Benedikt.
Fanny Lewald
Kapitel 15

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D. Baronin war von dem Ernste und der
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Pflichten es ihm gestatteken, ihr
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sich als ein angebornes Erbe eingewurzelt finde.
Sie ., u lderte ihm dabei, wie wenig gewissenhaft
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der Geistliche, der sich ihrer Vrlereitung fir den
Eintritt in die katholische Kirce unterzogen hatte,
diese Vdrbereitungen betrieben, und wie er sich durch
ihres Mannek in diesen: Punkte twa? leichffertige
Gesinnung zu riner Eile und Oberfliichlickeit hale
verleiten lassen, die ihr schmerzlich grwesen und un-

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genügend erschienen wären. Als eine wahre Schick
salsfügung sehe sie es an, daß ihre körperlichen Leiden,
welche sie nun zu segnen beginne, sie genöthigt hätten,
sich hier in diese Weltabgeschiedenheit zurückzuziehen,
wo der Herr ihrer Seele die Stärkung vorbereitet
habe, deren dieselbe bedürftig sei und die auch ihrer
Tochter zuzuwenden ihr Mutterherz inbrünstiglich be-
gehre.
Pater Theophilus hatte unter diesen Verhältnissen
wenig Mühe und kaum ein paar Tage nöthig, das
unbeschränkte Vertrauen der Baronin zu gewinnen.
Er erfuhr nicht nur, wwas sie selber von sich zu glauben
wünschte, und von Andern geglaubt haben wollte.
sondern sein scharfes und geübtes Auge erkannte auch
sehr bald in ihr jene eitie Selbstsucht, die unfähig,
rgend Evas außer sich selbst zu lieben, danach ver-
langte, wo möglich auch von dem Vater im Himmel
als ein bevorzugtes Wesen begünstigt, von der Mutter-
Kirche als ein besonders geliebtes Kind betrachtet und
behandelt zu werden. Sie strebte danach, auch im
Jenseits die vielbeneidete Baronin Landesheimer zu
sein; sie wünschte dereinst in ihrer himmlischen Heimath
die Geltung und das Ansehen zu erlangen, deren sie
hienieden unter ihren Umgangsgenossen allmälig theil-

At?
haflig geworden war; und wie ihr Gatte nicht klein-
lich zu erwägen und nicht zu kargen gewohnt war,
wo es sich darum handelte, an sein Ziel zu kommen,
so war sie auch durchaus geneigt, sich die Sicherstellung
ihres jenseitigen Wohlbefindens, sich die ewige Seligkeit
und die himmlischen Freuden schon hienieden ein Er-
kleckliches kosten zu lassen, sofern sie dadurch zu er-
reichen sein sollten. Sie wußte das mit vieler Ge-
schicklichkeit anzudeuten, als einmal zwischen ihr und
ihrem Berather die Rede auf die Lehre von den guten
Werken kam; und ohne die Bedeutung derselben über
die Gebühr hervorzuheben, unterließ der Pater es nicht,
die Baronin in den guten Vorsätzen zu befestigen,
welche sie über die zwweckmäßige Verwendung irdischen
Besizes zu hegen versichert haite.
Ehrlicher noch als über sich selbst, äußerte sich
die Baronin über ihr Familienleben, über den Charakter
ihres Gatten und ihrer Tochter; und sogar diese Letztere
gewann auf ihre Weise, wenn auch nicht Vertrauen
zu dem Pater, so doch die Neigung, mit ihm zu ver-
kehren, weil er, ohne sie aufzusuchen, sich von ihr
finden ließ, so oft sie sich ihm näherte.
Er gab ihr Auskunft über Alles, was ihr in
dem Thale auffiel, er stand nicht an, ihr das Kloster-

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leben, das sie viel beschäftigte, in der Weise darzu-
stellen, wie es ihm erschien; und er zeigte sich auch nicht
verletzt, als sie ihm ohne Aufforderung bekannte, daß
sie bisher nie ein besonderes religiöses Bedürfniß
empfunden habe. Er bemerkte mit völliger Gelassen-
heit, der Herr suche Jeden auf seinem besonderen
Wege, und wisse die rechte Stunde und das rechte
Mittel für einen Jeden wohl zu finden. Manchen
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Viktorinen gefiel das nicht, und weildes Mönches
Sanftmuth sie sicher machte, schüttelte fie den schönen
Kopf.
, Verdammen Sie mich nicht, Pater Theophilus,!
sagte sie, , wenn ich es auöspreche, auf dem Wege geht
es mit mir nicht. Unser Herrgott hat mir einen harten
Kopf und ein trotziges Herz gegeben; mit Strafen
hat man also bei mir nie Etwas auögerichtet, sie haben
mich immer nur verschlechtert. Ich glaube vielmehr,
daß Glück, großes Glück, wie ich es verstehe, oder
der Genuß eines vollkommen Schönen mich in An-
beiung niederwerfen, in Demuth hinschmelzen machen
.:

N9
fürchte sie, daß der Pater sie nicht verstehen, oder sie
tadeln möchte, füügte sie rasch hinzu: ,Sehen Sie,
Pater Theophil, ich sagte es schon dem Herrn Abte;
in meinem ganzen Leben habe ich mich nicht so bis
in des Herzenö Tiefe bewegt gefühlt, als nenlich an dem
Abende, an welchem ich Ihren jungen Pater zum ersten
Male in dem Dämmerlicht der Kirche singen hörte.
Ich bin seitdem an jedem Abende dort gewesen, und
neulich ist es mir in Ihrer Kirche klar geworden, daß
es eigentlich die Künste sind, oder vielmehr die Kunst
alö Einheit gedacht, in welcher sich mir Gott und das
Göttliche im Menschen am Klarsten offenbart.?
Obschon der Pater für die Kunst Empfänglich-
keit besaß, mußten solche Worte ihm doch verwerflich
erscheinen; allein er war vorsichtig und klug genug,
mit Denen, die er zu gewinnen hatte, in der Sprace
zu verkehren, welcher sie sich selbst bedienten.
Er erhob deshalb kaum einen Tadel gegen
Viktorinenö Ausspruch, sondern entgegnete ihr in seiner
gelassenen Weise, daß er sie und ihre Meinuung zu
verstehen glaube, wenn er dieselbe auf ihr rechtes Maß
zurückführe und beschränke. ,Ich vermag der Kunst
für mein Theil,'? sagte er, ,nicht die Bedeutung bei-
zulegen, die Sie ihr zugestehen, doch hat die Kirche

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den Künsten von jeher die ihnen gebührende An-
erkennung und Stellung eingeräumt. Sie hat sich
derselben stets zur Zierde ihres Gottesdienstes, zur
Erhöhung und Steigerung der gebundenenEmpfindung,
zur Verstärkung des Empfindungsausdruckes mit Vor-
liebe bedient, und unter ihren eigentlichen Dienern,
von den Päpsten und den Kardinälen bis hinab in
die Hallen unsrer stillen Klöster, haben begnadigte
Männer sie geült. Ird Kngelo il bento, Frä Vartolomeo
schufen ihre unsterblichen Gemälde in des Klosters
Hallen, und der Lobgesang, der Sie bei uns mit
seiner göttlichen Gewalt ergriffen hat, verdankt einem
Drdensgeistiichen sein Entstrhen.?
, Das ist'ö ja, was ich meine!'? fiel ihm Viktorine
ein, der es ebenso wie dem Pater nicht große Neber-
windung kostete, sich fremder Meinung anzupassen,
M?-=---
Aber der Pater legte auf ihre Zustimmung kein
großes Gewicht, und ohne sich von ihr in seiner Rede
unterbrechen zu lassen, fügte er hinzu: , Pflegen Sie
also immerhin gewissenhaft in sich die Liebe für die
Kunst: denn ernste Vertiefung in dieselbe, namentlich
in die heili;e Musik, wird und muß Sie mit Noth-

s ..
wendigkeit auf Ihr eigenes inneres Sein hinweisen;
und des Allmächtigen und Allweisen Wege sind, ich
wiederhole es mit Demuth, mannigfach und unerforsch-
lich für des armen Erdenkindes blödes Auge und für
sein kurzsichtig Erkennen. Vielleicht ist die Liebe für
die Kunst in Ihnen jenes hofnungsreiche Aufdämmern
des Morgenrothes, das den Aufgang einrs schönen
Lichtes, den Durchbruch jenes wahren Glaubens verkün-
digt und verheißt, der zur Erkenntniß führt. Nur fragen
Sie sich ehrlich und gewissenhaft, in wie weit Sie
in sich als eine Wahrheit fühlen, was Sie mir aus-
gesprochen haben. Man ist nuur in zu vielen Fällen
gegen sich leichtgläuliger, als man es sein dürfte, und
betrügt sich dadurch um sein wahres Heil.
Der Doktor war inzwischen herangekomuten, so
daß er die lezten Worte dieser Unterhaltung noch ver-
nommen hatte. Das war gegen Viktorinens Absicht.
Sie hatte sich in den paar Tagen bei verschiedenen
Anläässen gegen ihn in einer Weise geäußert, die ihn
die Wahrhaftigkeit dessen, was sie von sich vor dem
Pater ausgesagt, mit Recht bezweifeln lassen konnte;
und sich, wenn auch in der schonendsten Weise, im
Beisein eines jungen Mannes von dem Pater zurecht
gewiesen und ermahnt zu sehen, war ihrer Eitelkeit


verdrießlich. Auch in diesem Falle kam jene ent-
schlossene Gewandtheit, welche sie nicht leicht im Stiche
ließ, ihr mit geschickter Ausrede zur Hülfe.
,Wie scharf Ihr Blc ist!' sagte sie, ,und wie
er Anderen dazu verhilft, sich selbst erst in dem rechten
Licht zu sehen. Ich machte, während Sie noch zu
mir sprachen, eine neue und mich überraschende Er-
fahrung. Sie haben Recht, vollkommen Recht! Auch
ich bin leichtgläubiger gegen mich gewesen, als ich es
ahnte oder dachte. Als ich vorhin jene Behauptung
über die Wirkung aussprach, welche die Kunst bisher
auf mich gemacht hat, vermuthete ich doch im Grunde
nur von mir, was ich behaupten wollte. E war
ein Ariom, ein Wunsch, ein Einfall! Nennen Sie
es, wie Sie wollen! Als aber mein eigenes Wort
mein Ohr berührte, klang es mir wie ein fremdes,
wie ein Gedanke, den aus mir selber zu drzeugen ich
nicht vermocht haben würde; und doch empfand ich
meinen tiefen Zusammenhang mit aller Kunst leb-
hafter als je zuvor, als eine mich erhebende und be-
glückende Wahrheit- als einen Segen. Mit einem
Worte: ich erkannte und fühlte, was ich nur ver-
muthet! Ich besaß, was ich ersehnt hatte!'?
,So gebe Gott, daß diese Wahuheit sich in Ihnen

o
mehr und mehr befestige, daß sie in Ihnen wachsen
und wirken möge!' entgegnete der Pater, dessen Age
prüfend auf ihr ruhte. Er reichte ihr damit die
Hand und wollte sich entfernen. Sie neigte sich tief
vor ihm, so daß er segnend seine Nechle über ihrem
schönen Haupte schweben ließ. Dann sagte er dem
Doktor Lrlewohl und ging von ihnen fort.
Viktorine blickte ihm eine Weile nach, der Doktor
ließ seine Augen nicht von ihr. Sie bemerkte es und
fragte, was er damit wolle.
,Ich möchte wissen, was Sie im Schilde führrn;
wissen, weicheBedeutung PaerTheophilus fürSie hat?
, Wie sonderbar!'' rief sie, , Sie mißtraen mir!
Sie sezen irgend eine Absicht, einen Zweck bei mir
voraus. Das ist nicht schön von Ihnen, aber das
Mißtrauen gehört zu eines tüchtigen Arztes Eigen-
schaften, ich muß es Ihnen also wohl verzeihen, und
ich thue es um so leichter, als Sie in Ihrer Ansicht
irren. Was kann ich hier in diesem Thale wollen,
als mich, so gut es gehen will, vergnügen, während
meine Mutter ihre Rerven ausruht und belebt? Was
kann ich mit dem Pater und mit Seinesgleichen wollen,
die mir Nichts sein, Nichts bieten können, und deren
ich vielleicht kaum mehr gedenken werde, wenn unser


Aufenthalt in Ihren Bergen nach wenigen Wochen
zu Eunde sein wird? Ich möchte, wie Sie sich's wohl
denken können, die Zeit hier oben doch nicht ganz
und gar verlieren! Ich uöchte sie auch für meinen
Theil benuuzen. Und das Wesen der Klostergeistlichen
hier in der Weltabgeschiedenheit zu studiren, finde ich
so anziehend als unterhaltend. Wollen Sie mir das
zu einem Vorwurf machen, der Sie doch selber ein
Beobachter sind?
,Ich hoffe dies dereinst zu werden,'' hub der
Doktor an.
Viktorine verneigte sich scherzend.,Wie beschei-
den!' sprach sie. , Alö ob ich ed nicht sähe, wie Sie
mich und meine Mutter und deren kleine Eigenheiten
schon jezt vollauf durchschauen!'-
Er wollte das von sich abweisen, sie hinderte ihn
daran. , Wozu diese gesellschaftliche und kleinliche
Ziererei? Ist das die freie Offenheit des Mannes und des
Schweizers? Da sind Sie mit mir in Wahrheit besser
daran! Denn wie ich Ihnen neulich sagte, Sie würden
einen guten Kameraden an mir finden, so versichere ich
Ihnen heute, daß ich wirklich über all Ihr Erwarten
wahrhaft sein kann.
,Wahrhaftigkeit sezt ein ruhiges Selbstbewußtsein


und viel innere Unabhängigkeit voraus, und diese
Eigenschaften-'
, An diese Eigenschaften einer Frau zu glauben,
hat man in Ihren Vorlesungen Sie noch nich gelehrt!r'
fiel ihmu das Fräulein spottend ein.,Nun, Doktor!
so gönnen Sie es mir, in diesem Falle Ihren Lehrer
vorzustellen; und ihren Lehrern pflegten die Herren
doch von Anfang meist zu glauben und auf sie zu
schwören.r
Er betheuerte, daß er bereit sei, ihr zu glauben,
was sie auch von sich behaupten möge.
,Auch wenn ich Nebles von mir sage? fragte sie.
,,Aluch dann,'' entgegnete der Doktor, der im
Augenblicke völlig unter dem Banne ihrer Reize und
ihrer spielenden Gefallsucht stand. ,Euch dann - -- vor-
ausgesezt, daß Sie es mir gestatten, Sie gegen sich
selber zu vertheidigen.''
,,Gut denn! So will ich's Ihnen nuur gestehen:
ich erkenne im Grunde auf der Welt Nichts an als
nur mich selbst. Ich und mein Vergnügen, ich und
mein Zeitvertreib und mein Behagen sind, wenn ich's
recht bedenke, mein alleiniger Zweck, mein einziges
Ziel -=e
F. Lewald, Benedikt. 1.

2e
,Aber Sie sind großmüthig, Sie sind freigebig!?
fiel ihr der Doktor ein.
,, Weil ich Nichts dadurch entbehre, weil ich gern
in fröhliche Gesichler sehe und weil ich's liebe, wenn
man meiner gern und ehrewvoll gedenkt. ?
,Mein Fräulein!'- rief der Doktor, der sich in
diese Art von Ehrlichkeit nicht finden konnte, weil er
einer solchen, das fremde Urtheil völlig geringschätzenden
Selbstüberhebung nie zuvor begegnet war, , wie
mögen Sie so sprechen! Sie wären doch nicht fähig,
einem Anderen weh zu thun-=--
,, llm mein Wohlbehagen zu befördern?-- er-
gänzte sie mit dreistem Sinne.,Das weiß ich noch
nicht; das müßte ich erst erfahren und erproben.'?
Er stand vor ihr, um eine Antwort offenbar
verlegen. Er wußte in der That nicht, was er von
ihr denken sollte.
Dak machte ihr erst rechte Freude. , Sehen Sie
wohl, Doktor! sprach sie, ,daß von mir gar Mancher-
lei zu lernen ist und daß es in dem Herzen und dem
Geiste der Frauen, die Ihr Herren sammt und sonders
alö das schwächere Geschlecht behandelt, von dessen
weicher Gefühls-Seligkeit Ihr zu spechen liebt, als
häitet Ihr daö Sein und Wesen jeder Einzelnen ge-


wogen und erfrrscht,-- daß es unter uns Frauen harte,
egoistische und kalte Herzen mit heißen und doch klaren
Köpfen gielt, von denen Eure Philosophen sich Nichts
träumen lassen, weil solche Frauen es nicht eben nöthig
finden, sich dem Bereich kurzsichtiger Gelehrsamkeit zu
nahen!''
Sie lehnte sich darauuf mit gekrenzten Armen in
den Stuhl zurück und sah in die Ferne hinaus. E
entstand eine Pause. Der Doktor war unangenrhm
betroffen. Er fühlte sich verlezt durch die Rolle, welche
Viktorine ihm aus hochmüüthiger Laune aufzuzwingen
dachte, und er vermocte dem stolzen welkgewandten
Frauenzimmer gegenüber doch nicht dak rechte Wort
zu finden, um sich vor der Neberlegenheit zu schüzen,
die sie ihn fühlen lassen wollte.
Indeß sie kam ihm noch einmal zuvor. Mit
jenem Lächeln, das wie ein warmer Sonnenstrahl den
kalten herrschsüchtigen Ausdruck ihrer Mienen weg-
schmolz, sagte sie, indem sie sich erhebend ihre Hand
ihm auf die Schulter legte: , nicht wahr? wir iangen
Nichts, wir Frauen aus der großen Welt? und Sie
werden nicht einmal glauben, daß man mir glauben
dürfe?-- Das ist noch ein Glück! Denn was finge
ich nun an, hier, wo wir auf Sie angewiesen sind,
,

L2R
wenn Sie mich nicht für meine eigne Verläumderin
halten wollten? wenn Sie all das Schlechte wirklich
von mir dächten, das ich mir eben nachgesagt habe?
---- Haus und Hof müßten Sie ja vor mir verschließen,
Mutter und Schwester vor mir warnen; den Pater
Theophilus bitten, mit einem Exorcismus Ihrem Hause
zu Hülfe zu kommen! Und daß Sie mir noch kein
Apage zugerufen haben, das ist es eigentlich, was
mich am meisten wundert!'=-
Sie hatte sich damit, unruhig wie sie es bis-
weilen troz ihrer guten Manieren sein konnte, wieder
in den niedrigen Sessel fallen lassen, der auf der
offenen Gallerie stand, und warf mi rascher Hand
die langen schwarzen Locken von der erhizten Stirn
zurück. Der Doktor lehnte ihr gegenüber an einem
der Pfeiler, auf welchen das Vordach ruhte. Er hatte
die Arme über einander geschlagen und betrachtete sie
noch einmal mit unverwandtem Blick,

»K
Das fiel ihr lästig. ,Nun? und was nun?
fragte sie ihn plözlich.
Er hatte sich inzwischen gesammelt und gefaßt.
,Apage! werde ich nicht rufen! sagte er, ,doch habe
ich Ihnen in der That zu danken für die Lektion, die
an mir nicht verloren sein soll.r'
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A
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F
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,Sie sind entschlossen, sich vor mir zu hüten?
meinte Viktorine.
, Ich glaube, daß man das sehr nöthig hat!' ent-
gegnete er ihr.
, Sehen Sie, Doktor! wie schnell wir vorwärts
kommen!' sagte sie mit einem Tone, dem der Doktor
eine leise Empfindlichkeit anzuhören meinte. ,Frei-
muth gegen Freimuth ! Dad ist der Weg zu jener
guten Kameradschaft, die ich uns prophezeite.-- Aber
lassen wir den Scherz auf sich beruhen. Sie sind
ernsthaft geworden und ich bin es auch!'?
Sie erhob sich wieder, lehnte sich neben ihm über
die Brüstung der Gallerie, sah eine Weile in das
Thal hinaus und sagte dann mit einer Ruhe, die den
jungen Mann fast noch mehr überraschte als die Scene,
die sie ihn eben hatte durchleben lassen: , Sie ahnen
es gar nicht, Doktor! wie das Leben, das wir führen,
wie die Gesellschaft, in der ich mich bewege und in
welcher ein Jeder Anspruch an unser Einen macht,
die Nerven überreizt und das Gefühl abstumpft. Mir
selber bin ich so wenig überlassen, daß ich selten ein-
mal die Zeit gewinne, an mich selbst zu denken, mich
auf mich selber zu besinnen.?

1
== D?
, Daß Sie nicht zufrieden mit Ihren Lebena-
8-.- ---- das grade häite ich nicht vermuthet!'-
-.-ssP
b» d Sz- sssz d.
fiel der Doktor ein. , Sie sehen sehr gesund aus,
und scheinen uir vollkommnen mnit sich Eins zu sein.
s,zfp
--- - d=-, daß ich noch nicht richtig zu
a..
beobacten in Stande bin. ?
, Ic scheine gesund und scheine zufrieden !
wiederholte sie. ,Es ist eben All.ä Schein, was uns
nmgiekt, und man hat sogar die Aufgabe, ja die Pflicht,
dasjenige zu scheinen, wrfür uns zu halten es den
9s-zR.s- -
----- .n belielt. -- Ich wollte, Sie kennten die Welt,
wie
der
uttt
der
ich sie kenne! --- Utter dem Scheine der Freudr,
Gasundheit sind wir Alle krank! gemüthskran!--
es richtig zu bezeichnen! Und s gelangweilt von
llebersättigung! so müüde von dem Suchen nach
irgend Etwas, das uns freuen könnte!''
Ud alermals brach sie in ihrer Rede plözlich
ab. Der Doktor sah sie wie eine unerwartete Natur-
erscheinung an. Sie kam ihnt wirklich wie gemüths-
krank vor, er wußte sie in seine bisherigen Erfahrungenu
und Vorstellungen nirgend einzureihen und daß
sie immner jo unerwartet abbrach, das machte sie ihm
-- « ---- --==--atlich. EI war ihm deshalb sehr
f: d isspli i »sItei

t
willkommen, daß seine Mutter nach ihm scickte und
daß diese Unterredung, deren Zweck und Ursrche er
nicht begreifen konnte, so ihr Ende fand.
Vitturine hingegrn war vurdrieflich, alö er sir
verließ. Was sie eigentlich gewollt, was sie in Sinne
gehalt mtit Allem, was sie gegen Pater Therphil und
zegen den Doktor ausgesprochen hatte, das zu sagen,
der e? sich se!ler zu erkläärrn, wäre sie kaunm im
Stande gewesen.
Sie hatte, wie es ihre Art war, einem Einfall,
einer Laune maßlos naehgegeben. Da« - -= -b.-
K .b»- ßss
immerfvrt Aufsehen und Bewunderung zu erregen,
hatte sie allmälig dahin gebracht, sich vor jedem Manne
in einer ihn überraschenden Nolle darzustellen, und e?
konnte ihr deöhalb leicht begegnen, daß sie sich in der
Wahl derselben in Bezug auf ihr Publikum, oder
auch in der Behandlungsweise ihreö Themas gelegent-
lich vergrif. Sie ging dann in solchen Fällen regel-
mäißig weiter, alö sie ek gewollt hatte, oftmalö weiter,
als ihr Gegenüler e vertragen lonnte; und widrr
ihren Wilien that sie bei solchen geflissentlichen Ent-
hüllungen ihrer vermeintlichen Seelengröße und
Driginalitäät mitunter Blicke in ihr eigentiiche? Wesen,
vor denen sie umwillkürlich zusamnenschreckte, und die


sie für den Moment jene Seelenleiden in der That
annähernd empfinden ließen, mit denen sie sich der
AbwechAlung wegen gelegentlich zu schmücken liebte.
Sie fühlte sich dann ein paar Stunden lang sehr
unbefriedigt, ihr bangte vor ihrer Nebersättigung. ihr
schauderte vor dem, was- wie sie es dann zu be-
nennen liebte -- Dämonisches in der Tiefe ihrer Seele
nach Befriedigung und Freude lechzend, in ihr ver-
borgen lag; ja sie konnte Thränen des Mitleids ver-
gießen über sich und über ihr Geschick, das es ihr
nicht vergönnt hatte, schon in früher Jugend in sanfter
Liebe still beglückt, ein unbeachtetes Dasein harmlos
zu genießen.
Sie gefiel sich aber niemals besser, als in dieser
Rührung, sie sah auch niemals schöner aus, als in
der vorübergehenden Ermattung, welche ihren seelischen
Seiltänzereien folgte, und sie würde auch heute dieses
geistigen Genusses theilhaftig geworden sein, hätte sie
sich nicht sagen müssen, daß sie den Doktor nicht be-
zaubert, nicht gewonnen, sondern durch ihre Neber-
treibung achtsam auf sich selbst gemacht, nnd ihn gegen
sie ernüchtert habe.