Benedikt.
Fanny Lewald
Kapitel 05

Ji Mittag wußte man es in dem ganzen Thale,
daß der Mauru fort und wieder in die Welt ge-
gangen sei, ohne die Schwelle seines Hauses, nachdem
er es am verwichenen Abende in Jakobäa's und des
Ammanns Begleitung verlassen hatte, noch einmal zu
betreten. Er hatte in dem Hospizgebäude des Klosters
die Nacht zugebracht, und war von dort in aller
Frühe aufgebrochen.
Wad an dem verwichenen Abende zwischen
Jakobäa und ihrem Manne vergegangen war, dar-
über hat sie selber nie ein Wort gesprochen, und ihr
Aussehen war so finster und so kalt, daß die Leute
sich nicht trauten, sie darum zu befragen. Auch der
Ammann und der Pater, die eö wissen mußten, rückten
F. Lewald, Benevikt.

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mit der Sprache nicht heraus. Man solle Jakobäa
ihre Wege gehen lassen, sagten sie, sie habe schwer zu
tragen und ihr könne Niemand helfen.
Helfen wollte man ihr gerade auch nicht, man
wollte nur wissen, was geschehen sei, denn was man
durch die Knechte und die Mägde zufällig erfuhr,
daraus konnte man sich nicht vernehmen.
Jakcbäa hatte die große Matte, die sie selbst er-
worben und auf die sie eben deshalb viel gehalten
hatte, und die kleine Matte über dem Wasserfall, an
das Kloster gegen baares Geld verkauft, und hatte
das Gelübde abgelegt, ihre beiden Mädchen, sobald sie
der nothwendigen mütterlichen Pflege entwachsen sein
würden, den Klosterfrauen des von der Benediktiner-
Abtei geleiteten Klosters der barmherzigen Schwestern
zur Erziehung zu übergeben, in deren Kloster sie auch
einmal den Schleier nehmen sollten. -
Dahinter mußte aber etwas ganz Besonderes
stecken. Jakobäa hatte sich freilich in den lezten
Zeiten fromm erwiesen und dem Kloster noch reich-
licher als sonst von ihrem Neberflusse zugewendet.
Ein stilles, beschauliches Klosterleben war jedoch nie
nach ihrem Sinne gewesen; und was sie dazu bringen
konnte, die Kinder gleich in früher Jugend von sich

e?
fort zu thun, das begriß man vollends nicht. Ihre
Mägde behaupteten allerdings, die Frau möge dic
beiden armen Kinder kaum mehr sehen, seit der Vater
in die Welt gegangen sei, wer konnte das indessen
glauben? Die armen Kleinen trugen doch daran
nicht Schuld!
Inzwischen fingen unheimliche Vermuthngen fich
Bahn zu brechen an. Es hieß, dem Ammann sei
von Bern in einem Schreiben der französischen
Gesandtschaft die Nachricht zugekommen, daß der
Unteroffizier Anschafft in Algier mit einer Maurin
rechtskräftig verheirathet sei; und dabei habe sich ein
Brief von seiner Frau gefunden, die ihn beschworen
habe, zu ihr und zu seinen Kindern zurückzukehren,
oder ihnen anzuweisen, wie sie ihm in seine Heimalh
folgen könnten.
Man hätte viel darum gegeben, zu ermitteln,
was an dem Gerüchte wahr sei. Denn hatte Maurus
wirklich eine Frau in Algier zurückgelassen, so war er
dem Gericht verfallen, und wie stand es dann umt
Jakobäa's Ehe und um ihre Kinder?
Dem Ammann und dem Pater Theophilus, die
das Wahre wußten, war nur leider gar nicht bei-
zukömmen, und Jakobääa zeigte sich erst recht unnah-

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bar. Das fand man sehr verdrießlich, weil zulezt
ein Jeder doch wissen will, wie er mit seinen Nächsten,
seinen Nachbarn daran ist, und was er von ihnen
zu halten und zu meinen hat. Indeß nicht nur, daß
Jakobäa stumm war wie das Grab, sie kam auch
immer weniger zum Vorschein. Was in ihrer armen
Seele vorging, das sollte Niemand sehen, das vertrug
kein unvorsichtiges Berühren.
Denn--- es war ja Alles richtig, Alles wahr,
was in dem Thale über sie und über Maurus und
über ihre Ehe als Gerücht umherging! Wie es unter
die Leute gekommen sein mochte, das konnte freilich
Niemand sagen.
Die Ehe des
wirklich von seiner
Siande gekommen.
Maurus und der Jakobäa war
Seite durch ein Verbrechen zu
Er hatie bereits seit fünf Jahren
eine Frau gehabt, als er zurückgekommen war. Er
uund Jakobäa hatten also in Sünden mit einander
gelebt, der Vater von Jakobäa's Kindern war dem
Gesez verfallen, und sie hatte es hinnehmen müssen,
ohne es ableugnen zu können, als Maurus es ihr
vor dem Ammann und vor dem Herrn Abte, an den
der Pater Theophilus sich um Beistand gewendet, vor-
gehallen hatte, wie er durchaus nicht habe bleiben,

sondern fortgehen wollen; und daß er auch fortgegangen
fein würde, wenn ihn Jakobäa nicht mit ihrer Liebe
festgehalten hätte wider seinen Willen.
Als ihm der Herr Abt es darauf mit strengen
Worten vorgeworfen, daß Jakobäa ihn nicht gehalten
haben würde, hätte er sie nicht getäuscht und seine
Ehe nicht vor ihr und aller Welt verschwiegen, da
hatte er ihm nur mit Trotz entgegnet. Er habe nicht
im Entferntesten vorgehabt, hatte er gesagt, sich hier
in den Bergen festzusetzen, habe Niemandem über
sein Thun und Treiben Rechenschaft geschuldet. und
habe die Leute hier zu Lande genug gekannt, um es
ihnen nicht aufhängen zu mögen, daß er eine Frau
genemmen habe, die keine Christin gewesen, und mit
der er nicht vor dem Altar zusammen gegeben worden
sei. Wie die Jakobäa, die er von früher Jugend an
nicht habe leiden mögen, es angefangen habe ihn so
zu bestricken, daß er gegen seine Pflicht und Neigung
bei ihr geblieben, dad würde sie wohl besser wissen,
als er für sein Theil. Er habe sich darüber immer
seine besonderen Gedanken gemacht. Mit rechten
Dingen aber seis gewiß nicht zugegangen
Vor diesen Anschuldigungen ihres Mannes hatte
- Jakobäa dagestanden, wie sie jezt ein Jeder sah; starr

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und kalt und stumm. Was hätte sie auch sagen und
was thun sollen?--
Den Vater ihrer Kinder, den Mann, den sie
geliebt hatte, so lange sie von sich selber wußte, den
Gerichten zu überliefern, das brachte sie nicht über
das Herz. Wie konnte sie denn sich selber, ihren
Namen und ihrer Kinder Zukunft mit Schimpf und
Schmach beladen, so lange es noch in ihrer Hand
lag, die Kundwerdung solchen Unheils von sich ab-
zuwenden?-- Sie schauderte davor zurück, und kein
Vernünftiger konnte ihr auch dazu rathen. Aber sich
wahren vor jeder künftigen Gemeinschaft mit dem
Manne, der dieses Elend über sie gebracht hatte, es
ihm unmöglich machen, daß er jemals einen Anspruch
erheben könne an sie oder an die Kinder, die sie mit
ihm erzeugt, das wollte und das mußte sie um jedenPreis.
Nichts von dem, worauf er als auf sein Erbe
Anspruch hatte, wollte sie behalten. Wie die Kinder
fortan nur der Mutter eigen bleiben sollten, so sollten
sie dereinst auch Nichts besizen, was ihnen von dem , -
Vater kääme; und obschon der Ammann und selbst der
Abt ihr dagegen redeten, ihr bedeutend, daß sein Ver-
brechen Maurus zwwinge, nie wiederzukehren in die
Heimath und Nichts von sich hören zu lassen in der-

e1
selben, blieb sie auf ihrem Sinne. Sie zahlte ihm
bis auf den lezten Heller seines Vaters Erbe ans; er
dagegen mußte sich auf des Herrn Abit Verlangen
unter schriftlichem Bekenntniß des von ihm begangenen
Verbrechens an Eides Statt verpflichten, nie wieder
den schweizer Boden zu betreten, und niemals sich
weder Jakobäen noch ihren Kindern in den Weg zu
stellen, oder ihnen aus der Ferne sich zu nahen.
Damit hatte der Abt in Erbarmen mit Jakobäa
hr Nuhe von außen zu verschaffen getrachtet; aler er
Zatte es ihr daneben nicht vorenthalten, daßß es ein
schwereö Unrecht sei, einen Verbrecher der wohl-
verdienten Strafe zu entziehen, eine Sünde, die
gesühnt werden müsse hienieden fort und fort durch
Bße und nicht endended Gelet, damit der Herr
dieselbe nicht heimsuche an ihr und ihren Kindern,
wenn er dereinst kommen werde, zu richten die
Lebendigen und die Todten. Von Maurus sprach er
dabei nicht, weil auf dessen Einkehr in sich selbst man
vorerst doch nicht zu rechnen hatte, und für Jakobäa
war dies Schweigen eine Wohlthat. Selbst in Gebet
und Buße wollte sie dem Maurus fürder nicht be-
gegnen. Es sollte Alleö aus sein zwischen ihm und
ihr in dieser Stunde und in diescr Nacht.