
nommen wurde, bei welcher sie nach der von dem
Direktor getroffenen.Veranstaltung ihre Kost und ihre-
Wohnuung finden sollte.-
Frau Rosen war die Wittwe eines Beamten, die
jich gach ihres Mannes frühemz Tode in dex Noth-
zendigkeit befunden hatte, sich, mit ihren Kindern, wie
Fie, fonnte, durchzuhelfen; und da ihr ganzes Erbe in
einem kleinen Häuschen bestanden, welches ihr Mann
zinige Zahre, por seinem Tode erworben, hatte sie sich
aund die Ihren in die. Dachstübchen desselben unter-
zzgbngcht, un, die übrigen Räume miethweise an Fremde
äherlasseg, zu,können.
I Die Nähe des Thegters war ihr dabei zg tatten
zz?ggggen.,- ßfner gderr det gndere fremgen Sühnen-
Fnßßr,gzgr sich zu lngetem Gastspies an dem Orte
zfgehalten, Jatte, sih in, ihrem Hause einguartiex,
werschjedene, junge Schauspielerinnen lange bei ihr ges
zwghnt. Jeder, hatte sie dienstfertig mnd umsichig. ge- -
Fanden,. Jeder sie dafär geyihmt, bis endlich ihr Haus -
zg, inem heliebten Absteigeguartier für Schauspieler
-geworden war, als welches es sich eines guten und
,ggsgebreiteten Rufes, erfreute.


Als Hulda ihr von dem Direktor zugewiesen
wurde, hatte Frau Rosen ihre eigenen Kinder bereits
versorgt. Nur die jüngste Tochter war noch bei ihr
zurückgeblieben, und da sie: geschickte Hände hatte und
Kleider und Putzsachen mult besondereüi Geschmnäcke zu
fertigen verstand, war diese Göschicklichkeit zu einer
neuen und vortheilhaften Erwerbsaüelle fürdie Frauen
geworden,' so daß von Noth und-Sörgen füi sie nicht
mehr die Rede, und der Aufenthalt in ihrem Hause
für die Gäste nur um so angenehmer geworden' war.
Da Hulda genöthigt war, fich in ihren Ausgäben
auf das Unekläßliche zu beschränken, hatte man ihr
ein kleines Stübchen zurechtgemacht; äber es war be-
haglich und fteundlich eingerichtet, wöhl durchwärnt,
die beiden Erkerfenstet sähen in diesjetzt nackten Wipfel
der Bäume hinein, welche die Mleen der Promenade
bildeten. Sie gönnten dadurch der än Licht und Luft
Gewöhnten, den Blick auf einen weiten Horizont, und
- die gutwillige, ihnen durch Gewohnheit: zur Natur ge-
wordene Freundlihkeit, mit welcher Mutter und Tochter
dem fremden Ankömmlinge begegneten, machten Hulda
einen Muh, dessen sie recht sehr bedurfte.
- Alles, was ihr schwer, was ihr bedenklich däuchte,
wovor sie sich scheute, das war den beiden Frauen
altvertraut, schien ihnen einfach und das Natürlichezu
fein. Sie kannten den Direktor, den Regisseur, sie
kannten das ganze Persönal des Theaters und alle
Beamten desselben, bis hinab zu den Schneider und
dem Friseur und deren Gehilfen.

-
F
-
K

- aaae
1s
.. - ; Sie zählten mit sichtlicher Gemugthuung alle die
Berühmtheiten auf, welche zu beherbergen sie die Ehre
gehabt hatten. Die gefeierte Feodora, wwelche die Bühne
nun bald verlassen sollte, fehlte unter ihnen nicht; ja
Feodora hatte in diesem Hause sogar einmal den Be-
such der unvergleichlichen Gabriele empfangen, von
deren Schönheit und von deren majestätischer Haltung
Frgu Rosen mit wahrhafter Begeisterung sprach.
-Kaum, aber -hatte die Mutter Gabrielens Er-
wähnuung gethan, so wurde ihre Tochter, die bleiche,
kränkliche Beate, die immer Puz und Schmuck für
Andere verfertigte und sich selbst so unscheinbar als
nur gmöglich tgng, auf Hulda!s Aehnlichkeit,, mit Ga-
briele achtsam, und die beiden Frauen versichexten, leb-
haft, schon dieser Umstand sei für dieselbe ein unge-
meines Glück und werde ihr bei dem Publikum mehr
nützen, gls Fie jetzt noch irgend zu ermessen fähig sei.
z - Hulda; hatte es gar nicht besser treffen können,
gls es ihr hier geboten ward. Wedex ihre Schüchtern-
hgg, zgch,ßng geringe Eusstgtung, deren sie selber sich
= -
- fgß,hgmte, ßbexxgschten ihreFWsirthinnen. Sie hatten
- schon mehr als einmal Anfänger in chrem Hase-auf-

,
F
gengmmen,'.die dürftig und ungekannt unter ihrem
Dache gelebt, und deren Name nachher im weitesten
Kreise gefeiert, deren Talent eine Quelle der Ehren
und des Reichthums für dieselben geworden war.
Beate ging ihr gefällig und geschick zur Hand, als
Hulda sich in ihrer kleinen Stube einzurichten anfing,
und als sie sie danach verließ, blib Hulda endlich
mit einem Gefühl beginnenden Wohlbehagens in dem

z -
1? .
engen Raum zurück, das zu empfinden sie bei ihrer
Ankunft weit entfernt gewesen, war.-
Es gefiel ihr in dem Stübchen, es that ihr wohl,
daß sie sich vor Mamsell. Ulrikens hassendem Nebel-
wollen nun, geborgen wußte, daß. sie dem jungen
Pfarrer nicht mehr zu begegnen brauchte, dessen Liebe
und Bewerbung sie geängstigt hatten, daß sie sich nicht
mehr gegen das Nebelwollen fremder Leute zu ver-
wahren hatte, welches nicht verdient zu haben sie sich
bewußt war. Sie pollte und mußte jetzt vergessen,
was unwiderbringlich für sie verloren war, und es war
ihr eine Erleichterung, zu denken, daß jetzt Niemand
von ihr wisse, daß sie selbst für Emanuelw verschwunden
sei, der sie verlassen und ihr die Treue gebrochen hatte.
Ihre Vexgangenhejt mußte-ngn für sie vergangen
sein, es konnte sie hier kaum Etwas an dieselbe mahnen.
Nur die Sterne des Himmels, die ihr geleuchtet hatten
am fernen Meeresstrande und denen -sie zuerst ihr
Lieben und. ihr Leiden anvertraut, die- waren als treue
Gefährten, mit ähr gegangen und leuchteten ihr auch
hier, und sprachen -ihr pon der Kindheit und der
Heimat, von Mutter und von Pater; und sie gelobte
sich und ihnen, sich selber treu zu bleiben und fest-
zuhalten an dem Glauben und der Sitte, in denen
die geliebten Eltern sie erzogen hatten..
Aber wie der Schlaf sich dann auf jhre müden
Augen niedersenkte, tauchten andere Bilder vor ihr
auf. Sie stand wieder in dem großen Saale des
gräflichen Schlosses wie an jenem Morgen, an welchem
sie Emanuel's Bild zuerst gesehen hatte, und das gol-

nen= wez -
1
- Siöülkcht schien wieder so hell und blendend
vonbee Seeseite in den Saal hinein, daß der blanke
aßbödeßsäSoi in-Flanmen leuchtete, und sie es kaum
oaEtzzwie aüs seiner Mitte der König der kleinen
Fptdöö-olöenen Krone auf dem Häupte, em-
egeFeffwar gefolgt von seinem ganzen Tröß.
zsnßieh-Schreinen und Gefäßen trugen dieKleinen
Fülle»döii Perrlichkeiten-heran: farbenprangende
wwadsi ällerArt; sstrahlende Diademe und grüne
oeeEkkänze: Uid- der kleine König ließ sich die
eticchksttenreichen und bot sie Hulda dar; und wenn
F Fßpbrgehoben' wurden aus den kleinen Truhen,
ouchssüüFsieüid wurden stattlich,-daß Hulda sah, sie
wgreiihr bestimmt und konnten ihr passen und wohl
aaistehen.' Undsie'freue sich all des Schönen und all
desBisizes; uüd streckte die Hand aus nach des Dia-
denjes funkelnder Pracht. Aber wie sie es ergrifen
hättes'ütd vdr den Spiegel trat, der goldumrahmt
-zschen- den Fenstern hing, sah sie in demselben, hoch
üher' ihtem Haupte, den schönen Kopf Eüanuel's, und
seineAugen-blickten sie an, so traurig und so vor-
iürfspoll; daß sie erschrocken die Hände sinken und
ogzDiadem zu Boden fallen ließ. Das gab einen
-auteß,schweren Schlag, und so festgeschmiedet und
ggßßgtß der Schmnick erschien, sprang er in tausend
Bicke: Die' flogen wie schwirrende Sternschnuppen
-nnexhßis sorihin, däß sie ihnen mit dem Auge kaumi
-sfFlgen-permochte.. Wie darauf der lezte dieser Licht-
-ieC FnderkEuft erlosch und Hulda sich in dein
ynerrüiisah;' wär'Alles, Alles fort: der König und
l
ß
z

b
i
1
l
k
t
ß

s
E
die kleinen Leute, und die Kleider und. die Geschmeide,
die sie vor ihr ausgebreitet hatten. Sie war wieder
in, dem großen Saale ganz- allein. Nur einen Ring
mit blauem Steine hatten die. Kleinen ihrr zurück-
gelassen. Sie. bückte sich,: ihn aufzüheben, und wwie ,
sie ihn an ihren Finger stecken -wollte, war es der
Ring, den sie Emanuel zurückgesendet hatte, und die
unvergeßlichen Worte: , Dich und mich trennt Nie-
mand!! glänzte ihr von dem goldenen Reifen- zaube-
risch hell entgegen.
-- Sie erwachte mit einem Freudenschrei und faßte
nach der Hand, aber es saß kein Ring daran, se hatte ihn
ja selbst zurückgesendet. Sie mußte um sich blicken,
sich zu besinnen, wo sie sei und ob sie wache oder
träume. Sie fuhr sichi über Stirn -ünd Augen, als
wolle sie die Truggebilde, oder als könne sie damit
die Erinnerungen bannen, die wider ihren: Willen vor
ihr aufgestiegen waren, und sie bemerkte mit Erstau-
nen, daß das bleiche Licht des Wintermorgens schon
durch ihre Fenster fiel.
, Die Hausuhr schlug die achte Stunde, Frau Rosen
klopfte an die Thüre. Sie käm sich nach dem Befin-
den ihrer neuen Hausgenossin und nach deren nächsten
Bedürfnissen zu erkundigen.
Die waren nun freilich bescheiden genuug! Und
doch lag für das Mädchen, welches bis dahin immer
nur Anderen gedient und Anderer Verlangen zu be-
friedigen gehabt hatte, ein Reiz darin,' daß jetzt Jemand
seinen Befehlen und Wünschennachzukommengenöthigt
e
- Fanny Lewald, Die Erlöserin. . -

s
e
E





-
?

?
-'


s.

a
s
z
z
s

s

s

- 1
und gewillt war. Denn wie nahe Abhängigkeit und
Freiheit,. wie dicht das Gehorchenmüssen und das Ge-
bietenkönnen auch auf einander folgen, die Kluft, welche
sie trennt, ist sehr bedeutend, und man überschreitet sie
nicht, ohne in sich eine Wandlung dadurch zu erfahren.
Hulda erschien sich plötzlich in einem neuen Lichte, sie
dünkte sich in aller ihrer Bescheidenheit vornehmer
und wwichtiger als bisher, und wie die Stunde dann
herankgmm,in welcher sie sich in die hart am Theater
gelegene Wohnung des Direktors zu begeben hatte,
machte sie sich voll wachsender Hofnung auf den Weg.
? Die Probe war beendigt und gut von statten ge-
gangen. Der Direktor war in der besten Laune. Er
trat;von dem Regisseur begleitet, eben aus der Vorhalle
des Schauspielhauses auf die Strgße hinaus, und da
er. Hulda erwartete, erkannte er sie sofort, als sie
herankgm,-und hieß sie mit freundlicher Anrede will-
kommen,
-,Nun,! fragte er, ,habe ich nicht Recht behalten
mit meiner vorjährigen Bemerkung, daß zur. Bühne
alle Wege führten; wie nach Rom? Ihnen sah ich
esgleich auf den ersten Blick an, noch ehe Ihre treff-
licheFeschüzerin mich auf Sie hingewiesen hatte, daß
, Sie von den Unseren wären, und' daß ich Sie früher
oder später auf der Bühne wiederfinden würde.!
. ,Er stellte sie darauf dem Regisseur als die erwar-
tete Schülerin vor; die anderen Schauspieler, welche
inzwischen ebenfalls das Theater verlassen hatten und
auf die Straße gekommnen waren, gingen grüßend an
dem Direktor vorüber, sahen, Hulda neugierig und

s
1
scharf in das Auge, und am Abende wußte das ganze
Personal, daß die Tochter Gabrielens angekommen
sei, daß sie wirklich schön und der Mutter ähnlich sei,
daß sie aber dagestanden habe; als wäre sie vom
Sirius niedergefallen in die ihr fremde- Welt.
Und fremd, völlig fremd war die Welt für Hulda,
in die sie sich versetzt fand. Mlles war ihr fremd,
Alles verwirrte sie, Alles widersprach den Aschauungen,
in denen sie erzogen worden' war. Mit, klopfendem
Herzen, mit flammenden Waigen stand sie in dem
Arbeitszimmer des Diiektörs; diesem und dem Regisseur
gegenüber, um vor den Beiden, wie der Direktor es
nannte, Auskünft darüber zu geben, was sie könne
und wolle, und feststellen zu lässen, was für sie zu
thun, und wie sie zunächst zu fördexn-, und. zu ver-
werthen sein möchte.
Der Direktor hieß sie irgend ein Gedicht sprechen.
das sie auswendig kannte. Er gab ihr eine Scene zu
lesen, die ihr Ifremd war; der, Regissepr: machte ihren
Gegenpart dabei, und da sie auf Befragen erklärt
hatte, ein wenig musikalisch zu sein,- ersuchte sie der
Direktor, ihm am Klaviere ein Lied zu singen. Er
wollte wissen, ob sie sich jemals im Komödienspiel ver-
sucht habe, und obschon die Blicke der beiden Männer,
die das Auge nicht von ihr wendeten, sie beunruhigten
und ängstigten, gab sie sich alle Mühe, tapfer ihr
Möglichstes zu thun. - Denn neben: der Schüchtern-
heit und Scham, die ihr das Herz bedrückten und die
sie nur mit Aufbietung ihres festen Willens über-
-- n.




-
-

-



-Adaid,. wachte in ihr ein neues Empfinden auf: eine
Frotige-Freude darüber, daß sie an diesen Platze stand,
heit that und unternahm, was Alle, die bis zu dieser
Stunde an' ihrem Schicksale. theilgenommen- hatten,
mit Ausnähme von Gabriele, ihr zu thun widerrathen
und verboten haben würden, was -- und sie hatte
Kine Art von Wollust in dem Gedanken. - was vor Allem
Emanuel sie beschworen haben würde, nicht zu thun.
z -Ohne daß sie ein Bewußtsein davon hatte, wirkte
diese. Stimmung auf ihre Erscheinung und: auf ihre
Ausdrucksweise ein. Sie hob sich stolzer, sie, sprach
bbhafter und freier, sie bemerkte es, daß sie den bei-
den Männern wohlgefiel, daß die prüfende Achtsam-
keit, mit der sie sie zuerst betrachtet hatten, sich in Zu-
friedenheit verwandelte; und die kleinen Beifallszeichen
- desr Einen- oder des Anderen, hoben ihren Muth und
- Fteigerteiö' ihre junge Kraft.



ge
.

D
äß sieäus'eigeneö Wahl und eigener Machtvollkommen-
-

- - = -
, - z - - -

t
tlsderdienOrüfung beendet hatte, ließ der Direktor
sichszu der- Aeüßerung herbei, daß sie gut beanlagt
sei-und daß ern'sich deshalb geneigt fühle, ihre Aus-
bildung zu übernehmen. Der Vortheil des Versuches
Liege dabei zünächst allein auf ihrer Seite. Es werde
Monate unausgesetzter Arbeit und fortdauernden Un-
terrichtes bedürfen, ehe man daran denken könne, sie
vor dem Publikum erscheinen zu lassen. Gefalle sie
diesem auicht-- und sein Publikum sei sehr wählerisch
und schwer zu befriedigen- so habe er Zeit. und
Mühe verloren, während sie eine gute Schulung ge-
winne, die ihr in allen Fällen von Nutzen sein werde.

V
eu
Indeß um Gabrielens willen sei er bereit, sich auf das
Unternehmen einzulassen. Sie möge das ihrer Be-
schüzerin und ihrem Vormund schreiben, und inzwischen
an die Arbeit gehen.
Er sagte ihr das Alles mit einer würdevollen
Freundlichkeit, die er sehr wohl an den Tag zu legen
wußte. Sie hörte ihm wie der Stimme ihres Schick-
fals zu. Es ging Alles weit leichter, weit. schneller,
als sie es erwartet hatte. Sie wollte danken, wollte
versprechen, das Ihrige zu thun, und konnte vor Er-
regung das Wort nicht finden, konnte sich selbst nicht
sagen, ob Hoffnung oder Bangen, oh Freude oder welch'
ein anderes Empfinden, ihr Herz bewegten.
Der Direktor entließ sie mit einem Händedruck,
der Regisseur nannte sie scherzend die. künftige Kollegin.
Als sie sich schon abgewendet hatte und ihre Straßen-
kleidung anlegte, meinte der Direktor, da sie nütn die
Bretter zu betreten denke, welche die Welt bedeuten,
werde sie gut thun, ihre etwas urwaldliche Kleidung
der jetigen Seit und ihren künftigen Verhältnissen doch
mehr anzupassen. - Mamsell. Beatens geschickte Hände
würden ihr dazu gewiß behilflich sein.
,Mit Ihrem Haare müssen Sie beginnen,! sagte
er. ,Die schönen um den Kopf gewundenen Flechten, -
die, wie ich Ihnen vor einem Jahre sagte, wenn Sie
sie niederhängen lassen,. einem Käthchen von Heil-
bronn vortrefflich anstehen werden, sehen im Leben
doch zu ländlich aus. Ein schöner Apollo- Knoten,
lange englische Locken, werden Sie vortrefflich kleiden.
Ziehen Sie noch heute unseren Friseur zu Rathe,

-

- -

ss

!-, -









g



Ae
wenn- Sie selbst damit nicht zu Stande kommen
sollten. -Man muuß schön aussehen, so schön als mög-
lich;'das ist eine Pflicht für Sie, Mabemoiselle, und
Sie werden sie erfüllen können, wie mir, scheint!?
-' Er meinte ihr mit diesem Komplimente ein Ver-
gnügen bereitet zu haben und sah mit Verwunderung,
daß sie es nicht als solches aufnahm, sondern sich seiner
Anordnung mit. ernstem Schweigen unterwarf und
still von dannen ging. Er konnte sich das nicht
erklären, denn was wußte er von ihr? wie konnte er
zhnen, daß seine Forderung,. sie möge ihre Haartracht
ändern, sie mit einemmale, weit zurückwarf von dem
Ziele, das er ihr 'verlockend vorgehalten hatte.
h . Ihre Flechten sollte sie nicht mehr um - ihren
schlichten Scheitel winden? und Emanuel hatte diese
Haarträcht so an ihr geliebt!
- Sie erschrak, wie ihr das plötzlich bei den Worten
des Direktors durch den Sinn schoß. Es lag wie ein
Zauber über. ihr und in ihr. Was sie auch dachte,
was sie that, es führte sie Mlles, Mlles auf ihn zurück,
zurück zu.ihm. Sie hätte sich hassen und- ihn hassen -
können, weil. es ihr so ganz unmöglich -war, ihn zu
vergessen, der sie doch vergessen hatte ganz und gar.
i
-= -