Benedikt.
Fanny Lewald
Kapitel 14

bierzehntes
npitel

»Achwarz gekleidet, die Tracht mit besonderer
eberlegung gewählt, um sie ernst und streng erscheinen
zu machen, ohne daß sie ihrer Schönheit deshalb Ein-
trag that, begleitete Viktorine an dem nächsten Morgen
ihre Mutter in das Kloster.
Die breiten kühlen Gänge entlang schritt
Pförtner ihnen voran, bis zu dem außerhalb
Klausur gelegenen Gemache, in welchem der
der
der
Abt
fremde Gäste zu empfangen hatte, und hieß sie in
demselben warten.
Der Naum war groß und hoch gewölbt; die
fchweren Möbel, der Tisch in der Mitte des Zimmers,
den ein kostbarer aber verblichener persischer Teppich
Da

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Stickereien und Gewebe zierten, und die tief nach-
gedunkelten Bilder, aus den ältesten deutschen und
italienischen Malerschulen, sprachen von fernen Zeiten,
von fernen Landen. Sie erhöhten die stille Feierlich-
keit, die über dem Gemache lag, so daß selist Vktori-
nens weltlicher Sinn sich nicht gegen deren Ein-
wirkung zu wehren vermochte, wie freundlich das belle
Sonnenlicht auch durch die schlichten weißßen Vor-
häänge und durch das Weinlaub schimmerte, dessen fette
Blätter und üppige Nanken von allen Seiten zu den
Fenst ?n hineinsahen.
Die Baronin saß in einem der Sessel, die den
Tisch umstanden, daö Fräuulein betrachtete mit Kenner-
hlick die alten Bilder, als nach kurzem Warten die
Thüre, welche nach dem inneren Kloster führte, sich
geräuschlos aufthat und, von dem Pater Thevphil ge-
folgt, der Abt hereintrat.
,,Willkommen in unserem Thale!' sagte er, in-
dem er mit vornehm freundlichem Grufe der Baronin
seine Hand bot, die sich neigte, sie zu küssen, und
Viktorine damit nöthigte, ihrem Beispiele zu folgen.
, .illkommen! Wir waren bislang solcher Gäste in
unsern Bergen nicht gewohnt. Lassen Sie uns hoffen,
daß Sie bei uns die Stärkung finden, welche zu

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juchen Sie gekommen sind, und wünschen, daß Sie
nicht zu schwer entbehren mögen, was Sie hier nicht
finden können!'
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Dt. waronin nannte sich mit gewohnter Ueber-
schwängichkeit des Ausdrucks ganz beseligt durch die
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=---==- g6z entzückt von der himmlisäh= -=;-, welche
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jie umgebe., Ic bin ülerzeuz-- =gke !e, zdaß ich
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hier nicht nur neue Kräfte gewinnen, sondern zu jener
gesammelten Einheit in mir selbst gelangen werde,
nach der ich so von ganzem Herzen schmachte.
Der Alt hatte sie ungestört vollenden lassen.
,, llnjere =- - -- z-- -»gnete er danach, ,und für
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denjenigen, der die Stille wirklich liebt, u.t hier wohl
gesorgt. Eintehr und Sammlung in sich selbst
häüngen aler weniger, als man es glauht, von der
äußeren lmgebung ab. Sie sind ein Bedürfniß ge-
wisser Naturen, welche sich dieselben durch einen Akt
deö festen Willens ülerall ermöglichen können. Man
kann mitten in dem Gerääusch bewegten Lebens sich
einsam in sich selbst versenkend, seine Seele ganz den:
Herrn hingeben, und selbst in der tiefen Stille unseres
Hauses seinen Geist haltlos umherschweifen lassen in
fern abliegende Bereiche. Sind wir -, wo wir es
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fuchen, stets mit Gott allein !

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Er hatte mit diesen Worten die Geflissentlichkeit
der Baronin sofort in ihre Schranken zurüückgewiesen,
und da er merkte, daß sie die Lehre verstanden, die
er ihr zu geben, und den Ton begrifen hatte, auf
welchem er mit ihr zu verkehren gedachte, wiederholte
er n.it freundlichem Ernste, was er ihr bereits ge-
schrieben hatte, daß der ihn begleitende Pater Thev-
philus, so oft sie es verlange, bereit sein werde, ihr mit
seinem Nathe, mit seinem Zuspruch und mit seinem
Gebete beizustehen.-- Er deutete ihr damit an, daß
er selber sich jedes geistigen Einflusses auf sie zu ent-
halten, und ihr nur in weltlichem Verkehr zu begeg-
nen gedenke.
Während dann die Baronin sich zu Pater Thev-
philus wendete, erkundigte der Abt sich bei dem Fräu-
lein nach dem Befinden Seiner Eminenz des Bischofs.
,,Er hat mich auf die Nachrichten verwiesen,? sagte
er, ,welche Sie mir von ihm geben würden, und er
hat es dabei nicht unterlassen, mir mitzutheilen, oaß
er Ihrer schönen Stimme, Ihrem vortrefflichen Ge-
sange mannigfache Erheiterung zu verdanken gehabt
habe, deren ich nn, da ich die Musik sehr liebe,
durch Ihre Güte vielleicht auch theilhaftig zu werden
hofen darf.?

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Viktorinen kam diese Wendung des Gespräches
sehr erwünscht, denn sie erleichterte ihr die Gelegen-
heit, sich nach Benediktus zu erkundigen. Sie war
übrigens, so fern sie auf sich achtete, vor jenen Miß-
griffen und Taktlosigkeiten durchaus sicher, in welche
ihre Mutter leicht verfiel, sie gab also schicklich die
begehrte Auskunft. Nur das Lob, welches der Bischof
ihr als Sängerin gespendet hatte, wollte sie nicht
gelten lassen.
,Meine Stimme, ? sagte sie, , überschreitet in
keiner Weise das Maß des Gewöhnlichen; und Sie,
Hochwürden, haben Grund, sehr große Anforderungen
an den Gesang zu stellen, der Sie erfreuen soll; denn
ein herrlicheres Organ, als das, welches ich gestern in
der Kirche hier vernommen, meine ich nie zuvor gee
hört zu haben.-
,,Sie haben also unserem Gottesdienste beige-
wohnt?? fragte der Abt, der Wohlgefallen an ihr
fand, und nicht Anlaß hatte, die Mutter in ihrer leise
geführten Unterredung mit Pater Theophilus zu unter-
brechen.
,Ja! versetzte Viktorine, ,und zwwar mit un-
gewöhnlicher Erhebung. Es ist mir gestern in Ihrer
Kirche zum ersten Male die Vorstellung gekommen,

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- - ;
daß jede künstlerische Anlage schon an sich ein Glück
und eine Gnade ist. Ich trat zerstreuten Sinnes in
das Gotteshaus, und verließ es erhoben und mit einer
idealen, um nicht zu sagen, einer frommen Besizes-
freude über die bescheidene musikalische Begabung, deren
ich theilhaftig worden bin.?
Sie hatte in diesen Worten der flüchtigen Auf-
wallung, welche sie gefühlt, eine Bedeutung gegeben,
an die zu glauben sie selbst sofort geneigt war, und
der Abt war weit davon entfernt, ihr dieselbe zu be- -
streiten; er bestärkte sie vielmehr in ihrer Ansicht.
, Ich habe,? sagte er, ,als ich jung war, wie
Sie, einmal plözlich einen ähnlichen Eindruck em-
pfangen und er ist ein Wink von oben gewesen, der
für mein Leben entscheidend geworden ist. Ich ver-
stehe also Ihr gestriges Empfinden wohl. Und wenn
ich auch nicht annehmen möchte, daß diese Stimmung
in Ihnen, der an das Weltleben Gewöhnten, sofort
eine nachhaltige werden könnte, so ist sie immerhin
beachtungswerth. Eine zeitweilige Abgeschiedenheit von
seinem Alltagsleben thut übrigens dem Menschen im
Allgemeinen gut und noth. Sie giebt ihm Anlaß zu
erproben, welche Hilfsmittel er in sich selbst besiyt,
was er den Andern und was er sich selber an Be-
a

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friedignng verdankt. Et ist bei solchen Versuchen
manch Einer inne geworden, wie unzulänglich er ist,
ohne die stützende Kraft von oben, die uns nicht fehlt,
sofern wir sie suchen; und es ist deshalb höchlich zu
beklagen, daß die fromme Sitte, nach welcher die
Weltleute sich in früheren Tagen zur Zeit der großen
Kirchenfeste in die Klöster zurüückzogen, um dort ihre
Andacht zu verrichten und Einkehr in sich selbst zu
halten, mehr und mehr verabsäumt worden ist.
Er brach damit auch von diesen Betrachtungen
schnell wieder ab, und bemerkte, Viktorine werde, wie
er hofe, sich der Muße hier erfreuen, da der Bischof
sie nicht nur eine treffliche Sängerin, sondern auch
eine geschickte Malerin nenne. Er werde sich die
Freude machen, die Damen in ihrer Wohnung auf-
suchen zu kommen, und werde es ihr danken, wenn
sie ihm Gelegenheit geben wolle, sie singen zu hören
und ihre Zeichnungen zu sehen. Er machte sie und
die Baronin danach mit freundlicher Andeutung auf
die schönsten Aussichtöpunkte des Thales und der Um-
gegend aufmerksam und erhob sich dann, sie zu ent-
lassen. Auf seinen Wink gab Pater Theophilus ihnen
das Geleit.
F. Lewald, Benevikt. L.


Als sie in den Hof gelangten, kam ihnen die eine
Klasse der Klosterschüler entgegen, on einemt jungen
Geistlichen geführt, dessen ungewöhnliche Schönuheit
den Frauen sofort in das Auge fiel.
,Das ist Pater Benedikt! ief Viktorine.
Der Auöruf überraschte den Greis.,Woher
kennen Sie den Namen? Und was bringt Sie auf
die Vermuthung, daß eben dieser Bruder der Träger
dessellen ist? fragte er mit dem: eifersüchtigen Mißs-
trauen seines Standes.
Viktorine konnte sich des Lchelns darüber nicht
erwehren.
, Seien Sie ruhig, Paier Theophiluö!? versezte
sie. ,Ic weiß es nicht durch Zauberei, sondern auf
die natürlichste Weise von der Welt. Ich habe oben
auf der Matte vor Frau Jakoläa's Haufe gezeichnet,
und aus dem Zwwiegrspräch zwischen ihr und unserm
Doktor erfahren, daß sie einen Sohn hat, der Benediktus
heißt. Abends, als wir Frau Jakobääa in der Kirche
trafrn, und den Gesang bewunderten, sagte sie, der
Sänger sei ihr Sohn, und ich mache jezt eben die
Bemterkung, daß der junge Pater ihr sehr ähnlich sieht.?
Sie trat dabei, ehe der Greis es hindern konnte,
rasc an den jungen Mönch heran.
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,Wie glücklich sind Sie, daß der Herr Ihnen
eine Stimme gegeben hat, die zu den Herzen spricht,?
sagte sie.,Sie haben uns, alö wir gestern neben
Ihrer Mutter unsere Abendandacht verrichteten, gerührt
und recht erhoben, und wir Weltleute können das
Beides leider sehr gebrauchen! Haben Sie Dank
dafür, Pater Benedikt, ich hoffe Sie noch oft zu
hören!?-- darauf grüßte sie ihn, belustigte sich über
des jungen Mannes Betroffenheit und über seine
stumme, verlegene Verbeugung, und ging dann rasch
mit den beiden Andern davon.
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