Benedikt.
Fanny Lewald
Kapitel 01

Fn den Hochalpen der deutschen Schweiz öffnet
sich ein schönes weites Thal, welches in allen Neise-
handbüchern als einer der bewährtesten klintatischen
Kurorte gerühmt wird, weil die hohen Berge, welche
eö einschließen, die rauhen Winde abhalten. Eö
athmet sich auch wirklich leicht und gut auf seinen
duftigen, mehr alö dreitausend Fuß üler der Mereö-
fläche gelegenen Matten, und in der Frische seiner
Tannenwwälder, die sich hoch hinaufziehen an den Wän-
den seiner Berge.
Einsichtige Brüder des vornehmen Benediktiner-
Ordens haben die Vorzüge diese? Thaleö denn auch
frühzeitig gewürdigt, und schon im zwölften Jahr-
hundert eine Niederlassung in demselben begrindet.

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Sie fand im Laufe der Zeiten zu verschiedenen Malen
ihre Zerstörung durch Feuersbrünste, aber die Benedik-
tiner erbauten sich immer wieder ein neues Haus, und
noch heute liegt ihre Abtei stattlich in der Mitte des
Thales da, von weißen, mäßig hohen Mauern rings
umgeben, von des Kirchthurms Kuppel überragt, auf
deren Spize der Neumond mit dem Morgenstern, wie
die Zeichen der Verkündigung des neuen Lichtes im
Sonnenschein erglänzen.
Das Kloster ist reich begütert. Es besizt eine
bedeutende Bibliothek, und seine gelehrten Mönche
jtehen einer Lehranstalt vor, welche seit langen Jahren
eine beträchtliche Anzahl von Schülern in ihren Mauern
zu vereinigen pflegte.
Die Kirche des Klosters ist sehr groß, und wenn
man die Verhältnisse des Thales in Betracht zieht,
schön und ungewöhnlich prächtig zu nennen. Es fehlt
den Altären nicht an Bilderschmuck, nicht an Säulen
von seltenen Marmorarten; die Drgel der Kirche ist
mächtig und der Gesang der Chorherren lockte uns,
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N- penn wir am Abende von unsern Spaziergängen zurück-
F ?ehrten, oftmals, in die feierlichen Hailen des Gottes-
?-hauses einzutreten
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z., R wer ein warmer Abend des Späfommers.
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als wir zum ersten Male der Vesper beiwohnten.
Draußen war es noch heller Tag, obschon die Sonne
für das Thal bereits gesunken und hinter den Gipfoln
der Bergpyramiden verschwunden war, die ek nach
Westen hin umgeben. In der Kirche war die Däm-
merung bereita Meister über das Licht geworden und
sie war fast leer. Nur in einer der Bänke sas hoch
aufgerichtet eine große, starke Bäuerin und in der
Bank hinter ihr saßen zwei junge Klosterfrauen, die
ihrer Tracht nach barmherzige Schwestern waren. Vorn,
unweit des schwarz verkleideten Gitters, das den Chor
und das Kloster von der Kirche scheidet, knieten und
saßen einige wenige, nicht den Thalbewohnern, sondern
der Fremdengesellschaft angehörende Frauen und Mn-
ner, und aus dem Chor stiegen zu der Wölbung der
Kirche die volltönenden Stimmten der Mönche hinan,
die den Abendsegen sangen.
Es lag etwas sehr Ergreifendes in dem Gesange,
in der einfachen, sich immer wiederholenden Melodie,
die nun seit hunderten und aber hunderten von Jahren
alltäglich um dieselbe Stunde, an derselben Stelle
erklungen war, und die vorauösichtlich hier auch noch
erklingen wird in fernen, fernen Tagen. Die fort-
wirkende Kraft eines großen Gedankens offenbarte sich

uns in diesen feierlichen Klängen wieder einmal auf
das Neue. Man fühlte sich von ihnen zu jener lang
entschwundenen Zeit zurückgeführt, in welcher die ersten
geistlichen Ansiedler voll hoher Begeisterung und starkem
Glauben hinaufgezogen waren in dies Hochgebirge,
sich abwendend von einer Welt, deren Eitelkeit sie
entsagten; das Ringen und Treiben des Lebens hinter
sich lassend, um in Einsamkeit und Betrachtung der
s Selbstvollendung nachzustreben; um dem Kultus des
Heilandes und der Madonna, des Mannes und des
Weibes in ihrer höchsten Reinheit und Jdealität, in
tiefer Weltabgeschiedenheit einen Altar zu errichten,
und unter halb wilden Volksstämmen die Lehre der
christlichen Liebe zu verbreiten und zu üben.
Mit dem Gesange wechselnd klang die Drgel
durch die Kirche, dann verstummte Beides. Nur
das leise Beten der Mönche war aus dem Chore her
vernehmbar und durch die hohen Bogenfenster der
Kirche ward das Alpenglühen auf den Gipfeln der
Schneegebirge sichtlar, noch Licht verbreitend nach dem
Untergang der Sonne, ein Widerschein entschwundener
Herrlichkeit,
Als der Gottesdienst beendet war, verließen die
Fremden die Kirche Einer um den Andern. Auch


wir schickten uns zum Fortgehen an. Nur die beiden
barmherzigen Schwestern verharrten betend noch auf
ihren Plätzen; und das greise Haupt auf die Hände
gesenkt, daß man ihr Antliz gar nicht sah, lag die
ältere Bäuerin in tiefem Gebet versunken, noch auf
ihren Knieen.
Wie wir dann draußen auf dem Kirchhof stan-
den, dem allmäligen Erlöschen des Alpenglühens zu-
zuschauen, gingen die drei Frauen an uns votüber.
Man sah, daß die beiden Nonnen die Töchter der
Alten waren, denn die schöne Gesichtsbildung, die
stattliche. Größe waren allen Dreien gemeinsam, znd
die Aehnlichkeit zwischen ihnen wwar auffallend, obsähoit
der sanfte Gesichtsausdruck der Klosterschwestern und
der finstere Blick der Alten starke Gegensätze bildeten,
und die voll und starkknochig ausgeprägte Gestalt der
Mutter neben den schlanken Leibern der Töchter noch
wuchtiger und derber aussah.
Weil die Abende kühl waren, beendeten wir nn-
sere Spaziergänge immer mit dem Sonnenuntergange
und gewöhnten uns endlich daran, allabendlich in die
Kirche einzutreten, in welcher die alte Bäuerin und
die beiden Nonnen niemals fehlten. Sie waren regel-
mäßig die lezten Beter in der Kirche, und trennien

sich dann auf dem Platze vor derselben meist mit
stummem Gruß. Die Nonnen gingen thalaufwärts
nach dem von ihnen verwalteten Armenhause, in
welchem die Gemeinde ihre Kranken, ihre Alters-
schwachen und ihre Waisen untergebracht hatte; die
Alte stieg mit starkem Schritte einen schmalen Fuß-
pfad hinan, der an der Nordseite des Thales zu einer
der prächtigsten Matten und zu dem ansehnlichsten
Hause des ganzen Thales führte.
Die Frau hatte etwas Besonderes an sich. Ihre
Züge waren hart und scharf, wie man es an den
Frauenköpfen auf manchen der Holzschnitte von Albrecht
Düürer findet. Ihr Auge wich dem Blicke der Frem-
den aus, und von der Freundlichkeit, mit welcher die
Landleute des Thales der Anrede eines Fremden im
Allgemeinen zu begegnen pflegten, war an ihr Nichts
zu bemerken. Indeß eben ihre Zurückhaltung machte
sie uns anziehend, denn es sind nicht nur die Kinder,
welche nach dem Versagten ein gesteigertes Verlangen
fühlen, und der Müßiggang macht neugierig. Wir
meinten einmal sehen zu müssen, wo und wie sie
wohne, und als wir eines Tages unsern Morgenspazier-
gang nach der Höhe unternommen hatten, auf welcher
ihr Haus gelegen war, schlugen wir unsern Rückweg

nach der Richtung ein, welche uns an demselben ro. -
überführen mußte.
Als wir herankamen, überraschte uns das Hans,
denn es machte in der Nähe sich noch stattlicher unnd
schöner, als von der Ferne. Sie waren offenbar ui:
Naum und Baumaterial noch nicht verlegen gewesen,
die Bauleute, die dies Haus vor nahezu zwei Ichr-
hunderten auö den Baumstämmen des Waldes aufge-
richtet hatten, der sich hinter demt Hause weit hiaee
dehnte. Die Zeit hatte wie eine scharfe Beizr dir
Stäämme und Balken dunkelbrann gefärbt, und die
Sonne die in Blei gefaßten runden kleinen Scheilen,
aus denen die Fenster sich zusammensetzten, in wechseln-
der Farbe schimmern machen. Aber das Gefüge stand
noch so fest, als wäre es heute erst gerichtet, daä Haus
lag mit seiner dreifachen Fensterreihe hoch und sich
in Freiheit ausbreitend, am Duellenrande da; die
Gallerien zogen sich unter weithin schüzendem Vordach
um die beiden oberen Gestocke hin, und mehr noch
als sie, boten die uralten Nußbäume dem Hause Scuz
und Schatten, die neben und hinter ihm emporge-
wachsen waren.
Mlles verrieth einen alten Wohlstand an dem
Hause. Die Siallungen konnten Vieh genug beher-

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bergen, wenngleich sie jezt zur
waren. Die ungewöhnliche
Sommerszeit verlassen
Zahl und Größe der
Wirthschafisgebäude ließ verm
athen, daß man hier eine
habe. Der überdachte
große Heuernte zu bewahren
und wohlgefaßte Quell, der sein klares Wasser aus
eiserner, von alter Schmiedekunst gefertigter Röhre in
die langen breiten Steintröge ergoß, plätscherte laut
in seines Reichthums Fülle, und wie das Wasser
Kühlung spendete in dieser heißen Zeit, so verhießß die
Masse des klein geschlagenen und sorgsam aufgeschich-
teten Holzes, daß man in dem Hause auch in den
Tagen des Winters von des Wetters Ungunst nicht zu
iden haben werde.
Oben auf der Giebelfirst waren, wie auf dem
Thurm des Klosters, der Neumond und der Morgen-
stern als
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und auf
rath sich
und dem
hin hoo signo rineess prangte am Giebel;
der schön geschnizten Planke, die als Zier-
auf der Giebelfront zwischen dem Erdgeschoß
thümlicher
Auf
Wetterfahne angebracht. Das Zeichen des
zweiten Stockwerk hinzog, stand in alter-
Schrift zu lesen:
Gott vertraut und aufgebaut mit eigner Kraft
Voe Maria Vosepha Anschafft
Bür sich und ihre Nachkommenschaft
Bnno Dowini 1879.

Es war eine Inschrift, wie sie uns ähnlich weder
hier noch anderwärts jemals vorgekommen war. Sie
klang so stolz und selbstgewiß, als hätte die Frau, die
uns merkwürdig geworden war, sie selbst errichtet; und
weil man gewohnt ist, sich die Frauen immer nur
in der Abhängigkeit von einem Manne zu denken,
stand es für uns Mlle sofort fest, daß es mit jenrr
Maria Josepha Anschafft, welche dieses Hans vor zwei-
hundert Jahren erbaut hatte, und mit dem Hause
selber, schon von Anfang an ein eignes Bewandtni,;
gehabt haben müsse.
Wir meinten, es müsse etwas Besonderes verge-
gangen sein, ehe eine Frau sich in jenen fernen Tagen,
und vollends hier zu Lande, so geflissentlich als Bau-
herrin und Beschüzerin ihrer Familie kund gegeben
habe; und wie wir denn länger und länger auf demn
Platze weilten, dessen erfrischender Schatten uns wä! -
rend der schweren Mittagshize erguicklich festhielt, fi:l
es uns allmälig auf, daß daö reiche stattliche Hane
jich gegenwärtig alles jenes freundlichen Schmuckes
baar und ledig zrigte, an welchem selbst der weniger
Bemittelte es seiner Hütte, wenn er es irgend kann,
nicht gerne fehlen läßt.
Der eingezäuute kleine Gartenraum war halb ven-

wildert. Was von Blumen noch darin blühte, hatte
offenbar zufällig und ungepflegt in demselben fort-
gewuchert. Der Weg, welcher einst zwischen den Bee-
ten gezegen worden, war mit Gras bewachsen. Auch
an den Fenstern sah man keine Blume, und sogar
die Vorhänge an den Fenstern fehlten, deren leuchtende
Sauberkeit neben dem dunkeln Holzwerk der Häuser
sich hier zu Lande meist so freundlich ausnimmt.
Während Einer von uns eben diese Bemerkung
aussprach, trat die Besizerin des Hauses aus der
Thüre unter daö Dach des Vorgeleges heraus und
sah uns an, ohne uns auch nur mit einem Gruße
kund zu geben, daß sie uns gewahre.
Wir boten ihr den guten Tag, sie erwiderte es
kurz. Als wir danach die Erwartung aussprachen, sie
werde wohl erlauben, daß wir hier unter dem Schat-
ten ihrer Bäume noch ein wenig ruhten, sagte sie:
,Dazu ist die Bank ja da!!-- und ging, ohne uns
weiter auch nur eines Blickes oder Wortes werth zu
achten, in das Haus zurück, dessen Thüre sie hinter
sich fest zuzeg.
Eine solche Unfreundlichkeit war uns in all den
Wochen, wäährend deren wir im Thale lebten, noch
nicht vorgekommen. An so manchem Hause hatten


wir gerastet, und überall hatte man uns einen Will-
kommen, ein freundlich Wort auch ohne unser Zuthun
zugerufen.
Erst am verwichenen Tage hatten wir vor einem
Hause gesessen, alä die Eigenthümerin, eine schwene
Ladung Gras auf ihrem Haupte tragend und die
Sichel in der Hand, von ihrer Matte heimgekommen
war. Auf unsere Bemerkung, daß wir es und bei
ihr bequem gemacht und schon lange dagesessen hätten,
war eine herzliche Freundlichkeit über ihr gutes G-
sicht gegangen, und uns anlächelnd unter ihrer Last,
hatte sie uns zugerufen:,Sizen Sie hier ewigk!
Das hatte anders geklungen, als jenes abweisende:
,die Bank ist dazu da!' welches und plözlich alles
Behagen an dem Ruhen und an diefer Stelle nahm.
Es wurde uns widerwäirtig, anscheinend nur geduldet
zu werden, weil kein Grund vorhanden war, uns fort-
zuweisen; und wir erhoben uns denn auch nach wenig
Augenblicken, um unsern Heimweg fortzusezen.
, Wenn Gastfreiheit gegen den Wanderer zu den
christlichen Tugenden gehört,' sagte einer unserer Be-
gleiter, , so hat diese Frau sich heute Morgen gleich
wieder einer Sünde schuldig gemacht, die sie Abends
in der Kirche bei ihren täglichen Gebeten büßen kann.

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Unwirscher, als sie sich gegen uns gezeigt hat, kann
an wohl nicht sein.?
,,Sie sieht immer finster und alstoßend auö!'
bemerkte ein Anderer.
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ein, und während unseres ganzen Rückweges kamen
wir
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,Wer weiß, was sie erlebt haben mag !! wendete
unwillkürlich noch zu verschiedenen Malen auf die
u zu sprechen.
Vo
r unserm Gasthofe trafen wir unsere Wirthin
Sie
ihr
fragte, wo wir gewesen wären? Wir nann-
den Weg und ich erzählte ihr unser kleines
muteuer.
,Ja! sagte sie, ,das ist so ihre Art. In ihrer
ugend ist sie meine beste Freundin gewesen und
sehr besonders und sehr stolz war sie schon dazumal.
Aber sie war schön und brav, wie selten Eine, und
wir haben kein Geheimniß vor einander gehabt, bis
allmälig all das Unglück über sie hereingebrochen ist.
Sezt geht sie allen Menschen aus dem Wege, nicht
blos den Fremden, die freilich auch Unglück genug über
sie gebracht haben. Sie mag seitdem mit Niemandem
zu schaffen haben; und nachdem sie es dem Kloster
verschrieben hat, ist ihr sogar ihr Haus und Hof und
ab und Gut verleidet worden, daß sie nichts Nechtes


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mehr dafür thut. Ihr ist's jedoch kaum zu verargen,
wenn sie die Menschen und das Leben satt bekom-
men hat.?
Wir fragten, ob sie keine Kinder habe? Ob die
barmherzigen Schwestern nicht ihre Töchter wären?
,Freilich! sagte die Wirthin.,Die beiden Mäd-
chen hätten Sie aber als Kinder sehen müssen. Eine
schöner als die Andere - wahre Engelsköpfe!r
, Und Shne hat sie nicht?
Die Wirthin wurde aus dem Hause mit einer
Frage angeganFn. Sie gab rasch Bescheid, und sich
noch einmal zu uns zurückwendend, sagte sie: ,Von
dem Hause und von der Familie ist viel zu sagen,
schon von alten Zeiten her. Die Geschichten haben
sich von Mund zu Mund erhalten. Vieles hat man
selber mit erleben helfen, und waä sich danach zuleh!,
vor jenen sieben, acht Jahren zugetragen hat, ist
eigentlich vor unseren eigenen Augen hier geschehen.
Sie müssen Sich das von meinem Sohne, dem Doktor
einmal auöführlich erzählen lassen. Er war ein Freund
vom Benedikt, und meine Tochter weiß auch davon
Bescheid. Sogar einen Brief haben sie noch von ihm.
Er hatte ihn mit Absicht bei dem Doktor liegen lassen,
und auch ein Bild ist von ihm da, das ganz natür-

lich ist. Die fremde Dame hat es seiner Zeit ge-
macht und es nachher hier gelassen. Mein Sohn hat
es bei sich in seiner Stube hängen. Seine fremden
Patienten haben es oft bewundert; und er war auch
wirklich schön der Benedikt!' sezte sie hinzu, während
sie einer zweiten Mahnung folgend, eilig in das Haus
und an ihr Geschäft ging.
Sie hatte aber mit dieser ihrer flüchtigen Aud-
kunft unsern Antheil an der Geschichte jenes Hauses,
wie an dem Schicksal seiner finsteren Besitzerin wesent-
lich gesteigert. Indeß in einer Wirthschaft, in welcher
Jeder, wie in dieser, sein reichlich zugemessenes Theil
von Arbeit hat, und mehr als hundert Gäste täglich
von ihren Wirthsleuten einen freundlichen Gruß und
aufmerksame Beachtung fordern, ist denselben wenig
Zeit zu ruhigem Verkehren mit den Einzelnen gegönnt.
Der Doktor hatte während der Kurzeit ebenso wenig
Muße als seine Mutter und die Schwester, und ek
vergingen viele Tage, ehe wir seiner oder seiner Schwe-
ster habhaft zu werden und sie auf die alte Jakobäa
und auf deren Sohn zu bringen vermochten.
Dazu kam, daß sie Beide immer nur bruchstück-
weise bald dieses, bald jenes Ereignisses erwähnten,
wie sie denn auch nur gelegentlich und gegen das Ende

unseres Aufenthaltes mit dem Bilde und mit dem
Brief zum Vorschein kamen, dessen unsere Wirthin
gegen mich gedacht hatte.
Was ich auf diese Weise von der Wirthin und
von ihren Kindern, theils als alte Sage, theils als
Erzählung der Großeltern, und dann wieder als etwas
von ihnen Selbsterlebtes erfahren habe, das habe ich
in Zusammenhang gebracht, und so weit es thunlich
war, möglichst wortgetreu in der Weise wiederzugeben
versucht, wie die verschiedenen Personen es mir mitge-
theilt haben, die Zwischenglieder ergänzend und ver-
bindend, wie der Hergang es wahrscheinlich machte
und gebot.
F. Lewald, Benedikt. l.