Benedikt.
Fanny Lewald
Kapitel 20

Eg war ein herrlicher Morgen, der dem Abend
folgte. Alles glänzte, Alles funkelte in der Natur.
Die Sonne und die Luft, der Schnee auf den Gipfeln
des Gebirges und die Gletscher unterhalb des Schnees,
die in wechselndem Farbenspiele leuchteten, je nachdem
der Sonnenschein sie traf. Die wallenden Wasser-
massen, die hier und dort herniederschossen, schimmerten
wie flüssiges Silber. Der Thau, der noch von den
Aesten der Bäume hernieder tropfte, glitzerte in buntem
Scheine, und an den Büschen und auf dem vollen
Gras der Wiesen, blinkte und strahlte es, als wäre
ein Diamantenregen auf das Thal herab gefallen.
Kein Lufthauch regte sich, kein Schall, kein Laut.
Die Stille war überwältigend, als Viktorine aus
dem Garten in die Wiesen ging. Sie hatte das helle
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Morgenkleid ein Wenig aufgeschürzt, sich das Fort-
kommen zu erleichtern, ein feuerrother Shawl hing
über ihrem Arm, ihr Skizzenbuch trug sie in der
Hand.
An dem Steg, der über den Mühlbach führte,
blieb sie stehen. Die Erhabenheit der Natur über-
wältigte sie. Sie hielt sich an der leichten Lehne und
sah dem Verstäuben des Wassers zu, wie es von dem
breitgezahnten Rade der Klostermühle niederträufte,
und dann wieder in Eins gesammelt, rasch hinabschoß
durch das Thal, und weit und weiter bis hinunter in
den See.
,,Glänzen! schimmern! verstäuben und unter-
schiedslos verschwinden in dem Unerfaßbaren, das man
als das All bezeichnet!r sagte sie unoillkürlich zu sich
selbst, und es flog ein Schatten über ihre Züge. Aber
im nähsten Augenblick hob sie ihr Skizzenbuch empor
und schrieb stehenden Fußes den Gedanken, wie er ihr
gekommen war, in dem Buche nieder; denn er gefiel
ihr, ud sie wußte Jemand, dem er besser noch ge-
fallen ollte, wenn er ihn in einem Briefe von ihrer
Handschrift lesen würde.
Sie folgte dem Lauf des Wassers bis zu der
Stelle, da der Weg emporstieg in's Gehölz. Es wehte

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ihr aus den Büschen frisch und kühl entgegen, und so
leichten Fußes sie auch war, konnte sie nuur langsam
steigen, denn der Pfad war noch vom Thau getränkt
und glatt.
Eine Viertelstunde und darüber mochte sie so ge-
zangen sein, als es heller in dem dichten Holze wurde.
Breite Sonnenstrahlen fielen durch die Zweige, goldi-
ges Licht lagerte sich auf den altbemoosten Steinen.
Die Eidechsen schlüpften, sich zu sonnen, schnell hervor,
die Käfer erhoben sich, die trocken gewordenen Flüügel
regend, und aus dem Tannendickicht, das über dem
Laubgebüsch die Klostermatte einschloß, quoll warmer
Harzgeruch balsamisch auf.
Da Licht war blendend, als sie aus dem Holz
heraustrat, blendend selbst für Viktorinens Auge. Sie
mußte es flüchtig mit der Hand bedecken. Als sie dann
um sich schaute, sah sie den Pater Benediktus vor sich.
Er saß lesend auf einer der beiden Bänke, welche
da oben aus rohen Stämmen aufgerichtet waren.
Sein Hut lag neben ihm, das Sonnenlicht wob durch
die Aeste der beiden großen Lärchenbäume hellen
Schimmer um sein jugendliches Haupt.
Lls er Viktorine gewahrte, erhob er sich. --
, Bleiben Sie! Bleiben Sie ganz ruhig, Pater Bene-

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Ekt!? rief sie, indem sie mit freundlichem Gruße
rasch, wie es ihre Weise war, an ihn herantrat. ,Sch
gehe augenblicklich fort! Ich will Sie nicht in Ihrer
Andacht stören!?
Er hatte sein Buch zugeschlagen und den Hut zur
Hand genommen. ,Auch meines Verweilens ist hier
nicht mehr lange,! entgegnete er. ,Der Unterricht
beginnt um die siebente Stunde, ich muß hinab in
meine Klasse,?
,Und Sie gehen alle Morgen auf diese Matte,
sich im Gebete hier zu sammeln? fragte Viktorine.
Es fiel ihm nicht auf, daß sie sich von seiner
Gewohnheit unterrichtet zeigte, und nur dem letzten
Theile ihrer Frage begegnend, versetzte er: ,Ech glaube,
sich zu sammeln ist dies nicht der Ort. Selbst zum
Lesen ists hier oben fast zu schön!?
Die einfachen Worte überraschten sie, denn der
Ausdruck seiner Mienen, der Ton seiner Stimme
gaben ihnen eine besondere Bedeutung trotz der Zurück-
haltung, welche die klösterliche Zucht ihm angeeignet
hatte. Viktorine fand ihn schöner noch, als er ihr
bisher erschienen war, und auch das schüchterne Wohl-
gefallen entging ihr nicht, mit welchem er an ihrem
Antliz hing.

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,Wie verschieden man empfindet!r bemerkte sie,
indem sie ihre Augen auf ihn ruhen ließ. ,Mich
macht das Betrachten dieser herrlichen Natur zu frohem
Dank geneigt, und weil Alles um mich her so schön
und so erhaben ist, frage ich mich hier weit eher als
sonst irgendwo: Bist du in Harmonie mit so viel
Schönheit? Bist du werth, sie zu genießen?-- Das
aber dünkt mich, das ist Andacht, ist Gebet und
Gottesdienst!r?
,Für Sie kann das wohl sein!'? versezte er.
,Sie kennen die Welt, welche jenseits dieser Berge
liegt; ich aber--' er brach mit einem Seufzer ab.
,Nun Sie? fragte Viktorine.
,Ich kenne Nichts als dieses Thal und diese
Berge! Ich bin zudem an jedem Tage hier! gab
er ihr zur Antwort.
, Und was fesselt Sie denn gerade an die Kloster-
matte?' fragte sie.
Er sah sie an, als verstehe er nicht, was sie mit
dieser Frage wolle. Er hatte sich gegen den Stamm
des Baumes gelehnt und die Arme in einander ge-
schlagen. Die Stellung war ebenso natürlich als an-
muthig; Viktorine, die sich auf der Bank niedergelassen,
hatte Freude an seinem Anblick.

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,Ich meine,'' wiederholte sie, ,der Aufenthalt
hier oben muß Ihnen doch erwünscht sein, weil Sie
ihn immer wieder suchen.?
,Ich gehe hierher, sagte er mit trübem Lächeln,
,, wie ich mich bisweilen niedersetze an's Klavier -
ohne recht zu wissen, was ich will!?
, So sind Sie vermuthlich gewohnt, wie eine
Künstlerseele am Instrument zu phantasiren, und ge-
neigt zu träumen und zu schwärmen in der Einsam-
keit und Stille der Natur!r bemerkte sie.
Er blieb ihr die Antwort darauf schuldig; aber
das Roth, das seine Wangen färbte, und der erstaunte
Blick, mit welchem er sich zu ihr wendete, zeigten ihr,
daß sie ihn errathen habe.
,Ich habe Sie gestern singen hören! sagte er
dann plözlich, und hielt wieder inne.
, Und ich bin hier hinaufgekommen, um hier im
Freien einen Hymnus aufzuschreiben, den ich gestern
dem Hochwürdigen Herrn vorgesungen habe, einen
Lobgesang auf Rom, den er von Ihren Schülern
singen lassen will. Kennen Sie ihn vielleicht
schon?
Er verneinte dies. , So will ich Ihnen gleich
die erste Strophe singen,' sagte sie und mit Klarheit

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die Töne einfetzend, trug sie ihm den Anfang des alt-
ehrwürdigen Gesanges ror:
O Koma no bilis
Orbis et äomins,
Vunetarum urbium
Tpceellentissims;
Koaeo murtzrumm
Ssnguine rubes,
Albis et irgimuuu
Diliis eanäiäs.
Salatem äieimus
Dibi ger ormis.!
Do bensäieimus
SUlee ger sueeulul
Sie ließ das mächtige sulre ger sseeuls! in
lang getragenen Tönen voll und gewichtig ausklingen,
und sie selber fühlte sich davon ergrifen. Die Musit
erschien ihr in der tiefen Einsamkeit bedeutender, ihre
Stimme gewaltiger, der Klang der lateinischen Sprache
prächtiger, und die anbetenden Segensworte, die ein
Jahrtausend überdauert hatten, ehrwürdiger als je
zuvor.
Der junge Mönch stand regungslos vor ihr, die
Hände wie zum Gebet gefaltet, das Auge im Ent-
zücken an die Sängerin gebannt. Er hielt sich nur
mit Mühe, daß er nicht vor ihr niederkniete. Seine

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Erschütterung rührte Viktorine und schmeichelte ihr
zugleich.
,Nicht wahr!r sagte sie, als der lezte Ton ver-
hallt war, , das lohnt des Aufbewahrens, das ist
groß!?
,Waren Sie in Rom?! fragte Benedikt, wie aus
einem Traum erwachend.
,Sa! zu verschiedenen Malen,? entgegnete sie
ihm. , llnd jedes Mal, wenn am fernen Horizonte
vor meinem Auge die Kuppel der Peterskirche sich in
ihrer Majestät erhob, habe ich der Milllonen von
Menschen gedacht, die durch die weite Fläche der
Eampagna pilgernd, bei dem gleichen Anblick das
ts beneäieimus, suuee ger sseoulu! mit begeisterter
Inbrunft ausgerufen haben.-- Sie müssen sehen
auch nach Rom zu kommen, Pater Benedikt, schon
als Musiker und Sänger!''
,Wenn ich wollen dürfte!r stieß er hervor und
drängte zurück, was ihm noch auf der Lippe schwebte.
Aber diese wenigen Minuten hatten wie ein urplözlich
hereingebrochener Orkan seine Seele aufgeregt. Wie
mühsam er sich zu beherrschen strebte, er vermochte
den Strom seiner Gedanken und Empfindungen in

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dem Augenblicke nicht einzudämmen in die ihm eng
und strenggezogene Schranke; und wider seine Absicht
fortgerissen, sagte er: ,Ich habe dieses Thales Grenze
nur ein einzig Mal, nuur als Knabe für wenig Stun-
den überschritten, und ob ich es in der Zukunft je
einmal verlassen werde, ob ich jemals hinauskommen
werde aus dem engen Kreise, den diese Berge und
unseres Klosters Mauern meinem Blicke ziehen, dar-
über zu entscheiden hab' ich nicht.?
,Aber Ihr Wünschen würde man vielleicht be-
achten!'? fiel sie ihm ein, weil die Leidenschaft in seiner
Stimme ihre Theilnahme erweckte.
,Mein Wünschen? wiederholte er, und hielt
wie vor sich selbst erschrocken auf das Neue inne. --
Seine Selbstbeherrschung machte Viktorine betroffen,
sie wußte nicht gleich, was sie ihm sagen sollte, und
ihr Schweigen gab dem Aufgeregten seine Fassung
und die ihm angewöhnte Haltung wieder.
,Ich habe nicht zu wünschen,' sagte er mit er-
lernter Gemessenheit, ,ich habe zu vertrauen in des
Herrn allweise Güte und meinen Oberen zu gehorchen.
Was sein Wille, was ihr Befehl mir zuerkennt, das
habe ih zu thun und zu segnen!'
Sein Auge senkte sich, wie er die Worte sprach;

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der helle Glanz der Jugend, der emporgeflammt war
in seinem schönen Anliz, war plötzlich wie erloschen,
und sich flüchtig vor ihr neigend, sagte er ihr, der ge-
sellschaftlichen Form nuur wenig kundig, ein kurzes
Lelewohl.
Sie sah ihm nach, wie er mit raschem Schritte
die Höhe niederstieg, bis er endlich in des Klosters
Mauern ihrem Blick entschwand.
,Der Schritt ist viel zu rasch und stolz für einen
Kl sterbruder; und zum Entsagen ist der nicht ge-
macht! sagte sie zu sich selbst. --- Dann sezte sie sich
nieder, nahm aus ihrem Skizzenbuche ein Notenblatt
hewvor und brachte, ihn leise singend, den alten Hymnus
zu Papier.
Ende des ersten Bandes.