Benedikt.
Fanny Lewald
Kapitel 11

Ellies Cnpitel


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Fe sich versunken ging Benedikt die Schlucht
hinan. Die alten Buchen und Rüstern, die am Wege
standen, neigten von beiden Seiten die mächtigen Aeste
nach dem Wasser hin, daß sie den Weg ganz über-
dachten, und das Buschwerk an den beiden Ufern des
Wildbachs, der die Schlucht durchrauscht, dunkelgrün
erschien gegen das sonnig durchleuchtete Laub der
Bäume. Kaum ein anderer Punkt im Thale hatte
eine so üppige Vegetation. Die festen rauhen Brombeer-
zweige, an denen die reifende Frucht sich kräftig färbte,
bezogen die ganzen Wände und fielen nieder bis zu
den großen Steinblöcken, die das Wildwasser im
Frühjahr alljährlich von den Bergen niederbringt,
und selbst der Stein ermangelt dort des Schmuckes

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nicht. Schillernde Flechten und Algen bedecken ihn,
wo nicht weiches, dichtes Moos ihn umhüllt, hier und
da wächst ein Büschel schönblättriger Hirschzunge empor
und wo das Wasser den Boden berührt, glänzt das
zierliche Venushaar an schwankendem braunem Stengel.
Alles war still ringsum. Die rechte Zeit des
Vogelsanges war bereits vorüber, aber aus Busch und
Strauch sahen die klugen Köpfchen der Vögel furcht-
los nach dem Einsamen hinüber, während die schreck-
haften Eidechsen mit rascher Wendung hierher und
dorthin huschten, sich in Sicherheit zu bringen, und
die behaglichen Frösche mit behendem Sprunge guaxend
in die silberhelle Tiefe tauchten.
Benedikt hatte nur wenig in der Nacht geschlafen;
sein Kopf war heiß, die Frische that ihm wohl, mehr
noch die Einsamkeit. Theophilus hatte ihm, seit der
Jüngling ihm gebeichtet, es untersagt, das Kloster
ohne Begleitung zu verlassen, und er hatte sich im
gerechten Mißtrauen gegen seine Festigkeit dem Befehl
gern unterworfen. Aber der Einsamkeit im Freien
sonst gewohnt, umfing sie ihn, da sie ihm heute ver-
gönnt war, mit ihrem ganzen bestrickenden Zauber,
und um ihrer, wenn auch nur für wenig Augenblicke -
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zu genießen, ließ er sich auf einen Stein hinsinken,


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der, hart am Bache liegend, an einem anderen aufrecht
stehenden Felsblock seine natürliche Lehne besaß.
Er hatte in seiner Kindheit auf diesem Steine
oft gesessen und zugesehen, wie allerlei schnellfüßiges
Gethier zwischen den Schmerlen hin- und wiederschoß;
und wie er nun wieder an derselben Stelle weilte
und wieder hinabschaute in das klare Wasser, das zu
Thale rauschte wie vordem, kam in der Ermüdung
seiner Seele eine sanfte traumhafte Ruhe über ihn.
Die Jahre, die zwischen jener Zeit und dieser Stunde
lagen, waren ihm wie verschwunden. Er dachte nicht
an das, was er seitdem erlebt, nicht an das, was er
seitdem erlitten hatte, noch weniger an den Auftrag,
den ihm Pater Theophil gegeben. Er saß und blickte
hinauf in das Laubdach über seinem Haupte, und sah
dann wieder hinab in's Wasser.
So hatien die Zweige immer sich geneigt, so
waren die Sonnenstrahlen immer zwwischen ihnen durch-
gebrochen, so langsam und licht waren die verstreuten
weißen Wölkchen hoch oben immer hingezogen, wenn
er nach der offenen Stelle emporgesehen hatte, an der
die alte Tanne vom Sturm aus ihrem Boden gehoben
worden war. Die gelbe Königskerze und der purpur-
farbene Fingerhut blühten immer noch an jenem Fleck,

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und dichter als an dem kleinen Rinnsal, an welchem
die Amsel und die Schwarzdrossel ihre Tränke hatten,
standen die blauen Vergißmeinnicht im ganzen Thale
nirgends.
Das war Alles wie vordem, er empfand es auch
wie in den Zeiten, in denen er eingeboren und ein-
gefügt in diese heimische Natur, dem Augenblick ganz
hingegeben, bewußtlos seines Daseins froh gewesen
war wie die Blume, wie der Vogel, wachsend und
sich entfaltend in dem warmen Sonnenlicht. So
ohne Rückerinnern und Verlangen, dachte er, muß
der Mensch sich fühlen, wenn er des Irdischen ent-
kleidet eingeht zu den Gefilden, in denen die Seligen
der Ewigkeit genießen! Aber selbst diese Vorstellung
haftete nicht lang in ihm. Kaum wahrgenommen,
schwebte sie vorüber wie die Wölkchen überseinemHaupte,
wie der Vogel, der durch die Zweige huschte, wie der
blankbeschwingte Käfer, der vorüberschwebend schnell.
erscheint, ohne daß das Auge ihm zu folgen, oder ihn
zu suchen unternimmt. Er wünschte nicht besonders,
daß dieses Ruhen dauern möge, weil es ihm gar nicht
war, als ob es jemals wieder enden könne. Wie im
Traume war das Maß der Zeit nicht für ihn da, und
der selige Augenblick umfaßte eine Unendlichkeit für ihn.

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Mit einem Male schreckte er empor. Weiter hinauf
in der Schlucht hörte er lachen und sprechen; und
während noch der Klang der Stimme, die er ver-
nommen, sein Herz erbeben machte, trat Viktorine auch
schon schnellen, leichten Schrittes hinter dem um-
buschten Vorsprung auf den Steg hinaus, welcher an
jener Stelle von dem einen Ufer zu dem anderen
hinüber führte.
Weil man das alljährlicheAnschwellen desGletscher-
wassers in Betracht zu ziehen hatte, waren die Baum-
ftämme und Balken, welche diese naturwüchsige Brücke
bildeten, ziemlich hoch gelegt, und es gehörten ein
schwindelfreier Kopf und ein sicherer Fuß dazu, sie
furchtlos zu beschreiten. Viktorine, die sich auch in
diesem Punkte auf ihre Festigkeit verlassen konnte,
hatte den Steg schon zum Defteren benuzt und war
ohne alles Neberlegen auch jetzt wieder in die Mitte
desselben gelangt, als Nanette, die ihr folgen sollte,
zaudernd stehen blieb, und selbst durch der Freundin
ermuthigenden Zuruf nicht bewogen werden konnte,
ohne Beistand sich vorwärts zu wagen. Es blieb
Nichts übrig, Viktorine mußte umkehren, der Furcht-
samen ihre Hand zu reichen, und sie unter ihrem
scherzenden Zuspruch hinter sich herführend, war sie

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nech mitten auf dem Stege, als ihr Auge vorwäris
blickend, den jungen Pater in der Schlucht entdeckte.
Er starrte sie an, als hätte er nichk gewußt, daß
sie noch in seiner Nhe weile. Er hatte ihrer nicht
m ehr denken wollen, und nun stand sie vor ihm da,
so nahe, daß ihr auszuweichen gar nicht möglich war
---- und strahlend in Schönheit und Lebensfülle.
Ehe er noch wußte, was er thun solle, hatte ihr
Anruf ihn bereits erreicht. Sie ließ Nanettens Hand
los, sobald dieselbe ihrer Hilfe weiter nicht bedurfte,
und kam zu Benedikt heran.
,.Was haben Sie denn angefangen, Pater Bene-
dikt,r sagte sie, ,und wo haben Sie gesteckt, daß ich
Sie gar nicht zu sehen bekommen habe? Nicht Ihnen,
nicht Ihrer Klasse sind wir begegnet, seit ich mir meine
kleine Cousine hergeholt habe; und stände das Kloster
mit seinem dicken Thurm nicht dort unten, und hörte
ich Sie nicht alle Abend singen, ich hätte glauben
können, es wäre hier ein Erdbeben oder sonst irgend
etwas Schauriges geschehen, und die Klasse und Sie
wären mit einemMale versunken und verschwundenln =-
Sie hatte das Alles mit jener Leichtigkeit hin-
geworfen, mit der man in der Gesellschaft einen Be- -
kannten zu behandeln gewohnt ist; und sich zu ihrer

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Begleiterin wendend, sezte sie mit einem Blicke, den
diese sich zu deuten wußte, noch hinzu: ,Mein Schaz!
das ist der junge Pater, von dem ich Dir so viel er-
zählt habe, und dessen wundervolle Stimme uns gestern
wieder so erfreut hat.?
Nanette horchte freudig auf. Sie fühlte eine große
Genugthuung über das Begegnen, und weil sie hinter
der Cousine nicht zurückzubleiben wünschte, spendete sie
dem jungen Möuche bereitwillig das wärmfte Lrb.
Benedikt war fassungslos. Er sagte sich, daß es noth-
wendig sei, irgend eine Entgegnung zu machen, aber
er wußte nicht, was er sagen sollte, da er die Wahr-
heit hier nicht sagen konnte; und wo war die Ver-
mittlung zu finden zwischen Viktorinens und der andern
Fremden heller Freude und seinem stillen Leid? Er
brachte endlich stockend und verlegen die Frage heraus,
ob Nanette ebenfalls zur Kur in's Thal gekommen
wätre.
Er schämte sich der Frage, denn er wußte, daß
fie müßig, daß sie als Entgegung auf Viktorinens
und des andern Fräuleins Ansprache ungehörig,
ja eine Thorheit sei, daß sie ihnen auffallen und un-
geschickt erscheinen müsse; indeß er mußte fortzukommen
suchen über den Moment, ohne die Hände zusammen

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zu schlagen und Viktorine auf Knieen zu beschwören,
daß sie Erbarmen haben möge mit seiner Pein und Noth.
Die aber war keineswegs gewillt, ihn so leichten
Kaufes zu entlassen. Sie sah die Neugier, mit welcher
ihre Cousine den jungen Mönch betrachtete, und sie
selber überraschte die Gluth der Leidenschaft, die in
seinen dunkeln Augen brannte. Er war nicht mehr
derselbe, als welchen sie ihm zuerst begegnet war. Er
sah älter aus und war weit schöner noch geworden.
Sein Antliz war vergeistigt, seine Züge hatten einen
tieferen Ausdruck bekommen; ein Maler hätte sich kein
besseres Vorbild für einen heiligen Sebastian er-
wünschen können, als diese herrliche Gestalt, der auch
der Todespfeil im Herzen steckte.
Nanette hatte ihm auf seine Frage erwidert, daß
sie schon am nächsten Morgen aus dem Thale scheide,
,und,' sagte sie, ,gerade deshalb freut es mich, daß ich
Sie noch gesehen habe, da Sie mir bisher nuur, wie
die Echo, unsichtbar vernehmlich wurden.'?
,Glaubst Du,'? fiel ihr Viktorine in das Wort,
, die geistlichen Herren wüßten es nicht, wie anziehend
die geflissentliche Zurückhaltung sie macht? Keine Frau
versteht das besser! auch Pater Benedikt hat das be- -
reits begrifen. Er thut, als habe er vergessen, daß

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wir uns wiedersehen wollten. Und weil ich nicht ge-
wohnt bin, mich selten zu machen und erwarten zu
lassen, bin ich mehrfach auögegangen ihn zu suchen!r
, Sie mich ? stieß Benedikt hervor.
,Wie denn anders? Ich pflegte Wort zu halten
und ich habe Wort gehalten!r fügte sie bedeutungs-
voll hinzu, ,Sie aber haben dieses nicht gethan. Auf
der Klostermatte bin ich gewesen und bei Ihrer Mutter,
aber Sie haben auch die Mutter nicht besucht = e
,Ich befinde mich auf dem Wege zu ihrem
Hause!'' sagte Benedikt, dessen Verwirrung mit jedem
ihrer Worte wuchs.
,, Oh! wie schade, eben komme ich von dort und
habe von Ihnen mit Ihrer Mutter gesprochen, während
meine Freundin sich erfrischte. Nun, Sie werden's
von der Mutter hören. Aber wo halten Sie mit
dem Einstudiren meines Hymnus? Singen ihn die
Schüler schon?
,,Der Herr Abt erwartet einen Gast, zu dessen
Ehren er gesungen werden soll,r' bemerkte Benedikt.
Viktorine äußerte das Verlangen, der Aufführung
beiwohnen zu können; er meinte, das werde möglich
sein, da sie in dem großen Schulsaale geschehen solle,
der sich außerhalb der Klausur befinde; indeß er sprach


das Mlles, ohne recht zu wissen, was sie fragte und
was er ihr zur Antwort gab.
Daß er sie sah, daß er ihre Stimme hörte, er-
füllte seine ganze Seele; daß sie nicht für ihn da war,
daß sie so sehr zu lieben ein Verbrechen für ihn war
und daß er sündigte mit der sinnverwirrenden Freude
dieses Augenblickes, das war Alleö, was er deutlich in
sich wußte und empfand; und sich aufraffend mit dem
Neste der Fassung, die ihm übrig blieb, wollte er von
ihnen scheiden.
Sein Kampf und die Gewalt, die er sich an-
that, waren jedoch so unverkennbar, daß sie auch dem
jüngeren Mädchen nicht entgingen. Das war's, was
Viktorine wünschte.
, Sie wollen gehen? fragte sie.
, Ich habe mit meiner Mutter zu verhandeln!?
gab er ihr zur Antwort.
, So darf ich Sie nicht halten, und auf Wieder-
sehen also!r sagte sie, indem sie ihm die Hand hin-
hielt.,Ich hoffe Sie bald einmal wie heute anzu-
treffen!r sezte sie mit klugem Blicke um sich schauend,
bedeutungsvoll hinzu.
,Nein! wünschen Sie mir das nicht!r sagte er, -
seiner nicht mehr mächtig, und ging, ohne die darge-

ur
gebotene Hand zu fassen, mit kurzem Lebewohl
von ihr.
Die beiden jungen Frauenzimmer sahen ihm be-
troffen nach, bid er, ohne den Blick zurück zu wenden,
die Brücke überschritten hatte und hinter der Felsecke
verschwunden war.
,Der Aermste! wie er Dich liebt!r' sagte endlich
die Cousine mitleidsvoll.
Viktorine antwortete ihr nicht gleich. Benedikts
Leidenschaft, die sich wider seinen Willen so unverhohlen
und so scheu verrathen, hatte sie erschreckt; indeß sie
wollte das nicht merken lassen, und mit der siegge-
wohnten Miene, die ihr selten fehlte, sagte sie:,es
giebt, wie Du gesehen hast, sonderbare Arten, eine
Liebeserklärung zu machen! Diese war mir selber neu
---- und war doch klar und deutlich, wie nur Eine,
so daß sie Nichts zu wünschen übrig ließ.
Sie bückte sich dabei zum Wasserrande nieder,
Vergißmeinnicht zu pflücken und forderte auch die
Cousine dazu auf, als ob nichts Anderes sie beschäf-
tige und kümmere, und sie sah dabei sogar heiter und
zufrieden aus. Nanetie hatte jetzt erfahren und erlebt,
was sie nach Viktorinens Willen erfahren und wissen
sollte. Das Nebrige mochte sie sich vorstellen und
F. Lewald, Benedikt. k.

1s
denken, wie es ihr gefiel. Es konnte dadurch an
Romantik nur gewinnen, den Zauber, der um Vik-
torine schwebte, in den Augen der Cousine nur erhöhen,
und Viktorine war in ihrem Innern auch bereits von
einem anderen Gegenstande eingenommen, der für sie
wichtiger war als Benedikt.
,Hast Du's gehört, sprach sie, nachdem sie die
gepflückten Blumen mit weichen Halmen zusammen
gebunden hatten, und danach eine Weile schweigend
ihres Wegs gegangen waren, ,hast Du es gehört, im
Kloster erwarten sie einen Gast, dem sie besondere
Ehren zu erweisen denken. Wer kann das sein??
,Soll ich ihn Dir nennen? fragte die Cousine.
Die Andere verlangte nicht danach. ,Daß ich
unwissentlich den alten Lobgesang auf Rom zu seiner
Ehre in das Kloster schicken mußte - wie wunderbar
ist das! sagte sie und schaute mit den dunkeln Augen
gedankenvoll in's Weite.
,Ich würde es als ein gutes Zeichen, als eine
günstige Vorbedeutung ansehen,' meinte die Coufine,
und Viktorine nahm es selber auch mit solcher Mei-
nung auf.
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,Laß uns hoffen, daß es uns Glück verheißend ,
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sei!'- sagte sie. ,Der Graf wird übrigens an der


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Stimme dieses jungen Mönches!- sie nannte ihn
nicht mehr Benediktus oder ihren jungen Pater wie
bisher --- ,auch seine große Freude haben. Er lielt
die Musik und ist ein Kenner aller Kunst: ein echter
ohn Italiens und Roms!?
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