Benedikt.
Fanny Lewald
Kapitel 03

Heittes
F. Lewald, Benedikt. l.
Onpitel.

E: hatte versprochen, daß er Nachrichi von sich
geben wollte und sie warteten und warteten darauf,
ohne daß sie kam. Endlich, weil man gar Nichts
von ihm hörte, schrieb der Herr Prior, der in Rom
viel Anhang und Bekanntschaft hatte, an Einen, der
es leicht erfahren konnte, er möge sich doch einmal
erkundigen, ob der junge Maurus Auschafft in Rom
angekommen, und in die Leibwache des heiligen Vater?
eingetreten wäre.
Die Antwort fiel verneinend aus, und es wußte
nun hier oben Niemand, was er nur davon denken
solle. Die Einen vermutheten, er sei zu Schaden
und um das Leben gekommen, die Andern wollten
nicht daran glauben, weil er ein starker und ent-
schlossener Mensch war. Sie meinten, er würde auf

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gut Glück wo anders hingegangen sein, weil er sich
niemals Etwas hatte vorschreiben lassen und nie lange
bei demselben Vorsaz geblieben sei; und es stellte sich
danach heraus, daß diese Letzteren das Richtige ge-
troffen hatten.
Er war schon über Jahr und Tag von Hause-
fvrt, als endlich ein Brief von ihm ankam, und zwar
nicht aus Italien, sondern aus Algier. Das hing
aber so zusammen.
Der Herr Abt hatte ihm, als der Maurus fort-
gegangen war und weil er durchaus das Meer zu
sehen verlangte, die Reisestraße in der Art vorgezeichnet,
daß er zuerst nach Genua wandern und sich von dort
nach Eivita vecchia einschifen sollte. Nach Genua war
er auch wirklich gekommen, und zwar in Begleitung
von ein paar anderen jungen Leuten, die auf dem
Wege nach Frankreich gewesen waren, um dort in die
Fremdenlegion für den französischen Kriegsdienst in
Algier einzutreten. Es waren lustige, verwegene
Burschen gewesen, die es ihm vorgestellt hatten, daß
es ein langweiliges Gewerbe sei, mit der Hellebarde
auf der Schulter heute im Vatikan und morgen im
Quirinal auf den Posten zu ziehen, um einen alten
Pfafen zu bewachen. Sie hatten dabei nicht ermangelt,

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ihm das Leben eines französischen Troupiers und die
Aussichten, die ein muthiger junger Mann grade in
den französischen Colonien habe, in den verlockendsten
Farben auszumalen.
Maurus hatte diese Schilderungen sehr nach seinem
Geschmack gefunden, die mitgenommenen Goldstücke
waren vermuthlich in Gesellschaftseiner neuenFameraden
auch schnell flüssig geworden, und er meldete denn jezt
ohne sich auf weitere Erklärungen einzulassen, daß er
in der Fremdenlegion Dienste genommen habe, daß;
es ihm in derselben gut gehe, und daß er sobald nicht
wiederkemmen werde. Es sei bei ihnen in Algier vie!
schöner und ein ganz anderes Leben als zu Hause.
Von dem Heimweh, von dem man immer sage, daß
es den Schweizer in der Fremde befalle, und ihn in seine
Berge zurückziehe, könne er noch Nichts verspüren;
und man möge sich also keine Sorgen machen seinet-
wegen.
Oben in dem Thale hörten sie das gelassen an.
Das Heimweh wird schon noch kommen, sagten sie,
und des Maurus Vater verließ sich auch darauf. In-
deß es verging ein Jahr um das andere, ohne daß
er wiederkehrte. Nachricht gab er immer seltener und
immer weniger von sich, bis man sich daran gewöhnte,

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daß man Nichts mehr von ihm hörte, und daß er
eben nicht mehr da war. Die beiden Alten wirth-
schafteten mit der Jakobäa ruhig fort, denn sie war
noch immer bei ihnen und hatte auch nech keinen
Mann genommen, obschon es ihr an Vorschlägen und
Bewerbern nicht gemangelt hatte, da sie schön und
reich war.
Sie hatte an einem Jeden, der bei ihr anfragte,
irgend Etwas auszusetzen. Jeder aber, den sie also
abgewiesen, ward ihr Feind, und zuletzt hieß es, sie
wolle warten, bis der Maurus einmal umgekommen
sein würde. Dann wäre sie die einzige Erbin in dem
Hause, und sie hoffe ofenbar sich dann noch besser
an den Mann zu bringen, als jezt mit dem halben
Erbe.
Damit jedoch ihat man ihr schweres Unnecht,
denn sie war weit daven entfernt, sich Nechnung auf
des Vetters Tod zu machen. Von frühester Kindheit,
an hatte sie an ihm gehangen, und von der Stunde
ab, da er von ihr mit so kaltem Wort geschieden war,
hatte sie keinen anderen Gedanken mehr gehabt, als
ihn allein. Sie meinte, er habe sich nur so kalt ge-
stcllt, um sie zu quälen, wie e seine Art war. Er
könne es aber doch in seinem Inneuu gar nicht anders

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gedacht haben, als daß sie trotz alledem zusammen-
gehörten. Er habe es auch ganz genan gewußt, daß
sie auf ihn warten würde, bis er zurückkäme; und
früher oder später werde er wiederkehren, damit sie
hier in dem Hause, daö von der Maria Josepha für
sie und ihre Nachkommenschaft gebaut worden war,
ein Paar werden könnten, wie es sich gebührte.
Jakobäa war siebzehn oder achtzehn Jahre alt
gewesen, als Maurus in die Fremde gegangen war
und sie hatte ihre vierundzwanzig zurückgelegt, als ihr
der Vater starb. Nun waren nur noch fie und der
Ohm im Hause, der auch nicht mehr wie früher bei
Kräftei war, und die ganze Wirthschaft lag im Grunde
ganz allein auf ihr. Sie hatte Alles in der Hand,
bestimmte und verhandelte Alles nur nach ihrem Kopfe.
Sie betrug sich gar nicht mehr wie ein unverheirathetes
junges Frauenzimmer, kümmerte sich auch nicht mehr
um die Junggesellen, und so kam sie mit all ihrer
Schönheit und mit all ihrem Hab und Gut in das
alte Register und in Vergessenheit, als wäre sie für
die Männer nicht mehr zu haben. Sie sagte freilich
immer: so wie es wäre, wäre es ihr gerade recht,
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Das ist so hingegangen, bis sie hoch in den Zwan-
zigern gewesen und der Ohm endlich auch gestorben ist.
Natürlich hat das dem Sohne sogleich angemeldet
werden müssen. Der Ammann hat es ihm sofort ge-
schrieben, der Herr Abt hat ihm gleichfalls schreiben
lassen, und sie haben die Jakobäa aufgefordert, es ven
ihrer Seite ebenso zu thun.
Das hat sie aber nicht gewollt. Sie hat ent-
gegnet, sie habe dem Maurus weiter Nichts zu sagen.
Er werde ja kund geben, ob er nach Hause kommen
und sein Erbe selbst bewirthschaften wolle oder nicht.
Komme er nicht, so müsse sie zusehen, wie sie sich
mit ihm auseinandersetze, denn aus dem Hause gehe
sie in keinem Falle fort. Ein Frauenzimmer von
ihrem Stamne hätte es der Zeit für die Familie
aufgerichtet, und sie sei eben so gut wie die Maria
Josepha im Stande, es bei der Familie auf ihre eigene
Hand zu erhalten, wenn der Maurus so pflichtvergessen
sein könnte, sich davon frei machen zu wollen. Sie
werde abwarten, was er zu thun gesonnen sei und
dann weiter zuschauen.
Diesmal haben sie auf seinen Bescheid nicht so
lange zu warten brauchen. Der Maurus ist bald
selber angekommen, und sie erzählen noch im Thale,

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wie man am Anfang gar nicht hätte glauben wollen,
daß er es wirklich sei.
Er war von der heißen afrikanischen Sonne
schwarzbraun geworden, als wäre er in Afrika ge-
boren. Er hat einen prachtvollen Bart getragen, und
obschon er es nicht weiter gebracht hatte, als bis zum
Unteroffizier, hat er vornehm ansgesehen und stolz ge-
than, wie kein inländischer General. Mlles ist ihm
z gering vorgekouunten und Jedeun, der es hat hören
wollen, hat er gesagt, daß er sich allerdings frei ge-
macht habe und zu
wolle, daß es ihm
weniger gefalle, als
Hause bleiben könne, wenn er
aber in den Bergen jetzt noch
sonst vordem. Er denke fortzu-
gehen, sobald er nur erst mit der Jakobäa im Reinen
sei, was ja wohl nicht lange dauern werde. Die
Jakobäa wolle das Haus behalten, daran thue sie auch
recht und wohl, denn sie suche in der Wirthschaft
ihres Gleichen. Er aber sei kein Bauer, habe auch
keine Lust am Feilschen und Zusammenscharren, er wolle
den Tag am Tage leben, wolle nicht immer an das
Morgen denken. Was ihm durch den Kopf gehe und
was das Herz ihm sage, das thue er. Sich hier eine
Fran zu nehmen, sei er nicht gekommen, am wenigsten
um der Jakobäa willen. Die wäre das reine Gegen-

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theil von ihm; doch müsse er ihr zugestehen, daß sie
ein Frauenzimmer sei, vor dem er salutire, abgesehen
davon, daß sie ihm jezt, wo sie zu Fleisch gekommen,
doch noch eher gefallen könne, als in ihren jungen
Jahren und in deren Magerkeit.
Troz alledem Gerede und dem Prahlen zog das
Verhandeln mit der Jakobäa sich aber mit einem Male in
die Länge. Die Wochen vergingen, es wurden Monate
daraus, der Schnee lag schon wieder in dem Thale,
und Maurus war noch immer da. Als er angekommen
war, hatte er die Uniform getragen, jezt sah man ihn
ab und zu in bürgerlicher Kleidung, und je länger er
da war, um so öfter.
Einen Abend wie den andern kam er in das
Wirthshaus, wo die Leute es nicht müde wurden, ihm
immer wieder zuzuhören, und wo er immer so viel
von seinen Erlebnissen zu erzählen hatte, daß er end-
lich nicht mehr dazu kam, von seinem Fortgehen zu
sprechen.
Wenn man die Jakobäa fragte, wie lange der
Vetter denn noch bleiben werde, sagte sie: dad wisse
sie nicht, und sie frage ihn auch nicht danach. Er sei
im Hause Herr so gut wie sie und könne sich ein-
richten, wie es ihm gefalle.

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Die Frauen und Mädchen aber machten die Be-
merkung, daß Jakobäa sich jezt niemals ohne ihre
großen goldenen Haarnadeln und ohne die mit Steinen
besezten Dhrringe und Halsketten sehen ließ, die sie
sonst nur Sonntags oder Feiertags getragen hatte.
Sie zeg. wenn sie nicht gerade bei der Arbeit war,
ihre seidenen steifen Mieder an den Wochentagen an,
und sie sah auch viel vergnügter aus, und zeigte sich
redseliger und zuthulicher, als man es sonst ven ihr
gewohnt war. Man merkte wohl, da gehe Etwas vor;
es ließ indeß noch eine Weile warten, obschon die
Beiden immer vertraulicher mit einander verkehrten
und zusammen zur Messe und in die Kirche gingen,
wie Zwei, die von Rechtswegen zu einander gehören,
was ja im -ßrunde auch der Fall war.
Kurz vör Weihnachten kam es zur Verlobung,
bald nach Neujahr war die Hochzeit, und Jakobäa
hatte ed nun erst recht kein Hehl, daß sie von Kindes-
beinen an keinen Anderen im Sinn getragen habe,
als ihren Veiter Maurus. Sie gestand es ein, daß
sie es eigens darauf angelegt, ihn bei sich fest zu
halten, und daß jie unverheirathet geblieben jein würde,
wenn sie ihn nicht hätte haben können. Sie war
immer rüstig bei der Arbeit gewesen, jezt wurde sie

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es doppelt. Die Lente meinten, sie glänze vor lauter
Zefriedenheit, und sie sagte auch Jedem, der es hören
wollte, daß sie jezt zum ersten Mal zufrieden sei,
weil sie nun endlich ihren Willen habe.
,Ich habe, so lange ich von mir weiß, immer
meinen Willen haben müssen,'' sagte sie, zund ich
habe ihn auch jezt wieder durchgesezt, gar nicht erst
zu gedenken, daß ich es seinem Vater auf dem Todten-
bette versprochen und zugeschworen hatte, daß ich, so
viel es an mir wäre, dazu thun würde, den Maurus
hier bei mir, und hier bei seinem Haus und Hofe zu
erhalten. Hier in das Haus gehört er hin und nun
kann die Nachkommenschaft nur immer kommen, je
eher um so besser. Wenn ich das Haus auch nicht
für sie gebaut hale, wie die Maria Josepha, so habe
ich doch die Waldwiese dazu gekauft, unsere Heerden
vergrößert und Kisten und Kasten wohl angefüllt, seit
ich das Regiment nach dem Tode der Mutter und
der Muhme in die Hand bekommen habe. Et ist
jezt Alles, wie es sein muß, und was der Mensch
will, das sezt er auch durch, sofern er sich rechtschaffen
dczu hält. Es ist ein Jeder seines Glückes Schmied,
und wenn es Einem schlecht geht, so trägt er ganz
allein daran die Schuld.

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Wenn man ihr darauf zu bedenken gab, daß dieö
vermessen jei, und daß es Gott versuchen heiße, so
wollte sie davon nicht hören. Es war umsonst, wenn
man ihr vorhielt, daß der Mensch vor Gott nicht also
auf sich trozen dürfe, daß der Herr dem Menschen
manchmal seine strenge schwere Hand ganz unerwartet
fühlbar mache, so entgegnete sie stolz, sie wisse daö
fehr wohl. Aber sie lasse es ja am Gebet nicht fehlen,
und wenn sie für sich selber schaffe, gebe sie ebenso
dem Opferstock voll auf, was ihm gebühre. Auch
wenn biweilen der Eine oder der Andere sich darüber
vernehmen ließ, daß ihr Mann lange nicht so wie sie
tüchtig bei der Arbeit sei, focht sie das nicht weiter
an. Sie sagte, der Maurus habe sich in Afrika lang
genug geplagt, nun könne er's mit ansehen. Nach
einem Manne, der ihr in Alles hineingeredet hätte,
hahe sie es nicht verlangt, den hätie sie gar nicht
gebrauchen können. Sie habe einen schönen Mann
haben wollen, mit dem vor den Menschen Ehre ein-
zulegen sei, den habe sie an Maurus und damit seis
genug und gut.
Als darauf im nächsten Herbst das erste Kind
in's Haus gekommen ist, war die Freude noch weit
größer, nur daß es kein Sohn war, beklagte Jakobäa.

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Indeß es ward doch eine große Taufgesellschaft ein-
geladen, bei der es so hoch herging, daß die Tische
fast brachen unter ihrer Last. Die Hausfrau und die
Gäste waren mit Essen und mit Trinken und mit
Tanzen lustig vom frühen Vormittage bis in die tiefe
Nacht. Es fiel aber dem Einen und dem Andern,
die zugegen waren, trozdem auf, daß der Taufvater
sich nicht so munter zeigte, als die junge Frau; und
wie der Postmeister ihn fragte, weshalb er nicht wie
sonst gelaunt sei und ob vielleicht der Brief, den er
gestern in der Frühe bekommen habe, ihm verdricßliche
Nachrichten gelracht hätie, gal er ihm ein heimlich
Zeichen, daß er von dem Briefe nicht geredet haben
wolle.
Dem Postmeister brauchte man das nicht zweimal
zu sagen. Er war ein Mann, der seine Erfahrungen
nicht umsonst gemacht hatte. Es ging mancher Brief
durch seine Hände, besonders an solche Leute, die aus-
wärts waren, oder auswärts gewesen und wieder heim-
gekommen waren, der nicht an das Amthaus oder an
die Kirchenthüre angeschlagen werden durfte. Er
machte also auch keine weiteren Worte darüber, als
Maurus ihn mit der Bitte anging, wenn wieder ein-
mal solch ein Brief aus Algier kommen sollte, ihn

?
auf dem Postamt zu behalten, und ihm denselben bei
Gelegenheit unter vier Augen abzugeben. Es habe
mit den Briefen keine Eile.
Das Geheimniß mußte indessen dem Maurus
doch mehr am Herzen liegen, als er sagte, denn der
Postmeister konnte sich nur dadurch die große Freund-
schaft erklären, welche Maurus von da ab plözlich
für ihn kund gab. Er sprach immer und immer
wieder bei ihm ein, ohne deshalb nach den Briefen
bei ihm anzufragen. Der Postmeister bemerkte viel-
mehr, daß Maurus sehr zufrieden schien, keine Briefe
für sich vorzufinden, und wie dann nach einer langen
Pause einmal ein neuer Brief unter seiner Aufschrift
eingelaufen war, wurde Mauru blaß und stumm,
als er die Handschrift sah.
Der Postmeister erwartete also, Mauruö werde
bald mit einer Antwort zu ihm kommen. Indeß er
Irachte keine und der Andere sezte sich im Stillen
seinen Vers daraus zusammen.