Benedikt.
Fanny Lewald
Kapitel 10

nzwischen hatte man in dem Thale mit jedem
aahre die Zahl seiner Besucher zunehmen sehen und
die rüstige Besizerin des Gasthauses war in jener Zeit
darauf verfallen, ihrem Hause zwwei Flügel anzubauen,
um während der günstigen Jahreszeit Kostgänger bei
sich aufnehmen, und ein förmliches Pensionat errichken
zu können.
Sie besaß außer dem hülschen Anwesen, das sie
von ihrem früh verstorbenen Manne ererbt hatte, ein
eigenes nicht unbedeutendes Vermögen, welcheö sie ihrer
Zeit in die Ehe mitgebracht hatte; und vorauösichtig,
wie sie war, hatte sie bei dem zunehmenden Verkehr in
ihren Bergen die Tochter in eine gute Erziehunge-
anstalt geschickt, damit sie fremde Sprachen lernen
F. Lewald, Benedikt. 1

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solle, und ebenso hatte sie dem Sohne, weil er Hang
gezeigt, sich dem Studium der Medizin zu widmen,
die Mittel dazu sehr freigebig gewährt.
Er war ein paar Jahr älter als Benedikt, die
Tochter ein Jahr jünger als dieser, und sie hatten als
Kinder, bis Benedikt in das Kloster genommen worden
war, gute und herzliche Kameradschaft mit einander
gehalten, schon weil die Mütter in der Jugend
Freundinnen gewesen waren. Fast um dieselbe Zeit,
in welcher Benedikt sein Noviziat beendete, kamen
auch die Geschwister nach mehrjähriger Entfernung
von der Heimath, in das Thal und in das Vater-
haus zurück. Sie sollten der Mutter bei der Ein-
weihung und Eröffnung ihres neuen Kost- und Logir-
hauses zur Hand gehen und der Doktor brachte so-
gar gleich ein paar vornehme Frauen mit sich in das
Thal hinauf.
Einer seiner Universitäts-Lehrer, der als Dia-
gnostiker eineöeuropäischenNufesgenoß, und vonKranken
aus allen Ländern vielfach berathen wurde, hatte an-
gefangen, die Nervenschwachen zur Stärkung in die
windstillen Thäler des schweizerischen Hochgebirges
hinaufzuschicken. Er kannte das weite wohlgeschüzte
Klosterthal, er hatte eine gute Meinung von seines

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jungen Schülers Kenntnissen und Einsicht und da die
Kranke, um welche es sich handelte, nicht ohne änzt-
lichen Beirath in dem Gebirge bleiben zu können be-
hauptete, hatte der konsultirte Professor ihr den Vor-
schlag gemacht, eben das Klosterthal und das neue
Pensionshaus zu ihrem Aufenthalt zu wählen, weil
sie in demselben zu jeder Stunde der ärztlichen Pflege
seines Zöglings theilhaft werden konnte.
Der junge Doktor hatte seiner Mutter angezelgt,
daß sie sich auf den Empfang einer reichen und sehr
verwöhnten Dame vorbereiten möge. Er hatte ge-
schrieben, daß die Baronin Landeöheimer einen Trag-
sessel mit sich führe, hatte angeordnet, daß man vier
Träger an das Schif hinunter senden, daß an dem
Ufer ein paar einspännige Karren zum Heraufbringen
des Gepäckes, nebst ein paar Saumthieren für das Fräu-
lein und die Kammerjungfer bereit stehen sollten; und
weil man in dem Thale derlei vornehme Herrschaften
bisher noch nicht beherbergt hatte, war der Wirthin so
wie ihrer Tchter Angst geworden vor den Ansprüchen,
welche die Aükömmlinge erhoben, und die zu befriedigen
nicht möglich sein würde.
Schon vom Nachmittage an spähten sie an den
festgesetzten Tage unablässig nach der Seite hinaus,
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von welcher die Fremden kommen mußten. Ihre
Neugier, ihre Erwartung theilten sich den Nachbarinnen
mit. Die Eine und die Andere kam herbei, sich die
Zimmer anzusehen, in welche man die Kranke unter-
bringen wollte. Man sprach von ihrem Alter, von
ihrem Leiden, ven ihrer Hinfälligkeit ohne irgend etwas
Näheres davon zu wissen, bis sich aus den Vermuthungen
der Nachbarinnen, aus den -Voraussezungen der neuen
Pensionshalterin und ihrer Tochter, endlich in ihnen
Lllen der Glaube heranbildete, daß die Baronin Landes-
heimer eine todtkranke, hochbetagte Dame sei.
Wie eine solche die weite Neise auö dem fernen
Böhmen habe übestehen können, wie sie, die doch
gewiß in einem Palaste zu leben gewohnt sei, es in
den niederen Zimmern des engen Hauses aushalten
werde, davor wurde der Wirthin selber immer bänger.
Sie wünschte endlich nur, daß die alte Dame nicht
ekwa gar in ihrem Hause sterbe möge, und war noch
mit der Erwägung all der Noth- und Nebelstände
beschäftigt, welche solch ein Unglücksfall in seinem Ge-
folge haben würde, als man den Zug auf der west-
lichen Höhe erscheinen und raschen Schrittes in das
Thal hernieder steigen sah.
lt und Jung trat vor die Häuser heraus, die

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Kinder liefen den Fremden neugierig entgagen, denn
noch niemal? war eine Dame in das Thal hinauf-
gekragen wordan, und eine solche Karavane hatte man
noch nie zuvor gesehen. Von rechis, von links schaute
man nach der Kranken aud, auch die Wirthin snchte
sie schon von ferne mit den Augen, und wußte nicht,
was sie davon zu denken habe, als sie auf dem Trag-
sessck eine große, starke Frau entdeckte, die wohl am
Ende ihrer vierziger Iahre
sehr schön aussah und mit
sein konnte, aber noch
Augen nach allen Seiten um
Aufsehen, dak sie erregte, ihr
wetl
wie
sie zu belustigen schien.
den großen schwarzrn
sich schaute, weil das
Das Fräulein, dad elen so
schöner war, und nicht wie
eine Schwester der Baronin
heiterem Lachen hier und dort.
ergnügen zu machen
stnitlich, aler nech
die Tochter, sondern
aussah, grüüßte mit
Sie war, als man
ror dem Hause anhielt, gleich behende auö dem Sattel,
so daß man sah, sie sei ded Reitenö sehr gewehnt.
Auch die Baronin kam leicht von ihrem Tragesessel
auf die Füße, und wenn ihr der Doktor dalei auch
seine Hülfe anbot, während die Kammerjungfer ihr
mit großer Beflissenheit eln Mäntelchen unn dieSchultern
ing und sich ricl mit ihr zu schaffen machte, so über-
- -. -?

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zengte sich die Wirthin zu ihrer Beruhigung doch so-
fort davon, daß es mit dieser Kr:uken so schlimm
nicht stehen könne, und daß man um ihren Tod sich
vorläufig keine Sorge machen dürfe.
Die Baronin und das Fräulein waren in der
allerbesten Laune, Victoire, wie die Mutter sie immer
nannte, weil sie zumeist französisch mit einander sprechen,
Victoire rief lachend, sie komme sich hier wie Schillers
Mädchen aus der Fremde vor. Sie finde es sehr
verführerisch, angestaunt zu werden, als steige sie aus
des Himmels Höhen nieder, und sie schien es auch
anit dem Gabenvertheilen gleich wie das Mädchen
aus der Fremde halten zu wellen. Denn als die
Kinder sich herandrängten, dem ungewohnten Schau-
spiel zuzusehen, gab sie ihnen, ohne daß sie »s be-
gehrken, was ihr eben in die Hände kam: die Blumen,
die sie sith während des Weges hatte auf das Pferd
hinaufreichen lassen, das Zuckerwetk aus ihrer Tasche
und auch Geld, ald sie mit dem Zuckerwerk am
Ende war.
Derlei ungeforderte Freigelizkeit war man hier
zn Lande nicht gewohnt, und die unverhofften Spenden
machten dehalb ihre Empfänger schnell begehrlicher.
Wer aud der Ferne deö befremdlichen Vorganges ge-

?-.-
1
wahr wurde, eilte so rasch er konnte, herbei, um Theil
zu haben an der allgemeinen Ernte. Der Zudrang
wurde immer größer, die sämmtlichen Kinder waren
bald beisammen, es streckten allmälig auch die größeren
Burschen und die erwachsenen Mädchen ihre Hände
fordernd aus, und Viktorine hatke ihren Spaß daran.
Sie warf, daa die junge Schaar bald ungestüm zu
werden anfing, und der Inhalt ihrer Börse endlich
auch erschöpft war, dem Einen lachend das kleine,
seidene Tuch zu, welches sie um den Hals getragen
hatte, der Anderen die langen Handschuhe, die ihre
schönen Hände bedeckten.
Die Witihin hatte Noth, es zu verhindern, daß
sie nicht in ihrer übermüthigen Fröhlichkeit den Auf-
lauf immer größer machte; und der verständigen Frau
gefiel der ganze Vorgang überhaupt nicht, weil sie
es voraus sah, welch unangenehme Belästigung den
Fremden fortan durch des Fräuleins ungehörigen Ein-
fall zugezogen werden würde. Sie mußte endlich, als
der Doktor mit der Baronin in das Haus hinein-
gegangen war, den Knecht zu Hülfe nehmen, um die
in ihrem Jubel laut tobende Kinderschaar nur aus
dem Bereich des Hauses zu entfernen. Hätte sie es
in ihrer Hand gehabt, sie hätte in dem Augenllicke

l
am liebsten auch die Baronin und daä Fräulein fort-
geschickt, denn die Nhörichte Großmuth der beiden
Fremden und daä Gebahren derselben waren ihr nicht
recht geheuer. Si: mißtraute ihnen und sie gefielen
ihr keinesweges.
Der Doktor ließ sich kaum die Zeit, die Seinen
zu begrüßen. Er führte die Baronin in die ihr be-
stimmten Zimmer, er ließ ihr daö Sopha in die offene
Gallerie hinauörücken, und sie streckte sich auf dem-
selben aus, als wäre der Vorrath ihrer Kräfte ganz
und gar erschöpft. Indeß das währte gar nicht lange.
- as Niechfläschchen hatte seine W.rkung ofenbar ge-
ihan, und mit dem goldenen Augenglas vor dem Ge-
sicht, fing sie an die Berge und dad Kloster, und das
Zimmer, und die Wirthin und der Wirthin Tochter,
mit wohlgefälligem Lächeln zu betrachten, und mit ge-
flissentlicher Herallassung diesed Alles sehr charmant,
die Berge wie die T..rthin und deren dienstbeflissene
Tochter aber wirklich ganz charmant und über all ihr
Erwarten angenehm zu nennen.
Biktorine fand Alleö geradezu entzückend, Alles
ganz bezaubernd! Die brave Wirthin stand und staunte
über ihre grrßen Worte. Sie fragte sich vergebens,
was ihre Gäste nur bewegen möge, sich mit dem Aus-

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druck ihrer Zufriedenheit so anzustrengen, und da
Gehörige so über die Gebühr zu loben. Recht richtig
kamen sie ihr nun einmnal nicht vor; denn obschon
sie Deutsche und in der Hauptstadt Böhmenö angesessen
naren, sprachen sie untereinander bald französisch und
bald englisch, und während sie in der Wohnung Alles
bewunderten und priesen, war ihnen, als sie sich dann
endlich gegen den Abend hin in ihren Stuben nieder-
lassen wollten, doch wieder gar Nichtö gnt genug und
gar Nichts recht.
Die Wirthin hatte mit gutem Willen ihr Mög-
lichstes gethan, aber sie mußte e? schließlich alö ein
wahreö Glück betrachten, daß die Baronin ihre Betten,
ihre Wachskerzen, ihre silbernen Theegeräthschaften und
ihren Thee stets bei sich führte, so daß sie doch, wie
sie es nun plözlich nannte, in dieser weltabgeschiedenen
Einsarnkeit und Dede auf die Befriedigung der aller-
unerläßlichsten Ansprüche nicht zu verzichten, und ihren
wenigen kleinen häuölichen Gewohnheiten und Be-
auemlichkeiten nicht völlig zu entsagen brauchte.
Sie muußte indessen sonderbare Vorstellungen von
Viel und Wenig, und eine große Menge unerläßlicher
Nothwendigkeiten und kleiner häuslicher Gewohnheiten
besizen; denn des Forderns, des Fragens und Be-

15s
gehrens ward stundenlang kein Ende. Die Wirthin
und die schöne Katharine saßen am Abende endlich
müde und matt vor ihres Hauses Thüre, um noch
einen letzten ruhigen Athemzug zu thun, ehe sie ihr
Lager suchten, als der Doktor rasch und munter von
den Fremden zu den Seinen kam.
Er warf sich lachend und die Glieder dehnend
neben ihnen nieder, als könne auch er vor Müdigkeit
nicht weiter. ,Wenn das so fortgeht,? scherzte er, ,so
wird die Baronin unsere Kräfte herunterbringen,
während sie die ihren stärkt, und wir werden, wenn
sie fortgeht, selber eine Kur vonnöthen haben. -
Das war heute keine Kleinigkeit! Reden und reden
und immer wieder reden, und immer wieder dasselbe
in neuen Formen reden, von Morgens acht Uhr bis
zum späten Abend! Dagegen ist der Dienst in einem
Hospitale eine wahrhafte Erholung. Aber schön sind
sie alle Beide, und Geld haben sie, mehr als zu viel!
,Was hast Du denn bei der Baronin noch so
späät gethan? fragte die Wirthin, welcher des Sohnes
Munterkeit sofort den Muth belebte.
,Ich habe mit ihr einen Thee getrunken, der einem
Steinmezen oder Mäher den Schlaf benehmen könnte,
und der ihre Schlaflosigkeiten sehr erklärlich macht.

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Dann hat sie sich zurückgezogen, um, wie sie es ge-
wohnt zu sein behauptet, ihre Seele vor der Nacht
noch im Gebet zu sammeln; und ich habe mit Fräu-
lein Viktorine auf der Gallerie gesessen, die ihr Auge
an der ßracht des glorreichen Sternenhimmels und
an dem zauberbaften Lichte erquicken wollte, welches
die Mondeöstrahlen über die Schneegebirge so ver-
schwenderisch ergießen.'?
Er hatie die Worte in dem Tone und in der
Weise der Baronin und des Fräuleins wiederholt,
seine Schwester und seine Mutier mußten lachen. Der
Doktor nahm eine ernsthafte Miene an.
Er war noch jung, aber er war, wie alle Schweizer,
klug, und hatte von der tüchtigen und umsichtigen
Mutter das richkige Berechnen frühzeitig gelernt. Sein
Fleiß hatte ihn die Beachtung seiner Lehrer eingetragen,
er war unter ihrer Leitung ein guter Beobachter ge-
worden und der berühmte Arzt, der ihm diese beiden
Damen als erste Gäste in die neubegründete Kuranstalt
seiner Muiter mit hinauf gegeben, hatte ihn in freund-
lich kollegialischer Vertraulichkeit über die Lebens-
verhältnisse derselben so weit als nöthig unterrichtet,
während er ihm gleichzeitig den Nath gegeben hatte,
sich die Gunst der Baronin zu erwerben, deren Ein-

1e
flß ihm, dem angehenden Prakliker, ebenso wie dem
Pensienate seiner Mutter, von wesenilichem Nutzen
sein könne.
Katharine zuigte sich von der Schönheit der beiden
FFrauen ebenso wie der Doktor eingenommen. Die
Mutter meinte, schön wären sie freilich, und stolz
schienen sie ihr nicht zu sein, aber ihre Freundlichkeit
fei so unruhig und geflissentlich. Sie hätte sich vor-
nehme Frauen doch weit vornehmer gedacht, und wie
Deutsche sähen sie nun einmal gar nicht aus.
,,Nicht wie Deutsche? wiederholte der Sohn.
, Nun, rechte Deutsche kann man sie auch nicht nennen,
da sie Juden sind; und vornehm? scherzte er, dessen
sarkastische Laune leicht anzuregen wan, zvornehm sind
sie ja aus Lribeskräften! Aber in ein paar Jahren
werden sie's wohl besser noch verstehen! E will doch
.ulle? erst gelernt sein! Und ihr Adel ist nrch jünger
als ihr Christenthum. Nur ihr Neichthum hat schon
Ahnen, und sie hätten auf das Christenthum vielleicht
von Harzen gern verzichtet, wäre nur der Adel für
sie ohne dadselbe zu erlangen gewesen. Troz alledem
ist aber der neue Baren ein großer Mann. Die
Baronin hat mir heut von ihren vornehmen Bekannt-
schafien, von den Grafen und Fürsten, die ihres Hauses

k
u?
Gäste sind, von dem Bischof, dem sie eine völlige
Wandlung ihres Glaulens und Erkennens danke, schon
nnterweges ohne Aufhören erzählt. Sie bringt so-
gar das Empfehlungöschreiben eines Bischofs an den
Herrn Abt mit, das sie ihm selber übergeben will.
Die Wirthin schüttelte den Kopf. Ihr Unter-
nehmen, solche Gäste in ihrem Hause zu beherbergen,
erschien ihr mehr und mehr vermessen. Sie versank
in Berechnungen und Neberlegnngen aller Art, der
Doktor und die Schwester plauderten lustig mit ein-
ander fort.
Mit einem Male erhellte sich das große Zimmer
hinter der Glaögallerie, man hörte auf dem Klaviere
einzelne Accorde anschlagen, und von einer herrlichon
Altstimme gesungen, tönte Schuberts Ae Muriu, tönten
die Worte:
O Sanetiesimu, o piissima, äuleis irgo Karia!
durch dis Stille der Nacht.
Die Wirthin und ihre Tochter hatten die Hände
gefaltet, auch der Doktor horchte hoch auf. Es lag
etwas Neberwältigendes in dieser Stimme, Etwas, das
bis in des Herzens Tiefen drang. Keiner von den
Dreien hatte jemals einen ähnlichen Gesang gehört,
einen solchen Eindruck empfangen.

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, Es ist, als wäre man in der Kirche!'' sagte
Katharina ganz gerührt, als das Lied zu Ende war.
,Sa man könnte schwören, sie wäre mit dem
Ae Klariu groß geworden von Kindesbeinen an!'
meinte der Doktor; und sie warteten noch eine Weile,
ob Viktorine nicht noch einmal singen würde. Aber
der Gesang verstummte und das Licht erlosch.
eag