Benedikt.
Fanny Lewald
Kapitel 12

Febikt hatte sich niedergesezt, sobald er sich aus
dem Bereich von Viktorine wußte. Er hatte sich
überwunden und war geflohen- indeß waö half
ihm das?
Wohin er sich auch wendete, sie war bei ihm! ---
Wohin er immer blickte, sah er sie! Es war kein
Raum in seinem Herzen, seiner Seele, den sie nicht
erfüllte - und schaudernd ließ er die Worte des
Psalmes über seine Lippen gleiten:,Wo soll ich hin
fliehen vor Deinem Angesicht? Führe ich gen Him-
mel, so bist Du da, bettete ich mich in die Hölle, jo
bist Du auch da!?--
E war wieder eine Läisterung in diesen Worte:n,
wie er sie gebrauchte, sündhaft war Alles, was er
that und dachte; er war verdammt, sich nicht mehr zu

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erheben. Dante's verhängnißvolles: , Laßt alle Hoff-
nung fahren!'' war für ihn gesprochen. Es blieb ihm
Nichts als bis an's Ende willenlos in unverbrüch-
lichem Gehorsam an jedem Tage durch den Tag zu
gehen - und das mußte er auch heute thun.
Er erhob sich seufzend und schritt hinauf nach
feiner Mutier Hof.
Die Thüre des Hauses stand offen und die Küchen-
thüre ebenso. Vom Heerde aus konnte Jakobäa Jeden
sehen, der über ihre Schwelle kam.
Langsam und mit müdem Schritte stieg der Sohn
die Treppe hinan, er hatte die Mutter seit jenem
Morgen nicht mehr aufgesucht. Das war an sich
nichts Seltenes, denn es war oft eine weit längere
Zeit darüber hingegangen, ohne daß der Eine oder
die Andere es wesentlich beachtet; diesmal jedoch hatten
sie Beide die Zahl der Tage nachgerechnet und Jakobäa's
Bitterkeit war mit jedem Tage gewachsen.
Sie sah ihn eintreten, ohne den Blick auf ihn
zu richten, und ließ ihn herankommen, ohne ihn will-
kommen zu heißen. Es fiel ihm schwer, dagegen
Stand zu halten, denn er war ohne dies genug be-
laden. Die ganze Verzagtheit des Unglücks hatte ihn
befallen.

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,Mutter,'' sagte er endlich, als er schon dicht vor
ihr stand, ,so soll es zwischen Sohn und Mutter doch
nicht sein !?
Sie legte das Messer aus der Hand, stellte die
Schüssel fort, die sie auf ihren Knieen gehalten hatte,
und hob die Augen zu ihm auf. ,Wa haben sie
mit Dir gemacht? Wie siehst Du aus? rlef sie vor
der Verstörtheit seines Angesichts erschreckend.
Er sagte, es sei ihn Nichts geschehen.
,Du siehst nicht kenntlich auö wiederholte sie,
und von der Angst des Mutterherzend fortgerissen
über ihren Zorn, sezte sie mit rascher Dringlichkeit
hinzn:,Was frag' ich noch! Ich hatte mir' ge-
dacht! Du hast gebeichtet und mußt büßen! Rede!
Rede! Ich sehe es ja ohne das ?
Ihre Zärtlichkeit schloß ihm das Herz auf. Eu
hatte derselben nöthiger denn je, und bemüht, sie zu
vergelten, sagte er:,Sorge Dich nicht um mich!
Ich bin krank gewesen in meiner Seele, die ganzr
lange Zeit! Doch wird Gott mir helfen, daß ich da-
von genese!'
,,Genesen? -- Ja! Genesen von der Erdennoth
und von dem Leben! Wenn man das genesen nennen
willlr rief sie. ,äu der Art von Genesung werden

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sie Dich bringen, wenn sie's Dich so weiter treiben
lassen, und dahin wollen sie Dich haben, denn sie
denken, damit wären sie an ihrem Ziele!r
Benediktus bangte vor dem Tone. ,Mutter!'
fagte er, , ich war gekommen, um mit Dir zu sprechen,
wie es dem Sohne ziemt, dem Dein Gelöbniß seinen
Pfad bestimmt hat, ehe er geboren war; und der
nicht Dir, nicht sich gehörte, seit er hienieden athmet!r
Sie ließ ihn nicht vollenden. , Das ist es! Das
ist es ja!'- rief sie mit Leidenschaft. , Was warst Du
mir, da Du mir nicht gehörtest? Wie sollte ich mein
Herz hängen an Denjenigen, und Denjenigen lieben
und mich sorgen um den, der nicht mehr mein eigen
war? Ich habe zu lügen und zu heucheln nicht ge-
lernt. Aber seit sie in das Thal gekommen ist, und
mir begreiflich gemacht hat-- sie brach plözlich ab
und sagte, indem sie näher zu ihm rückte:,Sie ist
hier gewesen, neulich und heut wieder, und ich habe
allein mit ihr geredet=-e'
,Ich weiß es,' sagte er, ,ich habe sie gesehen!r
,Du? Und wann? und wo?
,Jetzt eben. Am Wildbach, in der Schlucht!?
, Und davon bist Du so verstöüt? fragte sie mit
dem Scharfblick des Weibes und der Mutterliebe. Er

1?
antwortete ihr nicht darauf, aber die brennende Röthe,
die seine bleiche Stirne übergoß, schien ihr Muth zu
machen, denn ehe er es hindern konnte, sagte sie:
,Sie hat mir Alles aufgeklärt! Die Welt ist umge-
wandelt eben jetzt, jenseits der Berge. Es sind Ge-
setze gegeben worden in dem neuen Neich, welche der
löster Pforten aufthun. Nur hinülerzngehen hast
Du nöthig-
,Nicht weiter, Mutter! rief der Sohn, ,wenn
Du mich nicht zum zwweiten Male von Dir treiben
willst. Ich weiß das wohl! -- Doch nicht um solcher
Dinge willen kam ich her zu Dir.?
, Höre mich!- gebot sie und hielt ihn bei der
Hand.,Ich bin alt, Benedikt; lter alö meine Jahre,
denn Leiden zählen rascher als die Tage des Kalen-
ders, und es wird mir keine Ruhe mehr lassen, nun
ich weiß, daß Rückkehr aus dem Kloster in das Leben
möglich ist =
,Nicht für mich, Mutter!' sagte Benediktus mit
völliger Entschiedenheit. , Nicht für mich!-- Und
schlössen sich mir heut die Pforten unferes Klosterö
auf, ich würde den Weg nicht gehen, den Du mir
zeigst. Ich werde nicht lassen von dem Pfade, auf
dem zu wallen ich in der freudigen Neberzeugung ge-

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schworen habe, daß er mich zum Heile führt, selbst
wenn mein Fuß ihn hart zu gehen findet und die
Dornen am Wege ihn zerreißen, ehe ich, den Frieden
findend, an mein heiß ersehntes Ziel gelange.!
Er hatte sich über sich und seiner Seele Schwäche
emporgehoben, indem er die Mutter zu erheben unter-
nahm; aber der lebensmüde Ausdruck seiner Züge, der
bebende Klang seiner Stimme machten, daß sie seinen
Worten nicht Gehör gab, und bei ihrem Sinne blei-
bend, sprach sie: ,Willst Du mich glauben machen,
daß Deine Wangen von Ruhe und Frieden so blaß
geworden, Deine Augen von Glück und Freude Dir
so eingesunken sind?
,, llnd wäre es von Kummer und von Schmer-
zen, was wäre es denn anders? gab er ihr zur Ant-
wort. ,kch habe das Kreuz auf mich genommen und
ich will es tragen, bis es mir zum Siegeszeichen wird
-- zum Zeichen des Sieges über mich-- und über
Dich!-- oder bis ich unterliege unter seiner Last.? =-
Sie stand auf und sah ihn an. Sie war, klug
genng, es zu bemerken, wie er sich erst bei ihr all-
mälig aufgerichtet hatte, und daß er jetzt aus vollem
Herzen zu ihr sprach.
Aber Viktorinens Zuversicht und ihr Dringen
- -,

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hatten die Vorstellungen Jakobäa's nun einmal in
die neue Bahn gelenkt: sie hatte sich in ihrer Ein-
famkeit Tag und Nacht damit beschäftigt, wie Bene-
diktus fliehen, wie er jenseits der Alpen seine Freiheit
finden und wie sie dann später ihn dorthin folgen
werde, um ihr und sein Gewissen zu beruhigen, um
vor dem Thron des heiligen Vaters Vergebung fü
ihre und für des Sohnes Sünden durch Viktorinens
Beistand zu erlangen. Bei ihrer Unkenntniß der ob-
waltenden Verhältnisse war Jakoläa ebensowenig im
Stande, das Phantastische und Unerfüllbare diese;
ihrer Hoffnungen einzusehen, als die zähe Beharrlich-
keit ihrer Natur von denselben zu lassen vermochte.
Mit beredter Leidenschaft stellte sie dem Sohn
noch einmal vor, was sie von ihm erwartete, wad
Viktorine ihr verheißen hatte. Benedikt ließ sie ge-
währen, ohne sie zu unterbrechen. Als sie vollendet
hatte, sagte er: ,Sie hat mir das Alles angedeuten
und sie glaubt es so; aber es wäre uns besser, win
hätten sie nie gesehen, nicht Du, nicht ich!
,Du traust ihr nicht? rlef Jakobäa zürnend.
,Wie dürfte ich? versezte er,,da ich den Kampf
erprobt, in den sie mich verstrickt hat, da ich in mir
erfahren habe, was es kostet ihn zu bestehen.'

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,Weil Du den Muth nicht hast, Dich zu be-
freien!'? fuhr Jakobäa auf.
Benedikt entgegnete auf ihren Vorwurf nicht, und
erst nach einer Weile sagte er: , Ich bin nicht muth-
los, Mutter! Ich habe in diesen Zeiten große Ver-
suchnngen mit Gottes Hilfe, wie ich hoffe, überstanden.
Ich habe, seit sie zuerst zu mir geredet, oft hinausge-
schaut mit heißer Sehnsucht nach den Freuden und
dem Ruhm der Welt, und nach Genüssen, an die ich
früher nicht gedacht habe und die mir nicht bestimmt
find. Ich weiß und hab's empfunden, wie sie ver-
lockend sind! Aber sie suchen zu gehen auf dem Wege,
von dem sie redet, und an den Du glaubst, das hieße,
selbst wenn er zum Ziele führen könnte, kurze Lust
mit ewiger Verdammniß sich erkaufen.?
Er machte eine Pause, als halte er zurück, was
ihn bewege, und sich dann zusammennehmend, sagte
er mit scheuem Zögern: ,Es steht nicht gut um mich!
Aber auch um Dich, Mutier, steht's nicht gut! Du
bist abgekommen von der Kirche, von der Beichte, von
dem Pfade, auf dem wir gegangen sind, Du und
Deine Kinder, unbeirrt seit meines Vaters Flucht,
um seiner Sünden und um Deinetwillen. Dabei,
Mutter! muß es bleiben! damit Deine Kinder, die

19
für Dich gebetet haben, seit sie beten lernten, nicht
muit hoffnungsloser Sorge an die Mutter denken
müssen, die sie in die Welt geboren hat, damit sie
nicht die Mutter wie den Vater meiden müssen und
verlieren.'?
Jakobäa war ergriffen, ihr Sohn war es nicht
minder. Es war das erste Mal, daß er es unter-
nahm, sich also über sie zu stellen, daß er in solcher
Weise zu ihr von ihrer Schuld und ihrer Bußpflicht,
daß er als der Priester ihres Gottes zu ihr sprach,
und der Eindruck, den er auf sie machte, wirkte er-
muthigend auf ihn selbst zurück.
Er lernte es empfinden, wie der Geist sich stärkt
in Denen, welchen es Pflicht ist, Andere zu leiten, und
er genoß daneben den ersten Neiz des Herrschens,
während er demüthig dem Befehle seiner Oberen ge-
horchte. Das Geheimniß jener klug berechneten Ver-
bindung von Herrschaft und Gehorsam, das die
Glieder der Kirche untereinander und in der Kirche
so meisterhaft zusammenhält, bewährte sich an ihm.
Er konnte in dem Augenblick absehen von sich
selbst, es vergessen, was ihn eben noch befangen, was
ihn verwirrt hatte, als er vor die Mutter hingetreten
war. Er fand eine Genugthuung darin, sich in dem

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Dienste der Kirche, in der er erwachsen und erzogen,
deren Theil und Glied er war, alö Berather und Er-
mahner zu versuchen; und was er als Glaubenssatz der
Mutter vorhielt, ward in ihm als Neberzeugung in
neuem Sinne mächtig; so daß er ihr mit Ruhe den
Wunsch aussprach, sie möge sich entschließen die Schen-
kung ihres Hab und Gutes für ihren Todesfall zu
Gunsten seines Klosters zu vollziehen.
Jakobäa blickte ihn in stummem Schrecken an.
Sie hatte diesen Vorschlag von ihrem Sohne nichter-
wartet, am wenigsten in dieser Zeit.
Er war ihr fremd wie er jezt vor ihr stand, die
herrliche Gestalt hoch aufgerichtet, den leuchtenden
Blick ihr zugewendet, sie ermahnend mit feuriger Be-
schwörung, sie bitend mit dem weichen Ton der Liebe,
nur an ihr Seelenheil zu denken. Des Sohnes Wort
drang anders an ihr Herz, als das des greisen Paters.
Sie neigte sich vor ihm und sah zu ihm empor, sie,
die ihn geboren, die ihn an ihrer Brust genährt, auf
ihren Knieen groß gezegen hatte. Wie sie sich um
sein irdisch Theil all die Zeit gesorgt hatte, wie sie
jezt noch darauf dachte, ihn einzusetten in sein Erbe,
so sorgte er sich, ihrer Seele jenseits dieses Lebens
ihre Heimathsstätie zu bereiten; der Sohn, dem sie

1
sein irdisch Dasein einst geschenkt, wollte ihr die Ver-
geltung dafür sichern in der Ewigkeit.
Es war ein Aufwallen, ein Fluthen von Empfin-
dungen in ihr, über welche sie sich Rechenschaft zu
geben nicht vermochte. Die Trauer, die sie fühlte, schloß
doch Freude in sich, und das Glück der Mutterliebe
barg in sich den Schmerz, daß Benedikt sich zu be-
freien verweigerte. Sie wünschte, ihm nachzugeben,
ihm willfahren zu können, sie hatte ihm bisher so
wenig Zärtlichkeit erwiesen; aber was konnte ihm seine
Mutter und Mutterliebe sein, ihm, der nicht einmal
an dem Hause seiner Väter hing, der in sie drang.
um seines und um ihres Heiles wegen, sich des alt-
ehrwürdigen Besizes zu entäußern? Nicht nur ihn,
sich selber sollte sie der Freude an ihrem Hab und
Gut berauben! und sie konnte ja noch lange leben in
dieser Welt, ehe sie abberufen ward zu einer anderen.
Sie hatte es dem Sohne heute ausgesprochen:
ihre leiblichen Kinder hatte sie nicht von Herzen lieben
können, seit sie ihr nicht mehr allein gehörten, und
auf Ausschließlichkeit und Dauer war ihr Sinn ein-
mal gestellt. Die Kinder hatte sie schon mit dem
Kloster theilen, sie an das Kloster verlieren müssen;
t? === =- = =-

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und Gut entsagen, sollte nur noch als Verwalter
schaffen, sich nicht mehr als unbeschräinkte Besizerin
empfinden auf ihrem Grund und Boden und in ihrem
Hause? Bei lebendigem Leibe sollte sie wie ein Schemen
und Gespenst umhergehen neben denen, die auf ihren
Heimgang ihre Plane bauten?- Nimmermehr!--
Benedikt wollte nicht von seinem Eide und von seinem
?:
Es brachte sie anßer sich, daß er dies nicht be-
grif, daß er nicht wie sie an diesem Hause hing, daß
er nuur an den Himmel und das Jenseits dachte, und
fast ohne es zu wissen, rief sie in ihrem Schmerze:
, Er ist bei mir und nicht bei mir! Die Welt liegt
zwischen ihm und mir!'?--
,Ja die Welt! Ja die Welt!- sprach Benedikt
ihr mit gehobener Stimme nach, ,diese vergängliche
trügerische Welt, in welcher schon in der nächsten
Stunde uns entrissen sein kann, woran wir hängen,
als wären wir nicht selbst vergänglich und in jedem
Augenblick dem Tode verfallen! Du kannst nicht
lassen von dem Hause, magst nicht denken, daß es
Andern dereinst gehören soll? Aber weißt Du, ob der
nächste Morgen Dir noch tagt? Ob dieses Haus, auf

1
das Dn neulich des Himmels Bliz hernieder riefest,
nicht morgen schon des Feuers Beute wird?-- Dut
denkst an mich! =- An mich?- Wer bin ich, Mutter?
Was ist mir diese Welt? Was hat sie mir zu bieten?
Was hab ich denn in ihr zu hoffen? Die Tage und
Stunden habe ich minutenweise algezählt, und hab
in meines Herzens Angst gefleht zu Ihm, dessen das
Leben ist, daß er es mir verkürze--''
,. Benedikt!r tief die Mutter voll Eutjezrn
, was ist denn geschehen?
Er fuhr zusammen. Während er die Mutter
abzulösen trachtete von dem Hängen an dem Irdi-
schen, hatte seine Phantasie sich willenlos zurückge-
wendet in die Erinnerung an das eigene gezuungene
Verzichten, an sein Leiden, und zu ihr, die ihm der
Inbegrif des Lebens und der Welt geworden war.
Das Wort verstummte ihm im Erschrecken vor sich
selbst.
Die Mutter stand vor ihm und sah ihm fest
in's Antliz. Er senkte den Blick vor ihr zu Boden.
Eine unheilvolle Ahnung bemächtigte sich ihrer.
Die Aussichten, welche Viktorine ihr eröffnet,
hatten sie gereizt, sie hatte sich darin versenkt, wie
man das Auge weit vorwärts in die Fernr dringen
l

19
läßt, während man auf festem Boden sicher da steht.
Sie hatte Benedikt von den Banden frei zu sehen
gewünscht, die sein Eid ihm auferlegte; aber noch
waren diese Bande nicht gelöst, noch band ihn ja sein
Eid, ein heiliger Eid, den nicht brechen zu können
und zu wollen er erklärte. Vor der Macht der
Gegenwart, der Wirklichkeit gegenüber, fiel auch vor
Jakobäa's Augen das unbestimmte Hoffen auf eine
Umgestaltung ihrer und ihres Sohnes Zukunft in
sich selbst zusammen, und die Gewalt des angeerbten
Glaubens und der angeerbten Vorstellungen trat auch
bei Jakobäa in ihr altes Recht.
,Du bist des Herrn Priester,' sprach sie mit er-
habenem Ernste, indem sie ihre schwere Hand auf
seine Schulter legte, ,und ich verehre ihn in Dir;
aber ehe Du sein Priester warst, warst Due mein
Sohn, ich Deine Mutter! Du hast mir mein Herz
gedeutet und vor Deinem Erkennen hab' ich mich ge-
beugt.- Ich will Dir das Deine deuten, denn ich
hab's erzeugt!''
, Mutter! Um Gottes Barmherzigkeit willen,
sprich das Wort nicht aus!r rief Benedikt.
,,Wer will mich hindern, meinem Kinde in das
Herz zu sehen? sprach sie und hielt ihn fest. ,Wer

?
soll Dir'I sagen, was er sieht, wenn ich's nicht thue?
Läugne mir es, wenn Du es kannst!-- Du liebst die
Fremde, Benedikt!=?
Ein dumpfer Schrei rang sich aus seiner Brust
empor, und das Gesicht verhüllend, sank er vor Ihr
nieder.
Sie umschlang ihn und drückte ihn an ihre Brust.
So hatten Sohn und Mutter sich noch nie umfangen.
Jezt verstand sie ihn, und Mlles war jezt anders
zwischen ihnen. Was Liebe sei, das wußte Jakobäa!
Daß Liebe nicht vergessen, nicht einem Andern zuge-
wendet werden könne, das hatte sie an sich erfahren,
und Benediktus war ihr Blut, ihr Sohn! Und er
war Mönch, der geweihte Priester seines Gottes!
Sein Unglück, sein Schmerz, sein Vergehen
fielen, nun sie sie erkannte, wie schwere Hammerschläge
auf sie nieder. Sie öffneten gewalisam die Quellen
der Zärtlichkeit in ihrer Brust, die Leid und Einsam-
keit so lange verschlossen hatten. Ihre Liebe für den
unglückseligen Sohn verwandelte ihr ganzes Wesen.
Sie fluchte der Fremden in ihres Herzens Tiefen, und
hielt dennoch das harte Wort zurück, um Benedikt
nicht weh zu thun, der sie liebte. Sie hätte ihr
Leben darum geben mögen, häte sie ungescehen

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machen können, was sie selber die ganze Zeit hindurch
an ihreä Sohnes Nuhe und Frieden gefrevelt und ge-
fündigt hatte.-- Sie haßte und verabscheute sich selbst
und den Besiz, um dessen willen sie den Sohn ge-
peinigt, um dessen willen sie der Fremden ihr Ver-
trauen geschenkt, ihr willfährig Gehör gegeben, und
um dessen willen sie die neue Schuld auf sich geladen
hatte und auf ihren Sohn.
Sie fand, da ihre Angst nach Hilfe suchte, eine
tröstende Zärtlichkeit in sich, deren sie sich nicht bewußt ge-
wesen war, und eine Sprache für den Sohn, die sie noch
nie zu ihm gesprochen hatte. Der heiße Strom der
Mutterliebe floß frei in ihrem Herzen und ergoß sich
über Benediktus, daß die Mutter und der Sohn
unter dem Gewicht des Schicksals, unter dessen Last
kein Erkommen und kein Hofen übrig blieb, doch
eines Glückes genossen, dessen sie nicht theilhaftig ge-
wesen war bis zu dieser Stunde.
Benedikt umarmte die Mutter noch einmal, dann
stand er auf; sie folgte seinem Beispiel.
,, Und was soll nun werden?' fragte sie, beseelt
von dem Verlangen, ihn zu befriedigen und zu
trösten.
Er reichte ihr die Hand hin. ,Gott ist über

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uns gewesen in dieser Stunde,! sagte er, ,und hat
uns heut gesegnet! Laß unö ihm dafür dienen in
dankbarem Verzichten auf Mlles, was nicht bestehen
mag vor ihm.? Er schickte sich zum Fortgehen an.
Sie ging mit schwerem Schritte neben ihm.
,. Komm wieder!'? bat sie, als er sich dem Aus-
gang nahte.
, Nicht eher, bis sie nicht mehr in dem Thale
ist!' gab er ihr zur Antwwort.
,Ich komme in die Kirche heute Abend, da werd'
ich Dich doch hören!r sagte die Mutter.
,Geh' auch zur Beichte!'' mahnte er, und sie ent-
gegnete, es verlange sie danach, das Herz sei ihr be-
laden, sie habe der Vergebung nöthig -- auch
von ihm.
,Denk' nicht an mich!'r sprach Benedikt.
Da brach ein Strom von Thränen ihr aus den
Augen, und sich noch einmal ihm in die Arme werfend,
rief sie: ,An wen soll ich denn denken, als an mein
eigen Fleisch und Blut, an Dich, an meinen unglück-
seligen Sohn!?
,,Gott wird mir helfen zu tragen, was er mir
auferlegt,' versetzte er und ging hinaus.
Sie blieb unentschlossen auf der Schwelle stehen.


Sie konnte ihn nicht scheiden lassen, ohne ihm ein
Zeichen ihrer Liebe gegeben zu haben, aber es kam ihr
hart an wie der Tod.
,, Benedikt!' rief sie. Er wendete sich um.,Würd
- es Dich freuen, wenn Dein Kloster mich beerbte?
,Wir haben, Du und Deine Kinder, alle Drei
der Fürbitte sehr nöthig, Mutter!' gal er ihr zur
Antwort, , und Dein Andenken geehrt zu sehen unter
uns, das wäre mir ein Segen.''
,,So sollen sie es aufsezen, ich will es nnter-
schreiben!'' stieß sie rasch hervor.
, Gott sei gedankt, daß er Dein Herz gelenkt!
rief Benedikt, aber sie hörte es nicht mehr. Sie war
hineingegangen in das Haus, ihm ihre Thränen zu
verbergen.