Benedikt.
Fanny Lewald
Kapitel 06

Ai Maurus die Akte unterschrieben hatte, die
man ihm vorgelegt, als der Ammann ihn fortgeführt
hatte in die Zelle, welche man ihm bis zum Tages-
anbruch angewiesen, war Jakobäa plözlich wie zer-
knickt in sich zusammengesunken.
gehabt, sie wieder aufzurichten. Der
Man hatte Noth
Pater Therphilus
selber hatte sie bid an ihre Thüre heimgeführt und
war am nächsten Mittage gekommen nach ihr zu
hören und zu sehen. Er fand sie in dem Hause bei
der Arbeit, Alles um sie her war so wie immer. Nur
still war es in dem Hause und selbst die Kinder
plauderten und lachten nicht wie sonst, weil das Licht
des frohen Mutterauges ihnen jezt den Tag nicht
mehr erhellte und ihre Munterkeit nicht mehr erweckte.
Jakobäk klagte nicht und weinte nicht, ihre Ver-

zweiflung war dazu zu groß. Ihr Beichtiger stand
ihr getreu zur Seite. Auf seinen Rath und dem
Drange des eignen Herzens folgend, hatte sie in jenen
unheilvollen Tagen es in des Abtes Hand gelobt, die
Kinder, welche sie in der Ehe mit Maurus erzeugt,
dem Himmel zu weihen und der Kirche. Es war ihr
ein Trost gewesen, zu denken, daß sie damit ihre
Kleinen der Welt entzog. in welcher ihr selber als
Lohn für treues Lieben Schmach und Pein zu Theil
geworden war. Sie sollten büßen um der Sünde
willen, in welcher sie geboren worden waren, und für
ihre Mutter beten für und für.
Weil sie um ihrer Kinder willen nicht selber in
ein Kloster gehen durfte, lebte sie durch viele Tage
in ihrem Hause bei Fasten und Kasteiung mit klöster-
licher Strenge. Sie wich den Augen der Menschen
aus, als thue ihres Nächsten Blck ihr wehe, als ver-
verwunde sie felbst das gutgemeinte Wort. Die
Frühmette und die Abendvesper fanden sie immer in
der Kirche vor dem Herrn in Gebet versunken, und -
immer inbrünstiger, immer zerknirschter warf sie sich
vor der Gottes-Mutter nieder; denn es war noch nicht
zu Ende mit der Schmach und mit dem Unglück, das
aus ihrer Ehe stammte. Sie war es vielmehr bald

nachdem ihr Gatte sie verlassen hatte, mit Entsezen
inne geworden, daß sie zum dritten Male Mutter sei,
und noch einem Kinde des Verhaßten daö Dasein
geben müsse; und die Qual und die Zerrissenheit in
ihrer Seele wurden nur noch marternder dadurch.
So ging das Jahr zu Ende, so begann das
neue Jahr, bis sie am ersten Tage des wiederkehrenden
Frühlings ihr drittes Kind in ihren Armen hielt.
Es war ein Knabe, so frisch und schön wie der
sonnige Morgen, an welchem er das Licht der Welt
erblickte, und -- es war ihr erster Sohn!
Als sie ihn sah und er die kleinen Händchen
unsicher tastend regte, wie wenn er suche, an wen er
sich zu halten hale in dieser sündigen Welt; als er
die Augenlider unmerklich und langsam den Lichte
öffnete, strahlte es wie neues Licht und neues Leben
in die Seele seiner armen Mutter. Das Herz wallte
ihr auf in einer Freude, deren sie sich nicht mehr
fähig gehalten hatte. Ihre Augen flossen über, ihre
Thränen strömten als erster Liebesfegen waum und
weich auf ihren Sohn herab.
Sie drückte ihn mit Wenne an ihr Herz. Auf
diesem Kinde hatten des unseligen Mannes Augen
nicht geruht, dies Kind war nicht entweiht durch

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seines Vaters Blick und Kuß. Der Knabe war ihr
eigen ganz allein, ihr Sohn, ihr Erbe. Der sollte
mit ihr wohnen in dem Hause, daö Maria Josepha
einst gebaut ,aus eigener Kraft, für sich und ihre
Nachkommenschaft'. Niemand hatte einen Anspruch
an diesen ihren Sohn, wenn -- und wie ein Schreck-
gespenst stieg der Gedanke vor ihr auf -- wwenn nicht
die Kirche Anspruch auf ihn machte! Denn sie hatte,
freilich nicht wissend was sie damit that, ihre und
des Maurus Kinder der Kirche und dem Dienste deö
Erlösers angelobt; und dieser Knabe, war er nicht
ihr und des Maurus Kind, so gut wie ihre beiden
Töchter?
Der Zweifel ließ ihr keine Nuhe, aber sie sprach
ihn selbst vor ihrem Beichtiger nicht auö. Sie wollte
nicht in Anregung bringen, worauf man vielleicht
ohne ihre Frage nicht verfallen möchte. Es war ja
auch genug, wenn ihre Töchter das Verschulden ihres
Vaters durch ihr ganzes Leben büßten, in Einsamkeit,
in Entsagung, in Gebet! So grausam konnte keine
Kirche sein, ihr, der Mutter, den Sohn, den Trost
zu rauben, auf den gestüzt, sie sich getraute muthig
fortzuleben in Arbeit, in Pflichterfüllung und in jeder
Buße, welche ihr noch aufzulegen die Kirche nöthig

und angemtessen finden würde. Der Allmächtige, der
Allgütige hatte ihr dies schöne Kind, den Sohn ge-
gönnt, alö ein Zeichen, daß ihr vergeben werden
knne aus des Höchsten Gnadenfülle. Er hatte damit
neues Hoffen, frohes Wünschen in ihrem verödeten
Herzen auferweckt. Er konnte ihr dies Glück nicht
zugewendet haben, um es ihr wieder zu entreißen;
und ihr den Sohn zu nehmen, daran konnte ja die
Kirche gar nicht denken.
Weil er mit dem Frühlingsanfang, am Tage
des Drdensstifters Benediktus, dem Schuzpatron des
Klvsters und des Thales geboren worden war, hatte
man ihm den Namen Benedikt gegeben, und auf der
Mutter Wunsch hatie der Herr Abt sich gegen seine
Art herbeigelassen, in eigener Person des Knaben
Taufpathe zu werden, die Mutter und ihr Kind danuit
g leichsam vor der Gemeinde in seinen und des Klosters
Schut zu nehmen.
Und es schien denn auch wirklich ein ganz be-
sonderer Segen auf dem Kinde zu ruhen, denn es
gedieh und entwickelte sich, daß ein Jeder, der es sah,
an dem schönen Knaben seine Freude haben mußte.
Es machte die Mutier glücklich, zu bemerken, wie die
Augen der Leute wohlgefällig auf ihm ruhten, und

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sie fing an, sich den Menschen wieder mehr zu nahen,
weil sie sich mit ihr an ihrem Sohne freuten. Er
war ihr der Mittelpunkt, um den sich alle ihre
Gedanken drehten. Mit grausamer Ausschließlichkeit
wendete sie ihm allein ihre ganze Liebe zu, so daß
das Schicksal ihrer beiden Töchter neben dem seinigen
bei ihr kaum in Betracht kam. Es war ihr vielmehr
ganz recht und lieb, daß die beiden Mädchen den
Schleier nehmen mußten, denn die Mitgift abgerechnet,
welche sie in das Kloster einzubringen hatten, wurde
auf diese Weise Benedikt allein des Hauses Erbe, und
um seinetwillen wurden Jakobäen die Arbeit und daö
Schaffen und das Erwerben wieder leicht und lieb,
eine Lust und eine Freude.
Wie der Knabe nun gedieh, so gedieh unter der
Hand seiner Mutter auch ihr Hab und Gut, das er
früh genug als seinen zukünftigen Besiz betrachten
lernie; und selbst die Schwestern waren stolz darauf,
daß ihr Bruder für den schönsten Buben in dem
Thale galt, daß er einmal das schönste Haus des
Thales zu eigen haben würde, mit welchem gar kein
anderes sich vergleichen ließ. Ihnen hatte man von
jeher es gesagt, daß ße in dem Kloster der barm-
herzigen Schwestern Nonnen werden müßten; der

Gedanke war ihnen deshalb sehr geläufig und sie
liebten die barmherzigen Schwestern, von denen eine
Alte und eine Junge bisweilen in dem Thale und in
Jakobäa's Hause als Gäste einzusprechen pflegten.
Sie brachten den Mädchen dann regelmäßig hübsche
kleine Geschenke mit, sie erzählten ihnen von dem
großen Garten, in welchem das Kloster gelegen sei,
von den vielen Spielgenossen, mit denen sie dort zu-
sammen sein würden, und als dann endlich der Tag
herankam, an welchem Jakobäa den Wagen anspannen
ließ, um ihre Töchter nach dem Kloster hin zu
bringen, kam daö nicht nur diesen, sondern auch dem
Bruder als ein lang ersehntes Fest vor. Es hatie
noch Keiner von allen Dreien je des Thales Grenze
überschritten, es waren also lauter Wunder, welche
ihrer jenseits derselben warteten.
Die Mädchen in stummem Staunen, Benedikt
in lautem Jubel, so langten sie am Fuße des Berges
in der Hauptstadt des Kantons und in dem Kloster
der barmherzigen Schwestern an. Es waren aber
nicht die Häusermassen, nicht die Kirchen und auch
nicht der Marktplaz mit den vielen, um das alte
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wegenden Menschen, die den Knaben so sehr erfreuten,
sondern der weite Auäblick, dessen er hier zum ersten-
male in seinem Leben theilhaft wurde.
Wie ein junger, im Käfig geborner und er-
zegener Adler, dem man endlich das enge Gitter
öffnet, so voll Begier und Lust sich zu versuchen, that
er die großen dunklen Augen auf, so freudig wanderte
sein fernhinschweifender Blick über das Land zu feinen
Füßen, über den breiten und langen See hinweg;
hinüber zu den fernen Gipfeln der schneebedeckten
Berge, die in weiter Ferne, kaum noch erkennbar in
des sonnig flimmernden Duftes Verhüllung den
Horizoni begrenzten.
Dorthin zu kommen verlangte er, fort über das
breite Wasser wünschte er zu ziehen. Er wollte nicht
mehr zurückkehren in das Thal, das seinem Blicke
Schranken sezte. Er weinte, er bat, ihn an dem
Wasser in der Stadt zu lassen, wo er weit hinaus-
schauen könne in die offene Welt; und die Augen
nach der Ferne -sehnsuchtsvoll zurückgewendet, so lange
ihm noch ein freier Blick gegönnt war, fuhr er endlich
mit der Mutter wieder heim, von nichts Anderem
sprechend, von Nichts träumend, als von der Welt,
die jenseits seiner Berge lag.

Die Mutter bemerkte das mit Sorgen, denn die
Fremde hatte den Männern ihres Geschlechtes bisher
kein Glück gebracht; aus der Fremde war auch ihr
das Unglück ihres Lebens gekommen, und sie bereute
es, daß sie den Knaben so frühzeitig mitgenommen
hatte in die Stadt. Denn daß Benedikt nicht in die
Stadt hinausziehen, daß er im Thale bleiben solle, und in
demselben dereinst in ihrem Hause zu leben und zu
schaffen habe, wie es sich für einen guten Christen
und freigebornen Schweizer ziemte, Niemandes Unter-
than und Niemandem dienend als dem eigenen Willen,
den eigenen Zwecken und dem heimischen Gesetz, das
hatte bei Jakobäen fest gestanden seit der Stunde, da
er ihr geboren worden war, und davon nicht ab-
zuweichen war sie auch entschlossen.