Benedikt.
Fanny Lewald
Kapitel 17

Fiehenzehnles
pitel.

Gz Unrecht hatte der Abt mit der Behauptung
nicht gehalt, daß die Errichtung einer Kuranstalt
einen zerstreuenden Einfluß auf die Klosterschüler
haben werde; denn seit Viktorinens Ankunft war dad
fremde Fräüulein in den Arbeitssälen der Schüler, wie
auf dem Spielplaz und bei den Spaziergängen, der
Gegenstand der Unterhaltung und der Neugier.
Die Einen hatten erzählen hören, daß sie gleich
in der ersten Stunde Geld im Thale ausgetheilt habe,
die Andern hatten sie unter einem Baum auf einem
rothen Teppich sizen sehen, die Dritten waren ihr
begegnet, wie sie in langem Kleide, auf ihrem schön
geschmückten Saumthiere nach einem der Höhenpunkte
hinaufgeritten war, und wieder Andere waren an des
Doktors Hause vorübergekommen und hatten sie

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singen, so schön singen hören, daß es ganz ülerirdisch
anzuhören gewesen war.
Wer sie erblickt, oder irgend Etwas von ihr ver-
nommen hatte, ward darum beneidet und hatte seine
Freude daran, das Einfache, was er erlebt, bis in das
Märchenhafte zu verschönern. Wer ihr danach be-
gegnete, wollte, selbst wenn er sich in seinen Er-
wartungen betrogen fand, nicht weniger, sondern wo-
möglich noch etwas größere Herrlichkeiten als sein
Vorgänger an ihr wahrgenommen haben; und da sich
auf diese Weise der übertreibende Ehrgeiz der Knaben
in die Sache einschlich, so geschah es, daß sich, während
sie noch unter den Augen ihrer jugendlichen Be-
wunderer lebte, bereits ein Mythus über Viktorine zu
bilden anfing, der weit hinausging über Wirklichkeit
und Wahrheit, und endlich auch auf die Phantasie
der Ordensbrüder seinen Einfluß übte. Vor Allem
war das bei Benedikt der Fall.
Die flüchtige Begegnnng mit ihr, ihre Schönheit,
die Lebhaftigkeit, mit der sie an ihn herangetreten
war, hatten ihn überrascht, und die Aeußerungen, welche
Pater Theophilus über ihren herrlichen Gesang gethan,
hatten ihn begierig gemacht, sie auch einmal zu hören.
Alltäglich, wenn er die ihm anvertrauten Schüler in

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das Freie zu führen hatte, war er beflissen, scinen
Weg so einzurichten, daß er kommend oder gehend
des Doktors Haus berührte. Eö war jedoch in dem-
selben, wenn er vorübergekommen war, immer still
gewesen, und auch gesehen hatte er Viktorine nicht,
obschon er nach ihr ausgespäht nach allen Enden hin,
soweit sein scharfes Auge reichte.
Er wußte nicht, woher es also war, aber die Zeit
hatie ihr rechtes altes Maß für ihn mit einem Male
verloren. Die Stunden kamen ihm bisweilen un-
begreiflich lang vor, während die Tage ihm schneller
als je zuvor dahinflogen. Es war überhaupt Etwas
anders geworden; er empfand das, ohne daß er sich's
erkläiren konnte. Er war heiterer, als er sich je ge-
fühlt hatte, und wie er dann darüber mehr und mehr
nachzusinnen anfing, meinte er, das Wiedersehen des
Doktors und die Unterhaltungen, welche er mit ihm
gepflogen, hätten ihn erfreut und seinen Gedanken
eine neue Richtung und einen neuen Aufschwung gee
geben. Er trug ein wirkliches Verlangen danach, dem
wiedergekehrten Freunde baldmöglichst zu begegnen,
und er nannte es deshalb einen glücklichen Zufall, daß
er, die Spiele der Scholaren überwachend, in dem
Klostergarten saß, als der Doktor von dem Abte kam.

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Benedikt ging ihm rasch entgegen, der Doktor
schüttelte ihm die Hand. ,Wie sich die Zeiten
wondeln,' rief er. ,Wie lang ist's denn her, daß
wir Beide hier, wie diese Buben, die Röcke von uns
warfen und die großen Kugeln schwangen, während
der gute Pater Markus nicht aufhörte, sich über das
Unglück und über die Schäden abzuängstigen, die wir
anrichten und uns zuziehen könnten. Jezt sizest Du
nun hier an seiner Stelle; doch ohne seine Aengsten,
wie ich zuversichtlich hoffe!-
, Er war alt und schwach geworden , sagte
Benedikt, ,und hier auf dieser Stelle, hier auf dem
Sielplatz, unter der Scholaren Augen, ist er ein-
geschlafen, um hienieden nicht mehr zu erwachen.?
, So gut wird es nicht einem Jeden! Das Ab-
leben ist oft ein verdammt Stück Arbeit!'' meinte der
Andere mit der Kaltblütigkeit des Arztes; da er
jedoch merkte, daß Benedikt vor seiner Aenßerung
zurückschreckte, setzte er, um einer Entgegnung vor-
zubeugen, rasch hinzu: ,was mich bei dem Eintritt in
den Spielplaz vorhin überraschte, war die Dauer der
hiesigen Zustände, und das Bestehende im Wechsel.
So wie diese Buben haben wir, so haben die Ge-
schlechter der Schüler hier vor uns gespielt, so werden
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hier Knaben und Jünglinge wohl noch lange nach
s us spielen---
,, Und sich hinauösehnen in die Welt, wie wir eö
hier gethan!? fiel Benedikt ihm ein, ,um
, Um sich nachher in ihrer Heimath, im selbst-
gewählten Berufe, wie wir es thun, freiwillig zu
? beschränken! sezte der Doktor mit klarer Heiterkeit
b
Benedikt antwortete ihm nicht darauf.,Du
scheinst anderer Meinung zu sein,'? bemerkte der Doktor.
Der junge Mönch blickte nachdenklich vor sich
hin.,Warum schweigst Du? fragte ihn der Freund.
,Ich möchte nicht,'? sagte der Andere, , daß Du
es falsch auslegtest, indeß ich dachte darüber nach, wie
der Mensch in seiner verblendeten Willkür immer
wieder darauf verfällt, von der Freiheit seiner Ent-
schließungen zu sprechen, wo er sich mit unabweislicher
Ergebung in den Willen der Vorsehung zu fügen, und
nur danach zu trachten hat, daß er die Wege verstehen
lerne, die sie vor ihm ausbreitet, damit er sie auch
freudig und zuversichtlich wandele. -- Du hast mir
neulich in so hellen Farben die Welt geschildert, die
jenseits unserer Berge liegt, und mit so beredtem
Worte von den Menschen gesprochen, unter denen Du
F. Lewald, Benedikt. l.
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in den großen Städten des Auslandes gelebt hast, daß
ich Deine Rückkehr in die Heimath nicht recht als
einen Akt Deiner freien Selbstbestimmung anzusehen
vermag. Du bist heimgekommen, weil der Rathschluß
Gottes Dich hier geboren werden ließ, weil hier die
Deinen leben, und weil Du hier den Dir angeborenen
Besiz am Besten zn verwerthen denkst. Ohne diese
Nothwendigkeit ständest Du wohl schwerlich hier.?
Der Doktor sah ihn prüfend an. Der junge
Mönch hing mit einem ängstlich gespannten Ausdruck
an des Freundes Lippen, so daß es denselben einen
Augenblick ungewiß über die Antwort machte, welche
er ihm geben sollte. Die Begegnungen und Ge-
spräche, welche er in den lezten Tagen mit Benedikt
gehabt, hatten ihm denselben in neuer Weise an-
ziehend und lieb gemacht. Er zweifelte nicht daran,
daß die kräftige Natur des jungen Benediktiners fchwer
an dem ihm aufgezwungenen geistlichen Gewande
trage und er ging mit sich zu Raihe, ob es an-
gemessener sein dürfte, ihn zu schonen, oder ihn frei-
müthig zu behandeln. Aber durch seinen Beruf darauf
hingewiesen, dem Nebel, dessen Zeichen vor ihm lagen,
forschend auf den Grund zu kommen, entschied er sich
für ein ofenes Aussprechen, und fragte ihn deshalb
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unuumwunden: ,bedarfst Du vielleicht, mein Freund,
des Glaubens an die allgemeine Unfreiheit des Men-
schen, um Dich mit der Deinen abzufinden??
Benedikt mochte diese Frage nicht erwartet haben,
denn sie erschreckte ihn offenbar; indeß die strenge
geistige Zucht, in welcher er erwachsen und gehalten
worden war, hielt ihn auch jetzt in ihren Schranken fest.
, Ich dachte nicht im Besonderen an mich,? ver-
setzte er, ,wenn schon es mir im Sinne lag, wie wir
nur in dem festen Vertrauen auf die Weisheit der
Vorsehung vor jenen unruhigen Verlangnissen ge-
sichert sind, unter deren Einfluß das beharrliche Ar-
beiten an dem uns zugewiesenen Theile ganz un-
möglich sein würde. Es muß des Verlockenden so
vieles geben in der Welt, aus der Du herkommst!
Wie könntest Du das Alles frohen Geistes entbehren,
glaubtest Du nicht, daß eben hier der Plaz Dir aus-
ersehen ist, an welchem gerade Du mit Deinen Kräften
Deine Dir zuertheilte Aufgabe zu lösen hast, bis des
Herrn Wille anders über Dich verfügt?
Der Doktor blieb ihm geflissentllch die Antwort
auf die Frage schuldig. Das beunruhigte Benedikt.
,Du scheinst diese Neberzeugung nicht zu theilen!?
sagte er.
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, Was kommt es darauf an, sofern wir nur zu
gleichem Resultat gelangen?? erwiderte der Doktor.
,Ich bedarf des Glaubens an mich selbst, des Ver-
trauens zu mir selbst, um zu leisten, wwas ich zu leisten
vermag. Du hast desselben Glaubens und Vertrauens
nöthig, und wirst sie nöthiger noch haben, wenn Du
darauf angewiesen sein wirst, der geistige Tröster und
Berather für Andere zu sein. Ich suche die Kraft,
die ich gebrauche, zunäächst in mir und meinem Wissen;
Du schöpfest sie aus der Quelle Deines Glaubens.
Genug, daß wir sie haben, und also mit Sicherheit
in uns beruhen.?
Benedikt ließ es ebenfalls dabei bewenden, be-
sonders, da der Doktor nach der Thurmuhr empor-
sehend, sich es vorwarf, so lange verweilt zu haben.
Er schritt der Gartenthür zu, Benedikt gab ihm das
Geleit, aber er sprach nicht mehr zu ihm. Als sie
jedoch bereits dem Ausgang nahe waren, meinte er
zlözlich: ,Eines hast Du doch vor mir voraus! Du
hast herrliche Erinnerungen, Dich daran zu freuen.
Wider meinen Willen muß ich an die musikalischen
Genüsse eenken, deren Du lezthin gegen mich erwähnt
hast. Ich möchte die großen Dratorien und Sym-
phonieen kennen, möchte große Sänger hören-
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, Und bist doch selbst der Gegenstand höchster Be-
wunderung für eine große Sängerin!'? fiel ihm der
Doktor scherzend ein.
In des jungen Mönches Antliz regte sich keine
Miene, nur in seinen Augen leuchtete es freudig auf.
Er wußte also, was der Andere meinte, und sich
selbst vergessend, sagte er: ,Ich habe sie noch nicht
gehört!r'
,. Wen? fragte der Doktor, den die Jugendlaune
überkam.
,Die Fremde, welche bei der Mutter neulich vor-
sprach, und die bei Euch zur Kur ist!? sezte er
hinzu.
, Kommn einmal herüber!'' sagte der Doktor. , Sie
singt sehr oft und viel, und sie wird vor Dir sehr
gerne singen; denn wirklich, sie bewundert Dich. Für
den heutigen Nachmittag habe ich den Herrn Abt bei
unsern Damen anzumelden!'
Er zog bei den Worten die eigene Ühr heraus,
und machte sich mit einem eiligen Lebewohl auf seinen
Weg.