Benedikt.
Fanny Lewald
Kapitel 04

Wo ging die Zeit hin und noch ehe der nächste
Herbst vorüber war, war auch schon das zweite Kind
und zwar wieder ein Mädchen oben bei den Anschafft's
eingetroffen. Die beiden Kinder waren wenig mehr
als ein Jahr aus einander und sie gediehen Beide,
daß es eine Lust war, sie zu sehen. Die Mutter war
ganz Nolz auf ihre beiden derben Mädchen, nur der
Vater hatte an ihnen nicht die rechte Freude, und es
mußte wohl etwas Besonders mit ihm vorgegangen
sein, denn es schien ihn überhaupt Nichts mehr zu
freuen.
Maurus war wie ausgetauscht. Er war finster
geworden, man hätte sagen mögen menschenscheu.
Redselig war er gar nicht mehr, er sprach und er-
zählte auch nicht mehr von Afrika und von all den


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Heldenthaten, die er dort gethan hatte. Er schnitt
sich endlich sogar den Schnurrbart und den Knebel-
bart ab, die er bis dahin mit großem Stolz getragen
hatte, er ließ sich das Haar nicht mehr scheeren wie
in der Armee; und in dem Wirthshaus, in welchem
er sonst selten einmal gefehlt hatte, traf man ihn immer
weniger an.
Er kam im Ganzen nicht viel aus dem Hause. Ein
großer Kirchengeher war er nie gewesen, nun setzte
er den Fuß nicht mehr über des Gotteöhauses Schwelle.
Natürlich konnte das den Leuten nicht entgehen. Sie
fingen allmälig an, sich ihre Gedanken über ihn zu
machen und gaben es Jakobäen auch wohl hie und
da zu hören, daß mit ihrem Manne Etwas vor-
gegangen sein, oder daß er Etwas auf sich haben
müsse, das ihn drücke. Aber sie lachte die Leute
achselzuckend aus.
,Was soll er denn haben?! entgegnete sie ihnen.
,Ich danke alle Tage meinem Schöpfer, daß er sich
wieder an das Haus gewöhnt, und daß er kein Ver-
langen mehr nach dem Leben trägt, von dem er hier
zu mir zurück gekommen ist. Solche Strapazen, wie
er sie in Algier hat durchmachen müssen, die sezen
sich nicht in die Kleider, die gehen in die Knochen.

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Die Müdigkeit kommt ihm jezt nach! Jemehr er sich
hier wieder festsezt, je weniger mag er Goit sei Dauk!
an all das wilde Blutvergießen denken, das er dort
unten bei den Franzosen hat verüben helfen müssen.
Er hat die Fremde satt bekommen und sizt nun ruhig
ftille. Wenn er noch länger hier sein wird, bekomme
ich ihn auch an die Arbeit, und dann wird er erst
recht zufrieden sein, daß ich ihn nicht wieder habe
fortgehen lassen, und daß er nun mit Frau und
Kindern auf unserm Hofe sizt.
Sie war wie immer die reine Selbstzufrieden-
heit und Selbstgewißheit, es schlug auch Alles ein,
woran sie ihre Hand nur legte; und verdiente es
Einer, daß es ihm wohl ging, so war sie es mit ihrer
kreuen Arbeit und mit ihrem festen Sinn, der nicht
nur zu schaffen, sondern auch zu tragen und zu sorgen,
und seine Sorgen zu verschweigen verstand.
Denn ohne daß sie ein Wort darum verloren
hatte, war sie es schon eher als die Anderen gewahr
worden, daß auf ihren Manne Etwas lastete. Sie
hatte es längst bemerkt, daß er oftmalö, wenn er in
der Nacht an ihrer Seite lag, im Schlafe anfschrie,
wie Einer, dem der Alp das Herz bedrückt, und wenn
sie ihn dann schüttelte und anrief, sv schreckte er em-

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por und redete in seiner Schlaftrunkenheit bald auf
französisch, bald auch auf aralisch, daß sie nicht er-
fahren konnte, was er habe. Wenn er danach zu
seinen vollen Sinnen kam, so sagte er, er habe schlecht
geträumt, und wollte immer wissen, was er denn ge-
sprochen und was sie von ihm vernommen habe? Das
konnte sie ihm nicht sagen, und er gab sich dann zur
Ruh.
Weil sich das aber immer öfter wiederholte und
weil ihr Mann auch am Tage sich ganz verwandelt,
bald still und finster, bald unruhig und hastig zeigte,
dachte sie endlich, er könne das viele Sizen nicht ver-
tragen, er sei krank oder köntmte eö doch werden. Sie
sah ihn deöhalb bisweilen darauf an; aber sobald er
es bemerkie, daß sie ihre Augen forschend auf ihn ge-
richtet hielt, wurde er barsch und wild und mied sie,
so wie er es nur konnte.
Das wurde ihr allmälig doch zu viel, und in ihrer
Rathlosigkeit wendete sie sich endlich an den Pater
Medikus, der ein sehr gelehrter Arzt war und mit
seinen Kuren an den Leuten im Thale schon wahr-
hafte Wunder gethan hatte. Man holte ihn viele
Meilen weit, wenn in irgend einem andern Kloster
oder sonst im Lande schwere Krankheit vorkam und

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die Aerzte nicht mehr helfen konnten. Er hatte auch
den Eltern der Jakobäa und des Maurus in deren
lezten Tagen beigestanden und wenn er auch nicht im
Beichtstuhl saß und Niemandes Beichte hörte, so konnte
man sich auf ihn und seine treue Verschwiegenheit
doch eben so verlassen wie auf einen Beichtiger.
Der Pater hörte sie aufmerksam an, fragte nach
Dem und nach Jenem, und meinte dann, sie könne
immer Recht haben, daß das Stillsizen dem Manne
nicht bekäme. Es sei ihm neulich selber aufgefallen,
daß Maurus schlecht aussähe, als er ihm begegnete.
Er werde wohl ein melancholisches Geblüt bekommen
haben und an der Leber leiden. Das finde sich häufig
bei denen, die lange in den heißen Ländern gewesen
wären. Sie solle es zu machen suchen, daß er nicht
in der Stube hocke, sondern sich, wie sie und ihre
Leute, im Freien an die Arbeit halte. Das werde
ihm gesund sein und wenn ihm das nicht helfe, so
müsse man' dann weiter zusehen. Vor Allem aber
solle sie ihm nicht zeigen, daß sie ihn bevbachte oder
um ihn sorge. Es werde sich wohl geben.
Sie that, wie der Pater es ihr geheißen. Sie
schlug sich, so gut es gehen wollte, die Sorgen und
die Gedanken aus dem Sinn, die ihr bisweilen, sie

wußte selber nicht von wannen, kamen; aber wie zu-
dringliche Fliegen, die sich immer auf die wunde Stelle
setzen, kehrten die Gedanken ihr nur immer öfter wieder,
je eifriger sie sie verscheuchte, und sie fingen ebenfalls
an, sich immer wieder auf denselben Fleck zu richten.
Wie viel Vertrauen sie auch zu dem Pater hatte, sie
glaubte nicht, daß es mit ihrem Manne stehe wie der
Pater sagte. Weil sie von Jugend auf an ihm ge-
hangen hatte, kannte sie den Maurus wie sich selber,
und war gewiß, daß er Etwas auf dem Herzen trage,
was er nicht sagen wolle und was ihm doch nicht
Ruhe lasse.
Ihr Frohsinn und ihr Lebensmuth fingen darunter
allmälig auch zu schwinden an. Sie that nach wie
vor, was an ihr war, in der Wirthschaft und gegen Mann
und Kinder; im Thale aber hieß es, sie beginne doch
zu fühlen, daß der Maurud nur ein Mitesser und kein
Mitarbeiter sei. Jakobäa, so sagte man, sähe es nun
ein, daß sie klüger gethan haben würde, dem Maurus
seinen Antheil auszuzahlen und mit einem anderen
fleißigen Manne die Wirthschaft zu betreiben. Aus
einem afrikanischen Soldaten werde einmal kein rechter
Wirth mehr. Wenn Maurus auch kein Durchbringer
sei, wie vor jenen Jahren der Mann von der Maria

Josepha es gewesen, so habe Jakobäa doch im Siillen
auch ihr Theil zu tragen, und es sei nur noch ihr
Stolz, der sie hindre, das laut werden zu lassen. Die
Zeiten, in denen sie alle Tage ihren goldenen Schmuck
und die seidenen Mieder angelegt habe, seien vorbei,
obschon sie jezt noch weit reicher sei, und es jezt ebenso
gut thun und haben könne, wie vordem.
E war das Alles eben nur Vermuthung und
Gerede. Man konnte nicht nachweisen, wer es zuerst
aufgebracht hatte, es drang aber hier durch und tauuchte
dort hervor.
Der Postmeister hatte von den geheimen Briefen
Nichts verlautbart, trozdem sprachen die Leute davon,
daß Maurus in Algier Etwas haben müsse, was nicht
hekannt werden dürfe. Der Postmeister war ja auch nicht
der Einzige, der sich mit der Briefbesorgung zu be-
fassen hatte. Sagen that es dem Maurus grade Nie-
mand, was man von ihm dachte, und der Frau sagte
man's noch weniger. Indeß, wie er es mit Unbehagen
fühlte, daß ihn seine Frau beobachtete, so empfand
auch sie es, daß die Leute sich über sie und ihr Haus
,ezt heimliche Gedanken machten. Das verdroß sie
nnd verbitterte ihr Sinn und Herz.
Die stumme, zuwartende Neugier kam ihr wie

ein beabsichtigter Einbruch in ihr Haus vor. Was
geht es die Leute an, dachte sie, was in meinem Hause
vorgeht? Sie suchte ja die Leute nicht, sie kümmerte
sich um Niemanden, und es nahm ihr doch ein ge-
heimes Etwas ihre alte Sicherheit. Hätte sie es
machen können, wie es ihr um das Herz war, so hätte
sie die Laden vor ihren Fenstern gar nicht aufgethan
und wäre nicht hinausgetreten über ihre Schwelle.
Es lag unheimlich und bedrückend über ihr wie eine
schwere Wolke, die man heranziehen sieht, ohne zu
wissen, wann und wo sie sich entladen werde.
Eines Abends, grade als die Tage am längsten
waren und das Wetter so schön, daß selbst den Alten
und den Kranken, den Sorgenvollen und den Traurigen
der Sonnenschein das Herz erhellte, hatte Jakobäa
mit ihren Leuten auf der Matte über dem Hause mit
dem Heuumwenden zu schaffen. Sie hatte die beiden
Kinder bei sich und wie sie den Korbwagen, in dem
die Kleinste lag, aus dem Bereich der Arbeiter fahren
wollte, bemerkte sie, daß der Ammann auf ihr Haus
zuging und an ihren Mann herantrat, der mit der
Pfeife im Munde, wie das seine Art war, vor der
Thüre saß, ohne sich viel um das zu kümmern, was
um ihn und neben ihm geschah.

Wie der Maurus den Ammann vor sich sah,
stand er von seinem Sitze auf.-- Der Ammann
sprach mit ihm, dann gingen sie alle Beide in daö
Haus hinein, aber sie riefen nicht nach Jakobäa und
wo es Auskuuft über Etwas zu geben galk, war sie
doch nöthiger als der Mann.
,Da ist der Ammann gekommen!'' sagte die eine
Magd.
,Habe ich's etwa nicht gesehen! entgegnete die
Frau mit einem Tone, als hätte daö junge Frauen-
zimmer ein Unrecht mit der Bemerkung begangen.
Dann warf sie den Nechen auf den Boden, befahl
den Mägden, auf die Kinder Acht zu gehen, und ging
von der Matte rasch hinunter in daö Haus.
Ihre Leute waren das unwirsche Wesen an ihr
jezt schon gewohnt, indeß es fiel ihnen doch heut auf,
weil gar kein Anlaß zu solcher Herbigkeit gegeben war,
und weil sie meinten, die Hausfrau sei erschrocken.
Es vegging eine Stunde und darüber. Im
Kloster lääuteien sie die Abendglocke, die Leute gingen
von der Wiese heim, und nahmen auch die Kinder
mit sich. Sie wußten nicht, was sie davon denken
sollten. Jakobäa war nicht gekommen, die Kinder
selbst zu holen, was sie doch niemalö unterlassen hatte.

Im Hause, in der Stube hörten sie lantes
Sprechen. Jakobäa's, des Mauruö' und des Am-
manns Stimnen klangen durcheinander, es gab Streit
und Zwiespalt, das war unverkennbar. Erst als sie
in der Stube merkten, daß die Knechte und die
Mägde in der Nähe wären, wurden sie vorsichtig und
sprachen leiser. Dann mit einem Male kamen Mann
und Frau zusammen mit dem Ammann in den Flur
hinaus.
Maurus sah blaß aus und verstört, wie Einer,
der von schweren Kämpfen zu sich kommt, Jakobäa
sah nicht viel besser aus. Der Ammann ging schweigend
neben ihnen her.
,,Gebt den Kindern zu essen und eßt selber!'
sagte Jakobäa im Vorübergehen. Die Magd, die daä
zu besorgen hatte, fragte, ob man für die Frau und
den Mann das Essen stehen lassen solle. Sie bekam
darauf nicht einmal Antwort.
Die Essenszeit war auch längst vorüber, die Kinder
schliefen lange, die Knechte und Mägde waren schon
zur Ruh gegangen, als endlich Jakobäa in ihr Haus
zurückkam- sie allein.
Sie rührte keinen Bissen an und ging in ihre
Kammer. Sie sah nicht nach den Kindern, sie fragte

auch nach Nichts. Die Magd erkundigte sich, ob für
den Mann die Thüre offen bleiben solle?
,Nein! schließ die Thüre zu!r befahl ihr Jakobäa.
Die Magd gehorchte schweigend.-- Sie hatte
Furcht vor ihrer Frau, denn Jakobäa sah wie eine
Todte aus. Ihr ganzes Gesicht war eingefallen und
wie von Stein.-- Und kalt und steinern war es auch
am Morgen, als sie aus ihrer Kammer kam, den
Leuten die verschiedene Tagesarbeit anzuweisen.
Keiner derselben traute sich mit ihr zu sprechen,
da sie ihnen sichtlich auswich. Sie schickte Alle fort
und blieb allein im Hause zurück.
Die Mägde, welche in der Nähe des Hauses be-
schäftigt waren, sahen in der Frühe den Ammann
wieder zu ihr gehen, dem der Pater Theophilus auf
dem Fuße folgte. Dann verließen die Beiden mit
Jakobäa zu gleicher Zeit den Hof und Niemand anderes
kam hinein.
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