Benedikt.
Fanny Lewald
Kapitel 10


Sehntes
Cnpitel.

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EF atte von Anfang an nicht in der Absicht
ihrer Verwandten gelegen, der Baronin einen langen
Besuch zu machen, und sie war auch nicht beeifert, sie
über die Zeit hinaus, von welcher immer die Rede
gewesen war, in ihrer Nähe festzuhalten. Man hatte
die Ankunft des Barons in Aussicht, Graf Stefano
sollte auch noch im Laufe dieses Monats eintreffen,
und Viktorinen war in diesem Augenblicke an de:
Gesellschaft ihrer Angehörigen weniger noch als sonst
gelegen.
Sie war sich bewußt, einen Fehler begangen zu
haben, als sie in dem Gefühle ihrer Sicherheit die
Cousine zur Vertrauten ihres Abenteuers mit dem
jungen Mönche gemacht hatte. Sie war damit von

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dem Grundsaz ihres klugen Vaters abgewichen, nie-
mals von seinen Absichten und Planen Etwas zu ver-
rathen, sondern erst die vollendeten Thatsachen zu Ver-
kündern derselben zu machen, und sie bereute das auf
ihre Weise.
Die kleine Nanette war zu gut erzogen und ihr
zu unterwürfig, um sie mit Fragen zu belästigen, wo
sie zur Mittheilung sich nicht freiwillig geneigt erwies;
aber die Neugier sprach aus jedem ihrer Blicke, und
es machte Viktorine mißmuthig, nicht darthun zu
können, was sie so zuversichtlich verheißen hatte, nicht
berichten zu können, daß sie den schönen Mönch ge-
sehen und gesprochen habe. Nicht einmal zufällig be-
gegnete man ihm. Viktorinens Hut war schon seit
Tagen von dem Fensterkreuze fortgenomnmen, und ob-
schon sie vor der Mutter Benedikts mit großer Sicher-
heit die Lehre von dem geduldigen Abwarten gepredigt
hatte, war Niemand zu der Ausübung derselben weniger
als eben sie geeignet.
Benediktus kam ihr nicht mehr aus dem Sinn.
Keiner von all, den Männern, die sich eifrig um ihre
Gunst beworben, hatte ihre Gedanken jemals so völlig-
hingenommen, als dieser junge Mönch; sie konnte sich
nicht darüber tääuschen, fie vermißte ihn, sie suchte ihn;

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einen Zustand wie ihren gegenwäärtigen, hatte sie noch
nicht erlebt.
,Was ist das? fragte sie sich, wenn sie in der
Nacht erwachend es inne ward, daß sie von Benedikt
geträumt hatte.- ,Was bedeutet es, daß es mich
nicht ruhen läßt um die Stunde,? fragte sie sich, ,in
welcher ich ihn auf der Klostermatte angetroffen habe,
und um die Zeit, in der er seine Klasse auszuführen
pflegte? Liebe ich ihn etwa gar? - Sie kam sich
sonderbar vor, als sie diese Möglichkeit erwog. Vor
einer solchen Thorheit oder Schwäche wußte ihr Ver-
ftand sich sicher, aber ihre Eitelkeit, ihr Ehrgeiz
standen in Gefahr eine Kränkung zu erleiden. Diese
Besorgniß war es, die sie beschäftigte und quälte, und
sie machte an sich die Erfahrung, daß sehr verschiedene
Ursachen oft die gleiche Wirkung haben, und daß in
kalten selbstischen Naturen Eitelkeit und Eigensinn
sich gelegentlich wie Liebe darstellen und erscheinen
können. --
Sie hatte sich bei dem Doktor einmal gelegent-
lich um Benedikt erkundigt, der hatte ihn aber nicht
gesehen. Sie war oft nahe daran gewesen, den Pater
Theophil nach ihm zu fragen, indeß sie mochte ihre
Theilnahme an dem jungen Mönche nicht mehr ver-
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rathen, ehe sie nicht sicher darüber war, ob sein Wille
oder seiner Oberen Befehl, ihn von ihr ferne hielt.
Darüber konnte ihr keine Auskunft werden, als eben
nur durch ihn; und ihre Gedanken kehrten also auf
das Neue zu ihm und zu der Nothwendigkeit zurück,
den unterbrochenen Zusammenhang mit ihm wieder
herzustellen.
Inzwischen ging in dem Kloster Alles seinen
ruhigen gewohnten Gang. Niemand kümmerte sich
darum, was es zu bedeuten habe, daß Benediktus sich
ein Fasten auferlegte, welches in den Ordensregeln
nicht vorgeschrieben war, und daß er Nachts noch
betend wachte, wenn die andern Brüder lange schon
auf ihrem Lager ruhten. Er war ebenso eifrig ge-
wesen in den Tagen, in welchen er sein Noviziat be-
endet hatte, und man hielt ihn nicht nur für ge-
wissensstrenge und bußfertig, man traute ihm auch
den Ehrgeiz zu, sich auszeichnen zu wollen, um der
Beachtung seiner Oberen willen.
Er wohnte dem Gottesdienste bei wie immer, er
that als Lehrer seine Pflicht in seiner Klasse, er führte
sie in das Freie, wie es ihm vorgeschrieben war, aber
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die Knaben waren die Ersten, die es fühlten und
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bemerkten, daß seine Seele nicht wie sonst dabei war.


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Er hatte nicht mehr wie bisher das freundliche
Wort als Entgegnung für ihre Anrede; ihrer Frage
um Auskunft und Belehrung begegnet nicht mehr der
rasche, lebhafte Bescheid. Es lockte ihn Nichts mehr
an, es schien ihn gar Nichts mehr zu kümmern, so-
gar seine Freude an der Natur hatte ihn verlassen.
Sonst war er es gewesen, der dazu getrieben
hatte, die Höhen zu ersteigen, die großen Fern-
sichten zu suchen, den Zuug der Vögel zu verfolgen,
bis sie sich in der Weite oder hoch oben in der
Luft dem Blick entzogen; und seinem scharfen Auge
war nicht leicht Etwas entgangen. Jezt mochlen
die Vögel über ihm kreisend schweben und ziehn, wo-
hin sie wollten. Er sah und achtete auf Nichts. Der
Sonnenschein erheiterte ihn nicht, die Quellen rausch-
ten und rieselten, die Blumen blühten und dufteten,
aber sie rauschten und rieselten nicht mehr für ihn, für
ihn blühten und dufteten sie nicht mehr.
Anfangs wagte sich Einer oder der Andere seiner
Schüler mit der Frage an ihn heran, ob er krank sei,
oder was ihm fehle? Aber seine Antwort, daß er
sich gut befinde, konnte sie nicht zufrieden stellen, und
mit der natürlichen Abneigung, welche die gesunde
Jugend gegen Traurigkeit empfindet, besonders wenn

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sie gegen dieselbe keine Hilfe zu leisten vermag, über-
ließen sie ihn bald sich selbst und seiner Schwermuth,
um durch dieselbe in ihrem Vergnügen nicht gestört
zu werden. Er war ihnen fremd geworden, und er
war sich selbst entfremdet.
Es half ihm nicht, daß er seinen Leib kasteite, um
seinen Geist in den Banden seiner Pflicht zu halten, seine
Phantasie wurde dadurch nur unruhiger und erregter.
Er kniete vor dem Altar in der Kapelle, und
vor seinen Augen, die er auf die Gottesmutter richtete,
schwebte Viktorinens Bild. Grade so, wie von dem
Haupte der Gebenedeiten, fielen die dunklen Locken
von ihrem feinen Kopfe an dem weißen Halse und
auf die Schultern nieder. So wie aus der hei-
ligen Jungfrau sanften Blicken, strahlte aus Vik-
torinens Augen das beseligende Licht erwärmend
in die Herzen, und so wie der Madonna schwe-
bende Gestalt, hatte das helle Sonnenlicht auch
sie umspielt, als sie scheidend vor ihm gestanden, daß
er emporgeschaut hatte, um zu sehen, ob nicht aus derHöhe
lobpreisende Engelchöre sich zu ihr hernieder neigten.
Es jagte ihn im Schrecken von den Stufen des
Altars empor: er glaubte sich im Gebet versunken, -
und seine Andacht war Gotteslästerung gewesen. Er
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sollte ihr Bild aus seiner Seele reißen! Wie konnte
er das thun, ohne ihrer zu gedenken? Und wenn eö
ihm gelang, was blieb ihm dann hienieden übrig, als
die Dede und die Leere, als die Hofnung auf ein
Jenseits, in welchem er der irdischen Erinnerungen
ledig, neue, reinere und höhere Freuden kennen lernen
würde, vorausgesezt, daß er sich zu befreien vermochte
von der Sünde, in der er jetzt befangen war - von
der Sünde, die seine Qual war und sein Glück!
Er sah keinn Ausweg aus dem sinnverwirrenden
Labyrinthe! und wenn sein greiser Freund es unter-
nahm, ihn auf denselben hinzuweisen, vermochte er
ihn in seiner Verwirrung doch nicht zu erkennen, nicht
zu finden.
Pater Theophilus ließ ihn nicht aus dem Auge,
und zog die Hand nicht von ihm ab. Er war ihm
ernst und streng wie einem Sünder, und übte nach-
sichtige Geduld mit ihm, wie mit einem in wüsten
Phantasien befangenen Kranken. Alles, was sein eigenes
gottergebenes Herz, sein frommer vertrauensvoller
Glaube, und eine lange Lebenserfahrung ihm eingaben,
das hielt er dem Verirrten vor; sogar an den Grün-
den der weltlichen Vernunft ließ er es ihm nicht fehlen,
obschon er es sich zum Vergehen anrechnete, daß

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er in solchem Falle dergleichen auch nur in Be-
krachtung z.
Er schilderte ihm Viktorinens Charakter, wie
seine Beobachtung ihm denselben klar gemacht hatte,
und die Welt, in der sie auferwachsen war. Er
sprach ihm von ihrer leichtsinnigen und eitlen Selbst-
sucht; er setzte es ihm auseinander, wie der Antheil,
welchen sie ihm und seiner Mutter erweise, nur der
Langenweile entstamme, welche das Entbehren der ge-
wohnten Zerstreuungen in ihr erzeuge. Er gab ihm
zu bedenken, daß sie sich weder seiner noch seiner
Mutter mehr erinnern werde, wenn sie einmal das
Thal verlasse, und er versicherte ihn, daß eben jetzt-
andere, ihr näher liegende Verhältnisse und Dinge, sie
beschäftigten und ihr im Sinne lägen,
,Sieh um Dich, sprach er, ,bist Du der Einzige,
der leidet auf der Erde, daß Du es gar so wichtig
nimmust? Wähnst Du, es hätte kein Anderer unserer
Brüder seine irdischen Aufwallungen und Hofnungen
begraben müssen, ehe er einsehen lernte, daß keine
dauernde Zufriedenheit auf das Vergängliche zu bauen
ist? Ein kalter Trunk, ein rauher Wind können Dir
schon morgen den Klang der Stimme rauben, um -
deretwillen die Fremde Dich beachtet hat, und auf

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welche Deine Eitelkeit ihre frevelhaften, gotvergessenen
Plane baut; und was bliebe Dir dann übrig, wenn
Du Dich selbst verloren hättest, Dich, und des Höchsten
Gnade für Zeit und Ewigkeit!
Benedikt hörte das Alles, und die geduldige Liebe
des Greises erquickte ihn, wie den Fiebernden die
treue kühle Hand erquickt, die sich ihm auf die heiße
Stirn legt; aber von seinen Qnalen konnte es ihn
nicht befreien, es konnte die Wunde nicht heilen, die
ihm geschlagen war. Und doch war sein Glaube an
die Allweisheit der Vorsehung in keiner Art erschüttert.
Das Gelübde, das er geleistet hatte, war ihm heilig,
wie in der Stunde, da er es über sich genommen,
und er hatte in dem Augenblick, in welchem er das
Anerbieten seiner Mutter von sich gewiesen, ihm zun
Flucht zu verhelfen, mit jenen weltlichen Wünschen
ein für alle Mal gebrochen, welche einst in früher
Jugend in ihm angeregt, durch Viktorinens phantasti-
sches Dazwischentreten ein neues Leben gewonnen
hatten. Er fühlte sich als Gottgeweihten, als Priester
der alleinseeligmachenden Kirche, der er fest ergeben
war. Er hatte nie mit größerer Hingebung und mit
mehr Erhebung zu dem Bilde des Heilandes empor-
gesehen, nie ernstlicher und begeisterter danach getrach-

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iet, die Selbstsucht in sich zu ertödten und an die
Stelle des eigenen Verlangens die Nächstenliebe in
seiner Seele einzuwurzeln; aber wie er auch rang
und kämpfte, er vermochte den Aufruhr seiner
Sinne nicht zu überwältigen. Die volle Kraft seiner
ungebrochenen Jugend ließ sich so leicht nicht nieder-
zwingen. Er liebte Viktorine, und der Eigensinn
der Leidenschaft machte ihn unempfänglich für jeden
Zuspruch der Vernunft, wie er ihn ohnmächtig machte
gegen sein eigenes Verlangen, sich seinem Eide unter-
werfend, mit Freuden zu entsagen. Gegen seine Liebe
kam nichts Anderes dauernd in ihm auf. Er ging
gewohnheitsmäßig durch sein Tagewerk, sein Geist
unterwarf sich jeder ihm auferlegten Anordnuung, sein
Herz beharrte in seiner Auflehnung. Er war wie
zerrissen in sich selbst.
Pater Theophilus hatte von ihm gefordert, daß
er sich zu seiner Mutter hinbegeben solle, denn Jakobäa
hatte, seit der Sohn an jenem Gewittermorgen zu-
lezt bei ihr gewesen war, sich nicht in der Kirche
sehen lassen, ja sich nicht einmal bei dem Beginn des -
Monates, der in die Zeit gefallen war, zur Beichte
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und Pater Theophilus wußte sich nach den Bekennt-
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Glaube an die Unmöglichkeit einer Aenderung in
ihrem und ihrer Familie Schicksal, nur der Gedanke,
daß ein Dispens von ihren Gelöbnissen nicht zu er-
langen sein könne, hatten es im Lauf der Zeiten da-
hin gebracht, daß sie sich, wenn auch heimlich grollend,
in das Unabänderliche hineingefunden hatte. Ihrer
ganzen Natur nach weder zur Religiösität, noch zum
Entsagen angelegt, mußten die unvorsichtig in ihr
von der Fremden erweckten, und durch des Sohnes
Weigerung zerstörten Hoffnungen sie aus ihrem schwer
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hafter noch gegen den Orden gewendet haben werde,
der ihres Sohnes Führer gewesen war, und den zum
Erben ihres Besizes zu ernennen, sie sich noch immer
nicht entschließen können.
Benediktus unterwarf sich schweigend der An-
weisung, die Mutter zu besuchen; seine Miene aber
verrieth es Theophilus, daß ihm die Aufgabe nicht als
leicht erschien.

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,Du zögerst, Benediktus? fragte ihn der Greis.
,Ich zögere, mein Vater!r gab Benedikt zur
Antwort, ,weil ich gelernt habe, mir zu mißtrauen.
Mir bangt davor, wieder vor die Mutter hinzutreten,
deren Verlangen mich so schwer versucht und deren
Zorn mich von ihrer Schwelle für immer fortgewie-
sen hat.?
, Und das Vertrauen erhebt Dich nicht, das man
Dir jezt erweist? sprach Theophilus. , So ganz bist
Du versunken in der Selbstsucht Tiefen, daß Du nicht
mehr der eigenen, vom rechten Pfade abgeirrten Mutter
die Hand zu reichen Dich gedrungen fühlst, da Nie-
mand so sicher als Du die Mittel dazu besizet, und
Niemand so wie Du die Pflicht hat, sie auf den Weg
des Heils zurück zu leiten.
,,Ich? mein Vater? fragte Benedikt, ,wie könnte .
ich helfen und stüzen, da ich mir selber zu helfen
nicht vermag! Wie könnte ich einen Andern auf-
richten wollen, da ich selbst danieder liege? oder wie
dürfte ich daran denken, eines Anderen Sinn zu len-
ken und zu bestimmen, da ich mir selbst abhanden
gekommen bin, und ohne Dich, der Du mich hinweisest
auf die Quelle des Heils und der Gnade, verloren
sein würde ganz und gar.!
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Der Greis ließ ihn auf die Antwort eine Weile
warten.,Weißt Du nicht,? sprach er danach, ,das
der Herr ist mit den Schwachen? daß kein Auftrag
Dir gegeben, keine Pflicht Dir auferlegt werden kann,
ohne daß er's also will, und daß er Dir die Kraft
verleihen wird, zu thun und zu vollführen, was Dir
zu thun von Deinen Oberen geboten wird?-- Hast
Du in diesen langen Tagen der Selbstbetrachtung nie
daran gedacht, wie sehr dem Irrenden, dem Verirrten
damit geholfen ist, wenn man eine Schranke aufrich-
tet, die den Bethörten in ihren Grenzen festhält, und
es ihm unmöglich macht, sich in das Ungemessene zu
verlieren??
Benedikt horchte auf jedes dieser Worte, und faßie
ihren Sinn doch nicht.
,Welch eine Schranke ist es, die gezegen werden
soll? fragte er, , und was kann ich thun, sie herzu-
stellen? Sag' es mir, mein Vater, denn mein Sinn
ist verdunkelt und mein Geist ist stumpf.-
Sie waren, während sie das mit einander sprachen,
aus dem Klostergarten hinaus in das Freie gekommen,
und Theophilus schlug die Straße ein, die über den
stillen Klosterkirchhof fort die Richtung nach Jakobäa's
Hause hatte. Die helle Mittagssonne beschien die
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breite Vorderseite desselben, daß seine Fenster weithin
glänzten, und die Augen sich schon aus der Ferne un-
willkürlich darauf richteten.
,, Wenn man es da so liegen sieht, Deiner Mutier
Haus,'' sagte der Greis, , lo sollte man meinen, es
herrsche Friede und Freude in demselben, und hat doch
nun seit langen Jahren Nichts darin gewohnt, als
Sünde und als Leiden, daß man sagen könnte, wie
Deine Mutter selbst gethan, es wäre besser, des Him-
mels Feuer käme, es zu verzehren.
Das Wort that Benediktus wehe. Er sah auf-
schreckend zu dem Vaterhaus hinüber, doch überwand
er rasch die Anwandlung, und den schwermuthsvollen
Blick zu Boden senkend, sprach er: ,mein Herz hängt
an dem Hause nicht.?
, Um so mehr der Mutter Herz, sagte Theophilus,
,und das ist ihr Verderben. Sie wußte, was sie da-
mit that, als sie den Fluch dagegen aussprach. Wie
der Same eines verderblichen Unkrauts, haben in den
Mauern dieses Hauses Stolz und Vermessenheit fort-
gewuchert seit Jahrhunderten, und haben auch Deiner
Mutter Sinn umgarnt, daß sie den Maurus, Dein
und Deiner Schwestern Vater, um des Hausbesizes -
willen festgehalten wider sein Begehren, bis er daraus
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hat flüchten müssen in die Welt, ein Verfehmter vor
den Menschen wie vor Gott. Ihr ist nicht zu helfen,
sie reiße denn ihr Herz endlich von diesem unheil-
vollen Hause los und verzichte, da ihre Kinder ihn
nicht erben können, schon jezt auf diesen irdischen Be-
sitz, um höhere Güter zu erwerben in einer besseren
Welt.?
Benediktus ging in Schweigen neben Theophilus
her, der Greis ließ ihm die Zeit zum Nachdenken
und Neberlegen. Als sie an den Kreuzweg gekommen
waren, an welchem die Schlucht anhebt, durch die
man im Schatten und im Kühlen bis nahe an Jakobäa's
Haus gelangen konnte, blieb der Pater stehen.
,Trachte danach,' sprach er, ,daß Deine Mutter
abrechnen lerne mit ihrem weltlichenVerlangen, damit sie
wieder bußfertig und mit ihrem Loos zufrieden werde.
-- Wie stände es heut um sie und Euch, wenn das
Kloster sich nicht beschützend ihrer angenommen, wenn
die Kirche Euch nicht in ihrem Schooße behütet und
geborgen hätte? Als das Eheweib eines Zuchthäuslers
würde sie, als die Kinder eines solchen würdet Ihr leben,
mit Schimpf bedeckt, gemieden von den Menschen,
oder fern vom Vaterlande als heimathlose Fremde.
Wie ein Vater hat der hochwürdige Herr Abt an ihr
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-gehandelt, wie eine Mutter hat das Kloster Dich auf-
genommen in seinen sichern heiligen Schutz. Die Last
ihrer weltlichen Unehre und der Deinen, hat Deine
Mutter dem Kloster dereinst in sich zu bergen gegeben;
so gebührt es sich denn auch, daß es dafür von ihr
empfange, was sie an weltlichem Besiz und Gut ihr
eigen nennt, damit von ihr und ihrem schuldbeladenen
Namen dereinst Nichts übrig bleibe, als die in unserm
Kloster durch die täglichen Gebete unserer Brüder ge-
läuterte Erinnerung an ihr Geschlecht, an sie und ihre
Kinder, die dem Herrn dienten und der Kirche an-
gehörten.- Und so geh mit Gott!'?
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