Benedikt.
Fanny Lewald
Kapitel 16

Sechssehnes
npitel.

Jefarlne ließ sich den ganzen Vor- und Nach-
mittag nicht sehen. Sie speiste freilich immer mit
der Baronin allein in ihren Zimmern, aber sie hatte,
seit die Pension mehr Gäste und unter diesen eine
Anzahl junger und angenehmer Männer beherbergte,
sich meist um die Kaffeestunde unter der neugebauten
Veranda der allgemeinen Gesellschaft angeschlossen ---
heute blieb sie aus.
Sie machte sich nicht gern mit Anderen zu thnn,
wenn sie nicht mit sich im Gleichgewichte, nicht die
Heiterkeit strahlende Viktorine war, und sie war immer
mit sich unzufrieden, wenn es ihr nicht gelungen war,
ihre Einfälle und ihren Willen durchzusezen. Solchen
Zustand hielt sie jedoch nie lange aus, fie suchte rasch
und fand gar leicht die Mitiel, ihn zu beenden und sich

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mit sich selber auszusöhnen. Sie kam auch heute
bald damit zurecht.
Was war denn Unvorhergesehenes geschehen?
fragte sie sich selbst. Sie hatte sich geirrt in einem
Falle, in welchem sich getäuscht zu haben schön war;
sie war besiegt worden in einem Kampfe, dem kleine
und beschrtinkte Seelen nie zum Opfer werden, weil
sie nicht daran denken können, ihn jemals einzugehen;
und sie hatte eine Erfahrung gemacht, die ihr nicht
verloren sein sollte: sie hatte die hohe Bedeutung der
kirchlichen Tradition für alle diejenigen Menschen ken-
nen lernen, die nicht durch eine freie philosophische
Bildung, wie sie und ihr Vater sie besassen, sich auf
sich selbst zu stüzen, in sich selbst zu beruhen, und aus
eigner Machtvollkommenheit mit den Dingen und mit
den Erlebnissen fertig zu werden verstehen.
Wenn Jakobäa, troz der Aussichten, die sie ihr
eröffnet hatte, sich denselben nicht zuzuwenden wagte;
wenn weder seine Liebesleidenschaft, noch die Begeiste-
rung für die Kunst den jungen Mönch bewegen konn-
ten, sich zu befreien; was bewies das Anderes, als-
daß er und seine Mutter mit Zuversicht die Selig-
keit erwarteten, welche sie im Jenseits für ihr irdisches
Entsagen schadlos halten sollte! Daß sie zu dieser

Ne
Erkenntniß gekommen war, ehe Benediktus einen ent-
scheidenden Schritt gethan hatte, das war ein Glück
zu nennen. Es wäre immer, so sagte sie es sich, bei
so gearteten Naturen schwer zu verbürgen geblieben,
,ob sie in der Welt, in welche sie bereit gewesen war
bieselben einzuführen, sich festsezen, sich heimisch machen
und Ersaz finden würden für die verhältnißmäßige
Zufriedenheit und für das Glück, die sie bidher be-
sessen, und -die ihnen in gleicher Weise nicht zuzu-
sichern gewesen sein würden, falls sie sich entschlossen
hätten ihr nachzufolgen. Dies Alles und noch manches
Andere, was Viktorine sich nicht vorgehalten hatte,
als sie mit ihren phantastischen Planen Jakobäa und
Benediktus auö ihrer mühsam errungenen Ruhe auf-
gerüttelt hatte, das sezte sie sich jetzt mit großer Klar-
heit auseinander, da ihr daran gelegen war, sich über
eine peinliche Erinnerung und eine unheimliche Sorge
fortzuhelfen. Sie konnte, wie es ihr Bedürfniß war,
hell sehen oder sich verblenden, je nach dem!
Zufrieden, das konnte sich Viktorine nicht ver-
bergen, war freilich Jakobäa nicht, und wie ein Glück-
licher hatte gestern Benedikt nicht ausgesehen, als er
in der Schlucht von ihr geschieden war. Aber Zu-
friedenheit und Glück! Wer konnte sich ihrer auch

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berühmen? Wer besaß sie, wie er's wünschte?--
Sie schlug die hent gemachten Erfahrungen immer
höher an.
Sie fing nachgerade an, es für sich selbst als
einen Segen zu betrachten, daß sie in dies Thal
hinaufgekommen war; sie fühlte sich beinah versucht
es wie ihre Mutter eine Schickung der Vorsehung zu
nennen. Denn da es ihr beschieden war, als die
Gattin des Grafen Stefano lünftig sich in den Kreisen
zu bewegen, in welchen die Macht der christkatholischen
Kirche gipfelt, so war es von hoher Wichtigkeit für
sie, daß sie hier in der Einsamkeit einen anderen und
tieferen Einblick in daö Wesen der Kirche gethan hatte,
alö jenen, zu welchem ihr bisher in der Gesellschaft
und an ihrer Mutter Seite, die Gelegenheit gebeten
worden war. Sie schämte sich, je mehr sie es be-
dachte, des frevelhaften Leichtsinnes, mit welchem sie
sich über ihre religiösen Ansichten und über die Kirche
F
gegen Pater Theophil geäußert hatte; sie war ent-
schlossen, ihm dies offen zu bekennen, und weil sich's
so am Sichersten und Besten ihun ließ, kam sie auf -
den Einfall, am nächsten Morgen ihm zu beichten, was-
sie bisher zu thun unterlassen hatte. Sie wollte mit ?
diesem öffentlichen Anerkenntniß sich beugen vor jener

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Macht, die fest in sich geschlossen, durch ihre meister-
hafte Drganisation ihr plözlich der Bewuunderung
werth erschien, schon deshalb, weil sie immer noch
Millionen Menschen stüzte, tröstete, beherrschte!--
Denn Herrschaft- das war das Einzige, wovor sie
wirklich Achtung und Bewunderung hegte; und der
Gedanke an die große Macht der Kirche richtete sie auf
und hob sie über sich und über den bangen Mißmuuth
empor, der sie unheimlich befangen hatte.
Das Gaukelspiel desSelbstbetruges war damit wieder
einmal von ihr geschickt vollendet worden. Sie athmete
wieder befreiten frohen Herzenö auf, sie kam sich besser,
einsichtiger und reifer vor, als noch vor wenig Stun-
den. Es gefiel ihr zu denken, daß ein wunderbares
Zusammenwirken ungewöhnlicher Verhältnisse sie auf-
gekläärt, ihre Thorheit umgewandelt habe in Erkennt-
niß. Wenn sie auch mit den Gläubigen zu glauben
nicht vermochte, so hatte sie den Glauben derselben
doch anerkennen, ihn als eine Kraft verehren lernen,
und das war für sie ein Großes, um ihrer eigenen
Zukunft willen.
Sie stand auf, da sie an der Baronin Thüre
klopfen hörte. Es war die Stunde, zu welcher die-
selbe den Pater Theophil erwartete. Sie verfügte sich

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zu ihrer Mutter, um mit Theophil zu sprechen. Sie
wollte ihn auf die Sinnesänderung vorbereiten, welche
sie erfahren hatte; und ihm ihre Neigung kund thun,
morgen oder doch an einem der nächsten Tage sich
zur Beichte bei ihm einzustellen.
Die Baronin machte die Bemerkung, Viktorine
habe, seit sie die Heimath verlassen, diese heilige Pflicht
noch nicht erfüllt; die Tochter entgegnete, sie sei nicht
immer fähig, sich zu sammeln; in ihr sei Alles plöz-
lich, ihr komme das Beste unerwartet, und selbst die
Sammlung erfasse ohne all ihr Zuthun meist plözlich
ihr Gemüth. Sie könne sich derselben nicht als ihres
Werkes berühmen, sondern habe sie als einen Segen
von oben zu empfangen.
Sie war dem Pater neu in dieser Geistesrichtung,
er mißtraute also ihren Reden, wenn schon er's ihr
nicht kund gab. Sie frage, ob er sie morgen hören
wolle? Er entgegnete, zur Nebung seiner Amtspflicht
sei er stets bereit, er stehe ihr zu Diensten. Als man
eben damit umging, die Stunde für die Beichte fest-
zusetzen, rollte des Abtes Wagen vor dem Hause rasch
vorüber.
Der Pater hatte sich nicht umgesehen; Viktorine,
welche dem Fenster gegenüber saß, sprang empor:

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, Was ist das?- Graf Stefano ! rief sie -,Welch'
eine Neberraschung !''
Der Graf hatte emporgeblickt, hatte sie gesehen
und freudenvoll gegrüßt. Viktorinens Antliz, die eben
so wenig als ihre Mutter von dem Tage seiner Ankunft
unterrichtet gewesen war, hatte sich rasch gefärbt; aber
sie versuchte es, ihre Aufregung dem Pater zu verbergen.
,Wie reizbar wird man in der Einsamkeit!'' sagte
sie. , Sie stählt die Nerven nicht, sie macht sie ner
empfindlicher!?
,Deine Hände sind eiskalt!' bemerkte die Mutter
und griff nach ihrem Aetherfläschchen, während sie ihre
Genugthuung nicht zu verbergen vermochte. ,Gott,
was sie für ein Herz hat! Sie fühlt doch Mlles tiefer,
schöner, als die anderen Menschen!'?
Viktorine wies der Mutter Lob wie ihren Bei-
stand ab. ,Was werden Sie nur von mir denken,
Pater Theophilus? fragte sie, und das Lächeln, das
auf ihren Zügen lag, gab ihr einen mädchenhaften
Liebreiz.
,Nichts, als was Sie morgen mir anvertrauen
werden!' sagte der Greis und wollte sich entfernen.
Viktorine hielt ihn noch zurück. Sie erkundigte
sich, ob er den Grafen etwa kenne. Er verneinte es,
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sagte aber, er habe gewußt, daß der Herr Abt ihn
schon seit längerer Zeit erwartet, und heute gesendet
habe, den Gast hinauf zu holen.
Sie war erregter, als er sie je gesehen hatte, es
war unverkennbar, daß sie den Grafen auf ihre Weise
liebte. Sie konnte sich nicht wie sonst beherrschen
und als der Pater schon an der Thüre stand, ging sie
ihm nach.
,Verrathen Sie mich nicht!r bat sie. Er sagte,
sie könne sich auf seine Verschwiegenheit verlassen.
Die Baronin nahm sie in die Arme und küßte sie.
,Du holder Engel!r rief sie, ,wwie würde es ihn
entzücken.
, Und dazu das gottverfluchte Spiel mt Benedikt!?
sprach Theophil in seinem Herzen, und hatte seines
ganzen christlichen Erbarmens nöthig, nicht voll Abscheu
den Stab zu brechen über sie in seinem Herzen.