Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 32

Bweiunddreißigstes Gapites
Beate kopfte an die Thüre. ,Derr Direktör
Holm!r meldete sie mnd sah es noch mit Stannen,
wie Emanuel die Geliebte aus seinem Arme frei ließ.
,Da trennt mann uns ja schon!r scherzte er.
,Richt auf lannge,' gab fie ihm ebenso zur Ant-
wort, ,unnd mnnser Direktor liebt die Stücke, die zu-
frbedenstellend enden. Er soll der Erste sein, dem ich
mein Gc verkünde.
,Er wird der Erste sein, der es mir mißgönnt!r
sagte Emamuel, als der Direktor schon vor ihnen
stand; und in der That hatte er sich nicht in der
Voraussezunng geirrt.
Der Direktor mochte Hulda nicht gleich missen.
Ee wollte nicht davon reden hören, ie sofort der
Verpflichtung zu entheben, die sie noch für die beiden
Monate ann seine Bühne band. Indeß Emamuel
zeigte fich nicht karg, mnd der Direktor war der Mann,
sich in feftstehende Thatsachen schnell und gewandt zu
finden, und Aushilfe zu schaffen, wo fie gefordert war.
Ees in lllem genommmen, sah er Hulda lieber die

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Bühne ganz verlassen, alß zu einer anderen übergehen.
Nur Eine Bedingung stellte er, sie sollte noch einmal
auftreten, nicht ohne Abschied von der Bühne und
von dem Publikum scheiden; und sie selber theilte
diesen Wunsch. Emanuel lehnte sich nicht dagegen
auf, vorausgesetzt, daß es nicht auf irgend eine
theatralische Abschieds-Scene hinauslaufen solle, wie
sie Feodore vorbereitet worden war, und daß die
Wahl des Stückes Hulda überlassen blieb. Holm war
damit gleich eiwerstanden, HHulda entschied sich für
die Rolle der Iphigenie. Mit dieser erhabenen
Dichtung wollte sie von der Bühne Abschied nehmen,
in der Verklärung dieser Rolle noch einmal vor den
Augen ihres kinftigen Gatten erscheinen, Iphigeniens
Söcheideworte sollten auch die ihren werden.
Das Gerücht, daß Hulda das Theater verlasse,
war schon am Abende unter den Schauspielern ver-
breitet. Am nächsten Tage brachte die Zeitunng die
Kunde von ihrer bevorstehenden Heirath mit einem
der reichsten Edelleute des Lamnndes; und die flüchtigen
Mittheilunngen, welche Hulda in ihrer Frende dem
Direktor über ihre frühere Verlobung mtt Emanuel
gemacht hatte, waren in jener Rachricht schon zu einem
kleinen Romane aufgeputzt, der von der Wahrheit
nicht alluu ferne blieb.
Die Gräfin befand sich in dem Schlosse des
Fürsten, als Emanuel ihr seine Verlobung mit Hulda
meldete. Glarisse zeigte sich über das Ereigniß von
Herzen froh. Sie rief den Fürsten ausdräcklich zumm
Zeugen dafür an, daß sie es schon bei ihrem Besuch

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im Falkenhorst vorausgesehen, daß sie darauf eine
Wette mit ihrem Manne habe eingehen wollen. ,nd,?
sagte sie, ,nnn kommut ja auch die alte unheilvolle
Famuiliensage zu ihrem Rechte, und der böse Bann
wird jetzt gebrochen sein; denn mun kommt ein neues
junges Blut in das alte Haus, des Zwwergenkönigs
Zorn zu sühnen.?
,Rur daß das junge Blut sich nicht zum Opfer
bringt! wendete die Gräfin ein.
,Kin Opfer wird trozdem gebracht,' bemerkte
der Fürst, ,und in der That kein kleines. Emnanuel
verzichtet mit dieser Heirath für seine Descedenten auf
das Majorat.?
,Das erwähnt er ganz ausdrücklich,? sagte die
Gräfin, ,obschon es sich von selbst versteht. Die
Güter, heißt es in einem Briefe, würden einst nach
seinem Tode meinem Sohne oder meinem Enkel in
einem anderen unnd besseren Zustande übergeben
werden, als derjenige gewesen sei, in welchem er sie
überkommen habe. Er aber denke, falls ihm, wie er
hoffe, eine eigene Familie erwachsen sollte, für seine
Kinder in einem, von jeder aus der Vergangenheit
stammenden Verpflichtung und Beschränkung freien
Grundbefiz, eine neue und würdige Heimat zu be-
gründen. - Die Namen Graf Branden und Falken-
horst klingen übrigens sehr gut zusammmen!r sagte sie
nach einer Weile, während fie mit dem Silberstift,
den fie in Händen hielt, den Vornamen ihres Enkels
mit dem Zusatze ,Graf BrandenFalkenhorstr in schö-

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nen, karen Lettern auf den vor ihr liegenden Brief
des Bruders schrieb.
Der Vorheil, der ihren nächsten Angehörigen
durch Emanuels nicht ebenbürtige Heirath erwmuchs,
söhnte ie bid zu einem gewissen Grade mit derselben
aus; und weil Hulda den Wuansch geäußert hatte, in
der Heimat, in ihres Vaters Kirche, mit Emnnanwmuel
verbunden zu werden, erklärte auf Glarissens Zu-
reden und auf das Anmnahnen des Fürsten, der sich
Emamwuel noch näher angeschlossen hatte als vordem,
vie Gräfin sich bereit, Hulda in ihrem Schlosse zu
emwpfangen, und mit dem fürstlichen Paare der Trauung s
beiguwohnen, die sofort erfolgen sollte.