Benedikt.
Fanny Lewald
Kapitel 18

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Zchhzehnes Cnpitel

IF Baronin hatte den Kaffeetisch selbst geordnet,
sie wollte wenigstens Alles gethan haben, was an ihr
war, den verehrten Gast gebührend zu empfangen und
ihm das Verweilen in ihrer einstweiligen Behausung
angenehm zu machen. Auch die Wirthin, der zum
ersten Male die Ehre widerfuhr, den hochwürdigen
Herrn Abt über ihre Schwelle treten zu sehen, hatte
sich beeifert, das ohnehin saubere und freundlich ge-
haltene Haus in seinem besten Lichte erscheinen zu
machen.
Nur Viktorine ließ sich in ihren gewohnten Be-
schäftigungen nicht im Geringsten stören. Sie saß
auf der Gallerie, ihre frisch gepflückten Pflanzen für
das Herbarium ordnend, ohne darauf zu achten, wie
die Baronin die Sessel anders stellen ließ, wie sie


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diesen Vorhang schloß und jenen öffnete, wie sie das
mitgebrachte silberne Kaffeegeräth in das rechte Licht
zu sezen und zierlich aufzustellen suchte.
Daß man sich um Etwas, was sie vorhatte,
nicht bekümmerte, konnte die Baronin in dem nie
weichenden Gefühle ihrer großen Wichtigkeit jedoch
nicht lange ertragen.
Wie kann man sich nur in dieses Mumen-
trocknen so versenken!' rief sie der Tochter zu.
,Man muß sich hienieden doch die Zeit ver-
treiben, bis man in den Himmel kommt, Mamal
gab die Tocht. ihr zur Antwort; und mit der Keck-
heit deö verzogenen Kindes, welches am Wenigsten die
eigene Mutter schonte, sezte sie hinzu: ,Es sucht eben
ein Jeder auf seine Weise, Mama, wie er sich durch
das Leben schlägt, und wie er sich die Aussicht in den
Himmel öffnet! Du hast die Koketterie des Silber-
-zenges, und hoffst Dir mit Deinem Moceakaffee den
Weg des Heils zu ebnen und zu kürzen; ich verlasse
mich eitel auf mein holdes Selbst, und will versuchen,
ob ich mir nicht des Jenseits Pforten mit Gesang er-
schließen kann. Selig werden muß, wie der alte
Preußenkönig es gesagt hat, doch ein Jeder auf die
eigene Fagon.?
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Die Baronin zeigte sich verletzt. Sie nannte die
Leichtfertigkeit der Tochter unverantwortlich, sie ver-
ficherte ihr, daß sie sie damit ängstige, daß sie ihr den
Seelenfrieden damit raube, dessen sie so nöthig habe.
Sie schalt sie ihres Vaters rechte Tochter, die für
Nichts Empfindung habe, als für die Befriedigung
ihrer jedesmaligen Laune; fie sprach sich rasch in
Zorn, und that danach gerührt.
Viktorine stand am Spiegel und ordnete die
schönen Flechten ihres Haares, und ringelte die langen
schwarzen Locken über die Finger, um sie dann frisch
und glänzend auf die vollen Schultern niederfallen zu
lassen. Sie war ausschließlich nur mit sich beschäftigt.
Mit einem Male wendete sie sich um.
,Rege Dich nicht auf, Mama!r sagte sie, indem
sie die Hände auf der Mutter Schulter legte, und sie
auf die Stirn küßte. ,Es macht Dich gleich so roth,
und Du weißt, die starke Röthe kleidet Dich nicht gut.
Ich bin auch nicht so gottlos als ich Dir erscheine,
Du--- Nun Mama! so weltentfremdet und so
himmelssehnsüchtig, als Du es glaubst, bist Du wirk- -
lich nicht; und jept sind wir ja noch allein. Kann
ich dafür, wenn ich nicht rasch begreife, wenn ich noch

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fest wurzle in dem alten irdischen Sündenboden, dem
ich entsprossen bin?
Die Mutter sah sie mit einer Art von Schrecken
an. Viktorine lachte laut und herzlich.,Sei un-
besorgt, Mama ! sagte sie. ,e fester ich in meinem
alten mir vertrauten Boden stehe. um so dreister und
sicherer kann ich die Augen und die Hände hoch er-
heben, um zu erlangen, was mein Herz begehrt. Laß
mich gehen, wie ich mag! Laß mich ergreifen, wo-
nach es mich gelüstet: zunächst in jedem Augenblick
das Nächste, und,'' fügte sie mit neuem Scherz hinzu,
,, bete Du nur immer recht mit Eifer für mein Seelen-
heil, während ich mir hienieden das Leben zu ver-
schönen trachte wie ich mag und kann. Ich bin nun
einmal ein Vergnügling! Dein allweiser Gott hat
mich dazu erschaffen. Kann ich das ändern? Und
könnte ich's, wärst Du im Stande es zu wollen?
Wolltest Du mich anders haben, als ich bin, Mama?
Die Mutter drückte sie an ihr Herz. ,Gott er-
halte Dich!' rief sie, von der Tochter kokettem Lieb-
reiz überwältigt. ,Wie Du heut wieder schön bist!
Und die Farbe, die Du hast, seit wir hier oben sind!
Man gönnt sich's nicht allein! Heute müßte der
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Graf Dich einmal sehen! oder die Friedemanns, die
sich so viel mit ihren Farben wissen. Schade daß es
hier so einsam ist!
,, Einsam? wiederholte die Tochter, zwir haben
ja den Pater Theophil, wir haben unsern hoch ge-
lehrten jungen Doktor, haben den schönen geheimniß-
vollen Pater Benedikt, auf dessen Bekanntschaft ich
förmlich lüstern bin - und da kommt auch schon der
Abt! -- Du bist sehr anspruchsvoll, Mama! Ich unter-
halte mich und finde mich in jede Lage, indem ich
mir ein Ziel vorseze. Warte nuur, Du sollst es noch
erleben, Mama! Ich singe dem Abte wie dem Bischof,
noch die Biondina vor, und stelle noch dies Haus, das
Thal, das Kloster auf den Kopf.?
Sie hielt in ihrem phantastischen Plaudern inne,
denn der Diener meldete Seine Hochwürden den Herrn
Abt. Die beiden Frauen erhoben sich. Der Ausdruck
schelmischen Nebermuths verschwand von Viktorinens
Antliz, Mutter und Tochter gingen dem hochverehrten
Gaste entgegen, ihn schon in dem Vorsaal gebührend
zu begrüßen.
Der Pater, welcher ihm bis an des Hauses
Schwelle das Geleit gegeben, hatte ihn verlassen, der
Abt besuchte die beiden Fremden ganz allein; und

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wenn er auch, ohne ihn abzuwehren, der Frauen Hand-
kuß annahm, so zeigte doch die gute Art, in welcher
er die Baronin nach ihrem Sessel führte, ebenso wie
die Freundlichkeit, mit der er zwischen ihr und ihrer
Tochter Plaz nahm, daß er gekommen sei, die Auf-
wartung, welche die beiden Frauen dem geistlichen
Herrn gemacht hatten, als Weltmann zu erwidern.
Er war viel herumgekommen in seinen jüngern
Jahren, hatte sich in Rom zu verschiedenen Malen -
aufgehalten, und war seiner Zeit im Auftrag seines
Ordens in Frankreich, wie in Spanien und in ßor-
tugal gewesen, die dortigen Klöster und ihre Biblio-
theken kennen zu lernen. Er wußte, während er sich
nach denjenigen Personen seiner Bekanntschaft er-
kundigte, mit denen die Frauen möglicher Weise in -
Berührung gekommen sein konnten, es geschickt zu
verrahen, daß er gleich ihnen einem reichen Kauf-
mannsgeschlecht entstamme, wie er daneben nicht an-
zudeuten unterließ, daß es ihm in den Lebenssphären,
denen der neue Baron und die Frauen sich anzu-
schließen getrachtet hatten, an weitreichenden Ver-
bindungen nicht fehle.
Die Baronin hörte ihn mit Bewunderung sprechen.
Seine große Neberlegenheit und Viktorinens gesell-

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schaftlicher Takt hielten sie in angemessenen Schranken,
ja sie machten ihr die Schaustellung ihrer Frömmig-
keit, wie ihre sonstigen kleinen Zierereien und gelegent-
lichen Prahlereien fast unmöglich. Sie konnte gar
nicht dazu kommen, von den Herrlichkeiten, welche sie
besaß, von den Auszeichnungen, deren sie genoß, von
dem Einfluß ihres Mannes, und noch weniger von
den Vorzügen zu sprechen, welche ihrer Tochter vor
allen anderen Frauenzimmern eigen waren. Denn
Viktorine hatte frühzeitig erlernt, der Mutter wie dem
Vater, wo es erfordert war, das ungehörige Wort
auf das Geschickteste zu entziehen; und wenn die
Baronin nur der Genugthuung theilhaftig ward, daß
ihre Tochter nach Gebühr gewürdigt wurde, daß sie
dem Vater schreiben und später es allen Verwandten
und Bekannten sagen konnte, wie auch der Abt des
Benediktiner-Klosters von ihrer Viktorine ganz be-
zaubert gewesen sei, so hatte sie für den gegenwärtigen
Fall ihren Kostenpreis heraus, und konnte ihrem
Seelenheile unter des Paters Leitung obliegen, an
dessen huldigender Bewunderung für ihre Tochter ihr
nicht eben viel gelegen war.
Freilich versuchte sie es zu verschiedenen Malen,
dem Abte näher zu kommen, indem sie auch ihm er-


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zählte, was sie dem Pater zum Defteren schon wieder-
holl, wie sie und der Baron im Geben und im
Helfen ihre größte Befriedigung genössen; Viktorine
war jedoch gleich bei der Hand, sie mit einem Scherze
an der Fortsezung dieser Erklärungen zu hindern.
, Werden Hochwürden mich verdammen,' sagte
sie,,wenn ich Ihnen bekenne, daß mir an dem so-
genannten eigentlichen Bedürfnißß meiner Mitmenschen
weit weniger gelegen ist, als an ihrer Freude?
Es war das auch wieder eine von den Behaup-
tungen, welche sie wie Leuchtkugeln funkelnd in die
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Höhe zu werfen liebte, obschon sie wußte, daß sie un-
haltbar wären und leicht in Nichts zusammenfielen;
aber sie glänzten doch für einen Augenblick, und
unterhielten sie und auch die Anderen während eines
solchen, und das war ihr genng.
Der Abt neigte freundlich sein kluges Haupt.
,Das ist natürlich, entgegnete er, ,da Sie die
Vorstellung nicht haben, was die Entbehrung des
Nothwendigen bedeutet; aber wenn Sie sich mit der
Frau Baronin nach dem in der Welt beliebten neuen
Grundsatz in die Arbeit theilen, wenn die Frau
Mutter dem Nothwendigen begegnet, und Sie das
Schöne und Erfreuliche hinzuthun, so wird man
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doppelt zu segnen haben, was auf diese Weise geleistet
werden kann.
Er ließ es dabei kurz bewenden; das hatte Viktorine
nicht erwartet. Es machte sie also verlegen und es
war ihr deshalb sehr willkommen, als der Abt ihr
sagte, da sie zu erfreuen liebe, wolle er sie daran
mahnen, daß er sie singen hören solle. Sie ließ sich
dazu nicht erst bitten, sondern erhob sich alsobald und
sezte sich an das Instrument.
Es war ein geringes viel benutztes Pianino,
indeß sie wußte es gut zu behandeln, so daß man es
gerne hören mochte, und nach einigen einleitenden
Akkorden intonirte sie das mächtige Adoramus von
Palästrina, das vor einigen Tagen auch in der Kirche
gesungen worden war.
Der Abt belobte sie, als sie es beendet hatte.
Er verstand Musik zu würdigen, er hatte auf seinen
Reisen die Meisterwerke der geistlichen Musik in voll-
endeten Ausführungen kennen lernen, und es gefiel
ihm, sich als Kenner zeigen zu dürfen. Das machte
Viktorinen Lust, zu singen. Sie trug, da der Abt
sie dazu aufforderte, ihm noch das alte It inaarnstus
est von Josquin de Prss aus dem fünfzehnten Jahr-
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stammenden Lobgesang auf Rom, das herrliche: ß loms
nohilis vor, das der Abt nicht kannte, und das einen
lebhaften Eindruck auf ihn machte.
Sie erbot sich bereitwillig, es für ihn aufzu-
schreiben.
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, Von der schönen Tenorstimme gesungen,'' sagte
sie, ,die wir in Ihrer Kirche alltäglich neu bewun-
dern, muß das Lied noch eine ganz andere Wirkung -
machen als von der meinen; denn der getragene Ge-
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sangg ist eigentlich nicht meine Stärke. Hätte ich mehr--
an die Befriedigung meiner Eitelkeit als an den ver-
muthlichen Geschmack von Hochwürden gedacht, so hätte
ich um die Erlaubniß gebeten, Ihnen ein paar der -
Volksliederchen vorsingen zu dürfen, mit denen ich den -
Herrn Bischof bisweilen während unseres gemeinsamen ?
Babeaufenthaltes erheitern durfte.?
Der Abt bat sie ganz nach ihrer Wahl und Nei-
gung zu verfahren. Er hatte Vergnüügen an dem ihm I
fremd gewordenen Verkehr mit Frauen aus der so-
genannten schönen Welt, er mochte sich auch nicht -'
strenger und abgeschlossener zeigen, als der Bischof es z
gethan hatie, und die italienischen und französischen I
Volkslieder glitten so leicht und spielend von der schönen -
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Sängerin frischen vollen Lippen, daß er keinen An- Z
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stoß daran nahm, als Viktorine endlich die Melodie
von der träumerischen Biondina anstimmte, und ihm ihr
Ds biomäins in gomäolets
D.'altra eers gh'o mens;
Dal gieer ls gorerste
Ds j's imbots. incormomrs.
D dormirs susto braaeo
Bi ogni tsrto ls srsgises
Ia la bares eke ninuNs
Ds tornurs u indormenrar.
in sanft gezogenem, weicher und weicher hinschmelzen-
dem Tone von Anfang bis zu Ende vortrug.
Sie stand dann auf, während ihr fiegesfroher
Blck die Mutter flüchtig suchte. Der Abt hatte sich
offenbar an dem Gesange erfreut, und sich überhaupt
die Stunde hindurch bei den Frauen sehr wohl unter-
halten.
Als er sich dann erhob, ihnen Lebewohl zu sagen,
sprach er dabei die Hoffnung aus, daß die Colonnade,
zu welcher das Kloster dem Doktor auf der Frau
Baronin Wunsch den nöthigen Grund und Boden
verpachtet habe, den beiden Frauen gute Dienste leisten
möge, die wiederzusehen, ehe sie das Thal verließen,
er in jedem Falle noch gedenke.
, Ulnd ich darf Hochwürden meine Abschrift senden?
fragte Viktorine.
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, Sie soll in unserer Bibliothek willkommen sein,?
versicherte der Abt, ,denn die geübteren unter den
musikalischen Zöglingen unserer Anstalt werden die
herrliche Hymne gewiß mit Nuzen und mit Dank
studiren.''
Die beiden Frauen folgten dem Abte, ehrerbietig
wie sie ihn empfangen hatten, auch bis hinab an des
Hauses Ausgang, wo die Wirthin und ihre Kinder
Ahn erwarteten. Der Doktor aber erbat und erhielt
von Abte die Erlaubniß, ihm bis in das Kloster das
Geleit zu geben.