Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Kapitel 08

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Achtes Gapitet
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Das Jahr hatte nur noch wenig Stunden bis
zu seinem Ende, und in dem Hause der Gräfin war
es troz der frühen Abendstunde so -still, daß man das
Ticken der UBren und den behutsamen Schritt der
Diener hgrte, die über die teppichbelegten'Korridore
hinschteitend ihrem Dienste nachgingen.' ?--
Frau von Wildenau lag aüf -einem -Ruhebette
und sah den Spiel' der Flammen zu; die im Kamine
loderten. In dem geöffneten -Nebenzinimer saß''Kon-
radine der Thüre gegenüber an' ihremSchreibtische.
Mit einemmale erhob die Mutter sich, und die Arme
in die, Höhe hebend, stieß sie einen Seufzer aüs, der
wie ein Aufschrei klang, so -daß die. Tochter erschreckt
von ihrem Stuhle aufsprang und mit' der- Frage, was
ihr fehle, bei der Mutter eintrat. -- -
,Nichts! Nichts!' entgegnete diese;- ,bleibe bei
Deinem Briefe, laß Dich durch mich nicht' stören.? -
,Aber Sie schrien auf, beste Mutter! - wendete
die Tochter ein. -
- Fanny Lewald, Die Erlöserin. u. -
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,Ich probirte nur, ob ich noch lebe,? gab die
Mutter ihr lachend zur Antwort, ,ob ich noch ich
selber und imi Vollbesize meiner Kräfte sei, denn die
nicht menschliche, maschinenmäßige Ordnung dieses
Hauses lähmt niich förmlich. Ich verliere die Bewe-
gung, ich verlerne das Denken durch sie. Wie ich so
da lag und Dich schreiben sah und mir dachte: jetzt
wird -sie -den Brief beendei, ihn siegeln, guf die Ecks
des Kamines legen, auf welche auch die Gräfin ihre
Briefe hinlegt, und morgen um neun Ühr wird, wie
an jedemgWPosttage, der: Diener ganzIon, Felber
koßmey, die Briefe, ahzuholen; und- nach Vorschrift zu
beforgen, da hemächtigte sich meiner ein solches Grauen
ygr, gller gieser-gewohnten Sicherheit, daß ich mich
- versucht fühlte, die ggnze hier niedergelegte Korrespon-
denz in das Feuer zu werfen, nur damit döch einmal
eig, Abweichen pon der Regel stattfände, damit einmal
Etwas gesucht, Etwas versehen würde. In der That,
ich zähle, die Stunden bis zu Deiner Hochzeit, dennn
Du wvie. ich; wir altern unter, dem Einfluß dieser ver-
steinerten Unfehlbarkeit.! - - -
- ,nd -doch.liegt. in der;. rdnung eine Zeiter-
sparniß,. und also' in. gewissem-Sinne eine Verlän-
gerung des. Lebens,? bemerkte die Tochter.-
,Als ob diese Deine Bemerkung nicht schon, ein
Zeichen; des Alterns wäre!r -rief die- Mutter lebhaft.
,Du würdest sie nicht gemacht- haben,' ehe: Du - im
Stifte, und ehe Du mit der Gräfin so lange zu-
sammen warst. Wann hätte wohl die Jugend, im
Gefühle ihrer Unendlichkeit, je an das Hingehen der

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Zeit gedacht, als um das Heranrücken eines Festes zu
berechnen? Wann hätte die Jugend -Freude an der
Regelmäßigkeit gehabt, da sie, in jedem Augenblicke
auf eine überraschende Gunst des Zufalles hofft? Mit
der Zeit zu geizen, ist des Alters Sache, weil es arm
an Zeit ist. Wer aber will sich dieser Armuth immer-
fort erinnern? Und, nun vollends, wie die Gräfin,
selbst den letzten Tag des Jahres mit lauter Pflicht-
erfüllungen zu beladen, gewaltsgm Rechimngen abzu-
schließen, seine Angelegenheiten abzuthun, als wäre
der nächste Morgen für uns kein Morgen ;mehr: das
heißt sich freiwillig an jedem Abende die Todtenglocke
läuten und mit jedem Tage auch sich selbst begrabenlr
Sie ging lebhaft im Zimmer hin und her, Kon-
radine antwortete ihr nicht. Sie»wußte,. daß man die
Mutter in solchen Stimmungen, deren Ursprung oft
tiefer lag, als man es, vermuthete, gewähren lassen
mußte, wenn sie sie überwinden sollte; und sie hatte
sich eben an dem Feuer niedergelassen, als die Mutter
vor ihr stehen blieb.
,Während Du an Deinem Schreibtische saßest,'
hub sie noch einmal an, ,dachte jch unwillkürlich an
den Sylvester»Abend, der uns in das Schloß der Gräfin
und zu Emanuel geführt hat. Wie heiter war das
Wiedersehen in dem Schlosse, wie anmuthig und viel-
bersprechend der Empfang, den er uns dort bereitet
hatte. Und heute? -
,Sie rechnen der Gräfin den Verlust. nicht an,
den sie in diesem Jahre eben erst erlitten hat!! wen-
dete Konradine ein.
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,gelten lassen. ,Man hat mich: oftmals dei Selbst-
zu'' genießen wünsche. Wann aber hätte ich um meiner
persönlichen Betrübniß willen je fremde Lebenslust
gestorben. Aber ist Emänuel nicht da? Bist Du nicht
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bei Dir zu sein in -der ersten Stunde des neuen
Jahres, das Dich ihm verbinden soll?
,,EEr ist von Geschäften hingenommen und die
Jahreszeit ist hartl'' sagte entschuldigend Konradine.
,Ich habe erst gestern seinen Brief erhalten.?
- Die Mutter legte die Hand auf ihrer Tochter
Schulter. ,Wie ernst das klingt! Wie entsagungs-
voll! -- Deine Stimme hatte einen anderen Klang,
als Du'an jenem ersten Sylvester»Abend iu Schlosse
vor dem Spiegel standest und lachend Dein Haar zu-
Fammienfaßtest, das über»Deine Schultern niederfloß.
- Hu wärst' in' jenem Augenblicke heiterer als jezt.!

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sein Recht pie seine Pflicht, Dir über die melancho-
lische Einsamkeit dieses Sylvester»Abendes fortzuhelfen?


gestört? Es ist wahr, der Gräfin kranker Bruder ist-
da?- Bist Du nicht seine Braüt? Und wäre es nicht

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Dis Mutter wollte solche Entschuldigung nicht
, sucht angeklagt,? meinte sie, ,weil ich das Leben heiter


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-- ,Heiterer vielleicht! doch nicht' in mir gesammmelt,
g
nicht so' einig mit mir selbst und auf die Zukunft
nicht vertrauend, so wie jetzt.!
- Frau von Wildenau hatte sich der Tochter gegen-
über an dem Kamine niedergelassen und schürte mit
dem Eisen die zusammensinkenden Brände zu neuen
Flammen an. Sie schwiegen Beide. Konradine sah

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nachdenklich in das Feuer, die Mutter hatte ihr Auge
auf sie gerichtet.
,Du nennst Dich gesammelt, einig mit Dir selbst!
Das war genug für die Stiftsdgme, die das. Ordens-
kreuz auf ihrem Herzen trug. -Aber im Leben, in der
Welt, verlangt man mehr, muß man mehr verlangen;
und glücklich, vollkommen glücklich bist Du nicht!?
Konradine zuckte vor dem Worte zusammen, aber
sich schnell beherrschend versezte sie: ,Wie mögen Sie
mich also fragen, Mutter? Wer glaubt denn an voll-
kommenes Glück, wenn er das Leben kennen lernte?
,Man glaubt nicht daran und kann's doch nicht
entbehren und jagt ihm nach ohn'. Unterlaß!k rief die
Mutter. , Und das gerade ist es, was mich ängstigt.
Wirst Du es, ertragen, Dich Dein Lebenlang mit
Freundschaft, mit Verehrung, -nit- der Anerkennung,
von Emanuel's guten Eigenschaften, zu hegnügen? Wird
Dir es genug sein an dem.Bewußtsein,;geliebt zu
werden und glücklich zu, machen?-- Ich sah Eure
Verlobung gerne, denn Du Fchriebest mir in freudiger
Gehobenheit. Nun -ich Dich, vor mir sehe, nun ich
mir sagen muß, mein Blut fließt auch in Deinen
Adern, und nun das neue Jahr herankommt, das ent-
scheidend und bindend für Dich werden soll, nun
kommt, wie über die Gräfin, das Bewußtsein noth-
wendiger Pflichterfüllung auch- über mich, und ich frage-
Dich, da es noch Zeit ist: Liebst Du Emanuel? Wirst
Du glücklich sein mit ihm? Wirst Du immer- jenen
Abend segnen, der uns zu ihm-in das Schloß ge-
führt hat?

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- Und wie an jenem Abende in dem weiten Hofe
des Schlosses, tönte der Schall des Posthorns plözlich
durch die Stille. Die beiden Frauen eilten an das
Fenster. Die Klingel an dem Portale der Mauer,
die das Haus mit seinem Garien einschloß, schallte
durch die Zimmer, der Kastellan ging hinaus zu
öffnen,. und unter dem hellen Scheine der Wagen-
läternen brgchten die, dampfenden Pferde Emanuel's
- leichten' Wagen vor das' Haus.
= Könradine eilte die Treppe hinunter und warf
! Fihfihmt müt einemiFreudenrufe in die Arme: Sie
? - Fries sals''De Gllcks' däß er gekommen' sei; sie
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Hanite ihn' mult den zärtlichsten Namen, sie führte ihn

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wie im Triumpphe zu den Anderen hinauf. In so
zärtlicher Erregung hatte Emanuel sie nie zuvor ge-
sehen, und er empfand dieselbe als ein großes Glück.
.? Das ganze Haus war in Bewegung gekommen.
Die-Gräfin zeigte sich über des Bruders gutes Aus-
sehen und Befinden sehr erfreut, Frau von Wildenau
fühlte sichdurch die Neberraschung neu belebt und nit
ihrem Schiviegersohne plözlich ausgesöhnt. Sie selber
Fchilderte,' als man am Abende beisammen war, es
sehr ergözlich: wie sie in Verzweiflung und übellaunig
und schivermüthig gewesen sei bei' dem Gedanken, die,
lezten Stundun des alten und die ersten Stunden des
neuen Jahres ohne irgend ein außergewöhnliches und
freudiges Ereigniß verleben zu müssen. Sie erzählte,
wie sie nahe daran gewesen sei, der Tochter melan-
cholische Bilder der Zukunft vorzumalen, die ihrer
warte, wenn sie und Emanuel bei dem Beschluß ver-


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hgrren sollten, ihr Leben auf den weitentlegenen Gütern
zuzubringen; ja sie gestand ganz unumwunden, daß
sie ihr vorgehalten habe, noch einmal zu bedenken, ob sie
die Kraft besize, ein so wechselloses Dasein zu ertragen.
Sie erschien sehr geistreich, sehr liebenswürdig in
der Selbstverspottung, in der sie sich erging, aber
weder die Gräfin noch Emanuel legten, weil sie sie
kannten, ein Gewicht auf ihre Selbftanklagen, denn
sie hatte niemals irgend welchen Einfluß auf der
Tochter Sinn gehabt; und freudigen Gemüthes um-
armte Emanuel in des Jahreswechsels Stunde die
Braut, die nicht müde wurde, ihm zu danken, daß er
gekommen war, sie ihr durch seine Anwesenheit zu
einem Fefte zu gestalten.
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