Benedikt.
Fanny Lewald
Kapitel 08

Poedikt war in voller Zufriedenheit von feiner
Bergfahrt heimgekehrt. Er sprach nur von der Herr-
lichkeit da droben und schien des Klosters gar nichl
mehr zu denken.
In des folgenden Tages Frühe kam Pater
Thevphilud ihn daran zu mahnen. Er beschied ihn,
sich des Nachmittags bei dem Herrn Abte um die
fünfte Stunde einzufinden.
Benedikt zeigte sich bestürzt. Er fragie, was er
bei dem Abte solle? Der Pater meinte, es werde
sich vermuthlich um den Eintritt in das Kloster handeln.
In die Schule wolle er wohl gehen, sagte
Benedikt, in den Orden einzutreten habe er nicht Lust.
Pater Theophilus sah ihm freundlich in das
trozige Gesicht. ,Sei ohne Sorge, mein Sohn!'-

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entgegnete er ihm, zman wird von Dir nicht fordern,
was zu thun Du nicht selbst begehrst!?=
Das beruhigte den Sohn und flößte der Muttrr
Hoffnung ein. Ihr irgend eine Auskunft, eine An-
deutung zu geben, ob und in welcher Weise der Abt
sich ihren Wünschen und Vorschlägen geneigt erwiesen
habe, ließ sich der Pater nicht herbei.
Um: die festgesezte Zeit verfügte Benedikt sich
nach dem Kloster. Er hatte die offnen Thore dessel-
ben wer weiß wie oft durchstrichen, wenn er, wie alle
Andern auch, über die Wirthschaftöhöfe des Klosters,
hinaus nach den jenseits des Baches belegenen Wiesen
und Bergen gegangen war; und nach seiner Firme-
lung war er auch einmal in dem Kloster in der,
innerhalb der Klausur befindlichen Wohnung des
Abtes gewesen, ihm die Hand zu küssen, und die ge-
weihte Medaille zu empfangen, welche sein Pathe ihm
als Andenken an den Besuch des Bischofs mit auf
den Lebensweg zu geben dachte.
Heute aber klopfte ihm das Herz und ihm bangte,-
als er die Glocke an der dunklen Pforte zeg, welche
die offenen Hallen des Klostergebäudeö von der Klausur
abtrennte. Denn was mußte der Abt ihm zu sagen
haben, daö er durch Pater Theophilus nicht hätie eben

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so gut erfahren können? Etwas ganz Besondereö mußte
es doch sein, und seit der neulichen Anrede des Paters
egens waren das Kloster und seine Insassen dem
bisher sorglesen Benedikt verdächtig und ein Gegen-
stand der Scheu geworden.
Der Abt war damals, alö er Benediktuö zu sich
holen ließ, noch in seinen besten Jahren, eine schönte
feine Gestalt, nicht eben groß, eine achtunggebietende
Haltung, die Ruhe der Se!bstgewißheit auf der hohen
Stirn. Wo und in welcher Tracht man ihm begegnet
sein würde, man hätte es sofort erkannt, daß er ge-
wohnt sei, zu befehlen und Gehorsam zu finden.
Einem alten bürgerlichen Patriziergeschlecht entsprossen,
das durch den Handel hoch emporgekommen war, be-
saß er den auf weltlichen Besiz gebauten Stolz seiner
Familie; aber mit diesem Stolze hatte er auch die
umsichtige Weltklugheit seiner Ahnen, wie ihre Lust
am Erwerb und am Gewinn von ihnen überkommen,
und des Klosters Reichthum an Kapitalien und
Ländereien, deren Erträge verwerthet werden mußten,
bot seinen Neigungen wie seiner Klugheit den er-
wünschten Spielraum dar. Unumschräänkt gebietend,
wußte er seine Untergebenen mit großer Einsicht je
nach ihren Gaben zum Vortheil des Klosters und des

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Ordens zu verwenden, Jedem, den er verwendete, die
volle Verantwortlichkeit für seine Leistung aufzubürden,
und eben dadurch sich in einer Zurückgezogenheit zu
erhalten, die ihn des Verkehrs mit der Außenwelt, wo
er ihn nicht wünschte, eben so wie jeder persönlichen
Verantwortung gegenüüber derselben, fast ganz und gar
enthob.
EI war ein Begebnfß in dem Thale, wenn man
den Abt außerhalb des Klostergartens zu Fuß des
Weges kommen sah; ein großes Ereigniß, von dem
geredet wurde, wenn er mit Jemand im Vorüber-
kommen gesprochen hatte, und wenn er einmal selber
handelnd eingrif, mußte eine ganz besondere Noth-
wendigkeit ihn erst dazu bestimmen.
Von allen Mitgliedern seines Klosters besaß
keiner sein Vertrauen in dem Grade, wie der in dem
ganzen Thale sehr verehrte Theophilus. Der Pater
wollte und wünschte für sich selbst hienieden Nichts,
er kannte keinen Ehrgeiz als die Macht, die Wohl-
fahrt seines Klosters.-- Er war dabei von Herzen -
menschenfreundlich, demüthig und fest in seinem from-
men Glauben, ohne Falsch wie die Tauben und klug
wie die Schlangen. Kein Anderer war in dem Thale
als Beichtiger mehr gesucht als er. Er hatte der un-

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zlücklichen Jakobäa schon zur Zeit ihrer Trennung von
Maurus beigestanden, mit ihm hatte der Abt die ganze
Angelegenheit verhandelt. Er wußte, welche Gründe
denselben bestimmt, und welche Rücksichten ihn geleitet
hatten, als er sich dazu entschlossen, das Verbrechen
des Maurus mit Schweigen bedecken, es dem Arme
:er strafenden Gerechtigkeit entziehen zu lassen. Pater
Theophilus war auch nicht zweifelhaft darüber, was
jezt mit Benedikt zu geschehen, und was er dessen
Mutter zu antworten bekommen würde. Es war ihm
eben so wenig unbekannt, daß die ganze Angelegen-
heit auch eine weltliche Seite hatie, welche für das
Kloster selbst von hoher Wichtigkeit war und auf die
Entscheidung des Abtes nicht ohne Einfluß bleiben
konnte.
Die vor mehr als siebenhundert Jahren gegründete
Benediktinerabtei war im Laufe der Zeiten zu einer
der vornehmsten und reichsten des Ordens geworden.
Ihre Besizungen hatten sich nicht nur über das ganze
Hochthal erstreckt, über welches die Klosteräbte fast als
souveräne Herren regierten und die hohe und niedere
Gerichtsbarkeit übten, sondern das Kloster hatte auch
weit hinaus über die Grenzen des Kantons, in wel-
chem es lag, eine große Anzahl von Liegenschaften und

ul
Einkünften aller Art durch fromme Vermächtnisse er-
worben, die seinen Glanz und Reichthum immer mehr
gesteigert hatten. Allein durch die revolutionären Be-
wegungen, welche am Ende des vorigen Jahrhunderts
auch die Schweiz ergrifen hatten, war in den welt-
lichen Zuständen und Verhältnissen der Abtei eine
große Veräänderung eingetreten. Nicht nur waren die
bis dahin fürstengleich waltenden Vorsteher derselben
ihrer weltlichen Herrschaftsrechte und Privilegien be-
raubt, und ihre früheren Unterthanen zu freien Bürgern
geworden; auch die Besizungen und Einkünfte ded
Klosters waren sehr beträchtlich vermindert, ja das
Kloster selbst ausgeplündert, und die stattlichen Kloster-
gebäude durch die Wildheit der eingedrungenen fremden
französischen Horden zu einem großen Theile ein Raub
der Flammen geworden. Der Wiederaufbau hatte be-
trächtliche Summen verschlungen, und Verkauf oder
Verpfändung mehr als eines Gutes herbeigeführt. In
solchen Zuständen hatte der jetzige Abt das Kloster ge-
funden, als er den Stuhl seines Vorgängers bestiegen,--
und je weniger er der Weltlage nach daran denken
konnte, der Abtei und ihren Verwesern die alte
glänzende Regentenstellung wiederzugewinnen, um so
mehr war es sein Ehrgeiz und um so eifriger bemühte

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er sich, wenigstenö diejenigen Verluste, welche dad Kloster
an Besiz und Vermögen erlitten haite, durch kluge
und gesicherte Operationen einigermaßen auszugleichen.
Ec war ein großer Dienst, eine schwer wiegende
Hilfe gewesen, welche man Jakobäen dereinst in ihrer
Noth geleistet hatte, ein Beistand und ein Schuz, die
vergolten und aufgewogen werden mußten, und auf-
gewogen werden konnten; denn die Anschafft'schen
Licgenheiten waren bedeutend genug, um selbst dem
reichen Kloster noch alö ein ansehnlicher Gewinn zu
erscheinen. Ein zu errichtendes Altärchen, eine zu
stiftende Messe, ein Zehnten, dünkten den geistlichen
Herren kein ausreichender Entgelt für die Schonung
und die Rettung, welche sie vollzogen hatten. Ihre
Voraussicht hatte sich auf mehr gefaßt gemachk.
Einen wirklichen Zwang auf die Mutter oder auf
ihren Sohn auözuüben, lag nicht in des Abtes Sinn,
war gegen seine Handlungsweise. Er war kein Freund
jener Gewaltthaten, die Nachrede verursachen konnten,
und viel zu klug und vorsichtig, um einen Ast so ab-
zubrechen, daß man es gewahren mußte, wenn er
sicher sein durfte, sich der begehrten Frucht, die an dem
Aste hing, in weniger auffälliger Weise bemächtigen zu
können.
F. Lewald, Benedikt. l.

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Er hatte deshalb aueh den Bericht des Pater
Theophilus über Jakobäen's Widerstreben gelassen an-
gehört, hatie es gebilligt, daß derselbe sich nicht ab-
lehnend, oder auch nuur zweifelnd gegen sie ausge-
sprochen, baß er ihr vielmehr eine Hoffnung auf die
Erfüllung ihrer Wünsche offen gelassen habe; dann
aber hatte er sich bestimmt und kurz erkundigt, in wie
weit Benedikt über seine Herkunft unterrichtet, bis zu
welchem Grade sein Verstand und seine Fähigkeit ent-
wickelt seien, die weltlichen Verhäältnisse zu begreifen,
und was der Knabe von seinem Vater und von dessen
Vergangenheit bisher etwa erfahren habe. Pater Theo-
phil hatte darüber genaue Auskunft gegeben und der
Abt ihm dann befohlen, den Knaben selber zu ihm zu
bescheiden.
Als Benedikt sich danach in dem Vorgemache des
Abtes meldete, wurde er augenblicklich eingelassen. Er
fand den Pater Theophilus bei ihm, der sich jedoch
enifernte. Des Abtes Unterredung mit dem Knaben
währte lange, und Benedikt verließ des Abtes Zimmer ,
und das Kloster völlig umgewandelt.
Der frohe Sinn, die Zuversicht, die Lebenslust
waren in ihm gebrochen. Er hatte Scheu bekommen
vor der Welt, die jenseits dieses Thales lag, Scheu

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ror den Menschen, die er- kannte und die ihn kann-
ten; er hatte gelernt, die Klostermauern als Schutz
und Zuflucht anzusehen. Er durfte die Augen nicht
mehr froh erheben so wie sonst, er war nicht unbe-
scholten, wie die Andern Alle. Gesenkten Hauptes
trat er aus des Abtes Zimmer, und die breite Dorf-
straße vermeidend, nahm er den Weg nach seiner
Mutter Hause.
Jakobäa hatte sich geflissentlich unter dem Vor-
dach auf der Treppe zu thun gemacht. Von dem
Plaze konnte sie mit ihrem scharfen Auge den Sohn
erblicken, so wie er aus des Klosterö großer Pforte
trat; aber wie gespannt ihr Auge auch an dem Thore
hing, wie ihr, je länger er auf sich warten ließ, daö
Herz von Sorge schwerer und der Sinn von ver-
muthendem Denken aufgeregter wurde, Benedikt war
nicht zu sehen.
Mit einem Male stand er vor ihr. Er war auf
weitem Umwege von oben herunter durch den Wald
gekommen, und wie Jakobäa erschrak, als sie seiner
anfichtig wurde, so schreckte auch er zusammen, als er
die Mutter vor der Thüre fand.
, Benedikt!' rief sie und wollte ihn fragen, was
geschehen sei. Aber sie unterließ es, die Worte woll-

11s
ten ihr nicht über ihre Lippen gehen. Sie sah es an
dem scheuen finsteren Blick, mit dem er, sie ver-
meidend, vor sich hin starrte; man hatte ihm Mlles
gesagt. Er wußte Mlles! -- Nun war es ent-
schieden!-
Ohne ein Wort an sie zu richten, wendete er sich
in das Haus. Das konnte sie nicht ertragen, es zer-
riß ihr das Herz, sie mußte seine Stimme hören.
,Wo willst Du hin? fragte sie.
,,Drinnen bleiben- und in's Kloster, wenn es
dunkel sein wird ! gal er ihr zur Antwort, und ging
ohne sie nur anzusehen in das Haus hinein.
Das war zu viel! Ihr Kind wendete sich mit
Widerwillen von ihr ab! Sie folgte ihm auf dem
Fuße nach. Er hatte den Hut von sich geworfen und
saß mitten in der Stube an dem Tisch, den Kopf auf
die Arme gelehnt, daß sein Gesicht verborgen war.
Sie wollte ihm Etwas sagen, aber sie konnte das
rechte Wort nicht finden. So blieb sie hinter ihm stehen
und hörte ihn weinen.
Hätte sie ihr Kind beneiden können,, um diese-
Thränen hätte sie es gethan, denn ihre Augen blieben
trocken. Das Hofen war für sie zu Ende, das Schaffen
fortan unnüz; und was ist der Mensch ohne Hoffnung,

uu
und ohne Freude an der Arbeit?-- Sie kam sich
nicht mehr wie lebendig vor. Nur an dem Mitleid,
das sie mit ihrem Sohne fühlte, nuur an dem leiden-
schaftlichen Verlangen, ihren Benedilt zu retten vor
dem schwarzen Rocke, empfand sie es, daß sie noch
lebte. Ihr schauderte vor dem Zwang des Klosters
mehr noch als ihrem Sohne. Er und sie waren nicht
dazu gemacht; sich lebendig zu begraben.
Plözlich schoß ihr ein Gedanke durch den Sinn:
sie konnte fliehen mit Benedikt! Fliehen weit hinaus
in die Welt, in der Niemand sie kannte, Niemand von
ihr wußte, wo die Stimmne des Abtes sie nicht an ihr
Gelöbniß mahnen konnte. Aber fliehen?-- Hatie
der Arm der Gerechtigkeit nicht dereinst den Maurus
gefunden hier hoch oben in den Bergen? =- Und was
sollte aus ihrem Hause werden, aus ihrem Besiz, wenn
sie davon ging, sich in weiter Ferne zu verbergen?--
Von ihrem Hause, von ihrem Hale konnte sie nicht
fort!-- Sie hatie die Grenzen ihres Thales selten
einmal überschritten. Was sollte sie in der frem-
den Welt? Eine Bettlerin mit ihrem heimathlosen
Sohne?--
Es war unmöglich! Von diesem ihrem Hause
konnte sie nicht scheiden, sie konnte nicht hinaus in

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jene fremde Welt, aus welcher all ihr Unglück ihr ge-
kommen war. Hier, wo sie geboren war, hier mußte
sie auch sterben. Was für sie erworben war und
was sie erworben hatte, das konnte sie nicht freiwillig
Fremden überlassen. Sie mußte hierbleiben, nach dem
Ihrigen zu sehen, so lange ihre Augen offen standen.
-- Nachher? Nachher blieb freilich nur noch Benebikt
im Thale, als Lezter von dem ganzen Anschafft'schen
Geschlecht!
Und wieder kam ein neuer Gedanke ihr in den
Sinn. Sie konnte das Verzweifeln nicht ertragen.
Athmen, leben, schafen und hoffen waren Eind in ihr.
Mochte eö nicht der frische volle Stamm sein, an den
sie sich zu lehnen, unter dessen Aesten sie Schatien zu
finden erwartet hatte in ihres Alters Tagen, auch an
einem schwachen Stabe kann man sich noch halten;
und ein Gutes, eine Aussicht blieb ihr doch, wenn
Benedikt auch in den Orden eintrat. Er blieb in ihrer
Nähe, blieb in ihrem Thale.
Sie konnte ihn sehen, konnte sehen, wie er heran=?
wuchs und in dem Kloster vorwärts kam; und da er
der Euste gewesen war in seiner Schule, wer wollte
sagen, wohin er es in dem Kloster und dem Orden
bringen konnte? Der Pater Negens war oben in dem

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Walde zu Hause, eines armen Schreiners Sohn; den
Prior hatten barmherzige Menschen nach seiner Estern
Tode aufgepflegt, und es stand fest, daß er dem Herrn
Abbs dereinst in seinem Amte folgen würde. Wenn
Benediktus fleißig war, wenn er seine Gaben recht be-
nuzte, so konnte auch er dereinst des Klosters Prior,
ja der Abt des Klosters werden; so konnte sie sich doch
sagen, daß ihr Hab und Gut nach ihrem Tode troz
alledem sein eigen würde, daß es ihm zu Gute käme,
wenn sie es einmal dem Kloster hinterließ. Er konnte
in seinem Namen einen Altar stiften zu seinem An-
gedenken, zu ihren und zu Maria Josepha's Ehren,
der seinen und seines Hauses Namen in dem Kloster
wach erhielt für alle Zeit und Ewigkeit!-- Nur so
liegen, nur so weinen sollte Benedikt nicht mehr!--
Sie konnte das nicht ansehn und nicht dulden.
,Genedikt,' sagte sie,,sieh den Herrn Abt an!
wad fehlt dem wohl? Rechts und links weicht Alles
aus und neigt sich, wenn er nur vorüberfährt. Ein
Jeglicher küßt ihm die Hand. Er ist der Herr im
ganzen Thale!?
,Was hilft mir das? schluchzte der Knale, ohne
aufzusehen.
,Du kaunst ja Prior werden, kannst einmal Abt

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im Kloster wwerden, grade so wie er!? bedeutete ihn
die Mutter.
,Wenn auch!'' entgegnete der Sohn.
, Der Abt kann kommen und gehen, reisen und
in die Welt hinaus, so wie es ihm gefällt!? sagte
Jakobäa, dem Lieblingsgedanken ihres Sohnes zu be-
gegnen, und ihm fortzuhelfen über die Nothwendig-
keit, die auf ihm lag, die sie ihm aufgebürdet hatte
durch den Eigensinn, mit welchem sie den wider-
strebenden Maurus dereinst festgehalten, die sie ihren
Kindern aufgebürdet hatte durch ihr Verschulden und
durch ihr Gelübde.
Aber sie verfehlte diesmal ihren Zweck. Denn
Benedikt richtete sich bei ihren Worten mit Heftizkeit
empor, und hell aufweinend, rief er: , In die Welt
hinaus?-- Ich will nicht hinaus in die Welt!--
Was soll ich in der Welt? Soll ich dem Vater dort
begegnen, der Schimpf und Schande über uns ge-
bracht hat! Ich bin geboren in Sünde und in
Schande, darum muß ich hin, wo keines Menschen. -'
Aug' mich sieht! Am Liebsten in das Wasser, wo es
am tiefsten ist, oder gleich in's Grab!?
, Benedikt! Benedikt!? stieß die Mutter mit
Herzensangst hervor, und wollte ihn umklammern, er

u2
aber wehrte sie von sich ab, und zusammenbrechend in
ihrer Pein, klagte sie: ,DDas kann der llebe Gott
nicht wollen! Das ist zu viel! Mein Sohn wendet
sich von mir ab! Da Kind wendet sich ab von seiner
Mutter!-- Der Abt hat keinen Sohn!'
Sie sezte sich still in eine Ecke und sah den
Knaben an. Er hatte sich aufgestützt und starrte vor
sich nieder. Es waren zum Theil die Worte des Abtes
gewesen, die er in seinem Schmerze ausgesprochen, und
seine Erschütterung hatte das Nebrige gethan. Die
Mutter wußte ihm Nichts mehr zu sagen und er wuußte
auch Nichts mehr. Sie fühlten das Unglück alle
Beide. Es war wie eine Lawine auf sie herabgestürzt
und lag auf ihnen kalt und finster.
Draußen schlug es sechs Ühr. Jakobäa ging
hinaud. Immerfort an dieser Stelle sizen bleiben
konnte sie ja nicht, und es war Zeit, daß sie für das
Nachtessen der Leute sorgte.
Benedikt rührte sich nicht. Erst als die Mutter
schon eine ganze Weile fort war, stand er auf, und
sah sich um. Des Weinens war er sait, des Wartens
war er müde. Er wollte etwas Anderes thun.
Aler was?
Er ging an den Tisch, zog die breite Schieblade

u
heraus, sah seine Bücher an und was sonst noch von
seiner kleinen Habe darin lag, und schob sie wieder
zu. Er sah nach seiner Drossel und nach dem schwar-
zen Eichhörnchen, dessen Haus auf dem Fensterbrette
stand. Die Drossel schlug just ihren schönsten Triller,
das Eichhorn drehte sich wie sonst in seinem Rade.
Es machte ihm aber kein Vergnügen mehr. Er ver-
suchte dies und das, und gab es wieder auf. End-
lich sezte er sich nieder und paßte auf die drei Schläge,
welche alliäglich von der Kirche das Zeichen zum Be-
ginn des Abendläutens und der Abendvesper gaben.
Er war ordentlich zufrieden, als er sie erklingen hörte.
Jezt wußte er wenigstens, was er mit sich machen
sollte, was zu thun war. Er nahm den Hut und
ging hinaus. Die Mutter stand am Heerde.
,Wo willst Du hin? fragte sie beklommen.
,Wo soll ich hin?-- In's Kloster!r gal er ihr
zur Antwort.
,Diese Woche hattest Du ja noch bleiben sollen,'
meinte sie, ,erst Ende der Woche solltest Du hinein.? , -
Er schüttelte den Kopf.,Was soll ich hier?
Ich werde froh sein, wenn ich dorten bin!'' gab er ihr
zur Antwort.
Er wollte gehen und stand doch still. --- ,Iß

noch bei mir zu Nacht!' sagte Jakobäa und die Stimme
bebte ihr, als sie es sprach.
, ch bin nicht hungrig! versezte er.,Cdieu!'?
nnd ging der Thür zu.
, Benedikt! Benedikt! rief die Mutter in ihrem
bittern Schmerz ihm nacheilend, um ihn an ihre Brust
zu ziehen.
Er machte sich von ihr los. ,Laß mich gehen,
ehe sie vom Felde kommen!'' sagte er.,Wenn ich
nur erst fort bin, ist's nachher einerlei! Adieu?
Und damit ging er von ihr.