Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 31

Ginunddreißigstes Gapitel
Der hauptstädtische Regisseur hatte sich bei guter
Zeit in Huldas Wohmung verfügt, um ihr den Kon-
trakt vorzulegen, den er ermächtigt war, ihr anmzu-
bieten, falls sie den Erwartunngen entsprochen haben
würde, welche man nach Lelio's Aussagen von ihr
gehegt.
Damrit that sich eine Zukunft vor Hulda auf,
wie sie erwünschter einer Bühnenkänstlerin im Vater-
laande nicht eröffnet werden konnte. Sie sollte die
Stelle der ersten tragischen Liebhaberin ersetzen, die in
das Fach der älteren tragischen Rollen überging, mnd
die Verhältnisse in der Residenz waren für bedeutende
Bühnenkünstlerinnnen, besonders, wemn sie sich selbst
zu achten wßten, völlig anderer Art als bei den
Theatern in den Provinzen.
In den gebildeten und känstlerischen Kreisen der
hauptstädtischen Gesellschaft hatte mann das Vorurtheil
längst überwundenn, das die Schauspieler im Al
gemeinnen von der Geselligkeit und dem engeren Fa
milienleben der guten Gesellschaft zurückwpies. Ein

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reger geiftiger Verkehr, ein wenigstens nach Außen hin
zufriedenstellendes Zusammenwirken mit den' ersten
Künstlern Deutschlands, unter der Leitung eines ge-
- bildeten Intendanten, unter dem Schutze und unter den
Augen eines Königs, der einen Theil seiner Abend-
stunden regelmäßig in dem Theater zubrachte, das
waren andere Lebensbedingungen als diejenigen, unter
denen Hulda bisher gelebt hatte. Das Gehalt, wel-
ches man ihr zahlen wollie, die Aussicht, fortan vor
dem gebildetsten Publikum des Landes zu spielen,
waren im höchsten Grade lockend. Was Hulda in
den frühen Träumen ihrer Kindheit in märchenhaftem
Glanze vorgeschwebt hatte, das stand jetzt plözlich nahe
und erreichbar vor ihr. Sie hatte es kaum erwarten
dürfen, es kaum gehofft, solch ehrender Auszeichnung
und einer so sicher festgestellten Zukunft schon so frühe
theilhaftig werden zu kömnen: und wer denkt demnn in der
Jgend, wenn die helle Frühlingssomne in das Freie
und in das Licht hinauusruft, an die trüben Nebel
und an die Winterstürme, welche diesem Sonnen-
schein vorangegangen sind?
Die lezten Wochen waren ohnehin für Hulda,
wie der Wirth es Emanuel sehr richtig dargestellt
hatte, ohne jene Kränkungen und Störungen vergan-
gen, welche ihr das Leben so schwer gemacht, ihr die
Ausübung der Kunst verbittert hatten, unnd auf das
Angebot ihrer Dienste als Erzieherin war keine wei-
tere Anfrage an fie erfolgt. Die einfachste Neber-
legung mußte ihr also sagen, daß es ebenso unklug als
vermessen von ihr sein würde, dem Antrage, welchen mann

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von Seiten des hauptstädtischen Theaters machte, nicht
Folge zu leisten. Indeß sie hatte weder all der
Widerwärtigkeiten vergessen, welche sie erdulden müssen,
noch des Abendes, an welchem es ihr in sittlicher
Empörung über ihre Lage, unerläßlich erschienen
war, sich aus derselben für immer zu befreien, z-
rüchutreten aus der Deffentlichkeit, und ,ihre Seele
zu erlösenr, gleichviel um welchen Preis, gleichviel
durch welches Opfer. Und mit der Feder in der
Hand, bat sie sich plözlich noch eine Bedenkzeit bis
zum Abend aus.
Der Abgesandte des Hoftheaters zeigte sich er-
staunt darüber. Er kannnte jedoch die Künstlerlaunen,
und mochte wohl auch glauben, es mit einer jener
Berechnungen zu thun zu haben, welche durch zögern-
des Bedenken den Werth der Zusage zu höheren
wünschen. Er gestand ihr also das Verlangte zu.
Unten in dem engen Hausflur traf er auf Ema-
nuel. Er hörte, wie dieser Beaten eine Karte mit
der Bemerkung übergab, daß er einen mündlichen
Auftrag an das Fräulein habe, und wie Beate ihn
ersuchte, in dem kleinen Sübchen zu ebener Erde ein-
zutreten.
,Sonderbar!r rief Hulda, als das Mädchen ihr
die Karte überreichte. ,Sonderbar, daß das eben
heute kommen muß!f?
Beate hatte, da das Couvert, welches die Karte
einschloß, offen war, der Rengier nicht widerstanden,
sie herauszuziehen unnd zu lesen. Sie enthielt nichts
als den Ramen: ,Karl von Barnefeld auf Splitt-

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bergenr und darunter die Worte: ,Der mir befreun-
dete Neberbringer wird die Ehre haben, sich von
Ihnen noch einige Auskunft in Folge Ihres Briefes
vom ? zu erbitten, und Ihnen jede Auskunft zu
ertheilen, welche Ihnen über uns und die hiesigen
Verhältnisse etwa wünschenswerth erscheinen könnte.?
Es lag für Hulda etwas sehr Beängstigendes
darin, daß diese Aufforderung eben noch in dieser
Stunde an fie herantrat. Das Schicksal schien sie
recht eigentlich zu einer freien Wahl zwingen zu
wollen, damit sie die Folgen ihrer Entscheidung nur
sich allein, und nicht den Umständen, zur Last zu legen
habe, und sie fühlte sich versucht, den Fremden abzu-
weisen. Indeß ihre Redlichkeit gegen sich selbst hielt
sie davon zurück, und nach flüchtigem Bedenken befahl
sie Beaten, ihn heraufzuführen.
Emanuel waren die wenigen Minuten lang, sehr
lang geworden. Nun stand er endlich an ihrer Thüre,
im nächsten Augenblicke stand er vor ihr selbst, und
den Aufschrei unterdrückend, der sich auf ihre Lippen
drängte, trat sie rasch vor ihm zurück. Sie muußte
sich an die Lehne des Sessels halten, die Sinne drohten
ihr zu schwinden.
Auch ihm krampfte sich das Herz zusammen. Er
fah in ihrem Antliz keinen Strahl von Freude, und
er hatte ja keinen, auch nicht den kleinsten Beweis
dafür, daß Hulda ihn noch liebte: Sein Wünschen,
sein unberechtigtes Hofen, wie leicht konnten sie ihn
betrogen haben. Ich hätte sie vorbereiten müssen!

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sagte er zu sich selbst. Ich hätte nicht so komnmnnen
dürfen.
Hulda bot vergehens alle ihre Kraft auf. Es
dünkte sie wie ein Hohn, daß Emanuel im Auftrage
eines Dritten zu ihr kam, und sich endlich überwindend,
versetzte sie: , SSie zu sehen, Herr Baron, batte ich
freilich nicht erwartetl?
Der Zwwang, den sie sich,anthat, machte, daß
ihre Stimme fremd und kalt sein Ohr berührte.
Starr und schweigend standen sie einander gegenüber.
Das hielt Emanuel nicht aus.
,Sie haben Recht!r rief er mit einer Lebhaftig-
keit, in welcher seine Unruhe, seine angstvolle Freude,
sich hörbar machten. ,Zu- all' den Sünden, die ich
gegen Sie begangen habe, kommt meine heutige Ver-
messenheit hinzu. Ich hätte nicht kommen sollen, und
ich werde auch nicht lange bleiben.?
,Herr Baron!? fiel ihm Hulda in die Rede,
und sie faltete die Hände über ihre Brust, während
ihr Auge sich besänftigend auf das seine richtete.
,Sie haben Clarisse wieder gesehen,! sagte er,
,Glarisse war bei mir. Sie hat mir wiederholt, was
sich zwischen ihr und Ihnen an jenem Tage begeben
hat. Sie war voll Liebe, voll Bewunderung für Sie;
aber sie glaubte amnehmen zu mnüssen, daß Ihre Lauf-
bahn nicht ganz, nicht in jedem Betrachte, Ihren Nei-
gungen entspräche. Ich habe das beklagt, ich komnte
nicht aufhören, daran zu denken.?
Er hielt plözlich inne, seine heftige Bewegung

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ließ sich kaum bemeistern, seine ganze Seele wallte
ihr entgegen.
Sie hate sich niedergelassen, er saß ihr gegenüber.
,Vor wenig Tagen,? hub er wieder an, ,vor
wenig Tagen kam mein alter Freund, mein Guts-
nachbar, Herr von Barnefeld zu mir. Er gab mir
den Brief zu lesen, den Sie der Zeitungs»Expedition
gesendet hatten. Er wollte wissen, ob ich Sie kemne,
da Sie sich auf den Gütern meines Neffen heimisch
genamnt hatten. Urtheilen Sie selber, was ich dabei
empfand!rr =- Und wieder brach er in seiner Rede
ab, bis er, als müsse er es vom Herzen haben, rasch
hinzusezte: ,Ich muuußte glauben, daß Sie die Bühne
verlassen wollten =
,Ich war in der That dazu entschlessen, ich hielt
es für unerläßlich! sagte Hulda in gleicher Ergriffen-
heit wie er selbst.
,Aber Sie sind anderen Sinnes geworden. Sie
haben den Vorsatz aufgegeben!r warf er ihr rasch ein.
,Wie sollten Sie auch nicht? Ich begreife das voll-
kommnnen. E war thöricht, Sie noch erst zu fragen.
Seine sonstige maßvolle Gemefsenheit hatte ihn ganz
verlassen. Er sprach ohne rechten Zusammenhang,
abgebrochen, hastig, wie die ihn beftürmenden Ge-
danken ihm nach einander kamen. ,Ich erfnhr es
schon gesternn, was man Ihnen anträgt. Wie könnte
Ihnen auch neben den glänzenden Aussichten, die fich
vor Ihnen aufthmnn, noch amnnehmbar erscheinen, was
Ihnen zu bieten, von Ihnen zu erbitten, ich ge-
kommen war.?

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,Sie, von mir erbitten?! rief Hulda, und zummn
erstenmale hörte er in ihrer Stimme den alten, seelen-
vollen Klang.
,Ich habe Sie geftern Abend gesehen, bewundertl?
sagte er. ,Sie sind eine treffliche Künstlerin geworden.
Sie werden die große Welt dereinst zu Ihren Füßen
sehen -
,Herr Baron!? stieß sie mit bebender Lippe
hewwor.
,Ich,! fuhr er fort, ,ich? =- Was kann ich
Ihnen dagegen bieten? Wie könnnte, ja wie dürfte
ich fordern - da ich nicht zu halten wußte, was ich
einst besaß!r rief er, seiner selbst nicht länger Meister.
Sie schlng, sprachlos in ihrem Ewtzücken, ihrem
Ohr, ihren Sinnen nicht vertrauend, die Hände zu-
sammen und hob sie wie im Gebete gegen ihre Stirn. -
,Ist es denn möglich, kamn es demnn sein?! sagte sie
kaum hörbar.
,Sieh,? fuhr er fort, indem er ihre Hände er-
griff und fest und leidenschaftlich in die seinen preßte,
,wemn Du vergessen kömntest! wenn Du verzeihen
könntest, wenn Du mich noch liebtest!?
,Und was hab' ich dennn gethan, als Dich lieben
all die lange Zeit!r rief sie und hing an seinem
Halse. ,Was ist demn mein Trost gewesen in mancher
Stunde bitteren Kummers, als der Gedanke, daß Du
mich doch einst geliebt hast!,
Sie komnuten Beide nicht mehr sprechen. Sie
hatten einander umschlungen, Freudenihränen löschten
die Erinnerung all der Leidensjahre aus.

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Wie sie sich emwporrichteten und die stürmische
Erregunng sich in ihnen zu sänftigen begamn, fiel ein
heller Somnenstrahl durch das Fenster.
,Ich habe so lange keinen Frühling auf dem
Laude mehr gesehen! sagte Hulda.
Sie standen am Fenfter, er hatte seinen Arm
um sie geschlungenn.
,Er wird Dic in meiner Heimat keine Lorbeeren
bringen,? sagte Emanuel. ,Aber Kouublumen habe
ich, Kornblumen ohne Sahl! und Du flichtst Dir
wieder Kränze.?
Sie lächelte ihn mitHerklärtem Antliz an. Dann
standen sie noch einmal lange schweigend beieinanber.
Sie mmußten sich erst finden in ihr eigenes Glück, ver-
stehen lernen und sich überzeugen, wie nun Alles so
gewandelt war. Sie waren noch dieselben, und waren
Hoch Beide röllig Andere geworden.
Emanuel betrachtete mit liebevoller Reugier den
Raum, den sie so lange bewohnt hatte. Der Kon-
trakt lag noch auf ihrem Tische. Er fragte, was es
sei, sie reichte ihm das Blatt zum Lesen hin. Die
kleine Genugthuung mochte sie sich nicht versagen.
,Duu bringst ein großes Opfer!r sagte er.
,Wenn Du wüßtest, aus welcher Welt Du mich
entführst, Du würdest es für eine Erlösung halten!r
entgegnete sie ihm. ,nd ich hatte einst in dem phan-
Lastischen Spiele meiner kindischen Einbildung gemeint,
Deine Erlöserin werden zu kömnnen.
,Bist Du mir es nicht gewesen? bist Du mir
-es nicht in dieser Stunde wieder? sprach er. ,st
Famny Lewald, Die Eröseein. M.

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Deine Treue, die ich nicht verdient habe, ist Deine
Liebe mir nicht Erlösung von der Sünde, die ich
gegen Dich begangen habe, von der Rene, die ich
stets in mir gefühlt, so oft ich Deiner dachte? Nnd
ich dachte Deiner immer! selbst wennn ich Dich ver-
gessen, mich betrügen wollte. Es war vergebliches
Bemnühen. Du warst in mir lebendig immmuerdar.
Er ftreifte den kleinen Ring von seiner Hannd.
,Willst Du ihn wieder tragenn, Hulda, den armmen
kleinen Ring, den Dn verstoßen hattest? Soll es
nun Wahrheit werden, das schöne alte ,Dich und mich
trennt Niemand?
,Riemand!r rief sie und steckhe den kleinen
Hf? = = o - =e. =