Benedikt.
Fanny Lewald
Kapitel 09

He Hut hatte am Fenster gehangen von früh
bis spät, und Viktorine hatte ihr Wort gehalten. Sie
war um die gewohnte Stunde hinaufgegangen nach
der Klostermatte, indeß Benedikt war nicht dort ge-
wesen. Sie hatte ihn erwartet bis zu der Zeit, in
welcher er in seiner Schulklasse erscheinen mußte, hatte
sich nach ihm, ja sogar nach einem Zeichen von ihm
umgesehen, bis sie sich in diesem Warten komisch vor-
gekommen, und davon gegangen war.
Der neugierig fragende Blick ihrer jungen An-
verwandtin steigerte ihre gute Laune.,Ich habe von
da oben,! sagte sie, ,wieder eine neue und sehr wich-
tige Lehre mitgebracht, mein Schaz, die Du Dir zu
Nuze machen sollst! Jede Kunst will erst ordentlich
gelernt sein, selbst die Kunst, ein Stelldichein zu ver-

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abreden. Es ist, wie ich heut erfahren habe, nicht
genng, daß man gewissenhaft das Zeichen giebt, man
muß sich auch versichern, daß es gesehen worden ist.
Wer weiß, wohin mein heiliger Schäfer in diesen
Tagen seine junge Heerde führen mußte, und ob er
hier nach unserer Seite kommen konnte. Ich muß
also die Sache noch einmal beginnen. In der Ro-
mantik bin ich eben noch ein Stümper und muß mein
Lehrgeld zahlen.?
Sie sagte das mit jener Heiterkeit, die ihr so
wohl anstand, obschon das Ausbleiben des Erwarteten
sie verdroß, je mehr sie darüber nachdachte. Sie
ging auch gleich am Nachmittage, als die Andern sich
einer kurzen Ruhe überließen, hinauf nach Jakobäa's
Hause.
Sie hatte es jetzt nicht mehr wie früher nöhig,
ihr Kommen zu bevorwanden. Die Weise, in welcher
sie empfangen wurde, bewies vielmehr, daß Jakobäa
sie erwartet hatte; aber der finstere Zug, der Viktorinen
anfangs so abschreckend erschienen war, lagerte wieder
über ihren dunklen Augen, als die Einsame ihr unter
dem Vordache ihres Hauses rasch entgegen trat.
,Es ist Nichts mit ihm! sagte sie, ohne Viktori-
nens Frage abzuwarten.

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, Was soll das heißen? erkundigte sich diese.
, Es ist zu späk!' antwortete die Mutter. ,Sie
haben ihr Werk an ihm gethan. Wie ein Vogel mit
zerbrochenen Flügeln stand er da! Und er brauchte
doch nur zu wollen, um zu können!'?
,Haben Sie ihm etwa mitgetheilt,? fragte Vik-
torine, sichtlich von der Mutter Mittheilung betroffen,
, was ich mit ihm im Sinne hatte, was ich möglich
für ihn glaubte?
,Wie sollte ich es nicht, da er hier bei mir war?
entgegnete die Mutter im Gefühl des nächsten Anrechts
an den Sohn.
,Nein!'' entgegnete Viktorine sehr bestimmt, ,Sie
sollten's nicht, denn das war meine Sache!-- Sie
wollte sich mit diesem Vorwurf für alle Fälle den
Weg zu einem Rückug öfnen, falls ihr Plan miß-
lang; indeß Jakobäa war die Frau nicht, sich davon
einschüchtern zu lassen.
,Ich habe ihn dahin gebracht,'? versezte sie, ,daß
er in's Kloster mußte, ich habe ihm also auch dazu
zu helfen, daß er es verläßt, wenn, wie Sie mir be-
deutet haben, Dispens für ihn zu schaffen möglich ist. ?
,,Möglich in sofern, als er ihn wünscht und will!?
fiel ihr Viktorine ein.


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,Sie haben mir gesagt, daß er ihn wünsch' und
wolle!-- und wie konnte er es anders, da ihm das
Kloster so hart angekommen war!r rief Jakobäa, deren
grader, auf sein einziges Ziel gerichteter Sinn es sich
nicht vorzustellen vermochte, daß man anders denken
und empfinden könne als sie, daß dem Sohne nicht
als ein Heil erscheinen sollte, was ihr bei der instinkt-
artigen Leidenschaft, mit welcher sie an ihrem Hause
und an ihrem Erbe hing, wie eine Rettung und ein
kaum gehofftes Glück vor Augen schwebte.
,Alles habe ich ihm gesagt, Mlles!' rlef sie.
,Ich habe es ihm hingehalten, habe es ihm aufge-
nöthigt, das Geld zur Flucht, und er hat sich feig
davon zurückgewendet. Aber so machen sie's, dahin
bringen sie den Menschen! So haben sie's mit mir
gemacht und so mit ihm!-- Sie zerbrechen den
Menschen mit der Gewissenspein, die sie dem Hin-
gesunkenen aufbürden noch über der Last, an der er
selber trägt. Sie zerstören ihm den Glauben, daß er
sich selber helfen, sich selber aufrichten und erheben
und wieder zu Kräften kommen könne; und wenn sie
wissen, daß er ganz in sich vernichtet, daß er hienieden
zu Nichts mehr nütze ist, dann reichen sie ihm ihre
Hand, dann richten sie ihm die Augen auf den Him-

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mel, und erheben ihn hoch und immer höher, bid er
zuletzt sich besser dünkt, als die da unten, und herab-
sieht auf die eigene Mutter, und herab auf Mlles,
was ihm erb und eigen ist, daß er es gering hält
und es in ihre offenen Hände fallen läßt, die sich
schon lang danach begierig ausgestreckt!-- Das kann
jedoch nicht Gottes Wille sein, daö kann der Herr
nicht wollen- und wenn er's kann-- sie hielt
nur mit Gewalt zurück, was Schmerz und zornige
Enttäuschung ihr auf die Lippen drängten, und setzte
mit Bitterkeit hinzu: ,ein Sohn, der von sich stößt,
was ihm die Mutter bietet! Ein Mann wie er, und
hat nicht so viel Muth, als eine alte Frau! als ich!
Mag er denn leben oder sterben und verderben,
wie er's willlb?
Sie sezte sich nieder, stüzte den Kopf auf die
Hand, und stierte vor sich hin. Es überrieselte Viktorine
mit Eiseskälte. Sie hatte nie im Leben ein Antliz
fo verfinstert, so von Zorn entstellt, so von Ver-
zweiflung voll gesehen. Wie die den Lebensfaden zer-
schneidende Parze saß Jakobäa vor ihr da, und zum
ersten Male überschlich sie bei ihrem Anblick eine un-
bestimmte Scheu vor der Gewalt der Leidenschaften,
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welche sie in dieser Frau und in dem jungen Mönche
entfesselt hatte.
Wäre sie im Stande gewesen, sich Vorwürfe zu
machen, in diesem Augenblicke hätte sie es gethan,
weil, wie sie plötzlich einzusehen meinte, der groß-
müthige Zug ihres Herzens und ihr freier Sinn, sie
über Jakobäa's, wie über des jungen Mönches Natur
und Seelenstärke betrogen hatten. Sie verargte es
der Mutter wie dem Sohne, daß sie nicht dasjenige
waren, was sie in ihnen zu finden erwartet hatte.
Benedikt hatte keinen Werth für sie, wenn er nicht
die Begeisterung für die Kunst, und in dieser den
Muth besaß, Alles an die Erreichung seines Ziels zu
l
sezen; und seine Mutter war in Viktorinens Augen
nur ein gewöhnlich Weib, wenn ihr jene Entsagung
der wahren Liebe fehlte, die Nichts begehrt, als dem
Gegenstande derselben das Glück zu bereiten, welches
er ersehnt. Jakobäa hatte in ihrer Selbstsucht Eifer
der Vorschrift Viktorinens nicht gehorjamt. Sie hatie
dem Sohne eigenmächtig die Pforten einer schöneren
Zukunft aufthun wollen; aus ihrer Hand hatte er seine
Befreiung empfangen, für sich und ihre engherzigen
Plane hatte sie ihn gewinnen wollen. Sie hatte es - -
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Viktorinen nicht gegönnt, ihm als die befreiende Göttin
zu erscheinen. Und doch hatte Vikterine es Jakoläa
ausdrücklich zur Pflicht gemacht, ohne ihre bestimmte
Weisung Nichts zu thun, sondern ihr und zwwar aus-
schließlich ihr, die Führung und Leitung dieser An-
gelegenheit zu überlassen; und Jakobäa hatte ihr nicht
vertraut und nicht gefolgt. Sie hatte sie um die Ge-
nugthuung und den Triumph gebracht, die Viktorine
sich von ihrem Plane mit Zuversicht versprochen hatte.
Dem Dcange ihrer Ungeduld nachgebend, hatte sie
verdorben, was Viktorine auf das Beste eingeleitet zu
haben glaubte; und ihrem Unmuthe gegen die Un-
glückliche das Wort vergönnend, rief sie: ,Wer hieß
Sie auch, ihn aufzuschrecken, ehe die rechte Zeit ge-
kommen war? Wozu ihm den Becher hinreichen, ehe
seiner lechzenden Lippen Durst danach verlangte?-
Es war nicht genug, daß ein geheimos Sehnen ihn
erfüllte. Mit Vorsicht mußte man ihm das Ziel ent-
hüllen, das man für ihn erreichbar glaubte. Er mußte
nach demselben schmachten, mußte begehren, streben,
fordern, sich vertrauen lernen - und ich kannte das
Mittel, ihn dazu zu vermögen! Ich kannte auch den
Weg, auf den man ihn zu führen hatte, und er würde
ihn gegangen sein an meiner Hand!?

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Jakobäa hatte sich grgenüber diesen Vorwürfen
hoch aufgerichtet und sah ihr fest in's Auge.,So
brauchen Sie das Mittel! geben Sie ihm denn die
Hand !r sprach sie eben so herrisch, und mit der gleichen
Bitterkeit wie Jene.
Die Worte klangen wie ein Trotz und wie ein
Zweifel. Das genüügte, um Viktorinens Eitelkeit her-
auszufordern, und ihr zu Wagnissen stets bereiter Geist
hatte ohnehin den übeln entmuthigenden Eindruck, den
Jakobäa's Mitiheilung auf sie gemacht, schon halb-
wegs wieder überwunden; denn durchzusezen, was sie
sich vorgenommen hatte, gleichviel auf welche Weise
und um welchen Preis, das war es eigentlich, und
nicht die Sache selbst, was sie in den meisten Fällen
reizte und beglückte.
Ihr Zorn, der flüchtig war, wie all ihr Empfinden,
hatte sich gesänftigt. Sie schwieg nachdenklich eine
kleine Weile, dann erkundigte sie sich mit ruhiger
Bestimmtheit um alle Einzelnheiten des Gespräches
zwischen Benedikt und seiner Mutter. Jakobäa wieder-
holte so gut wie sie es vermochte, was sie gesprochen,
was sie dem Sohne angeboten, was er ihr erwidert
hatte, und wie sie dann geschieden waren.
, Und seit dem? fragte Viktorine.

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,Seitdem ist er des Weges nicht mehr gekom-
men!'' sagte die Mutter. ,Was sollte er auch bei
mir? Ich habe es ja gesehen, wie sie ihn halten mit
der Hand von Eisen, die sanft anfaßt und doch zer-
knickt, und niemals losläßt, was sie erst ergrifen
hat.r?
Viktorine antwortete ihr nicht darauf. Sie setzte
den Hut auf, den sie in ihrer Erregung abgenommen
hatte, und ordnete die Bänder desselben, so gut es
ohne Spiegel gehen wollte.
,, Ulnd doch muß man von ihnen lernen,' sagte
sie mit einem Male.
Jakobäa herchte auf, ohne sie zu verstehen.
,,Ich meine von den Klosterherren!'- bedeutete
das Fräulein.
,Lernen? fragte Jakobäa.
,Das, was sie so meisterhaft verstehen: abwarten,
und den Augenblick ergreifen, wenn er kommt!r sagte
Viktorine.
frau.
,,Wenn er kommt!'' wiederholte die Haus-
Viktorine entgegnete Nichts mehr darauf, und so
schieden sie. Jakobäa blieb sizen, ohne ihr das Geleit
F. Lewald, Benedikt. 1.

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zn geben. Sie hatte mit sich selbst zu thun, und das
Fräulein vermißte ihre Höflichkeit auch nicht.
Ihre Phantasie war wieder voll von Entwürfen
und voll Hoffnung.