Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 29

emnundzwanzigstes Gapites.
In der Hauptstadt war ein nenes Theater von
Privatleuten begründet worden, das dem königlichen
Theater eine große und gefährliche Concurrenz zu
machen anfing. Der Unternehmer und Vorstand dieses.
Theaters hatte auf Lelios Vermittlung fich an Hulda
gewendet, die Unterhandlungen waren im Gange. Mit
einemmale zerschlugen fie sich, ohne daß Hulda er-
mitteln komnte, wodurch dieses Scheitern ihrer Hoff-
nungen veranlaßt worden war.
Lelio hatte ihr davon geschrieben, und sie hielt
seinen Brief noch in ihren Händen, als die Delmar
sich bei ihr melden ließ. Das war ein äußerst un-
gewöhnliches Ereigniß und Hulda erschrak davor, dennn
die Delmar gehörte zu den Menschen, deren Kom-
men ihr noch niemals Gutes bedeutet hatte. Auch
war dieselbe noch nicht lange bei ihr, als sie mit jener
Gefühlsseligkeit, welche fie angenommen hatte, seit sie
die unselbstische Freundschaft für den Regisseur auf
ihr Panier gesezt, Hulda zu beklagen anfing, daß sie
so allein sei, daß ihr kein treuer Rath zur Seite

1s
, stehe, daß Feodorens unersättliche Eitelkeit sich vor
Jahren zwischen sie Beide gedrängt, und sie verhin-
dert habe, sich mit einander zu befreunden.
Hulda antwortete ihr darauf das Schickliche; die
Delmar zeigte sich darüber sehr erfreut. ,Sie stehen
ja ganz allein, und wie hart das sein kann,! sagte fie,
,das habe ich in früheren Jahren wohl gefühlt, ehe
ich mir die treue Freundschaft unseres guten alten
Ehrenberg erworben hatte.?
Hulda bemerkte, ein treuer Freund sei allerdings
ein großes Glück aber ihre Augen hingen ängstlich
an dem verdächtigen Lächeln, das auf der Delmar -
schmalen Lippen schwebte, als diese Hulda's Hand er-
greifend, mit mitleidsvollen Blicken hinzusetzte: ,ch
habe Sie wirklich aufrichtig beklagt, dem um hier Ihr
Glück zu machen, fehlte Ihnen Feodorens berechnende
Kälte, und Philibert ist eben kein Vam der Vließ.
,Wie kommnen Sie zu der Bemerkung und was
wollen Sie mit ihr? fragte Hulda hastig. -
,So wissen Sie es nicht,? entgegnete die Del-
mar, ,daß Philibert es ist, der Ihr Engagement bei
dem neuen Theater allein verhindert hat?
Hulda fuhr zusammen. Sie hatte mit Nieman-
dem von ihrer Absicht, von ihren Verhandlungen ge-
sprochen, und Andere wußten mehr davon als sie.
Ein unheimlicher Schauer überlief sie.
,Philibert,' fuhr die Delmar fort, , leugnet das
nicht nur nicht, er erzählt es vielmehr einem Jeden, der
es hören will. Der Besizer des neuen Theaters ist,
Sie werden das wohl wissen, sein genauer Freund.

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Er hat sich also an Philibert gewendet, um Auskunft
über Sie zu fordern; und dieser hat ihm sagen zu
müssen geglaubt, es scheine ihm, daß Sie nicht fort-
geschritten, daß sie eintönig, und Gott weiß was sonst
noch Alles, geworden wären. Fände er einen neuen
Aufschwuung, einen Fortschritt in Ihrer Entwicklung,
so wolle er es melden. Er wolle Sie genau beob-
achten, wolle auch mit Ihnen davon sprechen.!
Hulda war blaß geworden vor Erschrecken und
Entrüstung. ,dit mir darüber sprechen? Das soll
ihm schwer werden,! rief sie alsdann, ,da ich ihm die
Thüre gewiesen habe.?
Die Delmar sah sie fragend an. ,Sie haben
ihm die Thüre gewiesen?! wiederholte sie, als glaube
sie dem Worte nicht.
,,Und zwwar ein- für allemal. Sie brauchen das
auch nicht zu verleugnen; sagen Sie es gleichfalls
einem Jeden, der es hören will.? Sie war ihrer
selbst nicht mächtig.
Die Delmar schüttelte schweigend den Kopf.
,Wie beklage ich Sie, wie sehr beklage ich Sie! Ein
Mann, der Sie anzubeten schien! Aber wem werden
solche Erfahrungen von den Männern denn erspart?
Sie wartete offenbar auf eine Antwort auf eine
vertrauliche Mittheilung. Da Hulda stumm blieb,
stand sie auf, und legte ihr die Hand auf die Schulter.
,Das Beste ist,! sagte sie, ,daß man es eben über-
steht. Sie dürfen es so schwer nicht nehmen. Sie
sind jung, Sie waren unerfahren -= wir waren das

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ja Alle, Mlle! Sie haben eben sich in ihm ge-
täuscht.?
,Nein ,? rief Hulda, , nein! Ich habe mich
nicht in ihm getäuscht! nicht einen Augenblick seit
dem ersten Abend, da ich ihn bei Feodorens Abschieds-
feste sah. Nur er hat sich in mir betrogen; und daß
er es thnn komnnte, das bereue ich,. das ist meine
Schuld; und das allein vergebe ich mir nie!?
,Wie Sie reizbar, wie Sie heftig sind!r sagte
die Delmar, während sie ihre Pelzpalatine um die
Schultern hing, und den Muff zur Hand nahm.
,Glauben Sie mir, solche Dinge wollen kühl, wollen
mit vorsichtiger Gelassenheit behandelt sein, und auf
die meine dürfen Sie vertrauen. Denn wenn Sie es
auch nicht sehen und anerkennen wollten, ich habe es
von je gut mit Ihnen gemeint; und kann ich Ihnen
vielleicht einmal von Nutzen sein, so rechnen Sie
auf mich.?
Hulda dankte ihr, begleitete sie, und wußte sich
den Vorgang nicht zu deuten.
Daß der Boden unsicher geworden, auf dem sie
lebte, daß die Menschen, welche sie umgaben, nicht
verläßlich und von kleinlichen Interessen und Leiden-
schaften hingenommen waren, das hatte sie lange
schon erkannt. Jezt aber tastete sie wie in Dunkelheit
umher, und das Herz zog sich ihr bang zusammnen. Sie
sehnte sich hinaus, hinweg aus dieser Welt, wie fie
sich einft hinweg gesehnt hatte aus ihrer Heimat. Sie
fing es mit deutlichem Bewußtsein zu bereuen an
Schauspielerin geworden zu sein.

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In den nächsten Tagen hatte sie wieder aufzu-
treten. Man hatte in den Zeitungen ,Emrilia Galotti?
zu sehen verlangt, die lange nicht gegeben worden -
war. Der Direktor hatte das Stück angesetzt und
Hulda hatte sich dessen gefreut. Weil es ihr Debut
und ihr erster Erfolg gewesen war, hatte sie eine Vor-
liebe für die Rolle bewahrt. Sie freute sich, als sie
vor dem Aufziehen des Vorhanges einmal hinaussah,
das Haus so gut besetzt zu finden; sie hoffte auch auf
einen guten Erfolg, denn für des Prinzen Rolle war
ihr jetziger Partner gewandt genug, und man zollte
ihr auch bei ihrem ersten Auftreten und bei ihrem
ersten Abgange Beifall. Indeß gleich als dieser sich
aus den Logen, in denen sich viel Land»Adel befand,
vernehmen ließ, fing man im Parterre zu zischen an.
Die Logen wollten ihren Willen durchsetzen, die Stim
men im Parterre gaben nicht nach, die oberen Gale-
rien schlossen sich ihnen an; es entstand ein ärgerlicher
Spektakel im Hause, der sich nur langsam legte. --
Hulda war fassungslos.
,Das danken Sie Philibert!r sagte die Delmar
mit ihrem widerwärtigen Mitleiden. Hulda hatte sich
das augenblicklich selbst gesagt.
Wie sie es wieder vermocht hatte, auf die Scene
hinauszutreten, wie das Stück zu Ende gebracht wurde,
und wie sie es ertragen hatte, daß das Zischen, der
Spektakel, der Kampß für und wider sie noch einmnal
ausbrachen, da man sie aus den Logen und Sperr-
sizen mit nicht nachlassender beharrlicher Wärme rief,
das wußte sie selber kaum, als sie sich zu Hause, er-

It
schüpft, und in allem ihrem Fühlen und Denken wie
vernichet, auf ihr Lager warf.
Es war ein Glück für fie, daß ein bleierner
Schlaf auf fie herniedersank. Sie hatte lange nicht
so tief, so völlig traumlos geschlafen als in dieser
Rachi. Als sie spät am Tage die Augen aufschlng,
und mit dem Blicke in das helle Sonnenlicht die Er-
imnnerung dessen in ihr lebendig wurde, was fie gestern
durchgemacht, lief ihr ein Schauer durch die Glieder.
Sie wunderte sich, wie sie vor ihren Spiegel trat,
daß die Röthe ihrer Scham, daß das Erbleichen
des Schreckens nicht mehr auf ihrem Antlize sichtbar
waren - mnd vor ihr auf dem Tische lag die Rolle
der Marie in Goethe's ,Glavigon. Sie hatte sie
stets zu spielen gewünscht, und jezt endlich, seit vielen
Jahren sollte ,Glavigos zum erstenmale hier gegeben
werden.
Sie sezte sich hin und las die Rolle durch, aber
ihre Gedanken waren nicht dabei Sie wußte nicht,
was sie las, obschon sie jedes Wort des Siückss
kante. Sie griff zur Zeitung und legte fie wieder
aus der Hand. Es fiel ihr ein, wie der Direktor ihr
gestern im Vorübergehen gesagt hatte, sie habe sich
das Alles selber zuzuschreiben, und er mrüsse mit ihr
sprechen. Was hatte sie demn gethan? Was hatte sie
versehen? Was konnte er von ihr wollen?
Sie dachte noch darüber nach, als er sich in der-
frühen Stunde bei ihr melden ließ.
Er war freundlich, er zeigte sich heiter, als er
bei ihr eintrat. Das war ihr überraschend, denn seit
Famuy Vwwa, Die Erlöserln. M.
a

41s
fie damals bei dem ungebührlichen Betragen der
Toska mit ihm aneinander gekommen war, hatte er
sich das Ansehen gegeben, ihr dies schmollend nachzu-
tragen.
,Nun, mein bestes Fräulein,? rief er ihr ent-
gegen, ,ich mußte doch selber sehen kommen, wie Sie
sich befinden. Es ist eben einmal gestern ein bischen
lebhaft im Theater hergegangen, und Sie haben, wie
ich schon zum Defteren bemerkt, reizbare Rerven. Sie
regen sich leicht auf!?
,Ich glaube,, entgegnete Hulda, ,der Anlaß war
geeignet, auch starke Nerren zu erschüttern. Ich we-
nigstens fühle das Erlebniß noch in mir nachklingen,
weit mehr, als es mir lieb ist.
,Sie nehmen die Sachen zu schwer, meine
Theure, viel zu schwer! Wissen Sie, daß Ihnen das
kleine Scharmützel den größten Vortheil bringen wird?
Jezt begegnet Ihnen durch, ich möchte sagen, einen
glücklichen Zufall, was Sie selber, sehr zu Ihrem
Nachtheile, sich zu schaffen versüumt haben. Man
nimmt jetzt mit Leidenschaft Partei für Sie, und wir
werden bei Ihrem nächsten Auftreten das Haus voll
haben bis in das Orchester hinein.r
,Ich wollte Sie heute eben bitten, mir die näch-
sten Tage freizugeben. Ich muß mich in mir zu
fassen, mich zu überwinden suchen; denn ich bekenne
Ihnen, übermorgen wieder vor demselben Publikum
zu erscheinen, dessen Zischen mir noch in den Ohren
gellt, dazu fühle ich mich außer Stande. Ich mnuß

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es zu vergessen suchen. Ich habe ein paar Tage der
Ruhe, der Einsamkeit vomnöthen.?
,Wo denken Sie hin, Beste!r wendete der Di-
rektor ein. ,Warum hören Sie das Zischen, und
nicht lieber das Bravo, das Ihnen von den Stentor-
stimmen unserer Herren vom Lande zu Theil gewor-
den ist, und das die paar nichtsbedeutenden Zischer,
deren Ursprung Sie ja kemnen werden, sofort siegreich
niederschmetterte. Ich will Ihnen ein Geheimnniß aus
der Bühnenpraxis anvertrauen, das auch im Leben
gute Dienste thnt: man muß nur hören, was man
hören will, nur hören, was uns schmeichelt, und gar
nicht merken, was mns etwa entgegen zu sein scheint.?
,Das erlerne ich nie!? rief Hulda, ,und was
hilft es, wenn man sich selbst belügt, sich selber
täuscht.?
Der Direktor lächelte. ,Was es hilft? Meine
Theuerste, es belügt und täuscht die Anderen auch -
und darauf kommt ja Alles an!?
Hulda antwortete ihm nicht daranf.
,Sehen Sie,? fuhr er deshalb fort, ,wwennn Sie
fich heute den kleinen Doktor Berthold kommen lassen,
der die Reeensionen für die hiefige Zeitung, und hier-
und dorthin TheaterKorrespondenzen schreibt, wemn
Sie ihn kommen lassen, und sich über das geftrige
Ereigniß klagend äußern, so wird er es Ihnen glau-
ben, daß Sie ein Fiasco gemacht. Lassen Sie ihn
kommmen und sprechen Sie ihm mit Genugthuung von
der Freude, welche der Eifer Ihrer Anhänger Ihnen
e'.

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gewährt, und wie der Sieg über die elende bezghlte
Kligue, die gegen Sie gewesen ist,. Ihnen das Herz
erhoben hat, so wird er es Ihnen gleichfalls glauben,
und es Ihnen nachsprechen und nachschreiben, wie
Sie es begehren, natürlich nur Leistung gegen Leistung.?
,Ich denke weder das Eine zu thun noch das
Andere!r warf Hulda mit Verachtunng ein. ,ch
habe ihn nie bei mir gesehen, und habe auch nicht vor,
es jezt zu thun.?
,Sehr mit Unrecht, Beste, sehr mit. Anrecht!
Die edeln, Enthusiasten, -die reichen Dilettanten, wie
Ihre Freunde, wie der Doktor und wie Hochbrecht, die
thun es nicht! Man achtet ihr Urtheil, man liest
ihre Sachen gern, aber sie sind nicht rühxig, sie
haben ihre Hände. nicht in jedem Blatte, sie machen
keine Reputation. Der keine Berthold hat Ihnen
mehr genützt, als Sie zu glauben scheinen, so lange
ihm Philibert die Tinte mit Silbersand bestreute.
Das muüssen Sie jetzt selber thun, wenn Sie nicht,
wozu ich Ihnen dringend rathe, sich mit Philibert in
das Gleiche setzen. Er ist ein angesehener Manunu, ein
Mammu . - - -
Hulda erhob sich. ,Gerr Direktor,' sagte fie,
,ich muuß Sie bitten, das auf sich beruhen zu lassen.
Was mir in meinem Privatleben zu thun obliegt,
darüber, glaube ich, steht Niemandem ein Urtheil zu
als mir allein; und ich bin nicht gesomnnen, mir ein
anderes aufnöthigen zu lassen.?
Der Direktor stand ebenfalls auf. Er war heftig


von Ratur, mnd sein Ton wmtrde beleidigend, wenn er
fich zur Ruhe zwingen wollte.
,Oh! ich bin weit davon entfernt, sagte er,
,mich in Ihre Privatverhältnifse zu mischen! Nur,?
sezte er hinzn, ,ur mäfsen Sie Ihre Privatverhält-
niffe, meine Beste, mit Diäkretion, mnd zwar derart
behandeln, daß fie meinen Interefsen nicht so rck-
sichtslos entgegenlaufen. Man läutet nicht die große
Glocke, wennn mann eines immerhin sehr beachtens-
werthen Freunndes mnd Verehrers müde wird. Mamm
weist Männern von Stand nicht ohneweiters die
Thüre; oder mann erzählt es wenigftens, wenn mann
die Uwworsichtigkeit begangen hat, es zu thun, nicht
den gnten Frenndinnen zu beliebigem Gebrauch! Aber
das ift freilich Ihre Sache, Ihre Privatangelegenheit
--- das geht mich Nichts an.r
Sie wollte, weil ihr jezt plözlich Alles klar
ward, ihm in die Rede fallen. Er ließ es nicht dazu
kommen.
,Wir sind fertig, mein Fräulein!? sagte er. ,ch
hielt es für meine Pflicht, Sie zu warnen; Sie glau-
ben es nicht beachten zu dürfen -- das ist Ihr Recht.
Aber Sie bürgen mir für den Erfolg der Mirando-
lina, die Sie übermorgen spielen, und ich glaube,
Sie werden klug thun, wenigstens hie jungen Herren
von Brinken, welche hente Sie zu besuchen denken,
gebührend freundlich zu empfangen; demnn mit Grund- -
säzen wie die Ihren hätten Sie nicht zur Bühne
gehen mwüssen. Wir Schauspieler find und kömnen
keine Gemeinde der Heiligen bilden. Die Bühne ist

T
kein Kloster! und mit Ronnen weiß das Publikum
nicht umzugehen und Nichts anzufangen.?
Er hatte das Letztere leichthin, im Tone eines -
Scherzes ausgesprochen, denn er wollte Hulda, an
deren gutem Willen ihm viel gelegen war, in keiner
Weise beleidigen. Aber gerade dieser Scherz ver-
wundete sie auf das Tieffte: Er drückte, ohne es zu
wollen, schlagend aus, was Hulda sich schon selber
vorgehalten hatte; es schien ihr als gipfelte in ihm,
wie in einem Schlußsteine, die Reihe der Kränkungen
und Unwürdigkeiten, die sie erfahren und mit denen
sie zu kämpfen gehabt hatte, er nahm ihr die Fassung
und die Sprache.
Der Direktor bemerkte das und wollte einlenken.
Er sagte, sie dürfe einen Scherz nicht ernsthaft neh-
men, sie solle nicht böse sein, er habe es gut gemeint
mit seinem Rathe; sie solle ihm sagen, daß sie ihm
nicht zürne.
,Wie könnte ich das? entgegnete sie, indem sie
sich kalt verneigte. ,Sie haben Ihre Neberzeugnnng,
Ihre Ansicht von der Stellung einer Bühnenklnst-
lerin gegenüber dem Publikum ausgesprochen; dazu
waren Sie berechtigt, da ich vorläufig noch in Ihrem
Solde bin - und vielleicht ist es gut, daß sie es
thaten.?
Er bereute seinen Mißgrißf, gab ihr gute Worte,
indeß, da sie nicht darauf hörte und ihm Nichts ent-
gegnete, verabschiedete er sich endlich mit der Bemer-
kunng, er hoffe, sie werde sich besinnen mnd ihren gegen-
wärtigen kleinen Troz bereuen.

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Als er die Thüre hinter sich geschlossen hatte,
hielt Hulda sich nicht länger. ,Das ertrage ich nicht,!
rief sie, ,an diesen, an solchen Verhältnissen gehe ich
zu Grmnnde! Sie ertödten in mir die Liebe zur
Kuuust. Sie verleiden mir mich selbst.?
Sie weinte bitterlich. Die Thränen befreiten ihr
das Herz.
Als fie sich aus diesem Zustande der Nieder-
geschlagenheit emwporrichtete, stieg der Vorsatz, das
Theater zu verlassen, der in den letzten Zeiten zum
Defteren in ihr rege geworden war, wieder in ihr
auf. Aber einen Ertschluß zu fasfen, kam ihr nicht
leicht an, demnn sie liebte ihren Beruf. Sie hatte das
Glück rein und voll empfunden, durch ihre Kraft den
Widerhall' der Begeisterunng in den Herzen einer sie
umgebenden Menge zu enttzünden, mnd von ihr ge-
tragen, sich bisweilen weit hinausgehoben zu fühlen
über die Grenzen mnd Schranken dessen, was sie er-
reichbar für ihr Können und ihr Talent gehalten
hatte. Sie hatte sich oft frohen Sinnes in großen
Hoffnungen auf ihre Zukunft gehen lassen.
Und wenn sie die Bühne nunn verließ, wo war
für sies- die Mittellose, die Einsame, gleich äine nene
Thätigkeit, gleich ein Beruf gefunden?
Sie dachte an die Fürstin, an den Beistand,
welchen diese ihr zugesagt hatte. Sie meinte, an-
nehmen zu dürfen, daß Glarisse ihr Vorhaben gut-
heißen und bereit sein würde, ihr fördernd ihre Hand,
zu bieten. Indeß Glarisse war Emanuels Nichte, und
wie es ihr schon in erster Jugend unmmöglich gedünkt,

aB
von der Gräfin irgend eine Hilfe anzunehmen, so fühlte
sie jetzt ein noch weit entschiedeneres Widerstreben dem
Kreise, welchem Emammuel angehörte, freiwillig zu
nahen, und vollends als eine Hilfesuchende zu nahen.
Der ganze Tag ging hin in Unentschlossenheit
und Sorge. Ihre Gedanken wanderten mnruhig von
einer Möglichkeit zur anderen, von der früheften
Kindheit bis weit hinein in jene Zukunft, die sie sich
in manucher glückpersprechenden Stunude so ruhmvoll
unnd so glänzend ausgemalt hatte, und die sie selber
nun für immer vor sich verschließen wollte.
Jn der Rastlosigkeit ihres Sinnes fing fie an,
sich mit äußeren Dingen zu beschäftigen. Sie suchte
alte Erinnerungen hervor, und betrachtete dabei mit
Rührung die wenigen Angedenken, die sie aus der
Heimat mit sich genommnen hatte, als sie, mit dem
Vorsaz, dorthin nicht mehr zurüchukehren, aus dem
Amthause fortgegangen war. Dabei fielen ihr ein
paar Briefchen ihrer Eltern, die sie ihr aus der Pfarre
in das Schloß gesendet hatten, und des Vater alte
Bibel in die Hand.
Es war lange her, daß fie nicht darin gelesen
hatte. Sie dachte daran, wie sie sonst wohl in be-
sonderen Fällen die alten Blätter als ein Drakel auf-
geschlagen, und wie sie manch gutesmal ihren Trost
darin gefunden hatte. Sie las die Stellen nach,
welche ihres Vaters Hand mit feinen Strichen an-
gezeichnet, die Verse, auf denen seine lieben Angen
geweilt hatten, so lange sie noch licht gewesen waren.
Eine sanfte Stille, eine unbeschreibliche Wemuuth kamen

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damit über sie. Als sie die nächsten Seiten umschlug,
.traf sie auf ein Blatt, das sie einst mit einem dünnen
Schnürchen selber eingeheftet hatte.
Sie faltete es auseinander. Es war ihres Vaters
schöne, sichere Handschrift; und fast ohne es zu wissen,
las sie mit lauter Stimme die auf dem Blatte
ftehenden Worte: ,Mdeiner Tochter am Einsegnungs-
tage als Wahlspruch für das Leben ausgewählt und
mitgegeben: ,Was hülfe es dem Renschen, wemn er
die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden
an seiner Seele? Oder was kann der Mensch geben,
daß er seine Seele wieder erlöse!?
,Alles! Alles! mur mnnnangefochten! und wieder
einig in mir selbst, und unangefochten mit mir selbst
in Frieden!r rief sie plöglich, von einem Muthe be-
seelt, von einer Zuversicht belebt, als käme die Kraft
aller der Unzähligen ihr zu Hilfe, die sich in der
Stunde der Noth und der Gefahr, dem Untergange
nahe, mit dieser aus fernfter Vergangenheit herüber-
klingenden Mahnung erhoben, und auf den rechten
Weg zurückgefunden hatten. Und als leuchte ihres
Vaters Auge noch über ihr, als stüze sie noch seine
treue Hand, so fest hatte sie sich entschlossen, ihre
Seele vor Schaden zu bewahren und sich frei zu
machen aus den Schlingen, die sich in ihren gegen-
wärtigen Verhältnissen verwirrend und umstrickend vor
jedem ihrer Schritte ausgebreitet hatten.
Darüber war die Dämmerung angebrochen. Beate
brachte ihr die Lampe und die hauptstädtische Zeitung
in das Zimmer, die Abends mit der Post ankam.

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Hulda glitt heute über die TheaterRachrichten,
die fie sont zuerßt zu lesen pflegte, rasch hinwweg.
Sie hatten in dieser Stunde für fie nicht mehr die
bisherige Bedeutung. Aber gleich hinter diesen Notiüzen
sielen ihr unter den Anzeigen, Angeboten und Ge-
fuchen, einige mit hervorragender Schrift gedructe
Zeilen auf.
,Eine Famnnilie, dem Adel angehörend,? hieß es,
,und Sommer mnnnd Winter auf ihren Gütern lebend,
fucht für ein Mädchen von, vierzehn Jahren eine Er-
zieherin, die in der Musik bewandert, im Französischen
und Englischen' zu unnterrichten im Stand ist, unnd
geneigt sein würde, sich für drei Jahre zu verpflichten,
wemnn gegenfeitiges Wohlgefallen stattsinden sollte:
Das Jahrgeld, welches mamn anbot, war unn-
gewöhnlich hoch zu nemnnen; der Ort, an den manu
die Adressen senden sollte, war anngegeben. Die n
zeige kam ihr wie ein Wink vom Himmel, dem sie
zn gehorchen hatte, ehe Zweifel und Bedenken, ehe
nene weltliche Verlockung fie in ihrem Euutschlusse
schwankend machen komnten. Wie sie dereinst in ban-
ger. Stunnde, mur sich mnd dem eigenen Bedürfen nach
Befreiunng fohend, den Brief an Gabriele rasch ge-
schrieben hatte, so sezte fie sich auch jezt wieder, in
demseben Augenblicke an den Schreiitisch, der mnbe-
kanmnten Familie ihre Dienste anzubieten.
Klar und bestimmuut sprach sie aus, was sie zu
lehren unnd zu leisten im Stande zu sein glanbte, in-
deß sie verschwieg es vorsichtig, daß sie seit Jahren
Schauspielerin gewesen war. Sie nammnte sich eine

ae
Pfarrerstochter, sie wollte die Wahrheit erst gestehen,
wennn man zu ihr Vertrauen gefaßt haben, und mit
ihren Leistungen zufrieden sein würde; und es schlich
ein sonderbares Empfinden durch ihr Herz, als sie
seit so vielen Jahren zum erstenmale wieder sch mit
ihres Vaters Ramen unterschrieb.
Wie sie die Feder aus der Hand legte und den
Brief durchlas, kam ein schmerzliches Schwanken über
sie. Der Abstand zwwischen ihrer gegenwwärtigen Frei-
heit und der Abhängigkeit, der sie enigegengehen wollte,
zwwischen dem Theater und der engen Stube, in der
fie einsam auf dem Lande, dem Willen Fremder fortan
unterthan, ihr ganzes Leben einem Kinde opfern
sollte, war sehr groß; und ihr bangte vor der Weise,
in welcher sie ihn empfinden würde. Indeß das mäch-
tige Wort: ,Eas hülfe es dem Menschen, wemnn er
die ganze Welt gewömne und nähme doch Schaden -
an seiner Seele!? stand leuchtend und beschützend
über ihr.
Sie schloß den Brief, und sendete ihn noch in
derselben Stunde fort.
Als sie die Hausthüre öffnen hörte, trat sie an
das Fenster. Bei dem Scheine der Laternen sah sie
dem Mädchen, das den Brief besorgte, nach, soweit
ihr Auge es verfolgen komnnte. Damnn ging fie an den
Tisch, die Papiere forttzuräumen, die treue alte Bibel
wieder zu verschließen.
,Also einfam mnd vergessen!? sagte sie z fich
selbst, ,vergessen und unubeachtet nunu für immnerdar!

c7
Aher rein und mir selbst getren; der Eltern werth
-- mnnd seiner Liebo!?
Sie hatte frei in sich entschieden. Was dieser
Entschluß ihr bringen und ihr frchten würde, mußte
erst die Zeit fie lehren.
=zsss