Benedikt.
Fanny Lewald
Kapitel 02

Iz, Auschafft's sind eine der ältesten Familien
des Thales. Sie sollen über dreihundert Jahre in
demselben angesessen und seit ein paar hundert Jahren
immer schon sehr wohlhabende Leute gewesen sein.
Zu den Zeiten, als der dreißigjährige Krieg in
Deutschland gewüthet, hat oben in dem Hofe ein An-
schafft gesessen, der drei Söhne gehabt hat; und weil
er darauf gehalten, daß sein Hof und Anwesen einmal
nicht zertheilt werden, sondern beisammen bleiben sollten,
hat er Nichts dawider gehabt, daß sich seine beiden
jüngsten Söhne unter dem Wallenstein haben anwerben
lassen, um gegen die Protestanten und gegen den
Schwedenkönig, zur Ehre Gottes und der Heiligen
Jungfrau, in den Krieg zu ziehen.
Ee ist einige Jahre keine Nachricht von ihnen

gekommen, bi? endlich der Jüngste geschrieben hat,
daß der ältere Bruder in der Schlacht gefallen, er
selber aber gesund geblieben sei. Er sei allmälig zum
Wachtmeister aufgerückt, er denke also gar nicht mehr
daran, nach Hause zurückzukehren, sondern wolle bei
dem Waffenhandwerk bleiben, in welchem er es zu
etwas Ordentlichem zu bringen hoffe. Es wären
Obristen und Generale in der Armee, die von der
Pike heraufgekommen wären, und was dem Einen
gelungen wäre, das könne dem Andern auch gelingen,
wenn er nur sein Ziel nicht aus dem Auge ließe, und
dieses nicht zu thun, sei er ja der rechte Mann.
Da während der Abwesenheit der beiden jungen
Leute ihre Mutter auch gestorben war, der Aelteste
aber, auf den der Vater es einzig abgesehen hatte,
sich mit einer Erbtochter versprochen hatte, so war
kein großes Trauern um den Todten, den zu sehen
man ohnehin seit Jahren nicht mehr gewohnt gewesen
war, und wenn der Jüngste sich zu einem Obristen
und großen Manne aufschwingen konnte, so dachten sie,
daö solle und könne ihnen recht sein. Indeß es kam
mit einem Male anders, als sie es erwartet hatten.
Dicht vor dem Hochzeitstage legte sich der Bräutigam
und starb, und es verstand sich für den Vater nun

durchaus von selbst, daß der Jüngste jezt nach Hause
zu kommen und sein Erbe anzutreten verpflichtet sei.
Der mußte aber lange gesucht werden, ehe man
ihn in jenen unruhigen Zeiten finden konnte, und als
man ihn gefunden hatte, wollte er nicht kommen.
Er wollte nicht davon hören, daß er das bunte Waffen-
kleid von sich thun, den Bauernkittel anlegen, das
Schwert mit der Sense vertauschen, und auf des
Vaters Matte in dem weltabgeschiedenen Thale als
ein Landmann leben sollte, statt mit lustigen Gesellen
hinter seinem Fähnlein in der Welt herumzumarschiren,
und von Flbenteuer zu Abentener fortzuziehen. Zu-
lezt jedoch, alö sich auf des Vaters Antrieb sogar der
Abt des Klosters mit einem Schreiben an den Obristen
des Negiments gewendet hatte, damit er den Anselmus
Anschafft frei lassen und zur Heimkehr bewegen möge,
ist dieser endlich doch nach Hause gekommen, wobei
es sich denn bewahrheitet hat, daß es dem Menschen
nicht immer zum Heil ausschlägt, wenn er seinen Willen
durchsezt.
Das Haus war da, das Gut war da, die Braut
und die reiche Aussteuer waren ebenfalls da, und der
Anselmus hat es sich zuerst, als er nur erst zu Hause
war, auch ganz gut gefallen lassen, in des ältesten

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Bruders Stelle einzutreten. Das Wohlgefallen hat
jedoch nicht lange vorgehalten, denn die Sehnsucht
nach dem unruhigen Leben ist nach kurzer Jeit gleich
wieder über ihn gekommen. Dem Vater hat er nicht
pariren wollen, weil er kein Offizier, sondern nur ein
Landmann war; die ruhige Arbeit hat ihm noch weit
weniger geschmeckt, als die heimische Kost und das
tägliche Einerlei, und seiner Frau ist er nach Jahr
und Tag gleichfallö satt geworden, weil er auch darin
an Wechsel gewöhnt gewesen ist. Streit und Hader
haben nicht lange auf sich warten lassen und nicht
wieder aufgehört, und wie der Vater nur erst die
Augen zugemacht, der doch wenigstens die Hand auf
dem Geldbeutel gehabt hatie, ist die Maria Josepha
ihres armen Lebens mit dem Anselmus nicht mehr
froh geworden.
Mit weinenden Augen hat sie es ansehen müssen,
wie der Mann in Spiel und Trunk immer tiefer
heruntergekommen, wie die nothwendige Arbeit unge-
than geblieben ist, und wie erst eine Matte und dann
die andere verkauft worden ist, daß die Frau bald
nicht mehr viel Anderes ihr Eigen zu nennen gehabt
hat, als ihre Kinder und das Dach und Fach über
ihrem Kopfe. Aber auch das Dach und Fach sind nicht

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ihr geblieben, denn als der Mann einmal seiner Sinne
nicht mehr mächtig, von der Kirchweih in der Stadt
zurückgekommen ist, da ist durch sein Verschulden im
Hause ein Feuer ausgebrochen, bei dem er selber zum
Krüppel geworden ist, und aus dem die Frau Nichts
gerettet hat, als die Kinder und das nackte liebe
Leben.
Der Mann hat es danach nicht lange mehr gr-
macht. Der unglücklichen Wittwe, mit der Jedermann
hat Erbarmen haben müssen, sind sie ans dem Kloster
zu Hülfe gekommen, und nachdem die brave Frau
nur erst freie Hand gehabt hat, hat sie zu arbeiten
und zu schaffen angefangen, daß es die Leute in Ver-
wunderung gesezt hat, und daß sie am Abend ihres
Lebens wieder ein schönes Stück Geld zusammen ge-
bracht, fast alle Matten zurückgekauft, das Haus oben
aufgerichtet und mit der Inschrift versehen hat, die
noch heute an demselben steht. Durch diese Inschrift
haben sich denn ihr Andenken und die ganze Ge-
schichte unter den Menschen lebendig erhalten, die
sonst im Laufe der langen Zeiten natürlich verloren
und vergessen worden wären.
Seitdem ist das Grundstück, und es sind nun
bald zweihundert Jahre her, immer unter den An-

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schafft's geblieben, aber eö soll auch von jenen Zeiten
her unter ihnen sein, daß der rechte tüchtige Sinn
und die eigentliche Arbeitskraft mehr unter den Frauen
als unter den Männern des Hauses zu finden ge-
wesen sind. Das Landsknechts Blut hat in den Män-
nern immer herumgespukt. Sie haben Kriegsdienste
genommen hier und dort. Es haben Viele von ihnen
außer Landes ihr Ende gefunden, und unter den alten
Leuten des Thales weiß Mancher es noch zu erzählen,
was er in seinen jungen Jahren von den Abenteuern
der verschiedenen Anschafft's erlebt und berichten ge-
hört hat.
Zu der Zeit als die jezige Besizerin des Hauses
auf die Welt gekommen ist, hat das Haus zwei
Brüdern gehört, die einmal ausnahmsweise Beide
darin geblieben, und in gutem Einvernehmen mit
einander zurecht gekommen sind. Der Eine, Martin
Anschafft, hat nuur einen Sohn gehabt, mit Namen
Maurus, und dem Andern ist von einer gannzen Menge
Kindern nur eine einzige Tochter am Leben geblieben,
eben die Jakobäa, die noch jezt in dem Hause waltet.
Ec hat sich also bei den Vätern ganz von selbst ver-
standen, daß Maurus und Jakobäa ein Paar werden
müßten, damit das Haus und was dazu gehörte -

A
und die Anschafft's waren inzwischen immer mehr in
die Höhe gekommen - so in der Familie erhalten
bliebe, wie die Brüder es besaßen.
Dem Mädchen ist das ebenfalls natürlich vorge-
kommen und ganz recht gewesen. Der Spruch an den
Hause, mit dem sie aufgewachsen, war ihr auch wie
eingewachsen.
Jakobäa hat es gar nicht anders gekannt und ge-
dacht, als daß fie einmal den Maurus zun Manne
bekommen würde, und da sie nebenher von Kindes-
beinen an sich zur Wirthschaft gut angelassen, und
früh gelergt Jat, wie viel Bazen auf ein Schock gin-
gen, so hat sie es auch zeitig begrifßen, daß zwwei
Hälften ein Ganzes machen, und mehr werth sind,
als ein Halbes. Daß einmal eine Andere als sie
neben dem Maurus in dem Hause fitzen sollte, oder
gar, daß sie mit einem Andern aus dem Hause fori-
gehen könne, in dem sie geboren worden war, und
das die Maria Josepha Anschafft für sich und ihre
Nachkommenschaft wieder aufgebaut hatte, das ist der
Jakobäa in ihrem Stolze ganz unmöglich vorgekon-
men. Sie hat also an dem Vetter wie an einem
Theile von ihrem Eigenthume festgehalten, und damit
hat sie es zumeist bei ihm verdorben. Sie hatte ihn

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gerade damit ganz besonders aufgestachelt, den beiden
Alten und ihr selbst zum Trotze fortzugehen in die
Fremde.
Die Männer, die mit ihm jung gewesen sind,
haben ihn oftmals sagen hören, daß er kein Felsblock
sei, der für ewige Zeiten stehen bleiben müsse, wo er
einmal stehe. Er sei auch kein Erbstück, wie eine alte
Truhe, oder wie das Vieh, daö mit dem Hause und
dem Hofe übernommen werde. Er lasse sich von Nie-
mandem versprechen, so wenig er sich verkaufen oder
verdingen lassen würde gegen sein Belieben. Er sei
ein freier Mann, und Gott habe dem Menschen Ver-
nunft und freien Willen gegeben, damit er über sich
selbst bestimmen und für sich selber wählen sollte.
Hier oben in den Bergen zu bleiben und immer nur
Gras zu mähen, das Vieh zu hüten und die Käse
in die Welt hinauözuschicken, sei er nicht gesonnen;
das könnten Andere thun, die nicht seine Kräfte und
seine Länge und seine breiten Schultern häiten. Er
wolle lieber in die Welt gehen, sich in ihr umthun,
wie schon so Mancher von ihnen es vor ihm gethan
habe. Er wolle sehen, wie es ihm in der Welt ge-
fallen werde, und nachher sei es noch Zeit genug, sich
zu entscheiden, ob er sich hier oben in den Bergen


festsezen, und ob er die Jakobäa oder eine Andere
zum Weibe haben wolle oder nicht. Wolle sie das
abwarten, so habe er nichts dawider, wolle sie das
nicht, so sei ihm das eben so genehm. Es müsse
Jeder thun, wie eö ihmt, nicht wie es Andern beliebe
und gefalle.
Je mehr die beiden Väter ihm entgegen gewesen
sind, um so fester hat er natürlich auf seinem eignen
Sinn bestanden, und je mehr hat es die Jakoläa ver-
drossen, daß er ed kund gegeben, wie er sich gar Nichts
aus ihr mache. Aus seiner Gleichgültigkeit und aus
ihrem Stolze, gie immer wieder sich an einander ge-
rieben und gestoßen haben, ist wie aus hartem Stein
und kaltem Stahl der Funken in ihr Herz gefallen.
Sie hat es ihm nicht zeigen wollen, daß sie ihn liebte
und ist bitter nnd eigensinnig gegen ihn geworden;
und weil sie sich dazwischen doch verrathen hat, hat
er auch sein Vergnügen daran gehabt, sie damit zu
kränken, daß er sie verschmähte. Es ist ein immer-
währender Unfriede zwischen den jungen Leuten ge-
wesen.
Darüber hat es denn endlich auch unter den
Vätern Streit gegeben, und wie der Maurus immer
wieder fest und bestimnt erklärt hat, daß er unter

keiner Bedingung länger in dem Hause und in dem
Thale bleiben werde, so hat der Beichtvater des Hauses,
dem die Väter ihre Noth geklagt haben, sich in das
Mittel gelegt und dem Widerspenstigen den Rath ge-
geben, er solle, wenn er denn durchaus in die Welt
hinaus wolle, sich auf eine bestimmte Anzahl von
Jahren unter die Schweizer einschreiben lassen, die in
Rom die Leibwache des heiligen Vaters bildeten. Das
sei ein Beruf, an dem Gott Wohlgefallen habe, man
wisse denn auch, wo er sei und bleibe. In Rom
werde er in dem rechten Glauben aufrecht erhalten,
und da er ein großer und ansehnlicher junger Mann
sei, der in der Klosterschule guten Unterricht genossen
habe, so könne er auf diesem Wege nicht nur zu Ehren
kommen, sondern auch sein Seelenheil befördern.
Man hatte dem Maurus in den alten Bildwerken
der Klosterbibliothek die Abbildung der Schweizer Helle-
bardiere des Papstes gezeigt, die, wie alte Ritter an-
gethan, in den großen Prozessionen mit ihren Helle-
barden vor dem Thronhimmel hergehen, auf welchem
der Papst durch die prachtvollen Hallen der Peterskirche
getragen wird, und er hat von da ab die Stunde
kaum erwarten können, bid er mit des Frühlings An-
fang sich auf den Weg nach Rom begeben konnte.

Mußten sie ihn einmal gehen lassen, so war das
den Vätern noch der liebste Weg, und da die Jakobäa
trotz ihres Stolzes fromm und dem Zuspruch ihres
Beichtvaters von Herzen zugänglich war, so söhnte
auch sie sich mit dem Gedanken aus, daß Maurus
die Heimath und sie verlassen sollte, um den heiligen
Vater zu bewachen, gegen den in jenen Jahren sich
in seinen eigenen Landen zu verschiedenen Malen Auf-
ständige erhoben hatten.
Ehe er fort ging, genossen die beiden Väter und
Jakobäa und Maurus zusammen noch das heilige
Abendmahl. Pater Theophil, der damals eben erst die
großen Weihen empfangen, hat ihn besonders noch ge-
segnet und ihm einen Empfehlungsbrief verschafft, der
ihm auf seinem Wege in den Klöstern Aufnahme und
Herberge erwirken sollte. Man hatte ihn übrigens gut
auögestattet, wie es einem jungen Menschen zukam,
dessen Vater im Vollen saß, und als er dann am
lezten Abende in der oberen Stube die Goldstücke in
dem Ledergurte verwahrte, den er am andern Morgen
auf dem bloßen Leibe anlegen sollte, hat die Jakobäa
neben ihm gestanden und nachdenklich zugesehen, wie
er die Stücke überzählte.
Gesprochen haben sie Beide nicht. Draußen hat

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der Föhn geweht und der alte Birnbaum, der schon
seit vielen Jahren keine Früchte mehr getragen, und
den man nur noch stehen lassen, weil er schon wer
weiß wie lange neben dem Hause gestanden hatte, hat
in dem dürren Wipfel geknirrt und geknarrt, daß es
sich anhörte, als würde er in jedem Augenblicke brechen.
, Ob der noch stehen wird! sagte darauf Mau-
rus, und Nichts weiter.
, Der hält noch mehr aus, als die paar Jahre!'
meinte Jakobäa, und hatte nicht das Herz, den Vetter
anzusehen.
,Es ist nicht gesagt, daß ich in ein paar Jahren
wiederkomme! gab er ihr zur Antwort. , Hier oben
ist ja Nichts zu holen.
Jakobäa hat darauf geschwiegen, und als er seine
Sachen hergerichtet hatte, wollte er hinausgehen. Sie
aber rührte sich nicht von der Stelle und kämpfte hart
mit sich. Mit einem Male, wie er schon unter der
Thüre stand, trat sie an ihn heran und hielt ihn fest.
,Soll ich auf Dich warten? fragte sie.
Er blieb stehen, sah sie an, wendete sich wieder
von ihr ab, und entgegnete:,Halt' das, wie Du
willst. Es thut Jeder, was er nicht lassen kann! --
und damit ging er fort.