Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 30

Dreißigste Gapites!
Der Winter war Emanuel in seinem einsamen
Schlosse länger geworden als alle diejenigen, welche
ihm vorhergegangen waren. Der Besuch des jungen
fürstlichen Paares hatte es ihn wieder lebhaft empfin-
den lassen, welch eine Befriedigung das enge mnnd täg-
liche Beisammmnnensein mrit Menschen gewährt, auf deren
einngehendes Verständniß, auf deren liebevolle Theil-
nahme mam sich verlassen darf; und der kleine Ring,
den er an dem Abende, an welchem man die alhenn
Besizthümer des Hauses gemustert hatte, an seine
Hand gestec, mahnte ihn jeden Tag an das schöne,
geliebte Mädchen, dem er ihn einst als Liebespfand
geboten.
Früher hatte er sich den Gedanken an Hulda
meist fernzuhalten getrachtet. Jezt kam sie ihm seit
der Unterhaltung mit seier Nichte kaum mehr aus
dem Sinne. Er wollte, er muuußte sehen, was sie ge-
Irawrrrr

TH
womnnen hatte. Damals hatten ihr gerader Sinn, die
unbewuHßte Klarheit ihres Urtheils, die Einfalt ihves
ganzen Wesens, und ihre Emwpfänglichkeit für alles
Gute, Große, Schöne, ihn fast ebenso an ihr entzückt
als ihre Schönheit. Was muußten die Jahre, die Er-
fahrung, das Studium aus ihr gemacht haben, da sie,
wie Glarisse es mit warmer Anerkennnung ausgespro-
chen hatte, an sittlicher Würde und Sinnnesadel auf
dem einsamen Lebenswege keine Einbuße erlitten, son-
dern sich in sich selbst vollendet hatte!
Mehr als einmal hatte er sich hingesetzt, um ihr
zu schreiben, aber er hatte diese Versuche aufgegeben.
Was er ihr zu sagen hatte, mwußte ein Buch an Um-
fang werden, wennn er ihr mittheilen wollte, was er
seitdem erlebt, oder wennn er ihr klar machen wollte,
wie es gekommen sei, daß er fie aufgegeben, daß er
gehandelt habe, wie er es gethan hatte. Und was
komnnte diese lange Erklärung demnn auch nützen? Hatte
Hulda ihren Sinn geändert, ihre Reigung einem An-
deren zugewendet, so war es thöricht, ja sogar lächer-
lich, ihr begreiflich machen zu wollen, was in diesem
Falle keine Bedeutunng mehr für sie haben komnte;
und seine Scheu vor solchem Thun war bis zur
Meberdreibunng groß. Wenn fie hingegen, wie er es
in seinem tiefften Herzen hoffte, seiner noch gedachte,
wemnn ie vergessen, verzeihen komnnte, wemn fie ihn
TTSA?S=
ar

a
Abends, wenn der Regen gegen die Scheiben
prasselte, oder wenn der Schneesturm die Zimmer
seines Schlosses wild umwtoste, sah er sie im Geiste
vor sich, in der voll entwwickelten Reife ihrer Schön-
heit, in dem Costüme ihrer verschiedenen Rollen, in
dem lichterfüllten Hause von dem Beifalle eines großen
Publikums getragen, wie sie, zufrieden mit sich selbst,
immer erneuter Triumphe genoß- und er hielt be-
denkich innne vor der Frage: ,Wird sie jetzt noch die
Einsamkeit zu ertragen vermögen? Wird sie in ihr
noch glücklich sein kömnen?
Es war ja mur zu denkbar, daß sie anstand, dem
Reize eines rasch bewegten Lebens, der Huldigung der
Männner, um seinetwillen zu entsagen; daß es ihr zu
schwer fiel, ihm ihre Aussichten auf eine glänzende
theatralische Zukunft zum Opfer zu bringen. Die
Partie zwischen ihnen war nicht gleich. Er war nicht
fung, nicht schön wie sie; er hatte um ihretwillen
keine Aussichten zu opfern, die er mit seiner jezigen
Erfahrung und seiner jetzigen Einsicht, der Liebe gegen-
über, noch hoch angeschlagen hätte. Er hatte mur zu ge
winnen, wenn sie ihn noch liebte unnd die Seine wer-
den wollte; denn er wußte, was sie werth war und
was er sich von ihr versprechen durfte. Ihr Fall war
ganz ein anderer. Er hatte sich ihr nicht bewährt
und hatte kein Recht, Vertrauen von ihr zu erwarten.
Das machte ihn unentschlossen, machte ihn zögern;
aber in dem abwartenden Zögern steigerte sich seine
Sehnsucht nach beglückender Entscheidung bis zur Lei-
denschaft.


Ts
Bald wollte er reisen, mm fie auf der Bühne zu
sehen, bald widerstäaud ihm eben diese Möglichkeit.
Das Mißtrauen in sich selbst, das ihm die Jugend
so schwer getrübt, und das durch die Erfahrunngen,
welche Konradine ihn hatte machen lassen, nene Rah-
rung empfangen, hemmnte und lähmute ihn auch jezt,
obschon er sich's zum Vorwwurf machte.
Da kam eines Morgens, als er an dem Fenster
feines Arbeitzimmers stand, ein Reiter in raschem
Trabe auf das Schloß zu. Emnanuel kannnte den
Schimmel schon von weitem, unnd den Reiter, den er
trug, den immer hochwillkommenen Gast, den alten
Herrn von Barnefeld, der freilich in so früher Mor-
genstunde sonst nicht von seinem Hofe fortzugehen
pflegte.
Da er ihn sehr verehrte, ging Emnanmuel dem
Greise entgegen bis hinab zur Halle.
,Wo kommnen Sie so früh her, mein theurer
Freund ? ref er ihm zu, während der stattliche schöne
Gpeis mit frischer Rüstigkeit vom Pferde stieg.
,Ja! wo komme ich so früh her? antwwortete
Barnefeld. ,Das fragen Sie nicht mich, sondern meine
Fran, die mich hinausgeschickt hat. Und zwar mit
einer ganz besonderen Anfrage an Siel?
Sie waren währenddem in das Haus gegangent,
und wie sie dannn ruhig bei einander saßen, und der
Diener ein Frühstück aufzutragen anfing, sagte Herr
von Barnefeld: ,Die Frauen haben mich ausgeschickt,
mich mit Ihnen über eine Angelegenheit zu be-

z
z8
sprechen, die Sie persönlich auf der Gottes Welt
Nichts angehtr?
,eber die ich aber hoffentlich doch Auskunft
geben kann!r bemerkte Emanuel.
,Meine Frau setzt das zum wenigsten voraus;
denn kurz und gut, ich komme, mich bei Ihnen um
ein junges Frauenzimmer zu erkundigen.?
,Wil Einer der Ihren sich verheirathen? fragte
Emnanuel.
,Richt das ich wüßte!r entgegnete Barnefeld,
,danach pflegten sie mich auch immmer ganz zulezt zu
fragen. Aber meine älteste Schwiegertochter denkt für
das Mädchen, für Konstanze, eine Erzieherin in das -
Haus zu nehmen. Sie hat also vor einigen Wochen
eine darauf zielende Anzeige in die Zeitungen setzen
lassen, und es sind danach im Laufe der Zeit eine
Menge Anerbietungen eingegangenn. Unter diesen be-
findet sich auch ein Brief von einer jungen Person,
einer Pfarrerstochter, von den Gütern Ihres Neffen.r
,on Hulda? rief Emamuel, während das Blut
ihm in das Gesicht schoß, daß er sich mit der Hand
schnell über die Stirne fuhr, als könnne er es damit
verscheuchen.
,Mich dünkt, so heißt sie,! versezte Barnefeld,
indem er den Brief hervorzog und nach der Unter-
schrift sah. ,Aber lieber Freund! Sie sind ja roth
geworden wie ein junges Mädchen! was ist es mit
T-----
,Nichts! durchaus nichts! - Ich kannte die
Fauny Lewald, Die Erlöserin. Ü.

8
Und auch das junge Mädchen kemne ich. Es war eine
Weile in meiner Schwester Hause! Es ist wohl
unterrichtet! - Sehr muusikalisch und eben so gut
als schön!r
Herr von Barnefeld schüttelte den Kopf. ,ennn
ich Sie nicht kemnte,? meinte er, ,lo würden Sie
mrich troz des Guten, das Sie ausgesagt haben, an
dens jungen Frauenzimmner irre machenlr
Emanuel hatte sich indeß bemeistert, und sprach
sich mun gefaßten Sinnes lobend über Hulda aus.
Die Ruhe, die er zeigen wollte, fiel ihm aber schwer.
Barnefeld wurde dadurch um so vorsichtiger. Er
fragte mit seiner geschäftsmäßigen Genauigkeit, Ema-
mamuel gab ihm darauf Bescheid. ,Sie meinen also,
daß man das Fräulein kommen lafsen soll? sagte
Barnefeld am Ende. ,ch war auch der Ansicht, mir
gefiel der Brief. Die Frauen wollten indeß gern -
sicher gehen, und so kam ich her. Der Brief ist ein-
fach und scheint mir Gutes zu versprechen.?
Emanuel fragte, ob er ihn lesen dürfe, sein Gast
hatte Nichts dagegen; aber Jener hatte sich mehr zu-
gemmuthet, als er wußte. Jedes Wort traf ihn wie
ein mahnender Vowwwurf, und doch beglückte, doch be-
seligte es ihn. Er mußte sich Gewalt anthun, die
Bewegung seiner Seele nicht noch einmal zu ver-
rathen. Es kostete ihn Neberwindunng, dem behag-
lichen Gespräche mit dem trefflichen Marmnne so wie
sonst zu folgen, unnd er war froh, als dieser endlich
mit der Versicherung, daß er nicht länger bleiben
kömnne, sein Pferd vorgeführt zu haben wünschte.

e
185
Als sie danach schon vor der Thüre standen,
sagte Emanuel: ,Es freut mich doppelt, daß Sie
heute gekommen find, denn ich verreise in den nächsten
Tagen.?
Barnefeld fragte, wohin er gehen werde. Ema-
muel nannte ihm die Provinz, in welcher Hulda lebte,
und die Stadt, in der fie engagirt war.
,Schade!r sagte Barnefeld. ,Wenn Sie einige
Wochen später gingen, kömnten Sie uns die Gouver-
nante mitbringen. Sie kann aber nach ihrem Briefe,
erst zu Ostern in die Stelle eintreten.r
,Mdan mrüßte nachhörenlr meinte Emanuel, in
dessen Geist plözlich ein Plan auftauchte, der seinen
Zwwecken dienen komnte. ,Geben Sie mir den Brief
zum Beglaubigungszeichen, oder geben Sie mir nur
die Adresse der jungen Dame unnd eine Karte von
sich mit, so will ich mich erkundigen, wie es stehtr
Das leuchtete dem Anderen ein. Er schrieb
stehenden Fußes in der Halle rasch noch ein paar
Zeilen auf die Karte nieder, und Emanuel eine
glückliche Reise wünschend, ritt er sehr zufrieden heim.
Wenige Stunden später war Emanuel schon unter-
weges -= hin zu ihr!
Tag und Nacht war er gefahren, als er gegen
den Abend des,zweiten Tages an sein Ziel gelangte.
Die Stunde der allgemeinen Mittagsmahlzeit war
lange vorüber. Er ließ sich einen Imbiß in seinem
Zimmer auftragen; der Wirth selber, der ihn von

1B
früherem Aufenthalte in seinem Haause kannte, kam es
zu entschuldigen, falls man den Herrn Baron in der
Eile nicht zu seiner Zufriedenheit bedient haben sollte,
und sich zu erkundigen, was sonst etwa in dessen Be-
lieben stände? wobei er nicht zu bemerken unterließ,
daß er die Ehre gehabt habe, im Herbste auch die
jungen fürstlichen Herrschaften bei sich aufzunehmen.
Die ganze Familie stieg seit Jahren stets in seinem
Hause ab.
Emanuel zeigte sich durchaus zufrieden, der Wirth
hatte in Beflissenheit die Zeitung und den Theater-
zettel mitgebracht. Emanuel griff nach dem ketzteren.
Mau spielte ,Faustr. = Hulda war also in diesem
Augenblicke auf der Bühne.
,Wenn der Herr Baron vielleicht ein Freund des
Theaters sind,? bemerkte der Wirth, ,so wären Sie
gerade noch zur rechten Zeit gekommen, ein paar Akte
anzusehen. Unsere erste Schauspielerin, die Vollmar,
ist in dieser Rolle ausgezeichnet. Die Frau Fürstiü
hat sie nach derselben sogar zu sich entbieten lassen.
Der ,Faustr ist seitdem mur ein einzigesmal gegeben
worden, kurz vorher, ehe Lelio von hier fortging; und
es ist sehr möglich, daß die Vollmar heute auch zumm
lletztenmal als Gretchen bei uns auftritt?
,Denkt Fräulein Vollmar die Bühne zu ver-
assen ? fragte Emanuel, während er mnentschlossen
mit sich zu Rathe ging, ob er sie gleich heute spielen
sehen solle oder nicht.
,Bewahre,? sagte der Wirth, ,es ist im Gegen-
theile von ihrem Enngagement für das große könig-

- 1k
liche Theater stark die Rede; demnn vor ein paar Tagen
ist der Regisseur desselben hergekommen, fie zu sehen.?
Der Wirth mochte dabei bemerken, daß der Baron in
halber Serstreutheit das Verzeichniß der Personen
durchsah, und um ihm die Sachlage klar zu machen,
setzte er hinzu: ,Die Vollmar hat hier vor einiger
Zeit allerlei Verdrießlichkeiten und Chikanen durchzu-
machen gehabt. Es hatte sich eine vollständige Kigue
gegen sie gebildet. Der Herr Baron wissen ja, wie
es in der Welt und auf den Brettern hergeht. Sie
hatte es mit einem unserer ersten Mänmner sozusagen
geflissentlich verdorben, und der trug es ihr nach und
ließ sie es fühlen; allerdings ein wenig hart. Damals
hieß es denn, fie wolle vom Theater abgehen. Aber
gerade in der Zeit machte Herr Philibert von seinem
Onkel eine große Erbschaft und ging nach England,
sie zu reguliren, wo er nun auch bleiben will. Seit-
dem hat sich für die Vollmar Alles wieder hübsch zu-
rechtgezogenn; und seit manu denkt, fie werde an das
kdnigliche Theater berufen werden, macht der Direktor
ihr hier alle möglichen Anerbietungen, demn das Publi-
kum will. sie nun durchaus nicht missen.?
Emanuel hörte das Alles Wort für Wort, und
mußte sich in seinem Innnern fragen: ,t es dennn
möglich, daß es Hulda ist, von der mann also spricht?
Daß es das Mädchen ist, dem Du Dich einst ver-
lobtest, das Du verlassen hast, und das heimzuführen
als Dein Weib, Du jezt gekomwmnuen bist?
Sein ganzes bisheriges Thun mnnd Haudeln, Alles.
was er erlebt in diesen letzten Jahren, kam ihm mn

488 -
begreiflich, fast unmöglich vor. Aber sehen mußte
er sie, und auf der Bühne, und gleich in dieser
Stunde!
Er verlangte einen Wagen und fuhr in das
Theater. Der Abend war schon vorgerückt, die größere
Hälfte des Stückes war vorüber, man war mitten in
der Aufführung.
Das Herz schlug ihm heftig, als der Schließer
ihm leise die Thüre der Drchefteroge öffnete: die
Hand bebte ihm, als er selber den schweren rothen
Vorhang zurücschlug, und hinaus sah auf die Seene.
Ja, das war sie! Er sezte sich in der hintersten
Ecke nieder, in der sie ihn nicht gewwahren konnnte.
Er hatte Mühe sich zurüchuhalten. Es war ihm
selber wie dem Faust, dem das Bildniß Helena's im
Zauberspiegel aufersteht.
Gretchen saß in ihrer Stube am Spinnrocken.
Sie war ganz unwwerändert, ganz dieselbe, wie er sie
zuerst gesehen, herrlich und hehr, wie der Geres blonde
Tochter in dem Gewwoge der goldenen Aehren, den
Kranz von Kornblumen in dem blonden Haare.
,Wo ichh ihn nicht hab'
mir das Grab,
Die ganze Welt
Dft mir vergällt.k
Das waren die ersten Worte, die er von ihrer
Sötimme wieder hörte.
Wie oft, wie unzählig oft, mochte sie so gesessen,
so geseufzt in Sehnsucht, so in verzagendem Hoffen
gedacht haben an ihn, ehe sie sich entschlossen hatte,

g89
ihm den Ring zurüczugeben! Den goldenen Reifen,
der ihm jetzt brannte an der Hand.
Es war überwältigend, was er dachte und em-
pfand. Er komnte sich nicht helfen, die Thränen
brachen ihm aus den Augen, er durchlebte lange
Jahre in diesem Augenblick. Ihr Leiden und das
seine traten wie lebendige Gestalten vor ihn hin, mnnd
klagten ihn an, und forderten von ihm Ersaz für alle
die verlorenen Tage mnnd das in ihnen nicht genofsene
Glück.
Gläc? =- War dennn der Beifall, den man
Hulda zollte, als sie ihr Lied beendet hatte, nicht ein
Glc? War das bezaubernde Lächeln, mit welchem
sie dankte, als man fie nach der Scene wieder und
wieder herworrief, niGht ein Lächeln des Glückes? Wo-
durch konwte er dies beseligte Lächeln künftig in seiner
Einsamkeit auf ihre Lippen zaubern? Mau sah es,
wie sie sich heute selbst genoß. Emamuel gömnte ihr
die Freude, den Triumph. Was er dabei empfand?
= wie konnnte sie das ahnen und was komnte es für
sie bedeuten?
Seene um Scene griffen tiefer in seine Seele
ein. Die Aufführung schien ihm kein Ende nehmen
zu wollen: aber er konnte nicht von ihr gehen, so
lange alle diese Blicke noch an ihr hingen. Er miß-
gönnnte der Menge den Anblick der Geliebten, und
doch entzückte Hulda ihn, doch genoß er mit einer
stohen Freude ihr Talent, und selbst den Beifall, mit
welchem man ihr lohnte.

I40
Vor ihm in der Loge saß ein älterer Mann. Er
hatte bei Emanuels Eintritt seinen Sessel auf die
Seite gerückt, ihm Plaz z machen, und sich offen-
bar gewundert, daß Jener sich so geflissetlich im
Schatten und von der Brüftung ferne hielt. Während
des Zwischenaktes hatte er Emanuel angeredet. Der
Fremde zeigte sich dabei als ein gebildeter Manmnn, und
voll Anerkennung für die Leistung Hulda's. Er hatte
es kein Hehl, daß er ein Mamnn vom Fache sei; Ema-
nuel errieth in ihm natürlich den aus der Residenz
gesendeten Regisseur. Inzwischen war auch der Di-
rektor in die Loge eingetreten.
,Nun,! meinte er, gegen den Regiseur gewenndet,
,begreifen Sie jetzt, weshalb ich vor Ihnen nicht so
ohne weiters die Segel ftreiche?
Der Regisseur klopfte ihm auf die Schultern.
,Ziehen Sie sie mur ein, dennn was Sie noch aufsezen,
ich habe mehr in meiner HHad. Sie ist wirklich
adorabel und recht des Königs Genre! HHoch, stoh,
blond - so Etwas wie die Hochselige! - Aber das
ist wahr, Sie macht Ihnen und Ihrer Schule alle
Ehre!
Der Vorhang ging wieder in die Höhe, die
Kerkerseene begannn. G war mehr, al Emnammel aus-
zuhalten vermochte. Dies Antliz, dies heißgeliebte,
schöne Antliz blaß, entftellt, im wilden Wahnfinn, in
Todesnoth und Angst vor sich zu sehen,i das ging
über seine Kräfte. Er verließ die Loge und das
Theater.

, ul
Gs war eine lange, schwere Nacht, die ihm in
ernsten Zwweifeln und in bangem Hoffen hinschwand,
bis er am Morgen aus martervollem Traume er-
wachte. Die nächsten Stunden mußten jetzt ent-
scheiden.