Benedikt.
Fanny Lewald
Kapitel 07

Jz« Reise in die Stadt bezeichnete für Benediktus
einen Lebensabschnitt. Seine befriedete Lust an dem
Thale war damit zu Ende, seine Sehnsucht in die
Ferne aufgeregt, und sie wuchs mit ihm und seinen
Jahren.
Als Kind hatte er, wenn ihn die Schule frei
ließ, die Mutter und deren Leute gern zu der Arbeit
hinausbegleitet und mit Hand angelegt, so weit seine
Kraft und seine Geschicklichkeit das möglich machten.
Je älter er wurde, um so weniger zeigte er sich
geneigt dazu. Er war über seine Jahre groß und
stark, war in der Dorfschule rascher als alle Anderen
fortgeschritten, der Lehrer rühmte seine Lernbegier, und
die rüstigsten Bergsteiger waren darin einig, daß

Jakobäa's Benedikt es mit weit Aelteren aufnehmen
dürfe, daß er eine Ausdauer und eine Entschlossenheit
zeige, wie sie einem so jungen Burschen nicht oft zu
eigen wären. Dazu war er schön und frohen Sinnes,
auch nicht ängstlich rechnend mit den Bazen, wenn
die Mutter ihm einmal Etwaö zugewendet hatte,
sondern stets bereit, die Anderen mitgenießen zu lassen,
was er eben hatte; und wenn die Väter und auch die
Mütter es nicht vergaßen, was oben in dem Hause
dereinst vorgegangen und wie es mit des Knaben
Mutter und mit seinem Herkommen keineswegs richtig
war, so focht das ihn und seine Spielgenossen doch
vorerst nicht an. Sogar die Dirnen, die weit älter
waren als Benedikt, winkten ihm zu und lachten,
wenn er sie mit seinen großen braunen Augen dreist
und fröhlich ansah.
Benedikt war aber nicht blos bei den Knaben
und den Mädchen des Thales also wohlgelitten, auch
die geistlichen Herren gingen nicht leicht an ihm vor-
über, ohne ihm die Hand zu geben. Selbst der Herr
Abt unterüieß es nicht, wenn er einmal zu Fuß des
Weges kommend, auf Benediktus traf, ein freundlich
grüßend Wort an ihn zu richten, ihn seinen Pathen
zu heißen und ihn zu Fleiß und Wohlverhalten zu

ermahnen, damit er ihm dereinst vor Gott und
Menschen Ehre machen möge.
Man hielt aus dem Kloster überhaupt das Auge
auf den Knaben und auf seine Mutter, seit Maurus
das Thal verlassen, und Jakobäa zwwei von ihren
Matten an das Kloster käuflich abgetreten hatte.
Der Pater, welchem die Oberaufsicht über die Ver-
waltung der in dem Thale belegenen Klosterländereien
zustand, kam zum Defteren vor Jakobäa's Haus, um
ihre Wirthschaft zu beloben, um es zu rühmen, wie
sie dieselbe vorwärts bringe. Er machte sich dann
auch freundlich mit Benedikt zu thun, der ihn stets
gerne kommen. sah, denn der Pater war in der
Welt herum gewesen und wußte viel von ihr zu sagen
und zu melden.
Der Mutter aber war eö bei diesen Besuchen und
bei der Achtsamkeit, welche die geistlichen Herrn über-
haupt auf sie und ihren Benedikt verwandten, nie
recht wohl um's Herz, weil sie ihr von des Knaben
Zukunft niemals sprachen. Manchmal beschwichtigte
sie sich mit der Vorstellung, es sei über dasjenige,
was sich von selbst verstehe, des Redens nicht erst
nöthig. Ihrem Sohne, dem Erben ihres Besizes, sei
ja sein Weg gewiesen, und also darüber weiter Nichts

zu sagen. Die Herren Patres hatten nur eine so
besondere Art und Weise, Jakobäens Gutsverwaltung
zu beloben, daß sie ihr nicht recht erklärlich, daß sie
ihr übertrieben schien, weil ja doch nichts Apartes
daran zu rühmen war, daß sie rechtschaffen nach dem
Eigenen sah und Hab und Gut für ihren Sohn zu
mehren trachtete, wie sie es vermochte.
Sie wagte es indessen nicht, das vor den Herren
auszusprechen, denn wenn die Wunde, die ihr einmal
geschlagen war, auch zu vernarben und ihre Gewissens-
bisse zu ruhen begannen, so kannte sie doch die Leute
in dem Thale gut genug, um es einzusehen, daß sie
ihnen gegenüber des Klosters Schuz und Beistand
nicht entbehren konnte; und sie wußte es sehr genau,
wie sie ihre Unangefochtenheit dem guten Willen der
Klosterherren allein zu danken hatte.
Wenn sie aber in der Abendruhe von der Vesper
heimkehrend, ihr Haus auf seiner Höhe vor sich liegen
sah, und dann vor dem Hause fast immer ihren
Benedikt erblickte, der mit seinen Spielgenossen bei
dem Kegelspiele mit starken Armen die Kugel hoch
über seinem Haupte in die Luft schwang, um sie im
raschen Schwunge niederfallen und weit hin rollen zu
lassen an ihr Ziel, so dachte sie gar oftmals, auch

über ihrem Haupte schwebe eine schwere Kugel und
sie werde eines Tages niederfallen und Alles nieder-
werfen, Alles, Alles was Jakobäa in ihrem Leben
mit Fleiß und Liebe gebaut und geplant, und sie
werde dann nicht jauchzen können wie ihr Benedikt
bei dem Umsturz dieser Kegel, sondern zu trauern
haben in aussichtsloser Einsamkeit, ohne Freude an
irgend einem Dinge bis an ihr Lebensende.
Sie wünschte in ihrer stillen Angst bisweilen,
der Schlag wäre schon gefallen, damit die schwere
Last des langen ungewissen Fürchtens nur einmal von
ihr genommen werde und- der Tag der endlichen
Entscheidung kam denn bald genug heran.
Benedikt hatte die Dorfschule durchgemacht und
in der jährlichen Prüfung, welcher immer einige der
Klosterherren anzuwohnen pflegten, sich als der beste
ihrer Schüler abermals bewährt. An Nachmittage,
um die Stunde, in welcher die Zöglinge des Klosters,
von den Instruktoren begleitet, ihren täglichen Spazier-
gang machten, gingen dieselben klassenweise an
Jakobäa's Hause vorüber, und der Pater Negens, der
des Ehrentages wegen mit dabei war, was sonst nicht
geschah, trat an Jakobäa heran, da er sie unter ihrem
Treppendache sizen sah.

Benedikt kam eben aus dem Hause auf das
Vorgeleg hinaus. Er hatte den Springstock in der
Hand, die Jacke über die Schulter gehängt und sein
Ränzel auf dem Rücken. Eine Wanderung hinauf
zu des Berges Gipfeln, um Abends den Mondschein
und früh den Aufgang der Sonne dort oben zu ge-
nießen, daö sollte sein Lohn sein für das wohl-
bestandene Examen, und die Freude und die Erwartung
lachten ihm aus den hellen Augen. Da er aber in
der Ehrerbietung vor den geistlichen Herren erzogen
worden war, nahm er sich zusammen wie er sie er-
blickte, und trat heran, dem Pater Negens mit einem
Handkusse seine Ehrfurcht zu bezeigen.
Der Pater klopfte ihm freundlich auf die Schulter,
nnd gegen die Mutter gewendet, bemerkte er, es freue
ihn, daß der Lehrer ihrem Benedikt ein gutes Zeugniß
gebe, daß es ihm an einer guten Fassungsgale und
an der nöthigen Ausdauer nicht gebreche. ,Laßt ihn
nun noch umherlaufen diese Woche hindurch, Frau
Jakobäa, sagte er. ,Dann beginnt der neue Eursus,
bei uns in der Schule, dann müßt Ihr ihn uns
senden; und wenn er auf dem rechten Wege fleißig fort-
geht, so mögt Ihr einst wohl Freude von ihm haben und
ihn in unserm OrdenmitEhren vorwärtskommen sehen.'?

8
Jakobäa stockte der Athem in der Brust, das
Wort erstarb ihr auf der Lippe. Sie getraute sich
nicht, den Schmerzensschrei auszustoßen, der ihr die
Kehle zusammenschnürte, sie wagte es nicht, Nein!
und immer wieder Nein! zu rufen, und weiter wußte
sie doch Nichts zu denken und zu thun, denn sie
konnte den Blick nicht aushalten, mit welchem ihr
Benedikt ihr in das Antliz starrte. Sie schlug die
Augen vor ihm nieder, um nicht das Erschrecken und
das Entsezen ihres Sohnes sehen zu müssen.
Sie hörte es wohl, wie die beiden Geistlichen
ihr den guten Abend boten, sie gewahrte es auch, wie
sie dem Trupp der Schüler folgten, die paarweise den
Pfad zum Walde hinanstiegen; aber sie sah es ner,
wie man zerstiebende Wolken an sich gleichgültig vor-
ülerziehen sieht. Es ging sie gar nicht an.
Es ging sie in der Welt ja überhaupt Nichts
weiter an: nicht ihr Hauö, nicht ihr Land, nicht ihr
Hab und Gut, und nicht einmal ihr Sohn! Nicht
einmal das einzige Kind, das ihr bis jezt geblieben
war, in dem sie sich die Freude ihres Lebens, die
Stütze ihres Alters, den Erben ihres Gutes zu er-
ziehen getrachtet hatte! Er und Alles, Alles was ihr

eigen war, Alles, was sein eigen werden sollte, war
für sie dahin!
Man hatie still gewartet, bis zur rechten Zeit.
Jetzt, da die Stunde gekommen war, mahnte man
sie an das Gelöbniß, das sie, von ihrer Schmach ge-
drückt, dereinst gethan hatte in der grimmigen Ver-
zweiflung ihres Herzens, und die Kirche war, das
wußte sie, ein Gläubiger, der keine Nachsicht kennt.
Seit vierzehn Jahren, seit dem Augenblick, da
sie den Sohn geboren, hatte sie diesen Fag gefürchtet;
aber was man von ihr heischte, war schwerer noch,
als sie es erwartet hatte; denn nicht ihr Glück, ihre
Zukunft war es, was sie opfern sollte: es war das
Glück ihres Sohnes, den sie liebte mit aller Leiden-
schaft der Mutterliebe; es waren das Fortbestehen und
die Zukunft ihres Hauses, ihres durch Jahrhunderte
bestandenen Geschlechtes.
Sie hatte sich niedergesezt, weil ihre Knie sie
nicht trugen, und die Hände vor das Gesicht ge-
schlagen. Benedikt stand noch auf demselben Fleck und
starrte dem Zuge nach.
,Mutter! hub er mit einem Male an, zwas
hat der Pater Regens da gesagt?

H
Jakobäa zuckte es durch das Herz. Das war
nicht mehr die frohe Stimme ihres Sohnes. Es
war des Vaters harter kalter Ton, und auch die
Augen, mit denen Benedikt sie ansah, waren die des
Vaters. Der bloße Gedanke an das, was ihm bevor-
stand, hatte den Knaben umgewandelt; wie sollte sie
ihm die Wahrheit kund thun, da sie selber sich der
Hoffnung zu entschlagen nicht vermochte, daß doch
irgend ein Ausweg möglich, eine Lösung des Gelübdes,
wenn auch mit schwerstem Opfer zu erlangen sein
müsse.
,Der Pater meint, Du sollst die Klosterschule
noch besuchen!' gab sie ihm zur Antwort, ohne damit
Etwas auszurichten.
,Nein!r fiel er ihr in das Wort, ,in den Orden
treten soll ich! Aber ich will nicht in den schwarzen
Rock!-
,Will ich denn, daß Du's sollst? eief die Mutter
unvillkürlich aus.
,Nun, dann laß den Pater reden! lachte
Benedikt, in dessen jungem Sinne die Eindrücke noch
eben so schnell verschwanden, als sie lebhaft waren.
,Ehe ich den schwarzen Nock anziehe, gehe ich dem
Vater nach!

,Dem Vater? fragte Jakobäa mit steigender
Angst, ,Du hast keinen Vater mehr. Dein Vater ist
lang todt!'
,So hast Du wohl gesagt,' entgegnete Benedikt,
,und ich habe es Dir geglaubt, doch weiß ich's lang
schon anders.?
, Und das sagst Du mir erß heute? rief die
Mutter. Benediktus schwieg. Ihr Aussehen machte
ihn verwirrt.
,,Rede!? fuhr sie fort, , was hat man Dir ge-
sagt? wer hat es Dir gesagt? Rede! was weißt Du?
was bildest Du Dir ein?
,Ach! laß mich !- sagte Benedikt und wollte
gehen. Die Mutter aber hielt ihn fest.
,Du bleibst! Du sollst mir Antwort geben!
herrschte sie ihn an. ,Wer hat Dir es gesagt, daß
Dein Vater noch am Leben ist?
,Weiß ich's? gab der Sohn zur Antwort, immer
noch gewillt, sich zu entfernen.
,Besinne Dich! Du wirst's wohl wissen!r rief , -'
die Mutter.
,Ich habe es so gehört!' entgegnete er verdrießlich
und befangen.
, Wann? von wen?! drängte ihn Jakobäa.

,Ich weiß eö nicht!' wiederholte er trohig. ,Ich
habe es gehört von je an! überall! Er lebt und ist
Soldat in Afrlka!-
Jakobäa horchte auf. Sie fürchtete, er könne
mehr erfahren haben; da er schwieg, begann sie sich
zu sammeln.
,, Warum hast Du zurückgehalten mit dem, was
Dir im Sinn gelegen hat? fragte sie.
,. Ich dachte,! entgegnete der Knabe, , er würde
schon noch kommen! Sie hatten s immer so ge-
fagt !
, Und wer? wer hat Dir das gesagt?
,Die Leute! Alle Leute!'' rief Benedikt, den es
verdroß, daß ihm die Mutter es nicht einfach zu-
gestand -- zund einmal muß der Vater doch nach
Hause!r
Jakobäa wußte sich nicht zu helfen. Sie wagte
nicht, weiter in ihn zu dringen; denn, wenn er mehr
wußte, als er ihr gesagt hatte, wie konnte sie ihn
dazu nöthigen, daß er es vor ihrem Ohre aussprach?
-- Und wenn er nicht die ganze Wahrheit kannte,
durfte sie ihm die Mitwissenschaft eines Verbrechens
auf die Seele laden, das von seinem Vater begangen,
F. Lewald, Benedikt. l.


aud dessen schuldlose Mischuldige sie selbst geworden
war? Sollte sie ihren Benedikt, der bis dahin seinen
Kopf unter seinen Altersgenofsen so froh und keck
erhoben hatte, vielleicht unnöthig dahin bringen, das
Auge zu senken und sich zu verbergen, wenn die Blicke
der Menschen auf ihm ruhten?
Es steht geschrieben in den zehn Geboten: Du
sollst Vater und Mutter ehren, auf daß es dir wohl
gehe und dn lange lebest auf Erden!-- Und sie
sollte mit eigenem Munde verkünden, was ihrem Sohne
unmöglich machen muußte, dem Gebote nachzukommen?
-- Das lonnte nicht der Wille Gottes sein!-- Besser,
daß ihr Sohn in dem Kloster für sie verloren war,
als daß ihn in der Welt der Fluch verfolgte, sich
seines Daseins schämen zu müssen und der Eltern,
die ihm hies Dasein einst gegeben hatten!-- Aber
wollte er denn in das Kloster? Und ihr Hab nnd
Gut? was sollie aus dem werden? Was sollte aus
ihr selber werden ohne ihren Sohn und Erben?
Der Nachmittag war sonnenhell und klar, über --
der unglücklichen Jakobäa lag es aber wie eine Wetter-
wolke. Wie vom Wirbelwind geknickte Aeste wirr
durch die Luft getrieben werden, so schossen die Ge-
danken durch ihren Sinn, nnd jeder that ihr wehe.

W
Sie wußte nicht was sie wollte, noch weniger was sie
hun sollte. Sie hätte aufschreien mögen, ein Zeichen
von Gott für sich zu erflehen; wie konnte sie jedoch
ein solches begehren oder hoffen, da ihr widerspenstiges
Herz sich weigerte, dem Herrn das Gelülde zu er-
füllen, daö sie ihm gethan hatte, und die Buße über
jich zu nehmen, die man ihr auferlegt, damit sie ihr
Vergehen sühne.
Ihr Verstummen machte den Knaben ungeduldig.
,, Du antwortest mir nicht und die Andern warten.
Ich will gehen!' sagte er.
, So geh!? entgegnete sie ihm kurz; aber wie er
sich von ihr wendete und sie ihn raschen leichten
Schrittes den Pfad hinunter eilen sah, rolllen die
Thränen ihr aud den Augen; und die Hände zu-
sammenschlagend, rief sie: ,es ist vielleicht das lezte
Mal, daß ich ihm seinen Willen lasse!?
Nie zuvor war der Gedanke, ihren Sohn dem
Klosterleben weihen zu sollen, ihr entsezlicher erschienen,
als in dieser Stunde. Sie mochte die Mauern des
Klosters nicht sehen, die stattlich in ihrem gleißenden
Weiß durch das ganze Thal hinleuchteten, daß vor
ihnen kein Entfliehen möglich schien. Benedikts Aus-
ruf:,ich will nicht in den schwarzen Roc!? klang

1
ihr fortwährend in den Ohren. Es ließ ihr den
Abend keine Ruhe, es verfolgte sie die ganze Nacht
hindurch, daß kein Schlaf in ihre Augen gekommen
war, als sie sich beim Tagesanbruch wie gewohnt er-
hob, um in die Frühmesse zu gehen.
Die Kirche war völlig leer. Es hatte ja Nie-
mand in dem ganzen Thale Grund zur Buße so
wie sie.
Diese Einsankeit war ihr sonst nicht aufgefallen,
denn sie war derselben durch die langen Jahre her
gewohnt. Heute jedoch kam sie ihr unheimlich ja
beängstigend vor, und die starken Stimmen der
Klosterherren, die hinter dem schwarzen Gitter
Chores unsichtbar die lateinischen Morgenhymnen
sangen, klangen ihr drohend und flößten ihr
des
ab-
ein
Bangen ein, wie die Stimme des Gerichtes, bis die
vollen weichen Töne der Orgel ihre Seele lösten, und
sie sich vor Pater Theophilus an dem Beichtstuhl
niederwerfen konnte, ihre Sorgen, ihren Kummer,
ihr widerspenstig Wünschen und unberechtigt Hofen
auszusprechen, und Tiost und Führung von dem Be-
Th. - - --==---
Man solle nicht fordern, flehte sie, daß Benediktus

11
büße, waö er nicht verschuldet habe, man solle den
Sohn nicht von ihr nehmen. Sie wolle eine ewige
Messe in dem Kloster stiften, für ihr und ihrer Kinder
Seelenheil zu beten. Es solle für diesen Zweck einer
nicht aufzuhebende Abgabe an das Kloster auf ihrem
Gute übernommen werden; sie wolle Alles thun, es
solle Mlles, Alles so geschehen, wie man es ihr vor-
zuschreiben für nöthig finden werde; nur den Sohn
solle man ihr lassen, dem Hause seinen Erben nicht
entziehen, Benedikt nicht zwingen, das Ordenökleid
gegen seinen Willen anzulegen.
Der Pater sprach ihr ruhig und zur Ergelung
mahnend zu. Er erinnerte sie daran, daß sie frei-
willig und von ihres Herzenö Angst getrieben, ihre
Nachkommenschaft dem Dieuste des Herrn gewidmet
habe. Er wies sie darauf hin, wie ihre Töchter in
Demuih und Frömmigkeit zunähmen, wie freudig sie
dem Tage entgegenharrten, an welchem es ihnen ver-
gönnt sein würde, den Schleier anzulegen. Sie gab
das Alles zu. Aber sie hatte es ja nicht gewußt, daß
Benedikt ihr noch geboren werden würde, und Benedikt
und ihre Töchter?-- Wie könnte für ihn gelten
müssen, wwas für diese galt?
Pater Theophil war weichen Herzens, mitleidigen

1
Sinnes. Er kannte Jakobäa von ihrer Jugend auf,
er fühlte Mitleiden mit ihr, und wenn er ihr auch
keine tröstliche Aussicht eröffnen durfte, gewann er es
trozdem nicht über sich, ihr die Hoffnung, welche sie
noch hegte, sofort mit Unerbittlichkeit zu nehmen. Er
wollte mit dem Herrn Alte sprechen, sagte er, der
Weisheit des Abtes unterbreiten, was er selber in
seiner Unterordnung und Beschränktheit nicht zu be-
urtheilen, noch weniger zu entscheiden hale. Er wisse
nicht, ob es zulässig sei, ihrem heranwachsenden Sohne
die Wahrheit üüber seine Herkunft zu verbergen, be-
senders, da er sie theilweise bereits erfahren habe,
und falsche Erwariungen und khörichte Plane auf
dieses halle Wissen bauen könne. Wie Benedikt sich
aber verhalten, und was er für sich wünschen möchte,
wenn er über die Lage seiner Familie unterrichtet
wäre, darüber dürfte die Mutter sich leicht täuschen;
und es gäbe der Wege gar so viele, auf denen die
Kenntniß deö wahren Sachverhaltes ihn erreichen
könnte. So lange Benedikt den Familiennamen seines,
Vaterö trage, sei er vor Schmach und Schande nie
gesichert. Im Orden sei das anders. Als Glied de
Ordens gahöre er der Familie nicht mehr an, er sei
der Kirche Sohn, die Kirche nehme ihn unter ihre

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Fittiche, sie trage, sie beschüze ihn. Mdit seinem Ein-
tritt in den Orden bleibe hinter ihm in der Welt all
dasjenige zurück, von welchem abgeschieden zu sein er
in seiner Lage mehr als jeder Andere wünschen und
erstreben müsse. Das solle sie erwäigen, daran solle
sie sich halten, und sich in Geduld bescheiden, bis er
ihr werde sagen können, was der Herr Abt über sie
und über ihre Wünsche zu verfügen gesonnen sei.
Pater Theophilus wußte es vorans, was er ihr
zn melden haben wüürde, er wollte ihr nur die Zeit
lassen, sich in das Unabweisliche zu fügen.