Benedikt.
Fanny Lewald
Kapitel 11

olktes Cnpitel.

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Unruhig war es jetzt in dem Hause von früh bis
spät; so schlimm jedoch als die Wirthin es sich vor-
gestellt hatte, war es nicht, und die jungen Leute
hatten ihr Vergnügen an dem ungewohnten Leben
und Treiben um sie her.
Die Baronin hatte an dem Morgen kaum ihre
Morgenkleidung angelegt, und ihr Frühstück ein-
genommen, als sie und ihre Tochter daran gingen,
die Zimmer, wie sie es nannten, wohnbar zu machen
und sie für Viktorinens Beschäftigungen herzurichten.
Der Diener mußte die Malgeräthschaften auspacken,
eine Staffelei und eine kleine Cumers obsours auf-
stellen. Viktorine brachte ihr Teleskop in Ordnung;
die Kammerjungfer trug farbige Wollen für die Hand-
arbeit ihrer Herrin, Päcke von Papier zum Pflanzen-
trocknen und eine ganze Menge von Büchern hin und
her. Polsterkissen, Fußbänkchen, Reisedecken, Riech-
flaschen, Toiletten- und Schreibtischgeräthschaften wurden
ausgebreitet, wurden versuchsweise bald in dieser, bald in
jener Ecke aufgestellt. Stundenlang blieb dieDienerschaft
in beständiger Bewegung. Die Baronin lag in ihrem
Sessel und gab Anweisungen und Befehle, Viktorine
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sonderes Arbeitspläzchen, ein kleines einsames ,.hron
retiro'? zurecht und die Baronin lehnte endlich in völliger
Ermattung den Kopf in ihre Kissen und klagte darüber,
wie ihre Kräfte ganz erschöpft, wie ihre Nerven doch
den Anstrengungen einer solchen Reise in keiner Art
gewachsen seien.
Sie mußte aber doch noch ein gewisses Maß
von Kräften in Vorrath haben, denn sie richtete sich
bald wieder auf, um dem hochwürdigen Herren Abte
selbst zu schreiben, ihm den Empfehlungsbrief Seiner
Hochwürden des Herrn Bischof zu übersenden, und
es Seiner Hochwürden auszudrücken, wie glücklich sie
sich fühlen würde, wenn er sie der Ehre seiner Be-
kanntschaft würdigen wolle, wie aufrichtig sie es ihn:
zu danken haben würde, wenn er ihr hier, wo sie ihres
gewohnten verehrten Seelsorgers Berathungen ent-
behren müsse, einen Geistlichen zuweisen wolle, an dessen
Zuspruch und Belehrung sie sich halten und erheben
könnte.
Der Diener, der bisher auf der Reise so zu sagen
in einer Interims-Kleidung aufgetreten war, mußte
die Gala-Livree anlegen, um sich als Botschafter
seiner Herrin zu dem Abte in das Kloster zu begeben,
und die Baronin legte in der Eile noch für alle Fälle

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ihr prachtvoll gebundenes Meßbuch und den Phomus
s Kenpis auf den Tisch vor ihrem Ruhebett zur
Schau, neben den Romanen von Dctave Feuillet, mit
welchen sie sich während ihrer Reise unterhalten hatte.
Viktorine hatte unterdessen anderweit zu thun.
Sie war in Verhandlungen mit einem Führer be-
grifen, den sie für die ganze Dauer ihres Aufent-
haltes in Dienst zu nehmen und dessen Maulthier sie
ebenfalls für sich ausschließlich zu behalten wünschte.
Sie wollte es herausbringen, ob das Thier es wohl
gewohnt sei, Schellen in der Kopfaufzäumung ruhig
zu ertragen, denn Viktorine brachte nicht nur ihren
englischen Satiel, sondern auch das Saumzeug für
ein Maulthier mit, und wie sie an lebhaften Farben
und glänzendem Schmucke für sich selber Freude hatte,
so hatte sie für das Kopfzeug ihres Maulthieres auch
drei rothe Federbüsche und ein hellklingendes Schellen-
geläute in das Gebirge mit hinaufgenommen.
Den Doktor überraschten die Ausführlichkeit und
die Wichtigkeit, mit welcher sie sich und die kleine An-
gelegenheit behandelte. Das Gemisch von angeborner
Kargheit und scheinenwollender Freigebigkeit, die dabei
abwechselnd zum Vorschein kamen, dünkten ihn sonder-
bar. Er konnte es auch nicht recht verstehen, warun
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fie die Naturschönheit, nach deren schweigender Er-
habenheit und lautloser Stille sie sich zu sehnen be-
hauptete, durchaus mit Schellengeläut genießen wollte;
aber schön war Viktorine, so schön, daß ihm darüber
alles Nachdenken verging, und ihre Stimme hatte
auch im Sprechen den herzbestrickenden Zauber wie
bei dem Gesang.
Da der Himmel hell und die Luft sehr frisch
war, wünschte sie gleich an diesem Morgen einen
Gang auf die nächste Höhe zu machen, um sich einen
vorläufigen Neberblick über das Thal zu verschaffen
und auszufinden, von welchem Punkte sich eine hübsche
Ansicht ihres Hauses aufnehmen ließe. Sie sezte es
dabei als selbstverständlich voraus, daß der Doktor sie
begleiten werde, obschon sie es ausdrücklich hervorhob,
daß sie Nichts weniger alö furchtsam sei, und daß sie
eigentlich nichts Besseres kenne, als auf gut Glück und
ganz allein in freier Natur umherzuschweifen, sich wie
ein Vogel niederzulassen an der Stelle, die ihr lockend
winke, und davon und weiter fortzuziehen, wenn des
Verweilens Lust gebüßt sei.
Den Doktor war wunderlich dabei zu Muthe.
Daß die Baronin über ihn verfügte, das fand er in
der Ordnuung, selbst da, wo es ihm unnöthig erschien.

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Sie war seine Kranke und es diente seinen Zwecken,
wenn er sich ihr gefügig zeigte. Daß die Tochter aber
in gleicher Weise auf ihn zu zählen und über ihn zu
bestimmen geneigt war, das verdroß ihn; und halb
absichtlich, halb aus Ungeschick erklärte er ihr unum-
wunden, daß er nicht mit ihr gehen könne, denn er
habe dazu nicht die Zeit.
,Sie kömnen des rechten Weges auch gar nicht
fehlen, sagte er, zwenn Sie immer am Bache entlang
den Pfade folgen, welcher allmälig aufsteigt bis zu
dem großen Hause oben auf der Matie. Da oben
an der Jakobäa Anschafft Haus hat man einen weiten
Blick, und die Kirche und das Kloster nehmen sich
von dort am besten aus.!
Viktorine blieb stehen und sah ihn ruhig an.
Der warme einschmeichelnde Blick fuhr ihm durch alle
Glieder. Er konnte diesem Blicke gar nicht wider-
stehen. ,Ech!r sagte sie,,wenn Sie jezt nicht mit
mir gehen können, will ich gern warten. Es war
mir nicht um mich zu thun mit meinem Vorschlag.
Ich gönnte es Ihnen, mir die Schönheit hier zu
zeigen, denn es giebt ja Nichts, was mehr erfreute,
als von einem Andern bewundert zu sehen, was man
besizt und liebt!'

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,Freilich! freilich!r rief der Doktor und nach der
Ühr sehend, während das Blut ihm die Stirn röthete,
meinte er. ,er könne sein Geschäft auch noch ver-
schieben, er werde sie begleiten, wenn sie es verlange.
,,Verlangen?' wiederholte Viktorine und der be-
strickende Zauber ihres Blickes berührte ihn noch ein-
mal,,es zu verlangen habe ich kein Recht!
,,Wenn Sie es mir erlauben!' stieß der Doktor
rasch hervor; aber es war ein Etwas in ihm, das sich
gegen seine Fügsamkeit empörte, und er wäire gern
zurückgeblieben-- hätte er es nur vermocht.
,Sehen Sie,' rief sie, ,so laß ich mir's gefallen.
So kann ich Ihr Anerbieten annehmen, ohne mir
tyrannisch vorzukommen. !-- Damit ging sie in das
Haus, sich ihren Hut zu holen.
Er stand und sah ihr nach. Sie mußte das
vermuthet haben, denn sie wendete sich zu ihm zurück
und ihm freundlich zunickend, sprach sie:,Warten
Sie nuur, wir werden noch gute Freunde werden. Ich
bin nicht anspruchsvoll und ein guter Kamerad, wenn
schon ich meine eignen Wege und meinen Willen
haben muß.?
In dem Augenblicke kam Katharine aus der
Wirthsstube heraus. Sie sah, daß der Doktor drei

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Kreuze in die Luft schlug. Weil das nicht seino Art
war, fragte sie, was das bedeute?
, Reine Vorsicht!' entgegnete der Doktor. ,Ich
glaube wahrhaftig, mit dem Frauenzimmer ist es nicht
zanz geheuer, indessen wenn ich jezt auch mit ihr
gehe, statt meine Sachen hier zu ordnen, wie es sich
gehörte, verhepen und bezaubern will ich mich nicht
lassen. Heut soll sie, wie sie es verlangt, ihren
Willen haben und ihre Wege gehen; morgen gehe ich
die meinen.!
Es war aber in der That, als hätte Viktorine
seine Gedanken errathen, denn als sie wiederkehrte,
den großen runden Strohhut auf dem Kopfe, das
Skizzenbuch in der Hand, schien ein ganz anderer
Geist üler fie gekommen zu sein. Ohne alle Phrase
sagte sie ihm, sie sei bereit, und sie schien es wahr
machen zu wollen, daß sie ein guter Kamerad sei.
Sie war ernst und ruhig, ihr Schritt schnell wie der
eines Jünglings, ihr Gang fest und sicher, selbst wo
es galt, über Unebenheiten und auf engen, steilen
Wegen fortzukommen; und auch die Art ihrer Unter-
haltung war freimüthig und klng.
Sie hatte eine Weise, ihre Fragen zu stellen,
welche bestimmtes Antworten leicht und nothwendig

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machte. Sie erkundigte sich um die Lebenöbedingungen
der Thalbewohner, daß man sah, eö sei nicht das erste
Mal, daß sie sich um dergleichen bekümmere. Sie
sprach nit einfacher Klarheit über die Einrichtungen,
welche man in der von ihrem Vater in dem böhmischen
Gebirge erkauften Herrschaft gemacht habe, erzählte da-
zwischen von ihren Reisen und ihrem Aufenthalte in
London, in Paris, in Rom; und als man oben vor
Jakobäa's Hause angelangt war, fühlte sich der Doktor
neben ihr so frei und behaglich, daß er sich einen
Thoren schalt wegen des Mißtrauens, welches er noch
eben gegen sie empfunden hatte.
Was konnte sie denn auch im Schilde führen,
oder von ihm wollen? Und war es ihre Schuld, daß
ihre Augen und ihre Stimme wie Sonnenstrahlen
wärmten und erquickten? Man hatte ja im Grunde
für eine solche Schönheit dem Himmel zu danken wie
für alles Andere, was unter seinem Lichte herrlich er-
blühte und gedieh. Er war ein Thor gewesen! Das
war Mlles! Seine Schul- und Kathederweisheit hatte
ihm keinen Maßstab an die Hand gegeben für ein
Wesen, das unter den glücklichsten Bedingungen sich
in einer dem Doktor noch ganz fremden Atmosphäre,
in der vornehmen großen Gesellschaft gebildet und

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entfaltet hatte; und doch hatte gerade er als Arzt sich
auch für diese Gesellschaft zu erziehen. Es gal von
den beiden Frauen Mancherlei für ihn zu lernen; der
Professor hatte ihmu das selber angedeutet, als er sie
seiner Obhut anvertraute, und er dachte es sich zu
Nutze zu machen, so sehr er immer konnte.
Viktorine ward, je höher sie hinaufgestiegen,
immer fröhlicher und freier. Sie fand die Aussicht
vor dem Hause, so wie sie dieselbe wünschte. Sie
ging hierher und dorthin, versuchte den und jenen
Punkt, bis sie sich für den Plaz unter den Nuß-
bäumen entschied, und sich denn auch rasch an ihre
Arbeit machte. Der Doktor stieg die Treppe hinauf,
um bei Jakohäa vorzusprechen, sie kam ihm an der
Schwelle schon entgegen.
,Also hat Dich's doch nach Haus gezogen,! sagte
sie, als sie seiner ansichtig wwurde, ohne ein Wort des
freundlichen Willkommens hinzuzufügen. Der Doktor
mußte indeß diese Weise an ihr gewohnt sein, denn
sie befremdete ihn nicht.
,Dachtet Ihr,'? entgegnete er, ,ich würde nicht
wiederkehren?
,Ich dachte an Dich gar nicht,' versezte sie, ,nur

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Benedikt kam jedesmal auf Dich zu sprechen, wenn
er bei mir war.?
,Ich habe es nie anders vorgehabt, als heim-
zukehren,' gab der Doktor ihr zur Antwort. ,Ich
bin gleich mit der Absicht fortgegangen, mich hier in
unsern Bergen festzusetzen, wenn ich meine Studien
beendet haben würde.
,Man nimmt sich Manches vor und führt's nicht
durch. Wer kennt sich denn im Voraus? sagte sie.
,Aber dem Benedikt wird's recht sein, daß Du heim-
gekommen bist, und Deiner Mutter auch; obgleich es
besser wäre, sie hätte mit dem Pensionsbause Nichts
angefangen. Es ist jezt ohnehin in den Menschen
schon Unruhe genug, und was sollen uns die Fremden
hier? Was wollen sie bei uns?
Bei der Stille, welche auf der Höhe herrschte,
war Viktorinen kein Wort der Sprechenden entgangen.
Sie sah sich endlich nach ihnen um, und den schönen
Kopf zu Jakobäa emporgerichtet, sagte sie: ,Was wir
hier wollen? Luft schöpfen! weiter Nichts!-- Mich
dünkt, das könnten Sie uns gönnen!'
, Luft, denk' ich, giebt es aller Wegen,'' warf
Jakobäa ein, , und unser Herrgott hat wohl Jeden in
die Luft gesezt, die er gebraucht.?

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,,So trösten Sie sich über unsere Anwesenheit
und über mein Verweilen hier an dieser Stelle mit
dem Glauben und der Neberzeugung, daß ich ohne
Ihres Herrgotts ausdrückliche Fügung nicht hier vor
Ihrer Thür sizen würde. Aber -- gastfrei und höf-
lich sind Sie nicht!'
Der Doktor wollte begütigen: , Frau Jakobäa
meint es nicht so böse,! sagte er, zund das Fräulein
auch nicht.
,Nicht doch!' fiel ihm Viktorine in die Rede,
,ich weiß sehr wohl, was ich gesprochen habe, und die
Frau sieht auch aus, als sagte sie Nichts, was sie
nicht meint; und das ist gut. Man weiß dann doch,
woran man mit einander ist. Wiederkommen werde
sch ihr nicht, aber meine Zeichnung werde ich be-
enden, wie ich eben kann, da ich doch einmal hier bin
und sie angefangen habe.?
Jakobäa mochte die Entgegnung nicht erwartet
haben, der Fremden Weise machte sie indessen stuzig
und gefiel ihr wider ihren Willen. Das war Fleisch
von ihrem Fleische.
Sie ging die paar Stufen die Treppe hinab,
sah der Zeichnenden über die Schulter und fragte
nach einer Weile, wo sie her sei.


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Oiktorine gab ihr kurz Bescheid.- , Ist der
Mann mit Ihnen? fragte Jakobäa.
Viktorine sagte, sie habe noch keinen Mann. -
,,Wie ein Mädchen sehen Sie nicht aus!? bemerkte
darauf Jene.
,Ich bin auch kein junges Mädchen mehr, sondern
eine alte Jungfer! Mit meinen zwanziger Jahren ist
es bald am Ende.
, llnglaublich!' rief der Doktor, der dem ganzen
Vorgang mit Erstaunen und mit immer wachsender
. Theilnahme an Viktorinen folgte.
,Glauben Sie es immer!'- sagte sie.,Meine
Mutter hat nur sechszehn Jahre mehr als ich. Sie
war fast noch ein Kind, alö ich zur Welt kam.?
Sie hatte sich dabei erhoben und verglich prüfen-
den Auges ihre Arbeit mit der Natur. Jakobäa trat
während dessen nahe an sie heran und betrachtete sie
mit dreistem Bllck Mit einemmale sagte sie: , Warum
haben Sie sich keinen Mann genommen?
,Weil ich keinen fand, mit dem es mir der
Mühe lohnte. Ich bin gern mein eigner Herr!r
, Bleiben Sie dabei!'? sagte Jakobäa mit einem
Nachdruck, daß Viktorine sich voll Erstaunen nach ihr

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umsah. Aber Jakobäa hatte sich bereits von ihr ge-
wwendet, und war in das Haus gegangen, aus dem sie
nach einer kleinen Weile wiederkehrte.
Sie brachte ein paar Gläser Milch herbei, die sie
den Beiden anbot. Der Fremden Freimuth hatte ihr
Vertranen gewonnen, sie blieb an ihrer Seite, und
schien sich zu freuen, als diese auch nach Brod ver-
langte.
Der Doktor erkundigte sich nach Benedikt. ,Er
hat die Weihen empfangen,' antwortete die Mutter.
,Sie halten Alle viel auf ihn. Sie sagen, er ist ge-
lehrt für seine Jahre und Gottlob, er ist gesund.
Groß wie Du, wohl größer noch!'
Viktorine wollte wissen, von wem die Rede sei.
,,Von meinem Sohne!'- sagte die Mutter mit einer
stolzen Freude.
Ein Wort gab nun das andere. Viktorine er-
fuhr, daß auch Jakobäa's Töchter Klosterfrauen
wären. Sie fragte, ob sie denn keines ihrer Kinder
bei sich habe?
,Keines!r sprach ihr die Mutter nach, ,aber sie
find glücklich in ihrem Herrn, und ich sehe Benediktus -
oft!? -- Damit wollte sie sich entfernen. Als sie
schon wieder auf der Gallerie war, blieb sie stehen.

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,,Wenn Sie wiederkommen wollen, so thun Sie
es!' sagte sie zu Viktorine.
,,Vielen Dank! Ich habe nur noch wenige
Minuten nöthig, und dann belästige ich Euch nicht
mehr! Aber vielen Dank! und lebt wohl!'