Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 04

Bieries Gapitel
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Emanuel hatte gleich nach dem Tode - seines Bru-
ders die Reise nach -dem Schlosse -seiner Väter an-
getreten. Nur ein paar Tage hatte, er daran gewen-
det, Konradinen in ihrem- Stifte aufzusuchen, aber
auch dies flüchtige Beisammensein hatte die Verlobten
wieder auf das Neue überzeugt, wie wohl sie einander
! verstanden und wie viel Gutes fie von ihrer gemein-
f samen Zukunft zu erwarten. berechtigt wwären.
Man war der Trauer wegen--übereingekommen,
die Verlobung den Bekannten erst gegen das Reujahr
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zu melden und die Hochzeit nicht vor dem Beginne
der guten Jahreszeit zu feiern. Inzwischen wollte die
Gräfin, um den Verkehr zwwischen dem Brautpaare
und zugleich die Einrichtungen zu erleichtern, welche
für den neuen Haushalt von beiden Seiten beabsichtigt
wurden, ihren Winteraufenthalt in- der Residenz, jn
ihrem Hause nehmen, und Frau. von. Wildenau und
die Tochter hatten verheißen, ihr bald dorthin zu fol-
gen. So war Alles auf das schicklichste und beste

vorbereitet, und Emanuel setzte rühigen Sinnes die
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Reise nach seinen Gütern fort. Er hatte zum ersten-
male in seinem Leben eine ernste, nicht aufzuschiebende
Arbeit, er hatte nothwendige Geschäfte, eine bestimmte
Aufgabe vor sich, und er empfand darin eine un-
gewohnte Genugthuung.
-. Seine Verlobung mit Konradinen, der Tod des
einzigen Bruders, die Erbschaft, welche ihm in dem
großen Majorate zugefallen, wwaren einander rasch ge-
-folgt, gnd bildeten eben deshalb einen neuen Abschnitt


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-in seinem Leben. Er hatte bis dahin in voller Frei-
-
heikmnursichund seinen Neigungen gelebt,' jezt hatte
ern fürAidere' zu sorgen. Es traten Ansprüche aller
-Arts an ihnheran, denen zu entsprechen er sich' binden
und biszu eiiem gewissen' Gradö selbst auf jene per-
sönliche Freiheit verzichten mußte; die er doch als sein
höchstes Gut zu erachten gewohnt gewesen war. Aber
zu' seinem - eigenen Erstaunen sagte ihm diese neue
Lage zu, und während- er sonst immer mit' einem ge-
heimen Widerstreben gen Norden gefahren war, überfiel
ihni diesmal, je, mehr er sich dem Ziele seiner Reise
nghte;'einWerlangen nach der Heimat, obschon er
wußte, daß: dort keiner seiner Angehörigen ihn erwarte,
und daß er dort zunächst Nichts finden werde als ver-
laässene Räume und wehmüthige Erinnerungen aller Art.
t,i!.' An- der letzten Poststation standen -die eigenen
Pferde für ihn bereit. Der Kutscher, der Vorreiter
waren ihm Beide fremd. Er war seit Jahren nicht
in der Heimat gewesen, auch der verstorbene Majorats-
herr hatte sich schon lange nicht mehr dauernd auf
dem Schlosse aufgehalten. Die -Güter- waren ver-

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pachtet, die Pachtzeit ging zu Ende. Es war auch in
diesem Betrachte unerläßlich, daß er nach Hause kam,
um, so gut er es vermochte, nach dem Seinigen, nach
dem Besize und Erbe der Familie zu sehen. -
Es war nicht eben spät, aber die Sonne neigte
sich schon, als er sich dem Flusse nahte, der nach dieser
Seite die Grenze seiner Güter machte. Der Prahm,
mit dem manihn zu überschreiten hatte, wartete seiner
am Ufer; die Klänge''eines schwekmüthigen Liedes,
mit dem die Leute sich die Zeit des Wartens kürzten,
schlugen an sein Ohr, noch -ehe er däs Wasser sehen
konnte. Er kannte dieses. Lied von Sugend an, aber
er hatte es später auch gehört. Er wußte Tag und
Stunde, er wußte, wie es ihn gerührt, als Hulda es
ihm zum erstenmale gesungen hatte. ?
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Die Fährleute drängten sich mit freudiger Ge-
schäftigkeit zu des Gutsherrn Dienst. Der Alte, der
sie führte, war seit seiner Jugend auf der Fähre. Er
hatte auf derselben Emanuel' hinübergeführt, als er
noch ein Kind gewesen war und auf der Mutter
Schooß gesessen hatte. Er sprach nur wwenig deutsch,
aber er ergriff des Herrn Rock gnd- Hände, sie zu
küssen, wie sehr es dieser ihn auchh wehrte. Db-
schon Emanuel des Litthauischen nicht eben mächtig
war, verstand er es doch genugsam, um zu' hören, daß
der Alte und die Anderen sich jetzt guter Zeit getrösteten,
da die Nachricht sich verbreitet hatte, daß dee neue
Erbe in dem Schlosse seiner Väter leben -werde nach
der Väter Brauch; und Emanuel sagte sich dies still-
schweigend selber zu. --





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die,wier, Rappen: aus dem eigenen: Gestüte ihn durch
die mächtigen alten Kiefermvälder, die sich erst kurz
- nicht gnehr: sehen, als er: den Wald verließ, und ss
marzvölig dunkel. geworden, als der Hufschlag seiner
Pferde auf denFflaster des Dorfes- die Funken stieben
machteJ als: .er einfuhr in die Mauern. seines Hofes,
wol die, Kienfackeln, die man vor demselben angezündet
hatte, ihn mit.ihxem flackernd wilden. Lichte dis schweren
Massen seines alten Stammschlosses erblicken ließen.?
-Emanuels Bruder die. Feldzüge gegen die Franzosen mit-
gemacht,r in. denen dieser sich den Keim zu seinem
-




Tode.geholt, und. war dann von dem Verstorbenen
als eastellan?des Schlosses in, den. Ruhestand versetzt
-

-. -Der Kastellan hatte sein Möglichstes gethan. Er
war schon in des Vaters Diensten gewesen, hatte mit
-

vor dem Dorfe zu lichten begannen. Er konnte den
Thurm, er--Kirche und die Zinnen seines Schlosses


-f F Durch den sinkenden Abend, auf dem breiten, -
von dem beginnenden Froste getrockneten Wege, trugen
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-worden. - -
-. ?Er ,kanntedes Hauses Sitte und GGebrauch,
ez wußte,. wekcheZimmer.Smanuel bewohnt hatte,. als
eräzuletzt. im. Schlossetgeweilt, und was guter Wille
leisten: konnte, war gethan. worden, Alles freundlich
and behaglich -zu machen. Aber die Hallewar, so
- groß . und leer, dieSchritte schallten wvon denschwarzen
Steinfließen des Bodens so. laut'und so vereinzelt
wider, das Licht in den schweren Laternen, die von der
Decke niederhingen, warf so blassen Schimmer auf die
eisernen Geländer der Galerien, daß Emanuel un-

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willkürlich an sein kleines schönes Heim am Genfersee
gedachte und sich eines bangen Schauers - nicht er-
wehren konnte, als ihm der Gedanke durch den. Kopf
schoß, wie er nun als Letzter von dem Stamm der
rechten alten Linie in dem Hause seiner' Väter. weile.
Es war in dem Schlosse Ide, kalt und feierlich wie in
einem Grabgewölbe, und die erzwungene Freundlichkeit
mit welcher der Pächter, die ehrlich geweinten,Thränen,
g mit' welchen seines Bruders Leute -ihn empfingen,
waren nicht dazu angethan, ihm ein Wohlbehagen zu
bereiten. Aber was kam es darauf an?=- -
Er war nicht hier, um Wohlbehagen : für sich
- allein zu suchen, er hatte. nicht erwarten. können, esHa
finden. Er war gekommen, es den. Insassen zeiner
Güter, so weit dies möglichg zu bereiten;: erwolltefür
Konradinen, für seine künftige Frau,füx sich? und- für
die Familie, die, wie er hoffte, in demJalten Falken-
horste neu erstehen sollte, eine neue und freundliche
Heimat hier eröffnen. Und als ob der kräftige Geist
der Männer, die lange vor ihm hier: gewaltet hatten,
sich auf ihn übertrüge, fühlte er in sich Lust 'und
Muth zur Arbeit, wie er sie nie zuvor gekannt hatte..
Arbeit aber lag von allen Arten vor ihm. Gleich
der erste Blick aus,seinen Fenstern, der erste Rit
durch das Dorf und die ersten Besprechungen mit
seinem Pächter und mit seinem Pfarrer, mußten ihmn
die Neberzeugung geben, daß sein Kommeir nothwendig
gewesen sei, und daß hier ein Feld der Thätigkeit für
ihn vorhanden sei, dem-zu genügenr'er große Mühe
haben werde.

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:. Die vieljährige Kränklichkeit seines Bruders, die
Kinderlosigkeit desselben, hatten; da Emanuel ehelos zu
bleibenund- der Hauptstamm dadurch dem Erlöschen
entgegenzugehen schien, dem Verstorbenen die Freude
an' seinem Besitz geraubt, und ihm die eigene Ver-
waltung desselben zu einer Last gemacht. Er war zu-
frieden gewesen, wenn der reichbemessene Pachtzins ihm
regelmäßig einging, hatte, wo, eine Klage. der Leute
-persönlich rNan- ihn herantrat, im einzelnen Falle frei- d. -
- gehig. ohne besondere Prüfung Hilfe geleistet; aber es
ewar seit Jahrennfür: die Erhaltungund Verbesserung
des Besizes nicht: das Nöthige. und -Für das Wohl-
befinden der Insassen so:gut: wie Nichts geschehen.
Der Pächter hatte, da seine. Pachtzeit ihrem Ende
nahte und man vermuthet hatte, der künftige Besizer
werde die. Bewirthschaftung ebenfalls nicht selbst be-
jorgen; ein Interesse daran, die Ertragsfähigkeit der
Güter: nicht zu steigern, ehe ihm nicht ein neuer und
dauernder Kontrakt in Aussichtl stand; und die Insassen
warens trotznder seit einem halben -Menschenalter'. aufs
gehobenen Hörigkeit noch nicht selbstständig geng, mehr
für sich zufordern und zu begehren als den noth-
- dürftigsten Schuz gegen. des Wetters Unbill' und eine -
adürftige Ernährung: Der Abstand zwwischen den Ver-
hältnissen-des Landvolkes, unter welchen Emanuel.am
Genfersee zu leben' gewohnt wwar, und zwwischen der
Eage: seiner Insassen traf ihn wie ein schwerer. Vor-
wurf. Seine Menschenliebe, seine innere Gerechtigkeit
klagten seinen Bruder und ihn selber an, bei Allem
was er sah und von dem gutgesinnten und verstän-

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digen Pfarrer hörte. Es war hohe Zeit, daß er ge-
- kommen war, und nicht' einertStuixde jdurfte fortan
mehr verloren werden. :
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Als er den Pächter und. den. Pfarrer gesprochen
hatte, stieg er zu Pferde, sich auf denGute umzu--
sehen, aber was er fand, bestärktefihnhiütu in'-seiner
Selbstanklage. Die Wege waren' schlecht gehalten, die
niedrigen, den Boden wenig überrägenden:Hüttenviel-
fach sehr verfallen, und -er vermochtes sich. icht mit
jenem Glauben seiner Schwester. zukberühigen;die bei
ähnlichem Anlasse gegen ihn geäüßert ?hatte; daß Ge-
wohnheit jede Lage sehr erträglich mnache und daß die-
Natur des Menschen. erst: durch, Verfeinerung,. des
Lebens Noth und Mühsal'schwer empfinden lerne: Er
kam voll Sorge, aber nicht entmuthigt n das Schloß
zurück, obschon er sich es eingestehenmußte, daß- sein
guter, fester Wille die ihmn mangelnde Einsicht und
das ihm fehlende Wissen nicht' ersetzenkönne. . -
Er hatte es Konradinen zugesagt; ihr gleich nach
seinem Eintreffen in dem SchlossexNachrichtn von sich
zn geben, und er hielt Wort, ohne ihr jedoch die Ein-,
drücke zu schildern, die er dabei empfangen hatte. Er
wollte sie nicht mit dem Einblicke in Nothstände be-
unruhigen, ehe er ihr nicht die Hoffnuig aussprechen
konnte, ihnen angemessen zu begegnen; und'um schnellen,
sicheren Rath verlegen, ritt er an einem der folgenden
Tage über Land, seinen Nachbar, einen. dett erfah-
rensten und büchtigsten. Landwirthen der Provinz, um
denselben anzugehen. -

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--. Die Herzlichkeit, mit welcher der alte Herr von
Barnefeld ihn aufnahm, gab ihmguten Muth. Er
war der Freund seines Vaters gewesen, hatte sich in
jungen Jahren in der Welt behufs seiner landwirth-
schaftlichen Interessen umgesehen, und danach Haus
und Hof nicht oft und immer nur auf kurze Zeit
verlassen. Dafür galt seine Wirthschaft für ein Muster
in der Provinz und in dem ganzen Lande. Sein
Pauswesen -war gastlich unter der klugen Obhut sei-
aer Frau.-Seine Söhne und Töchter waren ini Lande
weiheirathet- und meist gngesessen so. wie er, und die
Faniilie des -Jüngften, der in seinem Hause lebte
And voraussichtlich, nach freiem Mebereinkommew»ntit
öen Anderen, eben. dieses Gut- denn die Barnefelds -
-hatten kein Majorat begründet - einmal übernehmen
sollte, war in schönstem Aufblühen.
- Er hieß es gut, daß Emanuel. gekommen war,
nach dem Besize zu sehen, lobte es, als dieser erkläärte,
-er. habe nicht nur eine Inspektion, sondern ein dauern-
des Verweilen auf den Gütern im Sinne, und er
, hielt dabei weder mit seiner Ansicht über den gegen-
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wärtigen iStand der Güter, noch mit seinem Fadel
gegenden Verstorbenen zurück, der sie also habe herun-
. terkommen lassen?-
.- ,Ich bin kein Freund der Majorateh? sagte er,
,aber ich bin ein Freund der Ordnung, und ich
halte Etwas auf die Rücksicht, welche man der Familie
schuldet, wenn man einer guten Familie angehört oder
selber eine gründet. Das Herumjunkern der Guts-
herrschaft, das Verzehren des Gutsertrages fern vom

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Gute, das Aufgeben des Zusammenlebens der Besizer
und der Leute, sind für Beide ein Verderb. Wenn Sie
damit Ernst machen, hier zu leben, werden Sie hier
so viel zu thun finden, daß Ihnenswenig Seit ver-
bleiben wird, sich nach den Dingen und: Vergnügungen
zu sehnen, die Ihnen anderweitig lieb gewesen sind.!
Offen und unumwunden, wie er' seine Meinung
aussprach, bot er auch, er nannte das'Menschenpflicht,
seinen Rath und seinen Beistand dar. Er nahm es
als selbstverständlich an, daß der gegenwärtige Pächter
entlassen werden, und Emanuel' selber die -Verwaltung
der Güter in die Hand nehmen müsse; und als dieser
erklärte, wie er bis jezt dazu nicht fähig sei, zeigte
Barnefeld sich gleich bereit, ihm einen seiner Wirth-
schafter zuzuweisen, der vollständig befähigt sei, die Lei-
tung einer großen Verwaltung zu übernehmen, und
wohlerzogen gennng, dem -Herrn derselben ohne Selbst-
? überhebung ein Lehrer zu werden.
Die nöthigen Vorkehrungen und Verabredungen
wurden sofort und schnell getroffen. Barnefelö versprach,
so oft Emanuel es wünsche, ihn hmit Rath und That
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zur Hand zu sein. Er und die Seinen, vor Allen die
Frauen des Hauses, lobten es höchlich, daß Emanuel
sich zu verheirathen gedenke. Die noch immer statt-
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selbst viel herzustellen und Vieles zu. beschaffen war,
- um es einer jungen Frau wie Konradine, angenehm
F zu machen, fing Emanuuel gleich an dem Tage, an
? welchem er von Barnefeld nach Hause kam, sich auf
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die. Lebensweise einzurichten an, wie er- sie seine Nach-

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batiführen sah. -Kr ordnete die Stunden seines Auf-
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stehenszund seiner Mahlzeiten; er nahm den - jungen
Snspektor zum Tischgenossen und durchritt und durch-
wwgndexte mitihm troz der winterlichen Jahreszeit den
ihmijezt. eigenen Besiz; und wennI er. vor Jahren
hatte' die Erfahrung machen können, wie er,'gegen,
seine frühere. deinung, das. nordische Klina seiner
wachsender Genugthuung, daß er auch -einer Arbeit,
- - Er konnte, da der Pächter noch in seinem Rechte
, pgr, nicht daran denken, seinen jungen Inspektor,schon
jezt die beabsichtigten wirthschaftlichen Umgestaltungen


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vornehmen zu lassen; aber es war ihm unverwehrt,

sich mit, dem persönlichen Wohlergehen der Guts-
Insgssen zu beschäftigen, und je mehr dabei verab-

säumt: worden war, um so lebhafter Ftellte die kleinste-
Perhessexung,' die .er- auszuführen vermochte, die Leute
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=PDie Stunden- entschwanden ihm, er wußte selbst
V - nichthwwie, und, die Müdigkeit;. die er am Abend fühlte.
- war ihm ein Fenuß. Mit jedem Tage, mit jeder
- Woche längeren Verweilens wurden ihm sein Aufent-
- halt undzseine-Aufgabe bedeutender und lieber. -
.. - ,Sch habe,? schrieb er eines Abends an Konradine,
. als er, nach gethaner Arbeit in seinem stillen Zimmer
- sgß, ,in- diesen lezten Tagen und Wochen Lehren er-
- halten;, und durch Selbstbeobachtung und fremdes Bei-

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Heimat :wohl ertragen könne, so gewahrte er' jetzt mit
dieier sich nie zugemuthet; vollauf-gewachsen sei. -
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fpiel Erfahrungen gemacht, die,eine,vollständige Wand-
lung in gnir erzeugen, eine der Fgndlgngen,wie
man sie durch die Worte ,in sich gehen?gud ,sich neu
auferbauen'' bezeichnet. Ich fühle mjch, von. Reue,
von Beschämung durhdrungen, Piezich giät, guigder-
kämpfe, weil ich hoffe, daß sie uns Allen, ghnen, mir
und Denen, deren Leben-und Dasein,. das ;Schicksal
mit dem meinen verknüpft hat, zugute ,Igmmen. joll;
und ich denke, Ihr Antheil gn, mir Foll. dadurch nicht
geringer werden, daß ich hiex, guf. dem; Frhe und- in
dem Besize des Erbes meiner Väter, es nit einer mich
erschütternden Klarheit empfinde, zu welchem Irrthume
die Selbstsucht mich verleitet hatte, in der man mich
von Jugend auf erzogen und der ich mich denn guch
so bereitwillig überlassen habe. -

,Ich habe bisher vielerlei getrieben, lediglich um
mich zu unterhalten, und Nichts gelexggt,, dgs mir
und Anderen nüzen könnte. Ich gneintg, daß, wvenn
der Mensch, dem dis Sorge gum des Lehens Rothduxft
durch eines unverdienten Glückes, Guns ,genonmen sei,
sich selbst entwickle, wemnn -er gus sich, selbepEtwas
zu machen strebe, damit, auch für die Gesammtheit
Etwas geleistet und geschaffen werde. Weil meine
Natur das Große, das Schöne und das Gute zu em-
pfinden fähig ist, hielt ich mich berufen, es auch aus
mir heraus hervorbringen zu können, uund übersah es,
wie mir der allein maßgebende und das Talent per-
kündende Antrieb für ein bestimgues Schaffen. fehlte.
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tenden Dilettantismus' ausgebildet, und stehe hier mit:
-den Kopf voll' vdn Liedern, voll Poesie und voll' von
einem Wisseii, das nicht' Ersaz leistet, für die prakti-
- schen Keüntnisse, die ich ebenso dringend nöthig habe,
wiedie»hiesigen Zustände eine Aenderung und Hülfe;
Jand ch'koüeäe sst' hier zu der richtigen Erkenntniß:
-Tiber' Hingabe an:'Andere völl' und ganz entwickeln-
J kafii!' -Dies Bibel' spricht!'wwahr, wenn sie das Geben
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den?Spateii!ünd' den Hänmer zu gebrauchen - habe
- däß kein Mesch sich in' sich selbst und für sich selbst,
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der''Feder und- dein Pinsel- in der Hand, wo es gilt,
; Föideri nür im Zusammenwirken mit Anderen und.
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, seliger -als das -Nehnien -nennt. Es liegen in dem
- Gewähren eines Guten, in dem Leisten eines Noth--
wendigen, in dem Schaffen' des Zweckmäßigen, eine
Freude und eine'Beruhigung, die ich an jedem Tage
als einen Segen -neu empfinde. Ich erkenne es daher
als sin gxößes Glück, daß mir mein Schicksal in dem-
selben Zeitpünkt, in welchem es mir die- Aussicht auf
eine schöüe Zukunft an Ihrer Seite eröffnet, auch neue
ernstePflichten gegen unsere Gutsinsassen, und zugleich
auch Verantwortlichkeiten''gegen' das Haus und die Fa-
ainilie auferlegt hat, denen ich angehöre. Es kommt dä-
durch ein Gleichgewicht in alle meine Plane. In jener
Selbstsücht, zu der man mich erzogen, und der ich mich
nuur allzulange überlassen, bei all' der Wichtigkeit, die
ich mir beigelegt, war ich nie befriedigt, bin ich des-
Gefühls' nie ledig geworden, unnütz und einsam in der
, Welt zü sein. Ich war es ebenso müde, immer nur
an mich und meine Befriedigung zu denken, als ich


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jezt zufrieden bin, so viel Unekläßlicheskfür Andere zu
thun zu haben, daß ich mitunter däöor nicht zu mir
selber, und bisweilen nicht:einial? däzu'gekommnen bin,
Ihnen die nöthige Rechenschaft-von meinem Thun zu
geben, wenn schon der Gedanke an Sie und die Hoff-
nung, Sie hier' in einer angemessenen Weise schalten
und walten zu sehen, -mir in aller. Arbeit stets wie ein
freundlich Sternbild leuchtet.!
Konradine - hatte es an sich selber erfahren, wie
heilsam eine zwwingende Beschäftigungeist; Hie freutesich
derselben also auch für Emanuelh für den ihre Nei-
gung an Herzlichkeit' gewann, je mehr sie die Milbe
seines Sinnes und die Schönheit seiner Enipfindungs-
weise kennen lernte. Sie hattesimmer gern mit. ihm
verkehrt und Sutrauen und Freündschaft-fürihn ge-
faßt, als sie in jenem- Winter?inrdein?gräflichen
Schlosse neben ihm verweilt; undJwiesie' ihn- nun
unter den neuen' Lebensbedingnissen und unter der
neuen Aufgabe, die ihn gestellt worden'wwar, sich in
einer fast unerwarteten Hingebung aii' dieselben; mit
einer Energie, die sie ihm nicht zuugetraut, bewähren
sah, da faßte sie einen Glaubenund eine Zuversicht
für seine und ihre gemeinsame Sukunft, welche sie an
dem Tage, da sie sich ihm verlobte, in dem Grade
nicht besessen hatte. Es schien, als ob ihin in der
Berührung mit dem väterlichen Boden neue Kraft'er-
wachsen, als ob er aller der kleinen- Nebel undKränk-
lichkeiten, über welche er -gelegentlich swohlb noch zu
klagen gepflegt, mit eineinmale ledig geworden sei.
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Ser-' Ausspruch der Aerzte bewahrheitete sich, daß
in, den reifen, Mdannesjahren die letzten Spuren des
Btustleidens und -der Nervenleiden,: von denen seine
frühen- Jahre,bedroht worden waren, vexshwundey sein
würden. Wie viel zu dem. Eintreffen dieser günstigen
Wendung in den veränderten Verhältnissen- lag,
brgchte: man dabei doch noch Kange nicht genug in
Anschlag.
. . Er -hatte, bis er als Besizer- der Güter nach
Schloß, Falkenhorst. gekommen war, jich zumeist in
-- jener, reichen aund vornehmen Gesellschaft bewegt, deren
ganzes Sinnen:und Trachten auf den- mehr oder we-
niger -durchgeistigten Genuß ihres völlig arbeitslosen
Lebens. :gestellt wwar. Nun sah er sich, plözlich, in einen
- Menschenkreid -oersetzt, der tüchtig arbeitete, um eine
verhältnißmäßige- Lebensleichtigkeit durch; den Ertrag

-
der -Arbeit. für, sich- zu ermöglichen, und in welchem
ananebey in -der; Arbeit-und in dem Beobachten ihres
-

? -. ämner' neuen:wachsenden -Ertrages, seine Befriedigung
-'. fayd, ::. Die Männnernund.Frauen in, seiner;Rachbar-
Fchaft-standen an Flbgeschliffenheit der. Umgangsformen,
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, ansLeichtigkeit des.Tones jener ausschließlich vornehmen
Fesellschaft ngch,n ohne: deshalb. einer, guten Bildung,
der,Freude. an einem -guten Buche, oder der,Theil-
nahme für die Fortschritte zu entbehren, welche die
Menschheit auf .den werschiedenen Gebieten des Wissens
and der allgemeinen Entwickelung machte; und Ema-
muel hatte sich noch nicht lange unter ihnen, auf-
gehalten, als er zu bemerken g laubte, daß ihr Sinn
freier und unabhängiger, daß sie zu selbstständigem,


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eigenem Denken und Handeln-geneigter und-geschickter
wären als die sogenannte große Gesellschaft. -
Barnefeld und die Seinen'waren verhältnißmäßig
wenig herumgekommen in der Welt, aber sie wwußten
in ihrer Heimat und in ihrer Provinz umso genauer
und gründlicher Bescheid. Sie- machten' von feineir
Empfindungen kein besondepes Wesen, indeß ihrFami-
lienleben war musterhaft, sie hielten- fest zu ihren
alten Freundschafts-Verbindungen, und ein Anruf, an
ihre Hilfsbereitschaft war immer sicher, eineme geneig-
ten Ohr, einer offenen Hand zu begegnen. Sie ver-
langten nach keinen besonderen Serstreuungen, da des
Dichters Wort, von den,sauren Wochen, frohen Festen
unter ihnen von selbst- zu einer -Wahrheit wurde.
Män dachte nicht an besondere Erholungen,nahm eine
gelegentliche Geschäftsreisek nach- der Restdenz-mit
Freuden hin, erzählte monatelgng, mitunter jahrelang
von den dort gehabten Vergnügungen; was aberEma-
nuel, dem seine langjährige Kränklichkeit: das Leben
viel verbittert hatte, eigentlichl am meisten bewunderte,
am höchsten schätzte: man war so arbeitslustig, so von
Herzen zufrieden, weil' man so- gesund war, daß man
es fast als eine Demüthigungansah, von irgend einer
Krankheit oder einem Gebreste befallen zu werden.
Das Gesunde, das Tüchtige, die Pflicht, das als
richtig Erkannte auch mit. Opfern sofort zur Ausfüh-
rung zu bringen, schien diesen Menschen förmlich im
Blute zu liegen, und ihnen gegenüber: sich über : ein
Unwohlsein, über eine körperliche oder geistige Ver-
stimmung zu beklagen, würde Emanuel Scheu getragen

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BabenHas Alles nun-wirkte günstiger auf ihn zu-
iück, als er es selber wußte, und Konradine sowohl
alE dieGräfin gewahrten es mit: inniger.- Genug-
thuung- -
.wDie Gräfin war, um -die weite Reise, nicht in der
Zeit! zurücklegenzu müssen, in welcher die schlechten
WegeIsie! nochibeschwerlicher machten, gleich nach der
Hochzeit:ihres Sohnes, in ihre - heimische . Provinz zu«
rückgekehr und hatte, sich seit langen Jahren, dort zum
berstenmale wieder in ihrer städtischen Wohnung auf
einen -längeren, Aufenthalt eingerichtet.FrauJ von
Wildenau war ihr dahin gefolgt, und auch Konradine
warigegen das Ende des Jahres,- nach dem Austritt
aaus dem Stifte,. bei ihr eingetroffen. .
-- - Der:Ekreis. der gräflichen Verwandten, die: be-
fieundeten .Adelsfamilien begrüßten. die Gräfin mit
Freüdeßn; Da. sie Leid trug um ihres Bruders Tod,
zrdfKoiradine, -als- künftige, Verwandte des Hauses
sichsder-rauet um denselben anschloß, konnte;die Rede
yichttdavon sein, das.. Haus -in der alten glänzenden
Weiseifürdie-Gesellschaft -zu eröffnen. Aber es stand
-- dergFämilie cdoäh,auch, andererseits ein, erfreuliches- Er-
eignißupch die HeirathfEmanuelsrbevor; weder dje
-Gräfi: pochtFrau von Wildenauwaren auf Abge-
schiedenheit gestellt, und daß an. eine Braut, eine
neue Angehörige?des alten Geschlechtes im Hause hatte,
der nian es schuldete, sie in dem ihr fremden Kreise
einzuführen und heimisch zu machen, das bot -den; er-
,wüüschten: Anlaß. zu einer Geselligkeit, die sich mehr

? - und - mehr belebte, je weiter der Winter vorschritt---


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Wenn auch die Gräfin und Konggine die großen
Feste nicht besuchten und sich hauptfächlich, darauf be-
schränkten, die. Gäste im Hause zu egyfgngen, so, per-
sagte sich die lebhafte Vergnügungssust. pon Konra-
dinens, Mutter auch nicht die gußerhäusjge Geselligkeit,
und wenn jene Beiden dazwischen sich mit Behagen
eines stilleren Beisammenseins exfgeuten, so brachten
die Nachrichten und kleinen- Neuigkeiten, it ,denen
Frau von Wildenau dann in heiterster Stimmung
heimzukehren und die sie, mist gleich: hei jhrem Ein-
tritte mitzutheilen pflegte, noch einen Fbglanz. ,hres
genossenen Vergnügens in das einsamere Gemach der
Gräfin mit zurück.
An einem solchen Abende ;saße pie ,künftigen
Schwägerinnen, deren gutes Einwernehmen durch die
jezige Gemeinsamkeit ihrer Interessen sßh gug geßgger;
hatte, noch. an dem Theetische hefammen,- als Frau
von Wildenau wider ihre Gewohnheit zeitig won einem
Balle nach Hause kam, der in dem Hause des, kom-
mandirenden Generals stattgefunden hatte. In der
Befürchtung, daß ein Nebelbefinden. sie; dazu veranlaßt
habe, erhob sich Konradinezund ging ihr, rasch ent-
gegen; aber die Mutter versicherte, daß sie sich gut
- befinde und daß nuur eineMachricht, welche der General
durch eine Estaffette während des Balles erhalten und
die sich durch die Unvorsichtigkeit seiner Frau auch jn
der Gesellschaft verbreitet, fie aufgeregt und Pewogen
habe, sich zurüchuziehen. --
,In die estlichkelten und die Polleitenfeeuben
wird nun auch eine Umwälzung hineinkonmen, denn

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der Hof legt Traer an für die drei nächsten Wochen,!
sägte' sie uüd hielt' dann in einer so absichtlichen Weise
-nie, daß''die Aideren es herausfühlen mußten,' wie
li' der Nachricht, die sie mitzutheilen denkej Etwas
-enthalten-sei; ?das-eine besondeke Bedeütüng für
se: hahe. - -
- ,st deiün' 'psn dem Hause unserer Herischaften
SeJt'Tööe äbgegägei? frgte die GiKfl.
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- ?? -PSeiher'ßa!' Und'' weün man sich iucht scheute,
öeßn än sich'nicht ein Gewissen aus solchen Vot-
siellungen?niachte,? entgegnete Frgu vön Wildenau,
Asof'mchie mian sagen, das sei Göttss Finger. Ich
-wenigstens, obschon ich die Gründe ndch heute zügeben
miuß, mit. denen' mani von Seiteir der Familie des
Prinzen Friedrich, und mit denen er selberseine
Hahdlungsbeise gegen Konradinen zu rechtfertigen be-
Fdebt war,'ich konnte mich des Gedankens dennoch
fmrcht sntschlagen: das ist das Walten der gerechten
Memöfle!? --
,er;Ptinz ist' doch nicht todtr rief Konradine,
Fit einenFFrschrecken, das sie' nicht verbergen konnte.
MNelii, lcht deöf Priiz, ber die Prizessin st
-än HrerNöberkünft gestorben' und auch das Kind
'At tobt!r sagte Fraü voi Wildenau ,DieGeneralin,
felche die Priiizesfin erzogen hat, war erschüttert, als
, bäe ihr'das;eigene Kinö' gestorben. Sie konnte es
Fü'keiner Fässung bringen, nzan sah, sie war ficht bei
dem Feste. Das wirkte natürlich auf' die ganze Ge-
Jellschäft zurück, und exschüttert hat mich die Nachricht

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auch, eben weil ich das Walten der Nemesis darin zu
erkennen glaubte.!
Ihre weitläufige Mittheilung hatte Konradinen
Zeit gegeben, sich zu fassen. Die Farbe war wieder
in ihre Wangen zurückgekehrt, und die Lippen in stolzer
Bitterkeit erhebend, sagte sie: ,Ich sehe darin kein
Walten einer strafenden Gerechtigkeit. Der Prinz
hat die Vortheile erreicht, die er für sich und für
sein Haus durch die Verbindung mit des mächtigen
Landesherrn Nichte angestrebt hat, und der Verlust eiger
jungen, unbedeutenden und ungeliebten Frau wird ihn
so wenig niederwerfen, als die getäuschte Hoffnung
auf das Kind. Er ist ünd bleibt der Neffe eines
Königs, und diesen Vorzug für seine Zukunft zu be-
nüzen, ist er ganz der Mann.? -' ? -
Sie stand auf und holte gnscheinend' miit Gleich-
muth ihren Arbeitskorb herbei. Diö Gräfin,- die sich
ihrem Charakter nach vollständig in' die Emnpfindungs-
weise der Verlobten ihres Bruders zu versetzen wußte,
freute sich der fesien entschlössenen Haltung, der raschen
Selbstbeherrschung, welche Könradine auch in diesem
Falle wieder dargethan hatte. Sie kam ihr mit der
Frage gleich zu Hilfe, ob Frau' von Wildenau für
dieses Ereigniß die nöthige Kleidung bei sich habe,
ob sie eine TrauerToilette mit sich führe; und man
hatte niemals großer Mühe nöthig, die Leichtbewegliche
von einem Gegenstande abzuziehen, auf dem man sie
verweilen zu lassen nicht für angemessen fand.
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