Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 07

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Die Proben für dieses Gastspiel und für das
erste Auftreten von Hulda hegannen an dem nächsten
Tage, uund schon am frühen Morgen waren die
Meldungen für die Pläze bei der Theaterverwaltung
eingegangen. Der Direktor hatte seine Freude an
Feodorens Klugheit, denn in der ganzen Stadt sprach
man nur von ihr und ihrer schönen Schülerin, mit
der mgn sie am Morgen hatte zur Probe fahren
sehen. Diese Probe nun hatte alle Erwartungen des
-Direktoxs, übertroffen, hatte selbst bei den Schausptelern,
ngmentlich bei den Juungen und Begabten unter ihnen,
jenen' belebenden Eindruck hinterlassen, den ein un-
erwartetes und glückliches Ereigniß, ein vollkommenes
Gelingen stets auf Denjenigen, ausüben, der zu seinen
-Bunsten davon mitberührt wird.
Die Delmar hatte sich krank gemeldet, und der
Direktor hatte in diesem Augenblicke keinen Anlaß,
ihr die Ruhe zu mißgönnen, deren sie zur Neber-


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windung ihrer eingebildeten oder wirklichen Leiden
nöthig zu hgben behauptete. Aber die Kuunde, die

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ihr von ungeschickter Freundschaft und von feindseliger
Diensibeflissenheit in ihr Krankenzimmer zugetragen
wurde, war nicht dazu geeignet,,ihre gereizteü Nerven
zu beruhigen; denn das - ganze Personäl war durch
das; was man den originellen. Gedanken Feodorens
nannte, wie elektrisirt, und man sah ihrem Gastspiele
mit einer Erwartung und Heiterkeikk entgegen, als
wäre sie nicht sechs Jahre hindurch Mitglied und
täglicher Genosse des Theaters gewesen. --
Was man gelegentlich unter ihren bisherigen
Kollegen an ihr auszusetzen gehabt, was man an ihr
bemängelt und bekritelt hatte: ihre Herrschsucht, ihre
Eitelkeit, ihren Hochnuth- und - das Ansehen, das sie
sich als künftige Milllonärin'gebe, däs war mit einem-
male Alles ganz vergessen, da man-sich durch ihren
Ginfall und in ihrer Genreinschgft gxoße Erfslge zu
versprechen hate.. Det Schauspieler, dessen Schaffen
mit dem Augenblicke vergeht, in welchem. er es als
fertiges Gebilde vor demsZuschauer entfaltet, ist- eben
deshalb auch ein Anbeter des Aügenblicks, und mit
innerer Nothwendigkeit mehr als jeder andereKünstler
auf den augenblicklichen Erfolg gestellt.. Wer ihm zu
einem solchen hilft, dem hängt erNäut, dem folgt er,
auf den schwört er. Wie häätte man in diesem Augen-
blicke also nicht Fesdoren folgen sollen, die es durch
ihr beabsichtigtes Wiedererscheinen aufdeö- Bühne jezt
unwiderleglich darthat, daß sie-ihre Ehrs'in - ihre
Künstlerlaufbahn setze, daß 'ihr künftiger Reichthum
ihr nicht höher dünke als dieKunst, und die-nebenher
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es möglich gemacht hatte, in wenig Monaten ein
junges, allerdings gebildetes und sehr begabtes, aber
doch in, allerBühnenpraxiswwöllig unerfahrenes Mädchen,
in einer Weise für die Bühne vorzubereiten, die ihm
den sichersten Erfolg versprach. -
. -Feodore war die Heldin des Tages, Alle und
-Jeder machten sich ihr mit Freuden dienstbar. Man
zar einstinmig der Meinung, daß- in diesen drei Vor-
stellungen das Mögliche geleistet, daß Feodore und
Hulda ngch besten Kräften unterstüzt wwerden mwüßten,
damit, der-- Ersteren -eine schöne und erhebende Er-
innerung. als letzter Eindruck von ihrer theatralischen
Laufbahn-in ihr künftiges Privatleben mitgegeben
werde: -Ann die Delmar dachte Niemand, wenn man
nicht über ihren Aerger scherzte. Es waren eben
-Schauspieler und sie waren also wie die Kinder unter
dem Bann jener naiven Selbstsucht, die da liebt und
aricht liebt, nach dem Bedürfniß und nach der Be-
friedigung desselben im Moment.
Darüber kam der Tag heran, an wwelchem Hulda
zum erstenmale als Emilia vor dem Publikum er-
scheinen sollte, denn Feodore hatte mit vorsichtiger
Berechnung aller Umstände gerade diese Rolle für ihr
erstes Auftreten gewählt.
Der ersteAkt des Lesfing'schenMeisterwerkes und die
fünf ersten Scenen des zwweiten Aktes waren in schöner
glatter Abrundung vorübergegangen. Lelio hatte als
Hettore Gonzago, der Regisseur als Marinello ganz
yortrefflich gespielt, und ClaudiaGalotti ihrezweifelnden
Betrachtungen über des Gatten ihr unbehagliche strenge

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Tugend vor sich selber ausgesprochen, als die Thüre
des Hintergrundes hastig geöfnet ward, und raschen
Schrittes ,in ängstlicher Verwirrung; wie des Dich-
ters Vorschrift es erheischt, Emiliä in die Seene
eilte.
Die Worte: ,Wohl mir! wohl- mir!- Nun-
bin ich in Sicherheit. Oder ist er mir gar gefolgt?
=- kamen in der Befangenheit, und in der Erregungz
welche der erste Anblick des -gefüllten Zuschauer-
Raumes, der erste vor demselben auszusprechende Laut
in der Seele der Debutantin erregte, mit' wundervoll.
der dichterischen Absicht begegnender Natürlichkeit von
Hulda's Lippen. Die Schüchternheit, die Verwirrung,
die selbst der begabteste Anfänger in: den ersten Augen-
blicken nicht zu überwinden vermiag, das Schwanken
in der Bewegung, die Unsicherheits des Blickes, das
leichte Beben der Stimnez dienten in -diesen Falle nur
dazu, Emilia's leidenschaftliche Unruhe zu verdeutlichen.
Das Publikum war überrascht von dieser meisterlichen
Naturwahrheit in dem Spiele einer Debutantin, und
wie Emilia dann, sich umwendend, den Schleier, der
sie bis dahin verborgen hatte, mit schneller Bewegung
von ihrem Antlitze zurückschlug, und aus den leichten
Falten des dunklen Gewebes das edle Gesicht des
jugendschönen Mäbchens sich den Bllcken enthüllte,
ging ein hörbarer Ausruf freudiger Neberrgschung
durch das Haus, und machte Huldä's Herz in auf-
wallender Freude stärker und stärker klopfen.
Feodore hatte sich in ihrer Voraüssicht nicht ge-
käuscht. Es wäre nicht möglich gewesen, eine Rolle



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aufzufinden, in welcher Hulda's Bildung, ihre Eigenart
und Schönheit ungesuchter zu ihrer vollen Geltung
gekommen wären. Selbst daß sie von ihrer Be-
geisterung gehoben, von ihrer Rührung fortgerissen,
erst allmälig freier und wärmer in dem Ausdruck ihrer
Empfindung wurde, entsprach dem Charakter der Rolle.
--- - Die Zuschauer erwärmten sich dadurch, ebenfalls,
und wie dann Feodore als Orsina erschien, anziehender
wie jemals, und so geistreich im Erfassen ihrer Rolle,
daß man. meinte, erst jezt vollständig einzusehen,
selch, bedeutende Künstlerin sie sei, da kannte das
ublikum. in- seinen.. Beifallsbezeigungen, kein, Maß.
, . Lehrerin und Schülerin wurden nach dem Schlusse
des Stückes vorgerufen und wieder hervorgerufen.
Man wollte die beiden schönen Frauengestalten noch
einmal, und noch einmal, neben einander sehen, und
wie Feodore ihrer Schülerin zu einer ohne fie nicht
FgS erlangenden Theilnahme ,und Anerkennung ver-
Pglfen;hatte, iso kamen doch auch Hulda's Schönheit
Aind' der:Reiz, den. sie als eine neue Erscheinung für
die Theaterfreunde hatte, Feodoren wesentlich zugute.
- . Man hätte sagen können, es sei kein Unzufriedener
in; dem ganzen Theater zu finden gewesen, so wohl
gelnygei, war die ganze Vorstellung. Die Zuschauer
wie-Nder- Direktor waren gewiß, an Hulda in kurzer
Zeit die Schauspielerin zu besitzen, deren man an Stelle
Feodorens bedurfte. Daß die Delmar nach diesen
Gastrollen ihrer Nebenbuhlerin ihr, Möglichstes thun,
würde, die glänzenden Erfolge derselben womöglich
wergessen zu machen, darauf durfte man zuversichtlich

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rechnen, und: als Huldä sich dani in der Garderobe
Feodoren zu Füßen warf,. ihres Häide, unter Freuden-
thränen küsfend, schloß-dieselbei sie mitt-einer' Zärt-
lichkeit, mit einer Mütterlichkeit in ihretAime, die ihr
so vortrefflich auszudrücken gelangeyund anstanden,
daß es ihr leid that, nicht auch diese Scene vor dem
Publikum gespielt zu haben. !'
Die Proben und oie Aüfführungen schlossen sich
nun in rascher Folge aneinander, und beide Frauen
leisteten im ,Wallenstein' und in., Kabale und Lieber,
wasvon ihnen zu erwarten' man nach der Aufführung
der ,Emilia Galottir berechtigt. gewesen war. Sie
und das Personal und die Theaterfreunde blieben in
einer freudigen Erregung, wie. eine schöne'Festzeit sie
hervorruft; und mit einem Feste sölltendiese Gastvör-
stellungen Feodorenls auch beschlössen werden.
Sie hatte von Van der Vließ die Zustimmung
zu denselhen und zu ihrem dadurch wverlängerten Ver-
weilen auf der Bühne, mur unter der Bedingung er-
langt, daß an dem Tage unmittelbar' nach ihrem
lezten Auftreten, ihre Trauung- im- Beisein weniger
Freunde inaller Stille erfolgensollte. Gleich nach dersel-
ben aber sollte die große Reise angetreten werden, die
Herr Van der Vließ schon, lange beabfichtigt- hatte,
und mittelst deren er Feodore für Jahr und Tag von
dem Kreise ihrer bisherigen Gesellschaft und voin dem
Schauplaze . ihrer bisherigen Triumphe zu entfernen
für passend und wünschenswerth erachtete. - -
Feodore hatte das Alles selber als richtig aner-
kannt, und nach der mehrjährigen-Verbindung, welche

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zwischen ihr und ihrem künftigen Manne bestanden,
hatte sie vont selbst nicht dargn denken können, aus
ihter Trauung mit ihmeinen - besonderenIffentlichen
- At zu machen. Aber ohne Lustrund Freude,i öhne
Sangfund Klang von. ihrer Künstlerlaufbahn fortzu-
gehen, das lag nicht in ihrem Sinne, das zu thun,
erkläärte, sie als eine Undankbarkeit gegen die Vergan-
Fenheit, in welcher sieglücklich gewesen sei. Ehe sie den
entscheidenden Schritt, aus der freien Selbstherrlichkeit
des Künstlerlebens in die engen und festen: Schranken
Fex iEhe. und- der bürgerlichen Gesellschaftthat; wollte
sisnoch einmal mit Denen, - die bei ihren letztengroßen
.Erfolgen mitgewirkt hatten, nach alter Weise fröhlich
- in der Wohnuung - beisammen sein, welche -Van der
Vließ seinerzeit mit verschwenderischer Freigebigkeit für
sie eingerichtet hatte, und die der Zeuge manches frohen
Festes, manches ausgelassenen Thuns und Scherzes
gewesen! war. Sie hatte für das von ihr geplante
Fest, mit der sorglosen Großmuth, zu. welcher die Nach-
sicht ihres reichen Liebhabers sie verleitet, Hulda eigens
mit :einem, schönen Gesellschaftsanzuge beschenkt, und
sie. gleich aus dem Theater mit sich in ihre:Wohmung
genommen, wo die geschickte Kammerjungfer den bei-
den»Schönen -rasch zur, Hand war, sich für das Nacht-
essen zu schmücken. -
. Der Direktor, der Regisseur, Lelio und die näch-
Ften Freunde Feodoren's und ihres künftigen Gatten

waren schon in dem hellerleuchteten Saale beisammen,
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Feodore reich geschmückt? wie eine fFürstin, Hulda mit
Rosen im Haare, in einem Anzuge von rosenfarbener
Seide, der, ihre schöne . Brustjt ihre-edelgeformten
Schultern und Arme dei Blicke freigab, sich- selber
immer noch ein Räthsel und ein Wundet in-solcher
Tracht und Pracht.
- Die Kerzen flammten, gls die Thüren des Speise-
zimmers geöffnet wurden. Die Tafel- stand bereit,
mit Blumen und Früchten geschniückt krozdes Win-
ters, dessen Kälte die Fenster beeiste, dessen Sturm
den Schnee durch die Straßen jagte- Feodore hatte
dem Direktor den Arm gegeben. -Siö wies ihren Ge-
liebten an, ihre junge Freundin zurTafel. zu führen.
,Du sollst den neuen Frühling führen,r'sagte sie,
,zum Löhne däfür, daß- Du mich Amorgen -dem Nor-
den entführst, um mich in des'-Südens-Frühling zu
verpflanzen.! Herr von Hochbrechtnahm an- Hulda's
anderer Seite Plaz, Lelio saß ihr gegenüber. -
Sie hatte an dem Morgen -dieses Tages den
Kontrakt unterschrieben, mittelst dessen der Direktor
unter sehr günstigen Bedingungen! sie für die beiden
nächsten Jahre als Mitglied seiner Gesellschäft enga-
girte. Sie war jezt Schauspielerin, war frei, war
unabhängig. Sie befand sich zum srstennäle in Ge-
sellschaft unterihren Kollegen, der Direktorß der Re-
gisseur und Lelio fähön' sie' als eine det' Ihren an.
Es war überhaupt die erste Gesellschaft, welche sie als
gleichberechtißter Gast derselben mitmachte ' die erste,
in welcher sie mit Männern freiverkehrte, undlin der
ihr von Fremden, wie hier, hüldigend begegnet wward.

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Sie sah, pie. man sie schön fand, und man sagte es
ihr Izu wiederholtenmalen. Jeder der Amwesenden
schien,, sich eines freien Anrechtes an sie bewußt zu' sein,
und wenn ihr die Blicke, die- auf ihr hafteten, wenn
ihr das. Lob,: das man ihr spendete, das Blut auch
wallen machte, daß die Röthe ihrer Wangsn sich höher
fätbte; -sie wwagte es nicht, die Augen niederzuschlagen.
Sie mußte; trachten; dem an sie gewendeten Worte
mitheiterexFFreiheit zu begegnen, sie:mußte. es lernen
mnitfihren,Glicken, ebenso wie -Feodore, den. ganzen
-hier -ersetzen,und Feodore hatte ihr gesagt, sieimüsse,
aum-ihres- Erfolges auf, der Bühne-auch für die Zu-
anft-gewiß:zu sein, sich des Doktors und Hochbrecht's
Freundschaft zu versichern, streben. Sie müsse Lelio
für sich :haben, sich, des Direktors Gunst, den guten
Willen, des Regisseurs gewinnen. Sie müsse: liebens-


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Kdreis der, Männer,gu heherrschen.: Sie sollte Feodore
- würdig sein, hnüsse gefallen lernen und sich fügen, um,-


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ehnez,es Zzufordern, erreichen zu. können, was sie
wünsche, durchsetzen zus können, was sie wolle. .
» Esatte inzallen diesenFehrenetwas Pnheimliches,
etpas Beängstigendes' für sie gelegen. Hulda war da-
vox zurückgeschreckt, so oft. ihr Feodore ganzbeiläufig
einen, dieser Fathschläge ertheilte.- Aber die Lust, Fch
zu versuchen,- zu sehen, was die. Weisung, Feodorens
fruchte, dgs Verlangen, sich die Stütze zu bereiten, eren
sie sich jezt nach Feodoren's Abgang erst recht benöthigt
wußte,, wirkten. in ihr lebhaft nach. Die- Macht des
Augenblickes that, das Nebrige, -als im Verlaufe des
Mahles der feurige Wein die Rede belebte und das

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Wort befreite, als Scherz und Spott und Erinne-
rung an frühere Zeiten in dreistem, raschem Worte
einander folgten, als man von: Dritten und bon ver-
gangenen Tagen lachend wiederholte, was man von
sich und von dieser Stunde auszusagen kalten. Blutes'
wohl ein Bedenken getragen haben würde.
Der Direktor war unerschöpflich in komischen
Anekdoten, die er mit großem mimischem-Talente und
mit ungewöhnlicher Meisterschaft im Machahmen von
Provinzial-Dialekten vorzutragen wußte. Er hatte
nebenher in den Zeiten, in welchen er als jugendlicher
Heldenspieler an den meisten Hoftheatern gaftirt, viele
der Fürstlichkeiten aus nächster Nähe beobachten und
kennen lernen dürfen, deren, Artenund Unarten, er mit
überwältigendem Humor wiedergab. Man kam aus
dem Lachen nicht heraus. Es schwirrte klingend -durch
die Luft, es wirkte förmlich ansteckend. -s ergrif so-
gar den in der Regel sehr gemessenen Geliebten. Feo-
dorens, und selbst der Doktor, der seine. Gehaltenheit
sonst niemals daran gab, konntesich der allgemeinenStim-
mung nicht entziehen. Wie hätte Hulda widerstehen
können?
Der mäßige Genuß des ihr ungewohnten schäu-
menden Champagners. hatte ihr Blut. erhitzt, das
Sprechen und Lachen um sie her, das Lob, das man
ihrer Leistung nicht minder wie ihrer Schönheit zollte,
ja selbst der eigene Anblick derselben, wenn- ihr Auge
in den ihr gegenüberhängenden großen Spiegel fiel,
hatten etwwas Berauschendes für sie . Sie fühlte sich
wie in den Kreis der leichtlebenden Götter aufgenom-


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men. - Die alte Eistenz auf der heimatlichen Scholle,
wo Lsie in dunkler Kammer, in Trauerkleidern so viel
bittere: Thränen geweint hatte, die Zeit, in welcher sie
den Einen nicht vornehm genug, den Anderen nicht
einfach und bürgerlich genuug- gewesen war, in welcher
Jeder an ihr Etwwas zu tadeln gefunden, und Jeder
- siefgetadelthatte, wie es ihm gefiel, lag nun' hinter
ihr; für immner. Fremde und Bewwunderer umgaben-
sie. Eine. schöne, freie; Glück versprechende Zukunft
that'sichwie eiweites, lachendesGefilde vor' ihr auf, und
siefühltesich dazugeschafen, sie zugenießen und zu nützen.
D Zu erzählen, wie die Anderen, hatte sie-Nichts.
Sie hatte ja Nichts erlebt, was diesen Kreis erheitern
konnte. Die'Nachahmung des Geringen, des Niedri-
gen, das Auffinden des Lächerlichenn und Unschönen
widerstrebten 'ihrem auf das Edle und Schöne ge-
stellten Sinne. Auf- die Galanterien zu antworten,
mit' denen mian ihr huldigte, fehlte ihr noch die sichere
Gewandtheit. So erschien sie schweigsam und nicht -
zufihreme Vortheile, und das verdroß sie,- denn -sie
fühltereii- Verlangen, zu gefallen und geistreich und
belebt zu sein wie Feodore, deren Augen mit den
Diamanten um die Wette leuchteten, die sie in' ihrem
Hals- und Ohrgeschmeide trug. -
. - Auch Feodore wünschte ihre Schülerin weniger
Fchweigsam zu - sehen, denn ein Schweigender macht
in einer erregten Gesellschaft immer den Eindruck eines
Bevbachters, und sich mit kaltem Blute beobachtet zu
fühlen, wenndie Freude in uns übermüthig aufwallt,
schlägt die hellen hohen Wellen nieder und lähmt den

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neuen Aufschwung. Wo aber der Ungeübte das eigene
Wort nicht findet, kommt ihm des-Dichters Wort zu
Hilfe, und. wo er sich. nicht emporzuschwingen vermag,
da tragen ihn die Macht und Kraftt des Tones.
Es traf sich glücklich, daß eben einer der Gäste,
Philibert, ein Freund von Van der, Vließ, und reich
und jung und angesehen wie dieser, ein Mann, der
lange Jahre in Handelsgeschäften in den baltischen Pro-
vinzen von Rußland verweilt hatte, ein kleines Aben-
teuer zum Besten gab, das ihm auf einer Poststation
in Esthland begegnet war. Er brachte dabei einige
esthländische Worte in das Spiel, man verlangte ihre
Bedeutung zu kennen, Feodore fragte Hilda darum,
fie sagte, daß sie das Esthnische jicht' perstehe, wohl
aber - und Feodore wußte das=- dds Litihauische
ein wenig kenne. Dadurch. machte es sich ganz von
selbst, daß Jene sie auforderte; ein' paär litthauische
Lieder, die sie ihr einmal vorgesungen hatte, auch den
Fremden hier zum Besten zu geben!'
Hulda ließ sich dazu. nicht lange bitten. Sie erhob
sich und sezte sich an das Instrument. - Aber wie sie
die schönen Hände präludirend'über die Tasten gleiten
ließ, fühlte sie, daß jene schwermüthigen Melodien,
die zu singen sie sonst. gewohnt ;gewesen: war, hier
nicht an ihrem Plaze seien, sondern wie eine grelle
Dissonanz in die laute Fieude hineinklingen würden;
und eines der beiden kleinen Tanz- oder Liebeslieder
vorzutragen, die sie nie gesungen,l aber aüs den Auf-
zeichnungen behalten hatte, welche fie nach ihres Vaters
Nebersetzungen für Emanuel hatte machen müssen, trug

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sie eine Art- von Scheu. Indeß, sie -hatte keine
Wahl, da man mit lebhafter Bitte in. sie drang,' und
dem fröhlich einladenden Tone der Melodie ent-
sprechend, sang sie mit munterem Ausdrucke das kecke
Tanzliedchen:
- ,Deutigen Tags,
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Heutigen Tags,
leberall. ist der Tanz los:
Diese beschuht,-
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Veie besttumpft,
Einige tänzen ganz bloß.!
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- S Jtte -s,ek litthaiisch gefngen, man woüie
g ganach geutsch hören, pgßte es, wieder hören und
noh, Anderes' hören, sg. daß Fe sich entschloß, auch
noh die,zärtliche Mahnung yogzuttnnagenz -

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-? ,,ingt, o fingt mit frohem Munde!
,; Oder, harrt ihr eurer Stunde?
-- -. Kenn ihr eurer Stunde harrt.
Leben euch und Lieo estarrt.!
z. -Und da'-man. jetzt einmal im Zuge war; -Alles
schön zu;finden und zu bewundern, was Hulda that,
weil. mnan fie selber schön fand und bewunderte, erregte
sie Beifall über Beifall. Man wollte sie auch künftig
auf! der Bühne singen hören. Man verlangte, der
Direktor solle Stückefinden, in denen ihr Spiel und ihr
Gesang gleichmäßig' zur Geltung kommen könnten.
Feodore meinte, sich. im Singspiel zu versuchen, wozu
allein die Stimme und musikalische Bildung Hulda's
ausreichend sein würde, könne ihr nur zum Vortheile
gereichen, weil es ihr zu jener leichteren Bewegung ver-



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helfen würde, die der strengeStyl des -Trduerspieles
nicht gebe, und die:doch in einer gewissen Grazte und
Freiheit, wenn man, fie einmal erworben habe,' auch den
Leistungen im Trauerspiele zu Nutzen komme. Wäre
sie selber gegenwärtig länger in Hulda's. Nähe geblie-
ben, so würde sie vielleicht dazu gerathen haben, Hulda
auch in Rollen, wie. die Fanchon oder Pieziosaauf-
treten zu lassen, ohne daß sie.sichnjedoch verpflichtet
gehalten haben würde, dann- aus Großmuth und Kunst-
eifer neben ihr auch die Zigeunermutter zu spielen.
Man war mit. diesem.Scherze: wieder wvon-dem kleinen
flüchtigen Kunstgespräche abgekommen, und man er-
ging sich bis tief in. die Nacht hinein in lauter Freude.
Hulda mußte noch deutsche Lieder ünd fränzösische
Romanzen fingen, Feodoren's, beidealte Freunde er-
klärten, daß sie jetzt zu. Hulda'sgFahne schwören. wür-
den, da Feodore sich zhnen- entziehe nund dersMensch
doch wissen müsse, was er mit seinemHerzen machen
und wo er »mit seinem,' Enthusiasmus,bleiben?solle.
Feodore entließ sie lachend ihres Fahneneides,. sie Hollten
ihrer Nachfolgerin im Reiche treu?und Fzewärtig- sein.
Lelio brachte den Toast in Vorßchlag: gls rejns
s'en ea! Kre. s rsins!ff,, Und wie. dann endlich
Philibert, der sich von Hulda's Schönheit und Liebe-
reiz völlig überwältigt zeigte, sie lange nach:Mitter-
nacht in seinem Wagen nach ihrer Wohnung fuhr,
drückte er, als er sie aus dem Wagen hob, einen Kuß
auf ihren entblößten Arm, daß sie erschrocken davor
bis in das Herz erbebte.


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wegtes. Rückerinnern zauberten wechselnd phantastische
Bildet vor ihr empor, die sie nicht festzuhglten ver-
mochte.?-
--- Es schwamm vor ihren - Augen Alles in goldig
glänzendem- Lichte, wie- einft deu Ahnensaal in dem
gräflichen Schlosse an jenem Nachmittageß' an welchem
sie: Emanuel's Bild zuerst gesehen hatte. Wohin: sie
das Auge: wendete, es ward geblendet von der Helle.
Sie konnte Nichts klar, Nichts deutlich sehen und er-
- kennen; -aber: geradedas Ungewisse hatten einen magi-
hensaüf dem Pfade'ihresieuen märchenhaften Glückes.
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D Sie koimmte nicht schlafen, denn Freude und be-
schen (Rdeiz für sie und verlockte sie; vorwärts zu ge-
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Selio's-Schönheit, Philibert's weltmännische Haltung,
die parodirte Huldigung von Feodoren's Freunden,
es :erfreuteg es vergnügte sie, das Alles. Hätte nur
Philibeit-sie nicht nach Hause begleitet! Hätte sie die
Lieder nicht gesungen!-
1-Siev hörte die beiden Melodien noch in ihrem
Fraume; aber sie war es nicht; die siesang. Sie
hönten, durchhdie Stille einer'' Sommiernächt über die
schweigendenFüsche und Rasenpläze des WParkes zu
ihrliw- das Gärtnerhaus hinüber - aus den'Fenstern
seines Zimmers, in rdenen - das Licht schon lange er-
loschen' wwar.
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