Benedikt.
Fanny Lewald
   
Band 01
Titel

Benedikt
von
Fanny Lewald.
Erster Theil.

Hängerin
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Z1b slC1skß zißlshsilss lis zs l C1:
Meine theure Käthe!
Deine treue Liebe, Dein seelenvoller Gesang, sind uns
seit Jahren in trüben Stunden eine so große Erguickung, in
heiteren eine solche Verschönerung derselben gewesen, daß ich
Dir gern dafür einmal besonders zu danken, und Dir zugleich
eine Erinnerung an die Zeit zu bereiten wünschte, die wir zu-
sammen in der Schweiz verlebt haben, und in welcher der
Plan zu dieser Dichtung in mir entstanden ist.
Nimm denn dies Buch als Liebeszeichen hin, und laß uns
auf ein ferneres gutes Beisammensein vertrauen.
Berlin, im Mai 1?.
Jannn ,ewald-Flahr.

Kapitel 01

Fn den Hochalpen der deutschen Schweiz öffnet
sich ein schönes weites Thal, welches in allen Neise-
handbüchern als einer der bewährtesten klintatischen
Kurorte gerühmt wird, weil die hohen Berge, welche
eö einschließen, die rauhen Winde abhalten. Eö
athmet sich auch wirklich leicht und gut auf seinen
duftigen, mehr alö dreitausend Fuß üler der Mereö-
fläche gelegenen Matten, und in der Frische seiner
Tannenwwälder, die sich hoch hinaufziehen an den Wän-
den seiner Berge.
Einsichtige Brüder des vornehmen Benediktiner-
Ordens haben die Vorzüge diese? Thaleö denn auch
frühzeitig gewürdigt, und schon im zwölften Jahr-
hundert eine Niederlassung in demselben begrindet.

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Sie fand im Laufe der Zeiten zu verschiedenen Malen
ihre Zerstörung durch Feuersbrünste, aber die Benedik-
tiner erbauten sich immer wieder ein neues Haus, und
noch heute liegt ihre Abtei stattlich in der Mitte des
Thales da, von weißen, mäßig hohen Mauern rings
umgeben, von des Kirchthurms Kuppel überragt, auf
deren Spize der Neumond mit dem Morgenstern, wie
die Zeichen der Verkündigung des neuen Lichtes im
Sonnenschein erglänzen.
Das Kloster ist reich begütert. Es besizt eine
bedeutende Bibliothek, und seine gelehrten Mönche
jtehen einer Lehranstalt vor, welche seit langen Jahren
eine beträchtliche Anzahl von Schülern in ihren Mauern
zu vereinigen pflegte.
Die Kirche des Klosters ist sehr groß, und wenn
man die Verhältnisse des Thales in Betracht zieht,
schön und ungewöhnlich prächtig zu nennen. Es fehlt
den Altären nicht an Bilderschmuck, nicht an Säulen
von seltenen Marmorarten; die Drgel der Kirche ist
mächtig und der Gesang der Chorherren lockte uns,
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N- penn wir am Abende von unsern Spaziergängen zurück-
F ?ehrten, oftmals, in die feierlichen Hailen des Gottes-
?-hauses einzutreten
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z., R wer ein warmer Abend des Späfommers.
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als wir zum ersten Male der Vesper beiwohnten.
Draußen war es noch heller Tag, obschon die Sonne
für das Thal bereits gesunken und hinter den Gipfoln
der Bergpyramiden verschwunden war, die ek nach
Westen hin umgeben. In der Kirche war die Däm-
merung bereita Meister über das Licht geworden und
sie war fast leer. Nur in einer der Bänke sas hoch
aufgerichtet eine große, starke Bäuerin und in der
Bank hinter ihr saßen zwei junge Klosterfrauen, die
ihrer Tracht nach barmherzige Schwestern waren. Vorn,
unweit des schwarz verkleideten Gitters, das den Chor
und das Kloster von der Kirche scheidet, knieten und
saßen einige wenige, nicht den Thalbewohnern, sondern
der Fremdengesellschaft angehörende Frauen und Mn-
ner, und aus dem Chor stiegen zu der Wölbung der
Kirche die volltönenden Stimmten der Mönche hinan,
die den Abendsegen sangen.
Es lag etwas sehr Ergreifendes in dem Gesange,
in der einfachen, sich immer wiederholenden Melodie,
die nun seit hunderten und aber hunderten von Jahren
alltäglich um dieselbe Stunde, an derselben Stelle
erklungen war, und die vorauösichtlich hier auch noch
erklingen wird in fernen, fernen Tagen. Die fort-
wirkende Kraft eines großen Gedankens offenbarte sich

uns in diesen feierlichen Klängen wieder einmal auf
das Neue. Man fühlte sich von ihnen zu jener lang
entschwundenen Zeit zurückgeführt, in welcher die ersten
geistlichen Ansiedler voll hoher Begeisterung und starkem
Glauben hinaufgezogen waren in dies Hochgebirge,
sich abwendend von einer Welt, deren Eitelkeit sie
entsagten; das Ringen und Treiben des Lebens hinter
sich lassend, um in Einsamkeit und Betrachtung der
s Selbstvollendung nachzustreben; um dem Kultus des
Heilandes und der Madonna, des Mannes und des
Weibes in ihrer höchsten Reinheit und Jdealität, in
tiefer Weltabgeschiedenheit einen Altar zu errichten,
und unter halb wilden Volksstämmen die Lehre der
christlichen Liebe zu verbreiten und zu üben.
Mit dem Gesange wechselnd klang die Drgel
durch die Kirche, dann verstummte Beides. Nur
das leise Beten der Mönche war aus dem Chore her
vernehmbar und durch die hohen Bogenfenster der
Kirche ward das Alpenglühen auf den Gipfeln der
Schneegebirge sichtlar, noch Licht verbreitend nach dem
Untergang der Sonne, ein Widerschein entschwundener
Herrlichkeit,
Als der Gottesdienst beendet war, verließen die
Fremden die Kirche Einer um den Andern. Auch


wir schickten uns zum Fortgehen an. Nur die beiden
barmherzigen Schwestern verharrten betend noch auf
ihren Plätzen; und das greise Haupt auf die Hände
gesenkt, daß man ihr Antliz gar nicht sah, lag die
ältere Bäuerin in tiefem Gebet versunken, noch auf
ihren Knieen.
Wie wir dann draußen auf dem Kirchhof stan-
den, dem allmäligen Erlöschen des Alpenglühens zu-
zuschauen, gingen die drei Frauen an uns votüber.
Man sah, daß die beiden Nonnen die Töchter der
Alten waren, denn die schöne Gesichtsbildung, die
stattliche. Größe waren allen Dreien gemeinsam, znd
die Aehnlichkeit zwischen ihnen wwar auffallend, obsähoit
der sanfte Gesichtsausdruck der Klosterschwestern und
der finstere Blick der Alten starke Gegensätze bildeten,
und die voll und starkknochig ausgeprägte Gestalt der
Mutter neben den schlanken Leibern der Töchter noch
wuchtiger und derber aussah.
Weil die Abende kühl waren, beendeten wir nn-
sere Spaziergänge immer mit dem Sonnenuntergange
und gewöhnten uns endlich daran, allabendlich in die
Kirche einzutreten, in welcher die alte Bäuerin und
die beiden Nonnen niemals fehlten. Sie waren regel-
mäßig die lezten Beter in der Kirche, und trennien

sich dann auf dem Platze vor derselben meist mit
stummem Gruß. Die Nonnen gingen thalaufwärts
nach dem von ihnen verwalteten Armenhause, in
welchem die Gemeinde ihre Kranken, ihre Alters-
schwachen und ihre Waisen untergebracht hatte; die
Alte stieg mit starkem Schritte einen schmalen Fuß-
pfad hinan, der an der Nordseite des Thales zu einer
der prächtigsten Matten und zu dem ansehnlichsten
Hause des ganzen Thales führte.
Die Frau hatte etwas Besonderes an sich. Ihre
Züge waren hart und scharf, wie man es an den
Frauenköpfen auf manchen der Holzschnitte von Albrecht
Düürer findet. Ihr Auge wich dem Blicke der Frem-
den aus, und von der Freundlichkeit, mit welcher die
Landleute des Thales der Anrede eines Fremden im
Allgemeinen zu begegnen pflegten, war an ihr Nichts
zu bemerken. Indeß eben ihre Zurückhaltung machte
sie uns anziehend, denn es sind nicht nur die Kinder,
welche nach dem Versagten ein gesteigertes Verlangen
fühlen, und der Müßiggang macht neugierig. Wir
meinten einmal sehen zu müssen, wo und wie sie
wohne, und als wir eines Tages unsern Morgenspazier-
gang nach der Höhe unternommen hatten, auf welcher
ihr Haus gelegen war, schlugen wir unsern Rückweg

nach der Richtung ein, welche uns an demselben ro. -
überführen mußte.
Als wir herankamen, überraschte uns das Hans,
denn es machte in der Nähe sich noch stattlicher unnd
schöner, als von der Ferne. Sie waren offenbar ui:
Naum und Baumaterial noch nicht verlegen gewesen,
die Bauleute, die dies Haus vor nahezu zwei Ichr-
hunderten auö den Baumstämmen des Waldes aufge-
richtet hatten, der sich hinter demt Hause weit hiaee
dehnte. Die Zeit hatte wie eine scharfe Beizr dir
Stäämme und Balken dunkelbrann gefärbt, und die
Sonne die in Blei gefaßten runden kleinen Scheilen,
aus denen die Fenster sich zusammensetzten, in wechseln-
der Farbe schimmern machen. Aber das Gefüge stand
noch so fest, als wäre es heute erst gerichtet, daä Haus
lag mit seiner dreifachen Fensterreihe hoch und sich
in Freiheit ausbreitend, am Duellenrande da; die
Gallerien zogen sich unter weithin schüzendem Vordach
um die beiden oberen Gestocke hin, und mehr noch
als sie, boten die uralten Nußbäume dem Hause Scuz
und Schatten, die neben und hinter ihm emporge-
wachsen waren.
Mlles verrieth einen alten Wohlstand an dem
Hause. Die Siallungen konnten Vieh genug beher-

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bergen, wenngleich sie jezt zur
waren. Die ungewöhnliche
Sommerszeit verlassen
Zahl und Größe der
Wirthschafisgebäude ließ verm
athen, daß man hier eine
habe. Der überdachte
große Heuernte zu bewahren
und wohlgefaßte Quell, der sein klares Wasser aus
eiserner, von alter Schmiedekunst gefertigter Röhre in
die langen breiten Steintröge ergoß, plätscherte laut
in seines Reichthums Fülle, und wie das Wasser
Kühlung spendete in dieser heißen Zeit, so verhießß die
Masse des klein geschlagenen und sorgsam aufgeschich-
teten Holzes, daß man in dem Hause auch in den
Tagen des Winters von des Wetters Ungunst nicht zu
iden haben werde.
Oben auf der Giebelfirst waren, wie auf dem
Thurm des Klosters, der Neumond und der Morgen-
stern als
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und auf
rath sich
und dem
hin hoo signo rineess prangte am Giebel;
der schön geschnizten Planke, die als Zier-
auf der Giebelfront zwischen dem Erdgeschoß
thümlicher
Auf
Wetterfahne angebracht. Das Zeichen des
zweiten Stockwerk hinzog, stand in alter-
Schrift zu lesen:
Gott vertraut und aufgebaut mit eigner Kraft
Voe Maria Vosepha Anschafft
Bür sich und ihre Nachkommenschaft
Bnno Dowini 1879.

Es war eine Inschrift, wie sie uns ähnlich weder
hier noch anderwärts jemals vorgekommen war. Sie
klang so stolz und selbstgewiß, als hätte die Frau, die
uns merkwürdig geworden war, sie selbst errichtet; und
weil man gewohnt ist, sich die Frauen immer nur
in der Abhängigkeit von einem Manne zu denken,
stand es für uns Mlle sofort fest, daß es mit jenrr
Maria Josepha Anschafft, welche dieses Hans vor zwei-
hundert Jahren erbaut hatte, und mit dem Hause
selber, schon von Anfang an ein eignes Bewandtni,;
gehabt haben müsse.
Wir meinten, es müsse etwas Besonderes verge-
gangen sein, ehe eine Frau sich in jenen fernen Tagen,
und vollends hier zu Lande, so geflissentlich als Bau-
herrin und Beschüzerin ihrer Familie kund gegeben
habe; und wie wir denn länger und länger auf demn
Platze weilten, dessen erfrischender Schatten uns wä! -
rend der schweren Mittagshize erguicklich festhielt, fi:l
es uns allmälig auf, daß daö reiche stattliche Hane
jich gegenwärtig alles jenes freundlichen Schmuckes
baar und ledig zrigte, an welchem selbst der weniger
Bemittelte es seiner Hütte, wenn er es irgend kann,
nicht gerne fehlen läßt.
Der eingezäuute kleine Gartenraum war halb ven-

wildert. Was von Blumen noch darin blühte, hatte
offenbar zufällig und ungepflegt in demselben fort-
gewuchert. Der Weg, welcher einst zwischen den Bee-
ten gezegen worden, war mit Gras bewachsen. Auch
an den Fenstern sah man keine Blume, und sogar
die Vorhänge an den Fenstern fehlten, deren leuchtende
Sauberkeit neben dem dunkeln Holzwerk der Häuser
sich hier zu Lande meist so freundlich ausnimmt.
Während Einer von uns eben diese Bemerkung
aussprach, trat die Besizerin des Hauses aus der
Thüre unter daö Dach des Vorgeleges heraus und
sah uns an, ohne uns auch nur mit einem Gruße
kund zu geben, daß sie uns gewahre.
Wir boten ihr den guten Tag, sie erwiderte es
kurz. Als wir danach die Erwartung aussprachen, sie
werde wohl erlauben, daß wir hier unter dem Schat-
ten ihrer Bäume noch ein wenig ruhten, sagte sie:
,Dazu ist die Bank ja da!!-- und ging, ohne uns
weiter auch nur eines Blickes oder Wortes werth zu
achten, in das Haus zurück, dessen Thüre sie hinter
sich fest zuzeg.
Eine solche Unfreundlichkeit war uns in all den
Wochen, wäährend deren wir im Thale lebten, noch
nicht vorgekommen. An so manchem Hause hatten


wir gerastet, und überall hatte man uns einen Will-
kommen, ein freundlich Wort auch ohne unser Zuthun
zugerufen.
Erst am verwichenen Tage hatten wir vor einem
Hause gesessen, alä die Eigenthümerin, eine schwene
Ladung Gras auf ihrem Haupte tragend und die
Sichel in der Hand, von ihrer Matte heimgekommen
war. Auf unsere Bemerkung, daß wir es und bei
ihr bequem gemacht und schon lange dagesessen hätten,
war eine herzliche Freundlichkeit über ihr gutes G-
sicht gegangen, und uns anlächelnd unter ihrer Last,
hatte sie uns zugerufen:,Sizen Sie hier ewigk!
Das hatte anders geklungen, als jenes abweisende:
,die Bank ist dazu da!' welches und plözlich alles
Behagen an dem Ruhen und an diefer Stelle nahm.
Es wurde uns widerwäirtig, anscheinend nur geduldet
zu werden, weil kein Grund vorhanden war, uns fort-
zuweisen; und wir erhoben uns denn auch nach wenig
Augenblicken, um unsern Heimweg fortzusezen.
, Wenn Gastfreiheit gegen den Wanderer zu den
christlichen Tugenden gehört,' sagte einer unserer Be-
gleiter, , so hat diese Frau sich heute Morgen gleich
wieder einer Sünde schuldig gemacht, die sie Abends
in der Kirche bei ihren täglichen Gebeten büßen kann.

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Unwirscher, als sie sich gegen uns gezeigt hat, kann
an wohl nicht sein.?
,,Sie sieht immer finster und alstoßend auö!'
bemerkte ein Anderer.
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ein, und während unseres ganzen Rückweges kamen
wir
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,Wer weiß, was sie erlebt haben mag !! wendete
unwillkürlich noch zu verschiedenen Malen auf die
u zu sprechen.
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r unserm Gasthofe trafen wir unsere Wirthin
Sie
ihr
fragte, wo wir gewesen wären? Wir nann-
den Weg und ich erzählte ihr unser kleines
muteuer.
,Ja! sagte sie, ,das ist so ihre Art. In ihrer
ugend ist sie meine beste Freundin gewesen und
sehr besonders und sehr stolz war sie schon dazumal.
Aber sie war schön und brav, wie selten Eine, und
wir haben kein Geheimniß vor einander gehabt, bis
allmälig all das Unglück über sie hereingebrochen ist.
Sezt geht sie allen Menschen aus dem Wege, nicht
blos den Fremden, die freilich auch Unglück genug über
sie gebracht haben. Sie mag seitdem mit Niemandem
zu schaffen haben; und nachdem sie es dem Kloster
verschrieben hat, ist ihr sogar ihr Haus und Hof und
ab und Gut verleidet worden, daß sie nichts Nechtes


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mehr dafür thut. Ihr ist's jedoch kaum zu verargen,
wenn sie die Menschen und das Leben satt bekom-
men hat.?
Wir fragten, ob sie keine Kinder habe? Ob die
barmherzigen Schwestern nicht ihre Töchter wären?
,Freilich! sagte die Wirthin.,Die beiden Mäd-
chen hätten Sie aber als Kinder sehen müssen. Eine
schöner als die Andere - wahre Engelsköpfe!r
, Und Shne hat sie nicht?
Die Wirthin wurde aus dem Hause mit einer
Frage angeganFn. Sie gab rasch Bescheid, und sich
noch einmal zu uns zurückwendend, sagte sie: ,Von
dem Hause und von der Familie ist viel zu sagen,
schon von alten Zeiten her. Die Geschichten haben
sich von Mund zu Mund erhalten. Vieles hat man
selber mit erleben helfen, und waä sich danach zuleh!,
vor jenen sieben, acht Jahren zugetragen hat, ist
eigentlich vor unseren eigenen Augen hier geschehen.
Sie müssen Sich das von meinem Sohne, dem Doktor
einmal auöführlich erzählen lassen. Er war ein Freund
vom Benedikt, und meine Tochter weiß auch davon
Bescheid. Sogar einen Brief haben sie noch von ihm.
Er hatte ihn mit Absicht bei dem Doktor liegen lassen,
und auch ein Bild ist von ihm da, das ganz natür-

lich ist. Die fremde Dame hat es seiner Zeit ge-
macht und es nachher hier gelassen. Mein Sohn hat
es bei sich in seiner Stube hängen. Seine fremden
Patienten haben es oft bewundert; und er war auch
wirklich schön der Benedikt!' sezte sie hinzu, während
sie einer zweiten Mahnung folgend, eilig in das Haus
und an ihr Geschäft ging.
Sie hatte aber mit dieser ihrer flüchtigen Aud-
kunft unsern Antheil an der Geschichte jenes Hauses,
wie an dem Schicksal seiner finsteren Besitzerin wesent-
lich gesteigert. Indeß in einer Wirthschaft, in welcher
Jeder, wie in dieser, sein reichlich zugemessenes Theil
von Arbeit hat, und mehr als hundert Gäste täglich
von ihren Wirthsleuten einen freundlichen Gruß und
aufmerksame Beachtung fordern, ist denselben wenig
Zeit zu ruhigem Verkehren mit den Einzelnen gegönnt.
Der Doktor hatte während der Kurzeit ebenso wenig
Muße als seine Mutter und die Schwester, und ek
vergingen viele Tage, ehe wir seiner oder seiner Schwe-
ster habhaft zu werden und sie auf die alte Jakobäa
und auf deren Sohn zu bringen vermochten.
Dazu kam, daß sie Beide immer nur bruchstück-
weise bald dieses, bald jenes Ereignisses erwähnten,
wie sie denn auch nur gelegentlich und gegen das Ende

unseres Aufenthaltes mit dem Bilde und mit dem
Brief zum Vorschein kamen, dessen unsere Wirthin
gegen mich gedacht hatte.
Was ich auf diese Weise von der Wirthin und
von ihren Kindern, theils als alte Sage, theils als
Erzählung der Großeltern, und dann wieder als etwas
von ihnen Selbsterlebtes erfahren habe, das habe ich
in Zusammenhang gebracht, und so weit es thunlich
war, möglichst wortgetreu in der Weise wiederzugeben
versucht, wie die verschiedenen Personen es mir mitge-
theilt haben, die Zwischenglieder ergänzend und ver-
bindend, wie der Hergang es wahrscheinlich machte
und gebot.
F. Lewald, Benedikt. l.

Kapitel 02

Iz, Auschafft's sind eine der ältesten Familien
des Thales. Sie sollen über dreihundert Jahre in
demselben angesessen und seit ein paar hundert Jahren
immer schon sehr wohlhabende Leute gewesen sein.
Zu den Zeiten, als der dreißigjährige Krieg in
Deutschland gewüthet, hat oben in dem Hofe ein An-
schafft gesessen, der drei Söhne gehabt hat; und weil
er darauf gehalten, daß sein Hof und Anwesen einmal
nicht zertheilt werden, sondern beisammen bleiben sollten,
hat er Nichts dawider gehabt, daß sich seine beiden
jüngsten Söhne unter dem Wallenstein haben anwerben
lassen, um gegen die Protestanten und gegen den
Schwedenkönig, zur Ehre Gottes und der Heiligen
Jungfrau, in den Krieg zu ziehen.
Ee ist einige Jahre keine Nachricht von ihnen

gekommen, bi? endlich der Jüngste geschrieben hat,
daß der ältere Bruder in der Schlacht gefallen, er
selber aber gesund geblieben sei. Er sei allmälig zum
Wachtmeister aufgerückt, er denke also gar nicht mehr
daran, nach Hause zurückzukehren, sondern wolle bei
dem Waffenhandwerk bleiben, in welchem er es zu
etwas Ordentlichem zu bringen hoffe. Es wären
Obristen und Generale in der Armee, die von der
Pike heraufgekommen wären, und was dem Einen
gelungen wäre, das könne dem Andern auch gelingen,
wenn er nur sein Ziel nicht aus dem Auge ließe, und
dieses nicht zu thun, sei er ja der rechte Mann.
Da während der Abwesenheit der beiden jungen
Leute ihre Mutter auch gestorben war, der Aelteste
aber, auf den der Vater es einzig abgesehen hatte,
sich mit einer Erbtochter versprochen hatte, so war
kein großes Trauern um den Todten, den zu sehen
man ohnehin seit Jahren nicht mehr gewohnt gewesen
war, und wenn der Jüngste sich zu einem Obristen
und großen Manne aufschwingen konnte, so dachten sie,
daö solle und könne ihnen recht sein. Indeß es kam
mit einem Male anders, als sie es erwartet hatten.
Dicht vor dem Hochzeitstage legte sich der Bräutigam
und starb, und es verstand sich für den Vater nun

durchaus von selbst, daß der Jüngste jezt nach Hause
zu kommen und sein Erbe anzutreten verpflichtet sei.
Der mußte aber lange gesucht werden, ehe man
ihn in jenen unruhigen Zeiten finden konnte, und als
man ihn gefunden hatte, wollte er nicht kommen.
Er wollte nicht davon hören, daß er das bunte Waffen-
kleid von sich thun, den Bauernkittel anlegen, das
Schwert mit der Sense vertauschen, und auf des
Vaters Matte in dem weltabgeschiedenen Thale als
ein Landmann leben sollte, statt mit lustigen Gesellen
hinter seinem Fähnlein in der Welt herumzumarschiren,
und von Flbenteuer zu Abentener fortzuziehen. Zu-
lezt jedoch, alö sich auf des Vaters Antrieb sogar der
Abt des Klosters mit einem Schreiben an den Obristen
des Negiments gewendet hatte, damit er den Anselmus
Anschafft frei lassen und zur Heimkehr bewegen möge,
ist dieser endlich doch nach Hause gekommen, wobei
es sich denn bewahrheitet hat, daß es dem Menschen
nicht immer zum Heil ausschlägt, wenn er seinen Willen
durchsezt.
Das Haus war da, das Gut war da, die Braut
und die reiche Aussteuer waren ebenfalls da, und der
Anselmus hat es sich zuerst, als er nur erst zu Hause
war, auch ganz gut gefallen lassen, in des ältesten

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Bruders Stelle einzutreten. Das Wohlgefallen hat
jedoch nicht lange vorgehalten, denn die Sehnsucht
nach dem unruhigen Leben ist nach kurzer Jeit gleich
wieder über ihn gekommen. Dem Vater hat er nicht
pariren wollen, weil er kein Offizier, sondern nur ein
Landmann war; die ruhige Arbeit hat ihm noch weit
weniger geschmeckt, als die heimische Kost und das
tägliche Einerlei, und seiner Frau ist er nach Jahr
und Tag gleichfallö satt geworden, weil er auch darin
an Wechsel gewöhnt gewesen ist. Streit und Hader
haben nicht lange auf sich warten lassen und nicht
wieder aufgehört, und wie der Vater nur erst die
Augen zugemacht, der doch wenigstens die Hand auf
dem Geldbeutel gehabt hatie, ist die Maria Josepha
ihres armen Lebens mit dem Anselmus nicht mehr
froh geworden.
Mit weinenden Augen hat sie es ansehen müssen,
wie der Mann in Spiel und Trunk immer tiefer
heruntergekommen, wie die nothwendige Arbeit unge-
than geblieben ist, und wie erst eine Matte und dann
die andere verkauft worden ist, daß die Frau bald
nicht mehr viel Anderes ihr Eigen zu nennen gehabt
hat, als ihre Kinder und das Dach und Fach über
ihrem Kopfe. Aber auch das Dach und Fach sind nicht

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ihr geblieben, denn als der Mann einmal seiner Sinne
nicht mehr mächtig, von der Kirchweih in der Stadt
zurückgekommen ist, da ist durch sein Verschulden im
Hause ein Feuer ausgebrochen, bei dem er selber zum
Krüppel geworden ist, und aus dem die Frau Nichts
gerettet hat, als die Kinder und das nackte liebe
Leben.
Der Mann hat es danach nicht lange mehr gr-
macht. Der unglücklichen Wittwe, mit der Jedermann
hat Erbarmen haben müssen, sind sie ans dem Kloster
zu Hülfe gekommen, und nachdem die brave Frau
nur erst freie Hand gehabt hat, hat sie zu arbeiten
und zu schaffen angefangen, daß es die Leute in Ver-
wunderung gesezt hat, und daß sie am Abend ihres
Lebens wieder ein schönes Stück Geld zusammen ge-
bracht, fast alle Matten zurückgekauft, das Haus oben
aufgerichtet und mit der Inschrift versehen hat, die
noch heute an demselben steht. Durch diese Inschrift
haben sich denn ihr Andenken und die ganze Ge-
schichte unter den Menschen lebendig erhalten, die
sonst im Laufe der langen Zeiten natürlich verloren
und vergessen worden wären.
Seitdem ist das Grundstück, und es sind nun
bald zweihundert Jahre her, immer unter den An-

2
schafft's geblieben, aber eö soll auch von jenen Zeiten
her unter ihnen sein, daß der rechte tüchtige Sinn
und die eigentliche Arbeitskraft mehr unter den Frauen
als unter den Männern des Hauses zu finden ge-
wesen sind. Das Landsknechts Blut hat in den Män-
nern immer herumgespukt. Sie haben Kriegsdienste
genommen hier und dort. Es haben Viele von ihnen
außer Landes ihr Ende gefunden, und unter den alten
Leuten des Thales weiß Mancher es noch zu erzählen,
was er in seinen jungen Jahren von den Abenteuern
der verschiedenen Anschafft's erlebt und berichten ge-
hört hat.
Zu der Zeit als die jezige Besizerin des Hauses
auf die Welt gekommen ist, hat das Haus zwei
Brüdern gehört, die einmal ausnahmsweise Beide
darin geblieben, und in gutem Einvernehmen mit
einander zurecht gekommen sind. Der Eine, Martin
Anschafft, hat nuur einen Sohn gehabt, mit Namen
Maurus, und dem Andern ist von einer gannzen Menge
Kindern nur eine einzige Tochter am Leben geblieben,
eben die Jakobäa, die noch jezt in dem Hause waltet.
Ec hat sich also bei den Vätern ganz von selbst ver-
standen, daß Maurus und Jakobäa ein Paar werden
müßten, damit das Haus und was dazu gehörte -

A
und die Anschafft's waren inzwischen immer mehr in
die Höhe gekommen - so in der Familie erhalten
bliebe, wie die Brüder es besaßen.
Dem Mädchen ist das ebenfalls natürlich vorge-
kommen und ganz recht gewesen. Der Spruch an den
Hause, mit dem sie aufgewachsen, war ihr auch wie
eingewachsen.
Jakobäa hat es gar nicht anders gekannt und ge-
dacht, als daß fie einmal den Maurus zun Manne
bekommen würde, und da sie nebenher von Kindes-
beinen an sich zur Wirthschaft gut angelassen, und
früh gelergt Jat, wie viel Bazen auf ein Schock gin-
gen, so hat sie es auch zeitig begrifßen, daß zwwei
Hälften ein Ganzes machen, und mehr werth sind,
als ein Halbes. Daß einmal eine Andere als sie
neben dem Maurus in dem Hause fitzen sollte, oder
gar, daß sie mit einem Andern aus dem Hause fori-
gehen könne, in dem sie geboren worden war, und
das die Maria Josepha Anschafft für sich und ihre
Nachkommenschaft wieder aufgebaut hatte, das ist der
Jakobäa in ihrem Stolze ganz unmöglich vorgekon-
men. Sie hat also an dem Vetter wie an einem
Theile von ihrem Eigenthume festgehalten, und damit
hat sie es zumeist bei ihm verdorben. Sie hatte ihn

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gerade damit ganz besonders aufgestachelt, den beiden
Alten und ihr selbst zum Trotze fortzugehen in die
Fremde.
Die Männer, die mit ihm jung gewesen sind,
haben ihn oftmals sagen hören, daß er kein Felsblock
sei, der für ewige Zeiten stehen bleiben müsse, wo er
einmal stehe. Er sei auch kein Erbstück, wie eine alte
Truhe, oder wie das Vieh, daö mit dem Hause und
dem Hofe übernommen werde. Er lasse sich von Nie-
mandem versprechen, so wenig er sich verkaufen oder
verdingen lassen würde gegen sein Belieben. Er sei
ein freier Mann, und Gott habe dem Menschen Ver-
nunft und freien Willen gegeben, damit er über sich
selbst bestimmen und für sich selber wählen sollte.
Hier oben in den Bergen zu bleiben und immer nur
Gras zu mähen, das Vieh zu hüten und die Käse
in die Welt hinauözuschicken, sei er nicht gesonnen;
das könnten Andere thun, die nicht seine Kräfte und
seine Länge und seine breiten Schultern häiten. Er
wolle lieber in die Welt gehen, sich in ihr umthun,
wie schon so Mancher von ihnen es vor ihm gethan
habe. Er wolle sehen, wie es ihm in der Welt ge-
fallen werde, und nachher sei es noch Zeit genug, sich
zu entscheiden, ob er sich hier oben in den Bergen


festsezen, und ob er die Jakobäa oder eine Andere
zum Weibe haben wolle oder nicht. Wolle sie das
abwarten, so habe er nichts dawider, wolle sie das
nicht, so sei ihm das eben so genehm. Es müsse
Jeder thun, wie eö ihmt, nicht wie es Andern beliebe
und gefalle.
Je mehr die beiden Väter ihm entgegen gewesen
sind, um so fester hat er natürlich auf seinem eignen
Sinn bestanden, und je mehr hat es die Jakoläa ver-
drossen, daß er ed kund gegeben, wie er sich gar Nichts
aus ihr mache. Aus seiner Gleichgültigkeit und aus
ihrem Stolze, gie immer wieder sich an einander ge-
rieben und gestoßen haben, ist wie aus hartem Stein
und kaltem Stahl der Funken in ihr Herz gefallen.
Sie hat es ihm nicht zeigen wollen, daß sie ihn liebte
und ist bitter nnd eigensinnig gegen ihn geworden;
und weil sie sich dazwischen doch verrathen hat, hat
er auch sein Vergnügen daran gehabt, sie damit zu
kränken, daß er sie verschmähte. Es ist ein immer-
währender Unfriede zwischen den jungen Leuten ge-
wesen.
Darüber hat es denn endlich auch unter den
Vätern Streit gegeben, und wie der Maurus immer
wieder fest und bestimnt erklärt hat, daß er unter

keiner Bedingung länger in dem Hause und in dem
Thale bleiben werde, so hat der Beichtvater des Hauses,
dem die Väter ihre Noth geklagt haben, sich in das
Mittel gelegt und dem Widerspenstigen den Rath ge-
geben, er solle, wenn er denn durchaus in die Welt
hinaus wolle, sich auf eine bestimmte Anzahl von
Jahren unter die Schweizer einschreiben lassen, die in
Rom die Leibwache des heiligen Vaters bildeten. Das
sei ein Beruf, an dem Gott Wohlgefallen habe, man
wisse denn auch, wo er sei und bleibe. In Rom
werde er in dem rechten Glauben aufrecht erhalten,
und da er ein großer und ansehnlicher junger Mann
sei, der in der Klosterschule guten Unterricht genossen
habe, so könne er auf diesem Wege nicht nur zu Ehren
kommen, sondern auch sein Seelenheil befördern.
Man hatte dem Maurus in den alten Bildwerken
der Klosterbibliothek die Abbildung der Schweizer Helle-
bardiere des Papstes gezeigt, die, wie alte Ritter an-
gethan, in den großen Prozessionen mit ihren Helle-
barden vor dem Thronhimmel hergehen, auf welchem
der Papst durch die prachtvollen Hallen der Peterskirche
getragen wird, und er hat von da ab die Stunde
kaum erwarten können, bid er mit des Frühlings An-
fang sich auf den Weg nach Rom begeben konnte.

Mußten sie ihn einmal gehen lassen, so war das
den Vätern noch der liebste Weg, und da die Jakobäa
trotz ihres Stolzes fromm und dem Zuspruch ihres
Beichtvaters von Herzen zugänglich war, so söhnte
auch sie sich mit dem Gedanken aus, daß Maurus
die Heimath und sie verlassen sollte, um den heiligen
Vater zu bewachen, gegen den in jenen Jahren sich
in seinen eigenen Landen zu verschiedenen Malen Auf-
ständige erhoben hatten.
Ehe er fort ging, genossen die beiden Väter und
Jakobäa und Maurus zusammen noch das heilige
Abendmahl. Pater Theophil, der damals eben erst die
großen Weihen empfangen, hat ihn besonders noch ge-
segnet und ihm einen Empfehlungsbrief verschafft, der
ihm auf seinem Wege in den Klöstern Aufnahme und
Herberge erwirken sollte. Man hatte ihn übrigens gut
auögestattet, wie es einem jungen Menschen zukam,
dessen Vater im Vollen saß, und als er dann am
lezten Abende in der oberen Stube die Goldstücke in
dem Ledergurte verwahrte, den er am andern Morgen
auf dem bloßen Leibe anlegen sollte, hat die Jakobäa
neben ihm gestanden und nachdenklich zugesehen, wie
er die Stücke überzählte.
Gesprochen haben sie Beide nicht. Draußen hat

H
der Föhn geweht und der alte Birnbaum, der schon
seit vielen Jahren keine Früchte mehr getragen, und
den man nur noch stehen lassen, weil er schon wer
weiß wie lange neben dem Hause gestanden hatte, hat
in dem dürren Wipfel geknirrt und geknarrt, daß es
sich anhörte, als würde er in jedem Augenblicke brechen.
, Ob der noch stehen wird! sagte darauf Mau-
rus, und Nichts weiter.
, Der hält noch mehr aus, als die paar Jahre!'
meinte Jakobäa, und hatte nicht das Herz, den Vetter
anzusehen.
,Es ist nicht gesagt, daß ich in ein paar Jahren
wiederkomme! gab er ihr zur Antwort. , Hier oben
ist ja Nichts zu holen.
Jakobäa hat darauf geschwiegen, und als er seine
Sachen hergerichtet hatte, wollte er hinausgehen. Sie
aber rührte sich nicht von der Stelle und kämpfte hart
mit sich. Mit einem Male, wie er schon unter der
Thüre stand, trat sie an ihn heran und hielt ihn fest.
,Soll ich auf Dich warten? fragte sie.
Er blieb stehen, sah sie an, wendete sich wieder
von ihr ab, und entgegnete:,Halt' das, wie Du
willst. Es thut Jeder, was er nicht lassen kann! --
und damit ging er fort.

Kapitel 03

Heittes
F. Lewald, Benedikt. l.
Onpitel.

E: hatte versprochen, daß er Nachrichi von sich
geben wollte und sie warteten und warteten darauf,
ohne daß sie kam. Endlich, weil man gar Nichts
von ihm hörte, schrieb der Herr Prior, der in Rom
viel Anhang und Bekanntschaft hatte, an Einen, der
es leicht erfahren konnte, er möge sich doch einmal
erkundigen, ob der junge Maurus Auschafft in Rom
angekommen, und in die Leibwache des heiligen Vater?
eingetreten wäre.
Die Antwort fiel verneinend aus, und es wußte
nun hier oben Niemand, was er nur davon denken
solle. Die Einen vermutheten, er sei zu Schaden
und um das Leben gekommen, die Andern wollten
nicht daran glauben, weil er ein starker und ent-
schlossener Mensch war. Sie meinten, er würde auf

H
gut Glück wo anders hingegangen sein, weil er sich
niemals Etwas hatte vorschreiben lassen und nie lange
bei demselben Vorsaz geblieben sei; und es stellte sich
danach heraus, daß diese Letzteren das Richtige ge-
troffen hatten.
Er war schon über Jahr und Tag von Hause-
fvrt, als endlich ein Brief von ihm ankam, und zwar
nicht aus Italien, sondern aus Algier. Das hing
aber so zusammen.
Der Herr Abt hatte ihm, als der Maurus fort-
gegangen war und weil er durchaus das Meer zu
sehen verlangte, die Reisestraße in der Art vorgezeichnet,
daß er zuerst nach Genua wandern und sich von dort
nach Eivita vecchia einschifen sollte. Nach Genua war
er auch wirklich gekommen, und zwar in Begleitung
von ein paar anderen jungen Leuten, die auf dem
Wege nach Frankreich gewesen waren, um dort in die
Fremdenlegion für den französischen Kriegsdienst in
Algier einzutreten. Es waren lustige, verwegene
Burschen gewesen, die es ihm vorgestellt hatten, daß
es ein langweiliges Gewerbe sei, mit der Hellebarde
auf der Schulter heute im Vatikan und morgen im
Quirinal auf den Posten zu ziehen, um einen alten
Pfafen zu bewachen. Sie hatten dabei nicht ermangelt,

K
ihm das Leben eines französischen Troupiers und die
Aussichten, die ein muthiger junger Mann grade in
den französischen Colonien habe, in den verlockendsten
Farben auszumalen.
Maurus hatte diese Schilderungen sehr nach seinem
Geschmack gefunden, die mitgenommenen Goldstücke
waren vermuthlich in Gesellschaftseiner neuenFameraden
auch schnell flüssig geworden, und er meldete denn jezt
ohne sich auf weitere Erklärungen einzulassen, daß er
in der Fremdenlegion Dienste genommen habe, daß;
es ihm in derselben gut gehe, und daß er sobald nicht
wiederkemmen werde. Es sei bei ihnen in Algier vie!
schöner und ein ganz anderes Leben als zu Hause.
Von dem Heimweh, von dem man immer sage, daß
es den Schweizer in der Fremde befalle, und ihn in seine
Berge zurückziehe, könne er noch Nichts verspüren;
und man möge sich also keine Sorgen machen seinet-
wegen.
Oben in dem Thale hörten sie das gelassen an.
Das Heimweh wird schon noch kommen, sagten sie,
und des Maurus Vater verließ sich auch darauf. In-
deß es verging ein Jahr um das andere, ohne daß
er wiederkehrte. Nachricht gab er immer seltener und
immer weniger von sich, bis man sich daran gewöhnte,

78
daß man Nichts mehr von ihm hörte, und daß er
eben nicht mehr da war. Die beiden Alten wirth-
schafteten mit der Jakobäa ruhig fort, denn sie war
noch immer bei ihnen und hatte auch nech keinen
Mann genommen, obschon es ihr an Vorschlägen und
Bewerbern nicht gemangelt hatte, da sie schön und
reich war.
Sie hatte an einem Jeden, der bei ihr anfragte,
irgend Etwas auszusetzen. Jeder aber, den sie also
abgewiesen, ward ihr Feind, und zuletzt hieß es, sie
wolle warten, bis der Maurus einmal umgekommen
sein würde. Dann wäre sie die einzige Erbin in dem
Hause, und sie hoffe ofenbar sich dann noch besser
an den Mann zu bringen, als jezt mit dem halben
Erbe.
Damit jedoch ihat man ihr schweres Unnecht,
denn sie war weit daven entfernt, sich Nechnung auf
des Vetters Tod zu machen. Von frühester Kindheit,
an hatte sie an ihm gehangen, und von der Stunde
ab, da er von ihr mit so kaltem Wort geschieden war,
hatte sie keinen anderen Gedanken mehr gehabt, als
ihn allein. Sie meinte, er habe sich nur so kalt ge-
stcllt, um sie zu quälen, wie e seine Art war. Er
könne es aber doch in seinem Inneuu gar nicht anders

89
gedacht haben, als daß sie trotz alledem zusammen-
gehörten. Er habe es auch ganz genan gewußt, daß
sie auf ihn warten würde, bis er zurückkäme; und
früher oder später werde er wiederkehren, damit sie
hier in dem Hause, daö von der Maria Josepha für
sie und ihre Nachkommenschaft gebaut worden war,
ein Paar werden könnten, wie es sich gebührte.
Jakobäa war siebzehn oder achtzehn Jahre alt
gewesen, als Maurus in die Fremde gegangen war
und sie hatte ihre vierundzwanzig zurückgelegt, als ihr
der Vater starb. Nun waren nur noch fie und der
Ohm im Hause, der auch nicht mehr wie früher bei
Kräftei war, und die ganze Wirthschaft lag im Grunde
ganz allein auf ihr. Sie hatte Alles in der Hand,
bestimmte und verhandelte Alles nur nach ihrem Kopfe.
Sie betrug sich gar nicht mehr wie ein unverheirathetes
junges Frauenzimmer, kümmerte sich auch nicht mehr
um die Junggesellen, und so kam sie mit all ihrer
Schönheit und mit all ihrem Hab und Gut in das
alte Register und in Vergessenheit, als wäre sie für
die Männer nicht mehr zu haben. Sie sagte freilich
immer: so wie es wäre, wäre es ihr gerade recht,
R M k? - -

0
Das ist so hingegangen, bis sie hoch in den Zwan-
zigern gewesen und der Ohm endlich auch gestorben ist.
Natürlich hat das dem Sohne sogleich angemeldet
werden müssen. Der Ammann hat es ihm sofort ge-
schrieben, der Herr Abt hat ihm gleichfalls schreiben
lassen, und sie haben die Jakobäa aufgefordert, es ven
ihrer Seite ebenso zu thun.
Das hat sie aber nicht gewollt. Sie hat ent-
gegnet, sie habe dem Maurus weiter Nichts zu sagen.
Er werde ja kund geben, ob er nach Hause kommen
und sein Erbe selbst bewirthschaften wolle oder nicht.
Komme er nicht, so müsse sie zusehen, wie sie sich
mit ihm auseinandersetze, denn aus dem Hause gehe
sie in keinem Falle fort. Ein Frauenzimmer von
ihrem Stamne hätte es der Zeit für die Familie
aufgerichtet, und sie sei eben so gut wie die Maria
Josepha im Stande, es bei der Familie auf ihre eigene
Hand zu erhalten, wenn der Maurus so pflichtvergessen
sein könnte, sich davon frei machen zu wollen. Sie
werde abwarten, was er zu thun gesonnen sei und
dann weiter zuschauen.
Diesmal haben sie auf seinen Bescheid nicht so
lange zu warten brauchen. Der Maurus ist bald
selber angekommen, und sie erzählen noch im Thale,

1
wie man am Anfang gar nicht hätte glauben wollen,
daß er es wirklich sei.
Er war von der heißen afrikanischen Sonne
schwarzbraun geworden, als wäre er in Afrika ge-
boren. Er hat einen prachtvollen Bart getragen, und
obschon er es nicht weiter gebracht hatte, als bis zum
Unteroffizier, hat er vornehm ansgesehen und stolz ge-
than, wie kein inländischer General. Mlles ist ihm
z gering vorgekouunten und Jedeun, der es hat hören
wollen, hat er gesagt, daß er sich allerdings frei ge-
macht habe und zu
wolle, daß es ihm
weniger gefalle, als
Hause bleiben könne, wenn er
aber in den Bergen jetzt noch
sonst vordem. Er denke fortzu-
gehen, sobald er nur erst mit der Jakobäa im Reinen
sei, was ja wohl nicht lange dauern werde. Die
Jakobäa wolle das Haus behalten, daran thue sie auch
recht und wohl, denn sie suche in der Wirthschaft
ihres Gleichen. Er aber sei kein Bauer, habe auch
keine Lust am Feilschen und Zusammenscharren, er wolle
den Tag am Tage leben, wolle nicht immer an das
Morgen denken. Was ihm durch den Kopf gehe und
was das Herz ihm sage, das thue er. Sich hier eine
Fran zu nehmen, sei er nicht gekommen, am wenigsten
um der Jakobäa willen. Die wäre das reine Gegen-

»L
theil von ihm; doch müsse er ihr zugestehen, daß sie
ein Frauenzimmer sei, vor dem er salutire, abgesehen
davon, daß sie ihm jezt, wo sie zu Fleisch gekommen,
doch noch eher gefallen könne, als in ihren jungen
Jahren und in deren Magerkeit.
Troz alledem Gerede und dem Prahlen zog das
Verhandeln mit der Jakobäa sich aber mit einem Male in
die Länge. Die Wochen vergingen, es wurden Monate
daraus, der Schnee lag schon wieder in dem Thale,
und Maurus war noch immer da. Als er angekommen
war, hatte er die Uniform getragen, jezt sah man ihn
ab und zu in bürgerlicher Kleidung, und je länger er
da war, um so öfter.
Einen Abend wie den andern kam er in das
Wirthshaus, wo die Leute es nicht müde wurden, ihm
immer wieder zuzuhören, und wo er immer so viel
von seinen Erlebnissen zu erzählen hatte, daß er end-
lich nicht mehr dazu kam, von seinem Fortgehen zu
sprechen.
Wenn man die Jakobäa fragte, wie lange der
Vetter denn noch bleiben werde, sagte sie: dad wisse
sie nicht, und sie frage ihn auch nicht danach. Er sei
im Hause Herr so gut wie sie und könne sich ein-
richten, wie es ihm gefalle.

3
Die Frauen und Mädchen aber machten die Be-
merkung, daß Jakobäa sich jezt niemals ohne ihre
großen goldenen Haarnadeln und ohne die mit Steinen
besezten Dhrringe und Halsketten sehen ließ, die sie
sonst nur Sonntags oder Feiertags getragen hatte.
Sie zeg. wenn sie nicht gerade bei der Arbeit war,
ihre seidenen steifen Mieder an den Wochentagen an,
und sie sah auch viel vergnügter aus, und zeigte sich
redseliger und zuthulicher, als man es sonst ven ihr
gewohnt war. Man merkte wohl, da gehe Etwas vor;
es ließ indeß noch eine Weile warten, obschon die
Beiden immer vertraulicher mit einander verkehrten
und zusammen zur Messe und in die Kirche gingen,
wie Zwei, die von Rechtswegen zu einander gehören,
was ja im -ßrunde auch der Fall war.
Kurz vör Weihnachten kam es zur Verlobung,
bald nach Neujahr war die Hochzeit, und Jakobäa
hatte ed nun erst recht kein Hehl, daß sie von Kindes-
beinen an keinen Anderen im Sinn getragen habe,
als ihren Veiter Maurus. Sie gestand es ein, daß
sie es eigens darauf angelegt, ihn bei sich fest zu
halten, und daß jie unverheirathet geblieben jein würde,
wenn sie ihn nicht hätte haben können. Sie war
immer rüstig bei der Arbeit gewesen, jezt wurde sie

4
es doppelt. Die Lente meinten, sie glänze vor lauter
Zefriedenheit, und sie sagte auch Jedem, der es hören
wollte, daß sie jezt zum ersten Mal zufrieden sei,
weil sie nun endlich ihren Willen habe.
,Ich habe, so lange ich von mir weiß, immer
meinen Willen haben müssen,'' sagte sie, zund ich
habe ihn auch jezt wieder durchgesezt, gar nicht erst
zu gedenken, daß ich es seinem Vater auf dem Todten-
bette versprochen und zugeschworen hatte, daß ich, so
viel es an mir wäre, dazu thun würde, den Maurus
hier bei mir, und hier bei seinem Haus und Hofe zu
erhalten. Hier in das Haus gehört er hin und nun
kann die Nachkommenschaft nur immer kommen, je
eher um so besser. Wenn ich das Haus auch nicht
für sie gebaut hale, wie die Maria Josepha, so habe
ich doch die Waldwiese dazu gekauft, unsere Heerden
vergrößert und Kisten und Kasten wohl angefüllt, seit
ich das Regiment nach dem Tode der Mutter und
der Muhme in die Hand bekommen habe. Et ist
jezt Alles, wie es sein muß, und was der Mensch
will, das sezt er auch durch, sofern er sich rechtschaffen
dczu hält. Es ist ein Jeder seines Glückes Schmied,
und wenn es Einem schlecht geht, so trägt er ganz
allein daran die Schuld.

4k
Wenn man ihr darauf zu bedenken gab, daß dieö
vermessen jei, und daß es Gott versuchen heiße, so
wollte sie davon nicht hören. Es war umsonst, wenn
man ihr vorhielt, daß der Mensch vor Gott nicht also
auf sich trozen dürfe, daß der Herr dem Menschen
manchmal seine strenge schwere Hand ganz unerwartet
fühlbar mache, so entgegnete sie stolz, sie wisse daö
fehr wohl. Aber sie lasse es ja am Gebet nicht fehlen,
und wenn sie für sich selber schaffe, gebe sie ebenso
dem Opferstock voll auf, was ihm gebühre. Auch
wenn biweilen der Eine oder der Andere sich darüber
vernehmen ließ, daß ihr Mann lange nicht so wie sie
tüchtig bei der Arbeit sei, focht sie das nicht weiter
an. Sie sagte, der Maurus habe sich in Afrika lang
genug geplagt, nun könne er's mit ansehen. Nach
einem Manne, der ihr in Alles hineingeredet hätte,
hahe sie es nicht verlangt, den hätie sie gar nicht
gebrauchen können. Sie habe einen schönen Mann
haben wollen, mit dem vor den Menschen Ehre ein-
zulegen sei, den habe sie an Maurus und damit seis
genug und gut.
Als darauf im nächsten Herbst das erste Kind
in's Haus gekommen ist, war die Freude noch weit
größer, nur daß es kein Sohn war, beklagte Jakobäa.

1
Indeß es ward doch eine große Taufgesellschaft ein-
geladen, bei der es so hoch herging, daß die Tische
fast brachen unter ihrer Last. Die Hausfrau und die
Gäste waren mit Essen und mit Trinken und mit
Tanzen lustig vom frühen Vormittage bis in die tiefe
Nacht. Es fiel aber dem Einen und dem Andern,
die zugegen waren, trozdem auf, daß der Taufvater
sich nicht so munter zeigte, als die junge Frau; und
wie der Postmeister ihn fragte, weshalb er nicht wie
sonst gelaunt sei und ob vielleicht der Brief, den er
gestern in der Frühe bekommen habe, ihm verdricßliche
Nachrichten gelracht hätie, gal er ihm ein heimlich
Zeichen, daß er von dem Briefe nicht geredet haben
wolle.
Dem Postmeister brauchte man das nicht zweimal
zu sagen. Er war ein Mann, der seine Erfahrungen
nicht umsonst gemacht hatte. Es ging mancher Brief
durch seine Hände, besonders an solche Leute, die aus-
wärts waren, oder auswärts gewesen und wieder heim-
gekommen waren, der nicht an das Amthaus oder an
die Kirchenthüre angeschlagen werden durfte. Er
machte also auch keine weiteren Worte darüber, als
Maurus ihn mit der Bitte anging, wenn wieder ein-
mal solch ein Brief aus Algier kommen sollte, ihn

?
auf dem Postamt zu behalten, und ihm denselben bei
Gelegenheit unter vier Augen abzugeben. Es habe
mit den Briefen keine Eile.
Das Geheimniß mußte indessen dem Maurus
doch mehr am Herzen liegen, als er sagte, denn der
Postmeister konnte sich nur dadurch die große Freund-
schaft erklären, welche Maurus von da ab plözlich
für ihn kund gab. Er sprach immer und immer
wieder bei ihm ein, ohne deshalb nach den Briefen
bei ihm anzufragen. Der Postmeister bemerkte viel-
mehr, daß Maurus sehr zufrieden schien, keine Briefe
für sich vorzufinden, und wie dann nach einer langen
Pause einmal ein neuer Brief unter seiner Aufschrift
eingelaufen war, wurde Mauru blaß und stumm,
als er die Handschrift sah.
Der Postmeister erwartete also, Mauruö werde
bald mit einer Antwort zu ihm kommen. Indeß er
Irachte keine und der Andere sezte sich im Stillen
seinen Vers daraus zusammen.

Kapitel 04

Wo ging die Zeit hin und noch ehe der nächste
Herbst vorüber war, war auch schon das zweite Kind
und zwar wieder ein Mädchen oben bei den Anschafft's
eingetroffen. Die beiden Kinder waren wenig mehr
als ein Jahr aus einander und sie gediehen Beide,
daß es eine Lust war, sie zu sehen. Die Mutter war
ganz Nolz auf ihre beiden derben Mädchen, nur der
Vater hatte an ihnen nicht die rechte Freude, und es
mußte wohl etwas Besonders mit ihm vorgegangen
sein, denn es schien ihn überhaupt Nichts mehr zu
freuen.
Maurus war wie ausgetauscht. Er war finster
geworden, man hätte sagen mögen menschenscheu.
Redselig war er gar nicht mehr, er sprach und er-
zählte auch nicht mehr von Afrika und von all den


A1
e -K.
1 NKzr
a. Ka sa ..K. K.


A1
e -K.
1 NKzr
a. Ka sa ..K. K.


Heldenthaten, die er dort gethan hatte. Er schnitt
sich endlich sogar den Schnurrbart und den Knebel-
bart ab, die er bis dahin mit großem Stolz getragen
hatte, er ließ sich das Haar nicht mehr scheeren wie
in der Armee; und in dem Wirthshaus, in welchem
er sonst selten einmal gefehlt hatte, traf man ihn immer
weniger an.
Er kam im Ganzen nicht viel aus dem Hause. Ein
großer Kirchengeher war er nie gewesen, nun setzte
er den Fuß nicht mehr über des Gotteöhauses Schwelle.
Natürlich konnte das den Leuten nicht entgehen. Sie
fingen allmälig an, sich ihre Gedanken über ihn zu
machen und gaben es Jakobäen auch wohl hie und
da zu hören, daß mit ihrem Manne Etwas vor-
gegangen sein, oder daß er Etwas auf sich haben
müsse, das ihn drücke. Aber sie lachte die Leute
achselzuckend aus.
,Was soll er denn haben?! entgegnete sie ihnen.
,Ich danke alle Tage meinem Schöpfer, daß er sich
wieder an das Haus gewöhnt, und daß er kein Ver-
langen mehr nach dem Leben trägt, von dem er hier
zu mir zurück gekommen ist. Solche Strapazen, wie
er sie in Algier hat durchmachen müssen, die sezen
sich nicht in die Kleider, die gehen in die Knochen.

5
Die Müdigkeit kommt ihm jezt nach! Jemehr er sich
hier wieder festsezt, je weniger mag er Goit sei Dauk!
an all das wilde Blutvergießen denken, das er dort
unten bei den Franzosen hat verüben helfen müssen.
Er hat die Fremde satt bekommen und sizt nun ruhig
ftille. Wenn er noch länger hier sein wird, bekomme
ich ihn auch an die Arbeit, und dann wird er erst
recht zufrieden sein, daß ich ihn nicht wieder habe
fortgehen lassen, und daß er nun mit Frau und
Kindern auf unserm Hofe sizt.
Sie war wie immer die reine Selbstzufrieden-
heit und Selbstgewißheit, es schlug auch Alles ein,
woran sie ihre Hand nur legte; und verdiente es
Einer, daß es ihm wohl ging, so war sie es mit ihrer
kreuen Arbeit und mit ihrem festen Sinn, der nicht
nur zu schaffen, sondern auch zu tragen und zu sorgen,
und seine Sorgen zu verschweigen verstand.
Denn ohne daß sie ein Wort darum verloren
hatte, war sie es schon eher als die Anderen gewahr
worden, daß auf ihren Manne Etwas lastete. Sie
hatte es längst bemerkt, daß er oftmalö, wenn er in
der Nacht an ihrer Seite lag, im Schlafe anfschrie,
wie Einer, dem der Alp das Herz bedrückt, und wenn
sie ihn dann schüttelte und anrief, sv schreckte er em-

5
por und redete in seiner Schlaftrunkenheit bald auf
französisch, bald auch auf aralisch, daß sie nicht er-
fahren konnte, was er habe. Wenn er danach zu
seinen vollen Sinnen kam, so sagte er, er habe schlecht
geträumt, und wollte immer wissen, was er denn ge-
sprochen und was sie von ihm vernommen habe? Das
konnte sie ihm nicht sagen, und er gab sich dann zur
Ruh.
Weil sich das aber immer öfter wiederholte und
weil ihr Mann auch am Tage sich ganz verwandelt,
bald still und finster, bald unruhig und hastig zeigte,
dachte sie endlich, er könne das viele Sizen nicht ver-
tragen, er sei krank oder köntmte eö doch werden. Sie
sah ihn deöhalb bisweilen darauf an; aber sobald er
es bemerkie, daß sie ihre Augen forschend auf ihn ge-
richtet hielt, wurde er barsch und wild und mied sie,
so wie er es nur konnte.
Das wurde ihr allmälig doch zu viel, und in ihrer
Rathlosigkeit wendete sie sich endlich an den Pater
Medikus, der ein sehr gelehrter Arzt war und mit
seinen Kuren an den Leuten im Thale schon wahr-
hafte Wunder gethan hatte. Man holte ihn viele
Meilen weit, wenn in irgend einem andern Kloster
oder sonst im Lande schwere Krankheit vorkam und

55
die Aerzte nicht mehr helfen konnten. Er hatte auch
den Eltern der Jakobäa und des Maurus in deren
lezten Tagen beigestanden und wenn er auch nicht im
Beichtstuhl saß und Niemandes Beichte hörte, so konnte
man sich auf ihn und seine treue Verschwiegenheit
doch eben so verlassen wie auf einen Beichtiger.
Der Pater hörte sie aufmerksam an, fragte nach
Dem und nach Jenem, und meinte dann, sie könne
immer Recht haben, daß das Stillsizen dem Manne
nicht bekäme. Es sei ihm neulich selber aufgefallen,
daß Maurus schlecht aussähe, als er ihm begegnete.
Er werde wohl ein melancholisches Geblüt bekommen
haben und an der Leber leiden. Das finde sich häufig
bei denen, die lange in den heißen Ländern gewesen
wären. Sie solle es zu machen suchen, daß er nicht
in der Stube hocke, sondern sich, wie sie und ihre
Leute, im Freien an die Arbeit halte. Das werde
ihm gesund sein und wenn ihm das nicht helfe, so
müsse man' dann weiter zusehen. Vor Allem aber
solle sie ihm nicht zeigen, daß sie ihn bevbachte oder
um ihn sorge. Es werde sich wohl geben.
Sie that, wie der Pater es ihr geheißen. Sie
schlug sich, so gut es gehen wollte, die Sorgen und
die Gedanken aus dem Sinn, die ihr bisweilen, sie

wußte selber nicht von wannen, kamen; aber wie zu-
dringliche Fliegen, die sich immer auf die wunde Stelle
setzen, kehrten die Gedanken ihr nur immer öfter wieder,
je eifriger sie sie verscheuchte, und sie fingen ebenfalls
an, sich immer wieder auf denselben Fleck zu richten.
Wie viel Vertrauen sie auch zu dem Pater hatte, sie
glaubte nicht, daß es mit ihrem Manne stehe wie der
Pater sagte. Weil sie von Jugend auf an ihm ge-
hangen hatte, kannte sie den Maurus wie sich selber,
und war gewiß, daß er Etwas auf dem Herzen trage,
was er nicht sagen wolle und was ihm doch nicht
Ruhe lasse.
Ihr Frohsinn und ihr Lebensmuth fingen darunter
allmälig auch zu schwinden an. Sie that nach wie
vor, was an ihr war, in der Wirthschaft und gegen Mann
und Kinder; im Thale aber hieß es, sie beginne doch
zu fühlen, daß der Maurud nur ein Mitesser und kein
Mitarbeiter sei. Jakobäa, so sagte man, sähe es nun
ein, daß sie klüger gethan haben würde, dem Maurus
seinen Antheil auszuzahlen und mit einem anderen
fleißigen Manne die Wirthschaft zu betreiben. Aus
einem afrikanischen Soldaten werde einmal kein rechter
Wirth mehr. Wenn Maurus auch kein Durchbringer
sei, wie vor jenen Jahren der Mann von der Maria

Josepha es gewesen, so habe Jakobäa doch im Siillen
auch ihr Theil zu tragen, und es sei nur noch ihr
Stolz, der sie hindre, das laut werden zu lassen. Die
Zeiten, in denen sie alle Tage ihren goldenen Schmuck
und die seidenen Mieder angelegt habe, seien vorbei,
obschon sie jezt noch weit reicher sei, und es jezt ebenso
gut thun und haben könne, wie vordem.
E war das Alles eben nur Vermuthung und
Gerede. Man konnte nicht nachweisen, wer es zuerst
aufgebracht hatte, es drang aber hier durch und tauuchte
dort hervor.
Der Postmeister hatte von den geheimen Briefen
Nichts verlautbart, trozdem sprachen die Leute davon,
daß Maurus in Algier Etwas haben müsse, was nicht
hekannt werden dürfe. Der Postmeister war ja auch nicht
der Einzige, der sich mit der Briefbesorgung zu be-
fassen hatte. Sagen that es dem Maurus grade Nie-
mand, was man von ihm dachte, und der Frau sagte
man's noch weniger. Indeß, wie er es mit Unbehagen
fühlte, daß ihn seine Frau beobachtete, so empfand
auch sie es, daß die Leute sich über sie und ihr Haus
,ezt heimliche Gedanken machten. Das verdroß sie
nnd verbitterte ihr Sinn und Herz.
Die stumme, zuwartende Neugier kam ihr wie

ein beabsichtigter Einbruch in ihr Haus vor. Was
geht es die Leute an, dachte sie, was in meinem Hause
vorgeht? Sie suchte ja die Leute nicht, sie kümmerte
sich um Niemanden, und es nahm ihr doch ein ge-
heimes Etwas ihre alte Sicherheit. Hätte sie es
machen können, wie es ihr um das Herz war, so hätte
sie die Laden vor ihren Fenstern gar nicht aufgethan
und wäre nicht hinausgetreten über ihre Schwelle.
Es lag unheimlich und bedrückend über ihr wie eine
schwere Wolke, die man heranziehen sieht, ohne zu
wissen, wann und wo sie sich entladen werde.
Eines Abends, grade als die Tage am längsten
waren und das Wetter so schön, daß selbst den Alten
und den Kranken, den Sorgenvollen und den Traurigen
der Sonnenschein das Herz erhellte, hatte Jakobäa
mit ihren Leuten auf der Matte über dem Hause mit
dem Heuumwenden zu schaffen. Sie hatte die beiden
Kinder bei sich und wie sie den Korbwagen, in dem
die Kleinste lag, aus dem Bereich der Arbeiter fahren
wollte, bemerkte sie, daß der Ammann auf ihr Haus
zuging und an ihren Mann herantrat, der mit der
Pfeife im Munde, wie das seine Art war, vor der
Thüre saß, ohne sich viel um das zu kümmern, was
um ihn und neben ihm geschah.

Wie der Maurus den Ammann vor sich sah,
stand er von seinem Sitze auf.-- Der Ammann
sprach mit ihm, dann gingen sie alle Beide in daö
Haus hinein, aber sie riefen nicht nach Jakobäa und
wo es Auskuuft über Etwas zu geben galk, war sie
doch nöthiger als der Mann.
,Da ist der Ammann gekommen!'' sagte die eine
Magd.
,Habe ich's etwa nicht gesehen! entgegnete die
Frau mit einem Tone, als hätte daö junge Frauen-
zimmer ein Unrecht mit der Bemerkung begangen.
Dann warf sie den Nechen auf den Boden, befahl
den Mägden, auf die Kinder Acht zu gehen, und ging
von der Matte rasch hinunter in daö Haus.
Ihre Leute waren das unwirsche Wesen an ihr
jezt schon gewohnt, indeß es fiel ihnen doch heut auf,
weil gar kein Anlaß zu solcher Herbigkeit gegeben war,
und weil sie meinten, die Hausfrau sei erschrocken.
Es vegging eine Stunde und darüber. Im
Kloster lääuteien sie die Abendglocke, die Leute gingen
von der Wiese heim, und nahmen auch die Kinder
mit sich. Sie wußten nicht, was sie davon denken
sollten. Jakobäa war nicht gekommen, die Kinder
selbst zu holen, was sie doch niemalö unterlassen hatte.

Im Hause, in der Stube hörten sie lantes
Sprechen. Jakobäa's, des Mauruö' und des Am-
manns Stimnen klangen durcheinander, es gab Streit
und Zwiespalt, das war unverkennbar. Erst als sie
in der Stube merkten, daß die Knechte und die
Mägde in der Nähe wären, wurden sie vorsichtig und
sprachen leiser. Dann mit einem Male kamen Mann
und Frau zusammen mit dem Ammann in den Flur
hinaus.
Maurus sah blaß aus und verstört, wie Einer,
der von schweren Kämpfen zu sich kommt, Jakobäa
sah nicht viel besser aus. Der Ammann ging schweigend
neben ihnen her.
,,Gebt den Kindern zu essen und eßt selber!'
sagte Jakobäa im Vorübergehen. Die Magd, die daä
zu besorgen hatte, fragte, ob man für die Frau und
den Mann das Essen stehen lassen solle. Sie bekam
darauf nicht einmal Antwort.
Die Essenszeit war auch längst vorüber, die Kinder
schliefen lange, die Knechte und Mägde waren schon
zur Ruh gegangen, als endlich Jakobäa in ihr Haus
zurückkam- sie allein.
Sie rührte keinen Bissen an und ging in ihre
Kammer. Sie sah nicht nach den Kindern, sie fragte

auch nach Nichts. Die Magd erkundigte sich, ob für
den Mann die Thüre offen bleiben solle?
,Nein! schließ die Thüre zu!r befahl ihr Jakobäa.
Die Magd gehorchte schweigend.-- Sie hatte
Furcht vor ihrer Frau, denn Jakobäa sah wie eine
Todte aus. Ihr ganzes Gesicht war eingefallen und
wie von Stein.-- Und kalt und steinern war es auch
am Morgen, als sie aus ihrer Kammer kam, den
Leuten die verschiedene Tagesarbeit anzuweisen.
Keiner derselben traute sich mit ihr zu sprechen,
da sie ihnen sichtlich auswich. Sie schickte Alle fort
und blieb allein im Hause zurück.
Die Mägde, welche in der Nähe des Hauses be-
schäftigt waren, sahen in der Frühe den Ammann
wieder zu ihr gehen, dem der Pater Theophilus auf
dem Fuße folgte. Dann verließen die Beiden mit
Jakobäa zu gleicher Zeit den Hof und Niemand anderes
kam hinein.
?. ===========

Kapitel 05

Ji Mittag wußte man es in dem ganzen Thale,
daß der Mauru fort und wieder in die Welt ge-
gangen sei, ohne die Schwelle seines Hauses, nachdem
er es am verwichenen Abende in Jakobäa's und des
Ammanns Begleitung verlassen hatte, noch einmal zu
betreten. Er hatte in dem Hospizgebäude des Klosters
die Nacht zugebracht, und war von dort in aller
Frühe aufgebrochen.
Wad an dem verwichenen Abende zwischen
Jakobäa und ihrem Manne vergegangen war, dar-
über hat sie selber nie ein Wort gesprochen, und ihr
Aussehen war so finster und so kalt, daß die Leute
sich nicht trauten, sie darum zu befragen. Auch der
Ammann und der Pater, die eö wissen mußten, rückten
F. Lewald, Benevikt.

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mit der Sprache nicht heraus. Man solle Jakobäa
ihre Wege gehen lassen, sagten sie, sie habe schwer zu
tragen und ihr könne Niemand helfen.
Helfen wollte man ihr gerade auch nicht, man
wollte nur wissen, was geschehen sei, denn was man
durch die Knechte und die Mägde zufällig erfuhr,
daraus konnte man sich nicht vernehmen.
Jakcbäa hatte die große Matte, die sie selbst er-
worben und auf die sie eben deshalb viel gehalten
hatte, und die kleine Matte über dem Wasserfall, an
das Kloster gegen baares Geld verkauft, und hatte
das Gelübde abgelegt, ihre beiden Mädchen, sobald sie
der nothwendigen mütterlichen Pflege entwachsen sein
würden, den Klosterfrauen des von der Benediktiner-
Abtei geleiteten Klosters der barmherzigen Schwestern
zur Erziehung zu übergeben, in deren Kloster sie auch
einmal den Schleier nehmen sollten. -
Dahinter mußte aber etwas ganz Besonderes
stecken. Jakobäa hatte sich freilich in den lezten
Zeiten fromm erwiesen und dem Kloster noch reich-
licher als sonst von ihrem Neberflusse zugewendet.
Ein stilles, beschauliches Klosterleben war jedoch nie
nach ihrem Sinne gewesen; und was sie dazu bringen
konnte, die Kinder gleich in früher Jugend von sich

e?
fort zu thun, das begriß man vollends nicht. Ihre
Mägde behaupteten allerdings, die Frau möge dic
beiden armen Kinder kaum mehr sehen, seit der Vater
in die Welt gegangen sei, wer konnte das indessen
glauben? Die armen Kleinen trugen doch daran
nicht Schuld!
Inzwischen fingen unheimliche Vermuthngen fich
Bahn zu brechen an. Es hieß, dem Ammann sei
von Bern in einem Schreiben der französischen
Gesandtschaft die Nachricht zugekommen, daß der
Unteroffizier Anschafft in Algier mit einer Maurin
rechtskräftig verheirathet sei; und dabei habe sich ein
Brief von seiner Frau gefunden, die ihn beschworen
habe, zu ihr und zu seinen Kindern zurückzukehren,
oder ihnen anzuweisen, wie sie ihm in seine Heimalh
folgen könnten.
Man hätte viel darum gegeben, zu ermitteln,
was an dem Gerüchte wahr sei. Denn hatte Maurus
wirklich eine Frau in Algier zurückgelassen, so war er
dem Gericht verfallen, und wie stand es dann umt
Jakobäa's Ehe und um ihre Kinder?
Dem Ammann und dem Pater Theophilus, die
das Wahre wußten, war nur leider gar nicht bei-
zukömmen, und Jakobääa zeigte sich erst recht unnah-

68
bar. Das fand man sehr verdrießlich, weil zulezt
ein Jeder doch wissen will, wie er mit seinen Nächsten,
seinen Nachbarn daran ist, und was er von ihnen
zu halten und zu meinen hat. Indeß nicht nur, daß
Jakobäa stumm war wie das Grab, sie kam auch
immer weniger zum Vorschein. Was in ihrer armen
Seele vorging, das sollte Niemand sehen, das vertrug
kein unvorsichtiges Berühren.
Denn--- es war ja Alles richtig, Alles wahr,
was in dem Thale über sie und über Maurus und
über ihre Ehe als Gerücht umherging! Wie es unter
die Leute gekommen sein mochte, das konnte freilich
Niemand sagen.
Die Ehe des
wirklich von seiner
Siande gekommen.
Maurus und der Jakobäa war
Seite durch ein Verbrechen zu
Er hatie bereits seit fünf Jahren
eine Frau gehabt, als er zurückgekommen war. Er
uund Jakobäa hatten also in Sünden mit einander
gelebt, der Vater von Jakobäa's Kindern war dem
Gesez verfallen, und sie hatte es hinnehmen müssen,
ohne es ableugnen zu können, als Maurus es ihr
vor dem Ammann und vor dem Herrn Abte, an den
der Pater Theophilus sich um Beistand gewendet, vor-
gehallen hatte, wie er durchaus nicht habe bleiben,

sondern fortgehen wollen; und daß er auch fortgegangen
fein würde, wenn ihn Jakobäa nicht mit ihrer Liebe
festgehalten hätte wider seinen Willen.
Als ihm der Herr Abt es darauf mit strengen
Worten vorgeworfen, daß Jakobäa ihn nicht gehalten
haben würde, hätte er sie nicht getäuscht und seine
Ehe nicht vor ihr und aller Welt verschwiegen, da
hatte er ihm nur mit Trotz entgegnet. Er habe nicht
im Entferntesten vorgehabt, hatte er gesagt, sich hier
in den Bergen festzusetzen, habe Niemandem über
sein Thun und Treiben Rechenschaft geschuldet. und
habe die Leute hier zu Lande genug gekannt, um es
ihnen nicht aufhängen zu mögen, daß er eine Frau
genemmen habe, die keine Christin gewesen, und mit
der er nicht vor dem Altar zusammen gegeben worden
sei. Wie die Jakobäa, die er von früher Jugend an
nicht habe leiden mögen, es angefangen habe ihn so
zu bestricken, daß er gegen seine Pflicht und Neigung
bei ihr geblieben, dad würde sie wohl besser wissen,
als er für sein Theil. Er habe sich darüber immer
seine besonderen Gedanken gemacht. Mit rechten
Dingen aber seis gewiß nicht zugegangen
Vor diesen Anschuldigungen ihres Mannes hatte
- Jakobäa dagestanden, wie sie jezt ein Jeder sah; starr

7
und kalt und stumm. Was hätte sie auch sagen und
was thun sollen?--
Den Vater ihrer Kinder, den Mann, den sie
geliebt hatte, so lange sie von sich selber wußte, den
Gerichten zu überliefern, das brachte sie nicht über
das Herz. Wie konnte sie denn sich selber, ihren
Namen und ihrer Kinder Zukunft mit Schimpf und
Schmach beladen, so lange es noch in ihrer Hand
lag, die Kundwerdung solchen Unheils von sich ab-
zuwenden?-- Sie schauderte davor zurück, und kein
Vernünftiger konnte ihr auch dazu rathen. Aber sich
wahren vor jeder künftigen Gemeinschaft mit dem
Manne, der dieses Elend über sie gebracht hatte, es
ihm unmöglich machen, daß er jemals einen Anspruch
erheben könne an sie oder an die Kinder, die sie mit
ihm erzeugt, das wollte und das mußte sie um jedenPreis.
Nichts von dem, worauf er als auf sein Erbe
Anspruch hatte, wollte sie behalten. Wie die Kinder
fortan nur der Mutter eigen bleiben sollten, so sollten
sie dereinst auch Nichts besizen, was ihnen von dem , -
Vater kääme; und obschon der Ammann und selbst der
Abt ihr dagegen redeten, ihr bedeutend, daß sein Ver-
brechen Maurus zwwinge, nie wiederzukehren in die
Heimath und Nichts von sich hören zu lassen in der-

e1
selben, blieb sie auf ihrem Sinne. Sie zahlte ihm
bis auf den lezten Heller seines Vaters Erbe ans; er
dagegen mußte sich auf des Herrn Abit Verlangen
unter schriftlichem Bekenntniß des von ihm begangenen
Verbrechens an Eides Statt verpflichten, nie wieder
den schweizer Boden zu betreten, und niemals sich
weder Jakobäen noch ihren Kindern in den Weg zu
stellen, oder ihnen aus der Ferne sich zu nahen.
Damit hatte der Abt in Erbarmen mit Jakobäa
hr Nuhe von außen zu verschaffen getrachtet; aler er
Zatte es ihr daneben nicht vorenthalten, daßß es ein
schwereö Unrecht sei, einen Verbrecher der wohl-
verdienten Strafe zu entziehen, eine Sünde, die
gesühnt werden müsse hienieden fort und fort durch
Bße und nicht endended Gelet, damit der Herr
dieselbe nicht heimsuche an ihr und ihren Kindern,
wenn er dereinst kommen werde, zu richten die
Lebendigen und die Todten. Von Maurus sprach er
dabei nicht, weil auf dessen Einkehr in sich selbst man
vorerst doch nicht zu rechnen hatte, und für Jakobäa
war dies Schweigen eine Wohlthat. Selbst in Gebet
und Buße wollte sie dem Maurus fürder nicht be-
gegnen. Es sollte Alleö aus sein zwischen ihm und
ihr in dieser Stunde und in diescr Nacht.

Kapitel 06

Ai Maurus die Akte unterschrieben hatte, die
man ihm vorgelegt, als der Ammann ihn fortgeführt
hatte in die Zelle, welche man ihm bis zum Tages-
anbruch angewiesen, war Jakobäa plözlich wie zer-
knickt in sich zusammengesunken.
gehabt, sie wieder aufzurichten. Der
Man hatte Noth
Pater Therphilus
selber hatte sie bid an ihre Thüre heimgeführt und
war am nächsten Mittage gekommen nach ihr zu
hören und zu sehen. Er fand sie in dem Hause bei
der Arbeit, Alles um sie her war so wie immer. Nur
still war es in dem Hause und selbst die Kinder
plauderten und lachten nicht wie sonst, weil das Licht
des frohen Mutterauges ihnen jezt den Tag nicht
mehr erhellte und ihre Munterkeit nicht mehr erweckte.
Jakobäk klagte nicht und weinte nicht, ihre Ver-

zweiflung war dazu zu groß. Ihr Beichtiger stand
ihr getreu zur Seite. Auf seinen Rath und dem
Drange des eignen Herzens folgend, hatte sie in jenen
unheilvollen Tagen es in des Abtes Hand gelobt, die
Kinder, welche sie in der Ehe mit Maurus erzeugt,
dem Himmel zu weihen und der Kirche. Es war ihr
ein Trost gewesen, zu denken, daß sie damit ihre
Kleinen der Welt entzog. in welcher ihr selber als
Lohn für treues Lieben Schmach und Pein zu Theil
geworden war. Sie sollten büßen um der Sünde
willen, in welcher sie geboren worden waren, und für
ihre Mutter beten für und für.
Weil sie um ihrer Kinder willen nicht selber in
ein Kloster gehen durfte, lebte sie durch viele Tage
in ihrem Hause bei Fasten und Kasteiung mit klöster-
licher Strenge. Sie wich den Augen der Menschen
aus, als thue ihres Nächsten Blck ihr wehe, als ver-
verwunde sie felbst das gutgemeinte Wort. Die
Frühmette und die Abendvesper fanden sie immer in
der Kirche vor dem Herrn in Gebet versunken, und -
immer inbrünstiger, immer zerknirschter warf sie sich
vor der Gottes-Mutter nieder; denn es war noch nicht
zu Ende mit der Schmach und mit dem Unglück, das
aus ihrer Ehe stammte. Sie war es vielmehr bald

nachdem ihr Gatte sie verlassen hatte, mit Entsezen
inne geworden, daß sie zum dritten Male Mutter sei,
und noch einem Kinde des Verhaßten daö Dasein
geben müsse; und die Qual und die Zerrissenheit in
ihrer Seele wurden nur noch marternder dadurch.
So ging das Jahr zu Ende, so begann das
neue Jahr, bis sie am ersten Tage des wiederkehrenden
Frühlings ihr drittes Kind in ihren Armen hielt.
Es war ein Knabe, so frisch und schön wie der
sonnige Morgen, an welchem er das Licht der Welt
erblickte, und -- es war ihr erster Sohn!
Als sie ihn sah und er die kleinen Händchen
unsicher tastend regte, wie wenn er suche, an wen er
sich zu halten hale in dieser sündigen Welt; als er
die Augenlider unmerklich und langsam den Lichte
öffnete, strahlte es wie neues Licht und neues Leben
in die Seele seiner armen Mutter. Das Herz wallte
ihr auf in einer Freude, deren sie sich nicht mehr
fähig gehalten hatte. Ihre Augen flossen über, ihre
Thränen strömten als erster Liebesfegen waum und
weich auf ihren Sohn herab.
Sie drückte ihn mit Wenne an ihr Herz. Auf
diesem Kinde hatten des unseligen Mannes Augen
nicht geruht, dies Kind war nicht entweiht durch

=F «-
= ---
Se-
7
seines Vaters Blick und Kuß. Der Knabe war ihr
eigen ganz allein, ihr Sohn, ihr Erbe. Der sollte
mit ihr wohnen in dem Hause, daö Maria Josepha
einst gebaut ,aus eigener Kraft, für sich und ihre
Nachkommenschaft'. Niemand hatte einen Anspruch
an diesen ihren Sohn, wenn -- und wie ein Schreck-
gespenst stieg der Gedanke vor ihr auf -- wwenn nicht
die Kirche Anspruch auf ihn machte! Denn sie hatte,
freilich nicht wissend was sie damit that, ihre und
des Maurus Kinder der Kirche und dem Dienste deö
Erlösers angelobt; und dieser Knabe, war er nicht
ihr und des Maurus Kind, so gut wie ihre beiden
Töchter?
Der Zweifel ließ ihr keine Nuhe, aber sie sprach
ihn selbst vor ihrem Beichtiger nicht auö. Sie wollte
nicht in Anregung bringen, worauf man vielleicht
ohne ihre Frage nicht verfallen möchte. Es war ja
auch genug, wenn ihre Töchter das Verschulden ihres
Vaters durch ihr ganzes Leben büßten, in Einsamkeit,
in Entsagung, in Gebet! So grausam konnte keine
Kirche sein, ihr, der Mutter, den Sohn, den Trost
zu rauben, auf den gestüzt, sie sich getraute muthig
fortzuleben in Arbeit, in Pflichterfüllung und in jeder
Buße, welche ihr noch aufzulegen die Kirche nöthig

und angemtessen finden würde. Der Allmächtige, der
Allgütige hatte ihr dies schöne Kind, den Sohn ge-
gönnt, alö ein Zeichen, daß ihr vergeben werden
knne aus des Höchsten Gnadenfülle. Er hatte damit
neues Hoffen, frohes Wünschen in ihrem verödeten
Herzen auferweckt. Er konnte ihr dies Glück nicht
zugewendet haben, um es ihr wieder zu entreißen;
und ihr den Sohn zu nehmen, daran konnte ja die
Kirche gar nicht denken.
Weil er mit dem Frühlingsanfang, am Tage
des Drdensstifters Benediktus, dem Schuzpatron des
Klvsters und des Thales geboren worden war, hatte
man ihm den Namen Benedikt gegeben, und auf der
Mutter Wunsch hatie der Herr Abt sich gegen seine
Art herbeigelassen, in eigener Person des Knaben
Taufpathe zu werden, die Mutter und ihr Kind danuit
g leichsam vor der Gemeinde in seinen und des Klosters
Schut zu nehmen.
Und es schien denn auch wirklich ein ganz be-
sonderer Segen auf dem Kinde zu ruhen, denn es
gedieh und entwickelte sich, daß ein Jeder, der es sah,
an dem schönen Knaben seine Freude haben mußte.
Es machte die Mutier glücklich, zu bemerken, wie die
Augen der Leute wohlgefällig auf ihm ruhten, und

s
sie fing an, sich den Menschen wieder mehr zu nahen,
weil sie sich mit ihr an ihrem Sohne freuten. Er
war ihr der Mittelpunkt, um den sich alle ihre
Gedanken drehten. Mit grausamer Ausschließlichkeit
wendete sie ihm allein ihre ganze Liebe zu, so daß
das Schicksal ihrer beiden Töchter neben dem seinigen
bei ihr kaum in Betracht kam. Es war ihr vielmehr
ganz recht und lieb, daß die beiden Mädchen den
Schleier nehmen mußten, denn die Mitgift abgerechnet,
welche sie in das Kloster einzubringen hatten, wurde
auf diese Weise Benedikt allein des Hauses Erbe, und
um seinetwillen wurden Jakobäen die Arbeit und daö
Schaffen und das Erwerben wieder leicht und lieb,
eine Lust und eine Freude.
Wie der Knabe nun gedieh, so gedieh unter der
Hand seiner Mutter auch ihr Hab und Gut, das er
früh genug als seinen zukünftigen Besiz betrachten
lernie; und selbst die Schwestern waren stolz darauf,
daß ihr Bruder für den schönsten Buben in dem
Thale galt, daß er einmal das schönste Haus des
Thales zu eigen haben würde, mit welchem gar kein
anderes sich vergleichen ließ. Ihnen hatte man von
jeher es gesagt, daß ße in dem Kloster der barm-
herzigen Schwestern Nonnen werden müßten; der

Gedanke war ihnen deshalb sehr geläufig und sie
liebten die barmherzigen Schwestern, von denen eine
Alte und eine Junge bisweilen in dem Thale und in
Jakobäa's Hause als Gäste einzusprechen pflegten.
Sie brachten den Mädchen dann regelmäßig hübsche
kleine Geschenke mit, sie erzählten ihnen von dem
großen Garten, in welchem das Kloster gelegen sei,
von den vielen Spielgenossen, mit denen sie dort zu-
sammen sein würden, und als dann endlich der Tag
herankam, an welchem Jakobäa den Wagen anspannen
ließ, um ihre Töchter nach dem Kloster hin zu
bringen, kam daö nicht nur diesen, sondern auch dem
Bruder als ein lang ersehntes Fest vor. Es hatie
noch Keiner von allen Dreien je des Thales Grenze
überschritten, es waren also lauter Wunder, welche
ihrer jenseits derselben warteten.
Die Mädchen in stummem Staunen, Benedikt
in lautem Jubel, so langten sie am Fuße des Berges
in der Hauptstadt des Kantons und in dem Kloster
der barmherzigen Schwestern an. Es waren aber
nicht die Häusermassen, nicht die Kirchen und auch
nicht der Marktplaz mit den vielen, um das alte
?.? -==- = =- -

s
8
wegenden Menschen, die den Knaben so sehr erfreuten,
sondern der weite Auäblick, dessen er hier zum ersten-
male in seinem Leben theilhaft wurde.
Wie ein junger, im Käfig geborner und er-
zegener Adler, dem man endlich das enge Gitter
öffnet, so voll Begier und Lust sich zu versuchen, that
er die großen dunklen Augen auf, so freudig wanderte
sein fernhinschweifender Blick über das Land zu feinen
Füßen, über den breiten und langen See hinweg;
hinüber zu den fernen Gipfeln der schneebedeckten
Berge, die in weiter Ferne, kaum noch erkennbar in
des sonnig flimmernden Duftes Verhüllung den
Horizoni begrenzten.
Dorthin zu kommen verlangte er, fort über das
breite Wasser wünschte er zu ziehen. Er wollte nicht
mehr zurückkehren in das Thal, das seinem Blicke
Schranken sezte. Er weinte, er bat, ihn an dem
Wasser in der Stadt zu lassen, wo er weit hinaus-
schauen könne in die offene Welt; und die Augen
nach der Ferne -sehnsuchtsvoll zurückgewendet, so lange
ihm noch ein freier Blick gegönnt war, fuhr er endlich
mit der Mutter wieder heim, von nichts Anderem
sprechend, von Nichts träumend, als von der Welt,
die jenseits seiner Berge lag.

Die Mutter bemerkte das mit Sorgen, denn die
Fremde hatte den Männern ihres Geschlechtes bisher
kein Glück gebracht; aus der Fremde war auch ihr
das Unglück ihres Lebens gekommen, und sie bereute
es, daß sie den Knaben so frühzeitig mitgenommen
hatte in die Stadt. Denn daß Benedikt nicht in die
Stadt hinausziehen, daß er im Thale bleiben solle, und in
demselben dereinst in ihrem Hause zu leben und zu
schaffen habe, wie es sich für einen guten Christen
und freigebornen Schweizer ziemte, Niemandes Unter-
than und Niemandem dienend als dem eigenen Willen,
den eigenen Zwecken und dem heimischen Gesetz, das
hatte bei Jakobäen fest gestanden seit der Stunde, da
er ihr geboren worden war, und davon nicht ab-
zuweichen war sie auch entschlossen.

Kapitel 07

Jz« Reise in die Stadt bezeichnete für Benediktus
einen Lebensabschnitt. Seine befriedete Lust an dem
Thale war damit zu Ende, seine Sehnsucht in die
Ferne aufgeregt, und sie wuchs mit ihm und seinen
Jahren.
Als Kind hatte er, wenn ihn die Schule frei
ließ, die Mutter und deren Leute gern zu der Arbeit
hinausbegleitet und mit Hand angelegt, so weit seine
Kraft und seine Geschicklichkeit das möglich machten.
Je älter er wurde, um so weniger zeigte er sich
geneigt dazu. Er war über seine Jahre groß und
stark, war in der Dorfschule rascher als alle Anderen
fortgeschritten, der Lehrer rühmte seine Lernbegier, und
die rüstigsten Bergsteiger waren darin einig, daß

Jakobäa's Benedikt es mit weit Aelteren aufnehmen
dürfe, daß er eine Ausdauer und eine Entschlossenheit
zeige, wie sie einem so jungen Burschen nicht oft zu
eigen wären. Dazu war er schön und frohen Sinnes,
auch nicht ängstlich rechnend mit den Bazen, wenn
die Mutter ihm einmal Etwaö zugewendet hatte,
sondern stets bereit, die Anderen mitgenießen zu lassen,
was er eben hatte; und wenn die Väter und auch die
Mütter es nicht vergaßen, was oben in dem Hause
dereinst vorgegangen und wie es mit des Knaben
Mutter und mit seinem Herkommen keineswegs richtig
war, so focht das ihn und seine Spielgenossen doch
vorerst nicht an. Sogar die Dirnen, die weit älter
waren als Benedikt, winkten ihm zu und lachten,
wenn er sie mit seinen großen braunen Augen dreist
und fröhlich ansah.
Benedikt war aber nicht blos bei den Knaben
und den Mädchen des Thales also wohlgelitten, auch
die geistlichen Herren gingen nicht leicht an ihm vor-
über, ohne ihm die Hand zu geben. Selbst der Herr
Abt unterüieß es nicht, wenn er einmal zu Fuß des
Weges kommend, auf Benediktus traf, ein freundlich
grüßend Wort an ihn zu richten, ihn seinen Pathen
zu heißen und ihn zu Fleiß und Wohlverhalten zu

ermahnen, damit er ihm dereinst vor Gott und
Menschen Ehre machen möge.
Man hielt aus dem Kloster überhaupt das Auge
auf den Knaben und auf seine Mutter, seit Maurus
das Thal verlassen, und Jakobäa zwwei von ihren
Matten an das Kloster käuflich abgetreten hatte.
Der Pater, welchem die Oberaufsicht über die Ver-
waltung der in dem Thale belegenen Klosterländereien
zustand, kam zum Defteren vor Jakobäa's Haus, um
ihre Wirthschaft zu beloben, um es zu rühmen, wie
sie dieselbe vorwärts bringe. Er machte sich dann
auch freundlich mit Benedikt zu thun, der ihn stets
gerne kommen. sah, denn der Pater war in der
Welt herum gewesen und wußte viel von ihr zu sagen
und zu melden.
Der Mutter aber war eö bei diesen Besuchen und
bei der Achtsamkeit, welche die geistlichen Herrn über-
haupt auf sie und ihren Benedikt verwandten, nie
recht wohl um's Herz, weil sie ihr von des Knaben
Zukunft niemals sprachen. Manchmal beschwichtigte
sie sich mit der Vorstellung, es sei über dasjenige,
was sich von selbst verstehe, des Redens nicht erst
nöthig. Ihrem Sohne, dem Erben ihres Besizes, sei
ja sein Weg gewiesen, und also darüber weiter Nichts

zu sagen. Die Herren Patres hatten nur eine so
besondere Art und Weise, Jakobäens Gutsverwaltung
zu beloben, daß sie ihr nicht recht erklärlich, daß sie
ihr übertrieben schien, weil ja doch nichts Apartes
daran zu rühmen war, daß sie rechtschaffen nach dem
Eigenen sah und Hab und Gut für ihren Sohn zu
mehren trachtete, wie sie es vermochte.
Sie wagte es indessen nicht, das vor den Herren
auszusprechen, denn wenn die Wunde, die ihr einmal
geschlagen war, auch zu vernarben und ihre Gewissens-
bisse zu ruhen begannen, so kannte sie doch die Leute
in dem Thale gut genug, um es einzusehen, daß sie
ihnen gegenüber des Klosters Schuz und Beistand
nicht entbehren konnte; und sie wußte es sehr genau,
wie sie ihre Unangefochtenheit dem guten Willen der
Klosterherren allein zu danken hatte.
Wenn sie aber in der Abendruhe von der Vesper
heimkehrend, ihr Haus auf seiner Höhe vor sich liegen
sah, und dann vor dem Hause fast immer ihren
Benedikt erblickte, der mit seinen Spielgenossen bei
dem Kegelspiele mit starken Armen die Kugel hoch
über seinem Haupte in die Luft schwang, um sie im
raschen Schwunge niederfallen und weit hin rollen zu
lassen an ihr Ziel, so dachte sie gar oftmals, auch

über ihrem Haupte schwebe eine schwere Kugel und
sie werde eines Tages niederfallen und Alles nieder-
werfen, Alles, Alles was Jakobäa in ihrem Leben
mit Fleiß und Liebe gebaut und geplant, und sie
werde dann nicht jauchzen können wie ihr Benedikt
bei dem Umsturz dieser Kegel, sondern zu trauern
haben in aussichtsloser Einsamkeit, ohne Freude an
irgend einem Dinge bis an ihr Lebensende.
Sie wünschte in ihrer stillen Angst bisweilen,
der Schlag wäre schon gefallen, damit die schwere
Last des langen ungewissen Fürchtens nur einmal von
ihr genommen werde und- der Tag der endlichen
Entscheidung kam denn bald genug heran.
Benedikt hatte die Dorfschule durchgemacht und
in der jährlichen Prüfung, welcher immer einige der
Klosterherren anzuwohnen pflegten, sich als der beste
ihrer Schüler abermals bewährt. An Nachmittage,
um die Stunde, in welcher die Zöglinge des Klosters,
von den Instruktoren begleitet, ihren täglichen Spazier-
gang machten, gingen dieselben klassenweise an
Jakobäa's Hause vorüber, und der Pater Negens, der
des Ehrentages wegen mit dabei war, was sonst nicht
geschah, trat an Jakobäa heran, da er sie unter ihrem
Treppendache sizen sah.

Benedikt kam eben aus dem Hause auf das
Vorgeleg hinaus. Er hatte den Springstock in der
Hand, die Jacke über die Schulter gehängt und sein
Ränzel auf dem Rücken. Eine Wanderung hinauf
zu des Berges Gipfeln, um Abends den Mondschein
und früh den Aufgang der Sonne dort oben zu ge-
nießen, daö sollte sein Lohn sein für das wohl-
bestandene Examen, und die Freude und die Erwartung
lachten ihm aus den hellen Augen. Da er aber in
der Ehrerbietung vor den geistlichen Herren erzogen
worden war, nahm er sich zusammen wie er sie er-
blickte, und trat heran, dem Pater Negens mit einem
Handkusse seine Ehrfurcht zu bezeigen.
Der Pater klopfte ihm freundlich auf die Schulter,
nnd gegen die Mutter gewendet, bemerkte er, es freue
ihn, daß der Lehrer ihrem Benedikt ein gutes Zeugniß
gebe, daß es ihm an einer guten Fassungsgale und
an der nöthigen Ausdauer nicht gebreche. ,Laßt ihn
nun noch umherlaufen diese Woche hindurch, Frau
Jakobäa, sagte er. ,Dann beginnt der neue Eursus,
bei uns in der Schule, dann müßt Ihr ihn uns
senden; und wenn er auf dem rechten Wege fleißig fort-
geht, so mögt Ihr einst wohl Freude von ihm haben und
ihn in unserm OrdenmitEhren vorwärtskommen sehen.'?

8
Jakobäa stockte der Athem in der Brust, das
Wort erstarb ihr auf der Lippe. Sie getraute sich
nicht, den Schmerzensschrei auszustoßen, der ihr die
Kehle zusammenschnürte, sie wagte es nicht, Nein!
und immer wieder Nein! zu rufen, und weiter wußte
sie doch Nichts zu denken und zu thun, denn sie
konnte den Blick nicht aushalten, mit welchem ihr
Benedikt ihr in das Antliz starrte. Sie schlug die
Augen vor ihm nieder, um nicht das Erschrecken und
das Entsezen ihres Sohnes sehen zu müssen.
Sie hörte es wohl, wie die beiden Geistlichen
ihr den guten Abend boten, sie gewahrte es auch, wie
sie dem Trupp der Schüler folgten, die paarweise den
Pfad zum Walde hinanstiegen; aber sie sah es ner,
wie man zerstiebende Wolken an sich gleichgültig vor-
ülerziehen sieht. Es ging sie gar nicht an.
Es ging sie in der Welt ja überhaupt Nichts
weiter an: nicht ihr Hauö, nicht ihr Land, nicht ihr
Hab und Gut, und nicht einmal ihr Sohn! Nicht
einmal das einzige Kind, das ihr bis jezt geblieben
war, in dem sie sich die Freude ihres Lebens, die
Stütze ihres Alters, den Erben ihres Gutes zu er-
ziehen getrachtet hatte! Er und Alles, Alles was ihr

eigen war, Alles, was sein eigen werden sollte, war
für sie dahin!
Man hatie still gewartet, bis zur rechten Zeit.
Jetzt, da die Stunde gekommen war, mahnte man
sie an das Gelöbniß, das sie, von ihrer Schmach ge-
drückt, dereinst gethan hatte in der grimmigen Ver-
zweiflung ihres Herzens, und die Kirche war, das
wußte sie, ein Gläubiger, der keine Nachsicht kennt.
Seit vierzehn Jahren, seit dem Augenblick, da
sie den Sohn geboren, hatte sie diesen Fag gefürchtet;
aber was man von ihr heischte, war schwerer noch,
als sie es erwartet hatte; denn nicht ihr Glück, ihre
Zukunft war es, was sie opfern sollte: es war das
Glück ihres Sohnes, den sie liebte mit aller Leiden-
schaft der Mutterliebe; es waren das Fortbestehen und
die Zukunft ihres Hauses, ihres durch Jahrhunderte
bestandenen Geschlechtes.
Sie hatte sich niedergesezt, weil ihre Knie sie
nicht trugen, und die Hände vor das Gesicht ge-
schlagen. Benedikt stand noch auf demselben Fleck und
starrte dem Zuge nach.
,Mutter! hub er mit einem Male an, zwas
hat der Pater Regens da gesagt?

H
Jakobäa zuckte es durch das Herz. Das war
nicht mehr die frohe Stimme ihres Sohnes. Es
war des Vaters harter kalter Ton, und auch die
Augen, mit denen Benedikt sie ansah, waren die des
Vaters. Der bloße Gedanke an das, was ihm bevor-
stand, hatte den Knaben umgewandelt; wie sollte sie
ihm die Wahrheit kund thun, da sie selber sich der
Hoffnung zu entschlagen nicht vermochte, daß doch
irgend ein Ausweg möglich, eine Lösung des Gelübdes,
wenn auch mit schwerstem Opfer zu erlangen sein
müsse.
,Der Pater meint, Du sollst die Klosterschule
noch besuchen!' gab sie ihm zur Antwort, ohne damit
Etwas auszurichten.
,Nein!r fiel er ihr in das Wort, ,in den Orden
treten soll ich! Aber ich will nicht in den schwarzen
Rock!-
,Will ich denn, daß Du's sollst? eief die Mutter
unvillkürlich aus.
,Nun, dann laß den Pater reden! lachte
Benedikt, in dessen jungem Sinne die Eindrücke noch
eben so schnell verschwanden, als sie lebhaft waren.
,Ehe ich den schwarzen Nock anziehe, gehe ich dem
Vater nach!

,Dem Vater? fragte Jakobäa mit steigender
Angst, ,Du hast keinen Vater mehr. Dein Vater ist
lang todt!'
,So hast Du wohl gesagt,' entgegnete Benedikt,
,und ich habe es Dir geglaubt, doch weiß ich's lang
schon anders.?
, Und das sagst Du mir erß heute? rief die
Mutter. Benediktus schwieg. Ihr Aussehen machte
ihn verwirrt.
,,Rede!? fuhr sie fort, , was hat man Dir ge-
sagt? wer hat es Dir gesagt? Rede! was weißt Du?
was bildest Du Dir ein?
,Ach! laß mich !- sagte Benedikt und wollte
gehen. Die Mutter aber hielt ihn fest.
,Du bleibst! Du sollst mir Antwort geben!
herrschte sie ihn an. ,Wer hat Dir es gesagt, daß
Dein Vater noch am Leben ist?
,Weiß ich's? gab der Sohn zur Antwort, immer
noch gewillt, sich zu entfernen.
,Besinne Dich! Du wirst's wohl wissen!r rief , -'
die Mutter.
,Ich habe es so gehört!' entgegnete er verdrießlich
und befangen.
, Wann? von wen?! drängte ihn Jakobäa.

,Ich weiß eö nicht!' wiederholte er trohig. ,Ich
habe es gehört von je an! überall! Er lebt und ist
Soldat in Afrlka!-
Jakobäa horchte auf. Sie fürchtete, er könne
mehr erfahren haben; da er schwieg, begann sie sich
zu sammeln.
,, Warum hast Du zurückgehalten mit dem, was
Dir im Sinn gelegen hat? fragte sie.
,. Ich dachte,! entgegnete der Knabe, , er würde
schon noch kommen! Sie hatten s immer so ge-
fagt !
, Und wer? wer hat Dir das gesagt?
,Die Leute! Alle Leute!'' rief Benedikt, den es
verdroß, daß ihm die Mutter es nicht einfach zu-
gestand -- zund einmal muß der Vater doch nach
Hause!r
Jakobäa wußte sich nicht zu helfen. Sie wagte
nicht, weiter in ihn zu dringen; denn, wenn er mehr
wußte, als er ihr gesagt hatte, wie konnte sie ihn
dazu nöthigen, daß er es vor ihrem Ohre aussprach?
-- Und wenn er nicht die ganze Wahrheit kannte,
durfte sie ihm die Mitwissenschaft eines Verbrechens
auf die Seele laden, das von seinem Vater begangen,
F. Lewald, Benedikt. l.


aud dessen schuldlose Mischuldige sie selbst geworden
war? Sollte sie ihren Benedikt, der bis dahin seinen
Kopf unter seinen Altersgenofsen so froh und keck
erhoben hatte, vielleicht unnöthig dahin bringen, das
Auge zu senken und sich zu verbergen, wenn die Blicke
der Menschen auf ihm ruhten?
Es steht geschrieben in den zehn Geboten: Du
sollst Vater und Mutter ehren, auf daß es dir wohl
gehe und dn lange lebest auf Erden!-- Und sie
sollte mit eigenem Munde verkünden, was ihrem Sohne
unmöglich machen muußte, dem Gebote nachzukommen?
-- Das lonnte nicht der Wille Gottes sein!-- Besser,
daß ihr Sohn in dem Kloster für sie verloren war,
als daß ihn in der Welt der Fluch verfolgte, sich
seines Daseins schämen zu müssen und der Eltern,
die ihm hies Dasein einst gegeben hatten!-- Aber
wollte er denn in das Kloster? Und ihr Hab nnd
Gut? was sollie aus dem werden? Was sollte aus
ihr selber werden ohne ihren Sohn und Erben?
Der Nachmittag war sonnenhell und klar, über --
der unglücklichen Jakobäa lag es aber wie eine Wetter-
wolke. Wie vom Wirbelwind geknickte Aeste wirr
durch die Luft getrieben werden, so schossen die Ge-
danken durch ihren Sinn, nnd jeder that ihr wehe.

W
Sie wußte nicht was sie wollte, noch weniger was sie
hun sollte. Sie hätte aufschreien mögen, ein Zeichen
von Gott für sich zu erflehen; wie konnte sie jedoch
ein solches begehren oder hoffen, da ihr widerspenstiges
Herz sich weigerte, dem Herrn das Gelülde zu er-
füllen, daö sie ihm gethan hatte, und die Buße über
jich zu nehmen, die man ihr auferlegt, damit sie ihr
Vergehen sühne.
Ihr Verstummen machte den Knaben ungeduldig.
,, Du antwortest mir nicht und die Andern warten.
Ich will gehen!' sagte er.
, So geh!? entgegnete sie ihm kurz; aber wie er
sich von ihr wendete und sie ihn raschen leichten
Schrittes den Pfad hinunter eilen sah, rolllen die
Thränen ihr aud den Augen; und die Hände zu-
sammenschlagend, rief sie: ,es ist vielleicht das lezte
Mal, daß ich ihm seinen Willen lasse!?
Nie zuvor war der Gedanke, ihren Sohn dem
Klosterleben weihen zu sollen, ihr entsezlicher erschienen,
als in dieser Stunde. Sie mochte die Mauern des
Klosters nicht sehen, die stattlich in ihrem gleißenden
Weiß durch das ganze Thal hinleuchteten, daß vor
ihnen kein Entfliehen möglich schien. Benedikts Aus-
ruf:,ich will nicht in den schwarzen Roc!? klang

1
ihr fortwährend in den Ohren. Es ließ ihr den
Abend keine Ruhe, es verfolgte sie die ganze Nacht
hindurch, daß kein Schlaf in ihre Augen gekommen
war, als sie sich beim Tagesanbruch wie gewohnt er-
hob, um in die Frühmesse zu gehen.
Die Kirche war völlig leer. Es hatte ja Nie-
mand in dem ganzen Thale Grund zur Buße so
wie sie.
Diese Einsankeit war ihr sonst nicht aufgefallen,
denn sie war derselben durch die langen Jahre her
gewohnt. Heute jedoch kam sie ihr unheimlich ja
beängstigend vor, und die starken Stimmen der
Klosterherren, die hinter dem schwarzen Gitter
Chores unsichtbar die lateinischen Morgenhymnen
sangen, klangen ihr drohend und flößten ihr
des
ab-
ein
Bangen ein, wie die Stimme des Gerichtes, bis die
vollen weichen Töne der Orgel ihre Seele lösten, und
sie sich vor Pater Theophilus an dem Beichtstuhl
niederwerfen konnte, ihre Sorgen, ihren Kummer,
ihr widerspenstig Wünschen und unberechtigt Hofen
auszusprechen, und Tiost und Führung von dem Be-
Th. - - --==---
Man solle nicht fordern, flehte sie, daß Benediktus

11
büße, waö er nicht verschuldet habe, man solle den
Sohn nicht von ihr nehmen. Sie wolle eine ewige
Messe in dem Kloster stiften, für ihr und ihrer Kinder
Seelenheil zu beten. Es solle für diesen Zweck einer
nicht aufzuhebende Abgabe an das Kloster auf ihrem
Gute übernommen werden; sie wolle Alles thun, es
solle Mlles, Alles so geschehen, wie man es ihr vor-
zuschreiben für nöthig finden werde; nur den Sohn
solle man ihr lassen, dem Hause seinen Erben nicht
entziehen, Benedikt nicht zwingen, das Ordenökleid
gegen seinen Willen anzulegen.
Der Pater sprach ihr ruhig und zur Ergelung
mahnend zu. Er erinnerte sie daran, daß sie frei-
willig und von ihres Herzenö Angst getrieben, ihre
Nachkommenschaft dem Dieuste des Herrn gewidmet
habe. Er wies sie darauf hin, wie ihre Töchter in
Demuih und Frömmigkeit zunähmen, wie freudig sie
dem Tage entgegenharrten, an welchem es ihnen ver-
gönnt sein würde, den Schleier anzulegen. Sie gab
das Alles zu. Aber sie hatte es ja nicht gewußt, daß
Benedikt ihr noch geboren werden würde, und Benedikt
und ihre Töchter?-- Wie könnte für ihn gelten
müssen, wwas für diese galt?
Pater Theophil war weichen Herzens, mitleidigen

1
Sinnes. Er kannte Jakobäa von ihrer Jugend auf,
er fühlte Mitleiden mit ihr, und wenn er ihr auch
keine tröstliche Aussicht eröffnen durfte, gewann er es
trozdem nicht über sich, ihr die Hoffnung, welche sie
noch hegte, sofort mit Unerbittlichkeit zu nehmen. Er
wollte mit dem Herrn Alte sprechen, sagte er, der
Weisheit des Abtes unterbreiten, was er selber in
seiner Unterordnung und Beschränktheit nicht zu be-
urtheilen, noch weniger zu entscheiden hale. Er wisse
nicht, ob es zulässig sei, ihrem heranwachsenden Sohne
die Wahrheit üüber seine Herkunft zu verbergen, be-
senders, da er sie theilweise bereits erfahren habe,
und falsche Erwariungen und khörichte Plane auf
dieses halle Wissen bauen könne. Wie Benedikt sich
aber verhalten, und was er für sich wünschen möchte,
wenn er über die Lage seiner Familie unterrichtet
wäre, darüber dürfte die Mutter sich leicht täuschen;
und es gäbe der Wege gar so viele, auf denen die
Kenntniß deö wahren Sachverhaltes ihn erreichen
könnte. So lange Benedikt den Familiennamen seines,
Vaterö trage, sei er vor Schmach und Schande nie
gesichert. Im Orden sei das anders. Als Glied de
Ordens gahöre er der Familie nicht mehr an, er sei
der Kirche Sohn, die Kirche nehme ihn unter ihre

1
Fittiche, sie trage, sie beschüze ihn. Mdit seinem Ein-
tritt in den Orden bleibe hinter ihm in der Welt all
dasjenige zurück, von welchem abgeschieden zu sein er
in seiner Lage mehr als jeder Andere wünschen und
erstreben müsse. Das solle sie erwäigen, daran solle
sie sich halten, und sich in Geduld bescheiden, bis er
ihr werde sagen können, was der Herr Abt über sie
und über ihre Wünsche zu verfügen gesonnen sei.
Pater Theophilus wußte es vorans, was er ihr
zn melden haben wüürde, er wollte ihr nur die Zeit
lassen, sich in das Unabweisliche zu fügen.

Kapitel 08

Poedikt war in voller Zufriedenheit von feiner
Bergfahrt heimgekehrt. Er sprach nur von der Herr-
lichkeit da droben und schien des Klosters gar nichl
mehr zu denken.
In des folgenden Tages Frühe kam Pater
Thevphilud ihn daran zu mahnen. Er beschied ihn,
sich des Nachmittags bei dem Herrn Abte um die
fünfte Stunde einzufinden.
Benedikt zeigte sich bestürzt. Er fragie, was er
bei dem Abte solle? Der Pater meinte, es werde
sich vermuthlich um den Eintritt in das Kloster handeln.
In die Schule wolle er wohl gehen, sagte
Benedikt, in den Orden einzutreten habe er nicht Lust.
Pater Theophilus sah ihm freundlich in das
trozige Gesicht. ,Sei ohne Sorge, mein Sohn!'-

18
entgegnete er ihm, zman wird von Dir nicht fordern,
was zu thun Du nicht selbst begehrst!?=
Das beruhigte den Sohn und flößte der Muttrr
Hoffnung ein. Ihr irgend eine Auskunft, eine An-
deutung zu geben, ob und in welcher Weise der Abt
sich ihren Wünschen und Vorschlägen geneigt erwiesen
habe, ließ sich der Pater nicht herbei.
Um: die festgesezte Zeit verfügte Benedikt sich
nach dem Kloster. Er hatte die offnen Thore dessel-
ben wer weiß wie oft durchstrichen, wenn er, wie alle
Andern auch, über die Wirthschaftöhöfe des Klosters,
hinaus nach den jenseits des Baches belegenen Wiesen
und Bergen gegangen war; und nach seiner Firme-
lung war er auch einmal in dem Kloster in der,
innerhalb der Klausur befindlichen Wohnung des
Abtes gewesen, ihm die Hand zu küssen, und die ge-
weihte Medaille zu empfangen, welche sein Pathe ihm
als Andenken an den Besuch des Bischofs mit auf
den Lebensweg zu geben dachte.
Heute aber klopfte ihm das Herz und ihm bangte,-
als er die Glocke an der dunklen Pforte zeg, welche
die offenen Hallen des Klostergebäudeö von der Klausur
abtrennte. Denn was mußte der Abt ihm zu sagen
haben, daö er durch Pater Theophilus nicht hätie eben

19
so gut erfahren können? Etwas ganz Besondereö mußte
es doch sein, und seit der neulichen Anrede des Paters
egens waren das Kloster und seine Insassen dem
bisher sorglesen Benedikt verdächtig und ein Gegen-
stand der Scheu geworden.
Der Abt war damals, alö er Benediktuö zu sich
holen ließ, noch in seinen besten Jahren, eine schönte
feine Gestalt, nicht eben groß, eine achtunggebietende
Haltung, die Ruhe der Se!bstgewißheit auf der hohen
Stirn. Wo und in welcher Tracht man ihm begegnet
sein würde, man hätte es sofort erkannt, daß er ge-
wohnt sei, zu befehlen und Gehorsam zu finden.
Einem alten bürgerlichen Patriziergeschlecht entsprossen,
das durch den Handel hoch emporgekommen war, be-
saß er den auf weltlichen Besiz gebauten Stolz seiner
Familie; aber mit diesem Stolze hatte er auch die
umsichtige Weltklugheit seiner Ahnen, wie ihre Lust
am Erwerb und am Gewinn von ihnen überkommen,
und des Klosters Reichthum an Kapitalien und
Ländereien, deren Erträge verwerthet werden mußten,
bot seinen Neigungen wie seiner Klugheit den er-
wünschten Spielraum dar. Unumschräänkt gebietend,
wußte er seine Untergebenen mit großer Einsicht je
nach ihren Gaben zum Vortheil des Klosters und des

1
Ordens zu verwenden, Jedem, den er verwendete, die
volle Verantwortlichkeit für seine Leistung aufzubürden,
und eben dadurch sich in einer Zurückgezogenheit zu
erhalten, die ihn des Verkehrs mit der Außenwelt, wo
er ihn nicht wünschte, eben so wie jeder persönlichen
Verantwortung gegenüüber derselben, fast ganz und gar
enthob.
EI war ein Begebnfß in dem Thale, wenn man
den Abt außerhalb des Klostergartens zu Fuß des
Weges kommen sah; ein großes Ereigniß, von dem
geredet wurde, wenn er mit Jemand im Vorüber-
kommen gesprochen hatte, und wenn er einmal selber
handelnd eingrif, mußte eine ganz besondere Noth-
wendigkeit ihn erst dazu bestimmen.
Von allen Mitgliedern seines Klosters besaß
keiner sein Vertrauen in dem Grade, wie der in dem
ganzen Thale sehr verehrte Theophilus. Der Pater
wollte und wünschte für sich selbst hienieden Nichts,
er kannte keinen Ehrgeiz als die Macht, die Wohl-
fahrt seines Klosters.-- Er war dabei von Herzen -
menschenfreundlich, demüthig und fest in seinem from-
men Glauben, ohne Falsch wie die Tauben und klug
wie die Schlangen. Kein Anderer war in dem Thale
als Beichtiger mehr gesucht als er. Er hatte der un-

U11
zlücklichen Jakobäa schon zur Zeit ihrer Trennung von
Maurus beigestanden, mit ihm hatte der Abt die ganze
Angelegenheit verhandelt. Er wußte, welche Gründe
denselben bestimmt, und welche Rücksichten ihn geleitet
hatten, als er sich dazu entschlossen, das Verbrechen
des Maurus mit Schweigen bedecken, es dem Arme
:er strafenden Gerechtigkeit entziehen zu lassen. Pater
Theophilus war auch nicht zweifelhaft darüber, was
jezt mit Benedikt zu geschehen, und was er dessen
Mutter zu antworten bekommen würde. Es war ihm
eben so wenig unbekannt, daß die ganze Angelegen-
heit auch eine weltliche Seite hatie, welche für das
Kloster selbst von hoher Wichtigkeit war und auf die
Entscheidung des Abtes nicht ohne Einfluß bleiben
konnte.
Die vor mehr als siebenhundert Jahren gegründete
Benediktinerabtei war im Laufe der Zeiten zu einer
der vornehmsten und reichsten des Ordens geworden.
Ihre Besizungen hatten sich nicht nur über das ganze
Hochthal erstreckt, über welches die Klosteräbte fast als
souveräne Herren regierten und die hohe und niedere
Gerichtsbarkeit übten, sondern das Kloster hatte auch
weit hinaus über die Grenzen des Kantons, in wel-
chem es lag, eine große Anzahl von Liegenschaften und

ul
Einkünften aller Art durch fromme Vermächtnisse er-
worben, die seinen Glanz und Reichthum immer mehr
gesteigert hatten. Allein durch die revolutionären Be-
wegungen, welche am Ende des vorigen Jahrhunderts
auch die Schweiz ergrifen hatten, war in den welt-
lichen Zuständen und Verhältnissen der Abtei eine
große Veräänderung eingetreten. Nicht nur waren die
bis dahin fürstengleich waltenden Vorsteher derselben
ihrer weltlichen Herrschaftsrechte und Privilegien be-
raubt, und ihre früheren Unterthanen zu freien Bürgern
geworden; auch die Besizungen und Einkünfte ded
Klosters waren sehr beträchtlich vermindert, ja das
Kloster selbst ausgeplündert, und die stattlichen Kloster-
gebäude durch die Wildheit der eingedrungenen fremden
französischen Horden zu einem großen Theile ein Raub
der Flammen geworden. Der Wiederaufbau hatte be-
trächtliche Summen verschlungen, und Verkauf oder
Verpfändung mehr als eines Gutes herbeigeführt. In
solchen Zuständen hatte der jetzige Abt das Kloster ge-
funden, als er den Stuhl seines Vorgängers bestiegen,--
und je weniger er der Weltlage nach daran denken
konnte, der Abtei und ihren Verwesern die alte
glänzende Regentenstellung wiederzugewinnen, um so
mehr war es sein Ehrgeiz und um so eifriger bemühte

11
er sich, wenigstenö diejenigen Verluste, welche dad Kloster
an Besiz und Vermögen erlitten haite, durch kluge
und gesicherte Operationen einigermaßen auszugleichen.
Ec war ein großer Dienst, eine schwer wiegende
Hilfe gewesen, welche man Jakobäen dereinst in ihrer
Noth geleistet hatte, ein Beistand und ein Schuz, die
vergolten und aufgewogen werden mußten, und auf-
gewogen werden konnten; denn die Anschafft'schen
Licgenheiten waren bedeutend genug, um selbst dem
reichen Kloster noch alö ein ansehnlicher Gewinn zu
erscheinen. Ein zu errichtendes Altärchen, eine zu
stiftende Messe, ein Zehnten, dünkten den geistlichen
Herren kein ausreichender Entgelt für die Schonung
und die Rettung, welche sie vollzogen hatten. Ihre
Voraussicht hatte sich auf mehr gefaßt gemachk.
Einen wirklichen Zwang auf die Mutter oder auf
ihren Sohn auözuüben, lag nicht in des Abtes Sinn,
war gegen seine Handlungsweise. Er war kein Freund
jener Gewaltthaten, die Nachrede verursachen konnten,
und viel zu klug und vorsichtig, um einen Ast so ab-
zubrechen, daß man es gewahren mußte, wenn er
sicher sein durfte, sich der begehrten Frucht, die an dem
Aste hing, in weniger auffälliger Weise bemächtigen zu
können.
F. Lewald, Benedikt. l.

11
Er hatte deshalb aueh den Bericht des Pater
Theophilus über Jakobäen's Widerstreben gelassen an-
gehört, hatie es gebilligt, daß derselbe sich nicht ab-
lehnend, oder auch nuur zweifelnd gegen sie ausge-
sprochen, baß er ihr vielmehr eine Hoffnung auf die
Erfüllung ihrer Wünsche offen gelassen habe; dann
aber hatte er sich bestimmt und kurz erkundigt, in wie
weit Benedikt über seine Herkunft unterrichtet, bis zu
welchem Grade sein Verstand und seine Fähigkeit ent-
wickelt seien, die weltlichen Verhäältnisse zu begreifen,
und was der Knabe von seinem Vater und von dessen
Vergangenheit bisher etwa erfahren habe. Pater Theo-
phil hatte darüber genaue Auskunft gegeben und der
Abt ihm dann befohlen, den Knaben selber zu ihm zu
bescheiden.
Als Benedikt sich danach in dem Vorgemache des
Abtes meldete, wurde er augenblicklich eingelassen. Er
fand den Pater Theophilus bei ihm, der sich jedoch
enifernte. Des Abtes Unterredung mit dem Knaben
währte lange, und Benedikt verließ des Abtes Zimmer ,
und das Kloster völlig umgewandelt.
Der frohe Sinn, die Zuversicht, die Lebenslust
waren in ihm gebrochen. Er hatte Scheu bekommen
vor der Welt, die jenseits dieses Thales lag, Scheu

11
ror den Menschen, die er- kannte und die ihn kann-
ten; er hatte gelernt, die Klostermauern als Schutz
und Zuflucht anzusehen. Er durfte die Augen nicht
mehr froh erheben so wie sonst, er war nicht unbe-
scholten, wie die Andern Alle. Gesenkten Hauptes
trat er aus des Abtes Zimmer, und die breite Dorf-
straße vermeidend, nahm er den Weg nach seiner
Mutter Hause.
Jakobäa hatte sich geflissentlich unter dem Vor-
dach auf der Treppe zu thun gemacht. Von dem
Plaze konnte sie mit ihrem scharfen Auge den Sohn
erblicken, so wie er aus des Klosterö großer Pforte
trat; aber wie gespannt ihr Auge auch an dem Thore
hing, wie ihr, je länger er auf sich warten ließ, daö
Herz von Sorge schwerer und der Sinn von ver-
muthendem Denken aufgeregter wurde, Benedikt war
nicht zu sehen.
Mit einem Male stand er vor ihr. Er war auf
weitem Umwege von oben herunter durch den Wald
gekommen, und wie Jakobäa erschrak, als sie seiner
anfichtig wurde, so schreckte auch er zusammen, als er
die Mutter vor der Thüre fand.
, Benedikt!' rief sie und wollte ihn fragen, was
geschehen sei. Aber sie unterließ es, die Worte woll-

11s
ten ihr nicht über ihre Lippen gehen. Sie sah es an
dem scheuen finsteren Blick, mit dem er, sie ver-
meidend, vor sich hin starrte; man hatte ihm Mlles
gesagt. Er wußte Mlles! -- Nun war es ent-
schieden!-
Ohne ein Wort an sie zu richten, wendete er sich
in das Haus. Das konnte sie nicht ertragen, es zer-
riß ihr das Herz, sie mußte seine Stimme hören.
,Wo willst Du hin? fragte sie.
,,Drinnen bleiben- und in's Kloster, wenn es
dunkel sein wird ! gal er ihr zur Antwort, und ging
ohne sie nur anzusehen in das Haus hinein.
Das war zu viel! Ihr Kind wendete sich mit
Widerwillen von ihr ab! Sie folgte ihm auf dem
Fuße nach. Er hatte den Hut von sich geworfen und
saß mitten in der Stube an dem Tisch, den Kopf auf
die Arme gelehnt, daß sein Gesicht verborgen war.
Sie wollte ihm Etwas sagen, aber sie konnte das
rechte Wort nicht finden. So blieb sie hinter ihm stehen
und hörte ihn weinen.
Hätte sie ihr Kind beneiden können,, um diese-
Thränen hätte sie es gethan, denn ihre Augen blieben
trocken. Das Hofen war für sie zu Ende, das Schaffen
fortan unnüz; und was ist der Mensch ohne Hoffnung,

uu
und ohne Freude an der Arbeit?-- Sie kam sich
nicht mehr wie lebendig vor. Nur an dem Mitleid,
das sie mit ihrem Sohne fühlte, nuur an dem leiden-
schaftlichen Verlangen, ihren Benedilt zu retten vor
dem schwarzen Rocke, empfand sie es, daß sie noch
lebte. Ihr schauderte vor dem Zwang des Klosters
mehr noch als ihrem Sohne. Er und sie waren nicht
dazu gemacht; sich lebendig zu begraben.
Plözlich schoß ihr ein Gedanke durch den Sinn:
sie konnte fliehen mit Benedikt! Fliehen weit hinaus
in die Welt, in der Niemand sie kannte, Niemand von
ihr wußte, wo die Stimmne des Abtes sie nicht an ihr
Gelöbniß mahnen konnte. Aber fliehen?-- Hatie
der Arm der Gerechtigkeit nicht dereinst den Maurus
gefunden hier hoch oben in den Bergen? =- Und was
sollte aus ihrem Hause werden, aus ihrem Besiz, wenn
sie davon ging, sich in weiter Ferne zu verbergen?--
Von ihrem Hause, von ihrem Hale konnte sie nicht
fort!-- Sie hatie die Grenzen ihres Thales selten
einmal überschritten. Was sollte sie in der frem-
den Welt? Eine Bettlerin mit ihrem heimathlosen
Sohne?--
Es war unmöglich! Von diesem ihrem Hause
konnte sie nicht scheiden, sie konnte nicht hinaus in

18
jene fremde Welt, aus welcher all ihr Unglück ihr ge-
kommen war. Hier, wo sie geboren war, hier mußte
sie auch sterben. Was für sie erworben war und
was sie erworben hatte, das konnte sie nicht freiwillig
Fremden überlassen. Sie mußte hierbleiben, nach dem
Ihrigen zu sehen, so lange ihre Augen offen standen.
-- Nachher? Nachher blieb freilich nur noch Benebikt
im Thale, als Lezter von dem ganzen Anschafft'schen
Geschlecht!
Und wieder kam ein neuer Gedanke ihr in den
Sinn. Sie konnte das Verzweifeln nicht ertragen.
Athmen, leben, schafen und hoffen waren Eind in ihr.
Mochte eö nicht der frische volle Stamm sein, an den
sie sich zu lehnen, unter dessen Aesten sie Schatien zu
finden erwartet hatte in ihres Alters Tagen, auch an
einem schwachen Stabe kann man sich noch halten;
und ein Gutes, eine Aussicht blieb ihr doch, wenn
Benedikt auch in den Orden eintrat. Er blieb in ihrer
Nähe, blieb in ihrem Thale.
Sie konnte ihn sehen, konnte sehen, wie er heran=?
wuchs und in dem Kloster vorwärts kam; und da er
der Euste gewesen war in seiner Schule, wer wollte
sagen, wohin er es in dem Kloster und dem Orden
bringen konnte? Der Pater Negens war oben in dem

119
Walde zu Hause, eines armen Schreiners Sohn; den
Prior hatten barmherzige Menschen nach seiner Estern
Tode aufgepflegt, und es stand fest, daß er dem Herrn
Abbs dereinst in seinem Amte folgen würde. Wenn
Benediktus fleißig war, wenn er seine Gaben recht be-
nuzte, so konnte auch er dereinst des Klosters Prior,
ja der Abt des Klosters werden; so konnte sie sich doch
sagen, daß ihr Hab und Gut nach ihrem Tode troz
alledem sein eigen würde, daß es ihm zu Gute käme,
wenn sie es einmal dem Kloster hinterließ. Er konnte
in seinem Namen einen Altar stiften zu seinem An-
gedenken, zu ihren und zu Maria Josepha's Ehren,
der seinen und seines Hauses Namen in dem Kloster
wach erhielt für alle Zeit und Ewigkeit!-- Nur so
liegen, nur so weinen sollte Benedikt nicht mehr!--
Sie konnte das nicht ansehn und nicht dulden.
,Genedikt,' sagte sie,,sieh den Herrn Abt an!
wad fehlt dem wohl? Rechts und links weicht Alles
aus und neigt sich, wenn er nur vorüberfährt. Ein
Jeglicher küßt ihm die Hand. Er ist der Herr im
ganzen Thale!?
,Was hilft mir das? schluchzte der Knale, ohne
aufzusehen.
,Du kaunst ja Prior werden, kannst einmal Abt

12
im Kloster wwerden, grade so wie er!? bedeutete ihn
die Mutter.
,Wenn auch!'' entgegnete der Sohn.
, Der Abt kann kommen und gehen, reisen und
in die Welt hinaus, so wie es ihm gefällt!? sagte
Jakobäa, dem Lieblingsgedanken ihres Sohnes zu be-
gegnen, und ihm fortzuhelfen über die Nothwendig-
keit, die auf ihm lag, die sie ihm aufgebürdet hatte
durch den Eigensinn, mit welchem sie den wider-
strebenden Maurus dereinst festgehalten, die sie ihren
Kindern aufgebürdet hatte durch ihr Verschulden und
durch ihr Gelübde.
Aber sie verfehlte diesmal ihren Zweck. Denn
Benedikt richtete sich bei ihren Worten mit Heftizkeit
empor, und hell aufweinend, rief er: , In die Welt
hinaus?-- Ich will nicht hinaus in die Welt!--
Was soll ich in der Welt? Soll ich dem Vater dort
begegnen, der Schimpf und Schande über uns ge-
bracht hat! Ich bin geboren in Sünde und in
Schande, darum muß ich hin, wo keines Menschen. -'
Aug' mich sieht! Am Liebsten in das Wasser, wo es
am tiefsten ist, oder gleich in's Grab!?
, Benedikt! Benedikt!? stieß die Mutter mit
Herzensangst hervor, und wollte ihn umklammern, er

u2
aber wehrte sie von sich ab, und zusammenbrechend in
ihrer Pein, klagte sie: ,DDas kann der llebe Gott
nicht wollen! Das ist zu viel! Mein Sohn wendet
sich von mir ab! Da Kind wendet sich ab von seiner
Mutter!-- Der Abt hat keinen Sohn!'
Sie sezte sich still in eine Ecke und sah den
Knaben an. Er hatte sich aufgestützt und starrte vor
sich nieder. Es waren zum Theil die Worte des Abtes
gewesen, die er in seinem Schmerze ausgesprochen, und
seine Erschütterung hatte das Nebrige gethan. Die
Mutter wußte ihm Nichts mehr zu sagen und er wuußte
auch Nichts mehr. Sie fühlten das Unglück alle
Beide. Es war wie eine Lawine auf sie herabgestürzt
und lag auf ihnen kalt und finster.
Draußen schlug es sechs Ühr. Jakobäa ging
hinaud. Immerfort an dieser Stelle sizen bleiben
konnte sie ja nicht, und es war Zeit, daß sie für das
Nachtessen der Leute sorgte.
Benedikt rührte sich nicht. Erst als die Mutter
schon eine ganze Weile fort war, stand er auf, und
sah sich um. Des Weinens war er sait, des Wartens
war er müde. Er wollte etwas Anderes thun.
Aler was?
Er ging an den Tisch, zog die breite Schieblade

u
heraus, sah seine Bücher an und was sonst noch von
seiner kleinen Habe darin lag, und schob sie wieder
zu. Er sah nach seiner Drossel und nach dem schwar-
zen Eichhörnchen, dessen Haus auf dem Fensterbrette
stand. Die Drossel schlug just ihren schönsten Triller,
das Eichhorn drehte sich wie sonst in seinem Rade.
Es machte ihm aber kein Vergnügen mehr. Er ver-
suchte dies und das, und gab es wieder auf. End-
lich sezte er sich nieder und paßte auf die drei Schläge,
welche alliäglich von der Kirche das Zeichen zum Be-
ginn des Abendläutens und der Abendvesper gaben.
Er war ordentlich zufrieden, als er sie erklingen hörte.
Jezt wußte er wenigstens, was er mit sich machen
sollte, was zu thun war. Er nahm den Hut und
ging hinaus. Die Mutter stand am Heerde.
,Wo willst Du hin? fragte sie beklommen.
,Wo soll ich hin?-- In's Kloster!r gal er ihr
zur Antwort.
,Diese Woche hattest Du ja noch bleiben sollen,'
meinte sie, ,erst Ende der Woche solltest Du hinein.? , -
Er schüttelte den Kopf.,Was soll ich hier?
Ich werde froh sein, wenn ich dorten bin!'' gab er ihr
zur Antwort.
Er wollte gehen und stand doch still. --- ,Iß

noch bei mir zu Nacht!' sagte Jakobäa und die Stimme
bebte ihr, als sie es sprach.
, ch bin nicht hungrig! versezte er.,Cdieu!'?
nnd ging der Thür zu.
, Benedikt! Benedikt! rief die Mutter in ihrem
bittern Schmerz ihm nacheilend, um ihn an ihre Brust
zu ziehen.
Er machte sich von ihr los. ,Laß mich gehen,
ehe sie vom Felde kommen!'' sagte er.,Wenn ich
nur erst fort bin, ist's nachher einerlei! Adieu?
Und damit ging er von ihr.

Kapitel 09

zz Klosterherren waren seelenkundige und viel
erfahrene Erzieher. Sie ließen Penedikt ruhig in der
Menschenscheu gewähren, welche ihn überfallen hatte,
seit ihm der Abt das Geheimniß seiner Eltern kund
gethan.
Man nöthigte ihn nicht, an den regelmäßigen
Spaziergängen der übrigen Schüler Theil zu nehmen,
wenn man diese in das Freie führte, er durfte sich
im Garten beschäftigen, oder bei den Büchern sizen,
je nachdem er Lust dazu verrieth. Man gewährte ihm
eine verhältnißmäßige Freiheit innerhalb des Zwanged,
dem er sich plözlich unterworfen sah; denn je mehr
er sich abgeneigt fühlte, mit der Außenwelt zu ver-
kehren, um so sicherer durfte man darauf rechnen, daß
er sich in das Kloster eingewöhnen würde. Wenn er

12
sich von der eigenen Mutter ferne hielt, war Aussicht
vorhanden, daß er um so eher die Kirche als seine
Mutter anzusehen, den Orden als seine Familie zu
betrachten lernte; und Benedikt besaß alle die Eigen-
schaften, welche es einer solchen Gemeinschaft wünschenö-
werth machen konnten, ihn sich anzueignen. Er war
schön, begabt, von lebhafter Empfindung, und der
reichste Erbe in dem ganzen Thale.
Auch trog ihre Berechnung seine Vorgesezten
nicht. Wie Benedikt stets der beste Schüler in der
Dorfschule gewesen war, so zählte das Kloster ihn
schon nach Jahresfrist zu den besten seiner Zöglinge.
Sein starker Ehrgeiz trieb ihn zum Fleiße an, und
die Richtung, welche der Abt dem Gemüthe des Kna-
ben in jener ersten und einzigen Unterredung zu geben
verstanden hatte, sicherte seinen Vorgesezten seine Füg-
samkeit, wie sie ihn gottesfürchtig und sein Gewissen
rege gemacht hatte. Er wußte seinen Vater von
schwerer Schuld beladen, seine Mutter als Theil-
nehmerin einer Sünde wider die Gebote Gottes. Er
war nicht in güültiger Ehe geboren und da er die
Welt nicht kannte, glaubte er sich durch diesen Makel
ihr gegenüber schwerer beeinträchtigt, als er es in der-
selben gefunden haben würde. Es stand in der Bibel

19
geschrieben: Gott sei ein strenger Herr, er werde die
Sünden der Väter an den Kindern und Kindeö-
kindern rächen; also war er mit des Herrn Zorn be-
liden. Er hatte ihn zu sühnen durch makellosen
Wandel, durch unallässiges Gebet. Er hatte sich einzig
zu vertrösten auf des Heilandes Gnade, der die Sün-
den der Menschen auf sich genommen, der auch für
ihn den Kreuzestod erlitten. Er hatte zu der Mutter
Gottes zu flehen, daß sie bei ihrem Sohne Für-
sprecherin werde für den verbrecherischen Maurus, für
die unglückselige Jakobäa und für die Kinder, welche
so unheiligem Ehebunde entsprungen waren.
Es währte nicht lange, bis Benedilt den ihm
einst so verhaßten schwarzen Rock mit Ruhe, ja mit
Freuden, und wie ein Ehrenkleid zu tragen lernte.
Man war mit ihm zufrieden, man begegnete ihm mit
freundlicher Gleichmäßigkeit, seiner Wißbegier wuurde
reichlichere Nahrung , geboten, sein Vorwärtskommen
anerkannt, und sein Ehrgeiz, diese vorherrschende Leiden-
schaft in allen geistlichen Genossenschaften, ward durch
seine Vorgesezten nur in so weit-eingeschränkt, alö
die Unterordnung unter ihre Befehle und die De-
muth vor dem Herrn es nöthig machten. Er hatte
nicht mehr unter den wechselnden Gemüthsverfassungen
F. Lewald, Benedikt. 1.

18
seiner Mutter zu leiden, nicht mehr mit den Thalbe-
wohnern zu verkehren, die ihn früh mit halben Worten
ahnen lassen, daß seine Familie unter dem Banne
eines unseligen Geheimnisses stehe. Die Nachbars-
kinder, seine Schulkameraden peinigten ihn nicht mehr
mit den Fragen und Bemerkungen, die alle nach der
wunden Stelle zielten. Er ging unangefochten in den
Reihen der Klosterzöglinge einher, er fand Genossen
und Freunde unter ihnen, er hatte mit und unter
ihnen Anlaß seinen Körper in übenden Spielen zu
entwickeln, er kam in ihrer Gemeinschaft hoch in dad
Gebirge hinauf, machte im Sommer unter Leitung
seiner Dberen während der Ferien kleine Ausflüge in
das nächste Land zur Erholung in den andern, dem
Orden gehörenden Besizungen; und, was nicht gering
bei ihm in das Gewicht fiel, er war in dieser Zeit
der einzige Klosterschüler aus dem Thale, er war da-
durch in seinen Augen weit vornehmer als alle die-
jenigen, die sich sonst um seiner Geburt willen über
ihn erhoben hatien. Die Kirche war ihm für sein
Empfinden wirklich eine Mutter geworden; sie und . -
das Kloster gewährten ihm Schutz, eröffneten und ver-
sprachen ihm eine Zukunft, und er gab sich ihnen zu-
letzt von ganzem Herzen und von ganzer Seele hin.

u
Die eizene Mutter sah er nicht eben häufig. Die
Abneigung, mit der er ihr in der Stunde begegnet
war, in welcher er aus ihrem Hause schied, hatte ihr
das Herz erstarren machen. Sie scheute sich vor dem
Knaben mehr, als sie einen Fremden je gefürchtet
hatte; und weil sie ihm, alö man ihn zum ersten Male
zu ihr führte, kalt begegnet war, trug er kein großes
Verlangen, öfters zu ihr zurückzukehren. Auch sie für
ihr Theil verlangte nicht nach ihm. Sie mochte e?
gar nicht sehen, wenn der sonst so lebenöfrohe Benr-
dikt in der schwarzen Soutane, gemessenen Schrittes
in Mitten seiner Klasse an ihrem Hause vorüler ge-
führt wurde, er kam ihr wie der Schatten seiner sellst
vor. Das Kloster stand zwischen ihmu und ihr; nicht
sie, das Kloster hatte an ihn den allernächsten An-
spruch. Sie konnte mit ihm nicht reden, wie es ihr
zu Muth war: er war ihr entfremdet worden, und
wie an einem Frenden mußte sie versuchen, sich an
ihn erst wieder zu gewöhnen.
Jndeß die Zeit bewährte auch in diesem Falle
ihre Kraft und Macht. Man hatte Benediltus ange-
halten, tääglich für seiner Mutter und seiner Schweslern
Seelenheil zu beten--- wie konnte also seine Ab-
neigung gegen die Mutter fortbestehen, die er in

1N
immer neuen brünstigen Gebeten der erbarmungsvollen
Gnade des höchsten Richters anempfahl? Das Mit-
leid mit ihr zeg mit seiner wachsenden Neife und sei-
ner sich erweiternden Einsicht in sein Herz; und als
man sich im Kloster erst seiner völligen Hingebung
an dasselbe versichert halten durfte, hatte man sogar
seine Annäherung an die Mutter auf jede Art zu
fördern getrachtet. Wer konnte denn besser geeignet
fein Jakobäen Sinn zu Gunsten des Klosters zu be-
stimmen, als ihr Sohn und Erbe, nachdem er seinem
Kloster von ganzer Seele eigen geworden war?
Er hatte seine Klassen mit Ehren durchgemacht.
Er galt für den besten Philologen unter seinen Mit-
schülern und zrigte schöne Anlagen für Beredsamkeit
und Poesie. Aus freiem Antriebe hatte er lateinische
und deutsche Hymnen gedichtet, welche den Beifall der
Lehrer gefunden; seine dialektischen Fähigkeiten waren
anerkennend bemerkt worden und wie er als Knabe
in dem Thale um seiner starken und hellen Stimme
rillen Beifall geerndtet hatte, so waren jetzt sein Ge-
sang und seine mehr und mehr hervortretende musika-
lische Begabung bald des Klosters Stolz und Freude.
Er war beliebt bei seinen Mitschülern, besaß die Gunst
seiner Vorgesezten; und seine strenge Gewissenhaftig-
, r

aI
keit, seine tiefe Frömmigkeit machten es, daß man große
Hoffnungen auf seine Zukunft bauie, als er mit fron-
mer Freude in sein Noviziat eintrat.
Während dieser Jahre hatten sich aber auch in
dem Thale die Zustände sehr wesentlich geändert, und
die Folgen des erleichterten Reisens hatten angefangen,
sich bis hinauf in das Hochgebirge und in seine Thäler
geltend zu machen.
Früher, in den Zeiten, in welchen Maurn die
Heimath auf Nimmerwiederkehr verlassen, war selten
einmal der Fuß eines Reisenden die einsame und sehr
beschwerliche Slraße nach dem Klosterthale empor-
gestiegen. Seit man jedoch in den, die Schweiz um-
gebenden Ländern Eisenbahnen gebaut, und die
Dampfwagen und Dampfschife begonnen hatten, die
Beförderung der Menschen zu Lande und zu Wasser
in so großer Zahl, und in vorher ganz ungekannter
Schnelle zu ermöglichen, waren in der Schweiz mit
jedem Jahre der Neisenden immer mehr, und das Be-
steigen der höchsten Berge, an welches sich sonst nur
die unerschrockene Beharrlichkeit einzelner Gelehnter,
oder besonders für die Naturschönheiten begeisterter
Männer herangewagt hatte, zu einer Modesache und
znu etwas fast Alläglichem geworden.

5
Die Stäole der Schweiz hatten während der
Sommermonate bald nicht mehr Naum genug für
ihre ausläändischen Gäfte. Man fing an, auf dem
Lande, in den Gasthöfen, an den Seen und in den
Bergen ein Unterkommen zu suchen, und je weniger
dadselbe von denjenigen Bequemlichkeiten zu bieten ver-
?
Benedikt hatte noch in der Zeit seines Noviziates
gestanden, als die ersten Fremden sich zu längerem
Verweilen bei deö Doktors Mutter in dem einzigen
Wirthshause des Thales niederließen. Es waren
junge deutsche Gelehrte. Sie waren bald nach ihrer
Ankunft in das Kloster gekommen, um Zutritt zu der
Bibliothek desselben zu erbitten, in der sie, und nicht
mit Unrecht, werthvollen Besiz vermutheten. Man
hatte ihrem Ansuchen bereitwillig willfahrt; der Ordens-
bruder, dem die Aufsicht über die Bibliothek zustand,
hatte sich, stolz auf die reiche Handschriftensammlung
derselben, mit den beiden Fremden viel beschäftigt; sie
waren dann alltäglich wiedergekommnen, um zu kopiren,
waö ihnen für ihre Zwecke brauchbar dünkte, und trrt
der strengen Drdensregel, welche den Verkehr mit der
Außenwelt während des Noviziates sehr beschränkte,
, -- -

1
hatte der Bibliothekar eines Tages Benedikt, der just
vorüberging, herbeigerufen, ihm ein Missale herbeizu-
holen, dessen Miniaturen Jener die Fremden sehen
lassen wollte.
Es fanden sich aber diesem alten Meßbuche noch
ein paar Pergamentblätter beigebunden, auf denen in
uralter Schrift Text und Melodie des Ambrosianischen
Lobgesanges, des Po äeum lauäumus geschrieben waren.
Sie galken, weil sie eine kleine musikalische Abweichung
von der gebräuchlichen Melodie enthielten, als eine be-
sondere Merkwürdigkeit, und da der Benediktiner-Orden
sich rühmen durfte, der Sammler und Herausgeber
der Werke des zu ihm gehöri habenden heiligen Am-
brosius gewesen zu sein, so gefiel der Bibliothekar sich
darin, seine gelehrten Gäste eben auf diese Besonder-
heit aufmerksam zu machen.
Der Eine derselben, welcher musikalisch war,
wünschte die Musik zu hören. Benedikt nurde ange-
wicsen, das Meßbuch nach dem Chor zu tragen, denn
da Kloster legte großen Werth auf seine Orgel, wie
auf seine Kirchenmuusik, und der Pater Bibliothekar
hieß ihn, unter Begleitung des jungen deutschen Ge-
lehrten, das De äeuru nach der vorliegenden Abweichung
zu singen.

18
Benedikt that dies ohne alle Scheu und ohne
Zögern; indeß noch während er sang, gab der Professor
seinem Erstaunen über die Stimune und die musikali-
sche Begabung des jungen Mannes Ausdruck.
,as ist ja eine Stimme,' sagte er, als Benedikt
geendet hatte, ,wie ich sie schöner nie gehört habe!
Ihre Fülle, und ihr weicher Ton überfluthen wie der
Tenor unsres Wild das Ohr des Hrers und dringen
in das Herz ein!-
=b er andere Fremde meinte, Wild's Stimme habe
vielleicht noch eine größere Süßigkeit, auch ihnu aler
sei der männliche Klang von Benedikts Drgan, daö
mit den Jahren nur gewinnen könne, noch viel lieber.
Des Jünglings Augen strahlten. Er hatie große
Freude daran, daß die Fremden ihn mit einem Sän-
ger verglichen, den sie offenbar bewunderten, und er
horchte hoch auf, alo der Professor die Bemerkung
machte, Wild hale seine ersten musikalischen Studien
ebenfalls im Dienste der Kirche gemacht. Er sei Chor-
schüler gewesen, ehe er in die Fürstlich Esterhazy'sche
Kapelle aufgenommen worden; und erst von dieser sei
er zu der großen Oper üübergegangen, deren glänzendste
Zierde er seitdem geworden sei.
Der Pater Bibllothekar, dem dieser Zwischenfall

u3
sehr ungelegen kam, befahl dem jungen Novizen, das
Meßbuch nach der Bibliothek zurückzutragen, und Be-
nedikt gehorchte, wenn auch mit innerem Widerstreben.
Er machte sich das allerdings zum Vorwurf. Er
klagte sich in der Beichte an, daß das Lob der Frem-
den seine Eitelkeit erregt, daß es ihn von der Selbst-
betrachtung abgezegen habe, die jezt mehr als jemals
seine Pflicht sei, daß sich seine Gedanken wider seinen
Willen der Außenwelt zugewendet hätten; und an die
strenge Klosterzucht gewöhnt, fand er es in der Ord-
nung und gerechtfertigt, als Pater Theophil sein Beich-
tiger, ihm zur Buße die Strafe auferlegte, sich des
Gesanges wie des Orgelspielens fortan zu enthalten,
und dem Gotteödienste bis zur Beendigung seines
Noviziates in schweigender Andacht lautloö beizuwohnen.
Er hatte diese Strafe freudig über sich genom-
men, aber noch kein Herbst und noch kein Winter
hatten ihm so lang gedünkt, alö dieser, und nie zuvor
hatte er so wenig als in dieser Zeit seine Seele frei
im Gebete erheben können. Er fühlte sich, als wäre
ihm: der Lebenönerv erschlafft, als versage sich ihm
allmälig nicht nur daö Wort, sondern auch der Ge-
danke, als irennten ihn die schweren Wolkenschichten,
die das Thal durchzogen, für immer von dem reinen

18
Aether ab, zu welchem sein Blick sich sonst in sehn-
fuchtsvollem Hoffen glaubensstark erhoben hatte. Je
mehr er unter dieser Stimmung litt, je ernfter er
Iegen dieselbe in sich rang und kämpfte, um so tiefer
versenkte er sich in seine schwermüthigen Zweifel an
sich selbst, und an seine Würdigkeit, dem Herrn zu
dienen; und es bedurfte endlich des erhebenden Zu-
spruchs seines geistigen Führers, ihm mit dem Hinweis
auf die Barmherzigkeit des Herrn wieder jenes Zu-
trauen zu sich selbst zu geben, ohne welches derjenige
nicht bestehen kann, der bestimmt ist, dereinst ein Führer
und Berather für Andere zu werden.
So kam das Ende des Noviziateö für Benedikt,
und mit ihm der helle Frühlingstag heran, an welchem
er, auf die Welt und ihre Lust verzichtend, die Priester-
weihe empfangen und Aufnahme in den Orden fin-
den sollte.
In tiefer, demüthiger Zerknirschung, niedergebengt
von dem Gedanken an die Schuld und Sünde, der
er sich entsprossen wußte, war Benedikt in die heilige
Handlung eingetreten. Aber als wirke in der That -
eine geheimnißvolle Kraft in den Händen der Priester,
die sich segnend über ihn breiteten, als komme ihm
Stäirkung aus dem heiligen Dele, mit dem man sein

19
Hapt und seine Hände salbte, und als ströme ein
neues Leben in ihn aus den priesterlichen Gewändern,
mit welchen man ihn bekleidete, so richtete sich sein
Anliz allmälig in die Höhe; und wie im hellen Jubel-
rufe tönte sein , le äenm luuuäamus zu dem hohen
Gewölbe der Kirche empor, als er zum ersten Male
ein gesalbter Diener Gottes, im Vereine seiner Ordens-
brüder den Herrn wieder preisen durfte im Gesang.
Er fühlte sich stark und frei, als wäre cine schwere
Fessel von ihm genommen, deren Gewicht ihn die
Zeit hindurch an den Erdenschranken festgehalten hatte,
als sei er sich selber wiedergegeben und erlöst von
aller Noth und Pein. Die Gewalt und Kraft seiner
Stimme, die in der gezwungenen Ruhe mächtig ge-
wachsen war, gab ihm das Vollgefühl der Gesundheit
zurück. Nicht nur seine Hörer erschütterte und erfreute
sein Gesang, er machte ihn selber froh, wie das Auf-
jubeln der Lerche, wie der Frühling, wenn er sich
wieder über die Erde breitet. Ein Gefühl des Dankes
gegen seinen Schöpfer, eine fromme Inbrunst, und
das Verlangen, den Herrn im Gesang zu feiern und
zn loben immerdar, erfüllten seine Seele. Der
Schöpfer, der ihm diese Kraft gegeben, diese Freude
gegönnt hatte, der die Sonne über der von ihm ge-

140
schaffenen Welt seit Aeonen von Jahren leuchten ließ,
über Gute und Böse- auch über seinen Vater oder
vielleicht schon über dessen Grab -- und über seine
Mutter und über ihn und seine Schwestern, der hatte
es von Anbeginn voraus bestimmt, daß er in den
Dienst der Kirche treten und geheiligt und gereinigt
werden sollte in der heiligen Gemeinschaft dieses
Ordenö; und also gönnte es ihm auch der Schöpfer,
daß er in der Töne Fülle schwelgte, daß er in ihnen
auszudrücken strebte, wofür das Wort ihm nicht
Genüge that.
In des jungen Mönches Seele war in dieser
Stunde eine große Wandelung geschehen, eine Offen-
barung mächtig geworden. Seine unbewußte Freude
am Gesang hatte sich in die Erkenntniß umgestaltet,
daß Musik ihm ein Bedürfniß sei, daß er sie liebe
und nicht leben könne ohne sie; und es war die ihm
aufgelegt gewesene Entbehrung, die ihm dieses kund
gethan hatte.
Schon früher war er auf die musikalischen Werke
der alten Meister aufmerksam gewesen, deren die ?
Bibllothek des Klosters eine reiche Zahl besaß. Jezt
warf er sich mit erneutem Eifer auf das Studium
derselben, und von Seiten seiner Oberen störte man

14l
ihn darin nicht. Man kam ihm jezl, da man sich
seiner sicher wußte, vielmehr dabei zu Hilfe; denn der
bt liebte die Musik. Er legte also auch Werth
darauf, in dem jungen reich begabten Ordensbruder
einen Musiker heranzubilden, der dem Kloster einst
durch seine musikalischen Kenntnisse und Leistungen
Ehre machen könne; und schon jetzt fand man es vor-
theilhaft, in dem jungen Pater Benedikt einen guten
und eifrigen Lehrer für die Klosterschüler, und einen
Sänger zu besizen, dessen schöne Stimme und dessen
Drgelspiel den großen Ceremonien, wie der täglichen
Andacht, einen erhöhten Reiz und eine bereits erprobte
Anziehungskraft verliehen. Man hielt ihn deöhalb
hoch und dies Bewußtsein band ihn um so fester an
die Ordensgemeinschaft, der er jezt für immer an-
gehörte.

Kapitel 10

nzwischen hatte man in dem Thale mit jedem
aahre die Zahl seiner Besucher zunehmen sehen und
die rüstige Besizerin des Gasthauses war in jener Zeit
darauf verfallen, ihrem Hause zwwei Flügel anzubauen,
um während der günstigen Jahreszeit Kostgänger bei
sich aufnehmen, und ein förmliches Pensionat errichken
zu können.
Sie besaß außer dem hülschen Anwesen, das sie
von ihrem früh verstorbenen Manne ererbt hatte, ein
eigenes nicht unbedeutendes Vermögen, welcheö sie ihrer
Zeit in die Ehe mitgebracht hatte; und vorauösichtig,
wie sie war, hatte sie bei dem zunehmenden Verkehr in
ihren Bergen die Tochter in eine gute Erziehunge-
anstalt geschickt, damit sie fremde Sprachen lernen
F. Lewald, Benedikt. 1

146
solle, und ebenso hatte sie dem Sohne, weil er Hang
gezeigt, sich dem Studium der Medizin zu widmen,
die Mittel dazu sehr freigebig gewährt.
Er war ein paar Jahr älter als Benedikt, die
Tochter ein Jahr jünger als dieser, und sie hatten als
Kinder, bis Benedikt in das Kloster genommen worden
war, gute und herzliche Kameradschaft mit einander
gehalten, schon weil die Mütter in der Jugend
Freundinnen gewesen waren. Fast um dieselbe Zeit,
in welcher Benedikt sein Noviziat beendete, kamen
auch die Geschwister nach mehrjähriger Entfernung
von der Heimath, in das Thal und in das Vater-
haus zurück. Sie sollten der Mutter bei der Ein-
weihung und Eröffnung ihres neuen Kost- und Logir-
hauses zur Hand gehen und der Doktor brachte so-
gar gleich ein paar vornehme Frauen mit sich in das
Thal hinauf.
Einer seiner Universitäts-Lehrer, der als Dia-
gnostiker eineöeuropäischenNufesgenoß, und vonKranken
aus allen Ländern vielfach berathen wurde, hatte an-
gefangen, die Nervenschwachen zur Stärkung in die
windstillen Thäler des schweizerischen Hochgebirges
hinaufzuschicken. Er kannte das weite wohlgeschüzte
Klosterthal, er hatte eine gute Meinung von seines

14?
jungen Schülers Kenntnissen und Einsicht und da die
Kranke, um welche es sich handelte, nicht ohne änzt-
lichen Beirath in dem Gebirge bleiben zu können be-
hauptete, hatte der konsultirte Professor ihr den Vor-
schlag gemacht, eben das Klosterthal und das neue
Pensionshaus zu ihrem Aufenthalt zu wählen, weil
sie in demselben zu jeder Stunde der ärztlichen Pflege
seines Zöglings theilhaft werden konnte.
Der junge Doktor hatte seiner Mutter angezelgt,
daß sie sich auf den Empfang einer reichen und sehr
verwöhnten Dame vorbereiten möge. Er hatte ge-
schrieben, daß die Baronin Landeöheimer einen Trag-
sessel mit sich führe, hatte angeordnet, daß man vier
Träger an das Schif hinunter senden, daß an dem
Ufer ein paar einspännige Karren zum Heraufbringen
des Gepäckes, nebst ein paar Saumthieren für das Fräu-
lein und die Kammerjungfer bereit stehen sollten; und
weil man in dem Thale derlei vornehme Herrschaften
bisher noch nicht beherbergt hatte, war der Wirthin so
wie ihrer Tchter Angst geworden vor den Ansprüchen,
welche die Aükömmlinge erhoben, und die zu befriedigen
nicht möglich sein würde.
Schon vom Nachmittage an spähten sie an den
festgesetzten Tage unablässig nach der Seite hinaus,
1g

118
von welcher die Fremden kommen mußten. Ihre
Neugier, ihre Erwartung theilten sich den Nachbarinnen
mit. Die Eine und die Andere kam herbei, sich die
Zimmer anzusehen, in welche man die Kranke unter-
bringen wollte. Man sprach von ihrem Alter, von
ihrem Leiden, ven ihrer Hinfälligkeit ohne irgend etwas
Näheres davon zu wissen, bis sich aus den Vermuthungen
der Nachbarinnen, aus den -Voraussezungen der neuen
Pensionshalterin und ihrer Tochter, endlich in ihnen
Lllen der Glaube heranbildete, daß die Baronin Landes-
heimer eine todtkranke, hochbetagte Dame sei.
Wie eine solche die weite Neise auö dem fernen
Böhmen habe übestehen können, wie sie, die doch
gewiß in einem Palaste zu leben gewohnt sei, es in
den niederen Zimmern des engen Hauses aushalten
werde, davor wurde der Wirthin selber immer bänger.
Sie wünschte endlich nur, daß die alte Dame nicht
ekwa gar in ihrem Hause sterbe möge, und war noch
mit der Erwägung all der Noth- und Nebelstände
beschäftigt, welche solch ein Unglücksfall in seinem Ge-
folge haben würde, als man den Zug auf der west-
lichen Höhe erscheinen und raschen Schrittes in das
Thal hernieder steigen sah.
lt und Jung trat vor die Häuser heraus, die

Ks
19
Kinder liefen den Fremden neugierig entgagen, denn
noch niemal? war eine Dame in das Thal hinauf-
gekragen wordan, und eine solche Karavane hatte man
noch nie zuvor gesehen. Von rechis, von links schaute
man nach der Kranken aud, auch die Wirthin snchte
sie schon von ferne mit den Augen, und wußte nicht,
was sie davon zu denken habe, als sie auf dem Trag-
sessck eine große, starke Frau entdeckte, die wohl am
Ende ihrer vierziger Iahre
sehr schön aussah und mit
sein konnte, aber noch
Augen nach allen Seiten um
Aufsehen, dak sie erregte, ihr
wetl
wie
sie zu belustigen schien.
den großen schwarzrn
sich schaute, weil das
Das Fräulein, dad elen so
schöner war, und nicht wie
eine Schwester der Baronin
heiterem Lachen hier und dort.
ergnügen zu machen
stnitlich, aler nech
die Tochter, sondern
aussah, grüüßte mit
Sie war, als man
ror dem Hause anhielt, gleich behende auö dem Sattel,
so daß man sah, sie sei ded Reitenö sehr gewehnt.
Auch die Baronin kam leicht von ihrem Tragesessel
auf die Füße, und wenn ihr der Doktor dalei auch
seine Hülfe anbot, während die Kammerjungfer ihr
mit großer Beflissenheit eln Mäntelchen unn dieSchultern
ing und sich ricl mit ihr zu schaffen machte, so über-
- -. -?

15
zengte sich die Wirthin zu ihrer Beruhigung doch so-
fort davon, daß es mit dieser Kr:uken so schlimm
nicht stehen könne, und daß man um ihren Tod sich
vorläufig keine Sorge machen dürfe.
Die Baronin und das Fräulein waren in der
allerbesten Laune, Victoire, wie die Mutter sie immer
nannte, weil sie zumeist französisch mit einander sprechen,
Victoire rief lachend, sie komme sich hier wie Schillers
Mädchen aus der Fremde vor. Sie finde es sehr
verführerisch, angestaunt zu werden, als steige sie aus
des Himmels Höhen nieder, und sie schien es auch
anit dem Gabenvertheilen gleich wie das Mädchen
aus der Fremde halten zu wellen. Denn als die
Kinder sich herandrängten, dem ungewohnten Schau-
spiel zuzusehen, gab sie ihnen, ohne daß sie »s be-
gehrken, was ihr eben in die Hände kam: die Blumen,
die sie sith während des Weges hatte auf das Pferd
hinaufreichen lassen, das Zuckerwetk aus ihrer Tasche
und auch Geld, ald sie mit dem Zuckerwerk am
Ende war.
Derlei ungeforderte Freigelizkeit war man hier
zn Lande nicht gewohnt, und die unverhofften Spenden
machten dehalb ihre Empfänger schnell begehrlicher.
Wer aud der Ferne deö befremdlichen Vorganges ge-

?-.-
1
wahr wurde, eilte so rasch er konnte, herbei, um Theil
zu haben an der allgemeinen Ernte. Der Zudrang
wurde immer größer, die sämmtlichen Kinder waren
bald beisammen, es streckten allmälig auch die größeren
Burschen und die erwachsenen Mädchen ihre Hände
fordernd aus, und Viktorine hatke ihren Spaß daran.
Sie warf, daa die junge Schaar bald ungestüm zu
werden anfing, und der Inhalt ihrer Börse endlich
auch erschöpft war, dem Einen lachend das kleine,
seidene Tuch zu, welches sie um den Hals getragen
hatte, der Anderen die langen Handschuhe, die ihre
schönen Hände bedeckten.
Die Witihin hatte Noth, es zu verhindern, daß
sie nicht in ihrer übermüthigen Fröhlichkeit den Auf-
lauf immer größer machte; und der verständigen Frau
gefiel der ganze Vorgang überhaupt nicht, weil sie
es voraus sah, welch unangenehme Belästigung den
Fremden fortan durch des Fräuleins ungehörigen Ein-
fall zugezogen werden würde. Sie mußte endlich, als
der Doktor mit der Baronin in das Haus hinein-
gegangen war, den Knecht zu Hülfe nehmen, um die
in ihrem Jubel laut tobende Kinderschaar nur aus
dem Bereich des Hauses zu entfernen. Hätte sie es
in ihrer Hand gehabt, sie hätte in dem Augenllicke

l
am liebsten auch die Baronin und daä Fräulein fort-
geschickt, denn die Nhörichte Großmuth der beiden
Fremden und daä Gebahren derselben waren ihr nicht
recht geheuer. Si: mißtraute ihnen und sie gefielen
ihr keinesweges.
Der Doktor ließ sich kaum die Zeit, die Seinen
zu begrüßen. Er führte die Baronin in die ihr be-
stimmten Zimmer, er ließ ihr daö Sopha in die offene
Gallerie hinauörücken, und sie streckte sich auf dem-
selben aus, als wäre der Vorrath ihrer Kräfte ganz
und gar erschöpft. Indeß das währte gar nicht lange.
- as Niechfläschchen hatte seine W.rkung ofenbar ge-
ihan, und mit dem goldenen Augenglas vor dem Ge-
sicht, fing sie an die Berge und dad Kloster, und das
Zimmer, und die Wirthin und der Wirthin Tochter,
mit wohlgefälligem Lächeln zu betrachten, und mit ge-
flissentlicher Herallassung diesed Alles sehr charmant,
die Berge wie die T..rthin und deren dienstbeflissene
Tochter aber wirklich ganz charmant und über all ihr
Erwarten angenehm zu nennen.
Biktorine fand Alleö geradezu entzückend, Alles
ganz bezaubernd! Die brave Wirthin stand und staunte
über ihre grrßen Worte. Sie fragte sich vergebens,
was ihre Gäste nur bewegen möge, sich mit dem Aus-

158
druck ihrer Zufriedenheit so anzustrengen, und da
Gehörige so über die Gebühr zu loben. Recht richtig
kamen sie ihr nun einmnal nicht vor; denn obschon
sie Deutsche und in der Hauptstadt Böhmenö angesessen
naren, sprachen sie untereinander bald französisch und
bald englisch, und während sie in der Wohnung Alles
bewunderten und priesen, war ihnen, als sie sich dann
endlich gegen den Abend hin in ihren Stuben nieder-
lassen wollten, doch wieder gar Nichtö gnt genug und
gar Nichts recht.
Die Wirthin hatte mit gutem Willen ihr Mög-
lichstes gethan, aber sie mußte e? schließlich alö ein
wahreö Glück betrachten, daß die Baronin ihre Betten,
ihre Wachskerzen, ihre silbernen Theegeräthschaften und
ihren Thee stets bei sich führte, so daß sie doch, wie
sie es nun plözlich nannte, in dieser weltabgeschiedenen
Einsarnkeit und Dede auf die Befriedigung der aller-
unerläßlichsten Ansprüche nicht zu verzichten, und ihren
wenigen kleinen häuölichen Gewohnheiten und Be-
auemlichkeiten nicht völlig zu entsagen brauchte.
Sie muußte indessen sonderbare Vorstellungen von
Viel und Wenig, und eine große Menge unerläßlicher
Nothwendigkeiten und kleiner häuslicher Gewohnheiten
besizen; denn des Forderns, des Fragens und Be-

15s
gehrens ward stundenlang kein Ende. Die Wirthin
und die schöne Katharine saßen am Abende endlich
müde und matt vor ihres Hauses Thüre, um noch
einen letzten ruhigen Athemzug zu thun, ehe sie ihr
Lager suchten, als der Doktor rasch und munter von
den Fremden zu den Seinen kam.
Er warf sich lachend und die Glieder dehnend
neben ihnen nieder, als könne auch er vor Müdigkeit
nicht weiter. ,Wenn das so fortgeht,? scherzte er, ,so
wird die Baronin unsere Kräfte herunterbringen,
während sie die ihren stärkt, und wir werden, wenn
sie fortgeht, selber eine Kur vonnöthen haben. -
Das war heute keine Kleinigkeit! Reden und reden
und immer wieder reden, und immer wieder dasselbe
in neuen Formen reden, von Morgens acht Uhr bis
zum späten Abend! Dagegen ist der Dienst in einem
Hospitale eine wahrhafte Erholung. Aber schön sind
sie alle Beide, und Geld haben sie, mehr als zu viel!
,Was hast Du denn bei der Baronin noch so
späät gethan? fragte die Wirthin, welcher des Sohnes
Munterkeit sofort den Muth belebte.
,Ich habe mit ihr einen Thee getrunken, der einem
Steinmezen oder Mäher den Schlaf benehmen könnte,
und der ihre Schlaflosigkeiten sehr erklärlich macht.

15
Dann hat sie sich zurückgezogen, um, wie sie es ge-
wohnt zu sein behauptet, ihre Seele vor der Nacht
noch im Gebet zu sammeln; und ich habe mit Fräu-
lein Viktorine auf der Gallerie gesessen, die ihr Auge
an der ßracht des glorreichen Sternenhimmels und
an dem zauberbaften Lichte erquicken wollte, welches
die Mondeöstrahlen über die Schneegebirge so ver-
schwenderisch ergießen.'?
Er hatie die Worte in dem Tone und in der
Weise der Baronin und des Fräuleins wiederholt,
seine Schwester und seine Mutier mußten lachen. Der
Doktor nahm eine ernsthafte Miene an.
Er war noch jung, aber er war, wie alle Schweizer,
klug, und hatte von der tüchtigen und umsichtigen
Mutter das richkige Berechnen frühzeitig gelernt. Sein
Fleiß hatte ihn die Beachtung seiner Lehrer eingetragen,
er war unter ihrer Leitung ein guter Beobachter ge-
worden und der berühmte Arzt, der ihm diese beiden
Damen als erste Gäste in die neubegründete Kuranstalt
seiner Muiter mit hinauf gegeben, hatte ihn in freund-
lich kollegialischer Vertraulichkeit über die Lebens-
verhältnisse derselben so weit als nöthig unterrichtet,
während er ihm gleichzeitig den Nath gegeben hatte,
sich die Gunst der Baronin zu erwerben, deren Ein-

1e
flß ihm, dem angehenden Prakliker, ebenso wie dem
Pensienate seiner Mutter, von wesenilichem Nutzen
sein könne.
Katharine zuigte sich von der Schönheit der beiden
FFrauen ebenso wie der Doktor eingenommen. Die
Mutter meinte, schön wären sie freilich, und stolz
schienen sie ihr nicht zu sein, aber ihre Freundlichkeit
fei so unruhig und geflissentlich. Sie hätte sich vor-
nehme Frauen doch weit vornehmer gedacht, und wie
Deutsche sähen sie nun einmal gar nicht aus.
,,Nicht wie Deutsche? wiederholte der Sohn.
, Nun, rechte Deutsche kann man sie auch nicht nennen,
da sie Juden sind; und vornehm? scherzte er, dessen
sarkastische Laune leicht anzuregen wan, zvornehm sind
sie ja aus Lribeskräften! Aber in ein paar Jahren
werden sie's wohl besser noch verstehen! E will doch
.ulle? erst gelernt sein! Und ihr Adel ist nrch jünger
als ihr Christenthum. Nur ihr Neichthum hat schon
Ahnen, und sie hätten auf das Christenthum vielleicht
von Harzen gern verzichtet, wäre nur der Adel für
sie ohne dadselbe zu erlangen gewesen. Troz alledem
ist aber der neue Baren ein großer Mann. Die
Baronin hat mir heut von ihren vornehmen Bekannt-
schafien, von den Grafen und Fürsten, die ihres Hauses

k
u?
Gäste sind, von dem Bischof, dem sie eine völlige
Wandlung ihres Glaulens und Erkennens danke, schon
nnterweges ohne Aufhören erzählt. Sie bringt so-
gar das Empfehlungöschreiben eines Bischofs an den
Herrn Abt mit, das sie ihm selber übergeben will.
Die Wirthin schüttelte den Kopf. Ihr Unter-
nehmen, solche Gäste in ihrem Hause zu beherbergen,
erschien ihr mehr und mehr vermessen. Sie versank
in Berechnungen und Neberlegnngen aller Art, der
Doktor und die Schwester plauderten lustig mit ein-
ander fort.
Mit einem Male erhellte sich das große Zimmer
hinter der Glaögallerie, man hörte auf dem Klaviere
einzelne Accorde anschlagen, und von einer herrlichon
Altstimme gesungen, tönte Schuberts Ae Muriu, tönten
die Worte:
O Sanetiesimu, o piissima, äuleis irgo Karia!
durch dis Stille der Nacht.
Die Wirthin und ihre Tochter hatten die Hände
gefaltet, auch der Doktor horchte hoch auf. Es lag
etwas Neberwältigendes in dieser Stimme, Etwas, das
bis in des Herzens Tiefen drang. Keiner von den
Dreien hatte jemals einen ähnlichen Gesang gehört,
einen solchen Eindruck empfangen.

15
, Es ist, als wäre man in der Kirche!'' sagte
Katharina ganz gerührt, als das Lied zu Ende war.
,Sa man könnte schwören, sie wäre mit dem
Ae Klariu groß geworden von Kindesbeinen an!'
meinte der Doktor; und sie warteten noch eine Weile,
ob Viktorine nicht noch einmal singen würde. Aber
der Gesang verstummte und das Licht erlosch.
eag

Kapitel 11

olktes Cnpitel.

11
Unruhig war es jetzt in dem Hause von früh bis
spät; so schlimm jedoch als die Wirthin es sich vor-
gestellt hatte, war es nicht, und die jungen Leute
hatten ihr Vergnügen an dem ungewohnten Leben
und Treiben um sie her.
Die Baronin hatte an dem Morgen kaum ihre
Morgenkleidung angelegt, und ihr Frühstück ein-
genommen, als sie und ihre Tochter daran gingen,
die Zimmer, wie sie es nannten, wohnbar zu machen
und sie für Viktorinens Beschäftigungen herzurichten.
Der Diener mußte die Malgeräthschaften auspacken,
eine Staffelei und eine kleine Cumers obsours auf-
stellen. Viktorine brachte ihr Teleskop in Ordnung;
die Kammerjungfer trug farbige Wollen für die Hand-
arbeit ihrer Herrin, Päcke von Papier zum Pflanzen-
trocknen und eine ganze Menge von Büchern hin und
her. Polsterkissen, Fußbänkchen, Reisedecken, Riech-
flaschen, Toiletten- und Schreibtischgeräthschaften wurden
ausgebreitet, wurden versuchsweise bald in dieser, bald in
jener Ecke aufgestellt. Stundenlang blieb dieDienerschaft
in beständiger Bewegung. Die Baronin lag in ihrem
Sessel und gab Anweisungen und Befehle, Viktorine
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1H
sonderes Arbeitspläzchen, ein kleines einsames ,.hron
retiro'? zurecht und die Baronin lehnte endlich in völliger
Ermattung den Kopf in ihre Kissen und klagte darüber,
wie ihre Kräfte ganz erschöpft, wie ihre Nerven doch
den Anstrengungen einer solchen Reise in keiner Art
gewachsen seien.
Sie mußte aber doch noch ein gewisses Maß
von Kräften in Vorrath haben, denn sie richtete sich
bald wieder auf, um dem hochwürdigen Herren Abte
selbst zu schreiben, ihm den Empfehlungsbrief Seiner
Hochwürden des Herrn Bischof zu übersenden, und
es Seiner Hochwürden auszudrücken, wie glücklich sie
sich fühlen würde, wenn er sie der Ehre seiner Be-
kanntschaft würdigen wolle, wie aufrichtig sie es ihn:
zu danken haben würde, wenn er ihr hier, wo sie ihres
gewohnten verehrten Seelsorgers Berathungen ent-
behren müsse, einen Geistlichen zuweisen wolle, an dessen
Zuspruch und Belehrung sie sich halten und erheben
könnte.
Der Diener, der bisher auf der Reise so zu sagen
in einer Interims-Kleidung aufgetreten war, mußte
die Gala-Livree anlegen, um sich als Botschafter
seiner Herrin zu dem Abte in das Kloster zu begeben,
und die Baronin legte in der Eile noch für alle Fälle

163
ihr prachtvoll gebundenes Meßbuch und den Phomus
s Kenpis auf den Tisch vor ihrem Ruhebett zur
Schau, neben den Romanen von Dctave Feuillet, mit
welchen sie sich während ihrer Reise unterhalten hatte.
Viktorine hatte unterdessen anderweit zu thun.
Sie war in Verhandlungen mit einem Führer be-
grifen, den sie für die ganze Dauer ihres Aufent-
haltes in Dienst zu nehmen und dessen Maulthier sie
ebenfalls für sich ausschließlich zu behalten wünschte.
Sie wollte es herausbringen, ob das Thier es wohl
gewohnt sei, Schellen in der Kopfaufzäumung ruhig
zu ertragen, denn Viktorine brachte nicht nur ihren
englischen Satiel, sondern auch das Saumzeug für
ein Maulthier mit, und wie sie an lebhaften Farben
und glänzendem Schmucke für sich selber Freude hatte,
so hatte sie für das Kopfzeug ihres Maulthieres auch
drei rothe Federbüsche und ein hellklingendes Schellen-
geläute in das Gebirge mit hinaufgenommen.
Den Doktor überraschten die Ausführlichkeit und
die Wichtigkeit, mit welcher sie sich und die kleine An-
gelegenheit behandelte. Das Gemisch von angeborner
Kargheit und scheinenwollender Freigebigkeit, die dabei
abwechselnd zum Vorschein kamen, dünkten ihn sonder-
bar. Er konnte es auch nicht recht verstehen, warun
1

164
fie die Naturschönheit, nach deren schweigender Er-
habenheit und lautloser Stille sie sich zu sehnen be-
hauptete, durchaus mit Schellengeläut genießen wollte;
aber schön war Viktorine, so schön, daß ihm darüber
alles Nachdenken verging, und ihre Stimme hatte
auch im Sprechen den herzbestrickenden Zauber wie
bei dem Gesang.
Da der Himmel hell und die Luft sehr frisch
war, wünschte sie gleich an diesem Morgen einen
Gang auf die nächste Höhe zu machen, um sich einen
vorläufigen Neberblick über das Thal zu verschaffen
und auszufinden, von welchem Punkte sich eine hübsche
Ansicht ihres Hauses aufnehmen ließe. Sie sezte es
dabei als selbstverständlich voraus, daß der Doktor sie
begleiten werde, obschon sie es ausdrücklich hervorhob,
daß sie Nichts weniger alö furchtsam sei, und daß sie
eigentlich nichts Besseres kenne, als auf gut Glück und
ganz allein in freier Natur umherzuschweifen, sich wie
ein Vogel niederzulassen an der Stelle, die ihr lockend
winke, und davon und weiter fortzuziehen, wenn des
Verweilens Lust gebüßt sei.
Den Doktor war wunderlich dabei zu Muthe.
Daß die Baronin über ihn verfügte, das fand er in
der Ordnuung, selbst da, wo es ihm unnöthig erschien.

z
16k
Sie war seine Kranke und es diente seinen Zwecken,
wenn er sich ihr gefügig zeigte. Daß die Tochter aber
in gleicher Weise auf ihn zu zählen und über ihn zu
bestimmen geneigt war, das verdroß ihn; und halb
absichtlich, halb aus Ungeschick erklärte er ihr unum-
wunden, daß er nicht mit ihr gehen könne, denn er
habe dazu nicht die Zeit.
,Sie kömnen des rechten Weges auch gar nicht
fehlen, sagte er, zwenn Sie immer am Bache entlang
den Pfade folgen, welcher allmälig aufsteigt bis zu
dem großen Hause oben auf der Matie. Da oben
an der Jakobäa Anschafft Haus hat man einen weiten
Blick, und die Kirche und das Kloster nehmen sich
von dort am besten aus.!
Viktorine blieb stehen und sah ihn ruhig an.
Der warme einschmeichelnde Blick fuhr ihm durch alle
Glieder. Er konnte diesem Blicke gar nicht wider-
stehen. ,Ech!r sagte sie,,wenn Sie jezt nicht mit
mir gehen können, will ich gern warten. Es war
mir nicht um mich zu thun mit meinem Vorschlag.
Ich gönnte es Ihnen, mir die Schönheit hier zu
zeigen, denn es giebt ja Nichts, was mehr erfreute,
als von einem Andern bewundert zu sehen, was man
besizt und liebt!'

166
,Freilich! freilich!r rief der Doktor und nach der
Ühr sehend, während das Blut ihm die Stirn röthete,
meinte er. ,er könne sein Geschäft auch noch ver-
schieben, er werde sie begleiten, wenn sie es verlange.
,,Verlangen?' wiederholte Viktorine und der be-
strickende Zauber ihres Blickes berührte ihn noch ein-
mal,,es zu verlangen habe ich kein Recht!
,,Wenn Sie es mir erlauben!' stieß der Doktor
rasch hervor; aber es war ein Etwas in ihm, das sich
gegen seine Fügsamkeit empörte, und er wäire gern
zurückgeblieben-- hätte er es nur vermocht.
,Sehen Sie,' rief sie, ,so laß ich mir's gefallen.
So kann ich Ihr Anerbieten annehmen, ohne mir
tyrannisch vorzukommen. !-- Damit ging sie in das
Haus, sich ihren Hut zu holen.
Er stand und sah ihr nach. Sie mußte das
vermuthet haben, denn sie wendete sich zu ihm zurück
und ihm freundlich zunickend, sprach sie:,Warten
Sie nuur, wir werden noch gute Freunde werden. Ich
bin nicht anspruchsvoll und ein guter Kamerad, wenn
schon ich meine eignen Wege und meinen Willen
haben muß.?
In dem Augenblicke kam Katharine aus der
Wirthsstube heraus. Sie sah, daß der Doktor drei

-
16?
Kreuze in die Luft schlug. Weil das nicht seino Art
war, fragte sie, was das bedeute?
, Reine Vorsicht!' entgegnete der Doktor. ,Ich
glaube wahrhaftig, mit dem Frauenzimmer ist es nicht
zanz geheuer, indessen wenn ich jezt auch mit ihr
gehe, statt meine Sachen hier zu ordnen, wie es sich
gehörte, verhepen und bezaubern will ich mich nicht
lassen. Heut soll sie, wie sie es verlangt, ihren
Willen haben und ihre Wege gehen; morgen gehe ich
die meinen.!
Es war aber in der That, als hätte Viktorine
seine Gedanken errathen, denn als sie wiederkehrte,
den großen runden Strohhut auf dem Kopfe, das
Skizzenbuch in der Hand, schien ein ganz anderer
Geist üler fie gekommen zu sein. Ohne alle Phrase
sagte sie ihm, sie sei bereit, und sie schien es wahr
machen zu wollen, daß sie ein guter Kamerad sei.
Sie war ernst und ruhig, ihr Schritt schnell wie der
eines Jünglings, ihr Gang fest und sicher, selbst wo
es galt, über Unebenheiten und auf engen, steilen
Wegen fortzukommen; und auch die Art ihrer Unter-
haltung war freimüthig und klng.
Sie hatte eine Weise, ihre Fragen zu stellen,
welche bestimmtes Antworten leicht und nothwendig

168
machte. Sie erkundigte sich um die Lebenöbedingungen
der Thalbewohner, daß man sah, eö sei nicht das erste
Mal, daß sie sich um dergleichen bekümmere. Sie
sprach nit einfacher Klarheit über die Einrichtungen,
welche man in der von ihrem Vater in dem böhmischen
Gebirge erkauften Herrschaft gemacht habe, erzählte da-
zwischen von ihren Reisen und ihrem Aufenthalte in
London, in Paris, in Rom; und als man oben vor
Jakobäa's Hause angelangt war, fühlte sich der Doktor
neben ihr so frei und behaglich, daß er sich einen
Thoren schalt wegen des Mißtrauens, welches er noch
eben gegen sie empfunden hatte.
Was konnte sie denn auch im Schilde führen,
oder von ihm wollen? Und war es ihre Schuld, daß
ihre Augen und ihre Stimme wie Sonnenstrahlen
wärmten und erquickten? Man hatte ja im Grunde
für eine solche Schönheit dem Himmel zu danken wie
für alles Andere, was unter seinem Lichte herrlich er-
blühte und gedieh. Er war ein Thor gewesen! Das
war Mlles! Seine Schul- und Kathederweisheit hatte
ihm keinen Maßstab an die Hand gegeben für ein
Wesen, das unter den glücklichsten Bedingungen sich
in einer dem Doktor noch ganz fremden Atmosphäre,
in der vornehmen großen Gesellschaft gebildet und

189
entfaltet hatte; und doch hatte gerade er als Arzt sich
auch für diese Gesellschaft zu erziehen. Es gal von
den beiden Frauen Mancherlei für ihn zu lernen; der
Professor hatte ihmu das selber angedeutet, als er sie
seiner Obhut anvertraute, und er dachte es sich zu
Nutze zu machen, so sehr er immer konnte.
Viktorine ward, je höher sie hinaufgestiegen,
immer fröhlicher und freier. Sie fand die Aussicht
vor dem Hause, so wie sie dieselbe wünschte. Sie
ging hierher und dorthin, versuchte den und jenen
Punkt, bis sie sich für den Plaz unter den Nuß-
bäumen entschied, und sich denn auch rasch an ihre
Arbeit machte. Der Doktor stieg die Treppe hinauf,
um bei Jakohäa vorzusprechen, sie kam ihm an der
Schwelle schon entgegen.
,Also hat Dich's doch nach Haus gezogen,! sagte
sie, als sie seiner ansichtig wwurde, ohne ein Wort des
freundlichen Willkommens hinzuzufügen. Der Doktor
mußte indeß diese Weise an ihr gewohnt sein, denn
sie befremdete ihn nicht.
,Dachtet Ihr,'? entgegnete er, ,ich würde nicht
wiederkehren?
,Ich dachte an Dich gar nicht,' versezte sie, ,nur

1
Benedikt kam jedesmal auf Dich zu sprechen, wenn
er bei mir war.?
,Ich habe es nie anders vorgehabt, als heim-
zukehren,' gab der Doktor ihr zur Antwort. ,Ich
bin gleich mit der Absicht fortgegangen, mich hier in
unsern Bergen festzusetzen, wenn ich meine Studien
beendet haben würde.
,Man nimmt sich Manches vor und führt's nicht
durch. Wer kennt sich denn im Voraus? sagte sie.
,Aber dem Benedikt wird's recht sein, daß Du heim-
gekommen bist, und Deiner Mutter auch; obgleich es
besser wäre, sie hätte mit dem Pensionsbause Nichts
angefangen. Es ist jezt ohnehin in den Menschen
schon Unruhe genug, und was sollen uns die Fremden
hier? Was wollen sie bei uns?
Bei der Stille, welche auf der Höhe herrschte,
war Viktorinen kein Wort der Sprechenden entgangen.
Sie sah sich endlich nach ihnen um, und den schönen
Kopf zu Jakobäa emporgerichtet, sagte sie: ,Was wir
hier wollen? Luft schöpfen! weiter Nichts!-- Mich
dünkt, das könnten Sie uns gönnen!'
, Luft, denk' ich, giebt es aller Wegen,'' warf
Jakobäa ein, , und unser Herrgott hat wohl Jeden in
die Luft gesezt, die er gebraucht.?

u?
,,So trösten Sie sich über unsere Anwesenheit
und über mein Verweilen hier an dieser Stelle mit
dem Glauben und der Neberzeugung, daß ich ohne
Ihres Herrgotts ausdrückliche Fügung nicht hier vor
Ihrer Thür sizen würde. Aber -- gastfrei und höf-
lich sind Sie nicht!'
Der Doktor wollte begütigen: , Frau Jakobäa
meint es nicht so böse,! sagte er, zund das Fräulein
auch nicht.
,Nicht doch!' fiel ihm Viktorine in die Rede,
,ich weiß sehr wohl, was ich gesprochen habe, und die
Frau sieht auch aus, als sagte sie Nichts, was sie
nicht meint; und das ist gut. Man weiß dann doch,
woran man mit einander ist. Wiederkommen werde
sch ihr nicht, aber meine Zeichnung werde ich be-
enden, wie ich eben kann, da ich doch einmal hier bin
und sie angefangen habe.?
Jakobäa mochte die Entgegnung nicht erwartet
haben, der Fremden Weise machte sie indessen stuzig
und gefiel ihr wider ihren Willen. Das war Fleisch
von ihrem Fleische.
Sie ging die paar Stufen die Treppe hinab,
sah der Zeichnenden über die Schulter und fragte
nach einer Weile, wo sie her sei.


uA
Oiktorine gab ihr kurz Bescheid.- , Ist der
Mann mit Ihnen? fragte Jakobäa.
Viktorine sagte, sie habe noch keinen Mann. -
,,Wie ein Mädchen sehen Sie nicht aus!? bemerkte
darauf Jene.
,Ich bin auch kein junges Mädchen mehr, sondern
eine alte Jungfer! Mit meinen zwanziger Jahren ist
es bald am Ende.
, llnglaublich!' rief der Doktor, der dem ganzen
Vorgang mit Erstaunen und mit immer wachsender
. Theilnahme an Viktorinen folgte.
,Glauben Sie es immer!'- sagte sie.,Meine
Mutter hat nur sechszehn Jahre mehr als ich. Sie
war fast noch ein Kind, alö ich zur Welt kam.?
Sie hatte sich dabei erhoben und verglich prüfen-
den Auges ihre Arbeit mit der Natur. Jakobäa trat
während dessen nahe an sie heran und betrachtete sie
mit dreistem Bllck Mit einemmale sagte sie: , Warum
haben Sie sich keinen Mann genommen?
,Weil ich keinen fand, mit dem es mir der
Mühe lohnte. Ich bin gern mein eigner Herr!r
, Bleiben Sie dabei!'? sagte Jakobäa mit einem
Nachdruck, daß Viktorine sich voll Erstaunen nach ihr

u
umsah. Aber Jakobäa hatte sich bereits von ihr ge-
wwendet, und war in das Haus gegangen, aus dem sie
nach einer kleinen Weile wiederkehrte.
Sie brachte ein paar Gläser Milch herbei, die sie
den Beiden anbot. Der Fremden Freimuth hatte ihr
Vertranen gewonnen, sie blieb an ihrer Seite, und
schien sich zu freuen, als diese auch nach Brod ver-
langte.
Der Doktor erkundigte sich nach Benedikt. ,Er
hat die Weihen empfangen,' antwortete die Mutter.
,Sie halten Alle viel auf ihn. Sie sagen, er ist ge-
lehrt für seine Jahre und Gottlob, er ist gesund.
Groß wie Du, wohl größer noch!'
Viktorine wollte wissen, von wem die Rede sei.
,,Von meinem Sohne!'- sagte die Mutter mit einer
stolzen Freude.
Ein Wort gab nun das andere. Viktorine er-
fuhr, daß auch Jakobäa's Töchter Klosterfrauen
wären. Sie fragte, ob sie denn keines ihrer Kinder
bei sich habe?
,Keines!r sprach ihr die Mutter nach, ,aber sie
find glücklich in ihrem Herrn, und ich sehe Benediktus -
oft!? -- Damit wollte sie sich entfernen. Als sie
schon wieder auf der Gallerie war, blieb sie stehen.

1?e
,,Wenn Sie wiederkommen wollen, so thun Sie
es!' sagte sie zu Viktorine.
,,Vielen Dank! Ich habe nur noch wenige
Minuten nöthig, und dann belästige ich Euch nicht
mehr! Aber vielen Dank! und lebt wohl!'

Kapitel 12

Swölltes Tnpitel.

Peezorine war mit diesem ersten Morgen in den
Bergen wohl zufrieden. Die Schönheit des Thales
hatie ihre Erwartungen übertroffen, die Begegnung
mit Jakobäa war ein Abenteuer gewesen, wie sie es
liebte, und obgleich der junge Doktor ihr sehr gleich-
gültig war, erheiterte es sie, daß sie so rasch die Herr-
schaft über ihn gewonnen hatte.
Es war damit doch Etwas gethan, Etwas durch-
gesetzt; und als rechte Tochter ihres Stammes und
ihres Vaters wurde sie ihrer selbst nur froh, wenn
sie ihre Kraft, gleichviel an wem und auf welche
Weise, immer neu erproben konnte. Der Vater hatte
es oft genng beklagt, daß ihm kein Sohn und Erbe
geboren worden war, der begabt wie sie, die Firma
F. Lewald, Benedikt. L.

7K
fortzuführen vermochte, die er zu so großer Bedeutung
emporgearbeitet hatte.
Die Landesheimers waren in der Hauptstadt ihrer
Heimath schon im Anfang des Jahrhunderts Geld-
Wechöler gewesen, hatten dann später die Geschäfte des
in derselben angesessenen hohen Adels mannigfach be-
sorgt, und allmälig ein Bankhaus begründet, das
zwischen dem Norden und dem Süden, dem Osten
und dem Westen des großen Reiches vermittelnd,
immer vorwärts gekommen war, bis es jetzt zu den
ersten Bankhäusern auf dem Festlande gehörte. Dem
reichen Manne hatte es an der schönen reichen Frau
aus seinem Volke nicht gefehlt, die Tochter war von
ihrer Geburt an der Abgott ihrer Eltern gewesen, und
mit der Familienliebe, welche den Juden eigen zu
sein pflegt. hatte sich in den beiden Gatten die Lust
der Emporkömmlinge vereinigt, die sich nicht nur des
Besizes zu erfreuen, sondern ihn auch von Andern
bewundert und, wo immer möglich, Andere, nament-
lich diejenigen durch ihn in Schatten gestellt zu sehen
wünscht, deren geistige oder gesellschaftliche Bedeutung
fie im Innern widerwillig anzuerkennen sich gezwun-
gen fühlten.
Was der Reichthum zu erkaufen vermag, das

19
hatte Herr Landesheimer seiner Frau und seiner ein-
zigen Tochter mit verschwenderischer Freigebigkeit stets
vollauf gewährt. Titel und Orden, wie sie dem jüdi-
schen Gewerbtreibenden zu Theil werden konnten, hatte
er gleichfalls zu erwerben gewußt; aber die Lebens-
kreise, in welchen diese Art von Auszeichnungen Gel-
tung schafften, haten der Eitelkeit und dem Ehrgeiz
der Emporgekommenen bald nicht mehr genügt.
Die Brillanten der Mutter, die Augen der Tochter
waren nach der Meinung ihrer Besizerinnen dazu ge-
schaffen, in den höchsten Negionen zu glänzen. Keine
Prinzessin haite bessere Lehrer gehabt als Viktorine,
keine Tochter des hohen Adels war nach Frau Landes-
heimers Ansicht schöner und vorstellbarer als ihre
Viktorine; und weder dieser noch den Eltern, hatte ein
religiöses oder ein Bedenken des eigenen Ehrgefühls
im Wege gestanden, als man ihnen angedeutet hatte,
daß die Erwerbung der Adelstitel, die sie ersehnten,
am leichtesten und sichersten durch ihren Nebertritt in
die katholische Kirche zu erlangen sein dürften, welcher
der Landesherr mit tiefer Neberzeugung anhing. Sie
hatten sich also, und nicht ohne Prunk, zum Christen-
thum bekannt, die Adelsverleihung hatte danach nicht
lange auf sich warten lassen, Baron Landesheimer
1

18
konnte die siebenzackige Krone auf seine Wagenthüren
malen lassen, und die Familie stand an dem Ziele
ihrer Wünsche, sie war endlich hoffähig geworden. -
Sie hatten nun, was sie so lang erstrebt!
Für den neuen Baron war das ein großer Triumph,
aber der Nebertritt zu dem katholischen Bekenntniß
hatte auf sein Denken und Empfinden gar keine
Wirkung und keinen Eindruck gemacht. Er war ein
kalter, klarer Kopf, er nannte sich gern einen frei-
sinnigen und dabei duldsamen Mann. Zum eigent-
lichen Nachdenken über religiöse Dinge hatte er auch
niemals Zeit gehabt, und er besuchte jetzt die katholi-
sche Kirche und die Messe ebensowenig, als er vorher
in die Synagege gegangen war. Doch war er stets
bereit, sich gegen die Gemeinde, der er eben angehörte,
zu betragen, wie es einem reichen Manne, wie es dem
Chef des Hauses Landesheimer zukam. Als Jude
hatte er für die Zwecke der jüdischen Gemeinde, wo
immer es gefordert worden war, mit vollen Händen
Geld gespendet, und da er es mit Niemandem un-
nöthig zu verderben liebte, weil man Jeden - also
auch die Juden und ihren Gott -- doch immer noch
einmal gebrauchen konnte, enkzog er ihnen auch nach
seiner sogenannten Bekehrung seine freigebige Unter-

181
stützung nicht, ohne daß die katholische Kirche darunter
leiden mußte.
Der Baron sah es deutlich ein, wie er sich in
der neuen Gemeinde festzusetzen habe, er liebte es auch,
in jedem Kreise, dem er angehörte, Geltung und Ein-
fluß zu gewinnen. Es sagte ihm deshalb zu, daß die
katholische Kirche wie die jüdische, Opfer anzunehmen,
eine gewisse Stellvertretung zuzulassen bereit war; daß
er in jener wie in dieser, für die verstorbenen Mit-
glieder seiner Familie beten lassen, daß Andere für
ihn thun konnten, was zu seinem Seelenheil gereichte,
was für seine jenseitige Zukunft heilsam und ersprieß-
lich war, während er mit gewohntem Eifer für sein
und der Seinen diesseitiges Wohlergehen zu sorgen
fortfuhr. Er stiftete Messen, ließ Altäre bauen, ver-
gönnte es seiner Frau, auf seinen Gütern Kapellen
nach Belieben zu errichten, und wenn er Morgens in
der Zeitung seine großartige Freigebigkeit für diese
oder jene Religionsgemeinschaft verzeichnet und ge-
priesen fand, freute er sich seiner hohen Unparteilich-
keit, und war mehr als je mit sich zufrieden.
Auch die Baronin fühlte sich in der neuen Kirche
wohl, denn der ganze hohe Adel und die höchsten
Beamten des Landes waren katholisch; und daneben

18
Jemanden zu haben, der von Amtswegen dazu ver-
pflichtet war, ihr geduldig zuzuhören, so oft es ihr
gefiel von sich und über sich zu sprechen, das war
Etwas, was ihrem innersten Bedürfniß ganz und gar
begegnete. Es erhöhte für ihr Bewußtsein das Ge-
fühl ihter Wichtigkeit, daß für ihr Seelenheil von
einem Andern, von einer der größten irdischen Ge-
meinschaflen so viel Sorge getragen wurde; und der
heilige Ernst, mit welchem man sie behandelte, theilte
sich, wenn schon in veränderter und wunderlicher Ge-
stalt, ihr selber mit. Sie glaubte an ihre Bekehrung
und fühlte sich durch dieselbe gewandelt, veredelt und
beglückt-- freilich auf ihre Art und Weise.
Mit Viktorinen war es anderö. Sie hatte kein
Gemüthsbedürfniß, welchem es an dem Diesfeits nicht
genügte, und ihr Verstand machte es ihr unmöglich,
sich einem Selbstbetruge hinzugeben. Ihr, wie ihrem
Vater, war es allein um den Erfolg zu thun, den
man hienieden an jedem Tage neu erringen konnte.
Sie besaß des Vaters beharrliche Rastlosigkeit, seine
Lust am Wagen und Gewinnen, sein Verlangen nach
Geltung und nach Anerkennung.
Ohne ein wirkliches Streben nach Entwicklung
ihrer Einsicht, ohne ein eigentliches Begehren nach

18B
Schönheit in der Kunst, hatten ihre Lust an der Ar-
beit, ihre Freude an jeder Art von Erwerb und von
Besitz und von Vermögen, auch wo dieses Vermögen
geistig und ein Können war, sie bei ihrer glücklichen
Begabung dahin gebracht, sich mannigfache Kenntnisse
bis zu einem gewissen Grade anzueignen, fremde
Sprachen zu erlernen, und sich in Musik und Malerei
erfreulich auszubilden.
Sie hatte wissen, können, leisten und üben wol-
len, was man können und üben mußte, um in den
Kreisen der vornehmen Welt auch in dieser Beziehung
eine vortheilhaft hervorragende Erscheinung zu machen;
und weil sie bei diesen Beschäftigungen sich denn doch
entwickelt, gebildet und verfeinert hatte, fand sie es
angenehm, unter den katholischen Weltgeistlichen Söhne
aus den ersten Familien des Landes anzutreffen, die
auch unter dem Priesterkleide noch Edelleute blieben,
mit denen es sich angenehm verkehrte. Sie waren
zum Theil weltgewandter als die protestantischen Geist-
lichen, waren nicht wie diese mit der Sorge für eine
Familie und für deren Fortkommen belastet, also freier
und heiterern Sinnes. Sie zeigten sich beflissen, der
schönen Neubekehrten ihre Huldigungen darzubringen,
ohne daß man deshalb von ihnen unwillkommene

184
Heirathsanträge befürchten mußte; und obgleich Vik-
torine nicht wie ihre Mutter ein müßiges Verlangen
nach geistlichem Beistand in sich trug, so hatte es für
ihre Phantasie doch einen romantischen Reiz, in dem
alten Dome, umrauscht von den Tönen einer treff-
lichen Musik vor dem Altar zu knieen, den das schöne
Bild der jungfräulichen Gottesmutter schmückte, wäh-
rend der Duft des Weihrauchs in leichten Wolken sie
umschwebte. Die weltliche Pracht, das sinnlich erfaß-
bare Element in dem katholischen Gottesdienste, ent-
sprachen ihrer Neigung und Natur, und ihre Augen
sahen niemals schöner aus, als wenn sie dieselben
ernsten Blicks gen Himmel richtete.
Es hatte sie deshalb gefreut, daß oben in dem
Gebirgsthale, welches man ihrer Mutter zum Sommer-
aufenthalte angewiesen, sich ein Kloster vorfand, und
daß der Bischof, mit welchem fie eben jezt, während ihres
Aufenthaltes in dem Bade, einen angenehmen Umgang
gepflogen, sich erboten hatte, ihnen einen Empfehlungs-
brief an den Abt dieses Klosters mitzugeben. Ihr
bisheriger Verkehr hatte noch keine Ordensgeisllichen
in sich geschlossen. Die Begegnnng mit einem solchen
versprach ihr etwas Neues; das aber war genug, ihr die
Bekanntschaft wünschenswerth und anziehend zu machen.

18
Als sie an dem Morgen von ihrem Spaziergang
mit dem Doktor wiederkehrte, fand sie die Mutter in
der angenehmsten Stimmung. Der Abt hatte ihr in
einer eigenhändigen Entgegnung zugesagt, sie an dem
nächsten Morgen mit ihrer Tochter zu empfangen und
ihr dann den Pater Theophilus vorzustellen, dessen
Leitung sie sich zuversichtlich anvertrauen dürfe.
Viktorine nahm den kleinen Brief zur Hand.
Das feine Papier, die schöne Handschrift, die große
mächtige Namensunterschrift hatten etwas Weltmänni-
sches und Vornehmes. Das überraschte sie in der
Einsamkeit dieser Berge und machte ihre Neugier rege.
Sie meinte selten eine so energische Handschrift von
einem älteren Manne gesehen zu haben, und unwill-
kürlich flog ein heitres Lächeln der Erwartung über
ihr Gesicht.
Ihre Macht, die Männer an sich zu ziehen und
sich unterthan zu machen, hatte sich an diesem Mor-
gen abermals bewährt, und die Bevbachtung, in wie
weit und auf welche Weise ein Jeder von ihnen zu
gewinnen und zu fesseln sei, das war das einzige Spiel
und die einzige Unterhaltung, deren sie nicht müde
wurde.
Sie war sich dessen, was sie damit that, sehr

186
klar bewußt; aber von ihren Eltern und von deren
Schmeichlern über alles Maß verwöhnt, war sie früh
dahin gekommen, sich als ein ganz besonderes Wesen zu
betrachten, so daß sie sich erlauben zu dürfen glaulte,
was sie an Andern zu tadeln nicht verfehlte. Ihr
lebhafter Geist mußte, wie sie meinte, eben eine Be-
schäftigung, mnßte größere Freiheit haben, als sie
anderen Frauen zustand. Ihr Herz und ihre Sinne
hatten damit Nichts zu schaffen. Es verlangte sie
nur, berechnend, wagend, verlierend, gewinnend, täg-
lich ein neues, täglich das unter den obwaltenden Ver-
hältnissen größtmögliche Spiel zu spielen. Sie war
eine Kokette geworden, die mit den Männern spielte,
weil sie nicht wie ihr Vater, an der Börse spielen
konnte.
Die Baronin beschäftigte sich den ganzen Nach-
mittag mit ihrer Selbstbetrachtung. Sie bedauerte es
dabei nur, daß sie sich nicht von ihrem heimischen
Beichtvater einen Bericht über den Zustand ihrer Seele
habe anfertigen und mitgeben lassen, wie sie sich einen
solchen über ihren körperlichen Zustand von ihrem
Hausarzte zu verschaffen niemals verabsäumte, wenn
sie auf Reisen ging. Denn sie war nach ihrer Mei-
nung geistig und leiblich durchaus eigenartig organisirt,

1?
und bedurfte in jedemt Sinne einer sehr schonenden,
sehr vorsichtigen und zugleich doch kräftigenden und
anregenden Behandlung. Sie verzweifelte deshalb
fast daran, sich dem Pater in einer ersten Unterredung
völlig kund geben zu können, und weil es ihr eine
Wonne war, in ungestörter Ausführlichkeit von sich zu
sprechen, sezte sie sich endlich nieder, ein schriftliches
Bild der Wandlung zu entwerfen, welche sich durch
die Taufe in ihr vollzogen habe, und ein Bekenntniß
über sich und ihre Tugenden und Fehler niederzu-
gchreiben, bei dem die Ersteren mit gerechter Würdi-
gung geschäzt, die Lezteren mit christllcher Barmherzig-
keit behandelt wurden.
Viktorine machte während dessen einen Ritt in
das Gebirge. Als sie gegen den Sonnenuntergang
nach Hause kam, läutete es zum Abend-Gottesdienste,
und da man Anderes nicht zu thun wußte, beschlossen
Mutter und Tochter demselben beizuwohnen.
Es war um die Zeit der zwweiten Heuerndte;
Jedermann hatte auf den Matten zu schafen, die
Kirche war also völlig leer. Denn wer sonst auch die
Gewohnheit hatte zum Abendgottesdienste zu gehen,
sagte sich heute, bei so dringender Arbeit und bei dem
schönen Wetter, welches der liebe Herrgott zu derselben

188
geschickt habe, werde er wohl ein Einsehen haben und
nicht verlangen, was man, ohne möglicherweise schweren
Schaden davon zu tragen, heute einmal nicht leisten
konnte.
Nur Jakobäa kniete wie immer unweit des Ein-
ganges an dem Plaze, an welchem sie seit langen
Jahren bei keiner Andacht fehlte, und die beiden frem-
den Franen ließen sich in ihrer Nähe nieder.
Die schöne Wölbung des von farbigen Marmor-
säulen getragenen Schiffes, die Einsamkeit der Kirche,
welche das scheidende Tageslicht, das in breiten Streifen
durch die Fenster fiel, doch nicht mehr vollständig er-
hellte, machten Eindruck auf die Fremden.
Es hatte etwas großartig Geheimnißvolles, als
hinter dem schwarzen Gitter der feste Tritt von Män-
nern hörbar wurde, als unsichtbar die Stimmen sich
zum Gebet erhoben und wechselweise die monotone
Form, in Strophe und Gegenstrophe sich regelmäßig
wiederholend, wie eine Beschwörung durch die Stille
tönte.
Das Tempo war rasch, der Vortrag hatte etwas
Geschäftsmäßiges. Er beleidigte Viktorinens kunstge-
wohntes Ohr im Anfang; und doch währte es nicht
lange, bis gerade die einförmige Wiederholung ihre

189
Mächtigkeit erwies und sie der Art zu fesseln, zu
bannen, zu beherrschen anfing, daß fie in sich selbst
zurüückgewiesen, in ein Nachdenken versank, von dem
sie bei ihrem Eintritt in die Kirche weit entferut ge-
wwesen war.
Mit einem Male erhob sich, nachdem die Orgel
mit weichen Melodien die allgemeinen Gebete abge-
schlossen hatte, eine Stimme aud dem Chor gen Him-
mel, deren Klang wie eine magische Gewalt das Herz
berührte.
, Und es ward Licht!' rief Viktorine unwillkür-
lich aus, so daß die Baronin es hörte und Jakobäa,
die es vernahm, sich nach ihr umsah.
Die Töne des Hymnus quollen in solch frischer
Fülle aus der Brust, die Stimme hatte etwas so
Warmes, die Vortragsweise etwas so Neberzeugendes
und Inniges, daß Viktorine ihr mit Entzücken lauschte,
bis der lezte Ton verklungen war, und man unter
dem Nachspiel der Orgel die Mönche den Chor ver-
lassen hörte.
Es war während dessen völlig Abend geworden,
der Sakristan klapperte, sich nach dem Ausgang
wendend, mit den Schlüsseln, und die Baronin und

19
ihre Tochter erhoben sich. Sie trafen bei dem Heraus-
treten aus den Bänken mit Jakobäa zusammen.
,Was haben Sie hier in Ihrer Kirche für eine
herrliche Stimme!' rief Viktorine noch unter der Nach-
wirkung des Gesanges.
,Das ist mein Sohn!'' entgegnete die Mutter,
und man hörte ihr die Freude und den Stolz an.
,Das ist eine unvergleichliche Stimme, sagte
das Fräulein. , Wenn der liebe Herrgott das Gebet
dieser Stimune nicht erhört, muß er kein Herz im
Leibe haben!
, Gott verzeih Ihnen die Sünde!'' schalt Jakobäa,
sich bekreuzend vor dem Ausruf Viktorinens, den ihre
inbrünstige Frömmigkeit als eine Gotteslästerung
empfand, während Jene ihn in ihrer Glaubenslosigkeit
völlig arglos hingeworfen hatte.
Auch die Baronin machte der Tochter einen ge-
flissentlichen Vorwurf, indeß diese war nicht gewohnt,
auf eine Zurechtweisung zu achten, wenn es ihr nicht
gefiel, und wie in ihrer Erinnerung nachsuchend, sprach
sie: , Wie ist mir denn? Hat uns nicht schon einmal
irgend Jemand es erzählt, daß er hier oben in dem
Kloster eine so herrliche Stimme angetroffen habe?

ug K
ti
Die Baronin konnte sich nicht darauf be-
finnen.
,Freilich! freilich!' ef Viktorine. , Der Professor
hat es uns gesagt. Er hat hier oben daö Pe äeun
lunäamus und auch daö Adoramus von Palästrina
ingen hören, und den jungen Möpch kennen lernen,
der den Tenor gesungen hat- einen schönen jungen
Mann, eine jugendliche Heldengestalt ----
, Das ist mein Benebikt!' fiel Jakoläin ihr in
die Rede, die es sich troz des Erschreckens über de?
Fräuleins Leichtfertigkeit nicht versagen konnte, daö
Lob ihre? Sohnes mit Freuden zu vernehmen. ,Aus
der ganzen Gegend kommnen sie herauf, hier an den
Feiertagen die Messe zu hören; und daö ist richtig,
ein Professor ist einmal hier oben gewesen in demt
Kloster, und Benedikt hat vor ihm singen müssen - -
aber er hat es nachher lang gebüßt!'
Sie waren während dessen aus der Kirche in dak
Freie hinausgetreten und Jakobäa wollte sich von
ihnen trennen, als das Fräulein sie mit der Frage
sthielt: , Sie sagten, Ihr Sohn habe ek gelüüßt,
d:ß er vor unserm Freunde sang. Waö will das
heißen?
,Er hat nicht singen dünfen lange Zeit nachher.

1?
,Nicht singen dürfen? Und weshalb nicht?
fragte Iene.
,Das hat er nicht gesagt und ich hatte nicht
danach zu fragen,'' entgegnete Jakoläa, bot den Frem-
den eine gute Nacht und ging davon.

Kapitel 13

Hreipchntes
Ep-
i»l

y,
Bie schöne Stimme des ungesehenen Mce?
klang in Viktorinen nrch lange nach. Al der Doktr
amu Abend der Baronin seinen Besuc macte, kan:
man bald auf die Veäper, auf den Mönch und aus
das erneuute ;uusamuentreffen mit der Muiier dessellen
zu sprechen. Der Doktor erzählte in flüchtigem Um.-
riß von der Vergangenheit der Familie Anschafft, wae
man eben davon
ren Schicksalen,
kannte.
wußzte, und von Jakobäas besonde-
weit er sie durch seinr Mutter
, Entsezlich! Entsezlich! rief die Baronin, daß
solch. Dinge vurgehen können in diesen Bergen. h-
denen der Friede und die Ruhe herrschen s- llen. Aber
ich bitte Sie, lieber Doktor, sprechen Sie mir nicht
muehr davon. Sio kennen mein. Natur noch nicht.
z H e

K.s.
=a-= olll
,n --
===»F»»s -
suchen.
1.
zu gefühlvoll! Ed raubt mir gleich den
So Etwas muß ich mir immer fern zu halten
Ich will recht gern helfen, gern Alles geben,
was die Leute brauchen --- nur mit ihnen selbst zu
thun halen und davon hören kann und mag ich nicht.
Hs
- eine Nerven lassen daä nicht z -
szz k?
Der Doktor brach augenblicklich mit der Ver-
jicherung, daß hier von einer Hilfe oder Geldunter-
stüüzung nicht die Nede wäre, in der Erzählung ab.
oakobäa sei eine reiche Frau, sagle er, und der
jnge Pater werde sich in seinem Ordenegewande
wahrsceinlich eben so behaglich fühlen, als die andern
zulicen Herren hier oben, die man nur anzusehen
.sss
brauchr, umn sich von ihrer Zufriedenheit bald z
überzengen. Iu derselben hätten sie auch allen Grund.
Due Negel sei nichts weniger als streng. E gehe
ihnen an körperlicher Pflege gar nichtö ab, und sie be-
säßen daneben auch die Freiheit, sich je nach ihrer
Fähigleit und Neigung angemessen zu beschäftigen.
Sie könnten in der Klosterschule als Lehrer und Er-
zieher wirken, sich in der Verwallung der geoßen
Kilostergüter bethäitigen, oder mit sogenannter Be-
schaulichkeit ihr Leben in gemächlichen Studien und
bequemter Muße hingehen lassen. a dem Einen
Ns

1?
oder dem Andern finde schließlich Jeder sein Genüügen;
und obschon er Benedikt, der ein paar Jahr jünger
fei als er, seit dessen Eintritt in den Orden noch nicht
wieder gesehen habe, sei er völlig überzeugt, ihn in
jener behaglichenSelbstzefälligkeit anzutreffen, in welcher
die meisten der hier im Kloster lebenden Mönche ein
sehr hohes Alter zu erreichen pflegten.
, .st das Scherz oder Ernst? fragte ihn Viktorine,
als er inne hielt.
,,Nicht das Eine, nicht das Andere, versezte der
Doktor, ,sondern einfach die Anerkennuung der That-
sachen, die wir hier vor Augen haben.r?
, Und Sie ziehen das Aufgeben der persönlicen
Freiheit, die Ehelosigkeit, die Weltabgeschiedenheit dabei
nicht in Betracht?
,Mit der Weltabgeschiedenheit ist es nicht so
schlimm!! meinte der Doktor. , Das Reisen ist unsern
Benediktinern, wenn sie Verlangen danach tragen,
durch die Verbindungen des Ordens, die über den
ganzen Erdball reichen, wesentlich erleichtert, und wird
ihnen unter Verhältnissen sogar geboten. Dazu sind
alle Diejenigen, welche, wie z B. Benedikt, früh-
zeitig in die Klosterschule und in den Orden treten,
meistens wie die Vögel, die im Bauer geboren und

1
erzogen sind. Es regt sich in ihnen wohl einmal der
angeborne Freiheitstrieb; aber läßt man sie heraus
und bleibt des Bauers Thüre hinter ihnen offen, so
kehren sie, wenn's draußen einmal kalt und dunkel
wird, von selber zu dem gewohnten guten Futter und
in daö sichere Haus zurück.
, ls gebrochene, flügellahme
eigne Heimath, ohne Familie und
warf Viktorine ein.
Existenzen! ohne
ohne Vaterland -
c?,..- cg
--- - oktor nahm die Worte ernsthaft auf.,Ic
glaube,- sagte er, , Sie unterschätzen die Bedeutung
und die Genugthuung, welche die geistlichen Herren
----- neben ihrer gesicherten Lebenöstellung- -- in dem
Dienst der Kirche finden. Ich für mein Theil habe
als Schweizer, und da ich den Bereichen der vor-
nehmen Welt bisher fern geblieben bin, keine rechte
Vorstellung davon, wie ein Mann es als ein Glück
erachten mag, sich den kleinen Juteressen irgend eines
kleinen einflußlosen Fürsten, oder gar sich dessen per-
sönlichen Launen und Bedürfnissen dienstbar zu machen.
Aber da ich selbst durch eine Neihe von Jahren ein
Schüler unseres Klosters gewesen bin; da ich, als ich
herangewachsen war, verschiedenen unserer hiesigen
Mönche persönlich näher treten konnte, hale ich auch

19
einsehen und es wohl begreifen lernen, daß es nichts
Geringes ist, sich als ein Glied der Kirche, als ein
Mitglied jener mit tiefsinniger Berechnung und
Menschenkenntniß durch die Jahrhunderte aufgebauten
Macht zu empfinden, welche durch alle Zonen hin,
Millionen von Geister bindet und beherrscht. De-
müthig gegen Gott, sind unsere geistlichen Herren
doch der Welt gegenüber äußerst stolz; und wenn
sie auch des ehelichen Glückes entbehren--
,as freilich oft ein zweifelhaftes ist!' fiel ihm
Viktorine in die Rede.
,Wenn sie auch dieses Glückes entbehren, fuhr
der junge Doktor fort, ,so haben sie in dem Kloster
ihrr Heimaih und ihre Häuslichkeit; sie halen in demn
Orden die Familie, an deren Wohlergehen und
Interessen sie mit leidenschaftlichem: Antheil häängen.
Die Weltleute verstehen das Klosterleben nur nicht
recht. Die Herrschsucht, die dem Menschen angeboren
ist, findet nirgends besser ihre Nechnung als in unserer
Kirche; das Klosterleben ist verlockender und vurtheil-
hafter, als es Ihnen scheint.
, Wenn man dafür geartet ist!r warf Viktorine ein.
, Geartet muß man für jeden Beruf und jedes
Verhältniß sein, um Befriedigung darin zu finden:

L
für die Medizin so gut als für das Klosterleben, und
wohl auch für die große Welt!? entgegnete der Doktor.
, Und weshalb sind Sie mit Ihrer unverkenn-
baren Vorliebe für das Kloster nicht in den Orden ein-
getreten? fragte daö Fräulein mit kecer Dreistigkeit.
, Weil wir es für vortheilhafter hielten, hier in
unserm Hause eine Kuranstalt zu gründen, und weil
ich mich frühzeitig in eine Anverwandte verliebt habe,
die ich heimzuführen denke, wenn das Kurhaus hier
in gutem Gange sein wird , gab er ihr mit Gelassen-
heit zur Antwort.
Viktorine ließ das Eine gelten, und das Andere
sich gesagt sein; indeß es gefiel ihr Beides nicht.
Es war danach von den Anschafft'ä und von den
geistlichen Herren weiter nicht die Rede, aber das
Kloster und seine Bewohner beschäftigen Viktorinens
Gedanken, wie sonst irgend ein besonderes Fest sie
wohl beschäftigt hatte; und sie sah dem Besuche bei
dem Abte mit einer neugierigen Erwartung entgegen,
als wäire es überhaupt der erste geistliche Würden-
träger, den sie kennen lernen sollte, als wäre ihr nicht
bereits von Dienern der Kirche beflissene Bewunderung
zu Theil geworden.

Kapitel 14

bierzehntes
npitel

»Achwarz gekleidet, die Tracht mit besonderer
eberlegung gewählt, um sie ernst und streng erscheinen
zu machen, ohne daß sie ihrer Schönheit deshalb Ein-
trag that, begleitete Viktorine an dem nächsten Morgen
ihre Mutter in das Kloster.
Die breiten kühlen Gänge entlang schritt
Pförtner ihnen voran, bis zu dem außerhalb
Klausur gelegenen Gemache, in welchem der
der
der
Abt
fremde Gäste zu empfangen hatte, und hieß sie in
demselben warten.
Der Naum war groß und hoch gewölbt; die
fchweren Möbel, der Tisch in der Mitte des Zimmers,
den ein kostbarer aber verblichener persischer Teppich
Da

e
Stickereien und Gewebe zierten, und die tief nach-
gedunkelten Bilder, aus den ältesten deutschen und
italienischen Malerschulen, sprachen von fernen Zeiten,
von fernen Landen. Sie erhöhten die stille Feierlich-
keit, die über dem Gemache lag, so daß selist Vktori-
nens weltlicher Sinn sich nicht gegen deren Ein-
wirkung zu wehren vermochte, wie freundlich das belle
Sonnenlicht auch durch die schlichten weißßen Vor-
häänge und durch das Weinlaub schimmerte, dessen fette
Blätter und üppige Nanken von allen Seiten zu den
Fenst ?n hineinsahen.
Die Baronin saß in einem der Sessel, die den
Tisch umstanden, daö Fräuulein betrachtete mit Kenner-
hlick die alten Bilder, als nach kurzem Warten die
Thüre, welche nach dem inneren Kloster führte, sich
geräuschlos aufthat und, von dem Pater Thevphil ge-
folgt, der Abt hereintrat.
,,Willkommen in unserem Thale!' sagte er, in-
dem er mit vornehm freundlichem Grufe der Baronin
seine Hand bot, die sich neigte, sie zu küssen, und
Viktorine damit nöthigte, ihrem Beispiele zu folgen.
, .illkommen! Wir waren bislang solcher Gäste in
unsern Bergen nicht gewohnt. Lassen Sie uns hoffen,
daß Sie bei uns die Stärkung finden, welche zu

O
== D
juchen Sie gekommen sind, und wünschen, daß Sie
nicht zu schwer entbehren mögen, was Sie hier nicht
finden können!'
,. N
Dt. waronin nannte sich mit gewohnter Ueber-
schwängichkeit des Ausdrucks ganz beseligt durch die
c-ss.
=---==- g6z entzückt von der himmlisäh= -=;-, welche
hss szsss
jie umgebe., Ic bin ülerzeuz-- =gke !e, zdaß ich
rn -s s,z
hier nicht nur neue Kräfte gewinnen, sondern zu jener
gesammelten Einheit in mir selbst gelangen werde,
nach der ich so von ganzem Herzen schmachte.
Der Alt hatte sie ungestört vollenden lassen.
,, llnjere =- - -- z-- -»gnete er danach, ,und für
,s zz s L? zzzf
Nfs -ss
denjenigen, der die Stille wirklich liebt, u.t hier wohl
gesorgt. Eintehr und Sammlung in sich selbst
häüngen aler weniger, als man es glauht, von der
äußeren lmgebung ab. Sie sind ein Bedürfniß ge-
wisser Naturen, welche sich dieselben durch einen Akt
deö festen Willens ülerall ermöglichen können. Man
kann mitten in dem Gerääusch bewegten Lebens sich
einsam in sich selbst versenkend, seine Seele ganz den:
Herrn hingeben, und selbst in der tiefen Stille unseres
Hauses seinen Geist haltlos umherschweifen lassen in
fern abliegende Bereiche. Sind wir -, wo wir es
d..
fuchen, stets mit Gott allein !

2e
Er hatte mit diesen Worten die Geflissentlichkeit
der Baronin sofort in ihre Schranken zurüückgewiesen,
und da er merkte, daß sie die Lehre verstanden, die
er ihr zu geben, und den Ton begrifen hatte, auf
welchem er mit ihr zu verkehren gedachte, wiederholte
er n.it freundlichem Ernste, was er ihr bereits ge-
schrieben hatte, daß der ihn begleitende Pater Thev-
philus, so oft sie es verlange, bereit sein werde, ihr mit
seinem Nathe, mit seinem Zuspruch und mit seinem
Gebete beizustehen.-- Er deutete ihr damit an, daß
er selber sich jedes geistigen Einflusses auf sie zu ent-
halten, und ihr nur in weltlichem Verkehr zu begeg-
nen gedenke.
Während dann die Baronin sich zu Pater Thev-
philus wendete, erkundigte der Abt sich bei dem Fräu-
lein nach dem Befinden Seiner Eminenz des Bischofs.
,,Er hat mich auf die Nachrichten verwiesen,? sagte
er, ,welche Sie mir von ihm geben würden, und er
hat es dabei nicht unterlassen, mir mitzutheilen, oaß
er Ihrer schönen Stimme, Ihrem vortrefflichen Ge-
sange mannigfache Erheiterung zu verdanken gehabt
habe, deren ich nn, da ich die Musik sehr liebe,
durch Ihre Güte vielleicht auch theilhaftig zu werden
hofen darf.?

N?
Viktorinen kam diese Wendung des Gespräches
sehr erwünscht, denn sie erleichterte ihr die Gelegen-
heit, sich nach Benediktus zu erkundigen. Sie war
übrigens, so fern sie auf sich achtete, vor jenen Miß-
griffen und Taktlosigkeiten durchaus sicher, in welche
ihre Mutter leicht verfiel, sie gab also schicklich die
begehrte Auskunft. Nur das Lob, welches der Bischof
ihr als Sängerin gespendet hatte, wollte sie nicht
gelten lassen.
,Meine Stimme, ? sagte sie, , überschreitet in
keiner Weise das Maß des Gewöhnlichen; und Sie,
Hochwürden, haben Grund, sehr große Anforderungen
an den Gesang zu stellen, der Sie erfreuen soll; denn
ein herrlicheres Organ, als das, welches ich gestern in
der Kirche hier vernommen, meine ich nie zuvor gee
hört zu haben.-
,,Sie haben also unserem Gottesdienste beige-
wohnt?? fragte der Abt, der Wohlgefallen an ihr
fand, und nicht Anlaß hatte, die Mutter in ihrer leise
geführten Unterredung mit Pater Theophilus zu unter-
brechen.
,Ja! versetzte Viktorine, ,und zwwar mit un-
gewöhnlicher Erhebung. Es ist mir gestern in Ihrer
Kirche zum ersten Male die Vorstellung gekommen,

L8
- - ;
daß jede künstlerische Anlage schon an sich ein Glück
und eine Gnade ist. Ich trat zerstreuten Sinnes in
das Gotteshaus, und verließ es erhoben und mit einer
idealen, um nicht zu sagen, einer frommen Besizes-
freude über die bescheidene musikalische Begabung, deren
ich theilhaftig worden bin.?
Sie hatte in diesen Worten der flüchtigen Auf-
wallung, welche sie gefühlt, eine Bedeutung gegeben,
an die zu glauben sie selbst sofort geneigt war, und
der Abt war weit davon entfernt, ihr dieselbe zu be- -
streiten; er bestärkte sie vielmehr in ihrer Ansicht.
, Ich habe,? sagte er, ,als ich jung war, wie
Sie, einmal plözlich einen ähnlichen Eindruck em-
pfangen und er ist ein Wink von oben gewesen, der
für mein Leben entscheidend geworden ist. Ich ver-
stehe also Ihr gestriges Empfinden wohl. Und wenn
ich auch nicht annehmen möchte, daß diese Stimmung
in Ihnen, der an das Weltleben Gewöhnten, sofort
eine nachhaltige werden könnte, so ist sie immerhin
beachtungswerth. Eine zeitweilige Abgeschiedenheit von
seinem Alltagsleben thut übrigens dem Menschen im
Allgemeinen gut und noth. Sie giebt ihm Anlaß zu
erproben, welche Hilfsmittel er in sich selbst besiyt,
was er den Andern und was er sich selber an Be-
a

9
friedignng verdankt. Et ist bei solchen Versuchen
manch Einer inne geworden, wie unzulänglich er ist,
ohne die stützende Kraft von oben, die uns nicht fehlt,
sofern wir sie suchen; und es ist deshalb höchlich zu
beklagen, daß die fromme Sitte, nach welcher die
Weltleute sich in früheren Tagen zur Zeit der großen
Kirchenfeste in die Klöster zurüückzogen, um dort ihre
Andacht zu verrichten und Einkehr in sich selbst zu
halten, mehr und mehr verabsäumt worden ist.
Er brach damit auch von diesen Betrachtungen
schnell wieder ab, und bemerkte, Viktorine werde, wie
er hofe, sich der Muße hier erfreuen, da der Bischof
sie nicht nur eine treffliche Sängerin, sondern auch
eine geschickte Malerin nenne. Er werde sich die
Freude machen, die Damen in ihrer Wohnung auf-
suchen zu kommen, und werde es ihr danken, wenn
sie ihm Gelegenheit geben wolle, sie singen zu hören
und ihre Zeichnungen zu sehen. Er machte sie und
die Baronin danach mit freundlicher Andeutung auf
die schönsten Aussichtöpunkte des Thales und der Um-
gegend aufmerksam und erhob sich dann, sie zu ent-
lassen. Auf seinen Wink gab Pater Theophilus ihnen
das Geleit.
F. Lewald, Benevikt. L.


Als sie in den Hof gelangten, kam ihnen die eine
Klasse der Klosterschüler entgegen, on einemt jungen
Geistlichen geführt, dessen ungewöhnliche Schönuheit
den Frauen sofort in das Auge fiel.
,Das ist Pater Benedikt! ief Viktorine.
Der Auöruf überraschte den Greis.,Woher
kennen Sie den Namen? Und was bringt Sie auf
die Vermuthung, daß eben dieser Bruder der Träger
dessellen ist? fragte er mit dem: eifersüchtigen Mißs-
trauen seines Standes.
Viktorine konnte sich des Lchelns darüber nicht
erwehren.
, Seien Sie ruhig, Paier Theophiluö!? versezte
sie. ,Ic weiß es nicht durch Zauberei, sondern auf
die natürlichste Weise von der Welt. Ich habe oben
auf der Matte vor Frau Jakoläa's Haufe gezeichnet,
und aus dem Zwwiegrspräch zwischen ihr und unserm
Doktor erfahren, daß sie einen Sohn hat, der Benediktus
heißt. Abends, als wir Frau Jakobääa in der Kirche
trafrn, und den Gesang bewunderten, sagte sie, der
Sänger sei ihr Sohn, und ich mache jezt eben die
Bemterkung, daß der junge Pater ihr sehr ähnlich sieht.?
Sie trat dabei, ehe der Greis es hindern konnte,
rasc an den jungen Mönch heran.
-

A
,Wie glücklich sind Sie, daß der Herr Ihnen
eine Stimme gegeben hat, die zu den Herzen spricht,?
sagte sie.,Sie haben uns, alö wir gestern neben
Ihrer Mutter unsere Abendandacht verrichteten, gerührt
und recht erhoben, und wir Weltleute können das
Beides leider sehr gebrauchen! Haben Sie Dank
dafür, Pater Benedikt, ich hoffe Sie noch oft zu
hören!?-- darauf grüßte sie ihn, belustigte sich über
des jungen Mannes Betroffenheit und über seine
stumme, verlegene Verbeugung, und ging dann rasch
mit den beiden Andern davon.
1

Kapitel 15

v
D. Baronin war von dem Ernste und der
Tis--s -
issf Rwifoi- Hzzzf,z- N
--=gplell,--- --=-- =- aheophilus sic ihrer an-
s fsf-=--»- ?fff=: (,- I.-s s.es
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luuuuzsu »=-s » bs, ;; »s=- ==s - = s - gsls
Pflichten es ihm gestatteken, ihr
sofern seine anderen
täglich eine Siunde
--:ikssioffo-: i:i-A z- =fs,s,zi! f,zd. pz
s.s- -
ZsZ=--- -- ---- --=- -=»- z=-; --=- -- -g - .fkNge sgU=
a= - =--- z-i befestigen, was, wie sie sagie, in den
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Güücksicheren, die cristlichen Famil.. ------ -- ---
fw- Szfss...hs,-zz ssn
sich als ein angebornes Erbe eingewurzelt finde.
Sie ., u lderte ihm dabei, wie wenig gewissenhaft
.s.l
der Geistliche, der sich ihrer Vrlereitung fir den
Eintritt in die katholische Kirce unterzogen hatte,
diese Vdrbereitungen betrieben, und wie er sich durch
ihres Mannek in diesen: Punkte twa? leichffertige
Gesinnung zu riner Eile und Oberfliichlickeit hale
verleiten lassen, die ihr schmerzlich grwesen und un-

L16
genügend erschienen wären. Als eine wahre Schick
salsfügung sehe sie es an, daß ihre körperlichen Leiden,
welche sie nun zu segnen beginne, sie genöthigt hätten,
sich hier in diese Weltabgeschiedenheit zurückzuziehen,
wo der Herr ihrer Seele die Stärkung vorbereitet
habe, deren dieselbe bedürftig sei und die auch ihrer
Tochter zuzuwenden ihr Mutterherz inbrünstiglich be-
gehre.
Pater Theophilus hatte unter diesen Verhältnissen
wenig Mühe und kaum ein paar Tage nöthig, das
unbeschränkte Vertrauen der Baronin zu gewinnen.
Er erfuhr nicht nur, wwas sie selber von sich zu glauben
wünschte, und von Andern geglaubt haben wollte.
sondern sein scharfes und geübtes Auge erkannte auch
sehr bald in ihr jene eitie Selbstsucht, die unfähig,
rgend Evas außer sich selbst zu lieben, danach ver-
langte, wo möglich auch von dem Vater im Himmel
als ein bevorzugtes Wesen begünstigt, von der Mutter-
Kirche als ein besonders geliebtes Kind betrachtet und
behandelt zu werden. Sie strebte danach, auch im
Jenseits die vielbeneidete Baronin Landesheimer zu
sein; sie wünschte dereinst in ihrer himmlischen Heimath
die Geltung und das Ansehen zu erlangen, deren sie
hienieden unter ihren Umgangsgenossen allmälig theil-

At?
haflig geworden war; und wie ihr Gatte nicht klein-
lich zu erwägen und nicht zu kargen gewohnt war,
wo es sich darum handelte, an sein Ziel zu kommen,
so war sie auch durchaus geneigt, sich die Sicherstellung
ihres jenseitigen Wohlbefindens, sich die ewige Seligkeit
und die himmlischen Freuden schon hienieden ein Er-
kleckliches kosten zu lassen, sofern sie dadurch zu er-
reichen sein sollten. Sie wußte das mit vieler Ge-
schicklichkeit anzudeuten, als einmal zwischen ihr und
ihrem Berather die Rede auf die Lehre von den guten
Werken kam; und ohne die Bedeutung derselben über
die Gebühr hervorzuheben, unterließ der Pater es nicht,
die Baronin in den guten Vorsätzen zu befestigen,
welche sie über die zwweckmäßige Verwendung irdischen
Besizes zu hegen versichert haite.
Ehrlicher noch als über sich selbst, äußerte sich
die Baronin über ihr Familienleben, über den Charakter
ihres Gatten und ihrer Tochter; und sogar diese Letztere
gewann auf ihre Weise, wenn auch nicht Vertrauen
zu dem Pater, so doch die Neigung, mit ihm zu ver-
kehren, weil er, ohne sie aufzusuchen, sich von ihr
finden ließ, so oft sie sich ihm näherte.
Er gab ihr Auskunft über Alles, was ihr in
dem Thale auffiel, er stand nicht an, ihr das Kloster-

18
leben, das sie viel beschäftigte, in der Weise darzu-
stellen, wie es ihm erschien; und er zeigte sich auch nicht
verletzt, als sie ihm ohne Aufforderung bekannte, daß
sie bisher nie ein besonderes religiöses Bedürfniß
empfunden habe. Er bemerkte mit völliger Gelassen-
heit, der Herr suche Jeden auf seinem besonderen
Wege, und wisse die rechte Stunde und das rechte
Mittel für einen Jeden wohl zu finden. Manchen
I? -==-- --
Viktorinen gefiel das nicht, und weildes Mönches
Sanftmuth sie sicher machte, schüttelte fie den schönen
Kopf.
, Verdammen Sie mich nicht, Pater Theophilus,!
sagte sie, , wenn ich es auöspreche, auf dem Wege geht
es mit mir nicht. Unser Herrgott hat mir einen harten
Kopf und ein trotziges Herz gegeben; mit Strafen
hat man also bei mir nie Etwas auögerichtet, sie haben
mich immer nur verschlechtert. Ich glaube vielmehr,
daß Glück, großes Glück, wie ich es verstehe, oder
der Genuß eines vollkommen Schönen mich in An-
beiung niederwerfen, in Demuth hinschmelzen machen
.:

N9
fürchte sie, daß der Pater sie nicht verstehen, oder sie
tadeln möchte, füügte sie rasch hinzu: ,Sehen Sie,
Pater Theophil, ich sagte es schon dem Herrn Abte;
in meinem ganzen Leben habe ich mich nicht so bis
in des Herzenö Tiefe bewegt gefühlt, als nenlich an dem
Abende, an welchem ich Ihren jungen Pater zum ersten
Male in dem Dämmerlicht der Kirche singen hörte.
Ich bin seitdem an jedem Abende dort gewesen, und
neulich ist es mir in Ihrer Kirche klar geworden, daß
es eigentlich die Künste sind, oder vielmehr die Kunst
alö Einheit gedacht, in welcher sich mir Gott und das
Göttliche im Menschen am Klarsten offenbart.?
Obschon der Pater für die Kunst Empfänglich-
keit besaß, mußten solche Worte ihm doch verwerflich
erscheinen; allein er war vorsichtig und klug genug,
mit Denen, die er zu gewinnen hatte, in der Sprace
zu verkehren, welcher sie sich selbst bedienten.
Er erhob deshalb kaum einen Tadel gegen
Viktorinenö Ausspruch, sondern entgegnete ihr in seiner
gelassenen Weise, daß er sie und ihre Meinuung zu
verstehen glaube, wenn er dieselbe auf ihr rechtes Maß
zurückführe und beschränke. ,Ich vermag der Kunst
für mein Theil,'? sagte er, ,nicht die Bedeutung bei-
zulegen, die Sie ihr zugestehen, doch hat die Kirche

2
den Künsten von jeher die ihnen gebührende An-
erkennung und Stellung eingeräumt. Sie hat sich
derselben stets zur Zierde ihres Gottesdienstes, zur
Erhöhung und Steigerung der gebundenenEmpfindung,
zur Verstärkung des Empfindungsausdruckes mit Vor-
liebe bedient, und unter ihren eigentlichen Dienern,
von den Päpsten und den Kardinälen bis hinab in
die Hallen unsrer stillen Klöster, haben begnadigte
Männer sie geült. Ird Kngelo il bento, Frä Vartolomeo
schufen ihre unsterblichen Gemälde in des Klosters
Hallen, und der Lobgesang, der Sie bei uns mit
seiner göttlichen Gewalt ergriffen hat, verdankt einem
Drdensgeistiichen sein Entstrhen.?
, Das ist'ö ja, was ich meine!'? fiel ihm Viktorine
ein, der es ebenso wie dem Pater nicht große Neber-
windung kostete, sich fremder Meinung anzupassen,
M?-=---
Aber der Pater legte auf ihre Zustimmung kein
großes Gewicht, und ohne sich von ihr in seiner Rede
unterbrechen zu lassen, fügte er hinzu: , Pflegen Sie
also immerhin gewissenhaft in sich die Liebe für die
Kunst: denn ernste Vertiefung in dieselbe, namentlich
in die heili;e Musik, wird und muß Sie mit Noth-

s ..
wendigkeit auf Ihr eigenes inneres Sein hinweisen;
und des Allmächtigen und Allweisen Wege sind, ich
wiederhole es mit Demuth, mannigfach und unerforsch-
lich für des armen Erdenkindes blödes Auge und für
sein kurzsichtig Erkennen. Vielleicht ist die Liebe für
die Kunst in Ihnen jenes hofnungsreiche Aufdämmern
des Morgenrothes, das den Aufgang einrs schönen
Lichtes, den Durchbruch jenes wahren Glaubens verkün-
digt und verheißt, der zur Erkenntniß führt. Nur fragen
Sie sich ehrlich und gewissenhaft, in wie weit Sie
in sich als eine Wahrheit fühlen, was Sie mir aus-
gesprochen haben. Man ist nuur in zu vielen Fällen
gegen sich leichtgläuliger, als man es sein dürfte, und
betrügt sich dadurch um sein wahres Heil.
Der Doktor war inzwischen herangekomuten, so
daß er die lezten Worte dieser Unterhaltung noch ver-
nommen hatte. Das war gegen Viktorinens Absicht.
Sie hatte sich in den paar Tagen bei verschiedenen
Anläässen gegen ihn in einer Weise geäußert, die ihn
die Wahrhaftigkeit dessen, was sie von sich vor dem
Pater ausgesagt, mit Recht bezweifeln lassen konnte;
und sich, wenn auch in der schonendsten Weise, im
Beisein eines jungen Mannes von dem Pater zurecht
gewiesen und ermahnt zu sehen, war ihrer Eitelkeit


verdrießlich. Auch in diesem Falle kam jene ent-
schlossene Gewandtheit, welche sie nicht leicht im Stiche
ließ, ihr mit geschickter Ausrede zur Hülfe.
,Wie scharf Ihr Blc ist!' sagte sie, ,und wie
er Anderen dazu verhilft, sich selbst erst in dem rechten
Licht zu sehen. Ich machte, während Sie noch zu
mir sprachen, eine neue und mich überraschende Er-
fahrung. Sie haben Recht, vollkommen Recht! Auch
ich bin leichtgläubiger gegen mich gewesen, als ich es
ahnte oder dachte. Als ich vorhin jene Behauptung
über die Wirkung aussprach, welche die Kunst bisher
auf mich gemacht hat, vermuthete ich doch im Grunde
nur von mir, was ich behaupten wollte. E war
ein Ariom, ein Wunsch, ein Einfall! Nennen Sie
es, wie Sie wollen! Als aber mein eigenes Wort
mein Ohr berührte, klang es mir wie ein fremdes,
wie ein Gedanke, den aus mir selber zu drzeugen ich
nicht vermocht haben würde; und doch empfand ich
meinen tiefen Zusammenhang mit aller Kunst leb-
hafter als je zuvor, als eine mich erhebende und be-
glückende Wahrheit- als einen Segen. Mit einem
Worte: ich erkannte und fühlte, was ich nur ver-
muthet! Ich besaß, was ich ersehnt hatte!'?
,So gebe Gott, daß diese Wahuheit sich in Ihnen

o
mehr und mehr befestige, daß sie in Ihnen wachsen
und wirken möge!' entgegnete der Pater, dessen Age
prüfend auf ihr ruhte. Er reichte ihr damit die
Hand und wollte sich entfernen. Sie neigte sich tief
vor ihm, so daß er segnend seine Nechle über ihrem
schönen Haupte schweben ließ. Dann sagte er dem
Doktor Lrlewohl und ging von ihnen fort.
Viktorine blickte ihm eine Weile nach, der Doktor
ließ seine Augen nicht von ihr. Sie bemerkte es und
fragte, was er damit wolle.
,Ich möchte wissen, was Sie im Schilde führrn;
wissen, weicheBedeutung PaerTheophilus fürSie hat?
, Wie sonderbar!'' rief sie, , Sie mißtraen mir!
Sie sezen irgend eine Absicht, einen Zweck bei mir
voraus. Das ist nicht schön von Ihnen, aber das
Mißtrauen gehört zu eines tüchtigen Arztes Eigen-
schaften, ich muß es Ihnen also wohl verzeihen, und
ich thue es um so leichter, als Sie in Ihrer Ansicht
irren. Was kann ich hier in diesem Thale wollen,
als mich, so gut es gehen will, vergnügen, während
meine Mutter ihre Rerven ausruht und belebt? Was
kann ich mit dem Pater und mit Seinesgleichen wollen,
die mir Nichts sein, Nichts bieten können, und deren
ich vielleicht kaum mehr gedenken werde, wenn unser


Aufenthalt in Ihren Bergen nach wenigen Wochen
zu Eunde sein wird? Ich möchte, wie Sie sich's wohl
denken können, die Zeit hier oben doch nicht ganz
und gar verlieren! Ich uöchte sie auch für meinen
Theil benuuzen. Und das Wesen der Klostergeistlichen
hier in der Weltabgeschiedenheit zu studiren, finde ich
so anziehend als unterhaltend. Wollen Sie mir das
zu einem Vorwurf machen, der Sie doch selber ein
Beobachter sind?
,Ich hoffe dies dereinst zu werden,'' hub der
Doktor an.
Viktorine verneigte sich scherzend.,Wie beschei-
den!' sprach sie. , Alö ob ich ed nicht sähe, wie Sie
mich und meine Mutter und deren kleine Eigenheiten
schon jezt vollauf durchschauen!'-
Er wollte das von sich abweisen, sie hinderte ihn
daran. , Wozu diese gesellschaftliche und kleinliche
Ziererei? Ist das die freie Offenheit des Mannes und des
Schweizers? Da sind Sie mit mir in Wahrheit besser
daran! Denn wie ich Ihnen neulich sagte, Sie würden
einen guten Kameraden an mir finden, so versichere ich
Ihnen heute, daß ich wirklich über all Ihr Erwarten
wahrhaft sein kann.
,Wahrhaftigkeit sezt ein ruhiges Selbstbewußtsein


und viel innere Unabhängigkeit voraus, und diese
Eigenschaften-'
, An diese Eigenschaften einer Frau zu glauben,
hat man in Ihren Vorlesungen Sie noch nich gelehrt!r'
fiel ihmu das Fräulein spottend ein.,Nun, Doktor!
so gönnen Sie es mir, in diesem Falle Ihren Lehrer
vorzustellen; und ihren Lehrern pflegten die Herren
doch von Anfang meist zu glauben und auf sie zu
schwören.r
Er betheuerte, daß er bereit sei, ihr zu glauben,
was sie auch von sich behaupten möge.
,Auch wenn ich Nebles von mir sage? fragte sie.
,,Aluch dann,'' entgegnete der Doktor, der im
Augenblicke völlig unter dem Banne ihrer Reize und
ihrer spielenden Gefallsucht stand. ,Euch dann - -- vor-
ausgesezt, daß Sie es mir gestatten, Sie gegen sich
selber zu vertheidigen.''
,,Gut denn! So will ich's Ihnen nuur gestehen:
ich erkenne im Grunde auf der Welt Nichts an als
nur mich selbst. Ich und mein Vergnügen, ich und
mein Zeitvertreib und mein Behagen sind, wenn ich's
recht bedenke, mein alleiniger Zweck, mein einziges
Ziel -=e
F. Lewald, Benedikt. 1.

2e
,Aber Sie sind großmüthig, Sie sind freigebig!?
fiel ihr der Doktor ein.
,, Weil ich Nichts dadurch entbehre, weil ich gern
in fröhliche Gesichler sehe und weil ich's liebe, wenn
man meiner gern und ehrewvoll gedenkt. ?
,Mein Fräulein!'- rief der Doktor, der sich in
diese Art von Ehrlichkeit nicht finden konnte, weil er
einer solchen, das fremde Urtheil völlig geringschätzenden
Selbstüberhebung nie zuvor begegnet war, , wie
mögen Sie so sprechen! Sie wären doch nicht fähig,
einem Anderen weh zu thun-=--
,, llm mein Wohlbehagen zu befördern?-- er-
gänzte sie mit dreistem Sinne.,Das weiß ich noch
nicht; das müßte ich erst erfahren und erproben.'?
Er stand vor ihr, um eine Antwort offenbar
verlegen. Er wußte in der That nicht, was er von
ihr denken sollte.
Dak machte ihr erst rechte Freude. , Sehen Sie
wohl, Doktor! sprach sie, ,daß von mir gar Mancher-
lei zu lernen ist und daß es in dem Herzen und dem
Geiste der Frauen, die Ihr Herren sammt und sonders
alö das schwächere Geschlecht behandelt, von dessen
weicher Gefühls-Seligkeit Ihr zu spechen liebt, als
häitet Ihr daö Sein und Wesen jeder Einzelnen ge-


wogen und erfrrscht,-- daß es unter uns Frauen harte,
egoistische und kalte Herzen mit heißen und doch klaren
Köpfen gielt, von denen Eure Philosophen sich Nichts
träumen lassen, weil solche Frauen es nicht eben nöthig
finden, sich dem Bereich kurzsichtiger Gelehrsamkeit zu
nahen!''
Sie lehnte sich darauuf mit gekrenzten Armen in
den Stuhl zurück und sah in die Ferne hinaus. E
entstand eine Pause. Der Doktor war unangenrhm
betroffen. Er fühlte sich verlezt durch die Rolle, welche
Viktorine ihm aus hochmüüthiger Laune aufzuzwingen
dachte, und er vermocte dem stolzen welkgewandten
Frauenzimmer gegenüber doch nicht dak rechte Wort
zu finden, um sich vor der Neberlegenheit zu schüzen,
die sie ihn fühlen lassen wollte.
Indeß sie kam ihm noch einmal zuvor. Mit
jenem Lächeln, das wie ein warmer Sonnenstrahl den
kalten herrschsüchtigen Ausdruck ihrer Mienen weg-
schmolz, sagte sie, indem sie sich erhebend ihre Hand
ihm auf die Schulter legte: , nicht wahr? wir iangen
Nichts, wir Frauen aus der großen Welt? und Sie
werden nicht einmal glauben, daß man mir glauben
dürfe?-- Das ist noch ein Glück! Denn was finge
ich nun an, hier, wo wir auf Sie angewiesen sind,
,

L2R
wenn Sie mich nicht für meine eigne Verläumderin
halten wollten? wenn Sie all das Schlechte wirklich
von mir dächten, das ich mir eben nachgesagt habe?
---- Haus und Hof müßten Sie ja vor mir verschließen,
Mutter und Schwester vor mir warnen; den Pater
Theophilus bitten, mit einem Exorcismus Ihrem Hause
zu Hülfe zu kommen! Und daß Sie mir noch kein
Apage zugerufen haben, das ist es eigentlich, was
mich am meisten wundert!'=-
Sie hatte sich damit, unruhig wie sie es bis-
weilen troz ihrer guten Manieren sein konnte, wieder
in den niedrigen Sessel fallen lassen, der auf der
offenen Gallerie stand, und warf mi rascher Hand
die langen schwarzen Locken von der erhizten Stirn
zurück. Der Doktor lehnte ihr gegenüber an einem
der Pfeiler, auf welchen das Vordach ruhte. Er hatte
die Arme über einander geschlagen und betrachtete sie
noch einmal mit unverwandtem Blick,

»K
Das fiel ihr lästig. ,Nun? und was nun?
fragte sie ihn plözlich.
Er hatte sich inzwischen gesammelt und gefaßt.
,Apage! werde ich nicht rufen! sagte er, ,doch habe
ich Ihnen in der That zu danken für die Lektion, die
an mir nicht verloren sein soll.r'
A
z
s

s
-I
A
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F
T
i

L9
,Sie sind entschlossen, sich vor mir zu hüten?
meinte Viktorine.
, Ich glaube, daß man das sehr nöthig hat!' ent-
gegnete er ihr.
, Sehen Sie, Doktor! wie schnell wir vorwärts
kommen!' sagte sie mit einem Tone, dem der Doktor
eine leise Empfindlichkeit anzuhören meinte. ,Frei-
muth gegen Freimuth ! Dad ist der Weg zu jener
guten Kameradschaft, die ich uns prophezeite.-- Aber
lassen wir den Scherz auf sich beruhen. Sie sind
ernsthaft geworden und ich bin es auch!'?
Sie erhob sich wieder, lehnte sich neben ihm über
die Brüstung der Gallerie, sah eine Weile in das
Thal hinaus und sagte dann mit einer Ruhe, die den
jungen Mann fast noch mehr überraschte als die Scene,
die sie ihn eben hatte durchleben lassen: , Sie ahnen
es gar nicht, Doktor! wie das Leben, das wir führen,
wie die Gesellschaft, in der ich mich bewege und in
welcher ein Jeder Anspruch an unser Einen macht,
die Nerven überreizt und das Gefühl abstumpft. Mir
selber bin ich so wenig überlassen, daß ich selten ein-
mal die Zeit gewinne, an mich selbst zu denken, mich
auf mich selber zu besinnen.?

1
== D?
, Daß Sie nicht zufrieden mit Ihren Lebena-
8-.- ---- das grade häite ich nicht vermuthet!'-
-.-ssP
b» d Sz- sssz d.
fiel der Doktor ein. , Sie sehen sehr gesund aus,
und scheinen uir vollkommnen mnit sich Eins zu sein.
s,zfp
--- - d=-, daß ich noch nicht richtig zu
a..
beobacten in Stande bin. ?
, Ic scheine gesund und scheine zufrieden !
wiederholte sie. ,Es ist eben All.ä Schein, was uns
nmgiekt, und man hat sogar die Aufgabe, ja die Pflicht,
dasjenige zu scheinen, wrfür uns zu halten es den
9s-zR.s- -
----- .n belielt. -- Ich wollte, Sie kennten die Welt,
wie
der
uttt
der
ich sie kenne! --- Utter dem Scheine der Freudr,
Gasundheit sind wir Alle krank! gemüthskran!--
es richtig zu bezeichnen! Und s gelangweilt von
llebersättigung! so müüde von dem Suchen nach
irgend Etwas, das uns freuen könnte!''
Ud alermals brach sie in ihrer Rede plözlich
ab. Der Doktor sah sie wie eine unerwartete Natur-
erscheinung an. Sie kam ihnt wirklich wie gemüths-
krank vor, er wußte sie in seine bisherigen Erfahrungenu
und Vorstellungen nirgend einzureihen und daß
sie immner jo unerwartet abbrach, das machte sie ihm
-- « ---- --==--atlich. EI war ihm deshalb sehr
f: d isspli i »sItei

t
willkommen, daß seine Mutter nach ihm scickte und
daß diese Unterredung, deren Zweck und Ursrche er
nicht begreifen konnte, so ihr Ende fand.
Vitturine hingegrn war vurdrieflich, alö er sir
verließ. Was sie eigentlich gewollt, was sie in Sinne
gehalt mtit Allem, was sie gegen Pater Therphil und
zegen den Doktor ausgesprochen hatte, das zu sagen,
der e? sich se!ler zu erkläärrn, wäre sie kaunm im
Stande gewesen.
Sie hatte, wie es ihre Art war, einem Einfall,
einer Laune maßlos naehgegeben. Da« - -= -b.-
K .b»- ßss
immerfvrt Aufsehen und Bewunderung zu erregen,
hatte sie allmälig dahin gebracht, sich vor jedem Manne
in einer ihn überraschenden Nolle darzustellen, und e?
konnte ihr deöhalb leicht begegnen, daß sie sich in der
Wahl derselben in Bezug auf ihr Publikum, oder
auch in der Behandlungsweise ihreö Themas gelegent-
lich vergrif. Sie ging dann in solchen Fällen regel-
mäißig weiter, alö sie ek gewollt hatte, oftmalö weiter,
als ihr Gegenüler e vertragen lonnte; und widrr
ihren Wilien that sie bei solchen geflissentlichen Ent-
hüllungen ihrer vermeintlichen Seelengröße und
Driginalitäät mitunter Blicke in ihr eigentiiche? Wesen,
vor denen sie umwillkürlich zusamnenschreckte, und die


sie für den Moment jene Seelenleiden in der That
annähernd empfinden ließen, mit denen sie sich der
AbwechAlung wegen gelegentlich zu schmücken liebte.
Sie fühlte sich dann ein paar Stunden lang sehr
unbefriedigt, ihr bangte vor ihrer Nebersättigung. ihr
schauderte vor dem, was- wie sie es dann zu be-
nennen liebte -- Dämonisches in der Tiefe ihrer Seele
nach Befriedigung und Freude lechzend, in ihr ver-
borgen lag; ja sie konnte Thränen des Mitleids ver-
gießen über sich und über ihr Geschick, das es ihr
nicht vergönnt hatte, schon in früher Jugend in sanfter
Liebe still beglückt, ein unbeachtetes Dasein harmlos
zu genießen.
Sie gefiel sich aber niemals besser, als in dieser
Rührung, sie sah auch niemals schöner aus, als in
der vorübergehenden Ermattung, welche ihren seelischen
Seiltänzereien folgte, und sie würde auch heute dieses
geistigen Genusses theilhaftig geworden sein, hätte sie
sich nicht sagen müssen, daß sie den Doktor nicht be-
zaubert, nicht gewonnen, sondern durch ihre Neber-
treibung achtsam auf sich selbst gemacht, nnd ihn gegen
sie ernüchtert habe.

Kapitel 16

Sechsschntes Cpitel.

- Doktor ließ sich an dem Abende nicht wieder
erblicken, und das quälte Viktorine. Ihr verlangte
danach, den Mißton auszugleichen, sie wollte nicht,
daß man in dem Hause ohne die ihr nöthige und ge-
wohnte Bewunderung von ihr spräche, und weil ihre
Wirthsleute ihr gesagt hatten, wie ihr Gesang des
Are Kuritu an dem Abende nach ihrer Ankunft ihnen
das Herz bewegt habe, sezte sie sich an das Instrument
und sang die schöne Melodie mit meisterhaftem
Vortrag.
Aber von der Wirthin Fanuilie kam Niemand
mehr zum Vorschein und erst am folgenden Morgen,
als er sich nach ihrer Mutter Befinden zu erkundigen
hatte, sah sie den Doktor wieder.
Sie zigte sich so sanft und heiter, daß sie der
Viktorine von gestern selbst in ihrem Aeußeren kaum

We
ähnlich sah, und ohne des Doktors Ansprache abzn-
warten, drückte sie ihm, nachdem er die weitläufigen
Auseinandersezungen der Baronin auf das Neue an-
gehört hatte, ihr Wohlgefallen an den Thale aus.
,,Es ist etwas Geheimnißvolles in diesem eng
umgrenzten Stückchen Erde,'' sagte sie, ,es hat etwas
wunderbar Beruhigendes. Ich war gestern einmal
recht tief aufgeregt. Sonst klingt dad in mir oft viele
Tage nach. Heut ist Alles so still und licht in mir,
daß ich meine, es sei auch immer so grwesen. Ich
mache überhaupt hier lauter mir neue Erfahrungen.
In der Stunde unserer Ankunft erauickte mich die
Stille des Thalek, entzückte mich der Gedanke, hoch
über den Häuptern der anderen Erdbewohner zu athmen,
und drm gewohnten Alltagsleben und den Alltags-
menschen so weit entrückt zu sein. Am zwweiten, am
dritten Tage überfiel es mich wie eine Angst. Die
Berge rückten mir zusammen wie Gefängnißmauern.
Ich stellte mnir vor, daß ich hier bleiben, hier sterben,
daß ich, um des Dichters Wort zu brauchen, aus dieseö
a hales Gründen den Ausgang nicht mehr finden würde;
ich konnte diese Angst selbst vor meiner Mutter kaum
geheim halten, und jetzt--e'
, Und jezt? fragte der Doktor.

D?
, Jezt legt sich die Stille wie ein Zauber mild
um meine Sinne und um meine Seele. Sie spinnt
mich in sich ein, sie bestrickt mich wider meinen Willen.
Noch vor wenig Tagen dachte ich: wie traurig ist diese
Snge! wie tödtend muß diese Gleichförmigkeit des
Lebens hier auf die Dauer sein! wie ohnmächtig er-
scheint der Mensch in dieser Größe der Natur! Wie
nichtig und gleichgültig ist Alles, was dem einzelnen,
rasch vergänglichen Menschen in der kleinen Gemeinde
begegnet und geschieht, die sich hier in den uralten,
durch Jahrtausende bestehenden Gebirgen wie ein
Ameisenvolk zusammengefunden hat.?
,, Ach!' seufzte die Baronin,,das ist es ja eben,
daß Du Dich des Denkens nicht entwwwöhnen kannst,
daß Du nicht einfach das Vertrauen gewinnen kannst,
wie wir Alle nur Eintagsfliegen sind vor des All-
mächtigen Auge, der doch kein Haar auf unserm
Haupte ungezählt läßt; und vor dem es Thorheit ist,
an sich selbst zu denken, da seine weise Hand une
Freud' und Leid, das Leben und das Sterben vor-
bestimmt hat, ehe wir noch waren! Aber glauben
Sie auch wirklich, lieber Voktor!r sezte sie ängstlich
D.-
htnzu. ,daß es bei nir mit dem Druck hier in der
rechten Schläfe im Ernste Nichts zu sagen hat?


--b--- das Geringste! betheuerte der Doktor.
As.s
Viktorine konnte sich eines Lächelnö nicht er-
wehren. Die Mutter war ihr immer komisch, wenn
sie sich im Glauben emporzuschwingen unternahm,
denn sie verstieg sich dabei meist auf falschem Wege,
fie warf auch in der Regel wie in einem Kaleidoskop
wahllos durcheinand er, was sie an religiösen Phrasen
eben so wahllos aufgelesen hatte; und Viktorine be-
merkte also, ohne sich durch die ermahnende Zwischen-
rede der Baronin in ihrem früheren Gedankengangr
irgendwie stören zu lassen, wie sie erst jezt und ganz
allmälig, zu einem Gleichgewichte in dieser ihr neuen
und fremden Welt gelange, wie sie das Thal zu
lielen beginne.
, Sett ich durch Sie und durch den Pater mehr
und mehr die Bedingungen kennen lerne, unter
welchen diese kleine Gemeinde hier lebt, seit ich von
der und jener Familie irgend etwas Näheres weiß,
beshäftigt mich daä Alleö! sagte sie.,Ich male es
mir mit Wohlgefallen aus, wie leicht es hier sein
müüßte, mit verhältnißmäßig geringen Mitteln sehr
Wesentliches zu leisten; ich stelle mir vor, wie es hier
in den verschiedenen Häusern und in den Herzen ihrer
Bewohner anssehen mag. Ich betreffe mich darauf,

9
daß ich an das Schicksal der Familie Anschafft, an
Frau Jakobäa denke. Ich finde es merkwürdiger und
sie selbst eigenartiger als die Geschichten und die
Menschen, die mir zu Hause wichtig erschienen sind.
Ich möchte Jakobäa'ö starren Sinn erweichen; und
ich frage mich daneben, ob eö ihrem schönen Sohne,
den die Natur so sehr bevorzugt hat, denn lebenölang
genügen kann, hier in seiner weltentlegenen Kloster-
kirche Jahr ans Jahr ein imm er ntr Gebete zn
sprechen, Knaben zu unterrichten, und mit seiner un-
vergleichlichen Stimme das Adoramus zu singen.
,Ihre Gedanken heften sich an dieses Thal, wie
sich ein Hebel an den Steinllock legt, den er aus
seinr Nuhe und von seinem alten Plaze fortlewegen
möchte,' meinte der T ktor, , und ich finde also in ge-
?.
wissem Sinne in Ihnen einen Bundrsgenossen, denn
es ist allerdings gar Vieles zu schafen und Mancherlei
zu thun hier unter uns, das für uns Alle sehr von
Nuyen wäre. Auf die geistlichen Herren hat man
dalei aler ein für alle Male nicht zu zählen, die muß
man lassen, wie sie sind, vom Herrn Abt bis hinab
zum Jüngsten, dem Pater Benedikt. ?
Die Wirthin kam, dem Sohne zu sagen, es sei
ein Bote aus dem Kloster da, der Abt verlange ihn

L40
zu sprechen. Der Doktor schickte sich zum Aufbruch
an. Als er sich schon empfohlen hatte und der Thüre
zuschritt, sagte Viktorine:,Sie sprachen vom Pater
Benediktus; kommt der niemals in Ihr Haus und
nie zu seiner Mutter? Ich bin ihm seither nur ein
einzig Mal begegnet, als wir den Mittag von dem
Herrn Abte kamen.r
,,Die jungen Mönche gehen selten ganz allein
aus , antwortete ihr der Doktor. ,Ich traf ihn
jedoch schon zweimal in der Morgenfrühe lesend drüben
auf der Klostermatte an, und ging mit ihm hinab.?
Damit verließ er sie, um sich nach dem Kloster
und zu dem Abte zu begeben. Es war ihm aber gar
nicht lieb, daß er gerufen wuurde, ehe er sich selbst
gemelhet hatte. Er wußte, mit wie großer Strenge
der Abt auf seine Würde und auf die Ehrfurchts-
bezeugungen hielt, mit welchen man den Aebten des
Klosters in dem Thale von alten Zeiten her gehuldigt
hatte, und der Doktor brauchte für seine Zwecke eben jezt
die Geneigtheit des Klosters, und des Abtes gutenWillen.
Auch war es in der That ein Vorwurf, mit dem
der Abt den Doktor ansprach, als dieser mit dem ehr-
erbietigen Gruße, der dem früheren Klosterschüler
ziemte, vor ihn hintrat.

L41
,, Nun!'' sprach der Abt, indem er ihn mit seinem
Blicke mas. ,nnn, Herr Doktor, muß ich Sie erst
holen lassen? Die weiten Wege, auf denen Du um-
hergekommen bist, und die neuen Lehrer, die Du
gehabt hast, haben Dich, wie es scheint, den Pfad zu
jener Stäitte nicht gleich wieder finden lassen, an der
man Deine ersten Schritte leitete und überwachte; und
man hat Dich, wie es scheint, gelehrt, Deine ersten
Lehrer zu vergessen.?
Die herrische und hochfahrende Art des sonst
nicht eben herausfordernden Abtes verletzte den Dokter;
indeß genöthigt ihn hinzunehmen, entschuldigte er sich
mit seinen Obliegenheiten wegen der anscheinenden
Versäämniß, und sprach dabei die Hoffnung ans, daß
es krin ebelbefinden des hochwüürdigen Herrn sei,
welches ihm die Ehre verschafft habe, zu ihm beschieden
zu werden.
, Nein! versezte der Abt, ,ich bin Gottlob noch
immer rüstig und wir bedürfen in unserm Kloster
neben dem Pater Medikus auch keines anderen Arzte?.
Nur Deiner Neuerungen wegen habe ich mit Dir zu
sprechen.?
Diesem Tone gegenüber fiel dem selbstständigen
F. Lewald, Benebikt. l.

Dd 1 H
Manne die Unterwerfung schwer, doch sagte er, er
sehe zu Bfehl.
Der Abt ließ sich Zeit. Er nahm langsam eine
Prise auö der Dose, die er in der Hand hielt und
s rach darauf: ,Wie die Verhältnisse sich nun ein-
mal unter Gottes Zulassung in unserm Lande gestaltet
haben, steht mir freilich kein eigentliches Recht mehr
z, darüber zu entscheiden, was der Besizer hier im
Thale mit und auf seinem Grund und Boden machen
will, sofern des Klosterö und der Gemeinde Wohl-
f hrt nicht dadurch geschädigt wird. Deine Mutter
war also befugt, so wie sie es gethan hat, ihr Gast-
haus zu erweitern, ein neues zwweites Gasthaus auf
ihrem Grund und Bdden zu erbauen, und es den
Bedürfnissen der Reisrnden anzupassen, welche unsere
Berge jept durchziehen. Mich will jedoch bedünken,
ehe Du daran gingst, hier eine Kuranstalt zu be-
gründen, hätte es sich gebührt, darüber zum wenigsten
d Klosters Rath und Meinung einzuholen.r?
Der Doktor wollte auffahren, nahm sich jedoch
zusammen. , Hochwürden, sagte er ruhig, aler sehr
btimmt, ,haben mir ebeu selbst eingeränmt, daß
Jedermann berechtigt sei. hier sein Gewerbe nach
eigenem Ermessen zu betreiben; und ich vermag nicht

D i ?
einzusehen, wie es dem Kloster oder der Gemeinde
Nachiheil bringen könnte, wenn meine Kranken zeit-
weise unter meinem Dache zu verweilen nöthig finden. ?
, Und doch ist es unsere Rnehe, unser Frieden,
welche Dein Unternehmen hier bedroht. Wir waren,
ada-
=-- weißt es, die ersten Ansiedler in diesen Bergen;
das Thal wurde dereinst durch Schenkung unser freiek
Eigenthum. Was es an v-=-r besizt, verdankt es
EFzsls--
uns. Wa wir hier suchten: Welt.bgeschiedenheit für
uns, und Nuhe für die Schüler unseres Hausek, die
besaßen wir noch bis auf diesen Tag, obschon und die
Machtvollkommenheit über das ahal und die Ge-
meinde, welche sich, Dank unserer vielhundertjährigen
Hilfsbereitschaft, um unser Kloster und um uns ge-
ildet hat, mit unberechtigter Willkür entzogen wsord en
ist. Aber diese unsere heilige Nuhe wird gestört, dne
Siiteneinfalt der Gemteinde wird vernichiet werden,
wenn sich hier ein Kurout bilde!; wenn die Lster der
müßigen Weltlust sich hier oben Spielranmu suchen
kommen, wenn böses Beispiel aller Art dem Sinne
der uns hier anvertrauten Voglinge den Ernst und
die Vertiefung
Er hielt
klugen Augen
rauht. ?--
inne, nahm eine neue Prise und die
d-sz s,Isz
unter den feinen noch imme - --

1
Branen auf den Doktor gerichtet, sagte er: ,Die Liebe
für Deine Heimaih, der Dank, den Du unserer Anstalt
schuldest, hätten Dich von selber zu selcher Neber-
legung führen sollen, hätten Dich in jedem Falle be-
ftimmen müssen, vor allem Anderen unsere Meinung
über Dein Uniernehmen einzuholen.?
Der aoktor hatte den Abt, wie es sich gebührte,
ruhig zu Ende sprechen lassen und während dessen
Zeit gehalt, sich die rage rorzulegen, wwohinaus
derselbe wolle. E? lag nicht in der Taktik des
Klosters, Streitigkeiten anzuregen, bei denen es, wie
in diesem Falle, sicher sein konnte, nicht den Sieg
davon zu tragen. Man mußte also etwas Besonderes
im Sinne haben; und weil es für den Doktor durch-
aus geboten war, sich das Wohlgefallen der geistlichen
Herren zu erhalten, erwiderte er mit schicklicher Höflich-
keit, es freue ihn, versichern zu dürfen, daß Hoch-
würden ihm Unrecht thäten.
,Es war nicht rücksichtslose Selbstsucht, Hoch-
würden! nicht allein mein Vortheil, sagte, er, ,sondern
vielmehr Vorsorge für die Heimath, die mich bei
meinrm Plane leitete. Unser Thal ist arm an Erwerbs-
auellen; alljährlich verlassen uns tüchtige Burschen,
um als Söldner in Nom und Neapel Dienste zu

1
nehmen; und wie sie von dort wiederkehren, daran
hale ich Hochwürden zu erinnern ja nicht nöthig.
Industrien, wie sie an manchen anderen Theilen
unseres Landes mit Erfolg betrieben werden, halen
bei unö nicht Wurzel schlagen wollen; ich aber bin
gewiß, mit meinem Unternehmen nicht nur den Wohl-
stand der Gemeinde wesentlich zu fördern, ich hale
vielmehr gehofft, daß die Begründung eines klima-
tischen Kurorts hier in unsermt Thale auch dem
Kloster allmäälig manchen Nuzen bringen könnte.
Schon jetzt möchte ich von Hechwürden ein Zu-
geständniß fordern, dessen Gewährung das Kloster
vielleicht in seinem Vortheil finden dürfte.
,Was soll das heißen? fragte ihn der Abt.
,as Klosterland, das gegen Morgen hin zuu-
nächst an unsere Häuser stößt,'' sagte der Doktor, , ist
völlig unfruchtbar; mir aber wäre es eben um seiner
Trockenheit willen für meine Zwecke passend. Ich
muß in direkter Verbindung mit den Häusern einen
bedeckten Wandelgang für meine Gäste schaffen, unter
dessen Dach sie auch an nassen Tagen im Freien sizen
und umhergehen können. Die Baronin Landesheimer
geht mich darum an, diesen Gang so rasch als mög-
lich herstellen zu lassen, und ich würde Hochwürden

L16
sehr verpflichtet sein, wenn Sie mir dort einen mäßigen
Streifen Landes für diese Einrichtung zu überlassen
sich entschließen wollten.'
Der Abt antwortete ihm nicht gleich darauf, seine
Miene war jedoch heller, sein Blick freundlicher
geworden. , Wo hast Du denn die Baronin kennen
lernen? fragte er.
Der Doktor war überzeugt, daß der Abt oder
Pater Theophilus dies und vieles Andere schon durch
die Baronin selbst erfahren hatten. Man mußte also
noch etwas Besonderes über sie zu wissen wünschen,
etwas Anderes als sie von sich ausgesagt und als der
Empfehlungsbrief des Bischofs von ihr gemeldet hatte.
Der Doktor fing deshalb zu vermuthen an, daß er
zu dem Abte nur beschieden worden sei, um irgend
eine Auskunft über die Fremden zu ertheilen.
Er berichtete also, was er aus den Mittheilungen
des Professors wie aus den Gesprächen mit den
Frauen selbst, über sie und ihre Lebenöstellung
Günstiges vernommen hatte. Er ließ, als des Abtes
Fragen ihm den Anlaß dazu boten, es nicht un-
erwähnt, daß die Baronin bereits verschiedene ihrer
Bekannten aufgefordert habe, ihr in daö Gebirge
nachzukommen; und selbst der großen Wohlthäätigkeit

2?
derselben, wie der auf das Thal bezüglichen Aeußerungen
ihrer Tochter, versäumte er nicht zu gedenken.
Der Abt nickte mit dem Kopfe.,Dder Reiz der
Neuheii,' sagte er. ,Schlimm nur, daß solche Ein-
fäälle vergehen wie sie entstanden sind, und daß sie
Nichts erschaffen, wenn sie nicht von starker Hand er-
grifen, von einem bedächtigen Verstande festgehalten
und der Ausführung entgegengebracht werden. Aber
seze Dich, mein Sohn! Du bist wohl heute schon
umhergegangen und wirst müde sein.r?
Der Doktor, der es natürlich kränkend gefunden
hatte, daß der Abt ihn bisher während der ganzen
Unterredung hatte stehen lassen, sezte sich nieder, ohne
auf die lezten Bemerkungen irgend Etwas zu ent-
gegnen. Er hatte in der Schule der geistlichen Herren
uoch me hr von ihnen gelernt, als nur die Disciplinen,
in denen sie ihn unterrichtet hatten. Er verstand eö,
sich zu beherrschen und seine Aufwallungen seinen
Zwecken zu unterordnen. Das nöthigte den Abt,
seinem Ziele auf eigenem Wge nahe zu lomien.
, Dn scheinst Zutrauen zu den Fremden zu hegen,''
sagte er, ,und ich will wünschen, daß Deine Er-
wartungen Dich nicht trügen. I jedem Falle wirst
Dn, und Du allein die geistige Verantwortung dafiür

L48
zu tragen haben, wenn Nachtheile für das Kloster
und für die Gemeinde aus Deiner Unternehmnng hier
erwachsen; wie Dir anderseits das daraus möglicher
Weise enstehende Gute anzurechnen sein würde. Du
wirst es voraussichtlich in Händen haben, den Sinn
der Fremden unserm Thale und unserem Hause in
Dankbarkeit geneigt zu machen, und es würde weise
sein, wenn Du dieses thätest. Wie lange meinst Du,
daß die Kurzeit Deiner Gäste bei unö währen sollR
Der Doktor überhörte das in diesem Falle be-
dentungsreiche , bei unö alsichtlich. Er wußte jezt,
worauf es algesehen war.
, Die Dauer des Verweilen, ! sagte er, ,wird
bei jedem Kranken nach der Wirkung zu bemessen
sein, welche ich mir für sein Nebel von dem hiesigen
Aufenthalte versprechen darf. Indeß um die Kranken
auch in der vorgeschrittenen Jahreszeit mit Nuzen
festzuhalten, bedarf ich eben des Terrains, von dem
ich Hochwürden schon vorhin gesprochen habe.
,Du weißt,' gab ihm der Abt zurück,,ich ver-
äußere kein Klosterland, und dürfte es auch nicht
thun.'
, Ich weiß es, Hochwürden! Indeß hilfreich, wie
nach Hochwürdens eigenen Worten das Kloster sich

L49
feit Jahrhunderten der Gemeinde angenommen hat,
giebt es mir hoffentlich im Interesse der Gemeinde
den kleinen Streifen Landes gegen einen guten Jahres-
zins in Pacht; und daß die Kranken, die hier Heilung
finden, dem Kloster nicht gern dankbar sein sollten,
scheint mir gar nicht möglich. !
Der Abt erhob sich, der Doktor folgte seinem
Beispiele: sie hatten sich verständigt.
,Du hast den Unternehmungsgeist Deiner Mutter
geerbt, sagte der Abt, ,und rascher Sinn und Um-
sicht sind auch Gottesgaben. Wie wir sie benutzen,
das ist unsere Sache. Das Kloster wird Dir also bei
Deinem Vorhaben nicht entgegen sein, und ich will
hoffen, daß Du dessen denkst und daß man es uns
dankt. Sprich mit unserm Vogte wegen Deiner Sache,
und mit dem Pater Almosenier berathe Dich über
dasjenige, was sich für unsere Armen etwa thun
ließe.
Der Doktor drückte dem Abte seine Erkenntlichkeit
aus und empfahl sich dessen fernerer Geneigtheit.
Als er sich danach entfernen wollte, hielt der Abt ihn
noch zurück.
,, Richte es der Frau Baronin aus, mein Sohn,'
sagte er, ,daß es mich freut, ihren Wünschen und

27
Bedürfnissen in Bezug auf die Colonnade entsprechen
zu können; und melde ihr, daß ich sie morgen um
die vierte Nachmittagsstunde besuchen will, mich von
ihrem Ergehen selbst zu überzeugen.

Kapitel 17

Fiehenzehnles
pitel.

Gz Unrecht hatte der Abt mit der Behauptung
nicht gehalt, daß die Errichtung einer Kuranstalt
einen zerstreuenden Einfluß auf die Klosterschüler
haben werde; denn seit Viktorinens Ankunft war dad
fremde Fräüulein in den Arbeitssälen der Schüler, wie
auf dem Spielplaz und bei den Spaziergängen, der
Gegenstand der Unterhaltung und der Neugier.
Die Einen hatten erzählen hören, daß sie gleich
in der ersten Stunde Geld im Thale ausgetheilt habe,
die Andern hatten sie unter einem Baum auf einem
rothen Teppich sizen sehen, die Dritten waren ihr
begegnet, wie sie in langem Kleide, auf ihrem schön
geschmückten Saumthiere nach einem der Höhenpunkte
hinaufgeritten war, und wieder Andere waren an des
Doktors Hause vorübergekommen und hatten sie

4
singen, so schön singen hören, daß es ganz ülerirdisch
anzuhören gewesen war.
Wer sie erblickt, oder irgend Etwas von ihr ver-
nommen hatte, ward darum beneidet und hatte seine
Freude daran, das Einfache, was er erlebt, bis in das
Märchenhafte zu verschönern. Wer ihr danach be-
gegnete, wollte, selbst wenn er sich in seinen Er-
wartungen betrogen fand, nicht weniger, sondern wo-
möglich noch etwas größere Herrlichkeiten als sein
Vorgänger an ihr wahrgenommen haben; und da sich
auf diese Weise der übertreibende Ehrgeiz der Knaben
in die Sache einschlich, so geschah es, daß sich, während
sie noch unter den Augen ihrer jugendlichen Be-
wunderer lebte, bereits ein Mythus über Viktorine zu
bilden anfing, der weit hinausging über Wirklichkeit
und Wahrheit, und endlich auch auf die Phantasie
der Ordensbrüder seinen Einfluß übte. Vor Allem
war das bei Benedikt der Fall.
Die flüchtige Begegnnng mit ihr, ihre Schönheit,
die Lebhaftigkeit, mit der sie an ihn herangetreten
war, hatten ihn überrascht, und die Aeußerungen, welche
Pater Theophilus über ihren herrlichen Gesang gethan,
hatten ihn begierig gemacht, sie auch einmal zu hören.
Alltäglich, wenn er die ihm anvertrauten Schüler in

2B
das Freie zu führen hatte, war er beflissen, scinen
Weg so einzurichten, daß er kommend oder gehend
des Doktors Haus berührte. Eö war jedoch in dem-
selben, wenn er vorübergekommen war, immer still
gewesen, und auch gesehen hatte er Viktorine nicht,
obschon er nach ihr ausgespäht nach allen Enden hin,
soweit sein scharfes Auge reichte.
Er wußte nicht, woher es also war, aber die Zeit
hatie ihr rechtes altes Maß für ihn mit einem Male
verloren. Die Stunden kamen ihm bisweilen un-
begreiflich lang vor, während die Tage ihm schneller
als je zuvor dahinflogen. Es war überhaupt Etwas
anders geworden; er empfand das, ohne daß er sich's
erkläiren konnte. Er war heiterer, als er sich je ge-
fühlt hatte, und wie er dann darüber mehr und mehr
nachzusinnen anfing, meinte er, das Wiedersehen des
Doktors und die Unterhaltungen, welche er mit ihm
gepflogen, hätten ihn erfreut und seinen Gedanken
eine neue Richtung und einen neuen Aufschwung gee
geben. Er trug ein wirkliches Verlangen danach, dem
wiedergekehrten Freunde baldmöglichst zu begegnen,
und er nannte es deshalb einen glücklichen Zufall, daß
er, die Spiele der Scholaren überwachend, in dem
Klostergarten saß, als der Doktor von dem Abte kam.

25e
Benedikt ging ihm rasch entgegen, der Doktor
schüttelte ihm die Hand. ,Wie sich die Zeiten
wondeln,' rief er. ,Wie lang ist's denn her, daß
wir Beide hier, wie diese Buben, die Röcke von uns
warfen und die großen Kugeln schwangen, während
der gute Pater Markus nicht aufhörte, sich über das
Unglück und über die Schäden abzuängstigen, die wir
anrichten und uns zuziehen könnten. Jezt sizest Du
nun hier an seiner Stelle; doch ohne seine Aengsten,
wie ich zuversichtlich hoffe!-
, Er war alt und schwach geworden , sagte
Benedikt, ,und hier auf dieser Stelle, hier auf dem
Sielplatz, unter der Scholaren Augen, ist er ein-
geschlafen, um hienieden nicht mehr zu erwachen.?
, So gut wird es nicht einem Jeden! Das Ab-
leben ist oft ein verdammt Stück Arbeit!'' meinte der
Andere mit der Kaltblütigkeit des Arztes; da er
jedoch merkte, daß Benedikt vor seiner Aenßerung
zurückschreckte, setzte er, um einer Entgegnung vor-
zubeugen, rasch hinzu: ,was mich bei dem Eintritt in
den Spielplaz vorhin überraschte, war die Dauer der
hiesigen Zustände, und das Bestehende im Wechsel.
So wie diese Buben haben wir, so haben die Ge-
schlechter der Schüler hier vor uns gespielt, so werden
A
A
A
A
A


hier Knaben und Jünglinge wohl noch lange nach
s us spielen---
,, Und sich hinauösehnen in die Welt, wie wir eö
hier gethan!? fiel Benedikt ihm ein, ,um
, Um sich nachher in ihrer Heimath, im selbst-
gewählten Berufe, wie wir es thun, freiwillig zu
? beschränken! sezte der Doktor mit klarer Heiterkeit
b
Benedikt antwortete ihm nicht darauf.,Du
scheinst anderer Meinung zu sein,'? bemerkte der Doktor.
Der junge Mönch blickte nachdenklich vor sich
hin.,Warum schweigst Du? fragte ihn der Freund.
,Ich möchte nicht,'? sagte der Andere, , daß Du
es falsch auslegtest, indeß ich dachte darüber nach, wie
der Mensch in seiner verblendeten Willkür immer
wieder darauf verfällt, von der Freiheit seiner Ent-
schließungen zu sprechen, wo er sich mit unabweislicher
Ergebung in den Willen der Vorsehung zu fügen, und
nur danach zu trachten hat, daß er die Wege verstehen
lerne, die sie vor ihm ausbreitet, damit er sie auch
freudig und zuversichtlich wandele. -- Du hast mir
neulich in so hellen Farben die Welt geschildert, die
jenseits unserer Berge liegt, und mit so beredtem
Worte von den Menschen gesprochen, unter denen Du
F. Lewald, Benedikt. l.
u

58
? z
in den großen Städten des Auslandes gelebt hast, daß
ich Deine Rückkehr in die Heimath nicht recht als
einen Akt Deiner freien Selbstbestimmung anzusehen
vermag. Du bist heimgekommen, weil der Rathschluß
Gottes Dich hier geboren werden ließ, weil hier die
Deinen leben, und weil Du hier den Dir angeborenen
Besiz am Besten zn verwerthen denkst. Ohne diese
Nothwendigkeit ständest Du wohl schwerlich hier.?
Der Doktor sah ihn prüfend an. Der junge
Mönch hing mit einem ängstlich gespannten Ausdruck
an des Freundes Lippen, so daß es denselben einen
Augenblick ungewiß über die Antwort machte, welche
er ihm geben sollte. Die Begegnungen und Ge-
spräche, welche er in den lezten Tagen mit Benedikt
gehabt, hatten ihm denselben in neuer Weise an-
ziehend und lieb gemacht. Er zweifelte nicht daran,
daß die kräftige Natur des jungen Benediktiners fchwer
an dem ihm aufgezwungenen geistlichen Gewande
trage und er ging mit sich zu Raihe, ob es an-
gemessener sein dürfte, ihn zu schonen, oder ihn frei-
müthig zu behandeln. Aber durch seinen Beruf darauf
hingewiesen, dem Nebel, dessen Zeichen vor ihm lagen,
forschend auf den Grund zu kommen, entschied er sich
für ein ofenes Aussprechen, und fragte ihn deshalb
A
T

?
259
unuumwunden: ,bedarfst Du vielleicht, mein Freund,
des Glaubens an die allgemeine Unfreiheit des Men-
schen, um Dich mit der Deinen abzufinden??
Benedikt mochte diese Frage nicht erwartet haben,
denn sie erschreckte ihn offenbar; indeß die strenge
geistige Zucht, in welcher er erwachsen und gehalten
worden war, hielt ihn auch jetzt in ihren Schranken fest.
, Ich dachte nicht im Besonderen an mich,? ver-
setzte er, ,wenn schon es mir im Sinne lag, wie wir
nur in dem festen Vertrauen auf die Weisheit der
Vorsehung vor jenen unruhigen Verlangnissen ge-
sichert sind, unter deren Einfluß das beharrliche Ar-
beiten an dem uns zugewiesenen Theile ganz un-
möglich sein würde. Es muß des Verlockenden so
vieles geben in der Welt, aus der Du herkommst!
Wie könntest Du das Alles frohen Geistes entbehren,
glaubtest Du nicht, daß eben hier der Plaz Dir aus-
ersehen ist, an welchem gerade Du mit Deinen Kräften
Deine Dir zuertheilte Aufgabe zu lösen hast, bis des
Herrn Wille anders über Dich verfügt?
Der Doktor blieb ihm geflissentllch die Antwort
auf die Frage schuldig. Das beunruhigte Benedikt.
,Du scheinst diese Neberzeugung nicht zu theilen!?
sagte er.
z7

2O
-A
z
A
, Was kommt es darauf an, sofern wir nur zu
gleichem Resultat gelangen?? erwiderte der Doktor.
,Ich bedarf des Glaubens an mich selbst, des Ver-
trauens zu mir selbst, um zu leisten, wwas ich zu leisten
vermag. Du hast desselben Glaubens und Vertrauens
nöthig, und wirst sie nöthiger noch haben, wenn Du
darauf angewiesen sein wirst, der geistige Tröster und
Berather für Andere zu sein. Ich suche die Kraft,
die ich gebrauche, zunäächst in mir und meinem Wissen;
Du schöpfest sie aus der Quelle Deines Glaubens.
Genug, daß wir sie haben, und also mit Sicherheit
in uns beruhen.?
Benedikt ließ es ebenfalls dabei bewenden, be-
sonders, da der Doktor nach der Thurmuhr empor-
sehend, sich es vorwarf, so lange verweilt zu haben.
Er schritt der Gartenthür zu, Benedikt gab ihm das
Geleit, aber er sprach nicht mehr zu ihm. Als sie
jedoch bereits dem Ausgang nahe waren, meinte er
zlözlich: ,Eines hast Du doch vor mir voraus! Du
hast herrliche Erinnerungen, Dich daran zu freuen.
Wider meinen Willen muß ich an die musikalischen
Genüsse eenken, deren Du lezthin gegen mich erwähnt
hast. Ich möchte die großen Dratorien und Sym-
phonieen kennen, möchte große Sänger hören-
e

1
A
T

1
, Und bist doch selbst der Gegenstand höchster Be-
wunderung für eine große Sängerin!'? fiel ihm der
Doktor scherzend ein.
In des jungen Mönches Antliz regte sich keine
Miene, nur in seinen Augen leuchtete es freudig auf.
Er wußte also, was der Andere meinte, und sich
selbst vergessend, sagte er: ,Ich habe sie noch nicht
gehört!r'
,. Wen? fragte der Doktor, den die Jugendlaune
überkam.
,Die Fremde, welche bei der Mutter neulich vor-
sprach, und die bei Euch zur Kur ist!? sezte er
hinzu.
, Kommn einmal herüber!'' sagte der Doktor. , Sie
singt sehr oft und viel, und sie wird vor Dir sehr
gerne singen; denn wirklich, sie bewundert Dich. Für
den heutigen Nachmittag habe ich den Herrn Abt bei
unsern Damen anzumelden!'
Er zog bei den Worten die eigene Ühr heraus,
und machte sich mit einem eiligen Lebewohl auf seinen
Weg.

Kapitel 18

A
Zchhzehnes Cnpitel

IF Baronin hatte den Kaffeetisch selbst geordnet,
sie wollte wenigstens Alles gethan haben, was an ihr
war, den verehrten Gast gebührend zu empfangen und
ihm das Verweilen in ihrer einstweiligen Behausung
angenehm zu machen. Auch die Wirthin, der zum
ersten Male die Ehre widerfuhr, den hochwürdigen
Herrn Abt über ihre Schwelle treten zu sehen, hatte
sich beeifert, das ohnehin saubere und freundlich ge-
haltene Haus in seinem besten Lichte erscheinen zu
machen.
Nur Viktorine ließ sich in ihren gewohnten Be-
schäftigungen nicht im Geringsten stören. Sie saß
auf der Gallerie, ihre frisch gepflückten Pflanzen für
das Herbarium ordnend, ohne darauf zu achten, wie
die Baronin die Sessel anders stellen ließ, wie sie


- -b ?
gg
A
diesen Vorhang schloß und jenen öffnete, wie sie das
mitgebrachte silberne Kaffeegeräth in das rechte Licht
zu sezen und zierlich aufzustellen suchte.
Daß man sich um Etwas, was sie vorhatte,
nicht bekümmerte, konnte die Baronin in dem nie
weichenden Gefühle ihrer großen Wichtigkeit jedoch
nicht lange ertragen.
Wie kann man sich nur in dieses Mumen-
trocknen so versenken!' rief sie der Tochter zu.
,Man muß sich hienieden doch die Zeit ver-
treiben, bis man in den Himmel kommt, Mamal
gab die Tocht. ihr zur Antwort; und mit der Keck-
heit deö verzogenen Kindes, welches am Wenigsten die
eigene Mutter schonte, sezte sie hinzu: ,Es sucht eben
ein Jeder auf seine Weise, Mama, wie er sich durch
das Leben schlägt, und wie er sich die Aussicht in den
Himmel öffnet! Du hast die Koketterie des Silber-
-zenges, und hoffst Dir mit Deinem Moceakaffee den
Weg des Heils zu ebnen und zu kürzen; ich verlasse
mich eitel auf mein holdes Selbst, und will versuchen,
ob ich mir nicht des Jenseits Pforten mit Gesang er-
schließen kann. Selig werden muß, wie der alte
Preußenkönig es gesagt hat, doch ein Jeder auf die
eigene Fagon.?
K
-
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k

N?
Die Baronin zeigte sich verletzt. Sie nannte die
Leichtfertigkeit der Tochter unverantwortlich, sie ver-
ficherte ihr, daß sie sie damit ängstige, daß sie ihr den
Seelenfrieden damit raube, dessen sie so nöthig habe.
Sie schalt sie ihres Vaters rechte Tochter, die für
Nichts Empfindung habe, als für die Befriedigung
ihrer jedesmaligen Laune; fie sprach sich rasch in
Zorn, und that danach gerührt.
Viktorine stand am Spiegel und ordnete die
schönen Flechten ihres Haares, und ringelte die langen
schwarzen Locken über die Finger, um sie dann frisch
und glänzend auf die vollen Schultern niederfallen zu
lassen. Sie war ausschließlich nur mit sich beschäftigt.
Mit einem Male wendete sie sich um.
,Rege Dich nicht auf, Mama!r sagte sie, indem
sie die Hände auf der Mutter Schulter legte, und sie
auf die Stirn küßte. ,Es macht Dich gleich so roth,
und Du weißt, die starke Röthe kleidet Dich nicht gut.
Ich bin auch nicht so gottlos als ich Dir erscheine,
Du--- Nun Mama! so weltentfremdet und so
himmelssehnsüchtig, als Du es glaubst, bist Du wirk- -
lich nicht; und jept sind wir ja noch allein. Kann
ich dafür, wenn ich nicht rasch begreife, wenn ich noch

28
fest wurzle in dem alten irdischen Sündenboden, dem
ich entsprossen bin?
Die Mutter sah sie mit einer Art von Schrecken
an. Viktorine lachte laut und herzlich.,Sei un-
besorgt, Mama ! sagte sie. ,e fester ich in meinem
alten mir vertrauten Boden stehe. um so dreister und
sicherer kann ich die Augen und die Hände hoch er-
heben, um zu erlangen, was mein Herz begehrt. Laß
mich gehen, wie ich mag! Laß mich ergreifen, wo-
nach es mich gelüstet: zunächst in jedem Augenblick
das Nächste, und,'' fügte sie mit neuem Scherz hinzu,
,, bete Du nur immer recht mit Eifer für mein Seelen-
heil, während ich mir hienieden das Leben zu ver-
schönen trachte wie ich mag und kann. Ich bin nun
einmal ein Vergnügling! Dein allweiser Gott hat
mich dazu erschaffen. Kann ich das ändern? Und
könnte ich's, wärst Du im Stande es zu wollen?
Wolltest Du mich anders haben, als ich bin, Mama?
Die Mutter drückte sie an ihr Herz. ,Gott er-
halte Dich!' rief sie, von der Tochter kokettem Lieb-
reiz überwältigt. ,Wie Du heut wieder schön bist!
Und die Farbe, die Du hast, seit wir hier oben sind!
Man gönnt sich's nicht allein! Heute müßte der
A

26
Graf Dich einmal sehen! oder die Friedemanns, die
sich so viel mit ihren Farben wissen. Schade daß es
hier so einsam ist!
,, Einsam? wiederholte die Tochter, zwir haben
ja den Pater Theophil, wir haben unsern hoch ge-
lehrten jungen Doktor, haben den schönen geheimniß-
vollen Pater Benedikt, auf dessen Bekanntschaft ich
förmlich lüstern bin - und da kommt auch schon der
Abt! -- Du bist sehr anspruchsvoll, Mama! Ich unter-
halte mich und finde mich in jede Lage, indem ich
mir ein Ziel vorseze. Warte nuur, Du sollst es noch
erleben, Mama! Ich singe dem Abte wie dem Bischof,
noch die Biondina vor, und stelle noch dies Haus, das
Thal, das Kloster auf den Kopf.?
Sie hielt in ihrem phantastischen Plaudern inne,
denn der Diener meldete Seine Hochwürden den Herrn
Abt. Die beiden Frauen erhoben sich. Der Ausdruck
schelmischen Nebermuths verschwand von Viktorinens
Antliz, Mutter und Tochter gingen dem hochverehrten
Gaste entgegen, ihn schon in dem Vorsaal gebührend
zu begrüßen.
Der Pater, welcher ihm bis an des Hauses
Schwelle das Geleit gegeben, hatte ihn verlassen, der
Abt besuchte die beiden Fremden ganz allein; und

N
wenn er auch, ohne ihn abzuwehren, der Frauen Hand-
kuß annahm, so zeigte doch die gute Art, in welcher
er die Baronin nach ihrem Sessel führte, ebenso wie
die Freundlichkeit, mit der er zwischen ihr und ihrer
Tochter Plaz nahm, daß er gekommen sei, die Auf-
wartung, welche die beiden Frauen dem geistlichen
Herrn gemacht hatten, als Weltmann zu erwidern.
Er war viel herumgekommen in seinen jüngern
Jahren, hatte sich in Rom zu verschiedenen Malen -
aufgehalten, und war seiner Zeit im Auftrag seines
Ordens in Frankreich, wie in Spanien und in ßor-
tugal gewesen, die dortigen Klöster und ihre Biblio-
theken kennen zu lernen. Er wußte, während er sich
nach denjenigen Personen seiner Bekanntschaft er-
kundigte, mit denen die Frauen möglicher Weise in -
Berührung gekommen sein konnten, es geschickt zu
verrahen, daß er gleich ihnen einem reichen Kauf-
mannsgeschlecht entstamme, wie er daneben nicht an-
zudeuten unterließ, daß es ihm in den Lebenssphären,
denen der neue Baron und die Frauen sich anzu-
schließen getrachtet hatten, an weitreichenden Ver-
bindungen nicht fehle.
Die Baronin hörte ihn mit Bewunderung sprechen.
Seine große Neberlegenheit und Viktorinens gesell-

Au
schaftlicher Takt hielten sie in angemessenen Schranken,
ja sie machten ihr die Schaustellung ihrer Frömmig-
keit, wie ihre sonstigen kleinen Zierereien und gelegent-
lichen Prahlereien fast unmöglich. Sie konnte gar
nicht dazu kommen, von den Herrlichkeiten, welche sie
besaß, von den Auszeichnungen, deren sie genoß, von
dem Einfluß ihres Mannes, und noch weniger von
den Vorzügen zu sprechen, welche ihrer Tochter vor
allen anderen Frauenzimmern eigen waren. Denn
Viktorine hatte frühzeitig erlernt, der Mutter wie dem
Vater, wo es erfordert war, das ungehörige Wort
auf das Geschickteste zu entziehen; und wenn die
Baronin nur der Genugthuung theilhaftig ward, daß
ihre Tochter nach Gebühr gewürdigt wurde, daß sie
dem Vater schreiben und später es allen Verwandten
und Bekannten sagen konnte, wie auch der Abt des
Benediktiner-Klosters von ihrer Viktorine ganz be-
zaubert gewesen sei, so hatte sie für den gegenwärtigen
Fall ihren Kostenpreis heraus, und konnte ihrem
Seelenheile unter des Paters Leitung obliegen, an
dessen huldigender Bewunderung für ihre Tochter ihr
nicht eben viel gelegen war.
Freilich versuchte sie es zu verschiedenen Malen,
dem Abte näher zu kommen, indem sie auch ihm er-


L
ey

zählte, was sie dem Pater zum Defteren schon wieder-
holl, wie sie und der Baron im Geben und im
Helfen ihre größte Befriedigung genössen; Viktorine
war jedoch gleich bei der Hand, sie mit einem Scherze
an der Fortsezung dieser Erklärungen zu hindern.
, Werden Hochwürden mich verdammen,' sagte
sie,,wenn ich Ihnen bekenne, daß mir an dem so-
genannten eigentlichen Bedürfnißß meiner Mitmenschen
weit weniger gelegen ist, als an ihrer Freude?
Es war das auch wieder eine von den Behaup-
tungen, welche sie wie Leuchtkugeln funkelnd in die
I
Höhe zu werfen liebte, obschon sie wußte, daß sie un-
haltbar wären und leicht in Nichts zusammenfielen;
aber sie glänzten doch für einen Augenblick, und
unterhielten sie und auch die Anderen während eines
solchen, und das war ihr genng.
Der Abt neigte freundlich sein kluges Haupt.
,Das ist natürlich, entgegnete er, ,da Sie die
Vorstellung nicht haben, was die Entbehrung des
Nothwendigen bedeutet; aber wenn Sie sich mit der
Frau Baronin nach dem in der Welt beliebten neuen
Grundsatz in die Arbeit theilen, wenn die Frau
Mutter dem Nothwendigen begegnet, und Sie das
Schöne und Erfreuliche hinzuthun, so wird man
z
z
T
I

-A
Wu


doppelt zu segnen haben, was auf diese Weise geleistet
werden kann.
Er ließ es dabei kurz bewenden; das hatte Viktorine
nicht erwartet. Es machte sie also verlegen und es
war ihr deshalb sehr willkommen, als der Abt ihr
sagte, da sie zu erfreuen liebe, wolle er sie daran
mahnen, daß er sie singen hören solle. Sie ließ sich
dazu nicht erst bitten, sondern erhob sich alsobald und
sezte sich an das Instrument.
Es war ein geringes viel benutztes Pianino,
indeß sie wußte es gut zu behandeln, so daß man es
gerne hören mochte, und nach einigen einleitenden
Akkorden intonirte sie das mächtige Adoramus von
Palästrina, das vor einigen Tagen auch in der Kirche
gesungen worden war.
Der Abt belobte sie, als sie es beendet hatte.
Er verstand Musik zu würdigen, er hatte auf seinen
Reisen die Meisterwerke der geistlichen Musik in voll-
endeten Ausführungen kennen lernen, und es gefiel
ihm, sich als Kenner zeigen zu dürfen. Das machte
Viktorinen Lust, zu singen. Sie trug, da der Abt
sie dazu aufforderte, ihm noch das alte It inaarnstus
est von Josquin de Prss aus dem fünfzehnten Jahr-
h.?? = === ===- =====-

Ne
A
-T
stammenden Lobgesang auf Rom, das herrliche: ß loms
nohilis vor, das der Abt nicht kannte, und das einen
lebhaften Eindruck auf ihn machte.
Sie erbot sich bereitwillig, es für ihn aufzu-
schreiben.
z
T

A
s
, Von der schönen Tenorstimme gesungen,'' sagte
sie, ,die wir in Ihrer Kirche alltäglich neu bewun-
dern, muß das Lied noch eine ganz andere Wirkung -
machen als von der meinen; denn der getragene Ge-
-
sangg ist eigentlich nicht meine Stärke. Hätte ich mehr--
an die Befriedigung meiner Eitelkeit als an den ver-
muthlichen Geschmack von Hochwürden gedacht, so hätte
ich um die Erlaubniß gebeten, Ihnen ein paar der -
Volksliederchen vorsingen zu dürfen, mit denen ich den -
Herrn Bischof bisweilen während unseres gemeinsamen ?
Babeaufenthaltes erheitern durfte.?
Der Abt bat sie ganz nach ihrer Wahl und Nei-
gung zu verfahren. Er hatte Vergnüügen an dem ihm I
fremd gewordenen Verkehr mit Frauen aus der so-
genannten schönen Welt, er mochte sich auch nicht -'
strenger und abgeschlossener zeigen, als der Bischof es z
gethan hatie, und die italienischen und französischen I
Volkslieder glitten so leicht und spielend von der schönen -
-
Sängerin frischen vollen Lippen, daß er keinen An- Z
?
z
,

Ne
stoß daran nahm, als Viktorine endlich die Melodie
von der träumerischen Biondina anstimmte, und ihm ihr
Ds biomäins in gomäolets
D.'altra eers gh'o mens;
Dal gieer ls gorerste
Ds j's imbots. incormomrs.
D dormirs susto braaeo
Bi ogni tsrto ls srsgises
Ia la bares eke ninuNs
Ds tornurs u indormenrar.
in sanft gezogenem, weicher und weicher hinschmelzen-
dem Tone von Anfang bis zu Ende vortrug.
Sie stand dann auf, während ihr fiegesfroher
Blck die Mutter flüchtig suchte. Der Abt hatte sich
offenbar an dem Gesange erfreut, und sich überhaupt
die Stunde hindurch bei den Frauen sehr wohl unter-
halten.
Als er sich dann erhob, ihnen Lebewohl zu sagen,
sprach er dabei die Hoffnung aus, daß die Colonnade,
zu welcher das Kloster dem Doktor auf der Frau
Baronin Wunsch den nöthigen Grund und Boden
verpachtet habe, den beiden Frauen gute Dienste leisten
möge, die wiederzusehen, ehe sie das Thal verließen,
er in jedem Falle noch gedenke.
, Ulnd ich darf Hochwürden meine Abschrift senden?
fragte Viktorine.
zz

e
, Sie soll in unserer Bibliothek willkommen sein,?
versicherte der Abt, ,denn die geübteren unter den
musikalischen Zöglingen unserer Anstalt werden die
herrliche Hymne gewiß mit Nuzen und mit Dank
studiren.''
Die beiden Frauen folgten dem Abte, ehrerbietig
wie sie ihn empfangen hatten, auch bis hinab an des
Hauses Ausgang, wo die Wirthin und ihre Kinder
Ahn erwarteten. Der Doktor aber erbat und erhielt
von Abte die Erlaubniß, ihm bis in das Kloster das
Geleit zu geben.

Kapitel 19

eunzehntes Cnpiiel.

Ih« Besuch des Abtes in dem Kurhause wwar ein
wichtiges Ereigniß. Niemand konnte sich entsinnen,
daß ein Abt des Klosters sich zu einem solchen Schritte
je herbeigelassen, und man hette von dem bevorstehen-
den Ereigniß also den ganzen Morgen hindurch überall
gesprochen. Wer, wie die Kinder, von seinem Hause
fort, und von der Arbeit eben abkommen konnte, hatte
sich aufgemacht, zu sehen, wie der Abt das neue
Penfionat des Doktors durch seine Gegenwart beehren,
und wie lange er bei den fremden Frauen bleiben
würde, die dadurch in den Augen der Gemeinde eine
noch viel höhere Bedeutung erhielten.
Drüben, auf den Baumstämmen, die zum Auf-
arbeiten für den Bedarf des Winters vor dem Hause
lagen, hatten sich ein paar alte Frauen mit ihren

28

- A
A
A
A
l
Strickzeugen förmlich niedergelassen, um wo möglich
ihren Handkuß anzubringen und den Segen des Abtes
zu erlangen, wenn er das Haus verlassen würde; und
als dann Viktorinens Gesang erklungen, waren die
Leute herbeigekommen, ihn zu hören.
So hatte sich wieder einmal ein Theil Menschen
vor dem Hause versammelt, und die Schüler, die von
ihrem Spaziergang heimkehrend, dies schon von fern
erblickt, hatten ihren Führer angelegen, mit ihnen an der
Pension vorbeizugehen, um zu sehen, was es dorten
gäbe. Die eine Klasse war nach kurzem Stehenbleiben
bereits von dannen gegangen und in den Klosterhof
hinein gezegen, als Benedikt mit seinen Zöglingen in
die Nähe des Hauses kam, in welchem man den Abt
noch vermuthen konnte, und neugierig wie die Knaben
felber, ließ er einen Halt machen, als er Viktorinens
Gesang herniederschallen hörte.
Benedikt horchte hoch auf. Er hatte niemals
einen andern Gesang gehört, als den der Männer-
und Knabenstimmen in seinem Kloster, oder die Volks-
lieder, die aus den rohen Kehlen der Burschen und
Mädchen des Dorfes gelegentlich bis in die stillen
Zellen hineingedrungen waren. Die Töne aber, die
er jetzt vernahm, die waren etwas Anderes, waren

8
Etwas, wovon er die Vorstellung noch nicht gehabt
hatte, bis zu dieser Stunde.
Eine ihm ganz neue Empfindung, für deren Aus-
druck er nicht Worte hatte, durchströmte sein ganzes
Wesen, als die süßen wollüstigen Klänge der veneziani-
schen Barcarole von Viktorinens voller, kunstgeübter
Stimme, meisterhaft vorgetragen, sein Ohr berührten.
Er verstand die Worte nicht, aber die Melodie und
mehr noch ein unbestimmtes Etwas in der Stimme,
machten ihm das Herz erbeben, und bemächtigten sich
seiner mit unwwiderstehlicher Gewalt. Er mußte tief
aufathmen, um nicht zu weinen vor Angst, vor Freude.
Er hätte so stehen bleiben und diese Stimme hören
mögen fort und fort, und doch trieb es ihn von dan-
nen, und er wußte, daß er hier nicht weilen könne,
nicht einmal weilen dürfe.
Es kostete ihn eine Neberwindung, als er den
Knaben, die gleichfalls noch zu bleiben wünschten, das
Zeichen zum Aufbruch geben mußte; aber er hatte sich
mit ihnen schon entfernt und der Gesang war auch
bereits verstummt, als sein starkes musikalisches Ge-
dächtniß unwillkürlich noch die träumerisch süßen Klänge
wiederholte, als er noch immer den Ton jener Stimme
in der eignen Brust nachzittern fühlte.

8
-- - -e K J
-=es
Er war zerstreut bei seiner Arbeit, er fand die
gewohnte Sammlung auch nicht in der Kirche wieder,
als die Mönche sich zum Abendgottesdienste in dem
Chor versammelten. Fremde, weiche Melodien woll-
ten sich vordrängen durch die altgewohnten strengen
Weisen; und erst als er selber an der Orgel saß, kam
Stille und ernste Andacht über ihn, daß er Einkehr
halten konnte in sich selbst, und sich emporschwingen
konnte zu der Vorstellung, mit solchen Stimmen wie
diejenige, welche er heute vernommen hatte, werde
einst im Himmel lobgesungen werden vor dem Herrn
von den Geistern der Seligen, wenn die Erdenschwere
sie nicht mehr belaste.
Während dessen saß Viktorine an dem Theetisch
ihrer Mutter, an welchem der Doktor seinen Platz wie
immer eingenommen hatte.
Sie war, wie sie es nannte, im höchsten Grade
von den ausgezeichneten Manieren des Abtes ange-
than. Sie behauptete, sich förmlich geehrt und ge-
schmeichelt zu fühlen durch den Antheil, den er ihr
erwiesen, durch den Beifall,' welchen er ihr gezollt
habe; ,und, sezte sie hinzu, ,wenn ich nur wüßte,
nach welcher Seite hinaus seine Zimmer gelegen find,
so wollte ich als Bänkelsängerin dann und wann an

W88
seinen Fenstern vorüberziehen, und ihn mit noch weit
besseren und fröhlicherern Liedern unterhalten, als den-
jenigen, die ich ihm heute vorgesungen habe.?
,,Scherze nicht,'? warnte die Mutter, ,und miß-
brauche nicht die Nachsicht und Duldsamkeit, wwelche
der hohe geistliche Herr Dir heute bewiesen hat.?
,Nachsicht? Duldsamkeit? Rief Viktorine, die
jeder Einwand sofort zum Widerspruch reizte.,Wer
hindert denn das Volk, oder wer hindert die italieni-
schen Drehorgelspieler, wenn sie vor den Mauern des
Klosters vorüber wandern, ihre lustigsten Lieder abzu-
fingen? Und wenn meine lustigen Lieder die
frommen Brüder sehnsüchtig machen nach der
Lebenslust der Gottlosen- nun, um so besser! Sie
gewinnen dann doch eine Gelegenheit, sich in der
Selbstüberwindung zu erproben, einer Versuchung zu
widerstehen, ihre Tugend an der Verlockung zur
Sünde zu üben, und sich mit dem erhebenden Be-
wußtsein zur Ruhe zu legen, daß sie besser sind als
wir, daß sie nicht sind wie Unsereiner!r
Die Baronin fand sich der Tochter gegenüber ein
für alle Mal waffenlos. Ihre Versuche, sie zurecht zu
weisen, waren eben nur Scheingefechte, mit denen sie
sich und dem sogenannten Anftande ein schwaches

284
Genüge zu thun für nöthig hielt; denn von dem un-
vergleichlichen Geiste ihrer Viktorine und von deren
Unwuiderstehlichkeit ein für alle Mal überzeugt, blieb ihr
nach dem Anlauf, den sie wagte, doch niemals etwas
Anderes übrig, als die erneuerte Bewunderung ihrer
Tochter, uns die Aussicht auf die Freude, welche die
Wiederholung von Viktorinens Worten, dem Vater in
dem nächsten Briefe machen werde.
Anders jedoch verhielt sich's mit dem jungen
Arzte. Viktorine gefiel ihm immer weniger, je öfter
er sie sah. In demselben Grade aber, in welchem
das Wohlgefallen nachließ, das ihn anfangs zu ihr
zezogen hatte, nahm das Verlangen zu, diese ihm
völlig fremde Erscheinung kennen und verstehen zu
lernen. Er wollte wissen, was sie beabsichtigte, er
konnte nicht begreifen, was ihr an der Bewunderung
eines bejahrten Klostergeistlichen gelegen sein, oder
welchen Werth es für sie haben könne, einem jungen
Mönche zu begegnen, der gar Nichts gemein hatte mit
der Welt, die sie die ihre nannte; und er sprach es
ihr im Beisein ihrer Mutter unumwunden aus, wie
die Erklärungen, welche sie ihm neulich über ihr Ver-
halten gegeben habe, ihm dasselbe keineswegs verständ-
lich gemacht hätten.

285
Sie sah ihn, an und schüttelte erstaunt den Kopf.
,Ich weiß nicht, Doktor!r sagte sie, ,wie Sie es
angefangen haben, Ihre Studien zu absolviren und
alle die Lehren Ihrer Professoren in sich aufzu-
nehmen, wenn Sie so schwer verstehen und begreifen
und glauben wollen, was ich Ihnen nun doch schon
zu verschiedenen Malen klar und deutlich ausgesprochen
habe. Aber Shr gelehrten Herren müßt Mlles erst in
eine Formel bringen, um es Euch anzueignen. Nun
denn: Da haben Sie also die Formel kurz und klar
und einfach, daß Sie sie gar nicht mißverstehen
können: ich bin eine herzlose Kokette! =- Verstehen Sie
mich jetzt, und wissen Sie, was das bedeutet? Oder
soll ich's Ihnen erst beschwören, daß ich nicht leben
kann, ohne Eroberungen zu machen? Ich habe es
auf Ihre Eroberung, auf die Eroberung des Abtes
angelegt, und will mit eignen Augen sehen, wie sich
ein Naturkind in einer Benediktinerkutte gegenüber
einer herzlosen Kokette ausnimmt!- Ich bin so etwas
wie ein weiblicher Vampyr, wie eine Sphinx oder
eine Loreley,- Nur daß ich mich nicht gleich vom
Felsen stürze, wenn man das Räthsel löst, und auch
überhaupt nicht verlange, daß man sich vom Felsen
stürzt um meinetwillen!- Verstehen Sie mich jetzt?

28
und sind Sie jezt im Klaren mit mir und über mich
und über meine spukhafte Verderbniß?
Sie lachte dabei mit ihrem übermüthigsten Lachen,
so daß der Mutter erneute Abmahnung davor in
Nichts zusammenfiel, und der Doktor es unmöglich
fand, ihren Worten irgend eine ernsthafte Bedeutung
beizulegen. Einer Frau wie Viktorine gegenüber war
er selber ein Naturkind, und völlig unfähig, sich in
einen Charakter hineinzudenken, dem das Wagniß
einen Genuß gewährte, je dreister und bedenklicher es
war, und der eine Befriedigung darin empfand, durch
dies dreiste Wagen zu blenden und zu täuschen.
Sprudelnder vor ausgelassener Laune und lieb-
reizender als in dieser Stunde, hatte sie der Doktor
nie gesehen. Es verdroß ihn freilich, daß sie ihn
immerfort verspottete, daß sie ihm anrieth, allen Ernstes
vor ihr auf seiner Hut zu sein, daß sie ihn fragte, ob
er es denn nicht merke, wie sie just heute darauf aus-
gehe, ihn durch ihren falschen Freimuth sicher zu
machen, um ihn zu bezaubern. Er konnte ihr heute
weniger als jemals zürnen, und wider seinen Willen
blieb er weit über die gewohnte Stunde in den Zim-
mern der Baronin.
Als er sich dann entfernen wollte, reichte Viktorine

8?
ihm die Hand, und sie ihm treuherzig schüttelnd sprach
sie: ,Geben Sie sich nur zufrieden, Sie sind mir
nun einmal verfallen und ich lasse Sie nicht wieder
los. Aber warnen Sie der Sicherheit wegen immer-
hin den Pater Benedikt. Ich schreibe die alte römische
Hymne für den Herrn Abt auf, und sie soll gesungen
werden von den Klosterschülern. Daß ihm oder seinen
Schülern nur kein Schaden dadurch geschieht!?
,. Verlassen Sie sich darauf, daß ich es thue!?
entgegnete ihr der Doktor mit einer Art von Schrecken
und sehr ernsthaft.
,Aber thun Sie es bald!? scherzte Viktorine ,ich
komme Ihnen sonst zuvor!'

Kapitel 20

Eg war ein herrlicher Morgen, der dem Abend
folgte. Alles glänzte, Alles funkelte in der Natur.
Die Sonne und die Luft, der Schnee auf den Gipfeln
des Gebirges und die Gletscher unterhalb des Schnees,
die in wechselndem Farbenspiele leuchteten, je nachdem
der Sonnenschein sie traf. Die wallenden Wasser-
massen, die hier und dort herniederschossen, schimmerten
wie flüssiges Silber. Der Thau, der noch von den
Aesten der Bäume hernieder tropfte, glitzerte in buntem
Scheine, und an den Büschen und auf dem vollen
Gras der Wiesen, blinkte und strahlte es, als wäre
ein Diamantenregen auf das Thal herab gefallen.
Kein Lufthauch regte sich, kein Schall, kein Laut.
Die Stille war überwältigend, als Viktorine aus
dem Garten in die Wiesen ging. Sie hatte das helle
z

W9A
Morgenkleid ein Wenig aufgeschürzt, sich das Fort-
kommen zu erleichtern, ein feuerrother Shawl hing
über ihrem Arm, ihr Skizzenbuch trug sie in der
Hand.
An dem Steg, der über den Mühlbach führte,
blieb sie stehen. Die Erhabenheit der Natur über-
wältigte sie. Sie hielt sich an der leichten Lehne und
sah dem Verstäuben des Wassers zu, wie es von dem
breitgezahnten Rade der Klostermühle niederträufte,
und dann wieder in Eins gesammelt, rasch hinabschoß
durch das Thal, und weit und weiter bis hinunter in
den See.
,,Glänzen! schimmern! verstäuben und unter-
schiedslos verschwinden in dem Unerfaßbaren, das man
als das All bezeichnet!r sagte sie unoillkürlich zu sich
selbst, und es flog ein Schatten über ihre Züge. Aber
im nähsten Augenblick hob sie ihr Skizzenbuch empor
und schrieb stehenden Fußes den Gedanken, wie er ihr
gekommen war, in dem Buche nieder; denn er gefiel
ihr, ud sie wußte Jemand, dem er besser noch ge-
fallen ollte, wenn er ihn in einem Briefe von ihrer
Handschrift lesen würde.
Sie folgte dem Lauf des Wassers bis zu der
Stelle, da der Weg emporstieg in's Gehölz. Es wehte

W9
ihr aus den Büschen frisch und kühl entgegen, und so
leichten Fußes sie auch war, konnte sie nuur langsam
steigen, denn der Pfad war noch vom Thau getränkt
und glatt.
Eine Viertelstunde und darüber mochte sie so ge-
zangen sein, als es heller in dem dichten Holze wurde.
Breite Sonnenstrahlen fielen durch die Zweige, goldi-
ges Licht lagerte sich auf den altbemoosten Steinen.
Die Eidechsen schlüpften, sich zu sonnen, schnell hervor,
die Käfer erhoben sich, die trocken gewordenen Flüügel
regend, und aus dem Tannendickicht, das über dem
Laubgebüsch die Klostermatte einschloß, quoll warmer
Harzgeruch balsamisch auf.
Da Licht war blendend, als sie aus dem Holz
heraustrat, blendend selbst für Viktorinens Auge. Sie
mußte es flüchtig mit der Hand bedecken. Als sie dann
um sich schaute, sah sie den Pater Benediktus vor sich.
Er saß lesend auf einer der beiden Bänke, welche
da oben aus rohen Stämmen aufgerichtet waren.
Sein Hut lag neben ihm, das Sonnenlicht wob durch
die Aeste der beiden großen Lärchenbäume hellen
Schimmer um sein jugendliches Haupt.
Lls er Viktorine gewahrte, erhob er sich. --
, Bleiben Sie! Bleiben Sie ganz ruhig, Pater Bene-

W4
Ekt!? rief sie, indem sie mit freundlichem Gruße
rasch, wie es ihre Weise war, an ihn herantrat. ,Sch
gehe augenblicklich fort! Ich will Sie nicht in Ihrer
Andacht stören!?
Er hatte sein Buch zugeschlagen und den Hut zur
Hand genommen. ,Auch meines Verweilens ist hier
nicht mehr lange,! entgegnete er. ,Der Unterricht
beginnt um die siebente Stunde, ich muß hinab in
meine Klasse,?
,Und Sie gehen alle Morgen auf diese Matte,
sich im Gebete hier zu sammeln? fragte Viktorine.
Es fiel ihm nicht auf, daß sie sich von seiner
Gewohnheit unterrichtet zeigte, und nur dem letzten
Theile ihrer Frage begegnend, versetzte er: ,Ech glaube,
sich zu sammeln ist dies nicht der Ort. Selbst zum
Lesen ists hier oben fast zu schön!?
Die einfachen Worte überraschten sie, denn der
Ausdruck seiner Mienen, der Ton seiner Stimme
gaben ihnen eine besondere Bedeutung trotz der Zurück-
haltung, welche die klösterliche Zucht ihm angeeignet
hatte. Viktorine fand ihn schöner noch, als er ihr
bisher erschienen war, und auch das schüchterne Wohl-
gefallen entging ihr nicht, mit welchem er an ihrem
Antliz hing.

25
,Wie verschieden man empfindet!r bemerkte sie,
indem sie ihre Augen auf ihn ruhen ließ. ,Mich
macht das Betrachten dieser herrlichen Natur zu frohem
Dank geneigt, und weil Alles um mich her so schön
und so erhaben ist, frage ich mich hier weit eher als
sonst irgendwo: Bist du in Harmonie mit so viel
Schönheit? Bist du werth, sie zu genießen?-- Das
aber dünkt mich, das ist Andacht, ist Gebet und
Gottesdienst!r?
,Für Sie kann das wohl sein!'? versezte er.
,Sie kennen die Welt, welche jenseits dieser Berge
liegt; ich aber--' er brach mit einem Seufzer ab.
,Nun Sie? fragte Viktorine.
,Ich kenne Nichts als dieses Thal und diese
Berge! Ich bin zudem an jedem Tage hier! gab
er ihr zur Antwort.
, Und was fesselt Sie denn gerade an die Kloster-
matte?' fragte sie.
Er sah sie an, als verstehe er nicht, was sie mit
dieser Frage wolle. Er hatte sich gegen den Stamm
des Baumes gelehnt und die Arme in einander ge-
schlagen. Die Stellung war ebenso natürlich als an-
muthig; Viktorine, die sich auf der Bank niedergelassen,
hatte Freude an seinem Anblick.

2
,Ich meine,'' wiederholte sie, ,der Aufenthalt
hier oben muß Ihnen doch erwünscht sein, weil Sie
ihn immer wieder suchen.?
,Ich gehe hierher, sagte er mit trübem Lächeln,
,, wie ich mich bisweilen niedersetze an's Klavier -
ohne recht zu wissen, was ich will!?
, So sind Sie vermuthlich gewohnt, wie eine
Künstlerseele am Instrument zu phantasiren, und ge-
neigt zu träumen und zu schwärmen in der Einsam-
keit und Stille der Natur!r bemerkte sie.
Er blieb ihr die Antwort darauf schuldig; aber
das Roth, das seine Wangen färbte, und der erstaunte
Blick, mit welchem er sich zu ihr wendete, zeigten ihr,
daß sie ihn errathen habe.
,Ich habe Sie gestern singen hören! sagte er
dann plözlich, und hielt wieder inne.
, Und ich bin hier hinaufgekommen, um hier im
Freien einen Hymnus aufzuschreiben, den ich gestern
dem Hochwürdigen Herrn vorgesungen habe, einen
Lobgesang auf Rom, den er von Ihren Schülern
singen lassen will. Kennen Sie ihn vielleicht
schon?
Er verneinte dies. , So will ich Ihnen gleich
die erste Strophe singen,' sagte sie und mit Klarheit

N?
die Töne einfetzend, trug sie ihm den Anfang des alt-
ehrwürdigen Gesanges ror:
O Koma no bilis
Orbis et äomins,
Vunetarum urbium
Tpceellentissims;
Koaeo murtzrumm
Ssnguine rubes,
Albis et irgimuuu
Diliis eanäiäs.
Salatem äieimus
Dibi ger ormis.!
Do bensäieimus
SUlee ger sueeulul
Sie ließ das mächtige sulre ger sseeuls! in
lang getragenen Tönen voll und gewichtig ausklingen,
und sie selber fühlte sich davon ergrifen. Die Musit
erschien ihr in der tiefen Einsamkeit bedeutender, ihre
Stimme gewaltiger, der Klang der lateinischen Sprache
prächtiger, und die anbetenden Segensworte, die ein
Jahrtausend überdauert hatten, ehrwürdiger als je
zuvor.
Der junge Mönch stand regungslos vor ihr, die
Hände wie zum Gebet gefaltet, das Auge im Ent-
zücken an die Sängerin gebannt. Er hielt sich nur
mit Mühe, daß er nicht vor ihr niederkniete. Seine

98
Erschütterung rührte Viktorine und schmeichelte ihr
zugleich.
,Nicht wahr!r sagte sie, als der lezte Ton ver-
hallt war, , das lohnt des Aufbewahrens, das ist
groß!?
,Waren Sie in Rom?! fragte Benedikt, wie aus
einem Traum erwachend.
,Sa! zu verschiedenen Malen,? entgegnete sie
ihm. , llnd jedes Mal, wenn am fernen Horizonte
vor meinem Auge die Kuppel der Peterskirche sich in
ihrer Majestät erhob, habe ich der Milllonen von
Menschen gedacht, die durch die weite Fläche der
Eampagna pilgernd, bei dem gleichen Anblick das
ts beneäieimus, suuee ger sseoulu! mit begeisterter
Inbrunft ausgerufen haben.-- Sie müssen sehen
auch nach Rom zu kommen, Pater Benedikt, schon
als Musiker und Sänger!''
,Wenn ich wollen dürfte!r stieß er hervor und
drängte zurück, was ihm noch auf der Lippe schwebte.
Aber diese wenigen Minuten hatten wie ein urplözlich
hereingebrochener Orkan seine Seele aufgeregt. Wie
mühsam er sich zu beherrschen strebte, er vermochte
den Strom seiner Gedanken und Empfindungen in

W9
dem Augenblicke nicht einzudämmen in die ihm eng
und strenggezogene Schranke; und wider seine Absicht
fortgerissen, sagte er: ,Ich habe dieses Thales Grenze
nur ein einzig Mal, nuur als Knabe für wenig Stun-
den überschritten, und ob ich es in der Zukunft je
einmal verlassen werde, ob ich jemals hinauskommen
werde aus dem engen Kreise, den diese Berge und
unseres Klosters Mauern meinem Blicke ziehen, dar-
über zu entscheiden hab' ich nicht.?
,Aber Ihr Wünschen würde man vielleicht be-
achten!'? fiel sie ihm ein, weil die Leidenschaft in seiner
Stimme ihre Theilnahme erweckte.
,Mein Wünschen? wiederholte er, und hielt
wie vor sich selbst erschrocken auf das Neue inne. --
Seine Selbstbeherrschung machte Viktorine betroffen,
sie wußte nicht gleich, was sie ihm sagen sollte, und
ihr Schweigen gab dem Aufgeregten seine Fassung
und die ihm angewöhnte Haltung wieder.
,Ich habe nicht zu wünschen,' sagte er mit er-
lernter Gemessenheit, ,ich habe zu vertrauen in des
Herrn allweise Güte und meinen Oberen zu gehorchen.
Was sein Wille, was ihr Befehl mir zuerkennt, das
habe ih zu thun und zu segnen!'
Sein Auge senkte sich, wie er die Worte sprach;

7O
der helle Glanz der Jugend, der emporgeflammt war
in seinem schönen Anliz, war plötzlich wie erloschen,
und sich flüchtig vor ihr neigend, sagte er ihr, der ge-
sellschaftlichen Form nuur wenig kundig, ein kurzes
Lelewohl.
Sie sah ihm nach, wie er mit raschem Schritte
die Höhe niederstieg, bis er endlich in des Klosters
Mauern ihrem Blick entschwand.
,Der Schritt ist viel zu rasch und stolz für einen
Kl sterbruder; und zum Entsagen ist der nicht ge-
macht! sagte sie zu sich selbst. --- Dann sezte sie sich
nieder, nahm aus ihrem Skizzenbuche ein Notenblatt
hewvor und brachte, ihn leise singend, den alten Hymnus
zu Papier.
Ende des ersten Bandes.

Band 02
Titel

Benedikt
von
Fanny Lewald
Zweiter Theil

Chapter 01


Peaelne war an einem schönen, heißen Tage in
der Frühe ausgeritten, die Baronin nahm ihr zweites
Frühstück ein, die Wirthin stand ihr gegenüber. Die
Baronin befand sich wohl, sie war in bester Laune,
und rühmte es ganz besonders, wie gut man Alles
für sie zubereite. Die Wirthin sagte mit einfacher
Treuherzigkeit, es freue sie, wenn sie die Herrschaften
zufrieden stelle. Es sei ihr bange gewesen, daß es ihr
nicht gelingen würde.
,Cch!r sagte die Baronin, , man behilft sich ja
recht gern, wo man so viel guten Willen sieht, wenn
man es freilich zu Hause auch ganz anders hat und
Besseres gewöhnt ist.? =- Sie rührte dabei langsam
ihre Chokolade um, genoß ein paar Löffel davon,

und meinte dann:,Unser Koch ist berühmt für seine
Chokoladen - er ist überhaupt berühmt der beste
Koch der Stadt! Ich halte darauf, nicht um meinet-
willen,'' sezte sie hinzu. ,Sie sehen ja, ich verlange
wenig, ich genieße auch nicht viel-- aber es paßt
sich so! -- Wissen Sie, es kommt uns so zu, und es
muß auch so sein. Viktorinchen hat Recht darin, es
muß Alles harmoniren, Alles!
Die Wirthin sagte, das sei gewiß sehr richtig und
es verstehe sich ja von selbst, daß man sich das Beste
schaffe, wenn man es bezahlen könne.
, Es ist nicht um den Genuß ! fing die Baronin
wieder an, ,es ist nur um den Anstand!-- Aber
sezen Sie sich doch!'- schaltete sie plözlich ein --
, sezen Sie sich, es ist ja weiter Niemand hier, und
wirklich, ich habe Sie sehr gern.?
Die Wirthin nannte das eine große Ehre für
sich und ließ sich, da sie gerade Besseres nicht zu thun
hatte, bei ihrem Gaste mit der Bemerkung nieder,
ein Weilchen könne sie schon bleiben.
,Wirklich! ich bewundere Ihre Thätigkeit!r ver-
sicherte die Baronin. ,Wenn ich es mir so bedenke,
daß Sie früh den Mann verloren und Mlles selbst
in die Hand genommen, und die Kinder erzogen, und

Alles so auf ein bestimmtes Ziel geleitet haben-- ich
bewundere das.?
Die Wirthin nahm das ruhig hin. ,Das Msen
ist ein guter Lehrmeister,? sagte sie mit ihrer klugen
Schlichtheit, ,da ist kein groß Bewundern dabei; und
wenn Einer ganz sicher weiß, daß ihm kein Andcer
hilft, so lernt er sich bald selber helfen. Ich haite
eben keine Wahll?
,Ja! das ist ea !? fiel die Baronin ein, der
nie darauf ankam, zu hören, was ein Anderer dachte
oder gethan hatte --- ,das ist ein Glück! Sie hatten
keine Wahl! und Ihre Kinder auch nicht. Aber unfer
Herrgott hat nicht jeder Mutter ihre Aufgabe so leiht
gestellt, als Ihnen hier in Ihrer Einsamkeit!' sezte
sie hinzu, es völlig vergessend, daß sie die Wirthin
eben erst um der Art und Weise willen bewundert
hatte, in welcher sie ihr und der Ihren Schicksale
zu leiten verstanden hatte. -,Ihre Aufgabe war
leicht, und man sollte das auch von der meinen denken,
denn Viktorinchen ist ja gut und schön -- es giebt
ja gar kein Mädchen so wie sie - aber --- was hilft
das Alles!-- Kann ich sagen, zuversichtlich sagen: ich
kann mein Kind glücklich machen, wie ich es wünsche?
-- Ich kann es nicht!'?

-,Man sollte doch denken,? meinte die Wirthin,
F =wennn man das Fräulein sieht, daß ihm zu seinem
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Gläcke gar Nichts fehle.?
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-' ,Heute nicht - und morgen nicht!? seufzte die
Mutter, indem sie die Augenbrauen mit sehr sprechen-
dem Ausdruck in die Höhe zog -= ,aber-- ich würde
das nicht Jedem sagen, indeß vor Ihnen thut es
Nichts, Viktorinchen ist bald dreißig Jahre --- und
dreißig Jahre, das ist ein Abschnitt, selbst für ein
Mäbchen, dem man es nicht ansieht, und daß unsere -
Tochter eines reichen, eines- warum soll ich das
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nicht sagen? - eines sehr reichen Mannes, vornehmer
Leute, eines großen Hauses Kind ist.-- Gott hat
uns mit Hab und Gut gesegnet und sie ist unser
einzig Kind!?
- ,a hat sie also nur zu wählen,? sagte die
Wirihin, ,wenn sie sich verändern will.?
,Das hat sie! und das hat sie ja gehabt, seit
sie uns herangewachsen ist! Die größten Partien!
Junge schöne Männer von den ersten Häusern in
ganz Deutschländ und aus Frankreich. Sie hätte Alles
haben können! einen Fould! einen Pereyre! einen
d
Rothschild! denken Sie sich!'' sagte die Baronin, des
F =-===========
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Die aber mußte mit jenen Namen offenbar die
richtige Vorstellung doch nicht verbinden, denn sie
sagte einfach: ,Sie haben ihr also wahrscheinlich nicht
gefallen, und sie will warten, bis der Rechte kommt!
Da thut sie wohl daran!r
,Wohl! wohl! erwiderte die Mutter, ,was heißt
wohl? Es waren Millionaire, große Namen! Sie
hätte ein Haus, ein großes Haus, ein erstes Haus
machen können, wo sie gewollt hätte! Aber sie wollte
keine Convenienz-Partie - sie wollte eine Liebes-
Heirath. Gut! Sie konnte das auch haben! Mlles
haben! Es kamen Cavaliere aus alten Familien,
Männer vom Hofe! - Hat sie sie genommen?-
Sie wollen mein Geld! hat sie gesagt und hat den
Einen fortgeschickt und den Andern fortgeschickt =e
,,Es wird nicht der Lezte gewesen sein!? tröstete
die Wirthin.
, Gewiß nicht! Viktorinchen ist ja heut noch
reizend! Haben Sies nicht gesehen, der Herr Abt
war auch von ihr bezaubert, bezaubert sag' ich Ihnen!
Und selbst der ernste Pater Theophilus kann seine
strenge Miene nicht behalten, sowie sie ihn nur an-
lacht! Sie hätten sehen sollen, wie der Bischof ihr
gehuldigt hat in diesem Sommer. Er und sein Neffe,

?; -

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der schöne Graf Stefano - alter, ganz alter Adel!
römischer Adel - und ein Mann!-- Sie machen
sich keine Idee von ihm!-- Wie gern hätte der
Bischof es gehabt! und ich - wie gern!
,Und das Fräulein hat auch diesen nicht gemocht?
fragte die Wirthin.,So hat es vielleicht heimlich
einen Andern im Sinn?
-- ,Gott bewahre! Gott bewahre! Freilich im Sinne
- hat Viktorinchen immer Etwas, denn ich glaube, sie
hat eine wunderbare Phantasie; und hätte unser Herr-
gott uns nicht so mit Hab und Gut gesegnet, daß
sie's Gottlob nicht nöthig hat, so hätte sie etwas
Großes werden können: eine Malerin, eine Dichterin,
eine große Sängerin; denn sie kann Alles, was sie
will. Es ist ihr Alles nur ein Spiel und was ihr
gerade in den Sinn kommt, das ist ihr in dem Augen-
blicke Alles. Jezt hat sie hier nur das Thal und das
Kloster und den Abt und den jungen Menschen --
den Mönch- wie heißt er nur? im Sinne, -
aber,? - sie bog sich vertraulich zu der Wirthin hin-
über und sagte: ,Sie sind doch auch Mutter und
z
? wvenn Ihre Verhältnisse auch nur klein sind, so werden
Sie mich doch verstehen!-- Könnten Sie mir viel-
Z leicht hier oben, in einem der Nachbarhäuser ein
?
D-

Quartier ausfinden - ein anständiges Quartier?=-
Sie verstehen mich doch?
Die Wirthin mußte bedauernd und sich ent-
schuldigend erklären, daß sie leider die Absicht der
Baronin nicht errathe.
,Nicht?-- Merkwürdig! und Sie sind doch eine
sehr gescheidte Frau! Sehen Sie, fuhr sie fort, in-
dem sie näher an die Aufhorchende heranrückte und
sich vorsichtig umsah, ob Niemand in der Nähe sei,
,es kommt Alles auf die Fassung an -= auf die
rechte Fassung, meine ich - bei Juwelen und auch
sonst! -- Und der Graf ist ein Mann, wie man
keinen Andern findet. Solch einen Solitair muß
man für sich selber, ohne alle Fassung glänzen lassen!
Das habe ich meinem Manne, hat mein Mann auch
dem Herrn Bischof gleich geschrieben, als wir uns hier
niedergelassen hatten - und er ist dazu bereit!'
,Wer? Wozu? fragte die Wirthin, der die
Baronin immer unverständlicher wurde, je behutsamer
dieselbe sich auszudrücken strebte.
,Der Graf!r sagte diese endlich. ,Er ist Oberst in
der Nobelgarde Seiner Heiligkeit, er kann nicht immer,
wie er möchte, von dem Dienste fort. Aber er wird
herkommen in fünf, sechs Wochen, wenn meine Kur

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beendet ist. Hier oben, wenn Viktorinchen keine
andere Zerstreuungen hat, wenn sie sich nur die Zeit
nimmt, ihn kennen zu lernen-- wenn sie sehen wird,
daß er sich nicht hat abschrecken lassen- daß er be-
harrlich ist! Und stellen Sie sich vor, ein leiblicher
Großneffe Seiner Heiligkeit! -- ein leiblicher Groß-
neffe! - Wenn ich das erlebte!-- Sie können sich's
nicht denken!- Welchen Palast sie wollten, würde
mein Mann ihnen kaufen in Rom! welchen sie nur
wöllten!?
Nun endlich wußte die Wirthin doch, worauf es
abgesehen war, und sie versprach, für das Nöthige
zu sorgen, wobei die Baronin es ihr denn zur heiligen
Pflicht machte, von der Sache weder dem Doktor noch
der Tochter das Geringste
aber keine Andeutung fallen
es kund geben könnte, daß
Bunde mit dem Grafen
zu offenbaren; vor Allem
zu lassen, welche Viktorinen
ihre Eltern irgend wie im
wären. ,Sie hat so ein
poetisches Gemüth! sie ist so romantisch! sagte sie,
,ein Naturkind in der großen Welt! ein Wunder für
uns selbst! Alle Leute, die sie kennen, sagen es, es
ist nicht zu glauben, wie sie ist!?
- Sie hatte die lezten Worte noch nicht vollendet,
als Viktorine in das Zimmer eintrat. ,Von wem
?

ist die Rede? wer ist die Unglaubliche? fragte sie,
indem sie mit ihren schönen Augen heiter um sich
bllckte.
Ein süßliches Lächeln glänzte auf der Mutter
Antliz. ,Wer sonst als Du mein Herz! Sehen Sie,
wie sie aussieht! -- Wie das Leben! Gott sei
Dank!?
,ch so!? elef Vktorine, und sich zu der Wirthin
wendend, versezte sie mit einem dreisten Spotte, der
ihr aber wohl anstand: ,Ich fürchte, Sie werden
mich bald so satt haben, als ich mich selbst. Es giebt
ja gar nichts Vernichtenderes für das Wohlgefallen, für
das der Anderen wie für das eigene, als wenn man
sich von Kindheit auf, an jedem Tage immer wieder
als ein Wunder aufgetischt wird! Ich bin mir zum
Neberdruß dadurch geworden, und Jeder, der mich zu
bewundern vorgiebt, ist mir's ebensol'?
,Viktorinchen!r tadelte die Multer.
,Kann ich's ändern? entgegnete die Tochter.
,Ich suche ja seit Jahren einen Menschen, der mich
nicht mag, und der mich meidet, um-'
, Um was zu thun, mein Engel? fragte die
Baronin.
,, Ulm endlich einmal Eiwas zu haben, was mir

nicht angeboten wird; was ich mühsam wie ein Anderer
erringen muß: und um mich aus reinem Widerspruch,
zum Zeitvertreib, in eine Leidenschaft für ihn zu stürzen!r
betheuerte Viktorine, während sie in bester Laune auf
die Gallerie hinausging.
DieWirthin machte ein bedenkliches Gesicht. Ihr
schlichter gesunderVerstand errieth die schlimmeWahrheit,
welche sich hinter diesem übermüthigen Scherz verbarg.
Sie dankte ihrem Schöpfer, daß der Doktor seiner
Braut von Herzen eigen war; aber sie war doch weit
davon entfernt, zu ahnen, wie rückhaltlos sich Viktorine
in den Worten preiögegeben hatte.
Schon zwwei Tage hintereinander war sie Morgens
hinaufgestiegen nach der Klostermatte, ohne dort, wie
sie es erwartet hatte, dem jungen Mönche wieder zu
begegnen. Das beschäftigte sie und machte sie un-
geduldig. Hielt man ihn ab, seinen gewohnten Morgen-
gang zu machen? Hatte er freiwillig darauf ver-
zichtet? und weshalb das Eine? oder weshalb das
Andere? Wußte man im Kloster, daß sie ihn allein
gesprochen hatte? hatte er es erzählt? gebeichtet? Wich

er aus freiem Willen einem erneueten tusammen-
treffen aus, weil er sie gefährlich für sich glaubte?
T z - Sie häite das wissen mögen!-- Sie sah ihn
?
- -
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?. -
s-

nimmer noch in seiner anbetenden Bewunderung vor
sich stehen, die schönen Augen auf sie gerichtet. Mit
solcher Inbrunst hatte ihrem Gesange noch nie zuvor
ein Mensch gelauscht. Der Ausdruck seiner Mienen,
seine Stellung, hatten sich ihr mit großer Deutlichkeit
eingeprägt, so deutlich, daß sie meinte, sie wieder
geben zu können. Sie hatte es gestern versucht, ihn
aus der Erinnerung zu zeichnen, sie versuchte es heut
nochmals, es hatte ihr nicht gelingen wollen. Die alten
vortrefflichen Maler, die hatten es verstanden, solche
unschuldsvolle Anbetung zu malen. Sie vermochte es
nicht - und wie sollte sie es auch? So hatte ja
noch Niemand vor ihr dagestanden? Solch eine Hin-
gebung konnte nur in dem Schuze von Klostermauern
noch gedeihen!
Sie hatte den Hymnus zierlich in das Reine ab-
geschrieben, den Anfang mit einem schön gemalten
Buchstaben verziert; nun sah sie ihre Arbeit noch ein-
mal sorgsam durch, und sandte sie mit einigen ver-
ehrungsvollen Zeilen in das Kloster hinüber. Der
Diener war vorgelassen worden und brachte ihr des
Abtes persönlichen Dank. Er werde den Hymnus
sehr bald im Kloster singen lassen, hatte er gesagt.
Das genügte Viktorinen nicht. Sie selber wollte

ihn von Benediktus hören, für dessen Stimmlage sie
ihn aufgeschrieben hatte. Am Abend, als sie mit der
Baronin wie an jedem Tage der Vesper beiwohnte,
hörte sie ihn die gewohnten Strophen intoniren. Es
war der Schluß des Abendsegens, aber er sang ihn
seit zwei Tagen schöner noch alö sonst. Es schien, als
habe er von ihr gelernt wie man die Töne durch
langsam getragene Verbindung mächtiger ausklingen
lassen könne.
Unter dem Portale traf sie mit Jakobäa und mit
den Schwestern Benedikts zusammen. Sie und die
Baronin hatten ab und zu ein paar Worte mit den
Frauen gewechselt, heute stellte sie sich ihnen, als sie
-draußen auf der breiten Freitreppe der Kirche waren,
plözlich in den Weg.
Sie sagte, die Mutter und sie hätten schon die
ganze Woche hindurch einmal die Schwestern in dem
Armenhause besuchen wollen, aber wenn man Nichts
zu thun habe, theile man seine Zeit nicht ein, und
lasse sie ungenuzt verstreichen.
- Es war nun zwwar von einem Gange nach dem
Armenhause zwischen ihr und der Baronin die Rede
nie gewesen, indeß die Leztere grif den Gedanken
angenblicklich auf. Sie erkundigte sich um die Zahl

der Alten, der Kranken und der Waisen, die man
dort zu verpflegen habe; sie hatte solche Fragen, da
sie Wohlthaten zu üben gewohnt war, oft gethan, sie
und die Tochter zeigten also Einsicht in dasjenige,
worauf es in solchen Anstalten vor allem Andern an-
kam, und das gefiel den frommen Schwestern, gefiel
auch Jakobäa, die sich dadurch gegen ihre Weise zum
Verweilen bestimmen ließ.
Die Abrede für den Besuch des Armenhauses
wurde dann genommen, die Schwestern gingen mit
ihrem freundlich bescheidenen Gruße schnell, die ver-
säumten Augenblicke einzuholen, ihrem Hause zu, und
wie danach auch Jakobäa sich entfernen wollte, meinte
Viktorine, der Sonnenuntergang verspreche heute be-
sonderö schön zu werden, sie möchte noch spazieren gehen.
,Doch nicht allein! jezt, wo die Sonne bald her-
unter istl' meinte die Baronin.
, Frau Jakobäa, nehmen Sie mich mit!' bat
Viktorine, als komme ihr das eben in den Sinn.
,Es thut Ihnen Niemand Etwas ! sagte Jakobäa,
,, Sie können hier in Gottes Namen gehen, wann und
wo Sie immer wollen.
,Gewiß,'' entgegnete daö Fräulein, , ich bin auch
keineöwegs ängstlich, nur die Mutter ist'd.?

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,So kommen Sie!r sprach Jakobäa.
,Jean soll mich holen kommen, sagte Viktorine
zur Mutter gewendet, ,und mir einen Shawl mit-
bringen, ich werde oben bei Frau Jakobäa auf ihn
warten.?
Die Mutter rieth der Tochter noch, sich ja nicht
zu erhizen oder zu erkälten, und Dies und Jenes zu
thun und nicht zu thun, und ging darauf allein die
; kleine Strecke in die Penfion zurück.
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Kapitel 02

Sweiies Enpitel
=»=Vaaaa-
F. Lewalb, Benebikt. .

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Pe, »te Bergbewohner, stieg Frau Jakobäa lang-
sam den Berg hinauf, Viktorine hatte ihren Schritt
zu mäßigen, wenn sie an ihrer Seite bleiben wollte.
So gingen sie ein Ende schweigend neben einander
her. Mit einem Male fragte das Fräulein, ob Jakobäa
die Vesper auch zur Winterszeit besuche?
,lle Tage!' gab sie ihr zur Antwort ,und die
Frühmette ebenso!'?
Das Fräulein meinte, in der schlechten Jahres-
zeit müsse das beschwerlich sein, und bei schlechtem
Wetter ganz besonders.
,Man gewöhnt's! versezte darauf die Andere.
,Sie sehen dabei freilich Ihre Töchter und hören
Pater Benediktus singen!r bemerkte das Fräulein,
ohne daß Jakobäa eine Antwort darauf gab.

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Inzwischen waren sie eine Strecke über das Dorf
hinausgekommen und Viktorine blieb stehen, weil
hinter dem schroffen Grat des Berges, der das Thal
gegen Osten abschloß, plözlich der Mond empor stieg,
und der Abendstern zu funkeln anfing, während der
letzte Streif des Sonnenballes noch im Verschwin-
den war.
,Welch ein wundervoller Anblick! welch' eine
unvergleichliche Farbenpracht!' rief sie umwillkürlich
alS. ---
Jakobäa blieb ebenfalls stehen , Ja,' sagte sie,
,schön ist's. Einstmalen hat mich's auch gefreut.?
, Und freut Sie's jetzt nicht mehr?
, Wenn mich grad Einer darauf bringt. Von selber
acht' ich nicht darauf!'r sagte Jakobäa.
Die ganze furchtbare Vereinsamung der finstern
Frau sprach aus diesen ihren Worten, und ohne zu
F bedenken, was sie damit that, rief Viktorine: , Gewiß!
Zum Freuen gehören ihrer Zwei!''
,Was wissen Sie davon! Sie sind ja noch
allein!r warf Jakobäa hin, sich an ihr erstes Zu-
sammentreffen mit der Fremden offenbar erinnernd.
,Oh! ich habe doch Eltern, Freunde, liebe
Freunde!

Jakobäa machte mit dem Kopfe eine gering-
schätzende Bewegung.
,Rechnen Sie das für Nichts? fragte Viktorine.
Sie erhielt darauf gar keine Antwort, und sie gingen
wieder vorwärts.
Plözlich flog es wie ein Lächeln über Jakobäa's
hartes Antliz. ,ckinder muß man sehen, sagte sie,
, wenn sie zum ersten Male darauf achtsam werden
und die Häände ausstrecken, um danach zu langen:
nach dem Mond und nach den Sternen, als wär's
für sie da! Al könnte man es ihnen geben! Und
das Weinen, wenn's nachher doch nicht zu haben ist!
wenns ganz ferne ab vorüberzieht!-- E ist die erste
Lektion, die sie bekommen, ihre erste Lektion int Ver-
zichten und Verzagen!'
Sie sah wie eine der Sibyllen aus, während sie
die Worte, der Hörerin kaum achtend, vor sich hin sprach.
,.Es muß hart sein, so wie Sie, alle seine Kinder
von sich thun zu müssen,r' bemerkte Viktorine, um zu
zeigen, daß sie das Schicksal der Familie kenne, jedoch
Jakobäa ging nicht darauf ein.
, Liegen muß ein Jeder, wie ihn der Herrgott
bettet! entgegnete sie, aber ihr Ton und ihre Mienen
zeigten von Ergebung und von Demuth keine Spur.


, Sich so aufrecht zu erhalten wie Sie, würden
Viele nicht im Stande gewesen sein!r hub das Fräu-
lein wieder an, um die Unterhaltung vorwärts zu
bringen.
,Ich kann's nicht leiden, wenn man mich be-
klagt, und war immer gut bei Kräften!'r antwortete
ihr Jakobäa kurz und trocken.
,Das sieht man noch an Ihnen und auch an
Ihren Kindern. Vor einigen Tagen habe ich den Pater
Benediktus kennen lernen!
,Se? fragte die Mutter plözlich achtsam wer-
dend. , Sie? Wie kam demn daö?
,Ich traf ihn einen Morgen auf der Kloster-
matte und redete ihn an.'
,Davon hat er mir Nichts gesagt! meinte die
? Mutter. Viktorine sagte, er habe wohl nicht mehr
h darn gedacht. den es sei schon ein pa=n Vge ber;
s und dann erkundigte sie sich, ob er oftmals zu der
? Mutter komme.
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,Jezt häufiger als in früheren Tagen,' ent-
gegnete ihr diese. , Es that ihm wohl vordem zu
. wehe, denn er hing auch an dem Hause; und wie
? sollte er nicht? Nun hat er es verschmerzt und ist
zufrieden.?
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!
,Ich hätte meinen einzigen Sohn nicht fortge-
geben,? behauptete Viktorine mit harter Dreistizkeit.
Jakobäa schreckte auf. Zum ersten Male richte-
ten sich ihre dunkeln Augen fest auf der Fremden An-
gesicht. - ,Und was hätten Sie gethan?
,, Ich wäre mit meinem Kinde auf und davon-
gegangen in die weite Welt,? -
,,EEine Bettlerin? stieß Sakobäa hervor, indem
sie ihre starke knochige Rechte fest um das feine Hand-
gelenk des Fräuleins legte -- ,Landläufig und eine
Bettlerin?-- Ich habe es gewollt, und nicht gekonnt!?
,Es leben Millionen ohne Haus und Hof mit
ihren Kindern von der Hände Arbeit!? sagte Viktorine,
welcher der Vorgang immer interessanter wurde.
,,Sie haben das wohl nicht gekannt und nicht
probirt!'? rlef Jakobäa, ,und gegen des Allmächtigen
Hand und Willen krümmt sich der arme Erdenwurm
vergebens. Nichts wollen, Nichts hoffen, Nichts ver-
langen - und aushalten auf seinem Platz und bei
der Arbeit bis zulezt!-- Das ist's! Das ist meine
Aufgabe und meine Bufe.?
Sie hatte Viktorinens Hand wieder losgelassen
und sie gingen schweigend durch den Abend hin. So
gelangten sie bis vor Jakobäa's Haus.

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,Kommen Sie hinein!' sagte die Besizerin, da
Jene stehen blieb.,DDie Sonne ist hinunter: Sie
sind erhizt und es weht frisch aus der Schlucht.
Drinnen sind Sie sicher!?
Damit ging sie voran die Stiege hinauf und in
das Haus. Die Mägde und Kutechte, die schon von
der Arbeit heimgekommen waren, sahen es mit Ver-
wunderung. Keiner von ihnen hatte es erlebt, daß
Jakobäa einem fremdem Gaste ihre Thüre anfgethan.
Wer nicht Geschäfte mit ihr hatte, kam über ihres
Hauses Schwelle nicht.
Das Zimmer hatte nichts Besonderes. Es war
die gewöhnliche Stube, wie jedes alte Bauernhaus
sie in dem Lande zeigt. In der Mitte stand der
schwere Tisch, wie er von je gestanden hatte. Die
Hausfrau rückte für die Fremde einen Stuhl heran,
der Mond fiel durch das Fenster schräg hinein und
streifte mit seinem Licht des Tisches blankgepuzte Platte.
Viktorinen war es sonderbar um's Herz. Sie
fühlte sich unter dem Banne dieser Frau. Niemals
seit langen Iahren hatte ihr das rechte Wort gefehlt
und jetzt versagte es sich ihr zu ihrem eigenen Er-
staunen.
Jakobäa stand hochaufgerichtet vor ihr, sie sah in

der niederen Stube noch viel größer und mächtiger
ans, als in der Kirche und im Freien.
,Hier hat er gesessen, hier an diesem Fleck,' hob
sie mit einem Male an, ,und hat hingestarrt wie in
den Tod! Und dazwischen hat er den Kopf versteckt
in seine Häinde, als wollt' er das Leben nicht mehr
sehen, das vor ihm lag!- Ich hab' hier grad über
ihm gestanden und er hat Worte gesprochen, die hier,'?
sie schlug mit der Hand gegen ihre Brust, ,wie ein-
gegraben in mir sind! Aber da war kein Rath und
keine Hilfe! Er ist fortgegangen, wie in das kalte
Grab.-- Nachher ist Mlles einerlei! hat er zu mir
gesagt. Und so war es denn auch. E ist nun Alles
einerlei!'?=-
Sie wendete sich von Viktorine ab und sezte sich,
die geballte Hand gegen den Kopf gepreßt, in der
Fensterecke nieder. Seit langen Jahren, seit sie ihre
Leidenögeschichte einmal bruchstückweis der Jugend-
freundin anvertraut, von der Viktorine sie vernommen
hatte, war kein Wort mehr davon über ihre Lippen
gekommen. Nun saß sie da, so finster, so erbittert,
als grolle sie sich darüber, daß sie untren gegen sich
selbst geworden war. Was kümmerte denn auch die
Fremde das Schicksal, das auf diesem alten Hause

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lag? Und wie war es gekommen, daß sie sich hatte
fortreißen lassen, über das zu reden, --- zu einer
Fremden zu reden, was doch nicht abzuändern war?
Während aber Jakobäa sich brütend in sich selbst
F. versenkte, regte die unruhige Vhantasie ihres Gastes
die weithintragenden Schwingen; denn die Glückliche
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hatte es noch nicht erfahren, daß es ein Unabänderliches
gebe, so lange der Tod den Umgestaltungen des
Menschenlebenö nicht seine finstere Gewalt entgegen-
gestellt hat. Sie war auferzogen in dem Glauben an
die Macht des Willens, an die Unfehlbarkeit der Kraft,
wenn sie sich mit Muth und mit Beharrlichkeit ver-
bindet. Sie hatte dafür in ihrer Familie die unwider-
leglichsten Beispiele und Beweise. Man mußte nur,
wie ihr Vater und wie dessen Vorfahren es gethan,
und wie ja auch die weltklugen Väter der Gesellschaft
Jesu es seit Jahrhunderten übten und lehrten, die
Mittel wollen, die zum Zwecke führen. Was lag denn
hier im Grunde so Unabänderliches vor, wennBenediktus
wirklich widerwillig in den Orden eingetreten war?
wenn er sich unglücklich fühlte in dem Kleide, das er
trug?- Hatte denn noch kein andrer Mönch die
Kutte abgeworfen? War noch nie ein Mönch der klöster-
lichen Zucht entflohen? Sah Benedikt denn danach

aus, als wäre er geboren, auf das Leben, auf Glück,
auf Liebe zu verzichten? Mit einer Gestalt, wie die
seine, mit seinen Augen und mit seiner Stimme war
man für das Kloster nicht bestimmt, war es ein gutes
Werk, ihn aus den Banden zu befreien, die ihn ge-
fangen hielten.
Ihre Gedanken waren in weiten Sprüngen rast-
los vorwärts gegangen, als der Diener an die Thüre
klopfte, den die Baronin ihr nachgesendet hatte. Sie
stand auf, die Hausfrau that desgleichen.
,Schönen Dank für Ihre Gastfreundschaft,'' sagte
sie, indem sie der Lezteren ihre Hand hinreichte. ,Lassen
Sie sich's nicht verdrießen, daß Sie mich mitgenommen
haben. Das Schlcksal ist gar häufiz klüger alö wir
selbst. E führt die Menschen oft zusammen, ohne
daß sie ahnen, was es mit ihnen vor hat. Wer weiß,
wozu es gut ist, daß ich hier gesessen habe!?
, Was soll da gut, was kann da übel sein? ver-
sezte Jakobäa.,ber Sie haben hellen Mondschein
für die Heimkehr und das ist gut für Sie. Das Thal
ist schön im Mondschein, wenn man von dieser Seite
kommt.!
, Und ich darf wiederkehren, Frau Jakobäa? oder
darf ich's nicht

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- ,Wenn Sie wollen, so kommen Sie,' sagte
Jakobäa und gab ihr das Geleit bis hinaus vor ihre
Thüre.-- Sie stand noch auf der Gallerie und sah
ihr nach, als Viktorine im Niedersteigen ihr Taschen-
tuch zum Gruße schwenkte und leichten Herzens der
Einsamen mit heller Kehle ,Gute Nachtr zurief.
Jakobäa erwiderte es ihr nicht. Sie sezte sich
unter ihrem Vordach nieder, wie sie drinnen gesessen
hatte an dem Fenster, und die ganzen langen fünf-
undzwanzig Jahre lagen vor ihr, daß sie sie überschaute
wie mit einem Blicke.
Denn es war wieder einmal jährig!-- An diesem
Tag, vor fünfundzwanzig Jahren war es zusammen-
gebrochen mit einem Schlage, all ihr ganzes Glück
für immerdar. Heut vor fünfundzwanzig Jahren war
Maurus fortgegangen aus dem Thale, und sie war
zurückgeblieben, einsam, beschimpft, verlassen und mit
Schuld beladen, - sie und ihre Kinder.
War es die. Erinnerung gewesen an die Herzens-
angst jener lang begrabenen Zeit, die ihr heute eines
Menschen Nähe lieb gemacht? Oder was war es, das
ihr den Mund erschlossen hatte der Fremden gegen-
über?- Sie wußte es sich selber nicht zu deuten,
und doch gereute sie die lezte Stunde jetzt nicht mehr.

Aber was hatte die Fremde gemeint mit der Klug-
heit des Schicksals, von der sie so geheimnißvoll ge-
sprochen hatte? Sie verstand es nicht, und mußte doch
daran auf ihrem Lager denken, bi sie die Augen
schloß.

Kapitel 03

Jue Vktorine fand den Schlaf nicht gleich wie
sonst. Sie, die es immer liebte, sich ihrer guten Ge-
fundheit und ihres gesunden Schlafes zu berühmen,
erzählte dem Doktor, als sie ihn am Morgen sah, daß
sie in dieser Nacht nur wenig Nuhe genossen hale,
daß sie aber trotzdem frisch und munter sei, weil sie
sich mit allerlei Planen und Projekten, ja, sie könne
sagen, mit der Durchführung eines Romanes beschäftigt
habe. Er fragte, wie sie dazu gekommen sei?
,Sa! wie kommt man zu der Erdichtung eines
Nomans? gab sie ihm zur Antwort. , Ich habe mir das
bisher selbst nicht vorstellen können, nun aber weiß ich
es aus eigner Erfahrung. Man hörtvoneinem Menschen,
von einemEreigniß, die etwas Auffallendes an sich haben.
F. Lewald, Benedikt. l.

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Man denkt, wie mag es zugegangensein, welche Umstände
müssen zusammengewirkt haben, damit dieser Mensch
sich so entwickelte, diesesEreigniß möglich werdenkonnte?
Was dürfte wohl aus diesem Menschen in der Zu-
kunft werden, oder wie möchten die seltsam ver-
schlungenen Fäden dieser Verhältnisse Glück bringend
zu entwirren sein?- Und in dem Nachdenken über
die Vergangenheit, in dem Errathenwollen der Zu-
kunft, in dem Wunsche, dieselbe vernünftig gestaltet
zu sehen, erfindet und schafft man eine Menge von
Vorgängen-
,Die wir nächstens als einen Roman zu lesen
S-
ß bekommen werden!r fiel ihr der Doktor in die Rede.
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,,Durchaus und ganz gewiß nicht!' entgegnete sie
,; ihm. , Sie mahnen mich aber an das Wort eines
-' italienischen Kardinals, das ich Ihnen wiederholen
F Suede, wen ich ncht das sark«stische ud i Grnde
ß. hochmüthige Lächeln kennte, mit welchem Sie auf uns
F herabsehen, wennn wir Ihnen von der großen Welt,
F von jener Welt, in der wir leben, einmal sprechen.?
- Der Doktor wehrte den Vorwurf von sich ab,
F gnd Miktorine, die offenbar Lust hatte, das kleine Ee-
F eigniß mitzutheilen, sagte: ,dls wir vor einem Jahre
F - den Winter in Rom zubrachten, hatte sich durch eine
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Personen-Verwechslung das Gerücht verbreitet, daß ich
Schriftstellerin sei. Ein Kardinal, den wir häufig
trafen, redete mich als solche an, und ich mußte die
Ehre von mir ablehnen. ,Oh, rief er, , das freut
mich! Ich habe es im Grunde auch nicht für wahr-
scheinlich gehalten. Weshalb wollten Sie auch Romane
erdichten, da Sie jung und schön genug find, sie er-
leben zu können!?- ,Und ich hoffe,? sezte sie mit
scherzender Anmuth hinzu, ,ich habe nicht zu sehr
gealtert in dem einen Jahre. !
Sie sah in dem Augenblicke wieder äußerst reizend
aus, so daß der Doktor sich mit eigener Verwunderung
über seine Geistesgegenwart zu dem Fomplimente empor-
schwang: man habe jedenfalls Demjenigen Glück zu
wünschen, den sie sich zum Helden eines von ihr zu
erlebenden Romanes ausersehe. Aber er fand mit dieser
Schmeichelei bei ihr den rechten Anklang nicht.
,,Kennen Sie mich noch so wenig, ' sagte sie,
, daß Sie glauben, ich für meine Person würde mich
auf die Noth und die Qualen einer Liebesgeschichte
einlassen. Dazu bin ich ja viel zu selbstisch, viel zu
klug und in gewissem Sinne auch zu träge! Aber ich
denke es mir sehr verlockend, wie ein leus e: m.ehin

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F, der aufklärenden Fackel in der Hand, an ein
dunkles Schicksal Licht bringend heranzutreten; Ketten
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zu lösen und Menschen in die ihnen zustehenden
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,Und solchen Menschen, solchen Schicksalen glauben
F Sie hier begegnet zu sein? fragte der Doktor mit
z, einer bangen Ahnung.
, Und wenn ich Ihnen mit einem Ja entgegnete?
,So würde ich Sie beschwören, sagte er mit
-
F I tlefem Ernste, ,bleiben Sie den Menschen fern, deren
? j innerstes Wesen Sie nicht begreifen, in deren An-
ß -
? s schauungen Sie sich auf keine Weise hineinzudenken
F , vermögen Heil zu bringen sind Sie da völlig außer
- Stande, Unheil anzurichten nur zu sehr gemacht!
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,Wie feierlich Sie mit einem Male werden!'
scherzte Viktorine, weil sie es nicht verrathen wollte,
daß die strenge Mahnung und der sittliche Ernst des
jungen Mannes, auf den sie bisher mit spielender
Gleichgültigkeit herabgesehen hatte, ihr wider ihren
Willen Achtung abnöthigten. Indeß, es war nicht
zeicht, sie in ihrem Selbstvertrauen zu erschüttern. Sie
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der hiesigen Lebenszustände hineinversezen, als der
Doktor die Freiheit des Handelns und Wirkens, oder
die Möglichkeiten zu ermessen im Stande war, an
welche eine bevorzugte Siellung und große Mittel ihr
zu denken erlaubten. War doch der Doktor selber ein
Kind diesek engen Thales und hatte immer, wann
und wie er es auch verlassen hatte, in verhältniß-
mäßigen Beschränkungen gelebt.
Sie fand es dreist von ihm und eigentlich vermessen,
daß er sich als ihres Gleichen ansah, daß er es sich
herausnahm, sich mit seinem Urtheil über sie zu stellen,
fich zu ihrem Mentor aufzuwerfen. Und es waren ja
eigentlich auch nur müßige Spiele der Phantasie ge-
wesen, denen sie sich überlassen hatte. Denn was
war ihr Jakobäa? Was galt ihr das Haus der Maria
Josepha? Was kümmerte es sie, wenn Benediktus
alt und grau in seiner Kutte wurde?= Doch nein!
um ihn, um Benediktus war es schade.- Und des
Doktors Warnung hatte so entschieden wie eine Heraus-
forderung geklungen, daß sie angethan war, eine that-
sächliche Widerlegung zu erfahren.
Sie war aufgeregt und wußte nicht wodurch.
Aber eö war ihr lieb, daß der Doktor in dem Augen-
blicke die Sache auf sich beruhen licß. Sie sprachen

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von andern Dingen, Viktorinens Phantasie blieb jedoch
auch als der Doktor sie verlassen hatte, mit ihren
Planen für Benedikt beschäftigt. In müßigem Ge-
dankenspiel glitt sie von einer Vorstellung zur anderen,
bis sich in ihr endlich die Idee festsezte, wie reizend
es sein müsse, in der großen Welt als die Beschützerin
und Retterin eines ungewöhnlichen Talentes zu er-
scheinen, dem ungemeinerBeifall um so weniger entgehen
würde, wenn es auf geheimnißvollen und dornenreichen
Pfaden an sein Ziel gekommen sei. Und was war
im Grunde denn so Schweres dabei durchzusezen?--
Eine Flucht!-- es war Nichts leichter, wenn dieses
Thales Grenze einmal überschritten war. Ein Wechsel
des Cultus? ein Wechsel in der Form der Gottes-
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anbetung - wer konnte vor einem solchen zurück-
ß schrecken, wenn in seiner Brust der Genius lebendig war?
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Sie mußte durchausmitBenediktus einmal sprechen;
sie
ihn
mußte ihm näher treten, sein Vertrauen gewinnen,
einem Worte - sie mußte ihn befreien! --
Mit
und
aufklären über sich selbst und über sein Talent.
Es war dies eine Aufgabe, ein Ziel, die sie mehr
mehr zu reizen begannen; und sich zu versagen,
was sie reizte, war sie nicht gewohnt. Alles war ihr
bisher gelungen, was sie sich noch jemals vorgenommen

hatte; selbst der Zufall hatte sich ihr, so oft sie seiner
Gunst bedurft, geneigt erwiesen, als ob auch er ver-
ständnißvoll ihr huldigte, weil sie ihn zu erkennen
und zu benutzen wußte. Sie rechnete also auch in
diesem Falle mit Zuversicht auf ihn; und ihres Ge-
lingens so sicher wie ihres Wollens, erlabte sie sich an
der künftigen Siegesfreude, ehe noch der Kampf be-
gonnen hatte.
Daß sie dem jungen Pater heute noch oder
doch sehr bald begegnen werde, davon war sie über-
zeugt. Indeß sie sah ihn nicht und nicht einmal die
Klasse, die er spazieren zu führen hatte; er mußte
also nicht die sonst gewohnten Wege wählen und es
interessirte fie immer auf das Neue zu wissen, ob er
in solchen Dingen aus freiem Antrieb oder nach er-
haltener Anweisung zu handeln habe. Fragen mochte
fie darum weder den Pater Theophilus nach den
Doktor, und dieser fand es nicht nöthig, ihr mitzu-
theilen, daß er Benedikt um die Zeit der Spielstunde
im Klostergarten geflissentlich gesucht, und ihn auch
dort getroffen habe.
Es war ihm, nachdem er eine Weile mit ihm
geplaudert hatte, nicht schwer gefallen, das Gespräch
auf die Bewohner seines Hauses hinzulenken, und

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Benediktus sagte ihm, daß er das Fräulein habe kennen
lernen. Der Doktor erkundigte sich, wie die Fremde
ihm gefallen habe.
,DaO mußt Du mich nicht fragen, da mir die
Vergleichung fehlt!' entgegnete ihm Benedikt, während
ein rasches heißes Roth sein Antliz überflog.
,Du hast sie also schön gefunden?
,Wie eine Erscheinung stand sie mit einem Male
oben auf der Matte vor mir!r fiel Benediktus ein,
die Frage überhörend, oder ihr aus dem Wege gehend.
,Ich mußte mich besinnen, um ihr antworten zu
können. Und wie sie singt!
,Sie hat gesungen?' fragte der Doktor, dessen
F Sorge um den Freund im Wachsen war, und der
ihn sprechen zu machen wünschte. ,Wie kam sie auf
den Einfall?
,Es war Alles plözlich, Alles wunderbar, wie
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z man's im Traume erlebt, wie man's in Visionen
F sieht! Unfaßbar und doch unwergeßlich!' sagte Benedikt
?. und schwieg, bis er sich zusammenrafend, die Bemerkung
I machte: ,Wir studiren jezt den Hymnus ein! Das
hohe Lied auf Rom, das sie für unsere Bibliothek
; gesendet hat.?
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z?

, Nimm Dich in Acht vor ihr!? fuhr der Doktor
rasch heraus.
,, Vor Viktorinen? fragte Benedikt.
,.Woher kennst Du ihren Namen?
Und wieder ergoß sich die Röthe über des jungen
Mannes Angesicht, und den Blick abwendend von dem
Freunde, sagte er: ,Er stand auf jener Abschrift, welche
das Fräulein für unsern Herrn Abt gemacht hat.
Ich hatte danach die Hymne vierstimmig für die
Schüler umzusetzzen.'?
,Hüte Dich vor ihr!' wiederholte der Doktor,
,,lie ist eine Komödiantin!-
,Eine Komödiantin? rief der junge Mönch,
, das ist unmöglich, das kann sie nicht sein.r
Der Doktor mußte lachen, so wenig er in diesem
Falle auch dazu geneigt war. ,Nimm eö nicht wört-
lich!' sagte er.,Sie singt und spielt nicht vor den
Leuten im Theater, sie tanzt nicht auf dem Seile,
-- aber Komödie zu spielen und auf dem Seile zu
tanzen liegt sehr in ihrer Art. Sie ist so schön als
falsch -- so Etwas von der Frau Venus, die den
Ritter Tannhäuser verlockt, in ihren Zauberberg zu
treten und ihn in demselben festhält, daß selbst des
Papstes Lösung ihn nicht mehr vor ihr errettet.?

Er sprach wie im Scherze, aber der junge Pater
stand verstummt, und Jener redete mit Geflissenheit
von andern Dingen. Benedikt hörte und antwortete
auf seine Fragen mit zerstreutem Sinn, der Doktor
hatte nach seiner Ansicht jezt gethan, was seine Pflicht
war, und zum Verweilen fehlte ihm die Zeit. In
- dem Augenblicke aber, in welchem er sich entfernen
wollte, fuhr Benediktus wie aus einem Traume auf
und als wäre von gar nichts Anderem die Rede ge-
wesen zwwischen ihnen, sagte er: , Pater Theophilus
denkt von den Fremden gut. Er nennt sie groß-
müthig und rühmt der Frau Baronin Ehrfurcht vor
der Kirche.?
,Ich habe nicht das Gegentheil behauptet und
der Pater, dem sie beichten, kennt sie natürlich mehr
als ich und besser!'r sagte der Doktor, für den es
F seine Bedenken hatte, sich über die seiner Obhut an-
vertrauten, in seinem Hause lebendenFrauen mißbilligend
? und abfällig ausgesprochen zu haben.,Und am Ende,
setzte er hinzu, , was kümmert mich der Charakter
dieser Fremden auch! was kümmern sie nun vollends
Dich! Sie bleiben ja nicht lange hier, Du siehst sie
wohl kaum wieder!r
Er ging damit seiner Wege, aber des Doktors

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psychologische Unerfahrenheit hatte dem Freunde mit
der Warnung keinen guten Dienst geleistet.
Die Phantasie des jungen Mönches war durch
das Zusammentreffen mit Viktorine leidenschaftlich auf-
geregt. Er sah sie im Traum der Nacht vor seinen
Augen, er hörte, wenn er den Hymnus am Klavier
oder an der Orgel spielte, ihn von ihrer Stimme
singen. Sie wurde für ihn zu dem Sinnbilde von
Rdom; und wenn es ihn hinzog, wie sie es ihm ge-
schildert hatte, gen Mom zu pilgern, war es nicht die
Stadt der Städte, war's nicht nur Rom, wohin die
Sehnsucht ihn verlockte, - es war ein anderes, ein
heftigeres Sehnen, das ihn antrieb, das ihm das Herz
erweiterte, erwärmte, und ihn unruhig machte bei
allem seinem Thun.
Er war sich vollständig bewußt, daß es anders
mit ihm stand, als noch vor wenigen Tagen. Er
klagte sich der Ungeduld, des Eigenwillen an, weil
er sich in selbstständigen Wünschen und Hoffnungen er-
ging, statt in Ergebung abzuwarten, was der Wille
seiner Oberen über ihn dereinst beschließen würde.
Es war, bei der Entwicklung, die er unter den Augen
derselben genommen hatte und bei den guten Er-
wartungen, die man von ihm hegte, zum Deftern die

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Rede davon gewesen, ihn einmal in späteren Jahren
eine Neise machen zu lassen, um ihn dem General
des Ordens vorzustellen, wobei er denn auch so weit
als thunlich, die anderen auf dem Wege liegenden
Niederlassungen der Benediktiner kennen lernen und
vielleicht, da er Neigung verrieth, die Welt zu sehen,
von dem Haupte des Ordens eine ihm aagemessene
Verwendung finden konnte. Dieser Auösicht hatte
man sich sogar bedient, um ihn durch den Hinweis
auf dieselbe zum Fleiße anzuspornen, als er noch in
den Klassen gewesen war; während man zugleich nicht
ermangelt hatte, ihn daran zu erinnern, daß nur den-
jenigen Brüdern solche ehrende Auszeichnungen zu-
gewendet würden, deren völliger Hingebung an den
Orden und deren strenger Unterwerfung unter seine
Regeln man sich versichert halten durfte.
Er selbst hatte dem Zeitpunkte, in welchem man
ihn vielleicht reisen lassen würde, stets mit Freude
und Hofnung entgegengesehen, aber die Unruhe, die
sich jetzt seiner bemächtigt hatte, war anderer Art, war
fo heftig, wwie er sie nie gekannt seit jenem Tage, an
welchem er mit bittrem Widerstreben in die Kloster-
schule eingetreten war.
Er hatte sie in den letzten Jahren weit seltener

k
in sich aufsteigen fühlen, die Wünsche, welche er in
seiner Knabenzeit gehegt, die schweren Kämpfe, welche
der Verzicht auf das Weltleben ihn gekostet hatte.
Jezt tauchten sie wieder plözlich aus seiner Erinnerung
hervor, so daß er endlich, um sich selber zu be-
schwichtigen, sich der Vorstellung überließ, das Su-
sammentreffen mit dem einstigen Spielgenossen und
die Erzählungen desselben seien es gewesen, welche
ihn so verrwirrend aufgeregt und ihm das zufriedene
Insichberuhen für den Augenblick genommen hätten.
Er hatte den Doktor deshalb geflissentlich vermieden,
und die Unterredung mit dem Doktor hatte ihm dar-
gethan, daß er damit das rechte Theil für sich ge-
wählt habe.
Er durfte sich es nicht gestatten, von Viktorinen
sprechen zu hören und von ihr zu sprechen; aber deshalb
blieben des Doktors Aeußerungen ihm nicht weniger
räthselhaft. Er verstand nicht, was der Freund damit
gewollt hatte, nicht, wie er darauf gekommen war,
ihm Vorsicht zu empfehlen. Was sollte und konnte
die Warnung ihm bedeuten, welche dgr Doktor gegen
ihn ausgesprochen hatte? War er denn etwa ein
Weltmann, ein Edelmann, dem man eine Bewerbung
um Viktorine zutrauen durfte? Was hatte er mit

16
ihr gemein? Was konnte er, der Klostergeistliche, zu
fürchten haben von einer vornehmen Frau, die an
seinem Horizonte vorüberzog wie einer der Kometen,
die man anstaunt, so lange sie in dem Gesichtskreis
stehen, und deren Wiederkehr man oftmals nicht erlebt.
Was konnte der Doktor gegen Viktorine haben, wenn
der Abt sich ihr und ihrer Mutter wohlgeneigt er-
wies! wenn Pater Theophilus sie seines Antheils und
seiner Achtung würdig hielt?-- Sollte der Doktor
etwa selber sein Auge auf das Fräulein gewendet,
seine Wünsche bis zu demselben erhoben haben und
abgewiesen worden sein? Wahrscheinlich war das
nicht, denn er war verlobt und war auch klug genng,
die Entfernnng zu ermessen, die ihn von einer Vik-
torine trennte; aber aufgefallen war es Benedikt, daß
Jener ihm nie von seiner Braut gesprochen hatte;
und da die Leidenschaft der Liebe den Menschen ver-
messen machen soll, wer konnte es wissen, wozu sie
seinen Freund verleitet haben mochte?
Je länger er darüber nachsann, um so fester
überzeugte sich Benediktus, daß nur eine persönliche
Kränkung den Doktor angetrieben habe, Viktorine so
hart zu beschuldigen. Es war ja nur natürlich, wenn
ihre Schönheit, ihre anmuthvolle Güte, ihr un-

vergleichlicher Gesang das Herz eines Mannes ent-
zündet hatte, dem es vergönnt war, ihr zu nahen, für
den es keine Sünde war, sie anzubeten, sie zu lieben,
sie zu begehren und nach Befriedigung für seine
Wünsche mit allen seinen Kräften anzustreben.
Einen Augenblick lang hatte er dem Freunde
gezürnt, jezt beklagte er denselben -- und beneidete
ihn doch. Denn der Doktor konnte sie sehen und
sprechen, so oft als er es wollte; er konnte sie singen
hören jeden Tag: die süßen träumerischen Weisen, die
alten überwältigenden Hymnen und - das war es,
ja! das war es ganz allein, was Benediktus für sich
selber wünschte. Es war seine Liebe für die hoch-
heilige Musik, die ihn immerfort an Viktorine zu
denken nöthigte, es war das berechtigte Verlangen,
andere Musik zu hören, als die er selber machte, die
ihm plözlich die Mauern seines Klosters drückend er-
scheinen ließ, und ihm die alte Sehnsucht nach der
Ferne in der Seele wach gerufen hatte.
Er glaubte in sich beruhigt zu sein, nachdem er
für seinen Zustand diese neue Erklärung gefunden
hatte, die ihn nicht zwang, gegen denselben anzuringen,
oder sich in der Beichte eines ungehörigen, sündhaften

K
Verlangens zu beschuldigen; und er gönnte eö sich
deshalb auch, in den frühen Stunden des nächsten
Tages wieder, harmlos die alten Wege aufzusuchen,
und außerhalb des Klosters mit dem Buche in der
Hand seinen Gedanken einsam nachzuhängen, wenn
schon er die Klostermatte, auf welcher er zu ver-
schiedenen Malen mit dem Doktor, und auch an jenem
Morgen mit Viktorinen zusammengetroffen war, ge-
flissentlich vermied.
Er hatte seine Mutter lange nicht besucht; unter
den großen Bäumen neben ihrem Hause war es
Morgens kühl und schattig und den Plaz am Brunnen
hatte er von Kindheit auf geliebt. In friedlichem
Sinnen war er durch das Dorf gegangen und an dem
Mand des Wildbaches emporgestiegen, der oben aus
den Bergen kommend, seiner Muter Grundstück von
der Westseite begrenzte. Das Rauschen des Baches
hatte in seiner Kindheit immer einen geheimnißvollen
Reiz für ihn gehabt; es wiegte ihn auch heut' mit
seinem Gleichmaß in ein sanftes Träumen ein, daß
er gesenkten Hauptes, die Hände hinter sich gekreuzt,
gegen seine Gewohnheit ohne sich umzusehen, weit
und weiter gegangen war, so daß er erst in dem

19
Augenblicke, als er vor seiner Mutter Hause anlangte,
Viktorine gewahrte, die unter den Bäumen auf den
Bank am Brunnen saß.
,,Man muß Glück haben!' rief sie ihm entgegen,
als er sie bemerkte. ,Ich war verdrießlich, als ich
Ihre Mutter nicht zu Hause fand und wollte wieder
hinuntergehen. Da aber sah ich Sie hinaufkommen
und beschloß es abzuwarten, ob Sie sich hierher wenden,
und ob ich nicht eine Gesellschaft für den Heimweg
finden würde.?
,Ich wußte nicht, daß Sie meine Mutier
kennten!' sagte er, weil er doch Etwas sagen mußte,
seine Neberraschung zu verbergen.
,Oh !- entgegnete sie ihm, ,ich bin schon öfters
und in dieser Woche fast alle Tage hier gewesen; aber
ich sehe, Frau Jakobäa hat ganz Recht, Sie besuchen
sie zu selten, Sie haben Nichts davon erfahren.'?
Benedikt hörte das mit einer ungläubigen Ver-
wunderung. So lange er denken konnte, hatte seine
Mutter mit Niemandem freiwilligen Verkehr gepflogen.
Er verstand nicht, was sie dazu bewogen haben mochte,
gegenüber dieser Fremden von ihrer Gewohnheit ab-
??.; ? = - = ===-

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z
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lange nachzudenken, denn Viktorine sagte, sie habe
F nun die Gegend in Begleitung ihres Rührers zu Suü
F und zu Pferde nach allen Seiten hin durchstrichen,
? habe von den verschiedenen Höhen auf das Thal
F hinabgeschaut, und jetzt könne und müsse sie dem
F Doktor beistimmen, der sie gleich an dem Tage nach
?
F ihrer Ankunft zu diesem Hause hinaufgeführt habe,
ß weil man hier in der That weitaus die schönste
Aussicht habe.
Benedikt freute sich dieses Lobes. ,Es ist wahr,'?
h- sagte er, ,man hat nirgend eine so vollständige Rund-
schau; und besonders beim Sonnenaufgang, oder wenn
das Mondlicht über dem Thale liegt, müßten Sie hier
f
- oben stehen!?
h
,Ihr Haus hat nicht nur die schönste Lage, es
F j ist auch das stattlichste des Thales,? bemerkte das
k Fräulein.
r'
,Mein Haus? wiederholte der junge Mönch mit
k
( einer Miene und einem Tone, die aussprachen, was
1
z er selbst verschwieg.
,Es ist in der That recht hart für Ihre Mutter,
-
hub Viktorine an, , daß alle Ihre Kinder sie verlassen
haben, daß nicht Eines bei ihr geblieben ist, dem sie
dies schöne Haus vererben könnte; und sie hängt doch

H1
an dem Hause, muß an ihm hängen - an so alt
ehrwürdigem Besiz. Es ist wirklich hart für sie.
, Hat meine Mutter sich daroh beschweut? fragte
Benediktus.
,,Braucht es denn erst der Worte, uns das
Natürliche verstehen zu machen? entgegnete sie ihm
statt der Antwort.,Ulnd, fügte sie hinzu, zunser
Verständniß für die Menschen im Allgemeinen wie
für den Einzelnen wächst mit dem Antheil, den wir
an ihnen nehmen.? -- Sie hielt inne, sah ihn
forschend an und sagte dann: ,auch von Ihnen weiß
ich mehr, weit mehr, als Sie vermuthen.''
,Von mir? fragte er erstaunt, ,was ist von
mir zu wissen und zu sagen?
,,Die Art, mit welcher Sie vorhin die Worte:
,mein Haus' sprachen, hat Sie verrathen, meinte
Viktorine. ,Es schmerzt Sie noch heute, daß Sie nicht
mehr in diesem Hause wohnen. Auch verstehe ich
das vollkommen. Der Hinblick auf solch ein an-
gestammtes altes Erbe verlängert für unsere Phantasie
unser engbemessenes Dasein; und es ist kein Ersaz
dafür, daß das Kloster, dessen Mitglied Sie geworden
sind, noch um viele Jahrhunderte älter ist, als Maria
Josephens Haus. Der Mensch verlangt durchaus

f

E
z
; nach einem Eigenen, heftet sich nur an das Eigene,
und will Genugthuung für sich selber haben; denn
? das Ich, der finstere Despot, ist nun einmal nicht zu
f
ertödten in unserer Brust. Es bleibt lebendig, wenn
h. wir es bezwuungen zu haben glauben, es kehrt in
immer neuen Gestalten wieder, wenn wir es ertödtet
s
s?

k

f
wähnen - und könnten wir Ihren Herrn Abt,
könnten wir den heiligen Vater fragen, der auf Sanct
Peters Throne sizt, so befragen, daß sie die kalte,
traurige und unerbittliche Wahrheit eingestehen müßten,
- .r
F -
s
e entsagen, seine Selbstsucht nicht vollständig zu ver-
F leugnen, auf seines Willens Ausübung nicht zu ver-
zichten vermag. Gott hat uns so geschafen und -
g -- die Hand auf's Herz! wünschen und wollen, er-
F jtreben und ersehnen Sie denn Nichts, als in Ihres
F Klosters Mauern Ihr täglich Tagewerk in vor-
- geschriebener Arbeit und in vorgeschriebenen Gebeten
F His an Ihr Lebensende pflichttreu zu verrichten?
Er gab ihr keine Antwort. Er hatte sich unfern
? von ihr auf der Ecke des mächtigen Baumstammes
niedergelassen, der zur Tränke ausgehölt, sein Wasser
aus dem Röhrbrunnen empfing, und starrte vor sich
k
k

3
auf den Boden nieder. Er wagte nicht, sie anzusehen,
es war genug, es war mehr, als er ertragen konnte,
daß er es aussprechen, von ihrer Stimme es aus-
sprechen hörte, was, seit er in das Kloster eingetreten
war, nie völlig aufgehört hatte, ihn gelegentlich zu
auälen, und was er gerade in den letzten Zeiten immer
wieder hatte durchdenken müssen, obschon er es nieder-
zukämpfen getrachtet, in mancher langen Nacht, in
Selbstanklagen, in Zerknirschung und flehendem Gebet.
Was er sich kaum einzugestehen erlaubt, sie
nannte es ein Selbstverständliches; wovon er sich mit
scheuem Schrecken abgewendet hatte, das stellte sie als
ein Nothwendiges vor ihm auf. Die Gestalten, zu
denen er wie zu den Heiligen emporgesehen, zeg sie
mit dreister Sicherheit hernieder in den Kreis ihrer
urtheilenden und wägenden Betrachtung. Sie predigte
die Lehre von dem eigenen, Genuß begehrenden und
Befriedigung fordernden Willen; sie lockte ihn hinaus-
zutreten auf den Boden dieser Welt, sie schien ihn
kadeln zu wollen, ihn und Alle, die mit ihm gleich
empfanden, die enlsagt hatten, wie er selbst - und
es fuhr kein Strahl vom Himmel nieder, und die
Erde unter ihren Füßen that sich nicht auf, sie zu
verschlingen -- und ihn mit ihr!

L
Er hob die Augen zu ihr empor, sie saß vor
ihm, da in aller ihrer Schönheit, ihn anlächelnd, gütig,
mitleidvoll und doch so glorreich, wie eine der Gott-
seligen auf dem Bilde über dem Hochaltar des Chores,
dessen Flügelthüren nuur eröffnet wurden an den
großen, der Menschheit ihr Heil verkündenden Festtagen
des Jubeljahres! - Und dennoch war kein Heil in
ihren Worten!
Wie die Versuchung trat sie an ihn heran, daß
Fliehen das Einzige war, was ihm zu seiner Rettung
übrig blieb. Aber Fliehen?-- Wenn er sie jetzt
verließ, wenn er von dannen ging, wenn er beichtete,
was in diesem Augenblick ihm durch die Seele zeg.
wenn man ihn bannte in die enge Zelle- wer
konnte sagen, ob er sie jemals wiedersah? ob er ihre
Stimme jemals wieder hörte?- Er konnte so nicht
von ihr scheiden! Sie wenigstens sollte es nicht
glauben, daß er nichts Anderes begehrt, als das, was
j ihm geworden; sie sollte wissen, was ihn fortgetrieben
ß hatte aus der Welt, nach der er einst so heiß ver-
f langt. Ihr wollte er bekennen, ihr vertrauen, was
ihn in des Klosters Zelle hineingewiesen, ihn hinein-
gewiesen hatte in das schwarze Mönchsgewand, gegen
? das sein Herz sich eben jezt in heißem Schmerz empörte. '
h
s

5
Er konnte seine Gedanken nicht ordnen, seine
Empfindungen kaum wahrnehmen, geschweige denn
bewältigen. Es war ein Riß geschehen in seinem
Inneren; eine trostlose Tiefe klaffte in ihm auf. Wie
durch einen Zauber schaute er in sein eigenes Herz
und wußte kaum, was er dort erblickte, und ob es
sein Herz war, in das er sah. Er wollte sprechen
und wußte nicht, was zuerst zu sagen! Für den Zn-
stand, der plötzlich über ihn gekommen war, fehlte
ihm das Wort, ihn auszudrücken.
,Ich war der Kirche angelobt, noch ehe ich das
Licht der Welt erblickte!r stieß er endlich rasch hervor,
,ich hatte keinen Willen, keine Wahl!?
Der Schmerz, mit welchem er das sagte, er-
schütterte Viktorine; seine Jugend, seine Schönheit
rührten sie. ,Ich weiß das, sagte sie, ,ich bin
vertraut mit Ihrem und Ihres Hauses ganzem
Schicksal!r?
Er schlug die Hände vor das Gesicht und blieb
in sich versunken sizen. Viktorine fühlte ein großes
Mitleiden mit ihm. So tiefe Eindrücke hatte sie
von dem kleinen Abenteuer nicht erwartet, und mit
dem Selbstbetruge, der ihr um so leichter fiel, als ihr
alle Arten religiöser Anschauungen geläufig waren,


s
F ohne daß eine einzige eine feste Wurzel in ihr, oder
gar einen zwwingenden Einfluß auf sie hatte, stellte es
F sich ihr plözlich als eine ernste Aufgabe, als eine
heilige Pflicht dar, Benediktus der Welt und seiner
F Mutter zurüczugeben, ihn und Jakobäa frei zu
? machen von den Banden, in welche des Klosters weit-
h reichende Voraussicht die unglückliche Gattin einst ge-
F schlagen hatte. --
Mochte man es Zufall, mochte man es des
b
? Himmels Fügung nennen, soviel stand für Viktorine
F fest, sie war durch eine wundersame Verkettung von
l
F Umständen in dies Thal gekommen. Sie war mit
F Benedikt, mit seiner Mutter und mit den Vorgängen
F in deren Leben, ohne daß sie es gesucht hatte, wie
ß durch einen höheren Willen bekannt geworden. Der
? Himmel hatte ihr, nach ihrer Meinung, recht eigent-
F lich die verschlungenen Fäden dieses traurigen Ge-
J schickes in die Hand gespielt; er mußte also wollen,
F. daß sie hier entwirrend und befreiend eingrif. Während
F sie noch darüber nachsann, boten sich auch ihrem
F phantastischen Geiste easch wie durch Eingebnng ein
F. Miitel un ein Ausweg dar, die, wie sie glaubte, sie
F zum Siele führen, und für Benedikt wie für Jakobäa,
ß Rettung und Befreiung bringen konnten.
Ms.

B?
Sie legte ihre Hand auf des jungen Mönches
Schulter, und mit kräftigem Zuspruch sagte sie:, Muth,
Pater Benedikt! richten Sie sich auf! Gott will
nicht, daß der Mensch verzage! Wir sollen uns des
Daseins freuen und ihm in Freuden dienen.?
Er schüttelte schwermüthig das Haupt. ,In
Freuden dienen?? sprach er ihr langsam nach und
hielt dann inne, bis er, wie mit sich selber redend,
in die Worte ausbrach: , Ich glaubte es zu vermögen!
ich glaubte mich überwunden, lange schon über-
wunden zu haben. Ich hatte Stunden, Tage, Zeiten,
in denen ich mich glücklich pries, nach unsres Heilands
Vorbild der Anderen Schuld auf mich genommen zu
haben, der Eltern Sünde zu büßen und zu sühnen.
Was wird mein Leben sein fortan?- Nacht! Nacht!
--- Ein verzweifelndes Ringen in hoffnungslosem
Dunkell?
Sein Klageruf drang ihr zu Herzen, es kam ein
schauderndes Bangen über sie, aber sich selbst und ihn
ermuthigend, rief sie ihm zu: ,Kkein Lebender und
kein Geschick jst hoffnungslos!r
Er beachtete es nicht. ,Wenn Sie es wüßten,''
sagte er, sich zum ersten Male mit seinen Worten zu
ihr wendend, ,wie sie auf mich herniederfuhr, die


ä
erste Kunde von meiner Eltern Mißgeschick und Misse-
that! wie Alles, Alles zusammenbrach, als ich ver-
nahm, daß meiner Mutter Eid mich zwang, der Welt
für immer zu entsagen-- Seine Stimme bebte, er
hielt sich mit Gewalt zurück.
,Und Sie haben nie daran gedacht,' rief Viktorine,
, daß der Kirche Gnadenfülle unerschöpflich ist?
== Sie haben nie daran gedacht, hinauszuziehen aus
-


diesen Bergen, durch die Länder pilgernd bid zu des
heiligen Vaters Thron, um niedergeworfen vor ihm,
der die Macht hat zu lösen wie zu binden, Vergebung
und Absolution zu erflehen für die Eltern, von denen
Sie geboren sind? Vergebung und Befreiung für sich
selbst zu suchen, wenn die Bande Sie drücken, welche
Sie freiwillig nicht auf sich genommen haben?-
Sie haben nie daran gedacht, wie anders Ihre Mutter
den Abend ihres Lebens noch genießen würde, dürfte
sie sich sagen, daß Maria Josephens Stamm nicht
erlöschen, daß ihr Haus nicht an das Kloster fallen
muß? Sie häätten wirklich nie daran gedacht, die
unvergleichliche Gabe des Gesanges, die, der Himmel
als reichen Segen Ihnen zugetheilt hat, anders zu
benutzen als in Ihres Klosters Chorgesängen??
Er antwortete ihr nicht. Er war wie geblendet,

er hatte keinen Boden mehr unter den Füßen, keinen
Halt mehr. Es war zu jäh, zu plözlich, zu gewalt-
sam! Er fühlte sich losgerissen von der Stelle, in
der er bis dahin festgewurzelt, losgerissen und wie ein
Atom umhergeschleudert in des Weltalls Wirbel. Los-
gerissen von der Gemeinschaft, die seine Welt gewesen
war; hingeschleudert ihr zu Füßen - ihr, die vor
ihm stand in ihrer hehren Schönheit! die zu sehen
und zu hören ihm Beseligung gewährte.
Sein Schweigen fing sie zu ängstigen an, sie
mußte ihm zu Hülfe kommen.
,Ich habe einen Fehler gemacht, Pater Benedikt,.
sagte sie, indem sie sich freundlich zu ihm neigte.
,Wir Weltleute sind plötzlicher Anregungen, schnell
wechselnder Eindrücke, lebhafter Erschütterung mehr
gewohnt als Sie. Uns überraschen neue Vorstellungen
nicht, wir erschrecken nicht vor großen Umgestaltungen,
ja nicht einmal vor dem sogenannten Unerhörten.
Wir wissen, daß schon Mancher das geistliche Gewand
von sich geworfen hat, ohne deshalb dem Verderben
anheim zu fallen. Mit Ihnen ist das anderk.-- Mein
Antheil an Ihnen, meine Freude an Ihrer unvergleich-
lichen Stimme, mit der Sie die ganze große Welt
erobern würden, und die etwas rasche Gewaltsamkeit

meiner Natur haben mich unvorsichtig gemacht. Ich
hätte, statt Sie unvorbereitet in den Tagesglanz zu
führen, in welchem ich Sie leben sehen möchte, Ihnen
nur des Lichtes Schimmer zeigen, und es Ihnen über-
lassen sollen, ihm nach, ihm entgegen zu gehen, und
Ihren Weg aus eigener Nothwendigkeit zu finden. --
Aber das ist nun geschehen, ist nicht mehr zu ändern,
und zu bereuen vermag ich's nicht. - Fragen Sie
sich selbst, ob Sie der Kunst, ob Sie der Kirche, ob
Sie im Diesseits, ob Sie im Jenseits leben wollen?
Nur daran halten Sie sich fest: der Mensch kann,
was er will und muß; und für das ihm Nothwendige
findet sich die Hilfe. Er kann alle Bande brechen
und er bricht sie, sobald er fühlt, daß er es muß.
Und selbst die Kirche ist nicht unerbittlich für den,
der weiß, wie man zu bitten hat.?
,Sie kennen die Kirche nicht!r sagte Benediktus
- halb laut vor sich hin.
,Ich kenne sie und kenne ihre Fürsten! ent-

gegnete Viktorine mit ihrem siegesfrohen Lächeln auf
den Lippen; und dem jungen Manne die Hand zum
Abschied reichend, wollte sie sich entfernen. Er aber
hielt sie fest, wie der Versinkende sich an seinen Er-
retter klammert, und die Augen mit Verlangen auf
s
i
E

sie richtend, flehte er: ,Gehen Sie nicht von mir,
ohne mir zu sagen, daß ich Sie wiedersehe!
,Auf Wiedersehen also, und auf bald!
,,Wo aber? wann? rief er dringend und voll
Leidenschaft.
,Nicht morgen und wohl in dieser ganzen Woche
nicht!! sagte Viktorine nach raschem Neberlegen, , denn
ich habe einen Ausflug vor, der mich für mehrere
Tage von hier ferne halten wird. Wenn Sie aber
an dem Mittelfenster meiner Gallerie wieder meinen
Strohhut hängen sehen, komme ich am nächsten
Morgen nach der Klostermatte, und wir sprechen dannn
mehr von Ihnen und von Ihrer Zukunft.?
Sie gab ihm, ehe sie ihn verließ, mit er-
muthigenden Worten noch einmal ihre Hand. Sie
war sehr angenehm erregt durch das Abenteuer, das
sich ihr hier oben so unerwartet dargeboten hatte; denn
sie hegte das Bewußtsein, sich mit großem freiem
Sinne eines Menschen angenommen und sich eine
Aufgabe gestellt zu haben, die ihr Ehre machen, die
ein bedeutendes Gewicht in die Schale ihrer Er-
innerungen legen mußte, wenn es ihr gelänge, sie
jiegreich durchzuführen.

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Und wie sollte ihr das Unternehmen nicht gelingen!
E.- War sie doch Viktorine, ihres Vaters Tochter! War
ß sie doch schön und ihres Vaters Einfluß nach allen
F Seiten weit verzweigt und mächtig!

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Kapitel 04

Gieries Tnpitel.

Igz Baronin war an Neberfluß gewöhnt, sie
mußte also Alles reichlich haben, selbst Vertraute für
ihre Plane wie für ihre Hoffnungen, und sie wußte
sich dieselben auch mit umsichtiger Gewandtheit zu
verschaffen, ohne sich dadurch den Schein eines Ver-
rathes gegen sich selbst zu geben.
Daß sie mit der Wirthin Rücksprache darüber
genommen hatte, ob es möglich sein würde, den
Grafen Stefano in einem der anderen Häuser schick-
lich unterzubringen, war nothwendig gewesen, und es
war nach ihrer Meinung ebenso nothwendig und
natürlich, dem Pater Theophilus in vertraulichem
Gespräche die Frage vorzulegen, ob er glaube, daß
?F HHf=- == - =-== --

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erachten sei, wenn man es sich angelegen sein lasse,
seinem Kinde die Lebenswege nach dem eigenen besten
Wissen zu erschließen und vorzubereiten.
Der Pater hatte mit gewohnter Vorsicht ihr ent-
gegnet, solche Entscheidung sei nicht unbedingt zu
geben, es komme dabei vor Allem auf die besonderen
Umstände des Falles an. Die Baronin hatte darauf
kein Bedenken getragen, auch ihm mitzutheilen, was
sie der Wirthin ein paar Tage zuvor kund gethan,
und er hatte danach nicht ermangelt, ihre Gewissens-
zweifel mit der Erklärung zu beruhigen: wie es den
F Eltern, als natürlichen Vorgesezten ihrer Kinder, wohl
anstehe, diese so zu führen, daß sie nicht etwa in
Verblendung, oder um einer Grille wegen das Gute
F von sich wiesen, welches des Herrn Huld ihnen in
F- seiner Weisheit zuzuwenden beschlossen haben könnte.
D
F Er hatte sich bei der Gelegenheit genau um die Ver-
F. hältnisse des Bewerbers erkundigt, hatte von der
F Baronin alles Dasjenige erfahren, was ihrem Gatten
k
z auf dessen Anfragen über den Grafen Stefano be-
richtet worden war, und der Pater hatte seinerseits
Sorge getragen, das zarte Gewissen der besorgten
Mutter nach Kräften zu beruhigen.
s
k
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Abends saß er seinem Abte gegenüber in dem

stillen luftigen Gemache vor dem Schachbrett. Der
Gottesdienst war lange schon gehalten, dad Nachtessen
in dem Refektorium eingenommen worden, kein Laut
regte sich in dem ganzen Flügel, in welchem die
Zimmer des Abtes sich befanden.
Die Fenster nach dem Garten standen ofen, der
kühle Nachtwind trug den Duft des Reseda und der
Nelken in den hohen Raum, und bewegte das leichte
Tuch, mit welchem der hochwürdige Herr selber das
Bauer seiner Drossel verhängt hatte, die mit dem
Sonnenuntergange die klugen Augen geschlossen und
das feine Köpfchen unter dem Flügel zur Ruhe ge-
bracht hatte
Der Abt hatte das Skapulier, den seidenen
Gürtel und das Käppchen abgelegt, den enganliegenden
Kragen seines Rockes aufgehakt und die Stiefel gegen
die weichen Schuhe umgetauscht, welche die geschickte
Hand einer ihm ergebenen Klosterfrau für ihn ver-
fertigt hatte. Die Lampe brannte auf dem Tische.
Zu seinen Füßen lagen zwei schöne Cypernkazen. Ein
aus dem Oriente heimkehrender Verwandter hatte sie
ihm im verwichenen Jahre mitgebracht, und eben hatte
der dienende Bruder den Becher heißen gewürzten
Weines herbeigetragen, den der Abt gegen die Ein-

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wirkung der schnell sinkenden Temperatur an jedem
Abende zu genießen pflegte.
Die Partie war beendet. Der Abt, welcher dem
Pater Theophilus im Spiele wie in allen Dingen
überlegen war, hatte sie gewonnen, und wie den Einen
der Sieg erfreute, obschon er ihn oft genuug errang.
so brachte den Andern die vielgewohnte Niederlage
nicht aus seinem sanften Gleichmuth. Er legte die
schön geschnizten Figuren sorgsam in das alterthüm-
liche Kästchen, und sagte, ohne sich in dieser Be-
schäftigung zu unterbrechen: ,Es steht uns hier oben
wwiel Besuch bevor.!
Der Abt fragte, von wannen Theophil denselben
vermuthe?
,Die Frau Baronin erwartet Anverwandte: eine
Familie mit Sohn und Tochter!' meldete der Pater.
,Das Fräulein bricht morgen in der Frühe von hier
auf, ihnen bis über den See entgegen zu gehen. Ihren
Rückweg denken sie gemeinsam durch das ganze Ge-
birge und über die Paßhöhe zu machen. Für das
»Ende des Monats hat der Herr Baron seine Ankunft -
angezeigt, und ich habe von der Mutter heut erfahren,
daß man einen Bewerber um der Tochter Hand gleich-
falls hierher beschieden hat.
!

Der Abt hatte sich gemächlich in den Armsessel
zurückgelegt. Er streichelte den Kopf des Käzchens,
das sich ihm auf das Knie gesetzt hatte, da es ihn
nicht mehr beschäftigt sah.
,Sie sind sich so gr wichtig, diese Art von
Leuten,' sagte er, , daß sie sogar für das Einfachste
und Gewöhnlichste immer besonderer Zurüstungen zu
bedürfen glauben! Sie hätten daö vor vier Wochen
in dem Badeorte bequemer haben können. Aber diese
Heirath, die weit hinausgeht über Alles, was ihres
Gleichen je erwarten konnte, muß noch mit einer
remantischen Zuthat gewürzt und aufgetragen werden,
um der Phantasie der Tochter und der Eitelkeit der
Eltern ganz genng zu thun. Sie wollen sich den
Anschein des prüfenden und überlegenden Zögernö
geben, wo sie Alles in Bewegung setzten an das Ziel
zu kommen, und mit beiden Händen zugegrifen haben.r
Der Pater hörte mit Erstaunen, daß der Abt
die Wünsche der Familie kannte. Er hatte gemeint,
eine Neuigkeit zu berichten und fand sich nun darin
getäuscht. ,Hochwürden wissen es also schon?
fragte er.
,Daß Graf Stefano hierher kommt? Das hat
man mir gemeldet,' gab der Abt zur Antwort,

7
während er bedächtig aus dem schön geschlifenen
Pokale nippte.
,Die Mutter sprach mit mir davon, daß sie Be-
- denken hege, in wie weit die Vermittlung einer Ehe
- rathsam und als zulässig zu erachten sei!r bemerkte
der Pater.
=,

, Eine Gewissenhaftigkeit gost kestum, - meinte
der Abt, ,da die Sache eine abgemachte ist. Der
Bischof hat für seinen Neffen des Vaters Wort er-
halten. Der Baron muß also doch der Zustimmung
seiner Tochter auf eine oder auf die andere Weise
sicher sein!r
,Die Baronin hat Vorkehrungen getroffen, dem
Grafen eine Wohnung im Dorfe zu ermitteln, be-



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z
merkte Theophilus, der seine Niederlagen im Leben
wveniger leicht ertrug, als bei dem Spiele, und der
den Abte einen Vorschlag zu unterbreiten dachte,
welcher dem Kloster nüzlich sein konnte. Aber er
hatte heut kein Glück, denn noch einmal kam ihm der
Abt zuvor.
,GGraf Stefano wird in unsern Gastgemächern
EEFvohnen! sagte er.,Ich habe seinem Dheim mit-
getheilt, daß unser Haus zu seinen Diensten stehe.
? - Es giebt dem Grafen die gebührende Importanz.
ß
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wenn er hier unser Gast ist; uns aber kommt es zu,
es darzuthun, wie wir die Ehre schätzen, einen, wenn
auch entfernten Angehörigen Seiner Heiligkeit in
unserem Hause zu bewirthen.!
Er brach damit ab, denn er hatte, was er auch bei
dem kleinsten Anlaß, selbst seinen ergebensten Anhängern
gegenüber nicht entbehren konnte, sein besseres Wissen
und sein Nebergewicht wieder einmal unverkennbar
dargethan. Das Weitere mochte sich der Pater, der
seinen Meister kannte, selber denken, und das that
er auch.
, Die Baronin will behaupten, daß der Graf des
Papstes Gunst genieße!' sagte er.
,Der Bischof deutet mir das an!' versetzte Jener,
, und man wird ihn danach zu empfangen haben.
Mein Wagen soll ihm bis zum See entgegengehen.!
Theophilus hatte das Schachbrett und das Käst-
chen in der andern Ecke des Gemaches an den ge-
wohnten Platz gestellt, und noch während die Dunkel-
heit ihn halb verhüllte, sagte er:
,,Man hat nach den letzten Auffindungen in den
römischen Katakomben das Kloster der Franziskaner
hier über dem Walde mit zwei Reliquien bedacht. In
Zügen strömen jezt die Gläubigen zu den Franziskanern,

und spüren dort in der Andacht wundersame Hilfe.
Wir sind an solchen Gnadenmitteln arm. Eine Kapelle
am Ende eines Kalvarienberges zu errichten, zeigt die
Baronin sich geneigt, besonders da der Doktor ihr er-
klärt hat, daß sie in jedem Jahre hohe Bergluft auf-
zusuchen habe; und sie hat Vertrauen zu ihm ge-
faßt.?
Der Abt antwortete nicht darauf. ,Der bedeckte
Gang,! sagte er, ,den der Doktor an seinem Hause
angelegt, nimmt sich gut aus. Es ist auch zu be-
loben, daß er bei seinen Gästen eine kleine Taxe für
die Armen einführt, und es freut mich, daß er und
seine Mutter sich nicht undankbar erweisen; der Küchen-
meister rühmt, daß sie gefällig sind. Es ist ihr
eigener Vortheil, und klug war ja die Mutter immer.
Der Doktor hat jedoch zu lange in den Hörsälen der
deutschen Hochschulen verweilt.?
Er vollendete den Satz nicht, sie waren gewohnt,
der Abt und sein Vertrauter, sich auch mit halben
- Worten zu verstehen.
-' ,Der Doktor macht sich mehr als Noth thut mit
P; Benedikt zu schaffen, entgegnete der Pater, ,und
g,auch das Fräulein wendet Diesem um seiner Stimme
FHillsn vielAnheil z. Ich komme nie zu der Beronin,
E
E
g?

ohne daß die Tochter mir von seinem Singen spricht.
Sie kennt übrigens auch seine Herkunft, wie seiner
Mutter Schicksale, und schon zu verschiedenen Malen
habe ich sie oben vor Jakobäa's Hause angetroffen.
Sie sizt dort lesend oder zeichnend; sie hat Jakobäa
fogar dahin gebracht, mit ihr zu verkehren und sie
zu bewirthen. Selbst Jakobäa's Töchter hat sie heim-
gesucht, hat sie nach der Abendandacht, die sie um
Benediktus willen nie versäumt, bis zu dem Armen-
hause zurückgeleitet- und Benedikt ist nicht, wie
sonst, in sich gesammelt und mit sich im Frieden.
,Was will das sagen,! erkundigte sich der Abt,
der aufmerksam geworden war.
,,Er hat es neulich im Refektorium offen aus-
gesprochen, daß der Lobgesang auf Rom ihm die
Sehnsucht wachgerufen habe, eine Pilgerfahrt dorthin
zu machen, und noch darüber fort bis zu dem heiligen
Grabe hin. Er wandert wieder viel umher, er sucht
außerhalb des Klosters oie Einsamkeit. Er ist hastig
und zerstreut, daneben aber unermüdlich vor der
Orgel Gesang und Spiel studirend. Seine Eitelkeit
ist wieder aufgestachelt.??
Der Abt entgegnete ihm darauf Nichts, und erst
nach einer Weile sagte er: ,Jakobäa ht bis zu dieser
, =

Stunde über ihr Vermögen noch Nichts festgestellt,
und wir haben es erfahren, daß sie für Niemand zu-
gänglich ist, als für ihren Sohn. Ihn fortschicken,
wie man's könnte, würde nicht gerathen sein, so wenig

.

gs
als den Fremden eben jetzt zu nehmen, was sie ver-
missen und wonach sie fragen würden, oder den
Gästen, welche sie erwarten, die Erbauung und die
Freude durch den Gottesdienst in unserm Hause zu
verkürzen. Die Freude ist mittheilsam, ist geneigt zu
spenden; und dem kurzen Aufenthalt der Fremden, die
der erste Reif von dannen scheucht, folgt des Winters
Ruhe. Inzwischen muß man auf Benediktus achten.
Was man im nächsten Sommer über ihn beschließt,
wird zu erwägen sein.!
Der Abt hatte während der Unterredung den
Becher ganz geleert, draußen von dem Thurm der
Kirche schlug es neun. Durch die Stille des Klosters
hörte man, wie die Schüler aus den Arbeitssälen
nach den Schlafgemächern gingen, wie man die Thüren
überall verschloß.
Theophilus stand noch neben des Abtes Sessel
an dem Tische. Er wollte sprechen und zögerte doch
damit. Er hing an dem jungen Mönche mehr als
an irgend Jemand sonst, sein Seelenheil lag ihm am

Herzen. Er wünschte ihm zu helfen, ihn zu behüten
vor Gefahren, von denen seine ahnungsvolle Sorge
ihn bedroht sah; und doch ftand er an, ihn in einer
Weise zu verdäächtigen, die seinem Schüzling die Gunst
des Abtes entziehen könnte.
,Noch,- sagte er wie zu sich selbst, ,ist seine
Seele rein, sein Herz unangetastet, sein Gewissen ruhig
und von keiner Schuld beschnert!'?
Der Abt hatte sich erhoben, ohne des Paters
Worten zu begegnen. Er schellte dem Laienbruder,
der ihm vorzuleuchten hatte in das Schlafgemach, und
erst, als dieser schon unter der Thüre sichtbar wurde,
sagte er:,Gesser wäre ihm, daß er sich nicht in
sichrer Selbstverblendung gehen ließe; daß er sie kennen
lernte, die Versuchungen der Welt, nach der ihn immer
noch gelüstet. Daß er an sich erführe, wie dem
Schuldbeladenen zu Muthe ist, der bußfertig und be-
reuend zu des Erlösers Füßen liegt, und auf die
Welt verzichtend, nur nach der Gnade trachtet, um
seine Seele zu erretten. Sind doch der Heiligen viele
erst durch schwere Prüfung und Versuchung auf den
Weg des Lichtes gelangt! Selbstverachtung führt
sicherer zum Heile als Gefallen an sich selbst und an
dem eignen Thun-- und einzugreifen in die Hand

des Höchsten ziemt uns nicht! Er weiß, was er
Jedwedem schickt und was ihm frommt, auch wo wir's
nicht begreifen, und kleinmüthig verzagten Herzens
fürchten.
Der Abt verließ damit das Zimmer; der Pater
ging still von dannen, die langen einsamen Corridore
hinab nach seiner Zelle. Er hatte seinen Oberen nur
zu gut verstanden. Aber sein Geist war traurig, sein
Herz beschwert, und die Mitternacht fand ihn noch
wach auf seinem Lager, in Betrachtung und Gebet.

Kapitel 05

FFünlies Cpitel

Prens Abwesenheit gefiel den Leuten nicht.
Man hatte sich, da man sonst so Weniges erlebte,
bereits daran gewöhnt, sie alltäglich auf ihrem bun-
geschmückten Maulthier vorüberreiten zu sehen, und
nach ihrem Kommen und Gehen auszuspähen. De
Frauen, die vor ihren Thüren arbeiteten, entbehrten
ihren munteren Zuruf, die Kinder sahen sich ver-
gebens nach der schönen Fremden um, die immer
Etwas für sie in der Tasche hatte, und sogar Jakobäa
betraf sich darauf, daß sie nach der Kirchthurmuhr
hinüberblickte in den Stunden, in welchen Viktorine
in dem Laufe der lezten Woche zu verschiedenen Malen
bei ihr vorgesprochen hatte.

?
?


Es war durch den Verkehr mit Viktorinen eine
große Veränderung mit Jakobäa vorgegangen. Ihre
Leute merkten das vielleicht mehr noch als sie selbst
,,Es ist, wie wenn ihr die Augen wieder auf-
gegangen und ein Schloß ihr von dem Munde fort-
genommen wäre! sagte die Magd, die bei den An-
schafft's alt und grau geworden war.
Seit Jahren hatte Jakobäa nicht mehr daran
gedacht, Etwas für ihres Hauses Zier zu thun. Es
war ihr gleichgültig gewesen, wie es drinnen oder
draußen aussah. Nur die gute Gewöhnung, nur die
angeborene Liebe für ihr Erbe, und der ihr ebenso
fest innewohnende Trieb, das Bestehende nicht unter-
gehen zu lassen, hatten sie dazu vermocht, in un-
wandelbarer Ausdauer täglich ihre Schuldigkeit zu
thun, ohne eigenes Verlangen, ohne jede Lust und
Hoffnung. Jezt mit einem Male war das anders.
Sie hatte mit eigener Hand die lang verwahrten,
weißen Vorhänge rund um das Haus an allen Fenstern
aufgesteckt, und aus dem Schranke den seit Zeiten
und Zeiten nicht benutzten schönen Krug hervorgeholt,
um Viktorinen die Milch in demselben aufzutragen.
Der Knechl hatte die Bank unter den Bäumen mit
einem neuen Siz versehen, die Ranken an der Laube

in dem Gärtchen schneiden und an die Laiten binden
müssen. Das war Alles, wer weiß wie lange nicht
gethan worden, und auch an der schweren eisen-
beschlagenen Truhe, in der sie die alten Verschreibun-
gen und Papiere der Familie aufbewahrte, hatte man
sie nicht herumhandtieren sehen so wie jetzt.
Das mußte Etwas zu bedeuten haben, so gut
wie die Besuche von Pater Benedikt, der in den
Tagen immer mit seiner Klasse des Weges gegangrn
und stehen geblieben war, mit der Mutter zu ver-
kehren. Aber nicht nur mit seinen Schülern hatte er
die Siraße eingeschlagen, selbst früh am Morgen war
er wieder und wieder hinaufgekommen und hatte sich
mit seinem Buche hingesetzt auf die Bank am Brunnen,
und hatte dagesessen, das Brevier in Händen, ohne
es nur aufzumachen. Rasch wie in seinen Knaben-
jahren war er dann hinaufgestiegen in den Wald,
und auch dort oben hatte der Knecht ihn lesend an-
getroffen, als ob er das im Kloster nicht bequemen
haben konnte.-- Sie hätten es wissen mögen, was
er da oben wollte, waö er bei seiner Mutter jetzt mit
einem Male suchte.
Benediktus selber fragte sich das nicht, denn er
scheute die Antwort, die er sich darauf hätte geben
F. Lewald, Benevikt. l.

z
k
müssen. Eine unüberwindliche Unruhe trieb ihn
; umher, Vorstellungen, die er nie gehalt, gaukelten in
verschwimmendem Wechsel vor seinen Augen, reizten
ihn auf, sie zu verfolgen, ihnen nachzudenken, auf
Mittel und Wege zu sinnen, wie er sie erreichen
könne.
Er wußte es nur zu gut! Viktorine hatte Recht
gehabt mit ihrem Ausspruche, daß für den Ent-
schlossenen Alles möglich sei, daß man Alles erreichen
könne, wenn man nur die rechten Mittel wähle, an
- - das vorgesteckte Ziel zu kommen. Auch aus diesem
- Thale, auch aus seinem Kloster war ja zu Ende des
. vorigen Jahrhunderts, als die Armeen Suwaroffs die
Schweiz durchzogen, einer der Mönche entflohen; und
s obschon man es in dem Kloster abzuleugnen trachtete,
E ging doch im Thale das Gerücht, daß jener flüchtig
F gewordene Pater Paulus in Rußland zu großen Ehren
F emporgestiegen sei, daß er ein Kriegsmannn geworden
ß sei, der zulezt als General hoch in seines Kaisers
F Gunst gestanden habe, und daß einmal die Kinder
F -des Generals gekommen wären, um seiner Erinnerung
F willen das Kloster zu besuchen. Was für den Pater
Paulus möglich gewesen, was einem Andern gelungen
? war, das konnte auch ihm gelingen und leicht gelingen,
E
s
z
s

wenn ihm Vktorine hilfreich dazu ihre Hand bot.
Sie, die Einzige, die bis zu dieser Stunde Mitleid
mit ihm gefühlt hatte, mehr als die eigene Mutter;
die Einzige, deren Sinn nicht eingeengt war in dieser
Berge, dieser todten Steine Riesenmassen, die ihm
die Brust bedrückten, die ihn beängstigten selbst in
seinen Träumen, wenn sie zusammenrückend ihm den
Weg zur Flucht versperrten, oder zerschmetternd auf ihn
niederfielen, sobald er an Viktorinens Hand des Thales
Grenze überschritten zu haben glaubte.
Er konnte sich's nicht denken, wie er künftig in
dem Thale leben sollte, ohne sie. Er begrif nicht,
wie es werden würde, wenn er nicht mehr die Tage
und die Stunden zählen konnte bis zu ihrem nächsten
Wiedersehen?
Schwärmend und träumend war er an einem
Morgen wieder hingezogen zu dem Brunnen an seiner
Mutter Haus, zu der Stelle, an welcher Viktorine
zuletzt wie ein Engel der Verkündigung und Ver-
heißung vor ihm erschienen war.
Jakobäa sah ihn schon von ferne kommen. Die
Leute waren alle, wie um diese Stunde immer, bei
der Arbeit; sie war allein im Hause. Da er die
Treppe nicht emporstieg, trat sie zu ihm hinaus. Viel

;

Reden war nie ihre Art gewesen, selbst nicht mit
Benedikt, und zu sagen hatten sie einander auch nie
viel gehabt, seit er im Kloster war.
Er bot ihr kurzweg , Guten Tag, sie gab ihm
- das ebenso kunz zurück, und blieb oben unter ihrem
Vordach stehen.
, Die Bank ist neu gemacht,? sagte Benediktus
endlich, weil die Mutter ihn so unverwandten Blickes
ansah, daß er merkte, sein Schweigen wundre sie.
,Die alte hielt nicht mehr!r gab sie ihm zur Ant-
wort. Er schöpfte den Becher voll, der an dem Brun-
nen hing und trank daraus.
,Das Wasser ist doch das frischeste rund um!'
bemerkte er.
,Das spricht das Fräüulein auch!? sagte die Mutter
z hastig.
z
,Ist sie zurück? fragte der Sohn, während bei
dem bloßen Gedanken an Viktorine ihm das Blut
s
- die Wangen färbte.
Die Mutter verneinte es. Sie wußte auch nicht,
j -
F? wannsie wiederkehren würde, und er wagte weiter
nicht, von ihr zu sprechen, aber Jakobäa that es. Sie
ß chatte nur darauf gewartet.
f
,Ich sah es mit Verdruß, als sie zum ersten
f
i
s?
s
E

Male herkam,? sagte sie und brach dann ab. Er
fühlte, daß die Mutter Etwas auf dem Herzen hatte,
und er hätte gern erfahren, was es sei; fie wußten
sich aber Beide nicht zu helfen. Endlich trug der
Mutter Ungeduld den Sieg davon.
,. Komm hinein, es wird hier draußen heiß!r
sagte sie, obschon kein Strahl der Sonne durch das
dichte Laub der Bäume drang, und der Himmel sich
bewölkte. Er folgte ihrer Mahnung.
Wie er nun drinnen in dem großen kühlen
Raume saß, zog sie die Thüren des Hauses und der
Stube zu, und sah sich um, als müsse sie sich ganz
besonders überzeugen, daß sie Niemand höre. Dann
blieb sie ihm gegenüber stehen.
,Gerufen hätte ich Dich nicht,? sprach sie, , aber
Du bist von selbst gekommen und sie hat mir gesagt,
was ich ja gewußt habe von der ersten Stunde an,
und was mir auf dem Herzen gelegen hat seit dem
Tage, an dem Du Alles ersahren und hier gesessen
und die Augen von mir abgewendet hast.?
,Laß mich gehen, Mutter!'- fiel er ihr in's Wort,
,und laß das ruhen!
,,Nein,- sprach sie mit eiserner Bestimmtheit.
,Ich hab's in mir verschlossen alle die Jahre lang.

k.
s
k
?
? und kein Wort davon ist über meine Lippen gekom-
F- men. Einmal aber will ich's sagen.- Ich kann sie
nicht ansehen, sie und ihre schwarzen Röcke, wenn sie
F hier vorüberschleichen und schielen nach dem Hause
hinauf und gehen über meine Matten, als könnten
- sie die Stunde nicht erwarten, daß es ihre sein und
- ihre Kasten füllen und sie mästen wird. Und daß
s
z Du es nun weißt! verschreiben thue ich's ihnen nicht,
ß so lange ich noch meine fünf Sinne klar zusammen
s habe. Für uns ist es gebaut, bei uns soll es auch
s
? bleiben!r

,Bei uns? wiederholte Benedikt mit Bitterkeit,
z , ich dächte Mutter, Du hättest gut dafür gesorgt--
Sie ließ ihn nicht zu Ende sprechen. , Wenn
es auf einen Menschen herniederfällt, er weiß nicht
?- wie, da hält er sich, woran er kann; da glaubt er
Alles, da thut er Alles, was man ihn ihun heißt,
F denn er kann sich nicht besinnen.!

- Und wieder hielt sie inne und sagte dann so

F leise, als fürchte sie den Ton der eigenen Stimme:
E ,Wäre sie damals hergekommen, sie oder ein Anderer,
der mehr von der Welt verstanden hätte als ich in
ß meizer erschlagenheit, und es häte mir Einer ge-
s sagt wie sie: ,was hast Du denn verbrochen? Du

hast Unglück gehabt und bist betrogen worden zum Er-
barmen. Mache gut an Deinen Kindern, was an
Dir gesündigt worden ist von ihrem Vater, denn sie
haben Niemand auf der Welt, als Dich allein, und
die Menschen werden ihnen den schlechten Vater um
der guten Mutter willen nicht gedenken.' Hätte mir
Einer das gesagt, ich hätte es verstanden und danach
gehandelt! Aber sie waren lüstern nach unserm Hab
und Gut, und mit meinen weinenden Augen habe ich
das nicht gesehen in meiner Angst, und habe es über
mich und Euch gebracht!?
Ihre Rede war fest, sie venzog keine Miene, aber
die Thränen liefen ihr über die Wangen. Sein Lebe-
lang hatte der Sohn sie also nicht gesehen, es wendete
ihm das Henz um in Erbarmen und in Mitleid.
Er hatte sie nie so sehr als seine Mutter, sich als
ihren Sohn, als Denjenigen empfunden, der berufen
war, ihr ein Stüzer zu sein in dem Schicksal, dem
sie unterlegen war.
,Laß es gut sein Mutter, und sei ruhig!'- tröstete
er sie. , Es klagt Dich Niemand an. Die Schwestern
sind ja freudig in der Arbeit, die ihr Theil geworden
ist und ich=-
, Eüge nicht!' rief die Mutter, noch ehe er vell-

k
H
enden konnte. --- ,Ich weiß es Alles, sie hat es mir
gesagt.-- Du bist nicht ruhig, kannst es njemaGd
werden. Gott hat die wundersame Stimnße Did, in
die Brust gelegt, und wie die gefangene DSdssel zEg-
schellst Du Dir den Schädel an den Mauer; sn
denen sie Dich halten!? -- Sie stieß die Wdrte,
denen er es anhörte, daß sie ihr von Viktorinen kamen,s
mit Heftigkeit hervor, und sie erschreckten ihn, al
hätte er nicht, seit er die Fremde kannte, dad Gleiche
oft genng gedacht.
Die Mutter hatte seine Hand ergrifen und zeg
ihn hin bis zu der alten Truhe, die sie vor ihm auf-
schloß. ,Sieh!r sagte sie, scheu wie die Missethat
um sich blickend, , da liegt das Geld! Nimn's und
geh! -- Sie kennt Weg und Steg, sie hat Freunde
und hat Macht und Einfluß. Ich will Dir eilig
F folgen, und Beide wollen wir dann pilgernd hin-
s zehen und knieen, Du und ich an rechter Stelle. Tag
und Nacht wollen wir flehen vor Sankt Peters
Thron! Alles will ich daran sezen! Dpfek will ich
bringen, so viel man heischen mag, denn ich bin reicher-
als sie es vernzuthen. -- nur daß Du der Erbe dieses
Hauses wirst.r? -
s -
Sie nahm aus einem kleinen Schube eine Rolle
---
-z -
-1

89
Goldstücke hervor, sie ihm zu geben. Seine Blicke
flogen danach hin, seine Hand streckte sich mit raschem
Verlangen danach aus. Es war die Aussicht auf Be-
freiung, die ihn reizte, nicht der Besiz des Hauses
und das Erbe. Aber vor sich selbst erschreckend, ent-
fernte er sich von der Mutter. Denn jetzt, hier unter
diesem Dache, hier unter der Mutter hartem Blick
und Wort, trat plözlich die nackte Wirklichkeit an ihn
heran, und hob die gewaltige Hand auf gegen ihn
und gegen sein Verlangen, und gegen die Hoffnun-
gen, welche Viktorinens gauklerische Phantasie in ihm
entstehen machten.
Hier von eben dieser Stätte war dereinst sein
Vater durch sein Verbrechen fortgetrieben worden in
die Welt. Durch diese Thüre war seine Mutter fast
ein Menschenalter lang an jedem Tage früh und spät
hinausgeschritten, ihre büßende Andacht in der Kirche
zu verrichten. An diesem Tische hatte er gesessen,
nachdem er es erfahrxn, daß und weshalb ihn seine
Mutter mit einem heiljgen Eide der Kirche angelobt.
Und standen sie denn nicht mehr drüben, die Kirche
und des Klosters Mauern? Hatte er das Gelübde der
e?
Mutter nicht auf sich genommen, und es aus eignem
Entschlusse bekräftigt in der Stunde, in welcher er
N
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!-
1
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s=.

die Weihen empfangen, in welcher er geschworen hatte,
in Keuschheit, in Armuth und in Gehorsam der Welt
und ihren Freuden zu entsagen, um seines Vaters
Schuld zu sühnen und dem Herrn zu dienen für und
für?=- Was war denn über ihn gekommen?-- Ach!
er wußte es nur zu gut!-- Er schlug verzweifelnd
die Hände in einander; es stand schlimm um ihn und
um sein Heil!
Wie die rasch aufgestiegenen grauen Wolken
draußen - so düster und in so wildem Zuge jagten
die Gedanken durch sein Hirn. Er sah die Mutter
vor sich stehen und hörte doch daneben Viktorinens
verlockende Worte, und vernahm sie auch, die nicht zu
übertäubende Stimme seines Gewissens, die sich auf-
lehnte gegen die Mutter und gegen Viktorine, und
die niedergehalten wurde von jenem geheimen Ver-
langen, vor dem ihm schauderte, daß er ihm den
rechten Namen nicht zu geben wagte.
Der Mutter Auge folgte jeder seiner Bewegungen
und Mienen, sie näherte sich ihm und zog ihn mit starker
Hand zu sich zurück. ,Du zauderst?? fragte sie, in-
f dem sie ihm ihr Gold noch einmal darbot.
,Der Wahnsinn kommt über Dich und mich!?
rief er, ,laß ab von mir mit dieser Qual!'r
- s
. =s

,Du zauderst? wiederholte sie mit Bitterkeit
und von der wilden Gewalt des lang verhaltenen
Schmerzes hingerissen; sie stieß seine Hand von sich
und höhnte: , Bleib denn ihr Knecht, und trage ihre
Kutte und ihre Ketten bis an Dein Lebensende!r und
mit raschem Schlage den Deckel der Truhe zuwerfend,
sagte sie: , Ich wollte, das Wetter, das dort aufsteigt,
zerschmetterte das Haus und mich, ehe daß es ihnen
in die Hände fält!r'
,,Mutter! Mutter! warnte und flehte Benedikt.
,Es liegt schon Fluch genug auf diesem Hause!
, So geh' hinweg von seiner Schwelle! geh! und
sing' und bete mitten unter ihnen, die ihre habgierigen
Häinde heuchelnd falten, bis sie es an sich gerissen
haben werden, all unser Hab und Gut! Und kehre mir
nicht wieder, denn Du hast kein Herz, keine Ehre!
Du bist zu feig zu sühnen, was Dein Vater an mir
gesündigt hat! Nicht einmal es zu versuchen hast Du
Muth!- Muß es denn mit uns aus sein und mit
unserm Hause, so seis je eher, je besser! Geh! auf
Nimmerwiederkehrl?
Sie lachte laut auf wie im Irrsinne. Es fuhr
ihm kalt durch Mark und Bein. Wie die fahlen
Schwingen aufgeschreckten Nachtgevögels, verwirrend

H
und ungreifbar, schwirrte es durch seinen Sinn, daß
ihm davor graute.
,Auf Nimmerwiederkehr!r sprach er ihr tonlos
nach, und sie fliehend, um sich vor sich selbst zu retten,
eilte er von dannen.

Kapitel 06

Hechsies Cnpiiel.

I Pater Theophilus' Brust schlug ein mildes,
weiches Herz. Er liebte Benedikt wie sein leiblich
Kind, und härmte sich um der Versuchung willen, der
er ihn ausgesetzt und um den Kampf, in welchen er
ihn verwickelt wußte.
Als er sich vor jenen langen Jahren Jakobäa's
angenommen hatte, war es ihm nur um sie und um
ihr Heil zu thun gewesen, wo des Abtes weitblickende
Klugheit gleich im ersten Augenblicke die Vortheile
erwogen hatte, welche das Mißgeschick der Rathsuchen-
den dem Kloster bringen konnte, wenn man es richtig
zu benuzen wußte; und Jakobäens und ihrer Kinder
Heil und Frieden lagen dem greisen Pater auch noch
jezt am Herzen, wenn schon er seines Oberen Zwecken
diente.

F
Er selber hatte keine Angehörigen mehr. Das
Kloster war seine Heimath, die Brüderschaft seine
Familie geworden, wie der Doktor es Viktorinen zu-
treffend genuug bezeichnet hatte. Aber der unabweis-
liche Trieb der menschlichen Natur nach irgend einem
Wesen, dem er seine liebende Sorge, seine Pflege an-
gedeihen lassen konnte, jenes Verlangen, das dem Ein-
samen die Spinne werth macht, welche sich an das
Fenster seines Zimmers heftet, war in des Mönches
sanfter Seele darum nicht erloschen, und seine ganze
Zärtlichkeit hatte sich Benediktus zugewendet. Seine
Gebete galten ihm, seine Gedanken folgten ihm, seine
Liebe wachte über ihn. Er hatte es deshalb mit
Genugthuung vernommen, daß Viktorine für einige
Tage das Thal verlassen hatte, denn er hoffte, ihre
Abwesenheit solle Benediktus heilsam werden und ihm
Ruhe gönnen. Der Jüngling aber war von Ruhe
weit entfernt.
Wie ein Sturmstoß den Ast vom Baume, so
hatte der Mutter ungemessene Leidenschaft ihn hin-
-weggetrieben von der Schwelle seines Vaterhauses.
-Er war gegangen, er wußte nicht wohin. Keines
festen Gedankens, keiner klaren Vorstellung mächtig,
war er vorwärts geeilt, nicht achtend des schweren
s

Wetters, das emporstieg, nicht achtend des stärker und
stärker werdenden Sturmes, mit dem das finstere
Gewölk, das Licht verschattend, in das Thal einzeg.
Schon waren der Berge Gipfel nicht mehr sichtbar,
schon hörte sich's wie ferner Donner in der Luft; die
Vögel suchten ängstlich gegen den Wind ankämpfend
ihre Nester. Von dem breiten Fahrwege, der das
ganze Thal durchzog, wirbelte hoch der Staub empor.
Ein fahler Sonnenstrahl, der durch die Wolken nieder-
fiel, durchleuchtete ihn einen Augenblick, dann ward
es wieder dunkel, und nur der weiße Gischt erglänzte
noch auf den finstern Wellen des Bergwassers, daö
durch das zitternde Gras der Wiesen rauschte. Mt
grellem Streiflicht zuckte ein Bliz vorüber. Den Laut
deö Donnerö verschlang das Heulen des Sturmes.
Er beugte die Wipfel der Bäume, daß die Aeste
knarrend stöhnten. Hier flog zwischen den Blättern,
die er vor sich hertrieb, ein Zweig, dort ein anderer
zu Boden. Ein neuer heftiger Sturmstoß, ein flam-
mender Bliz, ein Donner, der von den Bergen wieder-
hallte, daß alle Kreatur davor erbebte- und in
prasselnden Strömen fiel schallend der Regen vom
Himmel auf die Erde nieder.
F. Lewald, Benedikt. l.

Benedikt hatte den Aufruhr in den Elementen
kaum empfunden. Mit festem Schritte war er an-
gegangen gegen den brausenden Wind; es hatte ihm
wohlgethan, einen äußeren Widerstand zu besiegen,
weil er des inneren nicht Herr zu werden vermochte.
Ohne sich zu fragen, wohin er wolle, war er, von
seiner Unruhe getrieben, fort und fortgegangen, bis er
aufathmend sich auf der Klostermatte wiederfand. Ein
unbewußtes Verlangen hatte ihn hingezogen nach der
Stätte, an welcher er sie zuerst allein getrofen, nach
dem Platze, an dem sie ihm wieder zu begegnen ver-
heißen hatte.
Er wußte, daß sie nicht da sein konnte, und sein
uge suchte sie doch! Er wußte, daß er sie liebte --
leidenschaftlich liebte, -- er, der gottgeweihte Mönch,
für den es Meineid war, an sie zu denken! Und doch
fühlte er sich versucht, nach ihr zu rufen, nur um den
Namen auszusprechen, in dem für ihn sich alles Glück
und alles Leid zusammendrängte; aber er preßte den
Laut in seine Brust zurück. Er fürchtete, sie werde
ihm erscheinen: ein Truggebild, sie und doch nicht sie,
die Verlockung zu vollenden, die wie mit einem Zauber
ihn befangen hatte seit der Stunde, in welcher sie
ihm den Sinn umstrickt mit ihrem Singen, und

W9
ihm den Blick eröffnet hatte in die Welt, in der
sie lebte.
Er lehnte wieder unter dem Baume, an welchem
er dazumal gestanden. Drüben, jenseit der Thal-
schlucht lag sein Vaterhaus, zur Rechten stiegen die
Mauern und Thürme des Klosters in die Höhe; aber
der dichte Regen und die tief im Thale ziehenden
Wolken verschleierten die Einen wie das Andere, daß;
er es sah, als wäre er weit davon entfernt, als zueg-
ten die Wasser eines Meeres zwischen ihm und jenen
Stätten, als schwellten und stiegen sie um ihn emper,
in neuer Sündfluth ihn und alles Erschaffene zu ver-
schlingen, um ein Ende zu machen dem Kampfe und
den Qualen, denen er sich nicht gewachsen fühlte.
Wie ein Schwert war die Erkenntniß, daß er in
Liebe für ein Weib entbrannt sei, durch seine Seele
gefahren und hatte sie in sich zerspalten, daß sein
Wünschen und Begehren sich wie Feinde erhoben gegen
seinen Eid, und sich nicht beugen wollten vor dem
Ruf des eigenen Gewissens. Er wollte sich besiegen
und streckte sehnend die Arme aus nach ihr, die all
das Unheil über ihn gebracht, die auch seine Mutter
aus ihrem schwer errungenen Frieden aufgescheucht, die

? s
- .
.



s

1
ihr das Herz verwandelt hatte wie ihm; ver-
wandelt, wie der Freund es warnend ihm vor-
ausgesagt --- daß keine Macht den Zauber lösen
konnte, der ihn gefangen hielt und an sie band; daß
Nichts ihm übrig blieb, daß er verloren war, verloren
hier und dort in alle Ewigkeit!
Die Gewalt des Wetters hatte sich ausgetobt, der
Regen fiel allmälig still und dicht hernieder. So
weit sein Auge reichte, war kein Mensch zu sehen.
Frei war er in diesem Augenblicke! Wenn er diese
Gelegenheit benuzte, zu entfliehen, wenn er diese
Stunden benuzte, dad Thal zu verlassen, so war ein
weiter Vorsprung für ihn möglich, und Beistand zu
finden durfte er gewiß sein, wenn er dem Dringen
- der Mutter, der Weisung Viktorinens nachgab. In
dieser Stunde, vielleicht in keiner anderen jemals
wieder, hatte er sein Schicksal in der Hand.
Er brauchte nur zu wollen, und er konnte er-
reichen, was ihn in seinen Knabenträumen so gereizt.
Die Welt lag vor ihm ofen, wenn er die Kraft, den
Muth besaß, sich jeyt in sie zu stünzen.
Den Muth! Die Kraft!
Er hielt mit einemmale inne. Den Muth, mit
allen seinen Kräften nach Befriedigung seiner Be-

11
gierden zu ringen, den besaß jedweder rohe Mensch,
den besaß sogar das wilde Thier!-
Aber war das die Kraft, nach der er getrachtet
hatte, als nach seinem höchsten Ziele? Der Muth der
irdischen Selbstsucht, was hatte der gemein mit jener
Kraft und jenem Muthe all der Tausende von Män-
nern und Frauen, die, der Welt und ihrem lrügeri-
schen Schein entsagend, auf all ihr menschlich Wollen
und Begehren verzichtet hatten, dem Heilande nachzu-
folgen und ihm ähnlich zu werden, dem Gottessohne,
dessen Bild sich hier vor ihm erhob?
Er schlug sein verdüstert Auge scheu empor zu
dem Kreuze, das inmitten der Klostermaue aufgerichtet
stand. Wie oft hatte er vor demselben geknieet, ein
Knabe noch, als sein ungezähmter Sinn sich wider-
willig aufgelehnt gegen den Gedanken, daö Ordens-
kleid zu tragen! Wie viele Stunden hatte er sich hier
versenkt in Betrachtung und Anbetung des Lebens und
des Beispiels dessen, der es der Menschheit kund ge-
than, wie sie zu leben habe, um sich emporzurichten
aus der Finsterniß zum Licht, aus der Erde Schlamm
in reinere Regionen. Hier an dieser Stelle hatte er
geknieet auch an dem Abende des Tages, an welchem
er die Weihen empfangen, und hatte freudigen Herzens

1
die Eide wiederholt, die er gläubiger Neberzeugung
voll, am Altar ausgesprochen, in Keuschheit, in Armuth
und in Gehorsam zu verharren bis zu seinem letzten
Athemzuge, um ein würdiger Verkünder zu sein der
höchsten Gedanken, deren die Menschenseele fähig ist,
und deren sie nöthig hat, um nicht herahzusinken zu
dem Thier: die Selbstverleugnung und die Nchsten-
liebe.
Er fiel auf seine Kniee, und als hätte ein
Gnadenschaz sich angesammelt hier an dieser Stelle, so
erweichte sich sein Schmerz. Der feste Glaube, der
ihn hier so oft erhoben, die fromme Zuversicht und
Rührung früherer Tage, sie dämmerten wieder in ihm
auf. Sie leuchteten ihm hell und heller in das
Dunkel seines Kampfes, und träufelten milde, be-
seligende Wehmuth in sein Herz.
Er preßte seine heiße Stirne gegen das Kreuz, er
rief in flehender Angst zu ihm empor, der aller Ver-
suchung und Verlockung widerstanden, der gerungen
und gekämpft hatte als des Menschen Sohn, der wie
ein Mensch geschaudert hatte vor der Bitterkeit des
Schmerzes und des Todes, und der dennoch über-
wunden hatte in Glauben und im Vertrauen, und
hingegangen war, den Kreuzestod zu leiden -- er, der

18
Sündenfreie! Der auf sein schuldlos Haupt gendm-
men die ganze Sündenlast der Menschheit, die vor
;Mxf - -- ---
Mit beiden Armen klammerte er sich an das
Kreuz.- Er konnte wieder beten: für sich, für seine
Mutter, und auch für sie! Er konnte beten, und er
konnte weinen. -
Es war schon gegen den Mittag hin, als er end-
lich durch das Thor des Klosters einging. Man
hatte ihn vermißt, und fast gefürchtet, daß ihm ein
Unfall bei dem schweren Wetter zugestoßen wäre.
Seine Erschöpfung fiel nicht auf, sie war nur zu er-
klllrlich, und man sah ihn ruhig nach seiner Zelle
gehen. Nur Pater Thevphilus folgte ihm dorthin,
des Greises Auge war so wenig wie sein Henz zu
täuschen.
Er fragte, was geschehen sei.
Statt der Antwort warf sich Benodikt in seine
Arme; der Greis hielt ihn an seinem Herzen fest.
Er drang nicht mehr in ihn, da Jener schwieg. Er
kannte seinen Schüler und wußte, wie er ihn zu
nehmen hatte.
Benedikt hatte sich von ihm les gemacht und war


A1
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a. Ka sa ..K. K.


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Kapitel 07

Früh am andern Morgen knieete, als die Früh-
mette gesungen war, der Jüngling vor dem Beicht-
stuhl, in welchem Pater Theophilus Beichte hörte.
Das Gewitter des vergangenen Tages hatte die
Natur erfrischt, die Kirchenthüren standen offen, der
Morgenluft den Einzug zu gestatten. Die Sonne
schien warm hinein. Sie beleuchtete die Weihrauchs-
wölkchen, welche von der Frühmette her noch durch
des Chores Gewölbe zogen. Eine verirrte Schwalbe
schoß unter dem hohen Dome hin und wieder, ängst-
lich den Ausgang suchend, während die geöffneten
Thüren ihr doch denselben boten. Sonst regte sich
in der Kirche Nichts. Nur den schweren Pendelschlag
der Thurmuhr vernahm man in der tiefen Stille.

z
108
Benedikt hatte seinem Beichtiger das tiefste Innere
seines Herzens bloß gelegt. Er hatte Nichts zurück-
behalten, Nichts beschönigt. Wie er in den bangen
Stunden dieser Nacht unerbittlich die lezte Falte seines
Herzens vor sich selbst enthüllt, so sprach er jezt vor
seinem Beichtiger all sein Irren und sein Fehlen, sein
sündhaft Wünschen und sein frevelnd Hoffen aus.
s -Ze-===-Fe« F=- Er öerichtete, wie Viktorinend Herantreten ihn
?
überrascht, wie ihr Gesang ihm Leib und Seele auf-
geregt. Er klagte sich an, daß er sein erstes einsames
Begegnen mit ihr geflissentlich verschwiegen, daß des
Doktors wohlgemeinte Mahnung ihn nur noch leb-
hafter gereizt habe, die Sängerin wiederzusehen. Er
gestand, wie er sich absichtlich betrogen, wie bei aller
Begeisterung, welche er für die Kunst empfinde, es
nicht die Liebe zur Musik allein gewesen sei, die ihn
die Fremde suchen machen, sondern die Leidenschaft
der Liebe für sie selbst, in ihrer ganzen verzehrenden
Gewalt.
Er schilderte dem Greise, wie Viktorine ihm von
einem Leben in der Welt und in der Kunst gesprochen
habe, bei welchem ihm der Erdenfreuden und der Be-
wunderung reiches Maßß nicht fehlen könne; wie sie
ihn auf die Möglichkeit verwiesen, durch des höchsten

19
Priesters Gnade seiner Eidespflicht enthoben, und
zur Rüückkehr in die Welt, zur freien Hingebung an
die Kunst ermächtigt zu werden. Selbst daß sie seiner
Mutter das gleiche Ziel als ein für ihn erreichbares
bezeichnet, und daß die eigene Mutter mit flehender
Bitte in ihn gedrungen habe, das Wagniß zu bestehen,
um dann als ihres Hauses Erbe sein Geschlecht einst
fortzupflanzen, selbst das enthielt er seinem Beichtiger
nicht vor.
Aber seine Stimme bebte, seine bleichen Wangen
röthete die Scham, als er diese Worte über seine
Lippen gehen ließ, und obschon er deö Sprechend
ebenso gewohnt, als des Ausdrucks mächtig war, ver-
stummte ihm der Mund. Erst des Paterö Frage, was
er erwidert und gethan habe auf der Mutter Vor-
schlag, rief ihn aus seiner Versunkenheit empor.
,Wie des Irrlichts Flamme, die in die Tiefe
lockt, aus der kein Wiederkehren ist,? sprach er, »le
erglänzte und lockte das Gold vor meinen Augen. Es
war der Schlüssel zu dem Glück der Welt. Eine
höllische Versuchung stellte mir in Bildern, die ich
nie erschaut, ihre Freuden in hellstem Lichte vor, und
es war der eignen Mutter Hand, die es mir bot, es
war meine Mutter, die in mich drang, zu fliehen und

1
des Lebens zu genießen in der Welt, in welcher =-e
Er hielt inne und preßte die gefalteten Hände
gegen seine Stirn.
Theophilus erbarmte seiner, doch schonen durfte
er ihn nicht. ,Vollende!' mahnte er, ,und sprich es
aus, was Du zu denken nicht gescheut hast. Was
war das lezte Ziel, nach dem Du strebtest in der
WeltF
,Gönne mir's, mein Vater, daß mein Mund sie
nicht mehr nenne !'r bat der Jüngling kaum vernehm-
bar, und auf seine inbrünstig gefalteten Hände fielen
ein paar heiße schwere Thränentropfen nieder.
Der Pater ließ ihm eine kleine Rast.
, Und was hielt Dich zurück? fragte er danach.
,,Nicht meine Kraft, mein Vater!r bekannte Bene-
dikt. ,Mir wallte das Herz auf in sündiger Begier.
Ich streckte die Hand aus, ich war entschlossen, ob-
schon ich wußte, was ich damit that. Da- - wie
soll ich's nennen, was mich plözlich hielt und bannte?
Und noch einmal stockte ihm das Wort, daß Theophilus
ihn zu sprechen mahnen mußte.
,Ich dachte nicht an Gott, nicht an den Heiland,
nicht an mich und meiner Seele Heil, nicht an die
Verdammniß, der ich mich überliefern wollte. Es

11
war kein heiliger Gedanke, der mich zaudern machte.
Eine weltliche Rücksicht war es ganz allein. Ich fühlte
ein Mitleid, ein Erbarmen mit der Mutter. Ich sah
ihr verstörtes Angesicht, das zornige Feuer ihres
Blickes, und ich sagte mir: des eidbrüchigen Mannes
unglückseliges Weib soll nicht die Mutter eines Sohnes
sein, der seinen Eid gebrochen hat!- Sie soll sich
vor den Menschen des Sohnes nicht zu schämen haben
wie des Gatten, nicht zu büßen haben auch für mich!
Besser, daß ihr Zorn sich auf mich richtet, als daß
der Heiland sein Antliz wenden muß von ihr, auf
der des Unheils und des Fluches genug schon
lastet!?
,Hast Du ihr das ausgesprochen? fragte Theo-
philus, dem ungesehen die Augen übergingen, daß er
sie trocknen mußte mit der Hand.
Benediktus verneinte es. ,Ich war mit meiner
Kraft zu Ende, die Versuchung war zu groß, ich
konnte Nichts als fliehen !'- und von der Gewalt
seiner unterdrückten Leidenschaft rasch und rascher vor-
wärts getrieben, sprach er dem Beichtiger von dem
Widerstreben jeines Sinnes, von der Auflehnung seines
irdischen Menschen gegen das Begehren, sich aus der
sündigen Verirrung emporzurichten und seine Seele

u1
zu erheben zu dem Herrn und Heiland in freudiger
Entsagung. -
, Hilf mir dazu, mein Vater!' flehte er, , hilf
mir, daß ich nicht erliege unter dem Sturm der Sinne,
der mich verwirrt, daß ich Nichts sehen und denken
kann, als sie - als sie allein!?
Er brach zusammen, in seinem Schmerz ver-
stummend. Der Pater störte ihn nicht, er ließ ihm
sich zu sammeln Zeit, und er hatte auch mit sich selbst
zu Rathe zu gehen. Er war katholischer Christ aus
tiefster, treuster Neberzeugung; er hatte das Ordens-
kleid als das höchste Ehrenzeichen angelegt, nach dem
sein frommes Herz getrachtet, und nie ein anderes
Ziel gekannt, als in Gottesfurcht und Menschenliebe
sein Dasein in des Klosters heiliger Abgeschiedenheit
zu verbringen, bis des Herrn Wille ihn dereinst rufen
würde, um ihn gnädig einzuführen in die Gefilde
einer besseren Welt, hin zu des Paradieses heiligen
Pforten. Sein ganzes irdisches Wünschen hatte sich
auf Benedikt bezogen. Ihn hatte er fortschreiten zu
sehen gewünscht in Wissenschaft und Kunst, für ihn
hatte er ehrgeizige Hofnungen gehegt Er war stolz
gewesen auf des Jünglings mächtige Stimme, und
was er sich bisher nicht eingestanden hatte, selbst auf
sa=saTaasSuseaaaTsasüsSsKKFzaä

118
des jungen Mannes stattliche Gestalt und Schönheit.
Er empfand dies jetzt mit schwerer Reue, als er in
das bleiche, schmerzzerrissene Antliz schaute, das zu ihmn
emporsah. Auch er hatte gefehlt, auch er hatte sich
anzuklagen. Weil du an einen sterblichen Menschen,
so sagte er sich, dein Herz gehängt, mehr als dir
heilsam war, trifft dich des Herrn Hand in diesem
Gegenstande deiner Erdensorgen, und dir geziemt's, mit
ihm zu büßen seine Schuld, ihm tragen zu helfen,
was ihm auferlegt ist, auch um deiner eigenen Sün-
den willen!
Hätte er seiner Einsicht folgen, nach seinem Er-
messen handeln dürfen, so würde er Benediktus mit
irgend einem Auftrage, der angestrengte Arbeit erheischte,
weit weg entsendet haben in ein fernes Land; abeu
des Abtes Wille hatte anders über ihn bestimmt und
Theophilus hatte sich vor dem Willen seiner Oberen
in Gehorsam zu bescheiden.
Sein unbeirrtes, kindliches Vertrauen in die gött-
liche Vorsehung kam ihm dabei zu Hülfe. Es gab
ihm die Festigkeit, deren er zum Troste für sich und
Benedikt bedurfte. Der Abt hatte es ausgesprochen,
daß es dem Menschen nicht zustehe, in des Höchsten
Fügung vermessen einzugreifen. Wer durfte Bene-
F. Lewald, Benedikt. 1.

geaaaeag
1l4
diktus also zu schützen trachten, wenn des Höchsten
Weisheit es beschlossen hatte, ihn in Versuchung fallen
zu lassen, damit er ringen und kämpfen und sich be-
jiegen lerne?=- Und wieder tauchten die Vorliebe und
das ehrgeizige Hoffen für den Sündigen, ohne daß er
sich dessen bewußt ward, in dem frommen Greise auf.
Sie waren ja Alle viel geprüft worden, und schwer
versucht, und hatten unterlegen und sich erst in heißen
Kämpfen zu befreien trachten müssen, die. heiligen
Märtyrer, die Blutzeugen und Nothhelfer, um deren
selige Häupter jezt der Glorienschein erglänzte. So
mußte denn auch Benediktus sich unterwerfen, sich dem
Rathschluß Gottes unterwerfen, und sich zu erretten
suchen durch Kasteiung seines Fleisches, durch Er-
hebung seines Geistes; an Theophilus aber war es,
ihm beizustehen, ihn zu ausharrendem Neberwinden zu
ermahnen.
Mit beredtem Worte sprach er dem Zerknirschten
zu. Was ihm selber wie eine Erleuchtung in der
Nacht der Trübsal gekommen war, das goß er ernst
und doch erbarmungsvoll dem Schmerzzerrissenen in
das Herz.
,Seit Du die Hände zu falten vermochtest und
Deine Lippen die Worte stammeln konnten,? sagte er,

115
, hat man Dich angehalten, das Gebet zu sprechen, das
der Heiland uns gelehrt. Früh und spät hast Du
mit seinen Worten zu dem Herrn gefleht: Führe uns
nicht in Versuchung! Und da die Versuchung nuu
an Dich herantritt, da der Allweise sie Dir in Deinen
Weg stellt, damit Du Dir bewußt würdest Deiner
Unzulänglichkeit, und angetrieben Dich um so in-
brünstiger zu ihm zu wenden, von dem allein uns
Heil und Hilfe kommt, jezt denkst Du sie nicht zu be-
stehen die Prüfung, die der Herr Dir zuerkennt?
Jezt denkst Du feig zurückzuschrecken vor der Arbeit
an Dir selbst, die Dein zugewiesen Thell ist?-- Ist
das der Glaube an die Vorsehung? Ist das die Nach-
folge des Heilandes, der sein Kreuz auf sich genommen
hat, und zu dem Du Dich bekannt hast?
Benediktus neigte das Haupt hernieder. , Es ist
in der Ereatur,! fuhr der Greis mit wachsender
Strenge fort zu ihm zu sprechen, ,daß ihre Verzagt-
heit widerspenstig vor dem Leidenmüssen schaudert.
Auch der Heiland, so lange die Menschlichkeit ihn noch
umhüllte, hat sich niedergeworfen auf seine Kniee und
hat emporgeschrieen zum Vater: Herr! ist's möglich,
so gehe dieser Kelch an mir vorüber!- und da der
Erdenleib ihn bannte in den irdischen Schmerz, ist er


?
F
.
118
verzagt und hat in seinem Zweifel aufgestöhnt: Gott!
mein Gott! warum hast Du mich verlassen? =- Aber
er hat das Erdenleben überwunden und den Tod, und
ist eingegangen in das ewige Leben, aus dem er
niederbickt auf einen Jeden, und sich wendet zu einem
Jeden, der in der Versuchung Angst und Noth das
Auge und das Herz zu ihm erhebt. Und Du wolltest
feige fliehen, da Dein Erlöser mit Dir ist? Das sei
ferne von dem, der ihn erkannt hat und sein Ge-
löbniß abgelegt auf ihn.?
Er faltete die greisen Hände zu schweigendem
Gebet. Die Stille wirkte auf Benediktus noch ge-
waltiger als des frommen Paters Mahnung. Wie
hatten sie ihn sonst entzückt, der frische Lufthauch, der
so leise durch die Kirche zeg, das Sonnenlicht, das
durch die Fenster leuchtete! -- Jezt aber kühlte der
Lufthauch seine heiße Stirn nicht, das Sonnenlichter-
freute ihn nicht mehr, es lockte ihn nicht hinaus in
die Natur, die Gott erschaffen. Er hätte sich verber-
gen mögen in der Klostermauern engste Zelle, gefesselt
hätte er sein mögen, um nur seines freien Willens
ledig zu sein, um sie nicht suchen zu können, ihr nicht
mnehr begegnen zu können, auf die alle seine Gedanken
hingewendet waren im Wachen und im Traum.

,Was hast Du über mich beschlossen? Was solk
ich thun, mein Vater?! fragte er endlich bang be-
klommen.
,Des Tages Arbeit so wie immer!'r gab der
Greis zur Antwort.
Benediktus zuckte vor dem einfachen Gebot zu-
sammen. Der Greis bemerkte es, und er wußte, was
der Andere erwartet hatte; aber es stand nicht bei
ihm, dem Jünglinge die Art von Buße aufzuerlegen,
nach welcher es dem Schwankenden verlangte.
,Deine Tagesarbeit, wiederholte Theophilus,
, muß von Dir gewissenhaft geleistet werden, damit
im Kloster Niemand durch Dich Aergerniß empfange,
damit Niemand aus der Schülerzahl irre werde an
dem Beispiel eines unserer Brüder, der ihnen zum
Lehrer und zum Vorbild dienen soll. Arbeiten sollst
Du vor der Menschen Augen, und knieen vor dem
Herrn in Fasten und Gebet, daß er, der Dir die Ver-
suchung auferlegt, Dir die Kraft verleihe, ihr zu wider-
stehen; daß er Dich stärke und Dich rüste mit des
Wortes Macht, auch die Mutter, die Dich geboren
hat, zurückzuführen von dem Wege des Verderbens,
auf den sie hingerathen ist, damit nicht untergehe in

s
-
-
118
Verdammniß sie und ihr ganzes in Sünde und Ver-
brechen geborenes Geschlecht!'?=-
Er legte ihm dann die Art der Fasten, die Art
und Zahl der geistigen Nebungen auf, denen Benedikt
sich unterziehen sollte, er sprach den herkömmlichen
Segen über ihn, und verließ den Beichtstuhl und die
Kirche.
Benediktus aber lag noch da in Reue und Zer-
knirschung ganz allein. Erst als die Glocke zum
Gottesdienst der Schüler rief, erhob er sich, und müde
und langsam wie Einer, der eine schwere Bürde trägt,
ging er, wohin die Pflicht ihn rief - heiligen Willens
voll, aber erbangend vor dem Kampfe, den er kämpfen
foilte, und vor dem langen Leben, das noch vor
ihm lag.

Kapitel 08

Jchies
Cnpitel

Porine hatte ihre Anverwandten wohlauf an-
getroffen. Die Begegnung mit ihnen, die gemeinsame
Reise waren ein ununterbrochener Genuß für sie ge-
wesen, und die Neuangekommenen in dem Thale
herumzuführen, in welchem sie seit Wochen heimisch
geworden, war ihr der Gipfel des Vergnügens.
Der Vetter und der Oheim, die mitgekommen
waren, versicherten, daß die Baronin und Viktorine nie
besser ausgesehen hätien, als eben jetzt; die Cousine
fand das Reitkleid, das Jene sich für das Gebirge
ausgesonnen und nach dem Bedürfniß zurecht gemacht,
viel schöner als die sämmtlichen Anzüge, welche sie
daheim und unterweges in den ersten Magazinen an-
getroffen hatte. Die Baronin merkte es erst in dem
Beisammensein mit einer größeren Anzahl von Per-

u
sonen, daß ihre Kräfte in unerwarteter Weise zuge-
nommen hatten. Der Doktor wurde mit Anerkennung
überhäuft, das freundliche Haus belobt, die Kost mit
der Eßlust von Bergsteigern genossen. Es war gerade
wie bei der Ankunft der Baronin, nur daß man sich
nicht der phantastischen Freigebigkeit befleißigte, die
Viktorine an den Tag gelegt hatte; und die Gäste wie
die Wirthe waren voll Zufriedenheit, beseelt von bester
Laune.
Am Nachmittage des zweiten Tages regnete es
ein wenig. Die beiden älteren Frauen plauderten am
Kaffeetisch, die Männer spielten Karten, Viktorine
hatte sich mit der Cousine in ihrer Gallerie niederge-
lassen. Sie wollte den Hut derselben nach ihrer Er-
findung aufstutzen, und die kleine lockige Nanette sah
mit Staunen und Vergnügen, wie ihr das Vorhaben
gelang.
,Es ist unglaublich,? sagte sie, indem sie vor
Viktorine niederknieend, die Schleife betrachtete, welche
diese eben an der linken Seite des Kopfes so geschickt
befestigt hatte, daß sie den Rand des Schirmes hob,
die Feder fest hielt, und den breiten Bändern doch alle
Freiheit ließ, flatternd die Schultern zu umspielen,
,es ist unglaublich, wie Du das Alles anzufassen,

1
Alles nach Deinem Sinn zu machen weißt! Dir
glückt wirklich Alles, was Du in die Hand nimmft!?
Viktorine ließ sich nicht in ihrer Arbelt stören.
Sie wußte, daß sie das Jdeal Nanettens war, daß
der Kleinen höchster Ehrgeiz dahin ging, es ihr we-
möglich nachzuthun, bewundert und gefeiert zu werden
wie sie, und das machte ihr das Mädchen lieb. Sie
hielt den Hut prüfcnd in die Höhe, besah ihn von
vorne, und meinte dann: ,Das ist angeborenes Ge-
schick und freilich auch ein wenig künstlerische Bildung.
Indeß diese sich anzueignen, muß eben eine Anlage
dazu vorhanden sein, und zuletzt kommt's immer und
überall auf die tiefsinnige Weisheit der Meerkazen im
Faust hinaus:
Und wenn es glückt
Und wenn es sich schickt,
So siud es Gedanken!
Damnit Du aber siehst, daß ich wirklich geistreiche
Einfälle habe, werde ich Dir hier oben nech, als
Krönung des Gebäudes, die Spielhahnfeder hinstecken,
die Du unterwegs gekauft hast.
Nanette fand das entzückend, Viktorine nestelte
und heftete eifig an den Bändern, an dem Schleier,
und ließ es dabei geschehen, daß die Cousine in der

:
Gallerie hin und wiedergehend, sich die Zeichnungen,
die Bücher, die Noten, die Pflanzen und die mannig-
fachen Gegenstände ansah, die auf den Tischen ausge-
breitet waren.
, Wenn man sich das Alles so betrachtet,? meinte
das junge Mädchen, ,dann begreift man es freilich,
wie Du es hier in diesen Wochen auch ohne jegliche
Gesellschaft ausgehalten hast. Ich hatte Dich wirklich
beklagt, weil Du so lange in dieser Weltabgeschieden-
heit verweilen mußtest.
,Du kennst die Gesellschaft nicht so auswendig
als ich!' warf Viktorine hin, und versuchte es, noch
eine Stahlschnalle an dem Hute anzubringen.
,Die Gesellschaft, in der man täglich lebt, kennt
im Grunde Jeder von uns zur Genüge, sagte Na-
nette, die doch eine verhältnißmäßige Erfahrenheit kund
zu geben wünschte, ,aber eben weil man der gewohn-
ten Gesellschaft, der gewohnten Umgebung müde ist,
geht man ja auf Reisen.?
Viktorine lächelte.,Der holde Schaz! Er geht
noch auf Reisen, um neue Eindrücke zu empfangen,
geistreiche Bekanntschaft zu machen! Auf Eisenbahnen,
in Dampfschifen! wo der Eine wie der Andere seinen
Bäädeker und Murray in der Hand hält, wo Niemand

1
mehr weiß, als er gedruckt vor Augen hat, und Keiner
an etwas Anderes denkt, als an sein Gepäck und an
sein Unterkommen in dem nächsten Nachtquartier!'
, Man bleibt aber doch nicht immer in der Eisen-
bahn. Man lebt in fremden Ländern, unter fremden
Menschen, man trifft doch bisweilen wirklich geistreiche
Männer an !=- wendete Nanette ein.
,,Geistreiche Männer,'' wiederholte Jene mit leich-
tem Spotte, ,geistreiche Männer, denen wir und unsere
Schönheit neu sind, die sich überrascht von ihr, die
sich hingerissen von uns zeigen, deren Huldigungen
wir noch nicht empfangen haben! Indessen-- ob
man Dir das englisch und französisch zu verstehen
giebt, es ist im Grunde immer nur dasselbe, und läuft
im besten Falle doch zuletzt darauf hinaus, daß man,
mit welcher Wendung es auch sei: uns und was wir
an Besiz besizen, zu besizen wünscht! Das aber ist
recht langweilig, wenn man es immer wieder durchzu-
machen hat; denn ein Mann, der uns von Liebe spricht
und Liebe fordert, ist immer lächerlich, wenn man ihn
nicht schon selber liebt.r?
Sie kannte genau die Wirkung, welche derartige
Behauptungen auf jüngere und vom Glück noch nicht
verwöhnte Frauenzimmer machten. Die Herrschaft und

12s
der Zauber, mit denen sie die jüngeren Mädchen an
sich fesselte, beruhte zum großen Theil auf der Gering-
schätzung der Männer, auf der Verspottung der Liebe,
in denen Viktorine sich gehen zu lassen liebte, denn
wer dasjenige verschmähen und verachten kann, was
Andere heiß ersehnen, stellt sich damit hoch über sie.
Die Cousine staunte auch den mächtigen Aus-
spruch wie es sich gebührte an, es war jedoch zuviel
von dem Blute ihrer Familie und ihres Volks in ihr,
als daß sie sich so leichten Kaufes abweisen lassen
sollte, und schelmisch zu der Beschäftigten hinüber-
blickend, meinte sie: ,Du sagst, eine englische und
eine französische Liebeserklärung sei eben so langweilig
als eine deutsche --- von einer italienischen hast Du
das nicht gesagt.?
,Sieh, wie Du klug bist, Kleine! Woher kommt
Dir aber dieser gar nicht üble Einfall?
Nanette machte ein pfiffiges Gesicht. ,Man
findet doch, troz allem Deinem Spotte,! sagte fie,
,auf der Reise hie und da einen Menschen, der nicht
so ist, wie alle Welt. Wir zum Beispiel sind erst vor
wenig Tagen mit einem Italiener zusammengetroffen,
den man gar nicht übersehen konnte. Groß, schlank, breit-
schultrig, das prächtigste Haar und ein paar Augen=


ue?
,Nun? fragte Viktorine, da Jene mit Berech-
nung inne hielt.
,Die Mutter war ganz fort, ganz außer sich
über seine Augen, über seine wahrhaft fürstlichen
Manieren; und so scharfsichtig waren diese Augen, daß
fie es gleich entdeckten, wie ich einer Dame ähnlich,
sehr ähnlich sähe, die er-e-
, Kleiner Narr! Meinst Du mich überraschen zu
können?- sagte Viktorine gut gelaunt, indem sie sich
erhob, den fertig gewordenen Hut der Cousine zum
Probiren hinzureichen. Aber wie sehr Nanette sich in
dem neuen Aufputz auch gefiel, es war ihr doch noch
wichtiger, sich Viktorinen gegenüber als Mitwissende
und Vertraute zu behaupten.
,Du weißt also, daß er kommt? fragte sie ge-
heimnißvoll.
,Sweifelst Du daran, mein Kind? gab Viktorine
ihr zur Antwort.
,,Die Tante hat aber meiner Mutter doch gesagt,
sie sei bedenklich, wie Du des Grafen Kommen an-
sehen, und was zu thun Du Dich entschließen würdest.
Sie hat mir und der Mutter das tiefste Schweigen
anbefohlen.r
,Ouu glaubst also, wie ich sehe, auch noch an

s

128
Mütter, die verschwiegen sind, wo es sich um ihrer
Töchter Heirath handelt?-- Wie Du gläubig bist!
-- Ich glaube beinah, Du glaubst sogar, daß Du
selbst verschwiegen bistl?
Nanette wurde roth.,Bist Du mir böse? rief
sie, indem sie der älteren Freundin Hand ergrif.
,Wie sollte ich? entgegnete ihr diese, indem sie
ihr einen leichten Schlag versezte. , indeß Du hast
heut einen guten Tag, Du bekommst heute unentgelt-
lich Lehren der tiefsten Weisheit, und zwar im Neber-
fluß. Merk Dir es also zum beliebigen Gebrauch:
Frauen und selbst Männer, die zu schweigen fähig
sind, wenn durch Sprechen ihre Eitelkeit befriedigt
werden kann, sind seltener als weiße Raben! - und
ich selber mache, wie Du siehst, heut keine Ausnahme
davon!'
Das junge Mädchen warf sich an Viktorinens
Brust.,Ech, Viktorine!r rief es, ,wenn Du wüßtest,
wie mich das freut! Du bist also entschlossen, Dich
ihm zu verbinden?
,Hast Du daran gezweifelt, Kind? Hast Du es
für möglich gehalten, daß er kommen würde, wäre er
des Empfanges, der ihn erwartet, nicht zum Voraus
ganz gewiß? - Sich einen Korb zu holen! und gar

19
so weit zu reisen, um ihn sich zu holen, ist er nicht
der Mann.'?
, Und Du liebst ihn also? fragte Nanette, der
die Cousine nie bedeutender erschienen war, als in dem
kühlen Gleichmuth, mit welchemu sie ein, nach Nanettens
Meinung, neidenöwerthes Schicksal hinnahm. ,Ou
liebst ihn also
Viktorine konnte sich es nicht versagen, ihre Rolle
bis in die kleinsten Einzelnheiten durchzuführen. , Was
heißt das, lieben? sagte sie. ,Ic war sehr glücklich
ohne seine Liebe, ich hoffe durch sie noch glücklicher
zu werden, und ich habe sogar schon einen Plan dar-
auf gebaut.?
,Pu meinst, Ihr werdet Rom bewohnen?' fiel
ihr die Cousine ein.
,,Natürlich!' sagte Jene, ,aber das war es nicht,
woran ich dachte. Mein Plan bezog sich nicht auf
mich und meine Wünsche.
Nanette verstand sie nicht. Viktorine rääumte ihr
Arbeitsgeräth zusammen, und sagte, hin und wieder
gehend:,Was Ihr Andern in Eurem Sinne Huldi-
gung und Liebe nennt, das hat für mich, weil ich es
zu früh und gar zu oft genossen habe, seinen Neiz
verloren. Aber hier oben in der Einsamkeit habe ich
F. Lewald, Benedikt. ll.

18
ein kleines Abenteuer gehabt, das mich entzückt hat,
und es hätte nur gefehlt, daß ich mich selbst verliebte.?
Der Cousine Neugier war angeregt; sie bat mit
dringender Frage, Viktorine möge ihr vertrauen, und
diese verlangte es nicht besser, hatte es anders gar
nicht vorgehabt.
, Sieh!r sprach sie, indem sie ihren Federhut an
das Mittelfenster der Gallerie aufhing, so daß er von
der Straße leicht ersichtbar war --- ,so lasterhaft ist
die Cousine, die Du liebst! In diesem Augenblickbe-
stimme ich ein benäet-rouu!
Nanette nahm es fröhlich als einen Scherz auf.
,Eache nicht! Ich sage Dir die Wahrheit,r versicherte
ihr Viktorine. ,Euf dies Zeichen treffe ich morgen
in der Frühe in tiefer Einsamkeit den Sänger, den
wir gestern Abend hörten, und den wir heute wieder
hören werden.r
,,Den schönen Mönch, von dem Du uns ge-
sprochen hast?
,lben diesen!?
Nanette wurde verwirrt.,Cber weshalb? Wozu?
rief sie erschreckend, und doch voll Lust an der Ro-
mantik des Ereignisses.
,Was das für Fragen sind !r tadelte die Andere.

11
Es entstand eine kleine Pause, Nanette konnte
sich in das Abenteuer nicht gleich finden, denn ihre
unverdorbene Phantasie vermochte den Launen und
Verwegenheiten, deren Viktorine fähig war, noch nicht
zu folgen. Trozdem traute sie sich nicht, ihre Be-
denken auszusprechen, um nicht als ein einfältiges Kind
verlacht zu werden, und doch kam sie ein Schauder
an. Sie begrif es nicht, wie Viktorine eben jezt an
etwas Anderes, oder an einen Anderen denken konnte,
als an Graf Stefano, und mit beklommenem Herzen
fragte sie: ,Liebst Du den Much?
,, Liebe und kein Ende!r rlef Viktorine, ,und
dazu siehst Du aus, alö verdienten ich und er nur
gleich den Holzstoß und das Purgatorium hinterdrein.
Sei aber unbesorgt, es ist nicht auf Liebe sondern
einzig auf eine Befreiung abgesehen! Stefano soll
mir dabei helfen, und die sogenannte Liebe ist nur die
Handhabe, mit der ich meine Aufgabe durchzuführen
hoffe; denn, unter uns, wenn mich nicht Alles trügt,
so liebt der schöne Pater mich --- und vielleicht leiden-
schaftlicher als er selbst es weiß.?
Nanette ftand in sprachlosem Erstaunen vor ihr.
Viktorine gefiel der Ausdruck ihrer Mienen nicht, sie

u
gab sich jedoch den Anschein, sie nicht zu beachten.
Plözlich legte das junge Mädchen seine Hand auf
ihren Arm.
,Du bist klüger, bist älter, hast andere Erfah-
rungen als ich -- ich weiß das Mllee!? sprach sie,
,aber Deine Vermessenheit flößt mir Entsetzen ein.
Wird Graf Stefano Dir helfen wollen, wenn Dich
der Pater liebt? Und was soll aus diesem Armen
werden, wenn Dein Plan mißlingt??
, Willst Du ihn etwa trösten? scherzte Viktorine,
und sich danach zusammennehmend, sprach sie ernst-
haft: ,Wer an sich glaubt, ist immer mächtig, Kind!
Mich aber, merk es Dir, muß man ohne jeden war-
nenden Anruf meine Straße gehen und aus freiem
Antrieb handeln lassen; dann gelingt mir Alles-
und-
Sie horchte auf; draußen schlug drei Mal nach
einander die Glocke des Klosterthurmes drei Schläge
an, dann läutete es zum Abendgottesdienst.
,Laß Dir Deinen Mantel bringen, wir wollen
nach der Kirche gehen!r sagte sie.
,Du hast Dich vorhin in Deiner Rede unter-
brochen,' erinnerte sie Nanette, die sich so schnell
nicht von den Vorstellungen abzuwenden vermochte,

1s
welche Viktorine in ihr erregt hatte. ,Was wolltest
Du noch sagen?
,Nichts weiter. Aber willst Du mit mir wetten,
daß Du den Pater, der heute den Abendsegen singt,
einst noch andere Dinge singen hören wirst, und zwar
in Rom aus meiner Loge in der großen Oper??
, Und wenn nicht? brachte Nanette, die durch
Viktorinens Keckheit ganz benommen war, mit Schüch-
kernheit hervor.
,,WZenn nicht? Nun so hat der Arme doch Etwas
erlebt, und die Erinnerung gewonnen, daß sein Herz
einmal für eine Frau geschlagen, für die sich erwärmt
zu haben immerhin der Mühe lohnte! Und Zeit zur
Reue und zur Buße hat er dann vollauf.?
Sie hing einen leichten Schleier über ihr schwarzes
Haar, warf den Shawl um die Schultern, und ging
mit dem Gebetbuch in der Hand, die Mutter und die
Gäste zum Besuch der Kirche abzuholen.
gwopgwwpwwpwnwwgpöupggggpg

Kapitel 09

He Hut hatte am Fenster gehangen von früh
bis spät, und Viktorine hatte ihr Wort gehalten. Sie
war um die gewohnte Stunde hinaufgegangen nach
der Klostermatte, indeß Benedikt war nicht dort ge-
wesen. Sie hatte ihn erwartet bis zu der Zeit, in
welcher er in seiner Schulklasse erscheinen mußte, hatte
sich nach ihm, ja sogar nach einem Zeichen von ihm
umgesehen, bis sie sich in diesem Warten komisch vor-
gekommen, und davon gegangen war.
Der neugierig fragende Blick ihrer jungen An-
verwandtin steigerte ihre gute Laune.,Ich habe von
da oben,! sagte sie, ,wieder eine neue und sehr wich-
tige Lehre mitgebracht, mein Schaz, die Du Dir zu
Nuze machen sollst! Jede Kunst will erst ordentlich
gelernt sein, selbst die Kunst, ein Stelldichein zu ver-

188
abreden. Es ist, wie ich heut erfahren habe, nicht
genng, daß man gewissenhaft das Zeichen giebt, man
muß sich auch versichern, daß es gesehen worden ist.
Wer weiß, wohin mein heiliger Schäfer in diesen
Tagen seine junge Heerde führen mußte, und ob er
hier nach unserer Seite kommen konnte. Ich muß
also die Sache noch einmal beginnen. In der Ro-
mantik bin ich eben noch ein Stümper und muß mein
Lehrgeld zahlen.?
Sie sagte das mit jener Heiterkeit, die ihr so
wohl anstand, obschon das Ausbleiben des Erwarteten
sie verdroß, je mehr sie darüber nachdachte. Sie
ging auch gleich am Nachmittage, als die Andern sich
einer kurzen Ruhe überließen, hinauf nach Jakobäa's
Hause.
Sie hatte es jetzt nicht mehr wie früher nöhig,
ihr Kommen zu bevorwanden. Die Weise, in welcher
sie empfangen wurde, bewies vielmehr, daß Jakobäa
sie erwartet hatte; aber der finstere Zug, der Viktorinen
anfangs so abschreckend erschienen war, lagerte wieder
über ihren dunklen Augen, als die Einsame ihr unter
dem Vordache ihres Hauses rasch entgegen trat.
,Es ist Nichts mit ihm! sagte sie, ohne Viktori-
nens Frage abzuwarten.

189
, Was soll das heißen? erkundigte sich diese.
, Es ist zu späk!' antwortete die Mutter. ,Sie
haben ihr Werk an ihm gethan. Wie ein Vogel mit
zerbrochenen Flügeln stand er da! Und er brauchte
doch nur zu wollen, um zu können!'?
,Haben Sie ihm etwa mitgetheilt,? fragte Vik-
torine, sichtlich von der Mutter Mittheilung betroffen,
, was ich mit ihm im Sinne hatte, was ich möglich
für ihn glaubte?
,Wie sollte ich es nicht, da er hier bei mir war?
entgegnete die Mutter im Gefühl des nächsten Anrechts
an den Sohn.
,Nein!'' entgegnete Viktorine sehr bestimmt, ,Sie
sollten's nicht, denn das war meine Sache!-- Sie
wollte sich mit diesem Vorwurf für alle Fälle den
Weg zu einem Rückug öfnen, falls ihr Plan miß-
lang; indeß Jakobäa war die Frau nicht, sich davon
einschüchtern zu lassen.
,Ich habe ihn dahin gebracht,'? versezte sie, ,daß
er in's Kloster mußte, ich habe ihm also auch dazu
zu helfen, daß er es verläßt, wenn, wie Sie mir be-
deutet haben, Dispens für ihn zu schaffen möglich ist. ?
,,Möglich in sofern, als er ihn wünscht und will!?
fiel ihr Viktorine ein.


1O
,Sie haben mir gesagt, daß er ihn wünsch' und
wolle!-- und wie konnte er es anders, da ihm das
Kloster so hart angekommen war!r rief Jakobäa, deren
grader, auf sein einziges Ziel gerichteter Sinn es sich
nicht vorzustellen vermochte, daß man anders denken
und empfinden könne als sie, daß dem Sohne nicht
als ein Heil erscheinen sollte, was ihr bei der instinkt-
artigen Leidenschaft, mit welcher sie an ihrem Hause
und an ihrem Erbe hing, wie eine Rettung und ein
kaum gehofftes Glück vor Augen schwebte.
,Alles habe ich ihm gesagt, Mlles!' rlef sie.
,Ich habe es ihm hingehalten, habe es ihm aufge-
nöthigt, das Geld zur Flucht, und er hat sich feig
davon zurückgewendet. Aber so machen sie's, dahin
bringen sie den Menschen! So haben sie's mit mir
gemacht und so mit ihm!-- Sie zerbrechen den
Menschen mit der Gewissenspein, die sie dem Hin-
gesunkenen aufbürden noch über der Last, an der er
selber trägt. Sie zerstören ihm den Glauben, daß er
sich selber helfen, sich selber aufrichten und erheben
und wieder zu Kräften kommen könne; und wenn sie
wissen, daß er ganz in sich vernichtet, daß er hienieden
zu Nichts mehr nütze ist, dann reichen sie ihm ihre
Hand, dann richten sie ihm die Augen auf den Him-

11
mel, und erheben ihn hoch und immer höher, bid er
zuletzt sich besser dünkt, als die da unten, und herab-
sieht auf die eigene Mutter, und herab auf Mlles,
was ihm erb und eigen ist, daß er es gering hält
und es in ihre offenen Hände fallen läßt, die sich
schon lang danach begierig ausgestreckt!-- Das kann
jedoch nicht Gottes Wille sein, daö kann der Herr
nicht wollen- und wenn er's kann-- sie hielt
nur mit Gewalt zurück, was Schmerz und zornige
Enttäuschung ihr auf die Lippen drängten, und setzte
mit Bitterkeit hinzu: ,ein Sohn, der von sich stößt,
was ihm die Mutter bietet! Ein Mann wie er, und
hat nicht so viel Muth, als eine alte Frau! als ich!
Mag er denn leben oder sterben und verderben,
wie er's willlb?
Sie sezte sich nieder, stüzte den Kopf auf die
Hand, und stierte vor sich hin. Es überrieselte Viktorine
mit Eiseskälte. Sie hatte nie im Leben ein Antliz
fo verfinstert, so von Zorn entstellt, so von Ver-
zweiflung voll gesehen. Wie die den Lebensfaden zer-
schneidende Parze saß Jakobäa vor ihr da, und zum
ersten Male überschlich sie bei ihrem Anblick eine un-
bestimmte Scheu vor der Gewalt der Leidenschaften,
A

E
14?
welche sie in dieser Frau und in dem jungen Mönche
entfesselt hatte.
Wäre sie im Stande gewesen, sich Vorwürfe zu
machen, in diesem Augenblicke hätte sie es gethan,
weil, wie sie plötzlich einzusehen meinte, der groß-
müthige Zug ihres Herzens und ihr freier Sinn, sie
über Jakobäa's, wie über des jungen Mönches Natur
und Seelenstärke betrogen hatten. Sie verargte es
der Mutter wie dem Sohne, daß sie nicht dasjenige
waren, was sie in ihnen zu finden erwartet hatte.
Benedikt hatte keinen Werth für sie, wenn er nicht
die Begeisterung für die Kunst, und in dieser den
Muth besaß, Alles an die Erreichung seines Ziels zu
l
sezen; und seine Mutter war in Viktorinens Augen
nur ein gewöhnlich Weib, wenn ihr jene Entsagung
der wahren Liebe fehlte, die Nichts begehrt, als dem
Gegenstande derselben das Glück zu bereiten, welches
er ersehnt. Jakobäa hatte in ihrer Selbstsucht Eifer
der Vorschrift Viktorinens nicht gehorjamt. Sie hatie
dem Sohne eigenmächtig die Pforten einer schöneren
Zukunft aufthun wollen; aus ihrer Hand hatte er seine
Befreiung empfangen, für sich und ihre engherzigen
Plane hatte sie ihn gewinnen wollen. Sie hatte es - -
-aK

13
Viktorinen nicht gegönnt, ihm als die befreiende Göttin
zu erscheinen. Und doch hatte Vikterine es Jakoläa
ausdrücklich zur Pflicht gemacht, ohne ihre bestimmte
Weisung Nichts zu thun, sondern ihr und zwwar aus-
schließlich ihr, die Führung und Leitung dieser An-
gelegenheit zu überlassen; und Jakobäa hatte ihr nicht
vertraut und nicht gefolgt. Sie hatte sie um die Ge-
nugthuung und den Triumph gebracht, die Viktorine
sich von ihrem Plane mit Zuversicht versprochen hatte.
Dem Dcange ihrer Ungeduld nachgebend, hatte sie
verdorben, was Viktorine auf das Beste eingeleitet zu
haben glaubte; und ihrem Unmuthe gegen die Un-
glückliche das Wort vergönnend, rief sie: ,Wer hieß
Sie auch, ihn aufzuschrecken, ehe die rechte Zeit ge-
kommen war? Wozu ihm den Becher hinreichen, ehe
seiner lechzenden Lippen Durst danach verlangte?-
Es war nicht genug, daß ein geheimos Sehnen ihn
erfüllte. Mit Vorsicht mußte man ihm das Ziel ent-
hüllen, das man für ihn erreichbar glaubte. Er mußte
nach demselben schmachten, mußte begehren, streben,
fordern, sich vertrauen lernen - und ich kannte das
Mittel, ihn dazu zu vermögen! Ich kannte auch den
Weg, auf den man ihn zu führen hatte, und er würde
ihn gegangen sein an meiner Hand!?

1
Jakobäa hatte sich grgenüber diesen Vorwürfen
hoch aufgerichtet und sah ihr fest in's Auge.,So
brauchen Sie das Mittel! geben Sie ihm denn die
Hand !r sprach sie eben so herrisch, und mit der gleichen
Bitterkeit wie Jene.
Die Worte klangen wie ein Trotz und wie ein
Zweifel. Das genüügte, um Viktorinens Eitelkeit her-
auszufordern, und ihr zu Wagnissen stets bereiter Geist
hatte ohnehin den übeln entmuthigenden Eindruck, den
Jakobäa's Mitiheilung auf sie gemacht, schon halb-
wegs wieder überwunden; denn durchzusezen, was sie
sich vorgenommen hatte, gleichviel auf welche Weise
und um welchen Preis, das war es eigentlich, und
nicht die Sache selbst, was sie in den meisten Fällen
reizte und beglückte.
Ihr Zorn, der flüchtig war, wie all ihr Empfinden,
hatte sich gesänftigt. Sie schwieg nachdenklich eine
kleine Weile, dann erkundigte sie sich mit ruhiger
Bestimmtheit um alle Einzelnheiten des Gespräches
zwischen Benedikt und seiner Mutter. Jakobäa wieder-
holte so gut wie sie es vermochte, was sie gesprochen,
was sie dem Sohne angeboten, was er ihr erwidert
hatte, und wie sie dann geschieden waren.
, Und seit dem? fragte Viktorine.

sea... -s-e-. .
14k
,Seitdem ist er des Weges nicht mehr gekom-
men!'' sagte die Mutter. ,Was sollte er auch bei
mir? Ich habe es ja gesehen, wie sie ihn halten mit
der Hand von Eisen, die sanft anfaßt und doch zer-
knickt, und niemals losläßt, was sie erst ergrifen
hat.r?
Viktorine antwortete ihr nicht darauf. Sie setzte
den Hut auf, den sie in ihrer Erregung abgenommen
hatte, und ordnete die Bänder desselben, so gut es
ohne Spiegel gehen wollte.
,, Ulnd doch muß man von ihnen lernen,' sagte
sie mit einem Male.
Jakobäa herchte auf, ohne sie zu verstehen.
,,Ich meine von den Klosterherren!'- bedeutete
das Fräulein.
,Lernen? fragte Jakobäa.
,Das, was sie so meisterhaft verstehen: abwarten,
und den Augenblick ergreifen, wenn er kommt!r sagte
Viktorine.
frau.
,,Wenn er kommt!'' wiederholte die Haus-
Viktorine entgegnete Nichts mehr darauf, und so
schieden sie. Jakobäa blieb sizen, ohne ihr das Geleit
F. Lewald, Benedikt. 1.

ses- -
16
zn geben. Sie hatte mit sich selbst zu thun, und das
Fräulein vermißte ihre Höflichkeit auch nicht.
Ihre Phantasie war wieder voll von Entwürfen
und voll Hoffnung.

Kapitel 10


Sehntes
Cnpitel.

s
EF atte von Anfang an nicht in der Absicht
ihrer Verwandten gelegen, der Baronin einen langen
Besuch zu machen, und sie war auch nicht beeifert, sie
über die Zeit hinaus, von welcher immer die Rede
gewesen war, in ihrer Nähe festzuhalten. Man hatte
die Ankunft des Barons in Aussicht, Graf Stefano
sollte auch noch im Laufe dieses Monats eintreffen,
und Viktorinen war in diesem Augenblicke an de:
Gesellschaft ihrer Angehörigen weniger noch als sonst
gelegen.
Sie war sich bewußt, einen Fehler begangen zu
haben, als sie in dem Gefühle ihrer Sicherheit die
Cousine zur Vertrauten ihres Abenteuers mit dem
jungen Mönche gemacht hatte. Sie war damit von

15O
dem Grundsaz ihres klugen Vaters abgewichen, nie-
mals von seinen Absichten und Planen Etwas zu ver-
rathen, sondern erst die vollendeten Thatsachen zu Ver-
kündern derselben zu machen, und sie bereute das auf
ihre Weise.
Die kleine Nanette war zu gut erzogen und ihr
zu unterwürfig, um sie mit Fragen zu belästigen, wo
sie zur Mittheilung sich nicht freiwillig geneigt erwies;
aber die Neugier sprach aus jedem ihrer Blicke, und
es machte Viktorine mißmuthig, nicht darthun zu
können, was sie so zuversichtlich verheißen hatte, nicht
berichten zu können, daß sie den schönen Mönch ge-
sehen und gesprochen habe. Nicht einmal zufällig be-
gegnete man ihm. Viktorinens Hut war schon seit
Tagen von dem Fensterkreuze fortgenomnmen, und ob-
schon sie vor der Mutter Benedikts mit großer Sicher-
heit die Lehre von dem geduldigen Abwarten gepredigt
hatte, war Niemand zu der Ausübung derselben weniger
als eben sie geeignet.
Benediktus kam ihr nicht mehr aus dem Sinn.
Keiner von all, den Männern, die sich eifrig um ihre
Gunst beworben, hatte ihre Gedanken jemals so völlig-
hingenommen, als dieser junge Mönch; sie konnte sich
nicht darüber tääuschen, fie vermißte ihn, sie suchte ihn;

s
15
einen Zustand wie ihren gegenwäärtigen, hatte sie noch
nicht erlebt.
,Was ist das? fragte sie sich, wenn sie in der
Nacht erwachend es inne ward, daß sie von Benedikt
geträumt hatte.- ,Was bedeutet es, daß es mich
nicht ruhen läßt um die Stunde,? fragte sie sich, ,in
welcher ich ihn auf der Klostermatte angetroffen habe,
und um die Zeit, in der er seine Klasse auszuführen
pflegte? Liebe ich ihn etwa gar? - Sie kam sich
sonderbar vor, als sie diese Möglichkeit erwog. Vor
einer solchen Thorheit oder Schwäche wußte ihr Ver-
ftand sich sicher, aber ihre Eitelkeit, ihr Ehrgeiz
standen in Gefahr eine Kränkung zu erleiden. Diese
Besorgniß war es, die sie beschäftigte und quälte, und
sie machte an sich die Erfahrung, daß sehr verschiedene
Ursachen oft die gleiche Wirkung haben, und daß in
kalten selbstischen Naturen Eitelkeit und Eigensinn
sich gelegentlich wie Liebe darstellen und erscheinen
können. --
Sie hatte sich bei dem Doktor einmal gelegent-
lich um Benedikt erkundigt, der hatte ihn aber nicht
gesehen. Sie war oft nahe daran gewesen, den Pater
Theophil nach ihm zu fragen, indeß sie mochte ihre
Theilnahme an dem jungen Mönche nicht mehr ver-
asa=--e«. .

1
rathen, ehe sie nicht sicher darüber war, ob sein Wille
oder seiner Oberen Befehl, ihn von ihr ferne hielt.
Darüber konnte ihr keine Auskunft werden, als eben
nur durch ihn; und ihre Gedanken kehrten also auf
das Neue zu ihm und zu der Nothwendigkeit zurück,
den unterbrochenen Zusammenhang mit ihm wieder
herzustellen.
Inzwischen ging in dem Kloster Alles seinen
ruhigen gewohnten Gang. Niemand kümmerte sich
darum, was es zu bedeuten habe, daß Benediktus sich
ein Fasten auferlegte, welches in den Ordensregeln
nicht vorgeschrieben war, und daß er Nachts noch
betend wachte, wenn die andern Brüder lange schon
auf ihrem Lager ruhten. Er war ebenso eifrig ge-
wesen in den Tagen, in welchen er sein Noviziat be-
endet hatte, und man hielt ihn nicht nur für ge-
wissensstrenge und bußfertig, man traute ihm auch
den Ehrgeiz zu, sich auszeichnen zu wollen, um der
Beachtung seiner Oberen willen.
Er wohnte dem Gottesdienste bei wie immer, er
that als Lehrer seine Pflicht in seiner Klasse, er führte
sie in das Freie, wie es ihm vorgeschrieben war, aber
z
s
A
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A
z
I
R
die Knaben waren die Ersten, die es fühlten und
P
bemerkten, daß seine Seele nicht wie sonst dabei war.


15
Er hatte nicht mehr wie bisher das freundliche
Wort als Entgegnung für ihre Anrede; ihrer Frage
um Auskunft und Belehrung begegnet nicht mehr der
rasche, lebhafte Bescheid. Es lockte ihn Nichts mehr
an, es schien ihn gar Nichts mehr zu kümmern, so-
gar seine Freude an der Natur hatte ihn verlassen.
Sonst war er es gewesen, der dazu getrieben
hatte, die Höhen zu ersteigen, die großen Fern-
sichten zu suchen, den Zuug der Vögel zu verfolgen,
bis sie sich in der Weite oder hoch oben in der
Luft dem Blick entzogen; und seinem scharfen Auge
war nicht leicht Etwas entgangen. Jezt mochlen
die Vögel über ihm kreisend schweben und ziehn, wo-
hin sie wollten. Er sah und achtete auf Nichts. Der
Sonnenschein erheiterte ihn nicht, die Quellen rausch-
ten und rieselten, die Blumen blühten und dufteten,
aber sie rauschten und rieselten nicht mehr für ihn, für
ihn blühten und dufteten sie nicht mehr.
Anfangs wagte sich Einer oder der Andere seiner
Schüler mit der Frage an ihn heran, ob er krank sei,
oder was ihm fehle? Aber seine Antwort, daß er
sich gut befinde, konnte sie nicht zufrieden stellen, und
mit der natürlichen Abneigung, welche die gesunde
Jugend gegen Traurigkeit empfindet, besonders wenn

154
sie gegen dieselbe keine Hilfe zu leisten vermag, über-
ließen sie ihn bald sich selbst und seiner Schwermuth,
um durch dieselbe in ihrem Vergnügen nicht gestört
zu werden. Er war ihnen fremd geworden, und er
war sich selbst entfremdet.
Es half ihm nicht, daß er seinen Leib kasteite, um
seinen Geist in den Banden seiner Pflicht zu halten, seine
Phantasie wurde dadurch nur unruhiger und erregter.
Er kniete vor dem Altar in der Kapelle, und
vor seinen Augen, die er auf die Gottesmutter richtete,
schwebte Viktorinens Bild. Grade so, wie von dem
Haupte der Gebenedeiten, fielen die dunklen Locken
von ihrem feinen Kopfe an dem weißen Halse und
auf die Schultern nieder. So wie aus der hei-
ligen Jungfrau sanften Blicken, strahlte aus Vik-
torinens Augen das beseligende Licht erwärmend
in die Herzen, und so wie der Madonna schwe-
bende Gestalt, hatte das helle Sonnenlicht auch
sie umspielt, als sie scheidend vor ihm gestanden, daß
er emporgeschaut hatte, um zu sehen, ob nicht aus derHöhe
lobpreisende Engelchöre sich zu ihr hernieder neigten.
Es jagte ihn im Schrecken von den Stufen des
Altars empor: er glaubte sich im Gebet versunken, -
und seine Andacht war Gotteslästerung gewesen. Er
j
z
z
z

17
sollte ihr Bild aus seiner Seele reißen! Wie konnte
er das thun, ohne ihrer zu gedenken? Und wenn eö
ihm gelang, was blieb ihm dann hienieden übrig, als
die Dede und die Leere, als die Hofnung auf ein
Jenseits, in welchem er der irdischen Erinnerungen
ledig, neue, reinere und höhere Freuden kennen lernen
würde, vorausgesezt, daß er sich zu befreien vermochte
von der Sünde, in der er jetzt befangen war - von
der Sünde, die seine Qual war und sein Glück!
Er sah keinn Ausweg aus dem sinnverwirrenden
Labyrinthe! und wenn sein greiser Freund es unter-
nahm, ihn auf denselben hinzuweisen, vermochte er
ihn in seiner Verwirrung doch nicht zu erkennen, nicht
zu finden.
Pater Theophilus ließ ihn nicht aus dem Auge,
und zog die Hand nicht von ihm ab. Er war ihm
ernst und streng wie einem Sünder, und übte nach-
sichtige Geduld mit ihm, wie mit einem in wüsten
Phantasien befangenen Kranken. Alles, was sein eigenes
gottergebenes Herz, sein frommer vertrauensvoller
Glaube, und eine lange Lebenserfahrung ihm eingaben,
das hielt er dem Verirrten vor; sogar an den Grün-
den der weltlichen Vernunft ließ er es ihm nicht fehlen,
obschon er es sich zum Vergehen anrechnete, daß

17e
er in solchem Falle dergleichen auch nur in Be-
krachtung z.
Er schilderte ihm Viktorinens Charakter, wie
seine Beobachtung ihm denselben klar gemacht hatte,
und die Welt, in der sie auferwachsen war. Er
sprach ihm von ihrer leichtsinnigen und eitlen Selbst-
sucht; er setzte es ihm auseinander, wie der Antheil,
welchen sie ihm und seiner Mutter erweise, nur der
Langenweile entstamme, welche das Entbehren der ge-
wohnten Zerstreuungen in ihr erzeuge. Er gab ihm
zu bedenken, daß sie sich weder seiner noch seiner
Mutter mehr erinnern werde, wenn sie einmal das
Thal verlasse, und er versicherte ihn, daß eben jetzt-
andere, ihr näher liegende Verhältnisse und Dinge, sie
beschäftigten und ihr im Sinne lägen,
,Sieh um Dich, sprach er, ,bist Du der Einzige,
der leidet auf der Erde, daß Du es gar so wichtig
nimmust? Wähnst Du, es hätte kein Anderer unserer
Brüder seine irdischen Aufwallungen und Hofnungen
begraben müssen, ehe er einsehen lernte, daß keine
dauernde Zufriedenheit auf das Vergängliche zu bauen
ist? Ein kalter Trunk, ein rauher Wind können Dir
schon morgen den Klang der Stimme rauben, um -
deretwillen die Fremde Dich beachtet hat, und auf

1
H
A

1?
welche Deine Eitelkeit ihre frevelhaften, gotvergessenen
Plane baut; und was bliebe Dir dann übrig, wenn
Du Dich selbst verloren hättest, Dich, und des Höchsten
Gnade für Zeit und Ewigkeit!
Benedikt hörte das Alles, und die geduldige Liebe
des Greises erquickte ihn, wie den Fiebernden die
treue kühle Hand erquickt, die sich ihm auf die heiße
Stirn legt; aber von seinen Qnalen konnte es ihn
nicht befreien, es konnte die Wunde nicht heilen, die
ihm geschlagen war. Und doch war sein Glaube an
die Allweisheit der Vorsehung in keiner Art erschüttert.
Das Gelübde, das er geleistet hatte, war ihm heilig,
wie in der Stunde, da er es über sich genommen,
und er hatte in dem Augenblick, in welchem er das
Anerbieten seiner Mutter von sich gewiesen, ihm zun
Flucht zu verhelfen, mit jenen weltlichen Wünschen
ein für alle Mal gebrochen, welche einst in früher
Jugend in ihm angeregt, durch Viktorinens phantasti-
sches Dazwischentreten ein neues Leben gewonnen
hatten. Er fühlte sich als Gottgeweihten, als Priester
der alleinseeligmachenden Kirche, der er fest ergeben
war. Er hatte nie mit größerer Hingebung und mit
mehr Erhebung zu dem Bilde des Heilandes empor-
gesehen, nie ernstlicher und begeisterter danach getrach-

158
iet, die Selbstsucht in sich zu ertödten und an die
Stelle des eigenen Verlangens die Nächstenliebe in
seiner Seele einzuwurzeln; aber wie er auch rang
und kämpfte, er vermochte den Aufruhr seiner
Sinne nicht zu überwältigen. Die volle Kraft seiner
ungebrochenen Jugend ließ sich so leicht nicht nieder-
zwingen. Er liebte Viktorine, und der Eigensinn
der Leidenschaft machte ihn unempfänglich für jeden
Zuspruch der Vernunft, wie er ihn ohnmächtig machte
gegen sein eigenes Verlangen, sich seinem Eide unter-
werfend, mit Freuden zu entsagen. Gegen seine Liebe
kam nichts Anderes dauernd in ihm auf. Er ging
gewohnheitsmäßig durch sein Tagewerk, sein Geist
unterwarf sich jeder ihm auferlegten Anordnuung, sein
Herz beharrte in seiner Auflehnung. Er war wie
zerrissen in sich selbst.
Pater Theophilus hatte von ihm gefordert, daß
er sich zu seiner Mutter hinbegeben solle, denn Jakobäa
hatte, seit der Sohn an jenem Gewittermorgen zu-
lezt bei ihr gewesen war, sich nicht in der Kirche
sehen lassen, ja sich nicht einmal bei dem Beginn des -
Monates, der in die Zeit gefallen war, zur Beichte
=: aD

159
und Pater Theophilus wußte sich nach den Bekennt-
rE =
Glaube an die Unmöglichkeit einer Aenderung in
ihrem und ihrer Familie Schicksal, nur der Gedanke,
daß ein Dispens von ihren Gelöbnissen nicht zu er-
langen sein könne, hatten es im Lauf der Zeiten da-
hin gebracht, daß sie sich, wenn auch heimlich grollend,
in das Unabänderliche hineingefunden hatte. Ihrer
ganzen Natur nach weder zur Religiösität, noch zum
Entsagen angelegt, mußten die unvorsichtig in ihr
von der Fremden erweckten, und durch des Sohnes
Weigerung zerstörten Hoffnungen sie aus ihrem schwer
D
hafter noch gegen den Orden gewendet haben werde,
der ihres Sohnes Führer gewesen war, und den zum
Erben ihres Besizes zu ernennen, sie sich noch immer
nicht entschließen können.
Benediktus unterwarf sich schweigend der An-
weisung, die Mutter zu besuchen; seine Miene aber
verrieth es Theophilus, daß ihm die Aufgabe nicht als
leicht erschien.

160
,Du zögerst, Benediktus? fragte ihn der Greis.
,Ich zögere, mein Vater!r gab Benedikt zur
Antwort, ,weil ich gelernt habe, mir zu mißtrauen.
Mir bangt davor, wieder vor die Mutter hinzutreten,
deren Verlangen mich so schwer versucht und deren
Zorn mich von ihrer Schwelle für immer fortgewie-
sen hat.?
, Und das Vertrauen erhebt Dich nicht, das man
Dir jezt erweist? sprach Theophilus. , So ganz bist
Du versunken in der Selbstsucht Tiefen, daß Du nicht
mehr der eigenen, vom rechten Pfade abgeirrten Mutter
die Hand zu reichen Dich gedrungen fühlst, da Nie-
mand so sicher als Du die Mittel dazu besizet, und
Niemand so wie Du die Pflicht hat, sie auf den Weg
des Heils zurück zu leiten.
,,Ich? mein Vater? fragte Benedikt, ,wie könnte .
ich helfen und stüzen, da ich mir selber zu helfen
nicht vermag! Wie könnte ich einen Andern auf-
richten wollen, da ich selbst danieder liege? oder wie
dürfte ich daran denken, eines Anderen Sinn zu len-
ken und zu bestimmen, da ich mir selbst abhanden
gekommen bin, und ohne Dich, der Du mich hinweisest
auf die Quelle des Heils und der Gnade, verloren
sein würde ganz und gar.!
- t, -

f

s

i
161
Der Greis ließ ihn auf die Antwort eine Weile
warten.,Weißt Du nicht,? sprach er danach, ,das
der Herr ist mit den Schwachen? daß kein Auftrag
Dir gegeben, keine Pflicht Dir auferlegt werden kann,
ohne daß er's also will, und daß er Dir die Kraft
verleihen wird, zu thun und zu vollführen, was Dir
zu thun von Deinen Oberen geboten wird?-- Hast
Du in diesen langen Tagen der Selbstbetrachtung nie
daran gedacht, wie sehr dem Irrenden, dem Verirrten
damit geholfen ist, wenn man eine Schranke aufrich-
tet, die den Bethörten in ihren Grenzen festhält, und
es ihm unmöglich macht, sich in das Ungemessene zu
verlieren??
Benedikt horchte auf jedes dieser Worte, und faßie
ihren Sinn doch nicht.
,Welch eine Schranke ist es, die gezegen werden
soll? fragte er, , und was kann ich thun, sie herzu-
stellen? Sag' es mir, mein Vater, denn mein Sinn
ist verdunkelt und mein Geist ist stumpf.-
Sie waren, während sie das mit einander sprachen,
aus dem Klostergarten hinaus in das Freie gekommen,
und Theophilus schlug die Straße ein, die über den
stillen Klosterkirchhof fort die Richtung nach Jakobäa's
Hause hatte. Die helle Mittagssonne beschien die
F. Lewald, Benedikt. l.

18N
breite Vorderseite desselben, daß seine Fenster weithin
glänzten, und die Augen sich schon aus der Ferne un-
willkürlich darauf richteten.
,, Wenn man es da so liegen sieht, Deiner Mutier
Haus,'' sagte der Greis, , lo sollte man meinen, es
herrsche Friede und Freude in demselben, und hat doch
nun seit langen Jahren Nichts darin gewohnt, als
Sünde und als Leiden, daß man sagen könnte, wie
Deine Mutter selbst gethan, es wäre besser, des Him-
mels Feuer käme, es zu verzehren.
Das Wort that Benediktus wehe. Er sah auf-
schreckend zu dem Vaterhaus hinüber, doch überwand
er rasch die Anwandlung, und den schwermuthsvollen
Blick zu Boden senkend, sprach er: ,mein Herz hängt
an dem Hause nicht.?
, Um so mehr der Mutter Herz, sagte Theophilus,
,und das ist ihr Verderben. Sie wußte, was sie da-
mit that, als sie den Fluch dagegen aussprach. Wie
der Same eines verderblichen Unkrauts, haben in den
Mauern dieses Hauses Stolz und Vermessenheit fort-
gewuchert seit Jahrhunderten, und haben auch Deiner
Mutter Sinn umgarnt, daß sie den Maurus, Dein
und Deiner Schwestern Vater, um des Hausbesizes -
willen festgehalten wider sein Begehren, bis er daraus
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163
hat flüchten müssen in die Welt, ein Verfehmter vor
den Menschen wie vor Gott. Ihr ist nicht zu helfen,
sie reiße denn ihr Herz endlich von diesem unheil-
vollen Hause los und verzichte, da ihre Kinder ihn
nicht erben können, schon jezt auf diesen irdischen Be-
sitz, um höhere Güter zu erwerben in einer besseren
Welt.?
Benediktus ging in Schweigen neben Theophilus
her, der Greis ließ ihm die Zeit zum Nachdenken
und Neberlegen. Als sie an den Kreuzweg gekommen
waren, an welchem die Schlucht anhebt, durch die
man im Schatten und im Kühlen bis nahe an Jakobäa's
Haus gelangen konnte, blieb der Pater stehen.
,Trachte danach,' sprach er, ,daß Deine Mutter
abrechnen lerne mit ihrem weltlichenVerlangen, damit sie
wieder bußfertig und mit ihrem Loos zufrieden werde.
-- Wie stände es heut um sie und Euch, wenn das
Kloster sich nicht beschützend ihrer angenommen, wenn
die Kirche Euch nicht in ihrem Schooße behütet und
geborgen hätte? Als das Eheweib eines Zuchthäuslers
würde sie, als die Kinder eines solchen würdet Ihr leben,
mit Schimpf bedeckt, gemieden von den Menschen,
oder fern vom Vaterlande als heimathlose Fremde.
Wie ein Vater hat der hochwürdige Herr Abt an ihr
Pj ?

164
-gehandelt, wie eine Mutter hat das Kloster Dich auf-
genommen in seinen sichern heiligen Schutz. Die Last
ihrer weltlichen Unehre und der Deinen, hat Deine
Mutter dem Kloster dereinst in sich zu bergen gegeben;
so gebührt es sich denn auch, daß es dafür von ihr
empfange, was sie an weltlichem Besiz und Gut ihr
eigen nennt, damit von ihr und ihrem schuldbeladenen
Namen dereinst Nichts übrig bleibe, als die in unserm
Kloster durch die täglichen Gebete unserer Brüder ge-
läuterte Erinnerung an ihr Geschlecht, an sie und ihre
Kinder, die dem Herrn dienten und der Kirche an-
gehörten.- Und so geh mit Gott!'?
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Kapitel 11

Ellies Cnpitel


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Fe sich versunken ging Benedikt die Schlucht
hinan. Die alten Buchen und Rüstern, die am Wege
standen, neigten von beiden Seiten die mächtigen Aeste
nach dem Wasser hin, daß sie den Weg ganz über-
dachten, und das Buschwerk an den beiden Ufern des
Wildbachs, der die Schlucht durchrauscht, dunkelgrün
erschien gegen das sonnig durchleuchtete Laub der
Bäume. Kaum ein anderer Punkt im Thale hatte
eine so üppige Vegetation. Die festen rauhen Brombeer-
zweige, an denen die reifende Frucht sich kräftig färbte,
bezogen die ganzen Wände und fielen nieder bis zu
den großen Steinblöcken, die das Wildwasser im
Frühjahr alljährlich von den Bergen niederbringt,
und selbst der Stein ermangelt dort des Schmuckes

168
nicht. Schillernde Flechten und Algen bedecken ihn,
wo nicht weiches, dichtes Moos ihn umhüllt, hier und
da wächst ein Büschel schönblättriger Hirschzunge empor
und wo das Wasser den Boden berührt, glänzt das
zierliche Venushaar an schwankendem braunem Stengel.
Alles war still ringsum. Die rechte Zeit des
Vogelsanges war bereits vorüber, aber aus Busch und
Strauch sahen die klugen Köpfchen der Vögel furcht-
los nach dem Einsamen hinüber, während die schreck-
haften Eidechsen mit rascher Wendung hierher und
dorthin huschten, sich in Sicherheit zu bringen, und
die behaglichen Frösche mit behendem Sprunge guaxend
in die silberhelle Tiefe tauchten.
Benedikt hatte nur wenig in der Nacht geschlafen;
sein Kopf war heiß, die Frische that ihm wohl, mehr
noch die Einsamkeit. Theophilus hatte ihm, seit der
Jüngling ihm gebeichtet, es untersagt, das Kloster
ohne Begleitung zu verlassen, und er hatte sich im
gerechten Mißtrauen gegen seine Festigkeit dem Befehl
gern unterworfen. Aber der Einsamkeit im Freien
sonst gewohnt, umfing sie ihn, da sie ihm heute ver-
gönnt war, mit ihrem ganzen bestrickenden Zauber,
und um ihrer, wenn auch nur für wenig Augenblicke -
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zu genießen, ließ er sich auf einen Stein hinsinken,


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18
der, hart am Bache liegend, an einem anderen aufrecht
stehenden Felsblock seine natürliche Lehne besaß.
Er hatte in seiner Kindheit auf diesem Steine
oft gesessen und zugesehen, wie allerlei schnellfüßiges
Gethier zwischen den Schmerlen hin- und wiederschoß;
und wie er nun wieder an derselben Stelle weilte
und wieder hinabschaute in das klare Wasser, das zu
Thale rauschte wie vordem, kam in der Ermüdung
seiner Seele eine sanfte traumhafte Ruhe über ihn.
Die Jahre, die zwischen jener Zeit und dieser Stunde
lagen, waren ihm wie verschwunden. Er dachte nicht
an das, was er seitdem erlebt, nicht an das, was er
seitdem erlitten hatte, noch weniger an den Auftrag,
den ihm Pater Theophil gegeben. Er saß und blickte
hinauf in das Laubdach über seinem Haupte, und sah
dann wieder hinab in's Wasser.
So hatien die Zweige immer sich geneigt, so
waren die Sonnenstrahlen immer zwwischen ihnen durch-
gebrochen, so langsam und licht waren die verstreuten
weißen Wölkchen hoch oben immer hingezogen, wenn
er nach der offenen Stelle emporgesehen hatte, an der
die alte Tanne vom Sturm aus ihrem Boden gehoben
worden war. Die gelbe Königskerze und der purpur-
farbene Fingerhut blühten immer noch an jenem Fleck,

17
und dichter als an dem kleinen Rinnsal, an welchem
die Amsel und die Schwarzdrossel ihre Tränke hatten,
standen die blauen Vergißmeinnicht im ganzen Thale
nirgends.
Das war Alles wie vordem, er empfand es auch
wie in den Zeiten, in denen er eingeboren und ein-
gefügt in diese heimische Natur, dem Augenblick ganz
hingegeben, bewußtlos seines Daseins froh gewesen
war wie die Blume, wie der Vogel, wachsend und
sich entfaltend in dem warmen Sonnenlicht. So
ohne Rückerinnern und Verlangen, dachte er, muß
der Mensch sich fühlen, wenn er des Irdischen ent-
kleidet eingeht zu den Gefilden, in denen die Seligen
der Ewigkeit genießen! Aber selbst diese Vorstellung
haftete nicht lang in ihm. Kaum wahrgenommen,
schwebte sie vorüber wie die Wölkchen überseinemHaupte,
wie der Vogel, der durch die Zweige huschte, wie der
blankbeschwingte Käfer, der vorüberschwebend schnell.
erscheint, ohne daß das Auge ihm zu folgen, oder ihn
zu suchen unternimmt. Er wünschte nicht besonders,
daß dieses Ruhen dauern möge, weil es ihm gar nicht
war, als ob es jemals wieder enden könne. Wie im
Traume war das Maß der Zeit nicht für ihn da, und
der selige Augenblick umfaßte eine Unendlichkeit für ihn.

r?
Mit einem Male schreckte er empor. Weiter hinauf
in der Schlucht hörte er lachen und sprechen; und
während noch der Klang der Stimme, die er ver-
nommen, sein Herz erbeben machte, trat Viktorine auch
schon schnellen, leichten Schrittes hinter dem um-
buschten Vorsprung auf den Steg hinaus, welcher an
jener Stelle von dem einen Ufer zu dem anderen
hinüber führte.
Weil man das alljährlicheAnschwellen desGletscher-
wassers in Betracht zu ziehen hatte, waren die Baum-
ftämme und Balken, welche diese naturwüchsige Brücke
bildeten, ziemlich hoch gelegt, und es gehörten ein
schwindelfreier Kopf und ein sicherer Fuß dazu, sie
furchtlos zu beschreiten. Viktorine, die sich auch in
diesem Punkte auf ihre Festigkeit verlassen konnte,
hatte den Steg schon zum Defteren benuzt und war
ohne alles Neberlegen auch jetzt wieder in die Mitte
desselben gelangt, als Nanette, die ihr folgen sollte,
zaudernd stehen blieb, und selbst durch der Freundin
ermuthigenden Zuruf nicht bewogen werden konnte,
ohne Beistand sich vorwärts zu wagen. Es blieb
Nichts übrig, Viktorine mußte umkehren, der Furcht-
samen ihre Hand zu reichen, und sie unter ihrem
scherzenden Zuspruch hinter sich herführend, war sie

u
nech mitten auf dem Stege, als ihr Auge vorwäris
blickend, den jungen Pater in der Schlucht entdeckte.
Er starrte sie an, als hätte er nichk gewußt, daß
sie noch in seiner Nhe weile. Er hatte ihrer nicht
m ehr denken wollen, und nun stand sie vor ihm da,
so nahe, daß ihr auszuweichen gar nicht möglich war
---- und strahlend in Schönheit und Lebensfülle.
Ehe er noch wußte, was er thun solle, hatte ihr
Anruf ihn bereits erreicht. Sie ließ Nanettens Hand
los, sobald dieselbe ihrer Hilfe weiter nicht bedurfte,
und kam zu Benedikt heran.
,.Was haben Sie denn angefangen, Pater Bene-
dikt,r sagte sie, ,und wo haben Sie gesteckt, daß ich
Sie gar nicht zu sehen bekommen habe? Nicht Ihnen,
nicht Ihrer Klasse sind wir begegnet, seit ich mir meine
kleine Cousine hergeholt habe; und stände das Kloster
mit seinem dicken Thurm nicht dort unten, und hörte
ich Sie nicht alle Abend singen, ich hätte glauben
können, es wäre hier ein Erdbeben oder sonst irgend
etwas Schauriges geschehen, und die Klasse und Sie
wären mit einemMale versunken und verschwundenln =-
Sie hatte das Alles mit jener Leichtigkeit hin-
geworfen, mit der man in der Gesellschaft einen Be- -
kannten zu behandeln gewohnt ist; und sich zu ihrer

1
Begleiterin wendend, sezte sie mit einem Blicke, den
diese sich zu deuten wußte, noch hinzu: ,Mein Schaz!
das ist der junge Pater, von dem ich Dir so viel er-
zählt habe, und dessen wundervolle Stimme uns gestern
wieder so erfreut hat.?
Nanette horchte freudig auf. Sie fühlte eine große
Genugthuung über das Begegnen, und weil sie hinter
der Cousine nicht zurückzubleiben wünschte, spendete sie
dem jungen Möuche bereitwillig das wärmfte Lrb.
Benedikt war fassungslos. Er sagte sich, daß es noth-
wendig sei, irgend eine Entgegnung zu machen, aber
er wußte nicht, was er sagen sollte, da er die Wahr-
heit hier nicht sagen konnte; und wo war die Ver-
mittlung zu finden zwischen Viktorinens und der andern
Fremden heller Freude und seinem stillen Leid? Er
brachte endlich stockend und verlegen die Frage heraus,
ob Nanette ebenfalls zur Kur in's Thal gekommen
wätre.
Er schämte sich der Frage, denn er wußte, daß
fie müßig, daß sie als Entgegung auf Viktorinens
und des andern Fräuleins Ansprache ungehörig,
ja eine Thorheit sei, daß sie ihnen auffallen und un-
geschickt erscheinen müsse; indeß er mußte fortzukommen
suchen über den Moment, ohne die Hände zusammen

1?e
zu schlagen und Viktorine auf Knieen zu beschwören,
daß sie Erbarmen haben möge mit seiner Pein und Noth.
Die aber war keineswegs gewillt, ihn so leichten
Kaufes zu entlassen. Sie sah die Neugier, mit welcher
ihre Cousine den jungen Mönch betrachtete, und sie
selber überraschte die Gluth der Leidenschaft, die in
seinen dunkeln Augen brannte. Er war nicht mehr
derselbe, als welchen sie ihm zuerst begegnet war. Er
sah älter aus und war weit schöner noch geworden.
Sein Antliz war vergeistigt, seine Züge hatten einen
tieferen Ausdruck bekommen; ein Maler hätte sich kein
besseres Vorbild für einen heiligen Sebastian er-
wünschen können, als diese herrliche Gestalt, der auch
der Todespfeil im Herzen steckte.
Nanette hatte ihm auf seine Frage erwidert, daß
sie schon am nächsten Morgen aus dem Thale scheide,
,und,' sagte sie, ,gerade deshalb freut es mich, daß ich
Sie noch gesehen habe, da Sie mir bisher nuur, wie
die Echo, unsichtbar vernehmlich wurden.'?
,Glaubst Du,'? fiel ihr Viktorine in das Wort,
, die geistlichen Herren wüßten es nicht, wie anziehend
die geflissentliche Zurückhaltung sie macht? Keine Frau
versteht das besser! auch Pater Benedikt hat das be- -
reits begrifen. Er thut, als habe er vergessen, daß

17
wir uns wiedersehen wollten. Und weil ich nicht ge-
wohnt bin, mich selten zu machen und erwarten zu
lassen, bin ich mehrfach auögegangen ihn zu suchen!r
, Sie mich ? stieß Benedikt hervor.
,Wie denn anders? Ich pflegte Wort zu halten
und ich habe Wort gehalten!r fügte sie bedeutungs-
voll hinzu, ,Sie aber haben dieses nicht gethan. Auf
der Klostermatte bin ich gewesen und bei Ihrer Mutter,
aber Sie haben auch die Mutter nicht besucht = e
,Ich befinde mich auf dem Wege zu ihrem
Hause!'' sagte Benedikt, dessen Verwirrung mit jedem
ihrer Worte wuchs.
,, Oh! wie schade, eben komme ich von dort und
habe von Ihnen mit Ihrer Mutter gesprochen, während
meine Freundin sich erfrischte. Nun, Sie werden's
von der Mutter hören. Aber wo halten Sie mit
dem Einstudiren meines Hymnus? Singen ihn die
Schüler schon?
,,Der Herr Abt erwartet einen Gast, zu dessen
Ehren er gesungen werden soll,r' bemerkte Benedikt.
Viktorine äußerte das Verlangen, der Aufführung
beiwohnen zu können; er meinte, das werde möglich
sein, da sie in dem großen Schulsaale geschehen solle,
der sich außerhalb der Klausur befinde; indeß er sprach


das Mlles, ohne recht zu wissen, was sie fragte und
was er ihr zur Antwort gab.
Daß er sie sah, daß er ihre Stimme hörte, er-
füllte seine ganze Seele; daß sie nicht für ihn da war,
daß sie so sehr zu lieben ein Verbrechen für ihn war
und daß er sündigte mit der sinnverwirrenden Freude
dieses Augenblickes, das war Alleö, was er deutlich in
sich wußte und empfand; und sich aufraffend mit dem
Neste der Fassung, die ihm übrig blieb, wollte er von
ihnen scheiden.
Sein Kampf und die Gewalt, die er sich an-
that, waren jedoch so unverkennbar, daß sie auch dem
jüngeren Mädchen nicht entgingen. Das war's, was
Viktorine wünschte.
, Sie wollen gehen? fragte sie.
, Ich habe mit meiner Mutter zu verhandeln!?
gab er ihr zur Antwort.
, So darf ich Sie nicht halten, und auf Wieder-
sehen also!r sagte sie, indem sie ihm die Hand hin-
hielt.,Ich hoffe Sie bald einmal wie heute anzu-
treffen!r sezte sie mit klugem Blicke um sich schauend,
bedeutungsvoll hinzu.
,Nein! wünschen Sie mir das nicht!r sagte er, -
seiner nicht mehr mächtig, und ging, ohne die darge-

ur
gebotene Hand zu fassen, mit kurzem Lebewohl
von ihr.
Die beiden jungen Frauenzimmer sahen ihm be-
troffen nach, bid er, ohne den Blick zurück zu wenden,
die Brücke überschritten hatte und hinter der Felsecke
verschwunden war.
,Der Aermste! wie er Dich liebt!r' sagte endlich
die Cousine mitleidsvoll.
Viktorine antwortete ihr nicht gleich. Benedikts
Leidenschaft, die sich wider seinen Willen so unverhohlen
und so scheu verrathen, hatte sie erschreckt; indeß sie
wollte das nicht merken lassen, und mit der siegge-
wohnten Miene, die ihr selten fehlte, sagte sie:,es
giebt, wie Du gesehen hast, sonderbare Arten, eine
Liebeserklärung zu machen! Diese war mir selber neu
---- und war doch klar und deutlich, wie nur Eine,
so daß sie Nichts zu wünschen übrig ließ.
Sie bückte sich dabei zum Wasserrande nieder,
Vergißmeinnicht zu pflücken und forderte auch die
Cousine dazu auf, als ob nichts Anderes sie beschäf-
tige und kümmere, und sie sah dabei sogar heiter und
zufrieden aus. Nanetie hatte jetzt erfahren und erlebt,
was sie nach Viktorinens Willen erfahren und wissen
sollte. Das Nebrige mochte sie sich vorstellen und
F. Lewald, Benedikt. k.

1s
denken, wie es ihr gefiel. Es konnte dadurch an
Romantik nur gewinnen, den Zauber, der um Vik-
torine schwebte, in den Augen der Cousine nur erhöhen,
und Viktorine war in ihrem Innern auch bereits von
einem anderen Gegenstande eingenommen, der für sie
wichtiger war als Benedikt.
,Hast Du's gehört, sprach sie, nachdem sie die
gepflückten Blumen mit weichen Halmen zusammen
gebunden hatten, und danach eine Weile schweigend
ihres Wegs gegangen waren, ,hast Du es gehört, im
Kloster erwarten sie einen Gast, dem sie besondere
Ehren zu erweisen denken. Wer kann das sein??
,Soll ich ihn Dir nennen? fragte die Cousine.
Die Andere verlangte nicht danach. ,Daß ich
unwissentlich den alten Lobgesang auf Rom zu seiner
Ehre in das Kloster schicken mußte - wie wunderbar
ist das! sagte sie und schaute mit den dunkeln Augen
gedankenvoll in's Weite.
,Ich würde es als ein gutes Zeichen, als eine
günstige Vorbedeutung ansehen,' meinte die Coufine,
und Viktorine nahm es selber auch mit solcher Mei-
nung auf.
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,Laß uns hoffen, daß es uns Glück verheißend ,
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sei!'- sagte sie. ,Der Graf wird übrigens an der


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1
Stimme dieses jungen Mönches!- sie nannte ihn
nicht mehr Benediktus oder ihren jungen Pater wie
bisher --- ,auch seine große Freude haben. Er lielt
die Musik und ist ein Kenner aller Kunst: ein echter
ohn Italiens und Roms!?
1

Kapitel 12

Febikt hatte sich niedergesezt, sobald er sich aus
dem Bereich von Viktorine wußte. Er hatte sich
überwunden und war geflohen- indeß waö half
ihm das?
Wohin er sich auch wendete, sie war bei ihm! ---
Wohin er immer blickte, sah er sie! Es war kein
Raum in seinem Herzen, seiner Seele, den sie nicht
erfüllte - und schaudernd ließ er die Worte des
Psalmes über seine Lippen gleiten:,Wo soll ich hin
fliehen vor Deinem Angesicht? Führe ich gen Him-
mel, so bist Du da, bettete ich mich in die Hölle, jo
bist Du auch da!?--
E war wieder eine Läisterung in diesen Worte:n,
wie er sie gebrauchte, sündhaft war Alles, was er
that und dachte; er war verdammt, sich nicht mehr zu

184
erheben. Dante's verhängnißvolles: , Laßt alle Hoff-
nung fahren!'' war für ihn gesprochen. Es blieb ihm
Nichts als bis an's Ende willenlos in unverbrüch-
lichem Gehorsam an jedem Tage durch den Tag zu
gehen - und das mußte er auch heute thun.
Er erhob sich seufzend und schritt hinauf nach
feiner Mutier Hof.
Die Thüre des Hauses stand offen und die Küchen-
thüre ebenso. Vom Heerde aus konnte Jakobäa Jeden
sehen, der über ihre Schwelle kam.
Langsam und mit müdem Schritte stieg der Sohn
die Treppe hinan, er hatte die Mutter seit jenem
Morgen nicht mehr aufgesucht. Das war an sich
nichts Seltenes, denn es war oft eine weit längere
Zeit darüber hingegangen, ohne daß der Eine oder
die Andere es wesentlich beachtet; diesmal jedoch hatten
sie Beide die Zahl der Tage nachgerechnet und Jakobäa's
Bitterkeit war mit jedem Tage gewachsen.
Sie sah ihn eintreten, ohne den Blick auf ihn
zu richten, und ließ ihn herankommen, ohne ihn will-
kommen zu heißen. Es fiel ihm schwer, dagegen
Stand zu halten, denn er war ohne dies genug be-
laden. Die ganze Verzagtheit des Unglücks hatte ihn
befallen.

185
,Mutter,'' sagte er endlich, als er schon dicht vor
ihr stand, ,so soll es zwischen Sohn und Mutter doch
nicht sein !?
Sie legte das Messer aus der Hand, stellte die
Schüssel fort, die sie auf ihren Knieen gehalten hatte,
und hob die Augen zu ihm auf. ,Wa haben sie
mit Dir gemacht? Wie siehst Du aus? rlef sie vor
der Verstörtheit seines Angesichts erschreckend.
Er sagte, es sei ihn Nichts geschehen.
,Du siehst nicht kenntlich auö wiederholte sie,
und von der Angst des Mutterherzend fortgerissen
über ihren Zorn, sezte sie mit rascher Dringlichkeit
hinzn:,Was frag' ich noch! Ich hatte mir' ge-
dacht! Du hast gebeichtet und mußt büßen! Rede!
Rede! Ich sehe es ja ohne das ?
Ihre Zärtlichkeit schloß ihm das Herz auf. Eu
hatte derselben nöthiger denn je, und bemüht, sie zu
vergelten, sagte er:,Sorge Dich nicht um mich!
Ich bin krank gewesen in meiner Seele, die ganzr
lange Zeit! Doch wird Gott mir helfen, daß ich da-
von genese!'
,,Genesen? -- Ja! Genesen von der Erdennoth
und von dem Leben! Wenn man das genesen nennen
willlr rief sie. ,äu der Art von Genesung werden

18
sie Dich bringen, wenn sie's Dich so weiter treiben
lassen, und dahin wollen sie Dich haben, denn sie
denken, damit wären sie an ihrem Ziele!r
Benediktus bangte vor dem Tone. ,Mutter!'
fagte er, , ich war gekommen, um mit Dir zu sprechen,
wie es dem Sohne ziemt, dem Dein Gelöbniß seinen
Pfad bestimmt hat, ehe er geboren war; und der
nicht Dir, nicht sich gehörte, seit er hienieden athmet!r
Sie ließ ihn nicht vollenden. , Das ist es! Das
ist es ja!'- rief sie mit Leidenschaft. , Was warst Du
mir, da Du mir nicht gehörtest? Wie sollte ich mein
Herz hängen an Denjenigen, und Denjenigen lieben
und mich sorgen um den, der nicht mehr mein eigen
war? Ich habe zu lügen und zu heucheln nicht ge-
lernt. Aber seit sie in das Thal gekommen ist, und
mir begreiflich gemacht hat-- sie brach plözlich ab
und sagte, indem sie näher zu ihm rückte:,Sie ist
hier gewesen, neulich und heut wieder, und ich habe
allein mit ihr geredet=-e'
,Ich weiß es,' sagte er, ,ich habe sie gesehen!r
,Du? Und wann? und wo?
,Jetzt eben. Am Wildbach, in der Schlucht!?
, Und davon bist Du so verstöüt? fragte sie mit
dem Scharfblick des Weibes und der Mutterliebe. Er

1?
antwortete ihr nicht darauf, aber die brennende Röthe,
die seine bleiche Stirne übergoß, schien ihr Muth zu
machen, denn ehe er es hindern konnte, sagte sie:
,Sie hat mir Alles aufgeklärt! Die Welt ist umge-
wandelt eben jetzt, jenseits der Berge. Es sind Ge-
setze gegeben worden in dem neuen Neich, welche der
löster Pforten aufthun. Nur hinülerzngehen hast
Du nöthig-
,Nicht weiter, Mutter! rief der Sohn, ,wenn
Du mich nicht zum zwweiten Male von Dir treiben
willst. Ich weiß das wohl! -- Doch nicht um solcher
Dinge willen kam ich her zu Dir.?
, Höre mich!- gebot sie und hielt ihn bei der
Hand.,Ich bin alt, Benedikt; lter alö meine Jahre,
denn Leiden zählen rascher als die Tage des Kalen-
ders, und es wird mir keine Ruhe mehr lassen, nun
ich weiß, daß Rückkehr aus dem Kloster in das Leben
möglich ist =
,Nicht für mich, Mutter!' sagte Benediktus mit
völliger Entschiedenheit. , Nicht für mich!-- Und
schlössen sich mir heut die Pforten unferes Klosterö
auf, ich würde den Weg nicht gehen, den Du mir
zeigst. Ich werde nicht lassen von dem Pfade, auf
dem zu wallen ich in der freudigen Neberzeugung ge-

188
schworen habe, daß er mich zum Heile führt, selbst
wenn mein Fuß ihn hart zu gehen findet und die
Dornen am Wege ihn zerreißen, ehe ich, den Frieden
findend, an mein heiß ersehntes Ziel gelange.!
Er hatte sich über sich und seiner Seele Schwäche
emporgehoben, indem er die Mutter zu erheben unter-
nahm; aber der lebensmüde Ausdruck seiner Züge, der
bebende Klang seiner Stimme machten, daß sie seinen
Worten nicht Gehör gab, und bei ihrem Sinne blei-
bend, sprach sie: ,Willst Du mich glauben machen,
daß Deine Wangen von Ruhe und Frieden so blaß
geworden, Deine Augen von Glück und Freude Dir
so eingesunken sind?
,, llnd wäre es von Kummer und von Schmer-
zen, was wäre es denn anders? gab er ihr zur Ant-
wort. ,kch habe das Kreuz auf mich genommen und
ich will es tragen, bis es mir zum Siegeszeichen wird
-- zum Zeichen des Sieges über mich-- und über
Dich!-- oder bis ich unterliege unter seiner Last.? =-
Sie stand auf und sah ihn an. Sie war, klug
genng, es zu bemerken, wie er sich erst bei ihr all-
mälig aufgerichtet hatte, und daß er jetzt aus vollem
Herzen zu ihr sprach.
Aber Viktorinens Zuversicht und ihr Dringen
- -,

189
hatten die Vorstellungen Jakobäa's nun einmal in
die neue Bahn gelenkt: sie hatte sich in ihrer Ein-
famkeit Tag und Nacht damit beschäftigt, wie Bene-
diktus fliehen, wie er jenseits der Alpen seine Freiheit
finden und wie sie dann später ihn dorthin folgen
werde, um ihr und sein Gewissen zu beruhigen, um
vor dem Thron des heiligen Vaters Vergebung fü
ihre und für des Sohnes Sünden durch Viktorinens
Beistand zu erlangen. Bei ihrer Unkenntniß der ob-
waltenden Verhältnisse war Jakoläa ebensowenig im
Stande, das Phantastische und Unerfüllbare diese;
ihrer Hoffnungen einzusehen, als die zähe Beharrlich-
keit ihrer Natur von denselben zu lassen vermochte.
Mit beredter Leidenschaft stellte sie dem Sohn
noch einmal vor, was sie von ihm erwartete, wad
Viktorine ihr verheißen hatte. Benedikt ließ sie ge-
währen, ohne sie zu unterbrechen. Als sie vollendet
hatte, sagte er: ,Sie hat mir das Alles angedeuten
und sie glaubt es so; aber es wäre uns besser, win
hätten sie nie gesehen, nicht Du, nicht ich!
,Du traust ihr nicht? rlef Jakobäa zürnend.
,Wie dürfte ich? versezte er,,da ich den Kampf
erprobt, in den sie mich verstrickt hat, da ich in mir
erfahren habe, was es kostet ihn zu bestehen.'

19
,Weil Du den Muth nicht hast, Dich zu be-
freien!'? fuhr Jakobäa auf.
Benedikt entgegnete auf ihren Vorwurf nicht, und
erst nach einer Weile sagte er: , Ich bin nicht muth-
los, Mutter! Ich habe in diesen Zeiten große Ver-
suchnngen mit Gottes Hilfe, wie ich hoffe, überstanden.
Ich habe, seit sie zuerst zu mir geredet, oft hinausge-
schaut mit heißer Sehnsucht nach den Freuden und
dem Ruhm der Welt, und nach Genüssen, an die ich
früher nicht gedacht habe und die mir nicht bestimmt
find. Ich weiß und hab's empfunden, wie sie ver-
lockend sind! Aber sie suchen zu gehen auf dem Wege,
von dem sie redet, und an den Du glaubst, das hieße,
selbst wenn er zum Ziele führen könnte, kurze Lust
mit ewiger Verdammniß sich erkaufen.?
Er machte eine Pause, als halte er zurück, was
ihn bewege, und sich dann zusammennehmend, sagte
er mit scheuem Zögern: ,Es steht nicht gut um mich!
Aber auch um Dich, Mutier, steht's nicht gut! Du
bist abgekommen von der Kirche, von der Beichte, von
dem Pfade, auf dem wir gegangen sind, Du und
Deine Kinder, unbeirrt seit meines Vaters Flucht,
um seiner Sünden und um Deinetwillen. Dabei,
Mutter! muß es bleiben! damit Deine Kinder, die

19
für Dich gebetet haben, seit sie beten lernten, nicht
muit hoffnungsloser Sorge an die Mutter denken
müssen, die sie in die Welt geboren hat, damit sie
nicht die Mutter wie den Vater meiden müssen und
verlieren.'?
Jakobäa war ergriffen, ihr Sohn war es nicht
minder. Es war das erste Mal, daß er es unter-
nahm, sich also über sie zu stellen, daß er in solcher
Weise zu ihr von ihrer Schuld und ihrer Bußpflicht,
daß er als der Priester ihres Gottes zu ihr sprach,
und der Eindruck, den er auf sie machte, wirkte er-
muthigend auf ihn selbst zurück.
Er lernte es empfinden, wie der Geist sich stärkt
in Denen, welchen es Pflicht ist, Andere zu leiten, und
er genoß daneben den ersten Neiz des Herrschens,
während er demüthig dem Befehle seiner Oberen ge-
horchte. Das Geheimniß jener klug berechneten Ver-
bindung von Herrschaft und Gehorsam, das die
Glieder der Kirche untereinander und in der Kirche
so meisterhaft zusammenhält, bewährte sich an ihm.
Er konnte in dem Augenblick absehen von sich
selbst, es vergessen, was ihn eben noch befangen, was
ihn verwirrt hatte, als er vor die Mutter hingetreten
war. Er fand eine Genugthuung darin, sich in dem

19
Dienste der Kirche, in der er erwachsen und erzogen,
deren Theil und Glied er war, alö Berather und Er-
mahner zu versuchen; und was er als Glaubenssatz der
Mutter vorhielt, ward in ihm als Neberzeugung in
neuem Sinne mächtig; so daß er ihr mit Ruhe den
Wunsch aussprach, sie möge sich entschließen die Schen-
kung ihres Hab und Gutes für ihren Todesfall zu
Gunsten seines Klosters zu vollziehen.
Jakobäa blickte ihn in stummem Schrecken an.
Sie hatte diesen Vorschlag von ihrem Sohne nichter-
wartet, am wenigsten in dieser Zeit.
Er war ihr fremd wie er jezt vor ihr stand, die
herrliche Gestalt hoch aufgerichtet, den leuchtenden
Blick ihr zugewendet, sie ermahnend mit feuriger Be-
schwörung, sie bitend mit dem weichen Ton der Liebe,
nur an ihr Seelenheil zu denken. Des Sohnes Wort
drang anders an ihr Herz, als das des greisen Paters.
Sie neigte sich vor ihm und sah zu ihm empor, sie,
die ihn geboren, die ihn an ihrer Brust genährt, auf
ihren Knieen groß gezegen hatte. Wie sie sich um
sein irdisch Theil all die Zeit gesorgt hatte, wie sie
jezt noch darauf dachte, ihn einzusetten in sein Erbe,
so sorgte er sich, ihrer Seele jenseits dieses Lebens
ihre Heimathsstätie zu bereiten; der Sohn, dem sie

1
sein irdisch Dasein einst geschenkt, wollte ihr die Ver-
geltung dafür sichern in der Ewigkeit.
Es war ein Aufwallen, ein Fluthen von Empfin-
dungen in ihr, über welche sie sich Rechenschaft zu
geben nicht vermochte. Die Trauer, die sie fühlte, schloß
doch Freude in sich, und das Glück der Mutterliebe
barg in sich den Schmerz, daß Benedikt sich zu be-
freien verweigerte. Sie wünschte, ihm nachzugeben,
ihm willfahren zu können, sie hatte ihm bisher so
wenig Zärtlichkeit erwiesen; aber was konnte ihm seine
Mutter und Mutterliebe sein, ihm, der nicht einmal
an dem Hause seiner Väter hing, der in sie drang.
um seines und um ihres Heiles wegen, sich des alt-
ehrwürdigen Besizes zu entäußern? Nicht nur ihn,
sich selber sollte sie der Freude an ihrem Hab und
Gut berauben! und sie konnte ja noch lange leben in
dieser Welt, ehe sie abberufen ward zu einer anderen.
Sie hatte es dem Sohne heute ausgesprochen:
ihre leiblichen Kinder hatte sie nicht von Herzen lieben
können, seit sie ihr nicht mehr allein gehörten, und
auf Ausschließlichkeit und Dauer war ihr Sinn ein-
mal gestellt. Die Kinder hatte sie schon mit dem
Kloster theilen, sie an das Kloster verlieren müssen;
t? === =- = =-

19
und Gut entsagen, sollte nur noch als Verwalter
schaffen, sich nicht mehr als unbeschräinkte Besizerin
empfinden auf ihrem Grund und Boden und in ihrem
Hause? Bei lebendigem Leibe sollte sie wie ein Schemen
und Gespenst umhergehen neben denen, die auf ihren
Heimgang ihre Plane bauten?- Nimmermehr!--
Benedikt wollte nicht von seinem Eide und von seinem
?:
Es brachte sie anßer sich, daß er dies nicht be-
grif, daß er nicht wie sie an diesem Hause hing, daß
er nuur an den Himmel und das Jenseits dachte, und
fast ohne es zu wissen, rief sie in ihrem Schmerze:
, Er ist bei mir und nicht bei mir! Die Welt liegt
zwischen ihm und mir!'?--
,Ja die Welt! Ja die Welt!- sprach Benedikt
ihr mit gehobener Stimme nach, ,diese vergängliche
trügerische Welt, in welcher schon in der nächsten
Stunde uns entrissen sein kann, woran wir hängen,
als wären wir nicht selbst vergänglich und in jedem
Augenblick dem Tode verfallen! Du kannst nicht
lassen von dem Hause, magst nicht denken, daß es
Andern dereinst gehören soll? Aber weißt Du, ob der
nächste Morgen Dir noch tagt? Ob dieses Haus, auf

1
das Dn neulich des Himmels Bliz hernieder riefest,
nicht morgen schon des Feuers Beute wird?-- Dut
denkst an mich! =- An mich?- Wer bin ich, Mutter?
Was ist mir diese Welt? Was hat sie mir zu bieten?
Was hab ich denn in ihr zu hoffen? Die Tage und
Stunden habe ich minutenweise algezählt, und hab
in meines Herzens Angst gefleht zu Ihm, dessen das
Leben ist, daß er es mir verkürze--''
,. Benedikt!r tief die Mutter voll Eutjezrn
, was ist denn geschehen?
Er fuhr zusammen. Während er die Mutter
abzulösen trachtete von dem Hängen an dem Irdi-
schen, hatte seine Phantasie sich willenlos zurückge-
wendet in die Erinnerung an das eigene gezuungene
Verzichten, an sein Leiden, und zu ihr, die ihm der
Inbegrif des Lebens und der Welt geworden war.
Das Wort verstummte ihm im Erschrecken vor sich
selbst.
Die Mutter stand vor ihm und sah ihm fest
in's Antliz. Er senkte den Blick vor ihr zu Boden.
Eine unheilvolle Ahnung bemächtigte sich ihrer.
Die Aussichten, welche Viktorine ihr eröffnet,
hatten sie gereizt, sie hatte sich darin versenkt, wie
man das Auge weit vorwärts in die Fernr dringen
l

19
läßt, während man auf festem Boden sicher da steht.
Sie hatte Benedikt von den Banden frei zu sehen
gewünscht, die sein Eid ihm auferlegte; aber noch
waren diese Bande nicht gelöst, noch band ihn ja sein
Eid, ein heiliger Eid, den nicht brechen zu können
und zu wollen er erklärte. Vor der Macht der
Gegenwart, der Wirklichkeit gegenüber, fiel auch vor
Jakobäa's Augen das unbestimmte Hoffen auf eine
Umgestaltung ihrer und ihres Sohnes Zukunft in
sich selbst zusammen, und die Gewalt des angeerbten
Glaubens und der angeerbten Vorstellungen trat auch
bei Jakobäa in ihr altes Recht.
,Du bist des Herrn Priester,' sprach sie mit er-
habenem Ernste, indem sie ihre schwere Hand auf
seine Schulter legte, ,und ich verehre ihn in Dir;
aber ehe Du sein Priester warst, warst Due mein
Sohn, ich Deine Mutter! Du hast mir mein Herz
gedeutet und vor Deinem Erkennen hab' ich mich ge-
beugt.- Ich will Dir das Deine deuten, denn ich
hab's erzeugt!''
, Mutter! Um Gottes Barmherzigkeit willen,
sprich das Wort nicht aus!r rief Benedikt.
,,Wer will mich hindern, meinem Kinde in das
Herz zu sehen? sprach sie und hielt ihn fest. ,Wer

?
soll Dir'I sagen, was er sieht, wenn ich's nicht thue?
Läugne mir es, wenn Du es kannst!-- Du liebst die
Fremde, Benedikt!=?
Ein dumpfer Schrei rang sich aus seiner Brust
empor, und das Gesicht verhüllend, sank er vor Ihr
nieder.
Sie umschlang ihn und drückte ihn an ihre Brust.
So hatten Sohn und Mutter sich noch nie umfangen.
Jezt verstand sie ihn, und Mlles war jezt anders
zwischen ihnen. Was Liebe sei, das wußte Jakobäa!
Daß Liebe nicht vergessen, nicht einem Andern zuge-
wendet werden könne, das hatte sie an sich erfahren,
und Benediktus war ihr Blut, ihr Sohn! Und er
war Mönch, der geweihte Priester seines Gottes!
Sein Unglück, sein Schmerz, sein Vergehen
fielen, nun sie sie erkannte, wie schwere Hammerschläge
auf sie nieder. Sie öffneten gewalisam die Quellen
der Zärtlichkeit in ihrer Brust, die Leid und Einsam-
keit so lange verschlossen hatten. Ihre Liebe für den
unglückseligen Sohn verwandelte ihr ganzes Wesen.
Sie fluchte der Fremden in ihres Herzens Tiefen, und
hielt dennoch das harte Wort zurück, um Benedikt
nicht weh zu thun, der sie liebte. Sie hätte ihr
Leben darum geben mögen, häte sie ungescehen

198
machen können, was sie selber die ganze Zeit hindurch
an ihreä Sohnes Nuhe und Frieden gefrevelt und ge-
fündigt hatte.-- Sie haßte und verabscheute sich selbst
und den Besiz, um dessen willen sie den Sohn ge-
peinigt, um dessen willen sie der Fremden ihr Ver-
trauen geschenkt, ihr willfährig Gehör gegeben, und
um dessen willen sie die neue Schuld auf sich geladen
hatte und auf ihren Sohn.
Sie fand, da ihre Angst nach Hilfe suchte, eine
tröstende Zärtlichkeit in sich, deren sie sich nicht bewußt ge-
wesen war, und eine Sprache für den Sohn, die sie noch
nie zu ihm gesprochen hatte. Der heiße Strom der
Mutterliebe floß frei in ihrem Herzen und ergoß sich
über Benediktus, daß die Mutter und der Sohn
unter dem Gewicht des Schicksals, unter dessen Last
kein Erkommen und kein Hofen übrig blieb, doch
eines Glückes genossen, dessen sie nicht theilhaftig ge-
wesen war bis zu dieser Stunde.
Benedikt umarmte die Mutter noch einmal, dann
stand er auf; sie folgte seinem Beispiel.
,, Und was soll nun werden?' fragte sie, beseelt
von dem Verlangen, ihn zu befriedigen und zu
trösten.
Er reichte ihr die Hand hin. ,Gott ist über

199
uns gewesen in dieser Stunde,! sagte er, ,und hat
uns heut gesegnet! Laß unö ihm dafür dienen in
dankbarem Verzichten auf Mlles, was nicht bestehen
mag vor ihm.? Er schickte sich zum Fortgehen an.
Sie ging mit schwerem Schritte neben ihm.
,. Komm wieder!'? bat sie, als er sich dem Aus-
gang nahte.
, Nicht eher, bis sie nicht mehr in dem Thale
ist!' gab er ihr zur Antwwort.
,Ich komme in die Kirche heute Abend, da werd'
ich Dich doch hören!r sagte die Mutter.
,Geh' auch zur Beichte!'' mahnte er, und sie ent-
gegnete, es verlange sie danach, das Herz sei ihr be-
laden, sie habe der Vergebung nöthig -- auch
von ihm.
,Denk' nicht an mich!'r sprach Benedikt.
Da brach ein Strom von Thränen ihr aus den
Augen, und sich noch einmal ihm in die Arme werfend,
rief sie: ,An wen soll ich denn denken, als an mein
eigen Fleisch und Blut, an Dich, an meinen unglück-
seligen Sohn!?
,,Gott wird mir helfen zu tragen, was er mir
auferlegt,' versetzte er und ging hinaus.
Sie blieb unentschlossen auf der Schwelle stehen.


Sie konnte ihn nicht scheiden lassen, ohne ihm ein
Zeichen ihrer Liebe gegeben zu haben, aber es kam ihr
hart an wie der Tod.
,, Benedikt!' rief sie. Er wendete sich um.,Würd
- es Dich freuen, wenn Dein Kloster mich beerbte?
,Wir haben, Du und Deine Kinder, alle Drei
der Fürbitte sehr nöthig, Mutter!' gal er ihr zur
Antwort, , und Dein Andenken geehrt zu sehen unter
uns, das wäre mir ein Segen.''
,,So sollen sie es aufsezen, ich will es nnter-
schreiben!'' stieß sie rasch hervor.
, Gott sei gedankt, daß er Dein Herz gelenkt!
rief Benedikt, aber sie hörte es nicht mehr. Sie war
hineingegangen in das Haus, ihm ihre Thränen zu
verbergen.

Kapitel 13

rehehntes
'npilel.

Ai Abend, um die Vesperstunde knieete Jakobä
wieder an ihrem alten Platze in der Kirche. Di
Fremden kamen erst lange nach ihr in das Gottes-
haus; Viktorine bot ihr, als sie an ihr vorüberging,
die Zeit, aber Jene gab ihr keine Antwort, und machtr
das Zeichen des Kreuzes über sich. -- Der Chorge-
sang war gerade beendet, Benedikt's Stimme erhol
sich hell im Einzelsang.
,Daß man das heute zum lezten Male hört!
sagte Nanette mit Bedauern.
,Es ist unglaublich, welche Fortschritte er gemacht
hat, seit wir zum ersten Male in der Kirche waren,''
meinte die Baronin. ,SSchön war seine Stimme
immer, aber es ist jezt ein Ton, ein Ausdruck in sie
hineingekommen, den sie vor sechs Wochen noch nicht

e
hatte. Man könnte in der That vor Rührung wei-
nen, wenn man nicht seine Freude daran hätte.!--
Viktorine, welche des jungen Mönches Singen
sonst am lebhaftesten gepriesen hatte, schwieg heute zu
der Bemerkung der Baronin.
Als dann der Gottesdienst beendet war, und die
Fremden bei dem Fortgehen aus der Kirche wieder
an Jakobäa vorüberkamen, fand die Baronin, welche
sich gewöhnt hatte, in dem Thale bei jedem Anlaß
die huldvolle Beschützerin zu spielen, sich gemüßigt,
an die Mutter Benedikts heran zu treten und ihr zu
fagen, wie gefühlvoll ihr Sohn heute gesungen habe.
,Ich wollt', Ihr Fräulein sänge einmal so wie
er!' warf Jakobäa hin, während ihr Blick finster über
Viktorine hinstreifte.
,, Oh, versetzte die Baronin, ohne Ahnung von
dem, was Jene meinte, ,meine Tochter hat oft geist-
liche Musik gesungen und versteht sich außerordentlich
darauf!'? Und um das Maß ihrer Herablassung heute
voll zu machen, setzte sie hinzu:,?ommen Sie doch
einmal zu unserer Wirthin, liebe Frau! Dann sollen
Sie meine Tochter hören; Ihr Herr Abt war ganz
von ihr entzückt.r?
,Ich hab' mehr als genug von ihr gehört!! sagte

2
akobäa und ging von ihnen, ohne Gruß und Lebe-
wohl.
Die Baronin fühlte sich durch diese Abweisung
-schwer gekränkt, besonders weil ihre Anverwandten die
Zeugen derselben waren. Sie nannte Jakobäa eine
unheimliche abstoßende Person, die ihr von Anfang an
zuwider gewesen sei. , Aber meine Viktorine,? sagte
sie, ,hat eine wahre Leidenschaft für das Driginelle,
weil sie selber so originell ist, und sucht sich solche
Menschen auf. Wenn man nuur wüßte, was die Frau
heut' hatte!r
Sie waren während dessen an den Ausgang der
Kirche gelangt, die Baronin und ihre Tochter traten
an das Becken, sich mit dem Weihwasser zu benezen,
die Andern, die noch Juden waren, standen von fern
und sahen ihnen zu. Der lebertritt zum Christen-
thum und zur Landeskirche gehörte in ihren Augen
mit zu dem Luxus, den ihre reichen Verwandten sich
hatlen erlauben dürfen.
Als Viktorine sich allein mit ihrer Mutter sah,
sagte sie: ,Sprich nicht mit Jakobäa und nicht von
ihr! Pater Benedikt hat eine Leidenschaft für mich
und ich sehe, seine Mutter weiß darum. Die Töne
auollenihm ja heute auch wie heißeTropfenaus derBrust!'

Le
Die Baronin that einen überraschten Ausruf;
indeß verwundern that die Mittheilung sie keineswegs,
sie fand die Sache sehr natürlich. Es hatte ja kaum
ein Mann den Reizen ihrer Tochter widerstanden.
Nur wie es mit dem Pater so gekommen sein konnte,
das begrif sie nicht, und häti's doch wissen mögen.
Die Tochter sagte, sie werde ihr's erklären, wenn die
Gäste fort, und wenn man wieder in Ruhe sein würde.
, Nanette weiß darum, sezte sie hinzu, ,wir sind ihm
heute noch begegnet und haben ihn gesprochen. Er
ging von uns zu seiner Mutter Haus.'
,Der Aermste! rief die Baronin, ein mitleids-
volles Lächeln auf den Lippen, ,wie er mich dauert!
, Und mich erst!r sagte Viktorine, während sie sich
den Anverwandten wieder zugesellte; aber die Baronin
blickte von Zeit zu Zeit mit zärtlichem Vergnügen
ihre Tochter an, und so bald es sich nur thun ließ,
nahm sie Nanettens Arm, um in eifrigem Gespräch
mit ihr hinter allen Andern weit zurück zu bleiben.

Kapitel 14

Vierzehntes Cnpitel.

mit
Ee paar Siunden später, als man in der Pension
den Abreisenden noch wohlgemuth beisammen
war, folgte in dem Kloster Pater Theophil wie immer
dem Abte in seine Zimmer.
Die Jahreszeit war vorgeschritten, die Fenster
waren überall geschlossen, die kluge Drossel in dem
Bauer ließ sich nicht mehr hören. In dem großen
niedrigen Ofen prasselte das Fener, die Greise konn-
ten am Abend das geheizte Zimmer bereits wohl
gebrauchen, und die beiden Cypernkätzchen hatten sich
auf dem Teppich so gelagert, daß die Wärme aus der
Ofenthüre sie berührte, ohne daß der Strahl des Feuero
ihre halbgeschlossenen Augen traf.
Pater Theophil hatte das Schachlrett herbeige-
holt, indeß der Abt legte die Hand darauf, ehe Iener
F. Lewald, Benedikt. l1

N1
die Figuren heraus nehmen konnte, und fich in den
weiten Armstuhl zurücklehnend, sagte er:,Die neue
Einrichtung unserer bischöflichen Zimmer ist zur rechten
Zeit vollendet worden. Sie nehmen sich reich und
stattlich aus. Es ist mir lieb, daß wir dem Grafen
Stsfano als erstem Gast dieselben jezt schon bieten
können. Auch in diesen Dingen hat man daö Ansehen
des Klosters zu beachten, die Gemächer für die Frem-
den müssen gut gehalten sein.?
, Hochwürden erwarten also jezt den Grafen?
fragte Theophil, obschon er von der bevorstehenden An-
kunft dieses Gastes durch die Unterbeamten hinläng-
lich unterrichtet worden war.
, Mein Wagen geht ihm morgen bis an den
See entgegen, zur Mittagsmahlzeit wird der Graf
hier oben sein!'r entgegnete der Abt, ,und nach der-
selben können ihm die Schüler die neustudirte Hymne
singen. Benediktus hat sie gut gesetzt und eingeübt.?
,,Er ist auch sonst zu loben,? meinte Pater Theo-
phil, der seit sie allein beisammen waren die schickliche
Gelegenheit erwartet hatte, dem Abte die erwünschte
Kunde mitzutheilen und seinem Günstling eine An-
erkennung zu erwirken. ,Benediktus ist zu loben.
Seine Mutter hat auf seinen Wunsch und seine eber-

redung heute endlich darin eingewilligt, die Ver-
schreibung ihrer liegenden und ihrer sonstigen Habe
zu des Klosters Gunsten zu vollziehen!
Des Abtes Augen leuchteten schnell und flüchtiz
- auf. , Und ist das sicher? fragte er.
Theophilus entgegnete, daß Benediktus eigenö zu
ihm gekommen sei, ihm die Mittheilung zu machen,
nachdem er denselben ernstlich ermahnt habe, von seiner
Mutter die Ausführung dieses frommen Aktes nach-
drücklich zu begehren.
,Hat er gesagt, auf welche Weise er die Zuusage
von ihr erlangt hat? erkundigte sich der Abt.
Der Pater konnte ihm darüber keine Auskunft
geben, er wiederholte aber, daß man den Entschluß
nur Benedikt verdanke, und daß dieser, nach einer
heutigen Unterredung mit der Mutier ihm gemeldet
habe, sie sei bereit, für den Fall ihres Todes die
Schenkungsakte wie man sie abzufassen nöthig fände,
sofort zu unterschreiben.
,So muß man sie morgen auöfertigen lassen
und Sorge dafür tragen, daß Frau Jakobäa nicht
schwankend werde in dem guten Vorsatz. Senden Sie
mir den Pater Benedikt; ich will selber mit ihm reden,
und zwar noch heute und sogleich.?
11

A1
Von dem Spiel war keine Rede mehr, man hatte
eben Wichtigeres zu thun.
Theophilus trug das Schachbrett fort und begab
sich in den Saal hinunter, in welchem Benedikt die
Beschäftigung seiner Klasse überwachte.
In einer Gemeinschaft, in welcher Alles seine
Zeit und seine Stunde hat, in welcher die kleinste
Alweichung von der festgesezten Negel als ein außer-
ordentliches Ereigniß Aufsehen macht, blieb natürlich
das Erscheinen des greisen Paters in dem Arbeitssaale
von keinem der Schüler unbemerkt. Es kam sonst
niemals vor, daß man ihn um diese Siunde, die er
allabendlich mit dem Abte zuzubringen pflegte, noch
auf den Corridoren antraf, und unter den Scholaren
hatte man ihn, so lange man sich zu erinnern wußte,
nach der Abendmahlzeit nie gesehen. Aller Augen
richteten sich daher auf ihn. Es mußte etwas Be-
sonderes geschehen sein, sein Kommen mußte etwas
Besonderes zu bedeuten haben! Aber was?
Die Frage ging von Mund zu Munde; Niemand
hatte darauf die Antwort. Man sah, daß er mit
Pater Benediktuö sprach, daß dieser den Arbeitssaal
verließ und der Greis den Platz einnahm, an welchem
der junge Lehrer bis dahin gesessen hatte. Das war

1B
noch nicht dagewesen. Keiner der Schüler vermochte
bei seiner ruhigen Beschäftigung zu bleiben. Ein
Meteor, das am Horizonte plözlich sichtbar geworden
wääre, hätte nicht größere Neugier erwecken, nicht mehr
und gewagtere Vermuthungen erregen können.
Während dessen begab sich Benedikts nach des
Abtes Zimmer. Der Abt hatte dem Laienbruder, der
ihm den gewohnten Nachttrunk brachte, die Weisuna
gegeben, denselben fürerst zurüczustellen. Er ging,
sehr wohl mit sich zufrieden, und dadurch auch füe
Andere gut aufgelegt, in dem Gemache hin und wie-
der. Der Plan, den er vor fünfundzwanzig Jahren
umsichtig entworfen, war endlich dem Gelingen nahe;
die Frucht, des Wartens werth, war jezt endlich reis
geworden und man konnte sie zu ernten hof en.
Ala Benediktus ihm gemeldet wurde, ließ der
Abt sich in dem großen Sessel nieder. Die Lampe,
die auf dem Tische vor ihm brannte, war nach seiner
Seite grün verhängt, während sie die andere Seite
des Zimmers hell genug beleuchtete.
, Hochwürden haben mich befohlen!' sagte Bene-
dikt sich tief verneigend vor seinem Oberen.
, Ich wünschte Dir mitzutheilen, daß ich die Ent-
schließung Deiner Mutter um ihretwillen segne,' ent-

N1ä
gegnete der Abt, ,nnd daß ich Dein Verhalten billige,
svfern Du in Demuh zu derselben mitgewirkt hast.
Sie hatte es hoch nöthig, sich abzuwenden von den
Gütern, die sie höher schätzte, als ihr Seelenheil, und
sie wird ruhiger in ihrem Herzen werden, wenn nicht
immer wieder der Zweifel und die Sorge sie beschleichen,
was dereinft aus ihrem Nachlaß werden solle. Hat
sie Dir angedeutet, wie sie ihre Schenkung machen,
und ob sie dieselbe auf ihr Haus und auf ihren
liegenden Besiz beschränken wolle, oder sie auch auf
ihre übrige bewegliche Habe auszudehnen denke?
, Sie hat darüber Nichts gesagt, sprach Benedikt,
, nur beauftragt hat sie mich, Hochwürden zu ersuchen,
daß Sie das Dokument der Schenkung nach Ihrer
Einsicht auszufertigen befehlen. Sie wird es unter-
schreiben, wie man es ihr vorlegt. !
, Hat sie Angehörige, die sie zu bedenken, auf die
sie Rücksichten zu nehmen wünscht?
, Hochwürden wissen, daß von mir und meinen
Schwestern keine Rede sein kann; und für die sehr
entfernten Anverwandten, die uns im Aargau leben,
hat sie keine Art von Freundschaft. Sie ist ihnen
eher abgeneigt. ?
, Und weißt Du, was zwischen ihnen steht)

L1?
Benedikt schien zu überlegen, ob er auösprechen
solle, was er denke, dann sagte er: ,Sie mißtrautn
ihren gelegentlichen Annäherungen, weil sie meinte
sie trachteten nach ihrem Erbe.r?
,Das ist es!- rief der Abt, ,daö ist der Sinn,
der Alles vergiftet und verpestet in der Wolt. Zwischen
Blutsverwandte, selbst zwischen Kind und Eltern
drängt sich die Habsucht ein, zerfrißt der Geiz wie
scharfer Rost die Bande, die sie aneinander ketten!---
Du hast ein gutes Werk gethan, mein Sohn, daß Du
Deine Mutter dahin bestimmt hast, sich nicht über ihr
Grab hinaus um Geld und Gut zu sorgen. Bis zu
ihrem Tode bleibe sie Herrin über dieselben wie bis-
her, und nach ihrem Abscheiden lebt sie dann in Ehren
fort in unserm Hause, in dem Hause, dessen Ange-
höriger Dn geworden bist. Es soll geschehen, wie sie
es begehrt. Du selbst kannst ihr die Gewährung ihres
Wunsches morgen in der Frühe melden.'?
Benedikt wollte nach erhaltenem Befehle sich ent-
fernen. Der Abt gebot ihm zu verweilen. , Pater
Theophilus,'' sprach er, ,hat mir berichtet, daß Deine
Gesundheit nicht die beste ist; und wenn der Schein
des Lichtes mich nicht täuscht, so siehst Du ang--
grifen aus. ?

L16
Der Jüngling wollte sagen, daß es mit ihm
Nichts auf sich habe, aber der Abt kam ihm zuvor.
,Ich frage Dich nicht, sagte er. , woran Du krankst,
es ist das die Sache des Pater Medikus, und es ist
Dir Pflicht, die nöthige Sorgfalt zu verwenden auf
den Leib, mit dem Dich zu bekleiden es dem Herrn
gefallen hat. Auch kann's bisweilen Jedem von uns
heilsam und geboten sein, den Körper durch Kasteiung
daran zu verhindern, daß er den Geist darnieder halte.
Ist das Dein Fall, mein Sohn, so laß es ihn empfin-
den, daß Du Deines Fleisches Herr und Meister bist;
und Der, der es ausgesprochen: Der Geist ist willig,
aber das Fleisch ist schwach!: wird mit Dir sein! -
Indessen,? fuhr er nach einer kleinen Pause fort, ,Du
hast zum Defteren das Verlangen kund gegeben, die
Welt jenseits der Berge kennen zu lernen, und uns
hier oben ist die rauhe Jahreszeit nicht fern. Es wird
zu überlegen sein, was für Dich frommt.-- Man
könnte Dich vielleicht gen Süden gehen lassen! -
Ich will es mit Pater Theophil bedenken, sobald wir
Deiner Mutter in ihrem Vorhaben den nöthigen Rath
ertheilt, und angeordnet haben werden, was sie wünscht.
Und somit geh zur Ruh! Gott sei mit Dir!?

u?
Er ertheilte ihm den Segen, Benedikt küßte seine
Hand und ging hinaus.
Der Abt läutete, man brachte ihm den Schlaf-
trunk; dann ließ er noch einmal den Pater Theophilus
rufen, und sie blieben lang über die sonst von ihnen
eingehaltene Zeit beisammen. Der Abt sezte mit
eigener Hand den Entwurf der Schenkungsakte auf.
War sie nur erst vollzogen, so konnte man später
Benediktus zu seiner inneren Herstellung, falls es sich
zweckentsprechend zeigen würde, für einige Zeit in ein
andered Kloster, oder auf einen andern Posten senden;
denn der Hauptsache war man dann versichert.

Kapitel 15

z« Gelden Greise hatten eine ruhige und guute
Nacht; Jakobäa aber saß auf ihrem Lager und sah
zu, wie der Mondschein, durch die Fenster fallend, erst
diesen und dann jenen Balken des Getäfels in ihrer
Kammer mit seinem zitternden und schwankenden
Lichte streifte und erhellte. Sie kannte jeden Nagel
und jede Maser in dem alten Holze. Als Kind schon
hatte sie darauf geachtet, und wunderliche Gebild.
darin gesehen, bald thierische, bald menschliche Gestal-
tung. Maria Josepha hatte das Alles zimmern lassen
, für sich und ihre Nachkommenschaftr?. Es hielt und
stand noch Alles, und konnte stehen und halten noch
wer weiß wie lange!-- Aber von der Nachkommen-
schaft war sie die Letzte, die dies Haus bewohnte.
Heute noch war es ihr eigen, war sie unum-
schränkter Herr darüber, morgen schon vielleicht nicht


mehr! und Niemand trug daran die Schuld als jene
Fremde, die ihr und ihrem Sohne zum Fluche in das
Thal gekommen war. Ihr Zorn, ihr Grimm regten
ihr das Blut auf. Sie konnte nicht rasten auf dem
Bette, sie erhob sich, zündete ein Licht an und öffnete
das Fenster.
Dies Haus, ihr Haus, das sollte sie verschreiben
an die Mönche!-- Sie hatte den ganzen Tag nichts
Anderes gedacht, die Vorstellung war ihr heut ge-
läufiger geworden als vordem; was aber würde aus
der Bettsponde, in welcher die Besizerinnen dieses
Hauuses gelegen hatten, Eine nach der Andern seit
zweihundert Jahren?-- Was aus der alten Truhe,
die in der Stube in derselben Ecke stand, seit Maria
Josepha das Haus neu aufgerichtet hatte?-- Was
aus dem Schrank, an dessen Thüren die alten Knap-
pen mit den langen Degen ihren Leinwandschaz be-
wachten?
Sie ging aus ihrer Kammer in die Stube und
schloß die Thüre ihres Schrankes auf. Die Bretter
lagen voll bis an die Ränder! Für Kind und Kindes-
kind war hier aufgesammelt - und das Alles sollte
jetzt nur für das Kloster gesponnen und gewoben sein.
Alles für die Mönche, die nicht gearbeitet und nicht

L2
gesammelt hatten wie die Frauen dieses Hauses! Für
die Mönche, die gelebt hatten ohne Müh' und Sor-
gen wie die Lilien auf dem Felde, und die nun sollten
gekleidet und genährt werden mit dem Habe, das
fleißige Hände, das auch ihre Hände hier- geschaffen
- hatten, Iahr auf Jahr in rastlos eifrigem Be-
mühen.
Sie mochte gar nicht daran denken, sie mochte
die Sachen nicht mehr sehen, und schob die Riegel der
schweren Thüren wieder zu.
Draußen war Alles still, im Hause regte sich auch
Nichts, nur der Holzwurm tickte um die Wette mit
der alten Uhr; und wenn diese Ühr ihr einst die
Todeöstunde schlug, dann kamen sie aus dem Kloster
guten Muths herbei, ihr die lezte Ehre anzuthun, ihr
die Epequien zu singen -- und trugen wad ihnen be-
liebte, mit geschäftigen Händen aus den Schränken
fort, und sezten einen Meier in Maria Josephens
Haus hinein, es zu verwalten zu des Klosters Bestem,
wie auch sie es von dem nächsten Tage ab nur noch
verwalten sollte für dasselbe.
Stück für Stück besah sie von Allem, was heute
noch ihr eigen war. Kein Schub, den sie nicht auf-
zeg, kein Löffel und kein Glas, an dem ihr Herz nicht

L
hing, und das ihr nicht einen Seufzer auspreßte.
Sie hätte Nichts mehr sehen mögen und konnte doch
nicht davon lassen. Sie kam sich wie ein irrer Geist
vor, der seiner nicht mehr Meister ist.
,, Sie werden wohl beten müssen, damit ich Ruhe
finde in dem Grabe und nicht umgehen muß allnächt-
lich hier in diesem Hause!'' sagte sie zu sich selber,
und ein Schauder flog ihr durch die Glieder, wie sie
diese Worte vor ihrem Ohr erklingen hörte. Sie war
des Denkens und des Lebens müde. Sie sezte sich
vor ihrem Bette nieder, denn es kam ihr nicht mehr wie
das ihre vor; und den Kopf gelehnt an seine hochge-
thürmten Kissen, schlief sie eine Weile, bis das Grauen
des Tages sie erweckte, bis im Kloster zur Frühmette
geläutet ward, und sie hinabging in die Kirche.
Einige Stunden später, als die Verwandten der
Baronin das Thal verlassen hatten, ging auch die
Wirthin der Pension hinüber in das Kloster. Die
Büchse, welche sie gleich bei Eröffnung der Kuranstalt
in ihrem Hause für die Armen aufgestellt, hatte durch
die Abreisenden reiche Spenden erhalten. Sie faßte Z
sich schwer an, das Geld, das man hinein that, fiel-.
und klang nicht mehr; und da es für das Armen und - -
das Waisenhaus bestimmt war, wußte die Wirthin sich

N
etwas damit, oie erste Sammlung schon jezt dem
Zahlmeister des Klosters abliefern zu können.
Der Doktor, der das Mißtrauen der Klosterherren
kannte, hatte ihr vorsichtig gerathen, sich für die
Sammlung eine von dem Zahlmeister verschlossene
Büchse geben zu lassen, und da man sie nun öffnete
und sich ihr Inhalt beträchtlicher erwies, als man es
erwartet hatte, ward der Neberbringerin ein sehr
freundlicher Empfang zu Theil. Der Zahlmeister
rühmte den christlichen und barmherzigen Sinn, den
die Frauen dieses Thales von jeher bis auf diesen
Tag bewiesen hätten und ihre Anhänglichkeit an daä
Stift, dem allerdings die Gemeinde ihr Aufkommen
und ihr Gedeihen verdanke. Er sprach das, wie man
desgleichen in solchen Fällen im Kloster und von der
Kanzel stets zu sagen pflegte; es klang der Wirthin
jedoch, als hätte es heute noch eine besondere Mei-
nung, und daß des Paters kleine scharfe Augen allein
über den Inhalt der Armenbüchse sogar freundlich
glänzten, kam ihr nicht wahrscheinlich vor. Sie mochte
jedoch nicht gerade fragen und er sagte weiter Nichts.
Draußen auf dem Hofe vor den Wirthschafts-
gebäuden, als sie die erhaltene Quittung in den Leder-
beutel steckte, den sie immer in der Tasche trug, sah
F. Lewald, Benedikt. Ü.

e
sie Jakobäa aus der Klosterthüre herauskommen. Sie
krafen sich selten einmal, denn die Wirthin hatte vor-
nehmlich in der Sommerszeit immer viel zu schaffen,
und Jakobäa ging erst recht nicht mehr von ihrem
Hause fort, wenn es nicht zur Kirche war.
,Was hast Du hier zu thun? fragte die Wirthin.
Jakobäa hob die Augen kaum zu ihr empor.
,Jezt Nichts mehr!'r sagte sie und ihre Stimme klang
dabei so sonderbar, daß die Wirthin meinte, es sei ihr
schlecht geworden. ,Ich habe überhaupt Nichts mehr
zu thun!'?
,Sez Dich nieder!r sagie die Wirthin.
,Sa dorten!! antwortete ihr die Andere und
ging ihr durch den Hof voran, bis zu dem Gottes-
acker, der an die Kirche stieß.
Hart an der Mauer hatten die Anschaffns ihr
Erbbegräibniß. Jakobäa trug den Schlüssel immer an
dem Bund am Gürtel mit ihren andern Schlüsseln,
Wie sie an das Gitter kam, schloß sie die Thüre auf.
Die Wirthin glaubte, es habe irgend einen Streit ge-
geben um den Plaz, oder es sei an den Gräbern
von Muthwilligen gefrevelt worden; aber Jakobäa
sah sich gar nicht danach um, sondern sezte sich auf,
ihres Vaters Grabhügel und starrte vor sich nieder

s
E
während sie die gefalteten Hände zwischen ihren
Knieen hielt.
Der Wirthin wurde Angst dabei. ,Sage mir
nur, was Du hast? ermahnte sie.
,Das ist Alles, wwas mir bleibt! Und danach
werden fie wohl kein Verlangen haben!'' sprach Jakobäa
vor sich hin.
Die Wirthin verstand die Meinung nicht und
wiederholte ihre Frage. Da richtete Jakobäa ihr Ge-
sicht empor und sagte: ,Im Grunde ist das Alles
Euer Werk, Deines und des Doktors!-
Die Wirthin meinte, sie rede irre und wie sie es
versuchte, ihr beizukommen, brach Jakobäa davon al,
bis sie nach einer Weile wieder zu reden anfing:
,Sieh mich an!r sagte sie, ,So sieht Einer aus, oer
auf der Welt Nichis mehr sein eigen nennt, als diese
Gräber hier, und auf dessen Tod sie warten. Icch
hab' mein Haus und Hof, mein Hab und Gut auf
meinen Tod verschrieben an das Kloster! Ich hcb
jezt keine Heimath mehr!?
Die Wirthin that einen Audruf des Erschreckens
und des Mitleids, aber man hatte eigentlich in dem
Thale diese Möglichkeit schon lang vorauögesehen, und
weil es ihr darauf ankam, die Zusammengebrochene
zz

N8
aufzurichten, sagte sie zu Jakobääa tröstend: , So lange
Du lebst, bleibt es ja Dein! und wem wolltest Du's
auch geben, da Deine Kinder Alle geistlich sind.
Jakobäa wiegte gedankenvoll den Kopf. ,Eaß es
gut sein!' sprach sie, indem sie aufstand. , Mit dem
Trost kommst Du mir nicht auf den Grund. Wer
im Glück sizt, sieht in's fremde Unglück nicht hinein!
Es ist auch einerlei!?
Die Wirthin wußte mit ihr Nichts zu machen,
sie gingen schweigend neben einander her, bis Jakobäa
mit einem Male sagte: ,Und daß ich es noch um
seinetwillen thun mußte, daß ich es gethan, um ihm
wenigstens doch eine Freude auf der Welt zu machen,
daß er es so verlangt hat um seiner Seelen Selig-
keit!-- Er hat still dabeigestanden, als ich es ver-
schrieben und fortgegeben habe, was unser gewesen
ist, seit Menschengedenken. Mir hat die Hand ge-
zittert und ich habe nicht gesehen, was ich schrieb. In
feinem Gesicht da hat sich Nichts geregt. Aber freilich!
er hat's auch nicht besessen, und hat jetzt nicht hinauf-
zukommen in das Haus, wie ich, unter meine Knechte
und Mägde, selber nuur noch des Klosters Knecht und
Magd, das erntet, wo ich säe und schaffe.r?
Sie blieb jedem Zuspruch unzugänglich. Es half

2
nicht, daß die Freundin ihr wiederholte, sie könne duch
noch Freude haben an den Töchtern und besonders an
dem Sohne.
,Freude? Rch!'-- fiel Jakobäa ein. ,Woran?
An wem? Ich habe Nichts und Niemand mehr!
Keine Erben, und zu vererben auch Nichtä? -- Mich
ficht jetzt Nichts mehr an; ich bin zu End' mit Freud'
und Leid !
Es graute der Wirthin, da Jakoläa also sprach;
indeß wie dieselbe nun einmal war, ließ sich Nict
weiter mit ihr machen. Sie hatten auch Beide nicht di.
Zeit, noch länger zu verweilen und gingen von ein-
ander.
Als die Wirthin nach Hause kam, saß Viktorine
in dem kleinen Garten in der Laube, und der Doktor,
der seine Krankenbesuche abgemacht hatte, war auch
herangetreten.
Viktorine sprach mit ihm davon, ob ihre Anrer-
wandten wohl schon den Paß nach dem andern Thale
überschritten haben würden und sagte: ,Wir Menschen
sind doch wunderlich geartet, und eigentlich, wie ich
glaube, gar nicht für die Geselligkeit geschaffen, obschon
man uns das glauben machen möchte. Ich hatte
wirklich mein Vergnügen an der Anwesenheit der

W
Tante und ihrer Familie, ich freute mich jeden Tag,
daß Nanette mit uns war; nun sie aber wieder fort
sind, finde ich, daß das Mlleinsein unbeschreiblich süß
ist; und ich kann sagen, ich hale einen köstlichen
Morgen hier in der Siille zugebracht.?
,Da sind Sie besser daran gewesen als ich,'be-
merkte die Wirthin, ,denn ich habe eine Begegnung
gehabt, die mir in der Seele wehe gethan hat.!
Viktorine wollte wissen, wa es gewesen sei und
die Wirthin hatte keinen Grund, mit ihrer Neuigkeit
hinter dem Berge zu halten. Sie erzählte in aller
Ausfühtlichkeit, was heute geschehen war.
, Und heute, sagen Sie, tlef Viktorine, , hat
Frau Jakobäa die Schenkungsurkunde vollzogen? Und
fie hat behauptet, sie habe sich auf ihres Sohnes
Wunsch dazu entschlossen? Das versteh' ich nicht.?
Der Doktor fragte, ob sie denn Jakoläa näher
kenne und sie neuerdings gesprochen habe?
, Ach, freilich kenne ich sie näher; sehr genau!
Und ich habe sie noch gestern in der Frühe gesprochen!
Ich war mit der Eousine bei ihr, und noch gestern
hegte und äußerte sie Plane, die mit ihrem heutigen
Eutschlusse in gradem Widerspruche stehen!-- Pater
Benediktus war alleudings nach mir bei seiner

L8t
Mutter, um, wie er sagte, Geschäfte uit ihr alzu-
handeln.'?
Der Doktor und seine Mutter waren ganz ver-
wundert. Viktorine hatte niemals kund gegeben, daß
fie Jakobäa und den jungen Pater zum Defteren ge-
sehen habe, sie näher kenne; aber sie zeigte sich jezt
plözlich mit den Verhältnissen und Seelenzuständen
der Mutter und des Sohnes so vertraut, und zugleich
so betroffen üler das, was die Wirthin eben gemeldet
hatte, daß es den Beiden auffallend erscheinen mußte.
, E ist auf diese Art von Leuten doch gar kein
wirklicher Verlaß!'' sagte sie mit Unmuth und Gering-
schätzung, und ging davon und in das Haus.
Der Blick, mit wwelchem ihr der Doktor folgte,
war Nichts weniger als freundlich. ,Wa sie nur haben
mag ? fragte die Wirthin.
,Was sie hat? Ohne Zweifel irgend eine Teufelei,
die sie da oben angerichtet hat! entgegnete der Doktor.
,, Ich kenne das, wenn sie sich mit einer ihrer tief-
finnigen Sentenzen aus dem Staube macht. Das
thut sie regelmäßig, wenn ihr Etwas nicht gelegen
kommt und sie's verbergen will.?
, Und dazu Jakobäa,- sprach die Wirthin, ,die
mir bitter vorwarf, Du und ich, wir Beide trügen

7
eigentlich die Schuld an ihrem
nicht einmal, was sie sich dabei
zu sehr zrrschlagen. -
Der Doktor horchte auf.
Erklärung aufzudämmern, aber
Unglück. Ich fragte
dachte, denn sie war
Ee
schien ihm eine
sprach nicht aus,
- -==- ==-- «-- T.I
was er besorgte. ,Erage auch nicht
Falle gut, nicht viel davon zu reden!'
=ac

Kapitel 16

Sechssehnes
npitel.

Jefarlne ließ sich den ganzen Vor- und Nach-
mittag nicht sehen. Sie speiste freilich immer mit
der Baronin allein in ihren Zimmern, aber sie hatte,
seit die Pension mehr Gäste und unter diesen eine
Anzahl junger und angenehmer Männer beherbergte,
sich meist um die Kaffeestunde unter der neugebauten
Veranda der allgemeinen Gesellschaft angeschlossen ---
heute blieb sie aus.
Sie machte sich nicht gern mit Anderen zu thnn,
wenn sie nicht mit sich im Gleichgewichte, nicht die
Heiterkeit strahlende Viktorine war, und sie war immer
mit sich unzufrieden, wenn es ihr nicht gelungen war,
ihre Einfälle und ihren Willen durchzusezen. Solchen
Zustand hielt sie jedoch nie lange aus, fie suchte rasch
und fand gar leicht die Mitiel, ihn zu beenden und sich

8e
mit sich selber auszusöhnen. Sie kam auch heute
bald damit zurecht.
Was war denn Unvorhergesehenes geschehen?
fragte sie sich selbst. Sie hatte sich geirrt in einem
Falle, in welchem sich getäuscht zu haben schön war;
sie war besiegt worden in einem Kampfe, dem kleine
und beschrtinkte Seelen nie zum Opfer werden, weil
sie nicht daran denken können, ihn jemals einzugehen;
und sie hatte eine Erfahrung gemacht, die ihr nicht
verloren sein sollte: sie hatte die hohe Bedeutung der
kirchlichen Tradition für alle diejenigen Menschen ken-
nen lernen, die nicht durch eine freie philosophische
Bildung, wie sie und ihr Vater sie besassen, sich auf
sich selbst zu stüzen, in sich selbst zu beruhen, und aus
eigner Machtvollkommenheit mit den Dingen und mit
den Erlebnissen fertig zu werden verstehen.
Wenn Jakobäa, troz der Aussichten, die sie ihr
eröffnet hatte, sich denselben nicht zuzuwenden wagte;
wenn weder seine Liebesleidenschaft, noch die Begeiste-
rung für die Kunst den jungen Mönch bewegen konn-
ten, sich zu befreien; was bewies das Anderes, als-
daß er und seine Mutter mit Zuversicht die Selig-
keit erwarteten, welche sie im Jenseits für ihr irdisches
Entsagen schadlos halten sollte! Daß sie zu dieser

Ne
Erkenntniß gekommen war, ehe Benediktus einen ent-
scheidenden Schritt gethan hatte, das war ein Glück
zu nennen. Es wäre immer, so sagte sie es sich, bei
so gearteten Naturen schwer zu verbürgen geblieben,
,ob sie in der Welt, in welche sie bereit gewesen war
bieselben einzuführen, sich festsezen, sich heimisch machen
und Ersaz finden würden für die verhältnißmäßige
Zufriedenheit und für das Glück, die sie bidher be-
sessen, und -die ihnen in gleicher Weise nicht zuzu-
sichern gewesen sein würden, falls sie sich entschlossen
hätten ihr nachzufolgen. Dies Alles und noch manches
Andere, was Viktorine sich nicht vorgehalten hatte,
als sie mit ihren phantastischen Planen Jakobäa und
Benediktus auö ihrer mühsam errungenen Ruhe auf-
gerüttelt hatte, das sezte sie sich jetzt mit großer Klar-
heit auseinander, da ihr daran gelegen war, sich über
eine peinliche Erinnerung und eine unheimliche Sorge
fortzuhelfen. Sie konnte, wie es ihr Bedürfniß war,
hell sehen oder sich verblenden, je nach dem!
Zufrieden, das konnte sich Viktorine nicht ver-
bergen, war freilich Jakobäa nicht, und wie ein Glück-
licher hatte gestern Benedikt nicht ausgesehen, als er
in der Schlucht von ihr geschieden war. Aber Zu-
friedenheit und Glück! Wer konnte sich ihrer auch

728
berühmen? Wer besaß sie, wie er's wünschte?--
Sie schlug die hent gemachten Erfahrungen immer
höher an.
Sie fing nachgerade an, es für sich selbst als
einen Segen zu betrachten, daß sie in dies Thal
hinaufgekommen war; sie fühlte sich beinah versucht
es wie ihre Mutter eine Schickung der Vorsehung zu
nennen. Denn da es ihr beschieden war, als die
Gattin des Grafen Stefano lünftig sich in den Kreisen
zu bewegen, in welchen die Macht der christkatholischen
Kirche gipfelt, so war es von hoher Wichtigkeit für
sie, daß sie hier in der Einsamkeit einen anderen und
tieferen Einblick in daö Wesen der Kirche gethan hatte,
alö jenen, zu welchem ihr bisher in der Gesellschaft
und an ihrer Mutter Seite, die Gelegenheit gebeten
worden war. Sie schämte sich, je mehr sie es be-
dachte, des frevelhaften Leichtsinnes, mit welchem sie
sich über ihre religiösen Ansichten und über die Kirche
F
gegen Pater Theophil geäußert hatte; sie war ent-
schlossen, ihm dies offen zu bekennen, und weil sich's
so am Sichersten und Besten ihun ließ, kam sie auf -
den Einfall, am nächsten Morgen ihm zu beichten, was-
sie bisher zu thun unterlassen hatte. Sie wollte mit ?
diesem öffentlichen Anerkenntniß sich beugen vor jener

W89
Macht, die fest in sich geschlossen, durch ihre meister-
hafte Drganisation ihr plözlich der Bewuunderung
werth erschien, schon deshalb, weil sie immer noch
Millionen Menschen stüzte, tröstete, beherrschte!--
Denn Herrschaft- das war das Einzige, wovor sie
wirklich Achtung und Bewunderung hegte; und der
Gedanke an die große Macht der Kirche richtete sie auf
und hob sie über sich und über den bangen Mißmuuth
empor, der sie unheimlich befangen hatte.
Das Gaukelspiel desSelbstbetruges war damit wieder
einmal von ihr geschickt vollendet worden. Sie athmete
wieder befreiten frohen Herzenö auf, sie kam sich besser,
einsichtiger und reifer vor, als noch vor wenig Stun-
den. Es gefiel ihr zu denken, daß ein wunderbares
Zusammenwirken ungewöhnlicher Verhältnisse sie auf-
gekläärt, ihre Thorheit umgewandelt habe in Erkennt-
niß. Wenn sie auch mit den Gläubigen zu glauben
nicht vermochte, so hatte sie den Glauben derselben
doch anerkennen, ihn als eine Kraft verehren lernen,
und das war für sie ein Großes, um ihrer eigenen
Zukunft willen.
Sie stand auf, da sie an der Baronin Thüre
klopfen hörte. Es war die Stunde, zu welcher die-
selbe den Pater Theophil erwartete. Sie verfügte sich

L40
zu ihrer Mutter, um mit Theophil zu sprechen. Sie
wollte ihn auf die Sinnesänderung vorbereiten, welche
sie erfahren hatte; und ihm ihre Neigung kund thun,
morgen oder doch an einem der nächsten Tage sich
zur Beichte bei ihm einzustellen.
Die Baronin machte die Bemerkung, Viktorine
habe, seit sie die Heimath verlassen, diese heilige Pflicht
noch nicht erfüllt; die Tochter entgegnete, sie sei nicht
immer fähig, sich zu sammeln; in ihr sei Alles plöz-
lich, ihr komme das Beste unerwartet, und selbst die
Sammlung erfasse ohne all ihr Zuthun meist plözlich
ihr Gemüth. Sie könne sich derselben nicht als ihres
Werkes berühmen, sondern habe sie als einen Segen
von oben zu empfangen.
Sie war dem Pater neu in dieser Geistesrichtung,
er mißtraute also ihren Reden, wenn schon er's ihr
nicht kund gab. Sie frage, ob er sie morgen hören
wolle? Er entgegnete, zur Nebung seiner Amtspflicht
sei er stets bereit, er stehe ihr zu Diensten. Als man
eben damit umging, die Stunde für die Beichte fest-
zusetzen, rollte des Abtes Wagen vor dem Hause rasch
vorüber.
Der Pater hatte sich nicht umgesehen; Viktorine,
welche dem Fenster gegenüber saß, sprang empor:

1
, Was ist das?- Graf Stefano ! rief sie -,Welch'
eine Neberraschung !''
Der Graf hatte emporgeblickt, hatte sie gesehen
und freudenvoll gegrüßt. Viktorinens Antliz, die eben
so wenig als ihre Mutter von dem Tage seiner Ankunft
unterrichtet gewesen war, hatte sich rasch gefärbt; aber
sie versuchte es, ihre Aufregung dem Pater zu verbergen.
,Wie reizbar wird man in der Einsamkeit!'' sagte
sie. , Sie stählt die Nerven nicht, sie macht sie ner
empfindlicher!?
,Deine Hände sind eiskalt!' bemerkte die Mutter
und griff nach ihrem Aetherfläschchen, während sie ihre
Genugthuung nicht zu verbergen vermochte. ,Gott,
was sie für ein Herz hat! Sie fühlt doch Mlles tiefer,
schöner, als die anderen Menschen!'?
Viktorine wies der Mutter Lob wie ihren Bei-
stand ab. ,Was werden Sie nur von mir denken,
Pater Theophilus? fragte sie, und das Lächeln, das
auf ihren Zügen lag, gab ihr einen mädchenhaften
Liebreiz.
,Nichts, als was Sie morgen mir anvertrauen
werden!' sagte der Greis und wollte sich entfernen.
Viktorine hielt ihn noch zurück. Sie erkundigte
sich, ob er den Grafen etwa kenne. Er verneinte es,
F. Lewald, Benedikt. 1.

L4L
sagte aber, er habe gewußt, daß der Herr Abt ihn
schon seit längerer Zeit erwartet, und heute gesendet
habe, den Gast hinauf zu holen.
Sie war erregter, als er sie je gesehen hatte, es
war unverkennbar, daß sie den Grafen auf ihre Weise
liebte. Sie konnte sich nicht wie sonst beherrschen
und als der Pater schon an der Thüre stand, ging sie
ihm nach.
,Verrathen Sie mich nicht!r bat sie. Er sagte,
sie könne sich auf seine Verschwiegenheit verlassen.
Die Baronin nahm sie in die Arme und küßte sie.
,Du holder Engel!r rief sie, ,wwie würde es ihn
entzücken.
, Und dazu das gottverfluchte Spiel mt Benedikt!?
sprach Theophil in seinem Herzen, und hatte seines
ganzen christlichen Erbarmens nöthig, nicht voll Abscheu
den Stab zu brechen über sie in seinem Herzen.

Kapitel 17

Fichenzehnies
npiiel.

,wei Stunden später lag Graf Stefano zu Vit-
torinens Füßen, hing sie an seinem Halse. Es war
ein stolzes, ein gar schönes Paar und wie geschaffen
für einander.
Das ganze Haus nahm Theil an der Verlobung,
die jedoch geheim gehalten werden sollte, bis zu der
Ankunft des Barons, dem man sofort davon die Mit-
theilung gemacht hatte. Der Diener blieb in! einem
Gehen und Kommen, der Telegraph hatte keine Ruh
noch Rast.
Die Baronin schwamm in Wonne. Sie um-
armte die Wirthin, sie küßte deren Tochter. Weil der
Himmel ihr so gnädig war, wollte sie es ihen Mit-
menschen auch nicht an Herablassung und Gnade fehlen
lassen. Noch spät am Abend mußte der Diener ein
Zettelchen hinüber tragen in das Kloster. Pater Ther-

L4s
phil mußte es durch sie selbst erfahren, daß Gott ihr
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A
-
Gebet erhört, ihres Herzens heißesten Wunsch erfüllt
habe. Sie hoffte jezt für ihrer Tochter Seelenheil,
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so schrieb sie ihm, das Beste, da sie dem skeptischen j
Einfluß ihres Vaters entzogen und in die Nähe dessen
gelangen werde, von dem der irdischen Kirche ihr
Licht ausströme.-- Und als dann der Diener aus
dem Kloster wiederkehrte, theilte fie es noch in aller
Eile ihren nächsten jüdischen Arverwandten in der
Heimath mit, daß ihre Viktorine sich so eben mit dem
römischen Grafen Stefano verlobt habe, der zu den
nächsten Nepoten Seiner Heiligkeit gehöre und in der
Nobelgarde Obrist sei.- Ihre Eousine hatte sich
Etwas darauf eingebildet, daß ihre Tochter schon mit
sechszehn Jahren einen adligen Offizier geheirathet
hatte!-- Viktorine machte jetzt mit ihren neunund-
zwanzig Jahren eine andere Partie! Wie kleidete es
sie, wenn sie italienisch mit dem Grafen sprach! Wie
zärtlich war die Tochter heute auch gegen sie, und wie
glücklich sah sie aus!
Viktorine fühlte sich auch glücklich!-- Vor wenig
Stunden noch hatte sie sich gesagl, daß im Grunde
Niemand ganz zufrieden, Niemand völlig glücklich sei.
Und jezt bewies der Himmel ihr, wie viel der Freude
z
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L?
und des Glückes er dem Menschenherzen spenden
könne; jezt fand sie es in sich bestätigt, was sie zur
Zeit ihres ersten Zusammenkommenö mit Pater Thev-
phil von sich behauptet, daß großes, volles Glück,
ein Glück, wie sie eö sich erträumt, sie rühren,
sie in Demuth vor der Gunst des Himmels nieder-
nerfen wüürde. Ihr Herz war voll von frohem Dank,
fie weinte Freudenthränen, als sie ihr Haupt zum
Schlafe niederlegte, sie dachte npch über des Schicksalö
Walten lange nach.
Wie war ihr Loos verschieden von vieler anderen
Menschen Loos! Von Benedikta! Von Jakobäa's! --
Wer konnte das Weshalb ergründen? Wer sagen,
wozu ihr Leiden jenen frommen sollte? Sie beklagte
Beide aufrichtig! Sie nahm so vielen Theil an ihnen,
und konnte ihnen doch nicht helfen, konnte gar Nichts
für sie thun, so wie sie einmal waren! Das; Pater
Theophil die Mutter und den Sohn getreu berieth,
war ihr ein großer Trost. Sie wollte sich auch üler
diese Beiden morgen gleich mit ihm besprechen. Die
Ausicht, ihm zu beichten, that ihr wohl, und mit dem
inbrünstigen Wunsche, daß der Himmel ihre und des
Grafen Zukunft segnen und behüten möge, schlief sie

L48
ein. Sie kam sich zum ersten Male recht von Herzen
fromm vor.
Früh, als sie zur Beichte ging, stand Graf
Siefano am Fenster in dem Zimmer, das er außer-
halb der Klausur in den Gastgemächern bewohnte.
Sie hatte auf gut römisch einen schwarzen Schleier
über ihr Haupt geschlagen, und trug den Strauß, den
ihr Stefano mit einem Liebeswort gesendet, in der
Hand. Er sah sie kommen und freute sich ihrer
Schöne; sie bemerkte ihn auch, aber um der Andacht
willen, zu der sie ging, versagte sie sich's, ihm dieö
zu zrigen.
E war das Fest vun Mariä Geburt, die Kirche
war schon voll von Betern, die Arbeit ruhte, die
Schüler hatten keinen Unterricht, Benedikt hatte seine
Klasse auf einen Morgenspaziergang zu begleiten. Als
er mit ihnen aus dem Kloster trat, sah auch er, wie
Viktorine in die Kirche ging, und da die Schüler,
die sie Alle kannten, sie begrüßten, that er'd eben-
falls. Sie dankte dem Gruße, ohne Benedikt beson-
derö anzusehen, und ihr Auge hatte ihm doch stets so
hell geleuchtet, war ihm immer so warm in's Herz
gedrungen!--

L49
Er sah in die Höhe, die Sonne stand in vollem
Glanze an dem herbstlich klaren Himmel, und ihn.
war's doch dunkel geworden vor den Augen, und hatte
ihn fröstelnd überlaufen, als ob ein finsterer Wolken-
zug der Erde das Sonnenlicht verbärge.
Auf dem Wege nach dem Wasserfall stieß der
Doktor zu Benedikt und den Scholaren. Sie hatten
einander seit einer Reihe von Tagen nicht getroffen,
und der Doktor sah mit Besorgniß die Veräündernng,
die mit dem jungen Mönche vorgegangen war, obschon
er die Ursache derselben nicht zu suchen brauchte.-
Trotzdem hielt er es für angemessen, ihn darum zu
befragen, und sich zu erkundigen, wie es ihmu seither
ergangen sei.
,,Was ist von unser Einem viel zu sagen!'' er-
widerte ihm Benedikt. ,Meine Erlebnisse lassen sich
an den Klassentafeln ablesen, und was von Zeit da-
neben übrig bleibt, hat auch seine gewiesene Bestim-
mung !''-- Er trug dabei den Kopf gesenkt, ließ die
Arme hinter sich herabhängen und hatte die Hände
dabei verschränkt. Die Haltung verrieth seine ganze
Zerbrochenheit; sein Schweigen war vollends gegen
seine sonstige Natur.
Der Doktor meinte es gut mit ihm. Er wollte

2
ihn zum Sprechen bringen und hielt es auch gerathen,
ihm die Verlobung Viktorinend mitzutheilen, ohne daß
ein Anderer dabei war.
,Du sagst,r' hub er an, , Du hätiest Nchts er-
=zs
--

lebt und doch ist gestern, wie ich hörte, etwas sehr
Wichtiges geschehen. Deine Mutter hat zu des Klosters
Gunsten über ihren Besiz verfügt.?
,Ja,' versezte Benedikt, ,und es ist gut, daß sie
es gethan hat. Sie wird zur Ruhe kommen, nun es
also fest steht. Der Mensch schickt sich amn besten in
das Unabänderliche. Das lernt er begreifen und damit
findet er sich ab.
, Und es hat Dich nicht betroffen, nicht ge-
schmerzt?
,Mich? fragte Benediktus --,was habe ich
mit weltlichem Besiz zu schaffen?? und wieder ver-
sank er in sein stilles Brüten. Des Doktors Sorge
um ihn steigerte sich dadurch.
Mit einem Male machte sich unter den Schülern
eine gewisse Unruhe bemerklich. Der Eine wendete
sich zum Andern, sie zischelten, lächelten, drängten sich
vorn nach dem Wege, von dem man auf die Kloster-
matte niedersehen konnte. Benedikt wurde achtsam,
rief einem der jüngeren Knoben, der sich unter den
s

E
L
Armen der Anderen hindurch zu bringen suchte, die
Weisung zu, davon zu bleiben, da eben hier der Ab-
hang hoch und steil, und nach den lezten Regengüssen
die Nagelflüe aufgeweicht, ein Abfall also möglich war.
Da der Kleine dem Befehle nicht gleich Folge leistete,
ging er, ihn zurück zu halten; aber in demselben
AD?
den er zusammenpreßte, als müsse sein furchtbares
Weh sich einen, wenn auch stummen Ausdruck schaffen.
, Haben Sie's gesehen, Pater Benedikt, rief einer
der ältesten Schüler,,dort sizt das fremde Fräulein
mit dem Herrn Grafen! Die müssen wohl ein Paar
sein.?
Und freilich hatte Benediktus es gesehen. Unten
auf der Klostermatte, an derselben Stelle, an welcher
er sie zuerst gesprochen, an der Stelle, an der sie ihm
in jener Morgenfrühe das Loblied auf Rom gesungen,
das er heut zu Ehren ihres Geliebten und Verlobten
mit seinen Schülern auszuführen hatte, auf jener
Matte, auf welcher er im Sturm der Elemente inne
geworden war, daß er sie liebe mit leidenschaftlichem
Verlangen, und vor dem Bilde des Gekreuzigten ge-
rungen hatte, das heiße Begehren seines Herzens in


- A
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!
Entsagung erstarren zu machen für immerdar, auf J
derselben Stelle saß sie, den schönen Leib umschlungen
von des Grafen Arm, den Kopf gelehnt an seine
Brust, achtlos für Alles um sie her, versunken in ihr
Liebesglück!
Er that dem Doktor herzlich leid, und doch war
es ihm lieb, daß er in diesem Augenblicke ihm zur
Seite stand.
,Dir ist nicht wohl! sagte er, auch die Knaben
waren achtsam auf ihn geworden.
Benedikt gewann sich mit Gewalt ein Lächeln ab.
, Es ist Nichts, gar Nichts,' versezte er,,ein leichter
Schwindel, wie ich ihn zum Defteren verspürte; es ist
auch schon vorüber.?
Die Schüler beruhigten sich damit; der Doktor
konnte sich nicht entschließen, ihn sich selbst zu über-
lassen, denn wie Benedikt sich auch zwang, ihm ruhig
zu erscheinen, sah Jener doch die Tropfen auf des
Freundes blasser Stirn, und hörte an dem gepreßten
Ton seiner Sprache die Aufregung, in welcher er sich
befand.
Offen zu dem jungen Mönch zu reden, hielt er
für ungerathen, ja für nnzulässig. Er wollte ntr bei
ihm bleiben, bis er ruhiger geworden war, und um


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sich nicht den Schein zu geben, als ob er ihn zu
überwachen denke, sagte er mit möglichster Sorglosig-
keit: ,Ich glaube, sie werden jezt sammt und son-
ders bald von dannen gehen. Sie erwarten nur noch
den Baron, um die Verlobung, weil sich das sehr vor-
nehm ausnimmt, hier aus dem Hochgebirge zu publi-
ziren, und dann verlassen sie das Thal. Es war
. übrigens, wie ich durch meine Mutter weiß, eine ab-
gekartete Geschiche!r
Der Doktor hatte die leztere Bemerkung in der
bestimmten Absicht gemacht, dem Freunde damnit einen
F neuen und ihn enttäuschenden Einblick ln Viktorinend
k
l
Charakter zu gewäähren, gegen welche er selber eine
wahrhafte Erbitterung hegte; aber Benedikt schien ihn
nicht zu verstehen, denn er fragte, was abgekartet sei?
,,DDie Heirath des Grafen Stefano mit Viktorine.
Die Baronin hat meiner Mutter schon vor Wochen
davon gesprochen, sich um eine Wohnung für ihn um-
gethan; nur Tag und Stunde seiner Ankunft haben
sie, wie ich vermuthe, nicht gewußt.?
Benedikt ließ das Alles auf sich beruhen. ,lEr-
innerst Du Dich unserer Unterredung bald nach
Deiner Heinkehr? fragte er dann nach langem
Schweigen.


, Dn denkst jenes Gespräches über die Grenzen-
der freien Selbstbestimmung ? erkundigte sich der
Doktor, ,wie kommst Du eben jetzt darauf zurück
,Das würde zu weitläufig und auch schwer zu
erklären sein!' entgegnete Benedikt, den es gereuen
mochte, dies Thema wieder angeregt zu haben.
Der Dokor meinte, Benediktus grübele zu viel,
er habe mehr Bewegung, habe körperliche Anstrengung
und auch Zerstreuung nöthig. Et -stecke nuun doch
einmal ein gut Theil Landsknechtsblut in ihm, daö
verarbeitet werden wolle.
Benedikt sagte, das könne wohl so sein. Er
habe wirklich ein melancholisches Gemüth bekommen
T
und man scheine das im Kloster ebenfalls zu glauben,
denn der Herr Abt habe ihm davon gesprochen, ihn
fortzuschicken.
,Bravo!' rief der Doktor, ,das ist Dir auch
das Rechte. Wohin wirst Du gehen?
.-
Ich habe danach nicht zu fragen, bis er mir's ver-
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, Ein Bischen nachhelfen und befördern, ein-
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flüstern und anregen kann man doch troz alledemlr?
scherzte der Doktor.
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,Das Ob und Wohin ist des Herrn Abtes Sache!-
kündet und befiehlt.?
A
A

7
, Ja gewiß!r sagte Benedikt, , wwenn man wie Dn,
sich zutraut, freier Wahl und freier Selbstbestimmung
zu genießen, wenn man sich nicht unter dem unab-
änderlichen Nathschluß seines Schöpfers fühlt und
weiß!-- Wir können Nichts suchen und Nichts för-
dern, Nichts thun und Nichts erleiden, als was uns
vorbestimmt ist. Das ist unser Trost und unser Bann,
unsere Ohnmacht und doch wieder unsere Kraft und
Sko.
Es war das ein Gebiet, auf welches hin der
Doktor sich mit ihm einzulassen nichk geneigt nan,
um so weniger, als er dachte, daß Benedikt in diesem
Glauben an die Vorsehung, wie er ihn eben ausge-
sprochen hatte, die ihm nöthige Hülfe besize; und er
nahm sich vor, den Pater Theophil, der fast täglich
in das Haus zu der Baronin kam, gelegentlich darauf
hinzuweisen, daß er Benediktus sehr verändert, daß er
ihn schwermüthig geworden finde, und daß man, nach
seiner ärztlichen Meinung, gut thun würde, ihn in die
Ebene, oder besser noch bis an das Meer zu schicken,
damit sein Blick einmal für lange einen freien Spiel-
raum, sein Geist ganz neue Bilder in sich aufzu-
nehmen habe. Er sprach dem Freunde diese Absicht


aus, der dankte ihm dafür, und sagte, wenn es ihm
so beschieden sei, so werde man des Doktors Rath-
schlag ja wohl hören, doch meine er, es werde nicht
von Nöthen sein.
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Kapitel 18

Zchhzehntes Cnpiel.

-
II; Baron war angekommen, die Verlobung er-
klärt worden, der Graf hatte die Erlaubniß erbeten
und erhalten, seine Braut dem Herrn Abte vorzu-
stellen. Aus Rom waren die telegraphischen Glück-
wünsche der vornehmen Verwandten für das neue
Brautpaar angelangt. Der Abt hatte den künftigen
Schwiegervater des Grafen, da dieser Leztere sein Gast
und Tischgenosse war, zu einem Frühstück eingeladen,
und da er selbst sich einer großen Geschäftskenntniß
berühmen durfte, hatte er Wohlgefallen an der raschen
Nebersicht des vielerfahrenen Finanzmannes gefunden.
Die Zuvorkommenheit des Prälaten war dem
Baron, wie sehr er sich auch den Anschein gab, derlei
nur leicht zu nehmen und in der Ordnung zu finden,
doch sehr schmeichelhaft gewesen; und da er bei der
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2O

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achtete, daß man gleich und unumwunden thun müsse, Z
was man Gutes zu thun entschlossen sei, hatte er denn
auch nicht gezögert, dem Abte seine Meinung kund zu
geben.
-
Als man nach der eingenommenen Mahlzeit in
den schattigen, im altfranzösischen Geschmack ge-
schnittenen Laubgängen des Klostergartens langsam auf
und nieder ging, die Verdauung vorschriftsmäßig zu
befördern, sagte er, er habe dem hochwürdigen Herrn
eine Frage vorzulegen.
,Hochwürden werden es vielleicht wissen, daß es
ihm, Gott sei Dank, im Leben wohl gegangen sei, -
daß seiner redlichen Arbeit der Erfolg nicht gefehlt -
habe. Dazu habe er nur die eine Tochter ,und,! -
sezte er hinzu: , Hochwürden können das vielleicht als z
W
eine Eitelkeit erachten und als solche tadeln, aber der, -H
Mensch hat nuun einmal das Verlangen -= undichi -!
habe es auch,?- schaltete er lächelnd ein, ,nicht ver- Z
gessen zu werden. Ich liebe es, wenn man an den z
Orten, an welchen ich mich mit den Meinigen aufge-' ;
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halten habe, unserer gedenkt im Guten denkt, ver.'
steht sich.?
- -,'.
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=?

61
Der Abt, zu dessen vornehmen Eigenschaften die
Geduld gehörte, mit welcher er Andere reden zu lassen
und ihnen zuzuhören vermochte, nannte dies ein sehr
erklärliches und auch berechtigtes Verlangen.
,Das freut mich, Hochwürden! Auf mein Wort!
Das freut mich!r rief der Baron, ,und da Sie mich
darin so gut verstanden haben, werden Sie es auch
begreifen, daß man seinen Namen doch nicht an etwas
Unzweckmäßiges knüpfen, seine Hülfe nicht unnütz ge-
leistet haben will. Seien Sie also offen mit mir,
Hochwürden! Erzeigen Sie mir die Ehre und geniren
Sie sich gar nicht. -- Meine Frau hat hier, Gott
sei Lob und Dank! ihre Gesundheit so gut hergestellt,
daß sie fast wie vor zwwanzig Jahren aussieht; meine
Tochter hat sich hier verlobt, ganz wie wir es uns
für unser einzig Kind gewünscht haben. -- Offenherzig
also, Hochwürden!-- Was könnte man hier in dem
Thale Gutes stiften oder thun? - Offenherzig! Meine
Frau ist dies ja schon dem Pater Theophilus schuldig,
für alle die Zeit und Sorgfalt, die er ihr mit der
Bewilligung von Hochwürden zu ihrer Erbauung zu-
gewendet hat. ?
Der Abt ließ dem Baron die Zeit, sich von
seiner Beflissenheit ein wenig zu erholen; dann sagte

A
er, daß es ihn immer freue, wenn er bei Weltleuten,
bei Geschäftsmännern und namentlich bei Neubekehrten .
--- diese Erinnerung ihm zu ersparen, fand der Abt
nicht nöthig-- auf die Erkenntniß stoße, daß man
in Bezug auf seine guten Werke wohl thue, sich mit
der Kirche zu berathen, welche die Bedürfnisse der Ge-
meinde natürlich besser als jeder Andere kennen müsse.
So lange das Kloster die Herrschaft gehabt, habe e?
im Thale auch für das Nothwendige einstehen und
jorgen können; seit ihm dieselbe entzogen und die
Einkünfte der Brüderschaft so beträchtlich geschmälert
worden, während das Thal auch nicht zu den reichen
des Landes gehöre, habe man es dankbar zu erkennen,
wenn von wohlmeinenden Gläubigen- das Wort
war die Entgeltung für die vorhergegangene Mahnung
-- der Kirche die Mittel geboten würden, die Kinder
der Gemeinde schon früh in ihre Obhut zu nehmen,
um sie von Anfang an auf den rechten Weg zu führen.
Et fehle in dem Thale an einem Schulhause, und
natürlich auch an den Mitteln, ein solches zu errichten.
Wolle der Baron dieselben in seine Hände legen, so
hoffe der Abt, wenn Frau von Landesheimer im näch-

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sten Jahre, wie sie die Absicht ausgesprochen habe,
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ihre Luftkur zu wiederhelen komme, in ihrem Beisein
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die neue Schule schon eröffnen zu können; denn der
Plaz und der Plan zu einer solchen seien bereits vor-
handen und entworfen, wennschon man an die Aut-
führung noch nicht habe denken können.
Da man über die Hauptsache sich in der Art
verständigt hatte, machte das Nebereinkommen über
die zu dem Schulbau erforderliche Summe noch weit
?wweniger Schwierigkeiten. Der Baron, der es beständig
mit großen Unternehmungen zu thun hatte, war mit
Beträgen, die daneben nur unbedeutend erschienen, zu
kargen nicht geneigt; und nur die Andeutung erlaubte
er sich, daß es seiner Fran, bei ihrem Gemüthe, wie
er glaube, sehr wohl thun würde, wenn man bei der
Gründung des Schulhauses ihrer Dankbarkeit für die
Herstellung gedenken würde, die ihre Gesundheit hier
gefunden habe.
Der Abt kam ihm auch hierin mit feinen Ver-
ständniß auf halbem Wege entgegen. Er sagte, die
Jugend des Thales zur Erkenntlichkeit zu gewöhnen,
und spätere Kurgäste zum Dank für gewonnene Stär-
kung zu ermuntern, solle eine Tafel über des künftigen
Schulhauses Eingang der Gründer Angedenken wach
erhalten.
Herr von Landesheimer meinte, das jei weit mehr


als er beansprucht habe, es werde das hescheidene Ge-
müth der Baronin, wie er fürchte, fast beschämen; ,
Hochwürden würden aber freilich wissen, was mit einer
solchen Gedenktafel zu errejchen sei; und nicht allein
Hochwürden, sondern auch der Baron wußte es sehr
wohl, was mit der öffentlichen Lobpreisung dieser
Wohlthat von Seiten des umsichtigen Prälaten für
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Man war von beiden Theilen mit einander sehr
zufrieden. Die Familie von Landesheimer beschloß
am nächstfolgenden Tage in Begleitung des Grafen
nach Deutschland zurückukehren. Der Baron, der das,
was ihm oblag, immer bald aus dem Kopfe zu haben
wünschte, war der Meinung, daß die Hochzeit noch im
Verlauf des Jahres gefeiert werden solle, und die
Leidenschaft des Grafen war damit mehr als einver-
standen. Viktorine ihrer Seits verlangte es nicht
besser, alö schon in diesem Winter in der römischen
Gesellschaft zu erscheinen, und die Baronin hatte vor
lauter Besprechungen mit den Ihren, mit Pater Theo-
phil, mit dem Doktor und mit der Wirthin, gar keine
Zeit zu irgend einem zusammenhängenden Gedanken.
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Sie schrieb Briefe, telegraphirte, und hatte alle Hände
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5
voll zu thun, weil man noch den Gästen der Pension
ein kleines Abschiedsfest zu geben wünschte, welchem
es denn doch anzumerken sein sollte, daß es die Baronin
von Landesheimer war, die es veranstaltete.
Viktorine kam durch alle diese Zwischenfälle wenig
zu sich selbst. Der Graf, die Eltern, nahmen sie
völlig in Beschlag, nicht einmal zum Besuch der
Abend-Andacht konnte sie es bringen, obschon sie eine
Aktvon Sehnsucht hatte, Benedikt, ehe sie fortging,
zum lezten Mal zu hören. Der Graf scherzte über
diesen Wunsch. Er meinte, man werde ja in der
Peterskirche bald ganz andere Musik genießen. Den
Baron langweilten alle Andachten ein für allemal,
sie wollten Beide einen Ausflug nach einer der Fern-
sichten unternehmen, und es verstand sich, daß die
Braut den Bräutigam begleitete.
Am andern Morgen, als sie eben das Packen
ihrer Mappen und ihrer Bücher überwachte, schoß
Viktorine der Gedanke durch den Kopf, noch ein Mal
Jakobäa zu besuchen. Ein paar Kinder, denen sie
häufig Blumen abgekauft, ein Bildschnizer, den sie
viel beschäftigt, kamen dazwischen ihr kleine Abschieds-
geschenke darzubringen. Damit ging viel Zeit verloren
und wenn sie sich es recht bedachte, so hatte sie Jako-

2e
bäen nach dem Entschluß, den dieselbe gefaßt, jetzt
auch Nichts mehr zu 'agen. Die Angelegenheit war
abgethan, die Unterredung konnte Beiden nicht er--
auicklich sein; es war am Ende das Geschickteste und
Beste, ihr ein schriftliches Lebewohl mit irgend einem
Andenken zu hinterlassen. Sie stellte ihre Portrait-
karte und ein kleines Weihwassergefäß von hübscher
Arbeit, dessen sich Benedikt bedienen konnte, wenn er
es wollte, für den Zweck zurecht. Das Bildniß des
jungen Mönches, das sie aus dem Gedächtniß skizzirt
und das sehr ähnlich war, that sie in ihr Album, um
es zur Erinnerung an das romantische Abenteuer mit
sich zu nehmen.
Der Tag ging hin, man wußte nicht, wo er ge-
blieben war. Da-- als man in dem Saale schon-
die Tafel zu dem Abendessen rüstete, gab sich mit
einem Male eine Unruhe unter den Wirthsleuten und
unter der Dienerschaft kund. Auch auf der Straße
traten die Leute zusammen. Ein paar der bewährte- -
sten Führer standen mit Pater Theophil und zwweien
von den erwachsenen Scholaren bei einander. Der- -'
und Jener kam hinzu. Die Scholaren sprachen und -'
gestikulirten mit großer Lebhaftigkeit. Sie zeigten
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nach der Teufelswand hinauf, sie schienen die Haupt-
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personen des Ereignisses zu sein, und wenn man sie
gehört hatte, ging man mit einem Kopfschütteln von
dannen.
Die Unruhe verbreitete sich von den Eingebornen
auf die Fremden; der Baron, der an den sogenannten
Vergnügungs- und Erholungsorten ohnehin nie wußte,
was er mit solch einem langen Tage machen solle,
saß mit Frau und Tochter auf dem Balkon, der an
den Speisesaal anstieß. Graf Stefano war für eine
Stunde in seine Wohnung gegangen, dem Abte auf-
zuwarten. Die Wirthin verhandelte mit ihrem Sohne,
man hörte ihr bedauerndes: ,Herr Gott! Herr Gott!'
-- Was der Doktor sagte, konnte man nicht ver-
nehmen.
,Was ntr geschehen sein mag? fragte die
Baronin.
,Sicher Etwas, was uns Nichts angeht,- an!-
wortete ihr Mann, , aber man kann sich ja erkundigen.?
Und sich an den Doktor und dessen Mutter wendend,
fragte er, was vorgegangen sei.
Mutter und Sohn traten zusammen auf den
Balkon hinaus, man sah Beiden das Entsezen an.
,Es ist ein fürchterliches Unglück geschehen!r ant-
wortete die Wirthin. ,Man hätte es Ihnen heut'

268
lieber nicht gesagt, aber von Einem oder dem Andern
häätten Sie es doch und vielleicht gerade bei der Tafel
erfahren können, und das wäre noch schlimmer gewesen,
denn Sie haben ihn ja auch gekannt! - Pater Bene-
diktus ist von dem Vorsprung der Teufelswand hinab-
gestürzt!?--
, Und beschädigt?! fragten der Baron und seine
Frau wie aus einem Munde.
,Todt und zerschmettert! sagte der Doktor, wäh-
rend sein Blick voll Abscheu auf Viktorine fiel; ,man
ist eben hinaufgegangen, ihn zu holen, wenn man
dahin gelangen kann, wo er liegt. ?
Viktorine war mit einem Aufschrei in den näch-
sten Stuhl gesunken, Vater und Mutter waren eifrig
um sie bemüht, die Wirthin zeigte die gebotene schick-
liche Theilnahme, der Doktor hatte sich entfernt. Er
wolle nach der unglücklichen Jakobäa sehen, sagte er.
Viktorine weinte, als sie zu sich kam, und ver-
langte eine Weile in ihrem Zimmer auszuruhen. Man
möge, wenn der Graf inzwischen kommen sollte, ihm
von ihrem Unwohlsein Nichts sagen, sie wolle ihm
nicht nervenschwach erscheinen. Man ließ sie ihren
Willen haben, so wie immer. Dem Vater jedoch war,'
ihr Zusammenbrechen aufgefallen.

269
,Was war das? fragte er, als die Tochter fort-
gegangen war. ,Viktorine pflegte doch nicht nerven-
schwach zu sein.'?
Die Mutter sah sich um, ob Niemand sie höre.
,Du weißt gar nicht,'? hub sie an, , was dak arme
Kind hier ausgestanden hat. Der junge Mönch, der
umgekommen ist,'?-- sie sah sich noch einmal um,
ob sie auch allein mit ihrem Manne sei und sagte
dann: ,er hatte eine ganz wahnsinnige Leidenschaft
für sie gefaßt. Mit seinem Tode ist es ganz gewiß
nicht richtig!r
,Narrenspossen!? entgegnete der Baron, der,
wenn er einmal gar nichts Anderes zu thun hatte,
wohl einen Roman zur Hand nahm und sich durch
denselben nicht ungern rühren, oder, wie der gemeine
Ausdruck lautet, spannen und erschüttern ließ; während
er daneben der festen Meinung war, daß etwas
Romantisches, etwas Außerordentliches in anständigen
Familien, und nun gar in einem Hause wie das seine
und bei seiner einzigen Tochter, durchaus nicht vorzu-
kommen habe.,Narrenspossen! Man braucht Frauen-
zimmer nur allein zu lassen, so phantasiren sie sich
sogar hier unter den Bauern und den Pfaffen eine
neue Auflage von Werthers Leiden zusammen. Was

Me
soll denn da nicht richtig sein? Thust Du doch, bei
z
Gott! als wäre im Gebirge noch kein Anderer zu
Schaden gekommen. Der junge Mensch wird einen
II. -- -- - =
,Ja !r fiel die Wirthstochter ein, die inzwischen
dazu gekommen war, ,so haben es die Schüler auch
erzählt. Er hat schon neulich, als mein Bruder mit
dabei gewesen ist, einen solchen Anfall und einen so
heftigen gehabt, daß er sich an meinen Bruder hat
anhalten und stützen müssen; und die Schüler sagen,
er sei diese lezten beiden Tage sehr verändert gewesen.
Sie hätten sich gewundert, als er mit ihnen heute
den beschwerlichen Weg nach der Teufelswand einge-
schlagen habe. Oben angekommen, sei er freundlich
mit ihnen gewesen, wie immer, dann sei er allein
vorwärts gegangen, so daß sie gemeint hätten, er wolle
nach Etwas sehen, und in demselben Augenblicke sei
er mit ausgebreiteten Armen hinabgestürzt. Heut
Nachmittag ist er noch hier in des Bruders Stube
gewesen, das war, seit er in's Kloster trat, zum ersten
Male. Vielleicht hat er ihn noch berathen wollen.
R Mr D

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Nichts weiter hinterlassen. Es war kurz vorher, ehe
er mit den Scholaren hier vorüber ging. -- Er sah
schon die ganze Zeit nicht gut aus, er hat es mit den
Bußübungen wohl übertrieben. Wer kann's wissen?
Aber es ist Schade um ihn; man dachte immer, er
würde in die Höhe und zu Ehren kommen. Die arme
Mutter und die Schwestern jammern mich.?
,Da hörst Du's!r sagte der Baron, während
Katharine wieder in den Saal an ihre Arbeit
ging.
-Die Baronin schüttelte ungläubig den Kopf.
,Ich weiß, was Viktorine mir gesagt hat, und das
Mädchen bildet sich Nichts ein. Warum sollte sie es
auch? Ihr hat's doch an Anbetern wahrhaftig nicht
gefehlt! Aber freilich- wenn Du Recht behalten
willst, glaubst Du nicht, was Du mit Deinen eigenen
Augen und Ohren siehst und hörst!r
,,Ganz gewiß nicht, wenn es mir nicht paßt!''
sagte lächelnd der Baron.,Ulnd diese Geschichte paßt
mir nicht, und paßt sich nicht! -- Jezt! Wo sie sich
mit einem Römer, mit Graf Stefano verlobt hat! -
Viktorine soll kein Kind sein und keine Narrenspossen
machen! Geh und sprich mit ihr! Ich will davon
Nichts hören! Es ist lächerlich!

A
Die Baronin ließ sich das gesagt sein. Der
Tochter waren des Vaters praktische Bedenken immer
leicht verständlich, sie war selber darauf angelegt, sich
mit den feststehenden Thatsachen abzufinden, und un-
geschehen zu machen war Geschehenes doch nicht.
Am Abend speiste man mit der übrigen Gesell-
schaft, Viktorine entzückte die Anwesenden durch ihren
herrlichen Gesang, man tanzte schließlich auch; der
Graf jedoch bemerkte, daß auf der schönen Stirne seiner
Braut ein trüber Schatten lagerte, und befragte sie
deshalb.
Sie sagte, der schreckliche Tod des schönen und
so reich begabten jungen Mönches habe sie erschreckt.
Sie sei eben sehr impressionabel!-- Der Graf nahm
die Sache einfach wie ihr Vater, und wußte sie zu
zerstreuen.

Kapitel 19

Feunzchnes
F. Lewalb, Benedikt. Ü.
Cnpitel.
1

Jmu andern Morgen wurden die Exequien für
Benedikt gehalten. Man hatte seine Leiche aufge-
funden.
Nah am Chore stand der schwarz verhängte
Katafalk, die Kerzen brannten trotz des hellen Sonnen-
lichtes, ihr gelber Schein beleuchtete das große silberne
Kruzifir, das auf dem Sarge lag. Der Gesang der
Mönche erklang in seiner feierlichen Mächtigkeit--
Benedikts Stimme fehlte in dem Chore!--
Die Kirche war voll Menschen. Wer in dem
Thale irgend Kunde von dem Unglücksfall bekommen,
war herbeigeeilt, dem Todten die letzte Ehre zu er-
weisen und sein Gebet mit den Gebeten zu vereinen,
die für ihn gehalten wurden. Auch die Fremden
waren sammt und sonders in der Kirche.
zF

Ne
Auf ihrem gewohnten Plaze knieeten Jakobäa
und ihre Töchter. Die Wirthin war an Jakobäa's
Seite. Die Unglückliche war wie versteint, es kam
keine Thräne in ihr Auge, es war kaum noch ein
Wort über ihre Lippen gekommen.
Als die Klosterbrüder den Sarg erhoben, um ihn
fortzutragen, stand fie jählings auf, aber sie sank
wieder auf die Kniee, und die starren Augen zu der
Wirthin gewendet, sprach sie: ,Ich hab's herauf be-
schworen! Ich allein!-- Ich habe Gott versucht!
Ich sagte, mit Leid und Freud sei es für mich vorbei!
Mich fechte jezt auf der Erde Nichts mehr an!-- Gott
hat mir's anders zeigen wollen! Er ist der Herr!? -- -
Der Zug der Brüder war vorüber, die Leute
schlossen sich ihm an, man verließ die Kirche. Als
Viktorine, auf des Grafen Arm gelehnt, die Augen
voll von Thränen, an Jakobäa vorüberging, drängte
es sie, stehen zu bleiben; aber Jakobäa schlug ein
KEreuz vor ihr, wie vor dem Bösen, und der Blick,
den sie auf sie richtete, fuhr ihr wie ein Stich durch's
Herz. Stefano hatte Nichts davon bemerkt, er kannte
Jakobäa nicht.
,'
- Die Rührung, die Erschütterung waren allgemein,.,
der Baron hatte also Nichts dagegen, daß Viktorine

Ar
der ihren freien Ausdruck gab. Sie hing sich, als
man wieder zu Hause war, an seinen Arm und sagte:
,Hast Du mir die Smaragden schon gekauft, die Du
mir versprochen hast??
Er verneinte es, er habe sie nicht ganz nach
Wunsch gefunden.
,So verzichte ich darauf, gieb mir das dafürbe-
stimmte Geld ! sagte sie.
Der Baron wollte wissen, zu welchem Zweckc.
,Ich habe PaterBenedikt sehr gern gehabt und seine
Mutter auch, sagte Viktorine. , Ich möchte ihr eine
Genugthuung bereiten, möchte eine kleine Kapelle er-
richten lassen an der Stelle, an welcher der Arm
verunglückte, oder besser noch auf der Klostermatte, die
er sehr geliebt hat, und auf der ich ihn getroffen habe.
,Du kannst in der römischen Gesellschaft nicht
genuug von Schmuck besizen, und die Smaragden sind
bestellt!rr entgegnete der Baron. , Aber wenn Du es
durchaus willst, kann man das Eine thun, ohne das
Andere darum zu lassen. Ich hindere Dich nicht, im
Gegentheil! Es paßt mir sogar. Es sind hier unter
den Gästen ein paar junge Eiteraten; bekannt würde
es durch sie bei uns werden, daß wir hier die Kapelle
bauen, und möglicher Weiso ist es selbst dem Grafen

NK
recht, der im Kloster Gastfreundschaft genossen hat.
Mach' das mit Pater Theophilus ab, oder schreibe an
den Abt.-- Deiner Mutter wird es überdies zu einer
besonderen Satisfaktion gereichen, und wenn's daneben
noch die Mutter von dem jungen Menschen tröstet,
soll mir's lieb sein!
Viktorine umarmte den Vater, sie freute sich des
Zugeständnisses, und mehr verlangte er von seinem
einzigen Kinde nicht.
Das Schicksal der Familie Anschafft wurde unter
den Gästen viel besprochen, man mengte Wahres und
Erdichtetes wie immer durcheinander. Viktorine unter-
nahm es endlich, die Geschichte ausführlich zu berichten.
Der Doktor kam dazu, als sie dieselbe mit der Be-
merkung schloß, daß das Dichterwort recht eigentlich
für diese Familie gesprochen sei:
Das eben ist der Aluch der bösen That,
Daß sie fortzeugend Böses muß gebären!
Man fand die Art, in welcher Viktorine erzählt
hatte, sehr anziehend, ihr Eitat sehr geistreich. Die
jungen Literaten versicherten ihr, es sei zweifellos, daß
fie zur Schriftstellerin eine ungemeine Anlage besitze.
Sie sagte nicht nein! -- Der Doktor dachte sich sein
Theil dabei.

A
Am nächsten Morgen schied die Familie Landes-
heimer in des Grafen Begleitung aus dem Thale; die
Gesellschaft sah fie ungern fortgehen, die Eingebornen
sprachen von der Baronin und von Viktorinen wie
von guten Feen, Mlles rief ihnen ein ,Aluf Wieder-
sehen!'' nach.
Auch die Wirthin und ihre Tochter und der
Doktor thaten dieses Leztere, und hatten allen Anlaß,
es zu thun.- Pater Theophilus war noch am Mor-
gen bei den Damen; der Abt schickte ihnen durch seinen
Gärtner ein paar aus Alpenblumen schön gebundene
Sträuße.
Nur Eine stand einsam, oben vor der Thür des
Hauses, das Maria Josepha gebaut hatte für die Nach-
kommenschaft, die nun dem Erlöschen verfallen war,
und sah finsteren Auges, wie die Wagen die Straße
hinanfuhren, die aus dem Thale führt, und sie hatte
Mühe, die Verwünschungen zu unterdrücken, die ihr
auf den Lippen brannten.

Kapitel 20

? ,
P- Doktor hatte starke, gesunde Nerven, aber
die lezten Tage hatten ihn doch angegrißen. Er hatte
Benedikt sehr lieb gehabt, sein furchtbares Ende ging
ihm schmerzlich nahe. Er war zufrieden, daß er am
Nachmittage sich ein paar Stunden Ruhe gönnen
konnte. Er hatte Mancherlei nachzuholen, mancerlei
Papiere zu ordnen.
Als er die Taschen seiner Briefmappe durchs ichte,
fiel ihm ein versiegelter Brief in derselben auf, der
an ihn gerichtet war und geflissentlich zwischen an,dere
Papiere hineingeschoben zu sein schien. Der Tltor
hatte die Mappe in den letzen zwei Tagen nicht mehr
in der Hand gehabt.-- Benedikt hatte den Brief
hineingelegt, als er den Doktor nicht in seiner Woh-
nung angetroffen.

84
,Ich schreibe dies Blatt,? hieß es in demselben,
,für den Fall, daß es mir nicht mehr gelingen sollte,
Dich zu sehen; wenn Du es liest, wird es hienieden
zu Ende mit mir sein. Ich vermag nicht mehr zu
leben!- Gott hat, ehe ich noch von mir wußte, mir
ein Schicksal auferlegt, das zu tragen er mir die Kraft
versagt. Er hat eine Versuchung in meinen Weg ge-
stellt, der nicht zu unterliegen ich gerungen habe, so
sehr ich es gekonnt. Aber ich bin irre geworden an
Allem, was da ist und sein wird- ich kann nicht
weiter! Giebt es einen allgütigen, allweisen Vater
jenseits dieses Erdenlebens, in das wir gewiesen wer-
den ohne unsern Wunsch, so wird er Erbarmen haben
mit meiner armen Seele und mit der Unzulänglichkeit
der armen Kreatur, die er geschafen hat.
Lebe wohl! Du hattest mich gewarnt! Es war
mein Schicksal, daß ich Dich nicht hörte!
Steh' meiner Mutter bei! Meinen Schwestern
wird ihr fester Glaube helfen. Lebe wohl!?
wDweegggggggg
Wir hatten dieses Blatt, das uns der Doktor
anvertraut, in der Kapelle gelesen, welche Viktorine
nach ihrem Nebereinkommen mit dem Abte, auf der

8?
Klostermatte errichten lassen. Es ist nur ein klciner
aber hübscher Bau, der die Gegend schmückt. Graf
Stefano hat ein schönes Kästchen mit der gewünschten
Reliquie dahin gesendet, das Kloster hat Stationen
auf dem Wege nach der Benediktskapelle eingerichtet,
fie wird viel besucht. Das Andenken des verunglicten
jungen Paters steht im Thale wie im Kloster schr in
Ehren.
Benedikts Schwestern beten täglich in der Kapelie,
seine Mutter hat sie nie betreten. Sie ist ihrem
alten Plaze in der Klosterkirche treu geblieben.
Weshalb die unglückliche Greisin aber den Frem-
den sich so feindselig erweist, das war uns, seit wir
ihr Schicksal kannten, sehr erklärlich.
Im lezten Winter ist sie auch gestorben. Das
Kloster hat jezt den Besiz des ihm vermachten An-
schafft'schen Legates angetreten. Jakobäa's Hau ist
dem Doktor vermiethet. Er wird es im nächsten Som-
mer als Dependance der Kuranstalt benuten.
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