Benedikt.
Fanny Lewald
Kapitel 12

Swölltes Tnpitel.

Peezorine war mit diesem ersten Morgen in den
Bergen wohl zufrieden. Die Schönheit des Thales
hatie ihre Erwartungen übertroffen, die Begegnung
mit Jakobäa war ein Abenteuer gewesen, wie sie es
liebte, und obgleich der junge Doktor ihr sehr gleich-
gültig war, erheiterte es sie, daß sie so rasch die Herr-
schaft über ihn gewonnen hatte.
Es war damit doch Etwas gethan, Etwas durch-
gesetzt; und als rechte Tochter ihres Stammes und
ihres Vaters wurde sie ihrer selbst nur froh, wenn
sie ihre Kraft, gleichviel an wem und auf welche
Weise, immer neu erproben konnte. Der Vater hatte
es oft genng beklagt, daß ihm kein Sohn und Erbe
geboren worden war, der begabt wie sie, die Firma
F. Lewald, Benedikt. L.

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fortzuführen vermochte, die er zu so großer Bedeutung
emporgearbeitet hatte.
Die Landesheimers waren in der Hauptstadt ihrer
Heimath schon im Anfang des Jahrhunderts Geld-
Wechöler gewesen, hatten dann später die Geschäfte des
in derselben angesessenen hohen Adels mannigfach be-
sorgt, und allmälig ein Bankhaus begründet, das
zwischen dem Norden und dem Süden, dem Osten
und dem Westen des großen Reiches vermittelnd,
immer vorwärts gekommen war, bis es jetzt zu den
ersten Bankhäusern auf dem Festlande gehörte. Dem
reichen Manne hatte es an der schönen reichen Frau
aus seinem Volke nicht gefehlt, die Tochter war von
ihrer Geburt an der Abgott ihrer Eltern gewesen, und
mit der Familienliebe, welche den Juden eigen zu
sein pflegt. hatte sich in den beiden Gatten die Lust
der Emporkömmlinge vereinigt, die sich nicht nur des
Besizes zu erfreuen, sondern ihn auch von Andern
bewundert und, wo immer möglich, Andere, nament-
lich diejenigen durch ihn in Schatten gestellt zu sehen
wünscht, deren geistige oder gesellschaftliche Bedeutung
fie im Innern widerwillig anzuerkennen sich gezwun-
gen fühlten.
Was der Reichthum zu erkaufen vermag, das

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hatte Herr Landesheimer seiner Frau und seiner ein-
zigen Tochter mit verschwenderischer Freigebigkeit stets
vollauf gewährt. Titel und Orden, wie sie dem jüdi-
schen Gewerbtreibenden zu Theil werden konnten, hatte
er gleichfalls zu erwerben gewußt; aber die Lebens-
kreise, in welchen diese Art von Auszeichnungen Gel-
tung schafften, haten der Eitelkeit und dem Ehrgeiz
der Emporgekommenen bald nicht mehr genügt.
Die Brillanten der Mutter, die Augen der Tochter
waren nach der Meinung ihrer Besizerinnen dazu ge-
schaffen, in den höchsten Negionen zu glänzen. Keine
Prinzessin haite bessere Lehrer gehabt als Viktorine,
keine Tochter des hohen Adels war nach Frau Landes-
heimers Ansicht schöner und vorstellbarer als ihre
Viktorine; und weder dieser noch den Eltern, hatte ein
religiöses oder ein Bedenken des eigenen Ehrgefühls
im Wege gestanden, als man ihnen angedeutet hatte,
daß die Erwerbung der Adelstitel, die sie ersehnten,
am leichtesten und sichersten durch ihren Nebertritt in
die katholische Kirche zu erlangen sein dürften, welcher
der Landesherr mit tiefer Neberzeugung anhing. Sie
hatten sich also, und nicht ohne Prunk, zum Christen-
thum bekannt, die Adelsverleihung hatte danach nicht
lange auf sich warten lassen, Baron Landesheimer
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konnte die siebenzackige Krone auf seine Wagenthüren
malen lassen, und die Familie stand an dem Ziele
ihrer Wünsche, sie war endlich hoffähig geworden. -
Sie hatten nun, was sie so lang erstrebt!
Für den neuen Baron war das ein großer Triumph,
aber der Nebertritt zu dem katholischen Bekenntniß
hatte auf sein Denken und Empfinden gar keine
Wirkung und keinen Eindruck gemacht. Er war ein
kalter, klarer Kopf, er nannte sich gern einen frei-
sinnigen und dabei duldsamen Mann. Zum eigent-
lichen Nachdenken über religiöse Dinge hatte er auch
niemals Zeit gehabt, und er besuchte jetzt die katholi-
sche Kirche und die Messe ebensowenig, als er vorher
in die Synagege gegangen war. Doch war er stets
bereit, sich gegen die Gemeinde, der er eben angehörte,
zu betragen, wie es einem reichen Manne, wie es dem
Chef des Hauses Landesheimer zukam. Als Jude
hatte er für die Zwecke der jüdischen Gemeinde, wo
immer es gefordert worden war, mit vollen Händen
Geld gespendet, und da er es mit Niemandem un-
nöthig zu verderben liebte, weil man Jeden - also
auch die Juden und ihren Gott -- doch immer noch
einmal gebrauchen konnte, enkzog er ihnen auch nach
seiner sogenannten Bekehrung seine freigebige Unter-

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stützung nicht, ohne daß die katholische Kirche darunter
leiden mußte.
Der Baron sah es deutlich ein, wie er sich in
der neuen Gemeinde festzusetzen habe, er liebte es auch,
in jedem Kreise, dem er angehörte, Geltung und Ein-
fluß zu gewinnen. Es sagte ihm deshalb zu, daß die
katholische Kirche wie die jüdische, Opfer anzunehmen,
eine gewisse Stellvertretung zuzulassen bereit war; daß
er in jener wie in dieser, für die verstorbenen Mit-
glieder seiner Familie beten lassen, daß Andere für
ihn thun konnten, was zu seinem Seelenheil gereichte,
was für seine jenseitige Zukunft heilsam und ersprieß-
lich war, während er mit gewohntem Eifer für sein
und der Seinen diesseitiges Wohlergehen zu sorgen
fortfuhr. Er stiftete Messen, ließ Altäre bauen, ver-
gönnte es seiner Frau, auf seinen Gütern Kapellen
nach Belieben zu errichten, und wenn er Morgens in
der Zeitung seine großartige Freigebigkeit für diese
oder jene Religionsgemeinschaft verzeichnet und ge-
priesen fand, freute er sich seiner hohen Unparteilich-
keit, und war mehr als je mit sich zufrieden.
Auch die Baronin fühlte sich in der neuen Kirche
wohl, denn der ganze hohe Adel und die höchsten
Beamten des Landes waren katholisch; und daneben

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Jemanden zu haben, der von Amtswegen dazu ver-
pflichtet war, ihr geduldig zuzuhören, so oft es ihr
gefiel von sich und über sich zu sprechen, das war
Etwas, was ihrem innersten Bedürfniß ganz und gar
begegnete. Es erhöhte für ihr Bewußtsein das Ge-
fühl ihter Wichtigkeit, daß für ihr Seelenheil von
einem Andern, von einer der größten irdischen Ge-
meinschaflen so viel Sorge getragen wurde; und der
heilige Ernst, mit welchem man sie behandelte, theilte
sich, wenn schon in veränderter und wunderlicher Ge-
stalt, ihr selber mit. Sie glaubte an ihre Bekehrung
und fühlte sich durch dieselbe gewandelt, veredelt und
beglückt-- freilich auf ihre Art und Weise.
Mit Viktorinen war es anderö. Sie hatte kein
Gemüthsbedürfniß, welchem es an dem Diesfeits nicht
genügte, und ihr Verstand machte es ihr unmöglich,
sich einem Selbstbetruge hinzugeben. Ihr, wie ihrem
Vater, war es allein um den Erfolg zu thun, den
man hienieden an jedem Tage neu erringen konnte.
Sie besaß des Vaters beharrliche Rastlosigkeit, seine
Lust am Wagen und Gewinnen, sein Verlangen nach
Geltung und nach Anerkennung.
Ohne ein wirkliches Streben nach Entwicklung
ihrer Einsicht, ohne ein eigentliches Begehren nach

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Schönheit in der Kunst, hatten ihre Lust an der Ar-
beit, ihre Freude an jeder Art von Erwerb und von
Besitz und von Vermögen, auch wo dieses Vermögen
geistig und ein Können war, sie bei ihrer glücklichen
Begabung dahin gebracht, sich mannigfache Kenntnisse
bis zu einem gewissen Grade anzueignen, fremde
Sprachen zu erlernen, und sich in Musik und Malerei
erfreulich auszubilden.
Sie hatte wissen, können, leisten und üben wol-
len, was man können und üben mußte, um in den
Kreisen der vornehmen Welt auch in dieser Beziehung
eine vortheilhaft hervorragende Erscheinung zu machen;
und weil sie bei diesen Beschäftigungen sich denn doch
entwickelt, gebildet und verfeinert hatte, fand sie es
angenehm, unter den katholischen Weltgeistlichen Söhne
aus den ersten Familien des Landes anzutreffen, die
auch unter dem Priesterkleide noch Edelleute blieben,
mit denen es sich angenehm verkehrte. Sie waren
zum Theil weltgewandter als die protestantischen Geist-
lichen, waren nicht wie diese mit der Sorge für eine
Familie und für deren Fortkommen belastet, also freier
und heiterern Sinnes. Sie zeigten sich beflissen, der
schönen Neubekehrten ihre Huldigungen darzubringen,
ohne daß man deshalb von ihnen unwillkommene

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Heirathsanträge befürchten mußte; und obgleich Vik-
torine nicht wie ihre Mutter ein müßiges Verlangen
nach geistlichem Beistand in sich trug, so hatte es für
ihre Phantasie doch einen romantischen Reiz, in dem
alten Dome, umrauscht von den Tönen einer treff-
lichen Musik vor dem Altar zu knieen, den das schöne
Bild der jungfräulichen Gottesmutter schmückte, wäh-
rend der Duft des Weihrauchs in leichten Wolken sie
umschwebte. Die weltliche Pracht, das sinnlich erfaß-
bare Element in dem katholischen Gottesdienste, ent-
sprachen ihrer Neigung und Natur, und ihre Augen
sahen niemals schöner aus, als wenn sie dieselben
ernsten Blicks gen Himmel richtete.
Es hatte sie deshalb gefreut, daß oben in dem
Gebirgsthale, welches man ihrer Mutter zum Sommer-
aufenthalte angewiesen, sich ein Kloster vorfand, und
daß der Bischof, mit welchem fie eben jezt, während ihres
Aufenthaltes in dem Bade, einen angenehmen Umgang
gepflogen, sich erboten hatte, ihnen einen Empfehlungs-
brief an den Abt dieses Klosters mitzugeben. Ihr
bisheriger Verkehr hatte noch keine Ordensgeisllichen
in sich geschlossen. Die Begegnnng mit einem solchen
versprach ihr etwas Neues; das aber war genug, ihr die
Bekanntschaft wünschenswerth und anziehend zu machen.

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Als sie an dem Morgen von ihrem Spaziergang
mit dem Doktor wiederkehrte, fand sie die Mutter in
der angenehmsten Stimmung. Der Abt hatte ihr in
einer eigenhändigen Entgegnung zugesagt, sie an dem
nächsten Morgen mit ihrer Tochter zu empfangen und
ihr dann den Pater Theophilus vorzustellen, dessen
Leitung sie sich zuversichtlich anvertrauen dürfe.
Viktorine nahm den kleinen Brief zur Hand.
Das feine Papier, die schöne Handschrift, die große
mächtige Namensunterschrift hatten etwas Weltmänni-
sches und Vornehmes. Das überraschte sie in der
Einsamkeit dieser Berge und machte ihre Neugier rege.
Sie meinte selten eine so energische Handschrift von
einem älteren Manne gesehen zu haben, und unwill-
kürlich flog ein heitres Lächeln der Erwartung über
ihr Gesicht.
Ihre Macht, die Männer an sich zu ziehen und
sich unterthan zu machen, hatte sich an diesem Mor-
gen abermals bewährt, und die Bevbachtung, in wie
weit und auf welche Weise ein Jeder von ihnen zu
gewinnen und zu fesseln sei, das war das einzige Spiel
und die einzige Unterhaltung, deren sie nicht müde
wurde.
Sie war sich dessen, was sie damit that, sehr

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klar bewußt; aber von ihren Eltern und von deren
Schmeichlern über alles Maß verwöhnt, war sie früh
dahin gekommen, sich als ein ganz besonderes Wesen zu
betrachten, so daß sie sich erlauben zu dürfen glaulte,
was sie an Andern zu tadeln nicht verfehlte. Ihr
lebhafter Geist mußte, wie sie meinte, eben eine Be-
schäftigung, mnßte größere Freiheit haben, als sie
anderen Frauen zustand. Ihr Herz und ihre Sinne
hatten damit Nichts zu schaffen. Es verlangte sie
nur, berechnend, wagend, verlierend, gewinnend, täg-
lich ein neues, täglich das unter den obwaltenden Ver-
hältnissen größtmögliche Spiel zu spielen. Sie war
eine Kokette geworden, die mit den Männern spielte,
weil sie nicht wie ihr Vater, an der Börse spielen
konnte.
Die Baronin beschäftigte sich den ganzen Nach-
mittag mit ihrer Selbstbetrachtung. Sie bedauerte es
dabei nur, daß sie sich nicht von ihrem heimischen
Beichtvater einen Bericht über den Zustand ihrer Seele
habe anfertigen und mitgeben lassen, wie sie sich einen
solchen über ihren körperlichen Zustand von ihrem
Hausarzte zu verschaffen niemals verabsäumte, wenn
sie auf Reisen ging. Denn sie war nach ihrer Mei-
nung geistig und leiblich durchaus eigenartig organisirt,

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und bedurfte in jedemt Sinne einer sehr schonenden,
sehr vorsichtigen und zugleich doch kräftigenden und
anregenden Behandlung. Sie verzweifelte deshalb
fast daran, sich dem Pater in einer ersten Unterredung
völlig kund geben zu können, und weil es ihr eine
Wonne war, in ungestörter Ausführlichkeit von sich zu
sprechen, sezte sie sich endlich nieder, ein schriftliches
Bild der Wandlung zu entwerfen, welche sich durch
die Taufe in ihr vollzogen habe, und ein Bekenntniß
über sich und ihre Tugenden und Fehler niederzu-
gchreiben, bei dem die Ersteren mit gerechter Würdi-
gung geschäzt, die Lezteren mit christllcher Barmherzig-
keit behandelt wurden.
Viktorine machte während dessen einen Ritt in
das Gebirge. Als sie gegen den Sonnenuntergang
nach Hause kam, läutete es zum Abend-Gottesdienste,
und da man Anderes nicht zu thun wußte, beschlossen
Mutter und Tochter demselben beizuwohnen.
Es war um die Zeit der zwweiten Heuerndte;
Jedermann hatte auf den Matten zu schafen, die
Kirche war also völlig leer. Denn wer sonst auch die
Gewohnheit hatte zum Abendgottesdienste zu gehen,
sagte sich heute, bei so dringender Arbeit und bei dem
schönen Wetter, welches der liebe Herrgott zu derselben

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geschickt habe, werde er wohl ein Einsehen haben und
nicht verlangen, was man, ohne möglicherweise schweren
Schaden davon zu tragen, heute einmal nicht leisten
konnte.
Nur Jakobäa kniete wie immer unweit des Ein-
ganges an dem Plaze, an welchem sie seit langen
Jahren bei keiner Andacht fehlte, und die beiden frem-
den Franen ließen sich in ihrer Nähe nieder.
Die schöne Wölbung des von farbigen Marmor-
säulen getragenen Schiffes, die Einsamkeit der Kirche,
welche das scheidende Tageslicht, das in breiten Streifen
durch die Fenster fiel, doch nicht mehr vollständig er-
hellte, machten Eindruck auf die Fremden.
Es hatte etwas großartig Geheimnißvolles, als
hinter dem schwarzen Gitter der feste Tritt von Män-
nern hörbar wurde, als unsichtbar die Stimmen sich
zum Gebet erhoben und wechselweise die monotone
Form, in Strophe und Gegenstrophe sich regelmäßig
wiederholend, wie eine Beschwörung durch die Stille
tönte.
Das Tempo war rasch, der Vortrag hatte etwas
Geschäftsmäßiges. Er beleidigte Viktorinens kunstge-
wohntes Ohr im Anfang; und doch währte es nicht
lange, bis gerade die einförmige Wiederholung ihre

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Mächtigkeit erwies und sie der Art zu fesseln, zu
bannen, zu beherrschen anfing, daß fie in sich selbst
zurüückgewiesen, in ein Nachdenken versank, von dem
sie bei ihrem Eintritt in die Kirche weit entferut ge-
wwesen war.
Mit einem Male erhob sich, nachdem die Orgel
mit weichen Melodien die allgemeinen Gebete abge-
schlossen hatte, eine Stimme aud dem Chor gen Him-
mel, deren Klang wie eine magische Gewalt das Herz
berührte.
, Und es ward Licht!' rief Viktorine unwillkür-
lich aus, so daß die Baronin es hörte und Jakobäa,
die es vernahm, sich nach ihr umsah.
Die Töne des Hymnus quollen in solch frischer
Fülle aus der Brust, die Stimme hatte etwas so
Warmes, die Vortragsweise etwas so Neberzeugendes
und Inniges, daß Viktorine ihr mit Entzücken lauschte,
bis der lezte Ton verklungen war, und man unter
dem Nachspiel der Orgel die Mönche den Chor ver-
lassen hörte.
Es war während dessen völlig Abend geworden,
der Sakristan klapperte, sich nach dem Ausgang
wendend, mit den Schlüsseln, und die Baronin und

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ihre Tochter erhoben sich. Sie trafen bei dem Heraus-
treten aus den Bänken mit Jakobäa zusammen.
,Was haben Sie hier in Ihrer Kirche für eine
herrliche Stimme!' rief Viktorine noch unter der Nach-
wirkung des Gesanges.
,Das ist mein Sohn!'' entgegnete die Mutter,
und man hörte ihr die Freude und den Stolz an.
,Das ist eine unvergleichliche Stimme, sagte
das Fräulein. , Wenn der liebe Herrgott das Gebet
dieser Stimune nicht erhört, muß er kein Herz im
Leibe haben!
, Gott verzeih Ihnen die Sünde!'' schalt Jakobäa,
sich bekreuzend vor dem Ausruf Viktorinens, den ihre
inbrünstige Frömmigkeit als eine Gotteslästerung
empfand, während Jene ihn in ihrer Glaubenslosigkeit
völlig arglos hingeworfen hatte.
Auch die Baronin machte der Tochter einen ge-
flissentlichen Vorwurf, indeß diese war nicht gewohnt,
auf eine Zurechtweisung zu achten, wenn es ihr nicht
gefiel, und wie in ihrer Erinnerung nachsuchend, sprach
sie: , Wie ist mir denn? Hat uns nicht schon einmal
irgend Jemand es erzählt, daß er hier oben in dem
Kloster eine so herrliche Stimme angetroffen habe?

ug K
ti
Die Baronin konnte sich nicht darauf be-
finnen.
,Freilich! freilich!' ef Viktorine. , Der Professor
hat es uns gesagt. Er hat hier oben daö Pe äeun
lunäamus und auch daö Adoramus von Palästrina
ingen hören, und den jungen Möpch kennen lernen,
der den Tenor gesungen hat- einen schönen jungen
Mann, eine jugendliche Heldengestalt ----
, Das ist mein Benebikt!' fiel Jakoläin ihr in
die Rede, die es sich troz des Erschreckens über de?
Fräuleins Leichtfertigkeit nicht versagen konnte, daö
Lob ihre? Sohnes mit Freuden zu vernehmen. ,Aus
der ganzen Gegend kommnen sie herauf, hier an den
Feiertagen die Messe zu hören; und daö ist richtig,
ein Professor ist einmal hier oben gewesen in demt
Kloster, und Benedikt hat vor ihm singen müssen - -
aber er hat es nachher lang gebüßt!'
Sie waren während dessen aus der Kirche in dak
Freie hinausgetreten und Jakobäa wollte sich von
ihnen trennen, als das Fräulein sie mit der Frage
sthielt: , Sie sagten, Ihr Sohn habe ek gelüüßt,
d:ß er vor unserm Freunde sang. Waö will das
heißen?
,Er hat nicht singen dünfen lange Zeit nachher.

1?
,Nicht singen dürfen? Und weshalb nicht?
fragte Iene.
,Das hat er nicht gesagt und ich hatte nicht
danach zu fragen,'' entgegnete Jakoläa, bot den Frem-
den eine gute Nacht und ging davon.