Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 33

Dreiunddrißigstes Gapites
Mamsell Ulrike war wie aus den Wolken ge-
fallen, als der Amtmamn eines Morgens aus der
Posttasche den Brief herauszog, der die Nachricht von
der Verlobung Emanuels mit der Pfarrerstochter
brachte. Sie komnte es gar nicht fassen, komnte sich
nicht darein finden. s kam ihr Alles gar z
sehr auf einmal, gar zu schnell über ihren alten
Kopf, obschon sie ihn noch immnuer auf dem rechten
Fleck hatte.
So zeitig im Jahr, fast noch im Winter, waren die
Herrschaften niemals in das Schloß gekommen; und
munn kamen sie mit Hulda, für welche die Zimmer neben
den Gemächern der Fürstin eingerichtet werden sollten.
Sie kam vor lauter Nichtbegreifen und Verwundern
mit der Arbeit nicht vom Fleck, unud fand vor lauter
Arbeit, wie sie sagte, nicht die Zeit, sich nach Gebühr
darob zu wundern, daß Simonenens Tochter nun eine
Baronin, mnnd zwwar eine Baronin Falkenhorst, und die
Schwägerin der Frau Gräfin, und die Tante der Frau
Fürstin werden sollte. Sie nannte es unbegreiflich,

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daß der Brnder das Alles hinnahm, als müsse es so
sein; daß er einfach sagte, es sei im Grunde doch nur
in der Ordnung, wenn ein Ehrenmann, der gehan-
delt, wie er nicht hätte haandeln dürfen, endlich zu der
rechten Einsicht komme und sein Wort wahr mache,
wie es fich gehöre. Er wolle weiter nun auch gar
Nichts sagen; auch von der Hulda und von ihrem
Fortgehen weiter Nichts. Wenn der Baron; sie hei-
ratthe, so sei das ja ein sicheres Zeichen, daß sie sich
gnt gehalten habe, und daß ihr Nichts zur Last zu
legen sei. Im Nebrigen sei es auch nicht ihre Schuld
allein gewesen, daß fie heimlich in die Welt mnd auf's
Theater gegangen sei. ,Demnn, unter uns gesagt, Schwe-
ster,f sprach er, indem er ihr gut gelaunt auf die
Schulter klopfte, was sonst nicht seine Art wär, ,mit
Dir, Schwester, ein ganzes langes Leben auszukom-
men, das ist kein Kinderspiel, dazu gehöre ichl?
Sie that, als nähme sie es übel, indeß sie lochte
doch dabei. Es gab mun auch im Schlosse wieder
etwwas Ordentliches zu thun, und sie war nkugierig,
zu hören, wie das Alles so gekommen war. - Hulda
hatte es dem Pfarrer zwwar in einem langen Briefe
ausführlich geschrieben, den die junge Pfarrerin selber
in das Amt gebracht und vorgelesen hatte, und den
sie edel und schön, und wer weiß was sonß noch
Alles, geheißen hatte. Indeß Alrike meinte, dlh, was
sie eigentlich wissen, und das, was sie hören möchte:
vom Theaterleben, von den Komödianten und auch
fonst derlei, das stände nicht darin; das muüsse ihr die

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Hulda selbst erzählen, wenn fie nicht zu hochmüthig
dazu gewworden sei
Hulda aber hatte, als sie im Schutze ihrer neuen
Anverwandten in das Schloß und in das alte kleine
Pfarrhaus kam, die Herzen bald sich wieder zuge-
wendet.
Wie im Märchen sich Mlles schön gestaltet, wenn
das rechte Zauberwort einmal gefunden und ausge-
sprochen worden ist, so hell und klar legte sich Alles
nun für sie zurecht, wohin sie immner kam; und der
Tag des Frühlingsanfanges ward für die Einsegnung
ihrer Ehe mit Emanuel bestimmt.
Am Abende, welcher der Trauung voranging,
schickte der Postmeister einen Brief per Estafette in
das Schloß. Er kam von Konradine und dem Prin-
zen. Sie sendeten dem Brautpaare ihre Wünsche.
,Sie Beide glücklich zu wissen,? schrieb die Prin-
zesfin, ,hatten wir nöthig, um unseres eigenen Glücks
in ungetrübter Freude genießen zu können; und so
lassen Sie uns an einander freien Herzens mit treuen
Segenswünschen denken, bis hoffentlich in nicht zu
ferner Zeit, unsere Lebenswege sich wieder berühren,
und gute gemeinsame Stunden uns an ihre mannig-
fachen Vorgänger anmuthig erinnern.!
Es war ein heller, klarer Morgen, als die statt-
lichen Kutschen das Brautpaar und seine Angehörigen
aus dem Schloß hinab in das Dorf zur Kirche führ-
ten. Der Wind kam frisch vom Meere her, die
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Sonne entlocte mit ihrer Wäärme der braunnen, vom -
Eis befreiten Erde ihren ersten Frühlingsduft.
,Den Weg sind wir schon einmal gefahrenlr
sagte Hulda, der gransen Winternacht gedenkend, in
welcher Emanuel sie aus dem Schlosse ineihr Vater-
haus zurückgeführt hatte- und in welcher die Mutter
ihr entrissen worden war.
,Der Nacht entsprang der Tag, der uns heut'
ambricht!r entgegnete Emanuel, die träbe Erimnerung
zu verscheuchen. ,Die Nacht gebar die Liebe, die uns
jetzt durch ein schönes Leben leuchten solle?
Die altvertrauten Känge der Kirchenglocken spra-
chen schon von ferne ihren Segen zu dem Worte.'
Des Pfarrerd tief empfundene Rede gab dem Bunde
die Weihe.
Schöner, glücklicher hatte nie eine Braut an des
Altares Stufen gestanden. Selbst die Gräfin konnte -
Glarissen nicht widersprechen, als diese die Auser-
wählte ihres Oheims eine königliche Erscheinunng nannte.
Sie räumte ein, daß Hulda durchaus präsentabel sei
,Und zu denken, daß sie eine Komödiantin ge-
wesen it! sagte Mamsell Alrlke heimlich zu dem
Bruder. ,nd wie sie den Strauß von emaillirten
Kornblumen und Brillanten vor der Brust trägt! als
hätte sie es von jeher so gehabt! Wenn die Eltern das
erlebt hätten! Man traut seinen eigenen Augen nicht!
=-- And nun soll mir Einer sagen, ich hätte nicht
recht gethan, darauf zu halten, daß sie es in Käche,
und Kammer den keinen Leuten niemal fehlen ließ.

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Das bringt Glück und bringt zum Hochzeitstag gut
Wetter.
,Rarrenspossen!s brummte der Amtmann, als
die neue junge Freifrau sich nach den Umarmungen
und Glückgünschen der Ihren, zu ihm wendete. Er
neigte sich tief vor ihr, sie fiel ihm um den Hals und
küßte ihn.
,Sie ist ein Juwel, Herr Baron!r sagte er, als
auch Emanuel herantrat, ihm die Hand zu drücken.
,Sie ist ein Juwel!r wiederholte er, denn er konnte

,Mir ist sie mehr als das!r sagte Emanuel; -
E n d e.

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