Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 03


asr.
Drittes säpitet
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Der Direktor und der Regisseur sahen Hulda mit
zufriedenem Lächeln nach, als sie über den Theater-
plaz nach ihrer Wohnuung ging.
,Königlicher Anstand! Natürlich majestätische Hal-
tung, troz der elenden altmodischen- Fähnchen; die sie
an sich hat, sagte der Direktor, und: ihm beistim-
mend, meinte der Regisseur;- FIn untergeordneten
Rollen, und vollends für das kleine Lustspiel. wird sie
kaum verwendbar sein.!.
,Ich habe den Gedanken, daß sie sich die Bühnen-
praxis allmälig. selber machen solle, -nachdem ich sie
heute hier in Ruhe gesehen und gehört habe, auch
schon aufgegeben,' erklärte der Direktor. , Das Profil
ist ernst, der Ausdruck der Augen und die Stimme
zum Tragischen geneigt. -Sie kam mir damals, als
sie sich bei Gabrielen so vetlegen in die Ecke drückte,
weit weniger bedeutend vor. Das Talent ist: unbe-
streitbar; der rechte sichere Instinkt: Aber eben weil sie
schön ist, muß man sie erst auf die Bühne bringen,
wennn man sie sehen lassen kann, und da sie ganz in

-- ,unserer Hand ist, da sie Begeisterung hgt, wird man
- ihr leicht einige Rollen einstudiren können. Damit
-; perpflichten gir uns Gabriele, und überreden dieselbe
- wielleicht, bei uns zu spielen, um sich zu überzeugen,
- - wie wir den rohen Diamant, den sie uns anvertraut,
- - geschliffen haben.?
Man perabredete darauf, was für Hulda zunächst
- zu thun sei, und als die beiden Praktiker sich trennten,
warf der Direktor seinem Regisseur leichtweg noch die
Bemerkung hin, er möge darauf sehen, daß man sie
guutnbehandle und ihr die Wege guöglichst ebne.

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- : -,Ich meine die anderen Frauenziminer,.? setzte er
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- wixd sie zu gewinnen bald verstehen. Aber die Del-
-Kar wird. je älter, um so intriganter, hat noch immer
-einen Anhang, und selbst Feodorens bin ich in diesem
FFalle nicht, ganz sicher. Die Weiber sind fast alle
keinlich, und wo ihre Eitelkeit in das Spiel kommt,
fast alle unberechenbar. Den Rosens, bei denen ich Hulda
gntergehracht habe, willl ich. es. selber sagen, daß sie sich
Ahrer! anzunehmen, sie gut zu halten haben. - Und da
Fnan jggöjetztAlles ? mit Dampf betreibt und Allss
,schnellkvön. statten- gehen soll, so'wollen wir doch ein-

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hinzu, ,wegen der Männer bin ich unbesorgt; die
malSzüsehen,Iob wir dasjenigei nicht in einigen Wochen
Aeistenlkönnen,' wozu man sonst wwohl ein paar Jahre
,wigebrauchenspflegte. Das Mädchen bringt eine gute
-Bildung, Kenttniß der Klassiker' und eine gute Hal-
stßiigumit;! das erspart eiü gut Stück Arbeit und wird
-
- unsdas Wünderthun sehr erleichtern.
- ei ;- -
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Und wie ein Wünder erschien äuch Hulda Mlles,
was vorgegangen war, seit sie die Schwelle des
Theaters einmal überschritten hatte. WiseinWunder
betrachteten Frau Rosen üid die Töchter die Dring-
lichkeit, mit welcher der Direktoe jien'' die: junge
Mietherin besonders zu empfehlen kans.
Freilich, Hulda war sehr schön, sie hielt sich auch
anders, als die Anfängerinnen es zu thuk pflegen.
Sie war einfacher und vornehmer, zutraulicher und
zurückhaltender, als die Andere sich zu zeigen pflegten.
Sie nahm Rücksichten, ohne sie für sich zu fordern;
und die freundliche Schonung, mit welcher sie der
kränklichen Beate dienstfertig begegnete, hatte diese und
noch mehr die Mutter von der ersten Stunde an so
sehr für Hulda eingenommen, daß esder Empfehlung
des Direktors gar nicht erst bedürfte. Indeß eine be-
sondere Bewandtniß, darüber waren Beide einig,
mußte es trotzdem mit Hulda haben, und daß man
dieses mit der Zeit erfahren würde, dessen waren sie
gewiß. Inzwischen hhaten sie, was nur in ihren
Kräften stand, die nöthige Metamorphose'in des jungen
Mädchens Tracht und Kleidung in ein paar Tagen so
viel als möglich hervorzubriugen, und Hulda'sWangen
färbten sich in helleni Roth, ihre Augen leuchteten,
ihre Lippen konnten das zufriedene Lächeln nicht ver-
bergen, als sie sich, modischer gekleidet und frifirt, zum
erstenmal in ihrem Spiegel sah.-?
Wie eine Krone saß der Apollo-Koten höch auf
ihrem Scheitel. Die Fülle der langen Löcken, die ihr
- fast bis zum Gürtel' niederflossen, umrahmte die schöne



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Form der Wangen; das volle Kinn sah rosig aus der
breiten Halskrause hervor, die über dem knappen
Spencer ihren Hals umschloß, während die engen
Aermel die Form der schönen Arme zeigten, und die
weichen Falten ihres schlichten wollenen Kleides, die
ganze Mächtigkeit ihrer. Gestalt verriethen. -
,.- Wenn er mich so, sähe? dachte sie, und es schoß
ein triumphirendes Gefühl durch ihre Brust, denn sie
empfand es, wie sie schön sei, schöner, weit schöner
und weit jünger als Konradine, die er ihr vorgezogen
hatte - so schön, daß es fie xeizte, gesehen zu wer-
den, um der Wirkung wilen, die hervgrzubringen fße
zewiß war. Ud mit der Arglist der, plözlich in ihr
erwachten gefallsüchtigen Eitelkeit neigte sie sich zu
Beaten nieder und fragte, dann ganz verschämt, ob sie
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nicht häßlich sei in dieser neuen fremden Tracht.-
- Es war die erste geflissentliche Lüge ihres Lebens,
Fie sie aussprach, das erstemal, daß sie absichtlich
Komödie mit sich und vor den Anderen spielte. Aber,
gls wäre sie, in ihrem Innern wie. in ihrem Aeußern'
zmgewandelt, freute sie es, daß sie es zu thun peh-
mocte, gtmd die Betheuerung - der beiden Frauen, daß
sie bezgubernd sei, erfüllte sie mit ungekannter Lust.
Sie konnte die Stunde kaum erwarten, in welcher
sie sich zur Zeit der Probe in das Schauspielhaus be-
geben sollte. Rastlos ging sie von dem Spiegel nach dem
Fenster, um zu sehen, ob die Thurmuhr drüben noch
immer nicht die zehnte Stunde weise, und von dem
Fenster nach dem Spiegel, um noch einmal und noch
einmal sich zu überzeugen, daß sie es sei, deren Antliz

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ihr entgegenlenchte -- Sie, die Ulrike so feindselig ver-
folgt, die es hatte als ihr höchstes Glück exachten sollen,
ihr Leben hindurch in einem weltentlegenen Pfarr-
hause dem öden Wellenschlage des Strandeß, zu lau-
schen, und sehnsuchtsvollen Herzens dem Fluge der
Vögel nachzuschauen.
Sie ahnte es nicht, wie reizend es sie kleidete,
als sie fröhlich wie ein Kind die Hände zusammen-
schlug bei dem Klange der Musik, unter welchet festen
Schrittes eine Abtheilung Soldaten der Garnison zur
Parade zog. Alles gefiel ihr heute: die vorübergehen-
den Menschen, die dahinrollenden Eauipagen, ja selbst
die alte Brotverkäuferin an der Ecke, zu deren Zeit-
vertreib und Unterhaltung die wechselnden Bewohner
des Rosen'schen Hauses wesentlich -gehörten, und die
von manchen derselben mehr, zu Fagen ßußte, als sie
selbst ihren besten Kunden zu erzählen nöthig - fand.
Sie hatte auch Hulda die Tage hindurch beobachtet
und hatte ihre eigenen Gedanken darüber, als das
schöne Mädchen zum dritten- viertenmale das. Fenster
öffnete und nach der Ühr und auf die Straße schaute.
Hulda mußte lachen, als die glte Hökerin sie so
aufmerksam betrachtete, und erschrak heute nicht mehr
so, wie noch am verwichenen Tage, als ein Vorüber-
gehender ebenfalls aufmerkjam auf sie wurde, und sich
umwendete, um sie noch einmal anzusehen. Sie war
ja da, um angesehen zu werden; sie mußte wie ihre
altmodische Kleidung auch ihre ländliche, altväterische
Schüchternheit abzulegen suchen. Sie miußte es lernen,
aufzutreten stolz und frei, wie Gabriele, wie die Fürstin
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und pie Konradine; denn wie wollte sie sich auf der
Bühne behaupten, wenn schon das Auge eines Vor-
übergehenden sie in Verwirrung setzte? Behaupten
aber wollte, mußte sie sich von jetzt an um jeden
Preis; darin bestand die Rechtfertigung des Schrittss,
den sie eigenmächtig unternommen hatte, damit allein
vermiochte sie es zu entschuldigen, daß sie entflohen
war und auf die Bühne ging.
Das trockene, mild zum Froste neigende Wetter,
der leicht bewölkte Himmel, der doch die Sonne durch-
schimmern ließ, ständen den altersgrauen Häusern, den
spizen Giebeln, den mächtigen Rathhausthürmen und
dem weiten Theaterplatze sehr wohl an. Es sah. heute
Alles klar und sauber aus. Die Menschen bewegten
sich leicht und schnell, die Wagen rollten lustig an ihr
vorüber, sie merkte es deutlich, wie sie die Blicke man-
ches Vorübergehenden auf sich zeg, und es gefiel ihr
Mlles: die Stadt, die Menschen, ihre neue Freiheit,
und sie sich selbst am Besten.
- Mit. einer Entschlossenheit, -die weitab lag von
der: Bangigkeit, mit welcher sie vor wenigen Tagen
an der gleichen Stelle gestanden hatte, trat fie in die
Voihalle des Theaters ein. - Es standen dort wieder
berschiebene Männer beisammen, aber dieselben kannten
sie bereits, denn Einer von ihnen, ein junger, schöner
Mann, näherte sich ihr, nannte sie mit dem neuen
Namen, welchen der Direktor für sie ausgewählt hatte,
und erbot sich, sie nach der Bühne zu geleiten. -
- Sie folgte ihm durch lange Gänge, über Treppen
und' durch Korridore, in denen Dunkelheit und schwacher

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Lampenschimmer phantastisch mit einander wechselten,
bis sie die ebenfalls nur sparsam - erleuchtete Bühne
erreichten, vor welcher die Weitung des Zuschauer-
raumes in geheimnißvollem Schweigen dunkel dalag,
während rund um sie her sichh für ihr ungewohntes
Auge ein. wüstes Durcheinander in lauter,, hastiger
Urruhe hin und her bewegte. - Hier Fchoh man
Wände hin, dort rückte man eine wackelnde Stein-
Balustrade auf ihre rechte Stelle. Im Hintergrunde
zeg man eine im Windzuge flatternde breite Wand
empor, die nach Nichts weniger aussah, als nach dem
blauen. Himmel, den sie zu bedeuten hatte. Zur Rechten
stellte man: ein paar Hermen unter die vorgeschobenen
Bäume, zur Linken trug man einen fahlen Rasensitz
aus der Coulisse in den Vordergrund. Da. hingen
Schnüre nieder, dort lagen noch Lattew auf dem Boden,
und dazwischen standen die Schauspieler -und- Schau-
spielerinnen in. sorglosem Gespräche -bei einander,
schritten die Arbeiter in ihren schmutzigen Jacken, mit
geschäftsmäßiger Gleichgiltigkeit zwißchen ihnen durch.
- Man hatte den ,Tasso! zu probiren, den alle
Betheiligten wer weiß wie oft gespielt. hatten. Es zeigte
Keiner ein besonderes Interesse, Keiner von Allen
sprach von der am Abende bevorstehenden Aufführung;
Niemand konnte, ahnen, was es- für Hulda zu be-
deuten hatte, daß man, eben heute den ,Tasso! spielen
würde und welch ein glückverkündendes Omen es- sie
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- Bühne. Als er Hulda mit dem jungen Manne aus
- dem Hintergrunde hervorkommen sah, trat er an sie
heran.
,Ei, sieh' da, meinte er, , da haben Sie sich ja
bereits mit Ihrem künftigen Partner zusammen-'
gefunden, und ich sehe mit Vergnügen, daß selbstSie
für unsern Lelio nicht zu groß sind. Ja, wir können -
- uns- sehen -lassen neben Groß und Klein; mein lieber
Löliö l scherzte er, indem er dem Genannten die Hand
zun Willkommen bot; und auf Hulda hindeutend, setzte
er hinzu, es werde darauf ankommen, wie Mademoi- -
selle sich mache, und ob und wie bald sie für Feodo-
rens jugendliche Partien zu brauchen sein werde. Er
glaube, wenn Lelio sie ein wenig unterstütze, könne
man-Mademoiselle in wenigen Monaten ihr Glc
versuchen lassen; und wenn man wieder eine neue
Innge LieChaberin vorführe, so werde die Delmar sich
gewordenen'neunundzwanzig Jahre festsetzen.!
-- ,D! sie wird wieder einmal außer sich gerathen,
aber doch hoffentlich den Gedanken aufgeben, sich eine
, oder die andere - von Feodorens Rollen' anzueignen. --
-

.- Der Regisseur befand sich auch schon auf der'
exst röcht in ihre-seit mehr' alszwei .Sustren chronisch

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Der bloße Gedanke, mit ihr spielen zu sollen, hat wie
ein Alp auf'mir gelegen; wie ein Alp, den das son-
nige' Erscheinen von Mademoiselle mir von der Seele
nimnt. Ich meine!, gundl Lelio stellte sich stolz auf-
gerichtet und sehr selbstgefällig neben Hulda, ,wwir.
werden besser zu einander passen, als =-?

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IAls Pötiphar und Josef!r fiel der Regisseur
ihm lachend ein, wwährend Lelio: ebeüfalls lachend sich
den Anschein gab, das böse Gleichniß aus Sartgefühl
zurückhuweisen, und plözlich' abbrach, als eine Laum
mittelgroße, schwärzgelockte Däne an sie' herankam,
die von ihnen als Mademoiselle' Delmar begrüßt und
angeredet wurde. Die Delmar betrachtete Hulda, zeg,
als könne sie dieselbe nicht' deutlich' genug erkennen,
die Augen leise zusammen, hielt sich' endlich das Lorg-
non vor und fragte:, Vermuthlich Mäbehiöiselle Hulda,
des Direktors neuer Schüzling? !
Dann wendete sie sich, noch ehe sie eine Ant-
wort erhalten hatte, von den Oreienf ab, und Hulda
hörte deutlich, daß sie gegen einen Anderen die Be-
merkung machte, man sehe es an der plunpenGröße,
daß diese junge Person vom Lande staünme. Mit
solcher Körpergestalt sei man für die Bühne nicht zu
brauchen.
In dem Augenblicke aber trat der' Direktor ein,
und mit ihm eine schöne, noch jugendliche Frau. Sie
trng einen mit kostbarei Pelzwerk verbrämten eng
anliegenden Dberrock von weißem Atlas, einen kleinen
mit weißen Federn gezierten' Hut' von schwarzem
Sammet, und wie sie den Hut vom Kopfe nahm und
achtlos auf die Seite legte, bemerkte Hulda, daß ein. -
mit Edelsteinen reich besezter Kanm iht' Haar zu-
lammenhielt.
Nach Frau Rosens und Beateis Schilderung
konnte das nur Feodora sein, die hier wie eine Herrin
auftrat F, Aber eszfreute Hulda, weil es sie an Ga-


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brielens edle schöne Art erinnerte. Die Angekommene
reichte Lelio die Hand, der ihr entgegenging und schritt
mit flüchtigem Gruße an der Delmar rasch vorbei.
Das Zeichen wurde gegeben, die Nichtbetheiligten traten
auf die Seite, die Arbeiter entfernten sich schnell, die
Probe nahm ihren Anfang, und die feierlich ahnuungs-
volle Stimmung, mit welcher Hulda an jenem Abende,
an welchem sie Gabriele zuerst gesehen, vor dem noch
niedergelassenen Vorhange gesessen hatte, bemächtigte
sh ihxer Seele wiedex. -
- Der Zauber der wundervollen Dichtung ergrif
sie auch heute mit seiner unwiderstehlichen Gewalt,
als die beiden Leonoren aus dem Hintergrunde her-
vortraten. Sie sah den öden Raum nicht mehr, der
sie umgab. Die Latten und die Brettergerüste waren
für sie plözlich wie verschwunden. Die todte Lein-
wand, das angestrichene Holz belebten sich. Die Bäume
hoben ihre immergrünen Aeste zu dem blauen Himmel
hell empor, die Rosenhecken blühten auf das Neue.
Es war wieder Italiens Himmel, das schöne Belri-
guardo in dem sie athmete, und es bewegte Hulda bis
in das tiefste Herz, als wieder die beiden Leonoren
mit einander in den Vordergrund schritten und aber-
mals die Worte:
Du siehst mich lächelnd an, Eleonore,
Und siehst dich selber an und lächelst wieder.
Was hast du? Lafs' es eine Ereundin wissen?
Du scheinst bedenklich, doch du scheinst vergnügt.?!
ihr Ohr berührten.


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- -Ihre Freude, ihre Begeisterung, wuchsen. mit jeder
Scene. --Ihre: Wangen glühten hei; dem: Gedanken
wie es ihr sein würde, wvenn jie an diesex Stelle diese
Worte auszusprechen hätte, die ihr vertraut und eigen
waren wie die- Lieder ihrer, Kigdheit; und der erste
Akt war an jhr voxüßbergegangen, phne allen Anstoß,
schön und -- ahgerundet. -. Die Jerbe Delmar, deren
Feindseligkeit gegen; die, bevgrzugtexe - anmuthsvolle
Feodora selbst im. Spiele immer;leise duxchklang, ent-
- sprach dem:, Charakter, dex,Sgnwitale wohl,. Feodore war
eine vollendete Prinzessin, - Der Direktor, der Gewicht
darauf legte,-sich gelegentlich auch. noch als Schau-
spieler zu zeigen, war ein passender Darsteller für den
Herzog. Der Regisseur zeichnete den, Antonio bestimnnt
und deutlich, und Lelio war mit- der, hohen; schlanken
und vornehmen Gestalt, mit dem feinen, Profil und
der Fülle seines brtunlichen Geloces ein Tasso, wie
man ihn bessex kgum perlangen, konnte.; Sie. er-
schienen Alle mit sich, und soweit als miöglich, guch mit
einander wohl zufrieden.- g
In der Pause, welche dem ersten Akte folgte, sah
der Direktor sich nach Hulda um und sprach Fie mit
ein paar, flüchtigen Woxten- an. Während dessen hatte
Lelio, der mit Feodoren guf dem besten Fuße stand,
sich dieser zugesellt.--
, Haben Sie gesehen,? fragte ex, ,da drüben steht
- die Tochter Gabrielens?,
, Und ist sie ihr denn wixklich so ähnlich, als
man es sagt?!
? -; Fanny Lewald, Die Erlöserin. Ül..-
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? I ,ngemein, nur noch viel schöner, als die Mutter
Fegewesen sein kann. Wie geschaffen für eine Jülia,
Fellli Mekltta! =- Die Delmar sah sie mit wwahrem
Fräisöän: -
- ,Und der Grimm verschönt die Holde nicht und
Fhelügt söe'' jedenfalls gauch nicht!r meinte Feodora
Tched;Fvährend sie, von Lelio begleitet, guer über die
FhheFitnb-gerädenwweges zu Hulda ging.
TälSai geFenüber 'einem fremden, ihr ganz nn-
vnmFtßteEjüngen-Frauenzimmer etwas so Auffallendes
oao-Msöllig?Fegen-ihre' Art, daß der Direktor es mit
VcnähetüßgFenietkte, -wie sie sich mit freundlicher
dtegs- zFöseöberraschte wendete. , Hatte ich Un-
t»?FigteFErFuseinem Vertrauten, dem Regisseur,
SEhgßnhgestern'dussprach, dab Reebora nicht
EFFsss- =-- -
älöhörübeigeheide Laune, eine Neugier und
cyp SitöblAeinte dieser.-Aber Feodora gab in
ea PüFblickS-keiner' Laune' nach. Sie wußte es
epr äiEffpFu ste wollte, und was sie mit ihrer
nwwworksüßFeißeitföehweckte:
SiEiiiübertsGabiiele; sie hatte sich nach der-
zAlöesFebildöuüblebte sie aufihreWeise; und da sie
SäßsöFeälgäls-dle Aiderendaran zwweifelte, daß
Süldä-Gäbrielen angehöre, beschloß sie sich zur Gön-
aFFh)-deschönen Mädchens aufzuwerfen, hesonders
wheil'ste' der ihr widerwärtigen und abgeneigten Del-
zHr daiüit' etoas Verdrießliches zu thun sicher war.
Sie konnte' dies auch in voller Ruhe wggen. Sie war
hioch schön' genug, die Nebenbuhlerschaft selbst mit

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der ersten Jugend nicht. scheuen zu dürfen, und die
Zeit war für sie nahe, in welcher, sie: als eine der
reichsten Frauen der Stadt, nur noch Beifall' zu spen-
den, und ihn nicht mehr zu erringen haben sollte.
Gütig und herablassend zugleich.ifragte sie die
freudig überraschte Hulda,. wann' sief von ihrer Be-
schüyerin die lezten Nachrichten. erhalten hätte. Sie
naunte es die schönste- Bürgschaft für die Zukunft
Hulda's, daß eine Gabriele sie ihres Antheils werth
erachte, und sagte, sie sei sehr gern bereit, sich ihrer um
Gabrielens willen anzunehmen, soweit ihre Dienst--
verhältnisse und ihre Pflichten. gegen ihren Bräutigam
es thunlich machen würden. Später aber,. wenn sie
ganz frei sein werde, könne sie wohl noch mehr für
sie thun, und sie wolle das umn Fo lieber, als sie,
weil kein besseres da wäre, doch immer ein ganz er-
trägliches Vorbild für sie sein dürfte. . -
Sis hatte die lezten Worte absichtlich so laut ge-
sprochen. daß sie der Delmar nicht entgehen' konnten,
die spöttisch mit den schmalen Lippen zuckte. , Feodora
thront heute wieder auf dem Golde des Hauses Van
der Vlies!' sagte sie zu dem neben ihr stehenden
Schauspieler.
,Und doch wird sie sich manchmal hierher sehnen!?
meinte dieser.
- ,Manchmal?! rief die, Delmar, , sie wird vor
angweile sterben in dem goldenen Käfig, in- den sie
nie hineingehen würde, wenn sie es nicht selber fühlte,
daß ihre Zeit vorbei ist; oder wenn Van der Vlies
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die Claque noch so, wie früher, durch seine Leute be-
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zahlew- und verstärken ließe. Sie kann nicht leben
ohne das t Theater, ohne das Publikum, mit dem sie
koquettirt.!- -
- ;Oh! fiel Lelio ein. ,Ich glaube, sie wird es
gar nicht übel finden; behaglich aus ihrer Prosceniums-
Löge auf uns -herabzusehen, und --mir und Ihnen
ihren- Beifall oder ihr Mißfallen auszudrücken, je
aiach Jdem.? -
z zNun! Sie werden es ja' wohl wissen, wie Sie
sich Feodorä's Gunst erhalten!? entgegnete die Delmar,
indeirtfsie -sich im, Zorne von ihm wendete, als
das Zeichen zum Beginn des zweiten Aktes -gegeben -
wurde.
.? Die Probe ging danach ruhig ihren Weg. Als
sie zu Endewar, nahm der Direktor Hulda mit sich in
das Büreau, ihr die Rollen zuzutheilen, die man sie
memöriren lassen wollte; und ohne eine Ahnung da--
wontzu hahen, daß sich schon in dieser Stunde eine
Meimung füb und wider: sie gebildet, daß sie ohne all
ihiffuthun eine Pariei für sich gewonnen' und, ohne
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es -zuswissen, sich eine Feindschaft zugezogen habe, kam
Fe. froh und guten Muthes nach Hause. -
- Arglos wie ein Kind erzählte sie Beim Mittags-
hische den beiden Frauen von den Erlebnissen des Mor-
gens; aber was sie überrascht' hatte, was ihr'sonderbar
erschienen war, das Gute wie das Böse, Fkau Rosen
and Beate wußten es ihr;zu deuten, ihr den Zusam
menhang der Dinge darzulegen. - Sie sprachen von
Feodorens' mehrjährigem Liebesverhältnisse mit ihrem



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jezigen Verlobten, von der Leidenschaft der Delmar
für den schönen Lelio, den seine Liebe zu einem be-
güterten jungen Mädchen, das man ihm versage, un-
empfänglich mache. für die Fallstricke, welche die Del-
mar ihm lege, und für die rasende Eifersucht, mit der
sie ihn verfolge, so daß sie zum Gespött darüber werde.
Daneben wurden in BetreffIder übrigen Männer und
Frauen des Theaterpersonals in größter Unbefangenheit
noch Abenteuer aller Art berührt.
- Es waren Erzählungen, Vorstellungen, Worte,
Redewendungen, die so natürlich. und so harmlos aus-
gesprochen wurden, als liefe das, was sie enthüllten,
nicht fast durchweg gegen die Moral und Sitte, als
herrsche die Freiheit, welche man sich in jenen Be-
reichen aus eigener Machtvollkommenheit vergönnte,
auch durch die ganze andere Welt. Eine widerwärtige
Erinnerung tauchte dabei in Hulda's reiner Seele auf.
Nur einmal. in ihrem Leben, nur Einen Men-
schen hatte sie in, solcher Weise: sich vor, ihr äußern
hören. Und doch schreckte sie heute vor den Mitthei-
lungen der beiden Frauen nicht zurück, wie einst im
Walde vor den Gedanken und vor den Worten Mi-
chaels. Die schöne Feodora, der schöne Lelio, der
reiche Kaufmann, die Eifersucht der Delmar, inter-
essirten sie. Es beschäftigte sie, es zog sie an, sie fühlte
fich damit verbunden, es reizte sie und stieß sie doch
auch wieder ab. Sie blieb sich die Antwort schuldig,
als die Frage sich in ihr erhob: , Was würde Dein
frommer Vater, was würden die Mutter, der Ad-
junkt, der Amtmann, was würde Emanuel empfinden-

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säßen- sie in diesem Augenblick an Deiner Seite,
und hörten sie die: Erzählungen, die man Dir eben
macht?!. -
Emnanuel? Wer hatte es verschuldet, daß sie- hier
war, als nur er allein!-- Es flog ein schmerzlich
trotziger Gedanke durch ihren Sinn. Er hatte sie
immer mit der blonden Tochter der Ceres verglichen.
Jetzt hatte- sies!gekostet von des Granatbaumes unheil-
voller Frucht und war der Welt verfallen; in der die-
selbe'reifte= der Welt, die fortan auch die ihre sein
sollte. Sie konnte und sie wolltejetzt nicht mehr zurück.
.r Wiebeiden. Rollen lagen- vor ihr, das Lernen
derselben war ihr ein Genuß. Sie arbeitete, bis' amr
Abend die Stunde herankam; die sie in das Theater
rief, und der: Eindruck, den die treffliche Vorstellung
des ,Tassorr wieder auf sie machte, vollendete den zau-
Herischen. Bann.
-- 'Früh am anderen Morgen trug sie selbst den
Brief zur Poft, in welchem- sie dem Amtmanne von
sich unid ihrem Vorsazze, Schauspielerin zu werden,
festen zHerzens Nachricht sendete.
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