Benedikt.
Fanny Lewald
Kapitel 14

Vierzehntes Cnpitel.

mit
Ee paar Siunden später, als man in der Pension
den Abreisenden noch wohlgemuth beisammen
war, folgte in dem Kloster Pater Theophil wie immer
dem Abte in seine Zimmer.
Die Jahreszeit war vorgeschritten, die Fenster
waren überall geschlossen, die kluge Drossel in dem
Bauer ließ sich nicht mehr hören. In dem großen
niedrigen Ofen prasselte das Fener, die Greise konn-
ten am Abend das geheizte Zimmer bereits wohl
gebrauchen, und die beiden Cypernkätzchen hatten sich
auf dem Teppich so gelagert, daß die Wärme aus der
Ofenthüre sie berührte, ohne daß der Strahl des Feuero
ihre halbgeschlossenen Augen traf.
Pater Theophil hatte das Schachlrett herbeige-
holt, indeß der Abt legte die Hand darauf, ehe Iener
F. Lewald, Benedikt. l1

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die Figuren heraus nehmen konnte, und fich in den
weiten Armstuhl zurücklehnend, sagte er:,Die neue
Einrichtung unserer bischöflichen Zimmer ist zur rechten
Zeit vollendet worden. Sie nehmen sich reich und
stattlich aus. Es ist mir lieb, daß wir dem Grafen
Stsfano als erstem Gast dieselben jezt schon bieten
können. Auch in diesen Dingen hat man daö Ansehen
des Klosters zu beachten, die Gemächer für die Frem-
den müssen gut gehalten sein.?
, Hochwürden erwarten also jezt den Grafen?
fragte Theophil, obschon er von der bevorstehenden An-
kunft dieses Gastes durch die Unterbeamten hinläng-
lich unterrichtet worden war.
, Mein Wagen geht ihm morgen bis an den
See entgegen, zur Mittagsmahlzeit wird der Graf
hier oben sein!'r entgegnete der Abt, ,und nach der-
selben können ihm die Schüler die neustudirte Hymne
singen. Benediktus hat sie gut gesetzt und eingeübt.?
,,Er ist auch sonst zu loben,? meinte Pater Theo-
phil, der seit sie allein beisammen waren die schickliche
Gelegenheit erwartet hatte, dem Abte die erwünschte
Kunde mitzutheilen und seinem Günstling eine An-
erkennung zu erwirken. ,Benediktus ist zu loben.
Seine Mutter hat auf seinen Wunsch und seine eber-

redung heute endlich darin eingewilligt, die Ver-
schreibung ihrer liegenden und ihrer sonstigen Habe
zu des Klosters Gunsten zu vollziehen!
Des Abtes Augen leuchteten schnell und flüchtiz
- auf. , Und ist das sicher? fragte er.
Theophilus entgegnete, daß Benediktus eigenö zu
ihm gekommen sei, ihm die Mittheilung zu machen,
nachdem er denselben ernstlich ermahnt habe, von seiner
Mutter die Ausführung dieses frommen Aktes nach-
drücklich zu begehren.
,Hat er gesagt, auf welche Weise er die Zuusage
von ihr erlangt hat? erkundigte sich der Abt.
Der Pater konnte ihm darüber keine Auskunft
geben, er wiederholte aber, daß man den Entschluß
nur Benedikt verdanke, und daß dieser, nach einer
heutigen Unterredung mit der Mutier ihm gemeldet
habe, sie sei bereit, für den Fall ihres Todes die
Schenkungsakte wie man sie abzufassen nöthig fände,
sofort zu unterschreiben.
,So muß man sie morgen auöfertigen lassen
und Sorge dafür tragen, daß Frau Jakobäa nicht
schwankend werde in dem guten Vorsatz. Senden Sie
mir den Pater Benedikt; ich will selber mit ihm reden,
und zwar noch heute und sogleich.?
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Von dem Spiel war keine Rede mehr, man hatte
eben Wichtigeres zu thun.
Theophilus trug das Schachbrett fort und begab
sich in den Saal hinunter, in welchem Benedikt die
Beschäftigung seiner Klasse überwachte.
In einer Gemeinschaft, in welcher Alles seine
Zeit und seine Stunde hat, in welcher die kleinste
Alweichung von der festgesezten Negel als ein außer-
ordentliches Ereigniß Aufsehen macht, blieb natürlich
das Erscheinen des greisen Paters in dem Arbeitssaale
von keinem der Schüler unbemerkt. Es kam sonst
niemals vor, daß man ihn um diese Siunde, die er
allabendlich mit dem Abte zuzubringen pflegte, noch
auf den Corridoren antraf, und unter den Scholaren
hatte man ihn, so lange man sich zu erinnern wußte,
nach der Abendmahlzeit nie gesehen. Aller Augen
richteten sich daher auf ihn. Es mußte etwas Be-
sonderes geschehen sein, sein Kommen mußte etwas
Besonderes zu bedeuten haben! Aber was?
Die Frage ging von Mund zu Munde; Niemand
hatte darauf die Antwort. Man sah, daß er mit
Pater Benediktuö sprach, daß dieser den Arbeitssaal
verließ und der Greis den Platz einnahm, an welchem
der junge Lehrer bis dahin gesessen hatte. Das war

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noch nicht dagewesen. Keiner der Schüler vermochte
bei seiner ruhigen Beschäftigung zu bleiben. Ein
Meteor, das am Horizonte plözlich sichtbar geworden
wääre, hätte nicht größere Neugier erwecken, nicht mehr
und gewagtere Vermuthungen erregen können.
Während dessen begab sich Benedikts nach des
Abtes Zimmer. Der Abt hatte dem Laienbruder, der
ihm den gewohnten Nachttrunk brachte, die Weisuna
gegeben, denselben fürerst zurüczustellen. Er ging,
sehr wohl mit sich zufrieden, und dadurch auch füe
Andere gut aufgelegt, in dem Gemache hin und wie-
der. Der Plan, den er vor fünfundzwanzig Jahren
umsichtig entworfen, war endlich dem Gelingen nahe;
die Frucht, des Wartens werth, war jezt endlich reis
geworden und man konnte sie zu ernten hof en.
Ala Benediktus ihm gemeldet wurde, ließ der
Abt sich in dem großen Sessel nieder. Die Lampe,
die auf dem Tische vor ihm brannte, war nach seiner
Seite grün verhängt, während sie die andere Seite
des Zimmers hell genug beleuchtete.
, Hochwürden haben mich befohlen!' sagte Bene-
dikt sich tief verneigend vor seinem Oberen.
, Ich wünschte Dir mitzutheilen, daß ich die Ent-
schließung Deiner Mutter um ihretwillen segne,' ent-

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gegnete der Abt, ,nnd daß ich Dein Verhalten billige,
svfern Du in Demuh zu derselben mitgewirkt hast.
Sie hatte es hoch nöthig, sich abzuwenden von den
Gütern, die sie höher schätzte, als ihr Seelenheil, und
sie wird ruhiger in ihrem Herzen werden, wenn nicht
immer wieder der Zweifel und die Sorge sie beschleichen,
was dereinft aus ihrem Nachlaß werden solle. Hat
sie Dir angedeutet, wie sie ihre Schenkung machen,
und ob sie dieselbe auf ihr Haus und auf ihren
liegenden Besiz beschränken wolle, oder sie auch auf
ihre übrige bewegliche Habe auszudehnen denke?
, Sie hat darüber Nichts gesagt, sprach Benedikt,
, nur beauftragt hat sie mich, Hochwürden zu ersuchen,
daß Sie das Dokument der Schenkung nach Ihrer
Einsicht auszufertigen befehlen. Sie wird es unter-
schreiben, wie man es ihr vorlegt. !
, Hat sie Angehörige, die sie zu bedenken, auf die
sie Rücksichten zu nehmen wünscht?
, Hochwürden wissen, daß von mir und meinen
Schwestern keine Rede sein kann; und für die sehr
entfernten Anverwandten, die uns im Aargau leben,
hat sie keine Art von Freundschaft. Sie ist ihnen
eher abgeneigt. ?
, Und weißt Du, was zwischen ihnen steht)

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Benedikt schien zu überlegen, ob er auösprechen
solle, was er denke, dann sagte er: ,Sie mißtrautn
ihren gelegentlichen Annäherungen, weil sie meinte
sie trachteten nach ihrem Erbe.r?
,Das ist es!- rief der Abt, ,daö ist der Sinn,
der Alles vergiftet und verpestet in der Wolt. Zwischen
Blutsverwandte, selbst zwischen Kind und Eltern
drängt sich die Habsucht ein, zerfrißt der Geiz wie
scharfer Rost die Bande, die sie aneinander ketten!---
Du hast ein gutes Werk gethan, mein Sohn, daß Du
Deine Mutter dahin bestimmt hast, sich nicht über ihr
Grab hinaus um Geld und Gut zu sorgen. Bis zu
ihrem Tode bleibe sie Herrin über dieselben wie bis-
her, und nach ihrem Abscheiden lebt sie dann in Ehren
fort in unserm Hause, in dem Hause, dessen Ange-
höriger Dn geworden bist. Es soll geschehen, wie sie
es begehrt. Du selbst kannst ihr die Gewährung ihres
Wunsches morgen in der Frühe melden.'?
Benedikt wollte nach erhaltenem Befehle sich ent-
fernen. Der Abt gebot ihm zu verweilen. , Pater
Theophilus,'' sprach er, ,hat mir berichtet, daß Deine
Gesundheit nicht die beste ist; und wenn der Schein
des Lichtes mich nicht täuscht, so siehst Du ang--
grifen aus. ?

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Der Jüngling wollte sagen, daß es mit ihm
Nichts auf sich habe, aber der Abt kam ihm zuvor.
,Ich frage Dich nicht, sagte er. , woran Du krankst,
es ist das die Sache des Pater Medikus, und es ist
Dir Pflicht, die nöthige Sorgfalt zu verwenden auf
den Leib, mit dem Dich zu bekleiden es dem Herrn
gefallen hat. Auch kann's bisweilen Jedem von uns
heilsam und geboten sein, den Körper durch Kasteiung
daran zu verhindern, daß er den Geist darnieder halte.
Ist das Dein Fall, mein Sohn, so laß es ihn empfin-
den, daß Du Deines Fleisches Herr und Meister bist;
und Der, der es ausgesprochen: Der Geist ist willig,
aber das Fleisch ist schwach!: wird mit Dir sein! -
Indessen,? fuhr er nach einer kleinen Pause fort, ,Du
hast zum Defteren das Verlangen kund gegeben, die
Welt jenseits der Berge kennen zu lernen, und uns
hier oben ist die rauhe Jahreszeit nicht fern. Es wird
zu überlegen sein, was für Dich frommt.-- Man
könnte Dich vielleicht gen Süden gehen lassen! -
Ich will es mit Pater Theophil bedenken, sobald wir
Deiner Mutter in ihrem Vorhaben den nöthigen Rath
ertheilt, und angeordnet haben werden, was sie wünscht.
Und somit geh zur Ruh! Gott sei mit Dir!?

u?
Er ertheilte ihm den Segen, Benedikt küßte seine
Hand und ging hinaus.
Der Abt läutete, man brachte ihm den Schlaf-
trunk; dann ließ er noch einmal den Pater Theophilus
rufen, und sie blieben lang über die sonst von ihnen
eingehaltene Zeit beisammen. Der Abt sezte mit
eigener Hand den Entwurf der Schenkungsakte auf.
War sie nur erst vollzogen, so konnte man später
Benediktus zu seiner inneren Herstellung, falls es sich
zweckentsprechend zeigen würde, für einige Zeit in ein
andered Kloster, oder auf einen andern Posten senden;
denn der Hauptsache war man dann versichert.