Benedikt.
Fanny Lewald
Kapitel 19

eunzehntes Cnpiiel.

Ih« Besuch des Abtes in dem Kurhause wwar ein
wichtiges Ereigniß. Niemand konnte sich entsinnen,
daß ein Abt des Klosters sich zu einem solchen Schritte
je herbeigelassen, und man hette von dem bevorstehen-
den Ereigniß also den ganzen Morgen hindurch überall
gesprochen. Wer, wie die Kinder, von seinem Hause
fort, und von der Arbeit eben abkommen konnte, hatte
sich aufgemacht, zu sehen, wie der Abt das neue
Penfionat des Doktors durch seine Gegenwart beehren,
und wie lange er bei den fremden Frauen bleiben
würde, die dadurch in den Augen der Gemeinde eine
noch viel höhere Bedeutung erhielten.
Drüben, auf den Baumstämmen, die zum Auf-
arbeiten für den Bedarf des Winters vor dem Hause
lagen, hatten sich ein paar alte Frauen mit ihren

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Strickzeugen förmlich niedergelassen, um wo möglich
ihren Handkuß anzubringen und den Segen des Abtes
zu erlangen, wenn er das Haus verlassen würde; und
als dann Viktorinens Gesang erklungen, waren die
Leute herbeigekommen, ihn zu hören.
So hatte sich wieder einmal ein Theil Menschen
vor dem Hause versammelt, und die Schüler, die von
ihrem Spaziergang heimkehrend, dies schon von fern
erblickt, hatten ihren Führer angelegen, mit ihnen an der
Pension vorbeizugehen, um zu sehen, was es dorten
gäbe. Die eine Klasse war nach kurzem Stehenbleiben
bereits von dannen gegangen und in den Klosterhof
hinein gezegen, als Benedikt mit seinen Zöglingen in
die Nähe des Hauses kam, in welchem man den Abt
noch vermuthen konnte, und neugierig wie die Knaben
felber, ließ er einen Halt machen, als er Viktorinens
Gesang herniederschallen hörte.
Benedikt horchte hoch auf. Er hatte niemals
einen andern Gesang gehört, als den der Männer-
und Knabenstimmen in seinem Kloster, oder die Volks-
lieder, die aus den rohen Kehlen der Burschen und
Mädchen des Dorfes gelegentlich bis in die stillen
Zellen hineingedrungen waren. Die Töne aber, die
er jetzt vernahm, die waren etwas Anderes, waren

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Etwas, wovon er die Vorstellung noch nicht gehabt
hatte, bis zu dieser Stunde.
Eine ihm ganz neue Empfindung, für deren Aus-
druck er nicht Worte hatte, durchströmte sein ganzes
Wesen, als die süßen wollüstigen Klänge der veneziani-
schen Barcarole von Viktorinens voller, kunstgeübter
Stimme, meisterhaft vorgetragen, sein Ohr berührten.
Er verstand die Worte nicht, aber die Melodie und
mehr noch ein unbestimmtes Etwas in der Stimme,
machten ihm das Herz erbeben, und bemächtigten sich
seiner mit unwwiderstehlicher Gewalt. Er mußte tief
aufathmen, um nicht zu weinen vor Angst, vor Freude.
Er hätte so stehen bleiben und diese Stimme hören
mögen fort und fort, und doch trieb es ihn von dan-
nen, und er wußte, daß er hier nicht weilen könne,
nicht einmal weilen dürfe.
Es kostete ihn eine Neberwindung, als er den
Knaben, die gleichfalls noch zu bleiben wünschten, das
Zeichen zum Aufbruch geben mußte; aber er hatte sich
mit ihnen schon entfernt und der Gesang war auch
bereits verstummt, als sein starkes musikalisches Ge-
dächtniß unwillkürlich noch die träumerisch süßen Klänge
wiederholte, als er noch immer den Ton jener Stimme
in der eignen Brust nachzittern fühlte.

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Er war zerstreut bei seiner Arbeit, er fand die
gewohnte Sammlung auch nicht in der Kirche wieder,
als die Mönche sich zum Abendgottesdienste in dem
Chor versammelten. Fremde, weiche Melodien woll-
ten sich vordrängen durch die altgewohnten strengen
Weisen; und erst als er selber an der Orgel saß, kam
Stille und ernste Andacht über ihn, daß er Einkehr
halten konnte in sich selbst, und sich emporschwingen
konnte zu der Vorstellung, mit solchen Stimmen wie
diejenige, welche er heute vernommen hatte, werde
einst im Himmel lobgesungen werden vor dem Herrn
von den Geistern der Seligen, wenn die Erdenschwere
sie nicht mehr belaste.
Während dessen saß Viktorine an dem Theetisch
ihrer Mutter, an welchem der Doktor seinen Platz wie
immer eingenommen hatte.
Sie war, wie sie es nannte, im höchsten Grade
von den ausgezeichneten Manieren des Abtes ange-
than. Sie behauptete, sich förmlich geehrt und ge-
schmeichelt zu fühlen durch den Antheil, den er ihr
erwiesen, durch den Beifall,' welchen er ihr gezollt
habe; ,und, sezte sie hinzu, ,wenn ich nur wüßte,
nach welcher Seite hinaus seine Zimmer gelegen find,
so wollte ich als Bänkelsängerin dann und wann an

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seinen Fenstern vorüberziehen, und ihn mit noch weit
besseren und fröhlicherern Liedern unterhalten, als den-
jenigen, die ich ihm heute vorgesungen habe.?
,,Scherze nicht,'? warnte die Mutter, ,und miß-
brauche nicht die Nachsicht und Duldsamkeit, wwelche
der hohe geistliche Herr Dir heute bewiesen hat.?
,Nachsicht? Duldsamkeit? Rief Viktorine, die
jeder Einwand sofort zum Widerspruch reizte.,Wer
hindert denn das Volk, oder wer hindert die italieni-
schen Drehorgelspieler, wenn sie vor den Mauern des
Klosters vorüber wandern, ihre lustigsten Lieder abzu-
fingen? Und wenn meine lustigen Lieder die
frommen Brüder sehnsüchtig machen nach der
Lebenslust der Gottlosen- nun, um so besser! Sie
gewinnen dann doch eine Gelegenheit, sich in der
Selbstüberwindung zu erproben, einer Versuchung zu
widerstehen, ihre Tugend an der Verlockung zur
Sünde zu üben, und sich mit dem erhebenden Be-
wußtsein zur Ruhe zu legen, daß sie besser sind als
wir, daß sie nicht sind wie Unsereiner!r
Die Baronin fand sich der Tochter gegenüber ein
für alle Mal waffenlos. Ihre Versuche, sie zurecht zu
weisen, waren eben nur Scheingefechte, mit denen sie
sich und dem sogenannten Anftande ein schwaches

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Genüge zu thun für nöthig hielt; denn von dem un-
vergleichlichen Geiste ihrer Viktorine und von deren
Unwuiderstehlichkeit ein für alle Mal überzeugt, blieb ihr
nach dem Anlauf, den sie wagte, doch niemals etwas
Anderes übrig, als die erneuerte Bewunderung ihrer
Tochter, uns die Aussicht auf die Freude, welche die
Wiederholung von Viktorinens Worten, dem Vater in
dem nächsten Briefe machen werde.
Anders jedoch verhielt sich's mit dem jungen
Arzte. Viktorine gefiel ihm immer weniger, je öfter
er sie sah. In demselben Grade aber, in welchem
das Wohlgefallen nachließ, das ihn anfangs zu ihr
zezogen hatte, nahm das Verlangen zu, diese ihm
völlig fremde Erscheinung kennen und verstehen zu
lernen. Er wollte wissen, was sie beabsichtigte, er
konnte nicht begreifen, was ihr an der Bewunderung
eines bejahrten Klostergeistlichen gelegen sein, oder
welchen Werth es für sie haben könne, einem jungen
Mönche zu begegnen, der gar Nichts gemein hatte mit
der Welt, die sie die ihre nannte; und er sprach es
ihr im Beisein ihrer Mutter unumwunden aus, wie
die Erklärungen, welche sie ihm neulich über ihr Ver-
halten gegeben habe, ihm dasselbe keineswegs verständ-
lich gemacht hätten.

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Sie sah ihn, an und schüttelte erstaunt den Kopf.
,Ich weiß nicht, Doktor!r sagte sie, ,wie Sie es
angefangen haben, Ihre Studien zu absolviren und
alle die Lehren Ihrer Professoren in sich aufzu-
nehmen, wenn Sie so schwer verstehen und begreifen
und glauben wollen, was ich Ihnen nun doch schon
zu verschiedenen Malen klar und deutlich ausgesprochen
habe. Aber Shr gelehrten Herren müßt Mlles erst in
eine Formel bringen, um es Euch anzueignen. Nun
denn: Da haben Sie also die Formel kurz und klar
und einfach, daß Sie sie gar nicht mißverstehen
können: ich bin eine herzlose Kokette! =- Verstehen Sie
mich jetzt, und wissen Sie, was das bedeutet? Oder
soll ich's Ihnen erst beschwören, daß ich nicht leben
kann, ohne Eroberungen zu machen? Ich habe es
auf Ihre Eroberung, auf die Eroberung des Abtes
angelegt, und will mit eignen Augen sehen, wie sich
ein Naturkind in einer Benediktinerkutte gegenüber
einer herzlosen Kokette ausnimmt!- Ich bin so etwas
wie ein weiblicher Vampyr, wie eine Sphinx oder
eine Loreley,- Nur daß ich mich nicht gleich vom
Felsen stürze, wenn man das Räthsel löst, und auch
überhaupt nicht verlange, daß man sich vom Felsen
stürzt um meinetwillen!- Verstehen Sie mich jetzt?

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und sind Sie jezt im Klaren mit mir und über mich
und über meine spukhafte Verderbniß?
Sie lachte dabei mit ihrem übermüthigsten Lachen,
so daß der Mutter erneute Abmahnung davor in
Nichts zusammenfiel, und der Doktor es unmöglich
fand, ihren Worten irgend eine ernsthafte Bedeutung
beizulegen. Einer Frau wie Viktorine gegenüber war
er selber ein Naturkind, und völlig unfähig, sich in
einen Charakter hineinzudenken, dem das Wagniß
einen Genuß gewährte, je dreister und bedenklicher es
war, und der eine Befriedigung darin empfand, durch
dies dreiste Wagen zu blenden und zu täuschen.
Sprudelnder vor ausgelassener Laune und lieb-
reizender als in dieser Stunde, hatte sie der Doktor
nie gesehen. Es verdroß ihn freilich, daß sie ihn
immerfort verspottete, daß sie ihm anrieth, allen Ernstes
vor ihr auf seiner Hut zu sein, daß sie ihn fragte, ob
er es denn nicht merke, wie sie just heute darauf aus-
gehe, ihn durch ihren falschen Freimuth sicher zu
machen, um ihn zu bezaubern. Er konnte ihr heute
weniger als jemals zürnen, und wider seinen Willen
blieb er weit über die gewohnte Stunde in den Zim-
mern der Baronin.
Als er sich dann entfernen wollte, reichte Viktorine

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ihm die Hand, und sie ihm treuherzig schüttelnd sprach
sie: ,Geben Sie sich nur zufrieden, Sie sind mir
nun einmal verfallen und ich lasse Sie nicht wieder
los. Aber warnen Sie der Sicherheit wegen immer-
hin den Pater Benedikt. Ich schreibe die alte römische
Hymne für den Herrn Abt auf, und sie soll gesungen
werden von den Klosterschülern. Daß ihm oder seinen
Schülern nur kein Schaden dadurch geschieht!?
,. Verlassen Sie sich darauf, daß ich es thue!?
entgegnete ihr der Doktor mit einer Art von Schrecken
und sehr ernsthaft.
,Aber thun Sie es bald!? scherzte Viktorine ,ich
komme Ihnen sonst zuvor!'