Benedikt.
Fanny Lewald
Kapitel 15

z« Gelden Greise hatten eine ruhige und guute
Nacht; Jakobäa aber saß auf ihrem Lager und sah
zu, wie der Mondschein, durch die Fenster fallend, erst
diesen und dann jenen Balken des Getäfels in ihrer
Kammer mit seinem zitternden und schwankenden
Lichte streifte und erhellte. Sie kannte jeden Nagel
und jede Maser in dem alten Holze. Als Kind schon
hatte sie darauf geachtet, und wunderliche Gebild.
darin gesehen, bald thierische, bald menschliche Gestal-
tung. Maria Josepha hatte das Alles zimmern lassen
, für sich und ihre Nachkommenschaftr?. Es hielt und
stand noch Alles, und konnte stehen und halten noch
wer weiß wie lange!-- Aber von der Nachkommen-
schaft war sie die Letzte, die dies Haus bewohnte.
Heute noch war es ihr eigen, war sie unum-
schränkter Herr darüber, morgen schon vielleicht nicht


mehr! und Niemand trug daran die Schuld als jene
Fremde, die ihr und ihrem Sohne zum Fluche in das
Thal gekommen war. Ihr Zorn, ihr Grimm regten
ihr das Blut auf. Sie konnte nicht rasten auf dem
Bette, sie erhob sich, zündete ein Licht an und öffnete
das Fenster.
Dies Haus, ihr Haus, das sollte sie verschreiben
an die Mönche!-- Sie hatte den ganzen Tag nichts
Anderes gedacht, die Vorstellung war ihr heut ge-
läufiger geworden als vordem; was aber würde aus
der Bettsponde, in welcher die Besizerinnen dieses
Hauuses gelegen hatten, Eine nach der Andern seit
zweihundert Jahren?-- Was aus der alten Truhe,
die in der Stube in derselben Ecke stand, seit Maria
Josepha das Haus neu aufgerichtet hatte?-- Was
aus dem Schrank, an dessen Thüren die alten Knap-
pen mit den langen Degen ihren Leinwandschaz be-
wachten?
Sie ging aus ihrer Kammer in die Stube und
schloß die Thüre ihres Schrankes auf. Die Bretter
lagen voll bis an die Ränder! Für Kind und Kindes-
kind war hier aufgesammelt - und das Alles sollte
jetzt nur für das Kloster gesponnen und gewoben sein.
Alles für die Mönche, die nicht gearbeitet und nicht

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gesammelt hatten wie die Frauen dieses Hauses! Für
die Mönche, die gelebt hatten ohne Müh' und Sor-
gen wie die Lilien auf dem Felde, und die nun sollten
gekleidet und genährt werden mit dem Habe, das
fleißige Hände, das auch ihre Hände hier- geschaffen
- hatten, Iahr auf Jahr in rastlos eifrigem Be-
mühen.
Sie mochte gar nicht daran denken, sie mochte
die Sachen nicht mehr sehen, und schob die Riegel der
schweren Thüren wieder zu.
Draußen war Alles still, im Hause regte sich auch
Nichts, nur der Holzwurm tickte um die Wette mit
der alten Uhr; und wenn diese Ühr ihr einst die
Todeöstunde schlug, dann kamen sie aus dem Kloster
guten Muths herbei, ihr die lezte Ehre anzuthun, ihr
die Epequien zu singen -- und trugen wad ihnen be-
liebte, mit geschäftigen Händen aus den Schränken
fort, und sezten einen Meier in Maria Josephens
Haus hinein, es zu verwalten zu des Klosters Bestem,
wie auch sie es von dem nächsten Tage ab nur noch
verwalten sollte für dasselbe.
Stück für Stück besah sie von Allem, was heute
noch ihr eigen war. Kein Schub, den sie nicht auf-
zeg, kein Löffel und kein Glas, an dem ihr Herz nicht

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hing, und das ihr nicht einen Seufzer auspreßte.
Sie hätte Nichts mehr sehen mögen und konnte doch
nicht davon lassen. Sie kam sich wie ein irrer Geist
vor, der seiner nicht mehr Meister ist.
,, Sie werden wohl beten müssen, damit ich Ruhe
finde in dem Grabe und nicht umgehen muß allnächt-
lich hier in diesem Hause!'' sagte sie zu sich selber,
und ein Schauder flog ihr durch die Glieder, wie sie
diese Worte vor ihrem Ohr erklingen hörte. Sie war
des Denkens und des Lebens müde. Sie sezte sich
vor ihrem Bette nieder, denn es kam ihr nicht mehr wie
das ihre vor; und den Kopf gelehnt an seine hochge-
thürmten Kissen, schlief sie eine Weile, bis das Grauen
des Tages sie erweckte, bis im Kloster zur Frühmette
geläutet ward, und sie hinabging in die Kirche.
Einige Stunden später, als die Verwandten der
Baronin das Thal verlassen hatten, ging auch die
Wirthin der Pension hinüber in das Kloster. Die
Büchse, welche sie gleich bei Eröffnung der Kuranstalt
in ihrem Hause für die Armen aufgestellt, hatte durch
die Abreisenden reiche Spenden erhalten. Sie faßte Z
sich schwer an, das Geld, das man hinein that, fiel-.
und klang nicht mehr; und da es für das Armen und - -
das Waisenhaus bestimmt war, wußte die Wirthin sich

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etwas damit, oie erste Sammlung schon jezt dem
Zahlmeister des Klosters abliefern zu können.
Der Doktor, der das Mißtrauen der Klosterherren
kannte, hatte ihr vorsichtig gerathen, sich für die
Sammlung eine von dem Zahlmeister verschlossene
Büchse geben zu lassen, und da man sie nun öffnete
und sich ihr Inhalt beträchtlicher erwies, als man es
erwartet hatte, ward der Neberbringerin ein sehr
freundlicher Empfang zu Theil. Der Zahlmeister
rühmte den christlichen und barmherzigen Sinn, den
die Frauen dieses Thales von jeher bis auf diesen
Tag bewiesen hätten und ihre Anhänglichkeit an daä
Stift, dem allerdings die Gemeinde ihr Aufkommen
und ihr Gedeihen verdanke. Er sprach das, wie man
desgleichen in solchen Fällen im Kloster und von der
Kanzel stets zu sagen pflegte; es klang der Wirthin
jedoch, als hätte es heute noch eine besondere Mei-
nung, und daß des Paters kleine scharfe Augen allein
über den Inhalt der Armenbüchse sogar freundlich
glänzten, kam ihr nicht wahrscheinlich vor. Sie mochte
jedoch nicht gerade fragen und er sagte weiter Nichts.
Draußen auf dem Hofe vor den Wirthschafts-
gebäuden, als sie die erhaltene Quittung in den Leder-
beutel steckte, den sie immer in der Tasche trug, sah
F. Lewald, Benedikt. Ü.

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sie Jakobäa aus der Klosterthüre herauskommen. Sie
krafen sich selten einmal, denn die Wirthin hatte vor-
nehmlich in der Sommerszeit immer viel zu schaffen,
und Jakobäa ging erst recht nicht mehr von ihrem
Hause fort, wenn es nicht zur Kirche war.
,Was hast Du hier zu thun? fragte die Wirthin.
Jakobäa hob die Augen kaum zu ihr empor.
,Jezt Nichts mehr!'r sagte sie und ihre Stimme klang
dabei so sonderbar, daß die Wirthin meinte, es sei ihr
schlecht geworden. ,Ich habe überhaupt Nichts mehr
zu thun!'?
,Sez Dich nieder!r sagie die Wirthin.
,Sa dorten!! antwortete ihr die Andere und
ging ihr durch den Hof voran, bis zu dem Gottes-
acker, der an die Kirche stieß.
Hart an der Mauer hatten die Anschaffns ihr
Erbbegräibniß. Jakobäa trug den Schlüssel immer an
dem Bund am Gürtel mit ihren andern Schlüsseln,
Wie sie an das Gitter kam, schloß sie die Thüre auf.
Die Wirthin glaubte, es habe irgend einen Streit ge-
geben um den Plaz, oder es sei an den Gräbern
von Muthwilligen gefrevelt worden; aber Jakobäa
sah sich gar nicht danach um, sondern sezte sich auf,
ihres Vaters Grabhügel und starrte vor sich nieder

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während sie die gefalteten Hände zwischen ihren
Knieen hielt.
Der Wirthin wurde Angst dabei. ,Sage mir
nur, was Du hast? ermahnte sie.
,Das ist Alles, wwas mir bleibt! Und danach
werden fie wohl kein Verlangen haben!'' sprach Jakobäa
vor sich hin.
Die Wirthin verstand die Meinung nicht und
wiederholte ihre Frage. Da richtete Jakobäa ihr Ge-
sicht empor und sagte: ,Im Grunde ist das Alles
Euer Werk, Deines und des Doktors!-
Die Wirthin meinte, sie rede irre und wie sie es
versuchte, ihr beizukommen, brach Jakobäa davon al,
bis sie nach einer Weile wieder zu reden anfing:
,Sieh mich an!r sagte sie, ,So sieht Einer aus, oer
auf der Welt Nichis mehr sein eigen nennt, als diese
Gräber hier, und auf dessen Tod sie warten. Icch
hab' mein Haus und Hof, mein Hab und Gut auf
meinen Tod verschrieben an das Kloster! Ich hcb
jezt keine Heimath mehr!?
Die Wirthin that einen Audruf des Erschreckens
und des Mitleids, aber man hatte eigentlich in dem
Thale diese Möglichkeit schon lang vorauögesehen, und
weil es ihr darauf ankam, die Zusammengebrochene
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aufzurichten, sagte sie zu Jakobääa tröstend: , So lange
Du lebst, bleibt es ja Dein! und wem wolltest Du's
auch geben, da Deine Kinder Alle geistlich sind.
Jakobäa wiegte gedankenvoll den Kopf. ,Eaß es
gut sein!' sprach sie, indem sie aufstand. , Mit dem
Trost kommst Du mir nicht auf den Grund. Wer
im Glück sizt, sieht in's fremde Unglück nicht hinein!
Es ist auch einerlei!?
Die Wirthin wußte mit ihr Nichts zu machen,
sie gingen schweigend neben einander her, bis Jakobäa
mit einem Male sagte: ,Und daß ich es noch um
seinetwillen thun mußte, daß ich es gethan, um ihm
wenigstens doch eine Freude auf der Welt zu machen,
daß er es so verlangt hat um seiner Seelen Selig-
keit!-- Er hat still dabeigestanden, als ich es ver-
schrieben und fortgegeben habe, was unser gewesen
ist, seit Menschengedenken. Mir hat die Hand ge-
zittert und ich habe nicht gesehen, was ich schrieb. In
feinem Gesicht da hat sich Nichts geregt. Aber freilich!
er hat's auch nicht besessen, und hat jetzt nicht hinauf-
zukommen in das Haus, wie ich, unter meine Knechte
und Mägde, selber nuur noch des Klosters Knecht und
Magd, das erntet, wo ich säe und schaffe.r?
Sie blieb jedem Zuspruch unzugänglich. Es half

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nicht, daß die Freundin ihr wiederholte, sie könne duch
noch Freude haben an den Töchtern und besonders an
dem Sohne.
,Freude? Rch!'-- fiel Jakobäa ein. ,Woran?
An wem? Ich habe Nichts und Niemand mehr!
Keine Erben, und zu vererben auch Nichtä? -- Mich
ficht jetzt Nichts mehr an; ich bin zu End' mit Freud'
und Leid !
Es graute der Wirthin, da Jakoläa also sprach;
indeß wie dieselbe nun einmal war, ließ sich Nict
weiter mit ihr machen. Sie hatten auch Beide nicht di.
Zeit, noch länger zu verweilen und gingen von ein-
ander.
Als die Wirthin nach Hause kam, saß Viktorine
in dem kleinen Garten in der Laube, und der Doktor,
der seine Krankenbesuche abgemacht hatte, war auch
herangetreten.
Viktorine sprach mit ihm davon, ob ihre Anrer-
wandten wohl schon den Paß nach dem andern Thale
überschritten haben würden und sagte: ,Wir Menschen
sind doch wunderlich geartet, und eigentlich, wie ich
glaube, gar nicht für die Geselligkeit geschaffen, obschon
man uns das glauben machen möchte. Ich hatte
wirklich mein Vergnügen an der Anwesenheit der

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Tante und ihrer Familie, ich freute mich jeden Tag,
daß Nanette mit uns war; nun sie aber wieder fort
sind, finde ich, daß das Mlleinsein unbeschreiblich süß
ist; und ich kann sagen, ich hale einen köstlichen
Morgen hier in der Siille zugebracht.?
,Da sind Sie besser daran gewesen als ich,'be-
merkte die Wirthin, ,denn ich habe eine Begegnung
gehabt, die mir in der Seele wehe gethan hat.!
Viktorine wollte wissen, wa es gewesen sei und
die Wirthin hatte keinen Grund, mit ihrer Neuigkeit
hinter dem Berge zu halten. Sie erzählte in aller
Ausfühtlichkeit, was heute geschehen war.
, Und heute, sagen Sie, tlef Viktorine, , hat
Frau Jakobäa die Schenkungsurkunde vollzogen? Und
fie hat behauptet, sie habe sich auf ihres Sohnes
Wunsch dazu entschlossen? Das versteh' ich nicht.?
Der Doktor fragte, ob sie denn Jakoläa näher
kenne und sie neuerdings gesprochen habe?
, Ach, freilich kenne ich sie näher; sehr genau!
Und ich habe sie noch gestern in der Frühe gesprochen!
Ich war mit der Eousine bei ihr, und noch gestern
hegte und äußerte sie Plane, die mit ihrem heutigen
Eutschlusse in gradem Widerspruche stehen!-- Pater
Benediktus war alleudings nach mir bei seiner

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Mutter, um, wie er sagte, Geschäfte uit ihr alzu-
handeln.'?
Der Doktor und seine Mutter waren ganz ver-
wundert. Viktorine hatte niemals kund gegeben, daß
fie Jakobäa und den jungen Pater zum Defteren ge-
sehen habe, sie näher kenne; aber sie zeigte sich jezt
plözlich mit den Verhältnissen und Seelenzuständen
der Mutter und des Sohnes so vertraut, und zugleich
so betroffen üler das, was die Wirthin eben gemeldet
hatte, daß es den Beiden auffallend erscheinen mußte.
, E ist auf diese Art von Leuten doch gar kein
wirklicher Verlaß!'' sagte sie mit Unmuth und Gering-
schätzung, und ging davon und in das Haus.
Der Blick, mit wwelchem ihr der Doktor folgte,
war Nichts weniger als freundlich. ,Wa sie nur haben
mag ? fragte die Wirthin.
,Was sie hat? Ohne Zweifel irgend eine Teufelei,
die sie da oben angerichtet hat! entgegnete der Doktor.
,, Ich kenne das, wenn sie sich mit einer ihrer tief-
finnigen Sentenzen aus dem Staube macht. Das
thut sie regelmäßig, wenn ihr Etwas nicht gelegen
kommt und sie's verbergen will.?
, Und dazu Jakobäa,- sprach die Wirthin, ,die
mir bitter vorwarf, Du und ich, wir Beide trügen

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eigentlich die Schuld an ihrem
nicht einmal, was sie sich dabei
zu sehr zrrschlagen. -
Der Doktor horchte auf.
Erklärung aufzudämmern, aber
Unglück. Ich fragte
dachte, denn sie war
Ee
schien ihm eine
sprach nicht aus,
- -==- ==-- «-- T.I
was er besorgte. ,Erage auch nicht
Falle gut, nicht viel davon zu reden!'
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