Benedikt.
Fanny Lewald
Kapitel 13

rehehntes
'npilel.

Ai Abend, um die Vesperstunde knieete Jakobä
wieder an ihrem alten Platze in der Kirche. Di
Fremden kamen erst lange nach ihr in das Gottes-
haus; Viktorine bot ihr, als sie an ihr vorüberging,
die Zeit, aber Jene gab ihr keine Antwort, und machtr
das Zeichen des Kreuzes über sich. -- Der Chorge-
sang war gerade beendet, Benedikt's Stimme erhol
sich hell im Einzelsang.
,Daß man das heute zum lezten Male hört!
sagte Nanette mit Bedauern.
,Es ist unglaublich, welche Fortschritte er gemacht
hat, seit wir zum ersten Male in der Kirche waren,''
meinte die Baronin. ,SSchön war seine Stimme
immer, aber es ist jezt ein Ton, ein Ausdruck in sie
hineingekommen, den sie vor sechs Wochen noch nicht

e
hatte. Man könnte in der That vor Rührung wei-
nen, wenn man nicht seine Freude daran hätte.!--
Viktorine, welche des jungen Mönches Singen
sonst am lebhaftesten gepriesen hatte, schwieg heute zu
der Bemerkung der Baronin.
Als dann der Gottesdienst beendet war, und die
Fremden bei dem Fortgehen aus der Kirche wieder
an Jakobäa vorüberkamen, fand die Baronin, welche
sich gewöhnt hatte, in dem Thale bei jedem Anlaß
die huldvolle Beschützerin zu spielen, sich gemüßigt,
an die Mutter Benedikts heran zu treten und ihr zu
fagen, wie gefühlvoll ihr Sohn heute gesungen habe.
,Ich wollt', Ihr Fräulein sänge einmal so wie
er!' warf Jakobäa hin, während ihr Blick finster über
Viktorine hinstreifte.
,, Oh, versetzte die Baronin, ohne Ahnung von
dem, was Jene meinte, ,meine Tochter hat oft geist-
liche Musik gesungen und versteht sich außerordentlich
darauf!'? Und um das Maß ihrer Herablassung heute
voll zu machen, setzte sie hinzu:,?ommen Sie doch
einmal zu unserer Wirthin, liebe Frau! Dann sollen
Sie meine Tochter hören; Ihr Herr Abt war ganz
von ihr entzückt.r?
,Ich hab' mehr als genug von ihr gehört!! sagte

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akobäa und ging von ihnen, ohne Gruß und Lebe-
wohl.
Die Baronin fühlte sich durch diese Abweisung
-schwer gekränkt, besonders weil ihre Anverwandten die
Zeugen derselben waren. Sie nannte Jakobäa eine
unheimliche abstoßende Person, die ihr von Anfang an
zuwider gewesen sei. , Aber meine Viktorine,? sagte
sie, ,hat eine wahre Leidenschaft für das Driginelle,
weil sie selber so originell ist, und sucht sich solche
Menschen auf. Wenn man nuur wüßte, was die Frau
heut' hatte!r
Sie waren während dessen an den Ausgang der
Kirche gelangt, die Baronin und ihre Tochter traten
an das Becken, sich mit dem Weihwasser zu benezen,
die Andern, die noch Juden waren, standen von fern
und sahen ihnen zu. Der lebertritt zum Christen-
thum und zur Landeskirche gehörte in ihren Augen
mit zu dem Luxus, den ihre reichen Verwandten sich
hatlen erlauben dürfen.
Als Viktorine sich allein mit ihrer Mutter sah,
sagte sie: ,Sprich nicht mit Jakobäa und nicht von
ihr! Pater Benedikt hat eine Leidenschaft für mich
und ich sehe, seine Mutter weiß darum. Die Töne
auollenihm ja heute auch wie heißeTropfenaus derBrust!'

Le
Die Baronin that einen überraschten Ausruf;
indeß verwundern that die Mittheilung sie keineswegs,
sie fand die Sache sehr natürlich. Es hatte ja kaum
ein Mann den Reizen ihrer Tochter widerstanden.
Nur wie es mit dem Pater so gekommen sein konnte,
das begrif sie nicht, und häti's doch wissen mögen.
Die Tochter sagte, sie werde ihr's erklären, wenn die
Gäste fort, und wenn man wieder in Ruhe sein würde.
, Nanette weiß darum, sezte sie hinzu, ,wir sind ihm
heute noch begegnet und haben ihn gesprochen. Er
ging von uns zu seiner Mutter Haus.'
,Der Aermste! rief die Baronin, ein mitleids-
volles Lächeln auf den Lippen, ,wie er mich dauert!
, Und mich erst!r sagte Viktorine, während sie sich
den Anverwandten wieder zugesellte; aber die Baronin
blickte von Zeit zu Zeit mit zärtlichem Vergnügen
ihre Tochter an, und so bald es sich nur thun ließ,
nahm sie Nanettens Arm, um in eifrigem Gespräch
mit ihr hinter allen Andern weit zurück zu bleiben.